I.

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Acht Briefe an eine Freundin

über

Clavier-Unterricht

von

Johanna Kinkel.

Stuttgart und Tübingen.

J. G. Cotta'scher Verlag.

1852.

Vorwort.

Dieß Buch ist vorzugsweise für musikalisch gebildete Mütter bestimmt,

die, entweder auf dem Lande oder in kleinen Städten lebend, beim Mangel

eines tüchtigen Clavierlehrers genöthigt sind, den Unterricht ihrer

Kinder in diesem Fach selbst zu leiten oder zu überwachen.

Vielleicht dürfte auch manche angehende junge Lehrerin einige der

darin enthaltenen Beobachtungen nützen können, die ich während eines

langjährigen Wirkens auf diesem Gebiete gesammelt habe.

=London=, Januar 1852.

J. Kinkel.

I.

Du forderst meinen Rath hinsichtlich des Clavierunterrichts Deiner

Töchter. Ich ergreife mit Freuden diese Veranlassung, um manche

Erfahrung, die ich in meinem Fache machte, aufzuzeichnen, damit sie

vielleicht außer Dir noch einem weiteren Kreise zu Gute komme. Musiker

von Profession belehren zu wollen, möchte ich mir nicht anmaßen; doch

die Classe von talentvollen und tiefer gebildeten Clavierspielerinnen,

zu denen ich auch Dich zähle, die bei aller eigenen Fertigkeit kaum im

Stande sein würden, ein Kind selbst zu unterrichten, werden mir

vielleicht Dank wissen, wenn ich ihnen einige Winke zur Erlangung

derjenigen Methode gebe, in der ich viele günstige Resultate erzielte.

Mit Hülfe der vielen trefflichen Clavierschulen und Etüden, welche die

bewährtesten Meister seit einigen Decennien herausgaben, kann zwar jeder

musikalische Mensch, der etwas Geduld und klaren Begriff hat, ein

ordentlicher Lehrer werden, doch bleibt es immer wünschenswerth, den Weg

der eigenen Erfahrung etwas abgekürzt zu bekommen. Auch ist es sehr

übel, wenn gleich Anfangs die Schüler einen Eindruck von Unsicherheit

dadurch erhalten, daß man verschiedene Richtungen einzuschlagen sucht,

die man bei fortgeschrittener Einsicht wieder verlassen muß.

Ich brauche Dir wohl nicht zu sagen, in welcher Ordnung man die Noten

und Taktzeichen, überhaupt die Regeln des Clavierspielens nach und nach

den Schülern beibringt. Du darfst nur eine anerkannte Clavierschule zum

Grunde legen, so hast Du einen Leitfaden für die ganze Dauer des

Unterrichts. Die Clavierschule aber, die Du Dir erwählt hast, mußt Du

consequent durchführen. Du magst immerhin, zur Ermunterung des Schülers,

wenn er ermüdet, ein heiteres Lieblingsstückchen als zeitweilige

Unterbrechung gestatten; aber Du mußt dann wieder zur Clavierschule

zurückkehren. Sollte zufällig diejenige, deren Du Dich bedienst, nicht

mit einer hinlänglichen Zahl Handstückchen versehen sein, so erinnere

ich Dich, daß davon ein vollständiges Heft, unter dem Titel: _Exercices

préparatoires_ von Aloys Schmidt in jeder Musikalienhandlung zu finden

ist.

Ich beschränke mich darauf, hinsichtlich des ersten Unterrichts

diejenigen Punkte hervorzuheben, die, obgleich von größter Wichtigkeit,

am häufigsten durch Nichtbeachtung versäumt werden.

Hier steht obenan: =richtiges Aufheben der Finger= und die Beobachtung

=des grammatischen Accents=.

Beide sind so leichte, sich von selbst verstehende Regeln, daß man sich

fast schämt, viele Worte davon zu machen. Da aber manche Spieler

jahrelang ihre Zeit mit vergeblichem Lernen verdorben haben und alle

Schritte zurück und noch einmal thun müssen, bloß weil sie diese ersten

Stufen ungeduldig übersprungen haben, ist es nicht überflüssig, jeden

angehenden Lehrer immer wieder von neuem darauf aufmerksam zu machen.

Es ist bei verwöhnten Schülerinnen sehr mißlich, mehr als Eine schlechte

Manier auf Einmal bekämpfen zu wollen, denn das beständige Unterbrechen

und Tadeln von Seiten des Lehrers verwirrt und erbittert sie. Wende also

Deine ganze Aufmerksamkeit zuvörderst auf den Mechanismus der Finger,

welchen die allerleichtesten Handstückchen verlangen, und bedenke, daß,

je strenger Du den Anfänger zur Erlernung derselben verpflichtest, um so

eher Du ein blühenderes Feld mit ihm betrittst.

Ich weiß es: demjenigen, der zuerst in Musik unterrichtet, vergeht meist

alle Freude am Lehren. Abwechselnd muß er Schülern, die vom frühern

Lehrer verwahrlost wurden, die eingerostete Gewohnheit austreiben, ihre

sämmtlichen Finger so zu sagen auf die Claviatur festzukleben; oder er

muß kleine Kinder unaufhörlich warnen, daß sie die Finger nicht zu flach

halten. Er fragt sich voll Ungeduld, ob es in der Welt ein nichtigeres

und langweiligeres Amt geben könne. Er hat vielleicht tief in die Seele

der Musik geschaut, und soll nun seine geliebte Kunst als die äußerliche

Geschicklichkeit, auf einem Instrumente etwas zu spielen, seinen Schülern

beibringen, anstatt sie musikalisch denken, empfinden zu lehren. Er

möchte gerne der Magnet sein, der allen musikalischen Inhalt seiner

Umgebung ans Licht zauberte, und einen Boden des Verständnisses für die

Werke der unsterblichen Meister bereiten, die für Jeden todt sind, der

die Musik als ein gedankenloses Spielzeug betreibt.

Dieser Mißmuth des Lehrers, dessen erster Eifer an den steifen Fingern

und dem langsamen Begriff des Anfängers abgeprallt ist, theilt sich

diesem sehr bald mit. Die Finger der Kinder besonders entbehren noch der

nöthigen Muskelkraft, um nach jedem Ton elastisch aufzuspringen. Das

beständige Mahnen: Finger auf! ist ihnen widerwärtig, und wenn gar der

Widerwille des Lehrers gegen den handwerksmäßigen Theil seines Berufes

permanent wird und sich in einem finstern, ungeduldigen Tone gegen seine

Zöglinge entladet, so zerstört er in ihnen oft den Keim künftiger guten

Leistungen.

Die Aufgabe des Lehrers für die erste Stufe: den Mechanismus der Finger

auszubilden, ist eben eine Arbeit wie ein anderes Handwerk, bei dem er

nicht lässig auf Nebenunterhaltung sinnen darf. Mit demselben Interesse

hat er das Leichterwerden der Finger zu beobachten, wie etwa der

Drechsler oder Metallarbeiter das Poliren seines Stoffs.

Wer keine Geduld und Freude auch bei den kleinsten Erfolgen seines

Wirkens hat, der hat kein Lehrertalent.

Versuche es nur und gieb Dich einmal mit voller ungetheilter

Aufmerksamkeit der allergeringsten Aufgabe hin, ein Kind eine Tonleiter

vollkommen gleichmäßig spielen zu lehren. Die Lebhaftigkeit Deines

Antheils, die Heiterkeit mit der Du beachtest: »jetzt waren noch zwei

undeutliche Noten darin! jetzt nur noch eine! jetzt war sie ganz rein

gespielt!« -- geht auf das Kind mit über. Es wird selbst auf seinen

Anschlag achten und mit Lust jedes Gelingen begrüßen. Ueberwindest Du in

Dir selbst Trägheit und Langeweile, so reißest Du zugleich den Schüler

mit fort. Daß Du zwischen den trocknen Uebungen abwechselnd eine

anmuthigere Composition zum Vergnügen des Lernenden einschaltest, ist

nicht zu verwerfen, wenn Du die Wahl so triffst, daß sie das Studium

derselben zugleich fördert und nicht den Geschmack verdirbt. In den

Etüden der neuern Componisten ist ohnehin das Wohlklingende hinreichend

neben dem Nützlichen berücksichtigt, und haben die Schüler erst diese

Stufe erreicht, so dürfen sie nicht mehr über Mangel an Unterhaltung

beim Ueben klagen.

Es ist entschieden verderblich, mit unruhiger Hast von einem Stück zum

andern zu springen, ehe das vorige fertig einstudirt war. Die Schüler

müssen von vornherein die vollendete Reinheit der Ausführung als eine

Nothwendigkeit empfinden lernen, der man sich nicht zu entziehen hat.

Wenn Du bedenkst, daß eine kleine Unart in der Fingerhaltung, die

Anfangs unwichtig scheint, später einen freien geistvollen Vortrag

unmöglich macht, so wirst Du nicht, gleich manchen Dilettanten, die

mechanische Fertigkeit als eine Art Gegensatz zum seelenvollen Spiel

betrachten. Sie muß als ein Mittel zum Zweck vorher da sein, ehe man dem

Schüler das letztere zumuthen darf. Wie will ein Spieler, wenn er auch

mit dem klarsten Verständniß begabt ist, die Schönheit in der Musik

darstellen, wenn ihm seine Finger widerspenstig sind?

Wer sich also dem Geschäft unterzieht, einen Anfänger zu bilden, der sei

redlich gegen denselben und eile nicht über den prosaischen Theil seines

Berufes hinweg, um auf Kosten des Schülers sich selber etwas besser

dabei zu amüsiren.

Acht Briefe an eine Freundin über Clavier-Unterricht · 第 1 / 8 题