Es ist allerdings eine starke Forderung, daß ein Clavierlehrer seinen
Zögling von der niedrigsten Stufe bis zum Gipfel leite, während fast in
allem übrigen Lernen für jede abgegrenzte Classe ein besonderer Lehrer
da ist, der dem folgenden in die Hände arbeitet. Hier gilt gewiß mehr
als irgendwo der Satz, daß der trefflichste Professor oft der
schlechteste Schulmeister sei.
Eigentlich besitzen wir bisher fast gar keine passenden Lehrer für die
vorbereitenden Stufen. Wir haben alle Gradationen von geschickten und
ungeschickten, pflichttreuen und gewissenlosen Lehrern, aber kaum
einen, der sich damit bescheiden möchte, seine Schüler bis zu einem
bestimmten Grad von Fertigkeit emporzubringen und ihn dann einem höher
gebildeten Meister zu überlassen.
Ein Componist, der sich seinen dichterischen Träumen nur eine Weile
hingegeben hat, kann sich unmöglich auf den Stundenschlag in die Seele
eines Anfängers versetzen. Verfolgt er in Gedanken eine recht glücklich
gefundene Melodie, und ehe er sie fertig aufschreiben konnte, tritt der
Zögling mit dem Etüdenheft in die Stube, so ist seine erste Empfindung
gegen ihn gewiß die, daß er ihn tüchtig durchprügeln und die Treppe
hinunter werfen möchte. Der Schaffende hat einen natürlichen Haß gegen
den ihn störenden Stümper, und alles Lehren ohne Liebe ist wirkungslos.
Es ist gar keine besondere musikalische Begabung dazu nöthig, kleine
Kinder bei ihren Stückchen zu beaufsichtigen, ob sie die Finger richtig
setzen; nur Geduld und Gewissenhaftigkeit. So manche Personen, die
den Beruf eines Clavierlehrers wie ein anderes Gewerbe bloß zu ihrem
Unterhalt ergreifen, ohne dabei das Bedürfniß eines tieferen Eindringens
in den Geist der Musik zu empfinden, könnten überaus nützliche Mitglieder
in der Kunstgenossenschaft werden, wenn sie innerhalb bestimmter
Schranken genau ihre Pflicht erfüllten. Anstatt ihren unreifen Zöglingen
möglichst früh den Beethoven preiszugeben, dürften sie die ersten Jahre
bloß zur Bildung des Gehörs, des Taktgefühls und der Finger anwenden.
Aus ihrer Elementarschule träte dann ein in seiner Art fertiger Schüler,
den ein höher gebildeter Lehrer in eine geistigere Sphäre lenkte, ohne
stets durch das materielle Hinderniß steifer Finger aufgehalten zu sein.
Dieß, sich mit seiner geringen Aufgabe zu bescheiden, ist die Pflicht
des Lehrers der ersten Stufe, und er ist nur insofern ein guter Lehrer,
als er diese nicht überschreitet.
Soll ein Kunsttempel ausgebaut werden, so dürfen nicht Baumeister und
Bildhauer selbst ihre Steine erst zusammenschleppen und behauen: dazu
sind Handlanger besser.
Indessen, da es einstweilen nicht anders ist, und hochbegabte
musikalische Naturen durch die Umstände nicht selten zu der
untergeordnetsten Thätigkeit im Reich der Kunst veranlaßt werden, so
wollen wir zu unserm Thema zurückkehren.
Es ist ein vielverbreitetes Mißverständniß, die Geschicklichkeit der
Finger bloß nach dem Grad ihrer Schnelligkeit zu messen, während darauf
viel weniger ankommt, als auf die Fähigkeit des Fingers: jedem Grad von
Stärke oder Schwäche des Drucks auf ein Haar zu entsprechen.
Der vierte Finger ist von Natur der unlenksamste. Trifft es sich nun,
daß ihm eine besonders ausdrucksvolle Note zugewiesen wird, so geht
diese wirkungslos verloren, wenn er nicht beizeiten so erzogen ward, daß
er den andern an Kraft gleichsteht. Das allbekannte Uebungsstückchen,
worin der vierte Finger allein kräftig Achtel anschlägt, während die
übrigen unbewegt Taktnoten festhalten müssen, ist dem Spieler so
nothwendig wie dem Sänger das Ueben eines schwachen Registertons. Man
thut dergleichen Aufgaben nicht ein für allemal ab, sondern sie
begleiten einen durch die ganze Zeit des Lernens. Wenn man auf diese
Weise täglich nur eine Minute lang den vierten Finger übt, so bringt man
ihn bald mit den andern ins Gleiche.
Der kleine Finger steht seiner Kürze wegen gewöhnlich noch über der
Claviatur, wenn die andern hinlänglich gekrümmt sind, um die Tasten
nieder zu drücken. In der rechten Hand spürt man weniger davon, aber der
linken erwächst ein großer Uebelstand aus dieser Gewohnheit. Dem
kleinen Finger sind die Noten des Grundbasses zugewiesen; er soll das
Fundament vertreten, auf dem die ganze Harmonie ruht, aber selten
erfüllt er seine Aufgabe. Bleibt seine Note nicht völlig aus, so ist sie
doch schwächer als die Mittelstimmen, während der Baß eher eine
kräftigere Färbung haben müßte.
Die wenigsten Spieler sind sich dieses Mangels selber bewußt. Sie haben
den Willen, ihren Baßton anzuschlagen; sie spüren auch wohl, daß der
fünfte Finger die Taste berührt, aber sie beachten nicht, daß er sie nur
zur Hälfte niederdrückte, ohne daß der Ton deutlich ansprach. Verfolgt
der Spieler sein Stück auf den Noten, so ergänzt ihm die Einbildungskraft
den fehlenden Baß dergestalt, daß er ihn gar nicht vermißt. Damen sind
besonders diesem Hauptfehler unterworfen, weil sie in Gedanken die
Melodie zu verfolgen pflegen und keine Empfindung von der größern
Wichtigkeit des Fundamentalbasses haben. Wie manche Spielerin habe ich
beobachtet, welche mit bedeutender Fertigkeit ein langes Stück spielte,
und linienweise die Baßnoten ausließ, ohne es zu bemerken.
Achte darauf, daß Deine Schüler (besonders bei vollgriffigen Akkorden)
die linke Hand immer etwas seitwärts nach dem Baß zu halten, so daß der
Druck verstärkt in seiner ganzen Schwere nach den beiden schwächern
Fingern hingeleitet wird. Gegen das Ueberlegen eines Fingers auf
einen andern, welches eine häufig vorkommende Unart ist, giebt es ein
ganz einfaches Mittel. Man steckt ein Ringelchen mit einem spitzig
vorstehenden Stein, oder bindet nur einen Faden mit einem rauhen Knoten
an die betreffende Stelle, so gewöhnt sich der Nebenfinger bald, auf
seinem gehörigen Platz zu bleiben.