Fünfzehntes Kapitel

Endlich war das Ziel erreicht, und Goldmund betrat die ersehnte Stadt

durch dasselbe Tor, durch das er einst, vor so viel Jahren, zum

erstenmal geschritten war, um seinen Meister zu suchen. Manche Nachricht

aus der Bischofsstadt hatte ihn schon unterwegs im Näherkommen erreicht;

er wußte, daß auch dort die Pest gewesen war und vielleicht noch immer

herrschte, man hatte ihm von Unruhen und Volksaufständen erzählt und daß

ein kaiserlicher Statthalter gekommen sei, um Ordnung zu schaffen,

Notgesetze zu geben und Gut und Leben der Bürger zu schützen. Denn der

Bischof hatte die Stadt gleich nach dem Ausbruch der Seuche verlassen

und residierte fern in einem seiner Schlösser auf dem Lande. An allen

diesen Nachrichten hatte der Wanderer wenig teilgenommen. Wenn nur die

Stadt noch stand und die Werkstätte, wo er arbeiten wollte! Alles andere

war ihm nicht wichtig. Als er ankam, war die Pest erloschen, man

erwartete die Rückkehr des Bischofs und freute sich auf den Abzug des

Statthalters und die Wiederkehr des gewohnten friedlichen Lebens.

Als Goldmund die Stadt wiedersah, zog ihm eine nie zuvor erlebte Woge

von Wiedersehen und Heimatgefühl durchs Herz, und er schnitt ein

ungewohnt strenges Gesicht, um sich zu bemeistern. Oh, dies alles war

noch da: die Tore, die schönen Brunnen, der alte klotzige Turm der

Kathedrale und der schlanke neue der Marienkirche, das helle Geläut von

Sankt Lorenz, der große strahlende Marktplatz! O wie gut, daß das alles

auf ihn gewartet hatte! Hatte er nicht unterwegs einmal geträumt, daß er

hier ankomme und alles fremd und verändert vorfinde, teils zerstört und

in Trümmern, teils unkenntlich durch neue Bauten und wunderliche

unerfreuliche Zeichen? Die Tränen waren ihm nahe, während er durch die

Gassen ging, Haus um Haus wiedererkennend. Waren am Ende nicht doch die

Seßhaften zu beneiden, in ihren hübschen sicheren Häusern, in ihrem

befriedeten Bürgerleben, in ihrem beruhigenden und stärkenden Gefühl von

Heimathaben, von Zuhausesein in Stube und Werkstatt, zwischen Weib und

Kind, Gesinde und Nachbarschaft?

Es war Spätnachmittag, und an der Sonnseite der Gasse standen die

Häuser, die Wirts- und Zunftschilder, die geschnitzten Türen und die

Blumentöpfe warm bestrahlt, nichts erinnerte daran, daß auch in dieser

Stadt der wütende Tod und der irre Angstwahn der Menschen regiert habe.

Kühl, hellgrün und hellblau strömte unter den tönenden Gewölben der

Brücke der klare Fluß; Goldmund setzte sich eine Weile auf die Brüstung

der Ufermauer, noch immer glitten unten im grünen Kristall die dunklen

schattenhaften Fische hin oder standen regungslos, die Nasen gegen die

Strömung gekehrt, noch immer blinkte aus den Dämmerungen der Tiefe hier

und dort jenes schwache Goldleuchten herauf, das soviel verspricht und

das Träumen so sehr begünstigt. Auch in anderen Wassern gab es das, und

auch andere Brücken und Städte waren hübsch anzuschauen, und doch schien

ihm, er habe seit sehr langer Zeit dergleichen nicht mehr gesehen und

Ähnliches nicht mehr gefühlt.

Zwei Metzgerburschen trieben lachend ein Kalb vorüber, sie wechselten

Blicke und Späße mit einer Magd, die über ihnen in einer Laube Wäsche

abnahm. Wie schnell doch alles vorüberging! Vor kurzem noch hatten hier

die Pestfeuer gebrannt und die scheußlichen Spittelknechte gewaltet, und

jetzt lief das Leben wieder weiter, man lachte und machte Späße; und ihm

selbst ging es nicht anders, da saß er und war entzückt vom Wiedersehen

und fühlte sich dankbar und hatte sogar ein Herz für die Seßhaften, als

ob es kein Elend und keinen Tod, keine Lene und keine Judenprinzessin

gegeben hätte. Lächelnd stand er auf und ging weiter, und erst als er

sich der Gasse des Meisters Niklaus näherte und den Weg wieder ging, den

er vor Zeiten jahrelang jeden Tag zu seiner Arbeit gegangen war, begann

sein Herz beklemmt und unruhig zu werden. Er ging schneller, er wollte

heut noch beim Meister vorsprechen und Bescheid wissen, es ertrug keinen

Aufschub mehr, es hätte ihm ganz unmöglich geschienen, noch bis morgen

zu warten. Sollte der Meister ihm etwa noch böse sein? Das war so lange

her, es konnte keine Bedeutung mehr haben; und wenn es doch so sein

sollte, so würde er es überwinden. Wenn der Meister nur noch da war, er

und die Werkstatt, dann war alles gut. Eilig, als ob er noch in letzter

Stunde etwas versäumen könnte, schritt er auf das wohlbekannte Haus zu,

faßte nach dem Türgriff und erschrak heftig, als er das Tor geschlossen

fand. Konnte das Böses bedeuten? Früher war es nie vorgekommen, daß

diese Tür am hellen Tag verschlossen gehalten wurde. Dröhnend ließ er

den Klopfer fallen und wartete. Es war ihm plötzlich sehr bang ums Herz

geworden.

Es kam dieselbe alte Magd, die ihn einst beim ersten Eintritt in dies

Haus empfangen hatte. Sie war nicht häßlicher geworden, aber älter und

unfreundlicher, und sie erkannte Goldmund nicht. Mit banger Stimme

fragte er nach dem Meister. Sie blickte ihn blöde und mißtrauisch an.

„Meister? Es gibt hier keinen Meister. Geht nur weiter, Mann, es wird

niemand eingelassen.“

Sie wollte ihn aus dem Tor zurückdrängen, er nahm sie am Arm und schrie

auf sie ein: „So rede doch, Margrit, um Gottes willen! Ich bin Goldmund,

kennst du mich denn nicht? Ich muß zum Meister Niklaus.“

Aus den weitsichtigen, halb erloschenen Augen schimmerte kein Willkomm.

„Es gibt hier keinen Meister Niklaus mehr“, sagte sie ablehnend, „der

ist tot. Machet, daß Ihr weiterkommt, ich kann hier nicht stehen und

schwatzen.“

Goldmund, während alles in ihm zusammenstürzte, drückte die Alte

beiseite, die schreiend hinter ihm herlief, und eilte durch den dunklen

Gang gegen die Werkstatt. Sie war geschlossen. Von der klagenden und

schimpfenden Alten gefolgt, lief er die Treppe hinauf, in der Dämmerung

sah er im bekannten Raume die Figuren stehen, die Niklaus gesammelt

hatte. Mit lauter Stimme rief er nach Jungfer Lisbeth.

Es ging die Stubentür, und es erschien Lisbeth, und als er sie, erst

beim zweiten Hinblicken, erkannte, drückte ihm der Anblick das Herz

zusammen. War schon alles hier in diesem Hause, seit dem Augenblick, da

er zu seinem Schrecken das Tor verschlossen gefunden hatte, gespenstisch

und verzaubert und wie in einem beklommenen Traum gewesen, so fuhr ihm

jetzt beim Anblick der Lisbeth wirklich ein Schaudern über den Rücken.

Aus der schönen stolzen Lisbeth war eine scheue, gebückte Jungfer

geworden, mit einem gelben, kränklichen Gesicht, in einem schwarzen

schmucklosen Kleid, mit unsicherem Blick und ängstlicher Haltung.

„Verzeihet“, sagte er, „Margrit wollte mich nicht hereinlassen. Kennet

Ihr mich nicht? Ich bin doch Goldmund. Ach, sagt mir: ist es denn wahr,

daß Euer Vater gestorben ist?“

An ihrem Blick sah er, daß sie ihn jetzt erkenne, und sah auch sogleich,

daß er hier nicht in gutem Andenken stehe.

„So, Ihr seid Goldmund?“ sagte sie, und in der Stimme erkannte er etwas

von ihrer früheren hochmütigen Art. „Ihr habet Euch umsonst herbemüht.

Mein Vater ist gestorben.“

„Und die Werkstatt?“ fuhr es ihm heraus.

„Die Werkstatt? Ist geschlossen. Wenn Ihr Arbeit sucht, müßt Ihr

anderswohin gehen.“

Er versuchte, sich zusammenzunehmen.

„Jungfer Lisbeth“, sagte er freundlich, „ich suche keine Arbeit, ich

wollte nur Grüßgott sagen, dem Meister und Euch. Es betrübt mich so

sehr, daß ich das hören muß! Ich sehe, daß Ihr es schwer gehabt habet.

Wenn Euch ein dankbarer Schüler Eures Vaters irgendeinen Dienst tun

kann, so sagt es, es wäre mir eine Freude. Ach, Jungfer Lisbeth, es will

mir das Herz brechen, daß ich Euch so – so tief im Leid finde.“

Sie zog sich in die Stubentür zurück.

„Danke“, sagte sie zögernd. „Ihr könnet ihm keinen Dienst mehr tun und

mir auch nicht. Margrit wird Euch hinausführen.“

Schlecht klang ihre Stimme, halb böse, halb ängstlich. Er spürte: hätte

sie Mut gehabt, sie hätte ihn schimpflich hinausgewiesen.

Schon war er unten, schon hatte die Alte das Haustor hinter ihm

zugeschlagen und die Riegel gestoßen. Er hörte das harte Anschlagen der

beiden Riegel noch, es klang ihm wie das Zuschlagen eines Sargdeckels.

Langsam kehrte er zu der Ufermauer zurück und setzte sich wieder an den

alten Platz überm Flusse. Die Sonne war untergegangen, kalt zog es vom

Wasser herauf, kalt war der Stein, auf dem er saß. Die Ufergasse war

still geworden, am Brückenpfeiler rauschte die Strömung auf, dunkel lag

die Tiefe, kein Goldschimmer blinkte mehr herauf. Oh, dachte er, daß ich

jetzt über die Mauer fiele und im Fluß verschwände! Wieder war die Welt

voll von Tod. Eine Stunde verging, und die Dämmerung war Nacht geworden.

Endlich konnte er weinen. Er saß und weinte, über die Hände und Knie

fielen ihm die warmen Tropfen. Er weinte um den toten Meister, er weinte

um die verlorene Schönheit Lisbeths, er weinte um Lene, um Robert, um

das Judenmädchen, um seine verwelkte, vergeudete Jugend.

Spät fand er sich in einer Weinschenke ein, wo er einst oft mit

Kameraden gezecht hatte. Die Wirtin erkannte ihn, er bat um ein Stück

Brot, sie gab es ihm und gab ihm freundlich auch einen Becher Wein. Er

brachte weder Brot noch Wein hinunter. Auf einer Bank in der Schenke

schlief er die Nacht. Die Wirtin weckte ihn am Morgen, er sagte Dank und

ging, unterwegs aß er das Stück Brot.

Er ging zum Fischmarkt, da stand das Haus, in dem er damals seine Kammer

gehabt hatte. Neben dem Brunnen hielten ein paar Fischweiber ihre

lebende Ware feil, er starrte in die Bottiche zu den schönen

schimmernden Tieren hinein. Oft hatte er dies früher gesehen, es fiel

ihm wieder ein, daß er oft mit den Fischen Mitleid gehabt hatte und

wütend auf die Weiber und Käufer gewesen war. Einstmals, so erinnerte er

sich, hatte er sich auch einen Morgen hier so herumgetrieben, hatte die

Fische bewundert und bemitleidet und war sehr traurig gewesen, es war

viel Zeit seitdem vergangen und viel Wasser den Fluß hinabgeronnen. Er

war sehr traurig gewesen, das wußte er noch wohl, aber was es war,

worüber er so traurig gewesen war, wußte er nicht mehr. So war es: auch

das Traurige verging, auch die Schmerzen und Verzweiflungen vergingen,

ebenso wie die Freuden, sie gingen vorüber, verblaßten, verloren ihre

Tiefe und ihren Wert, und schließlich kam eine Zeit, da konnte man sich

nicht mehr darauf besinnen, was es gewesen war, das einem einmal so weh

getan hatte. Auch die Schmerzen verblühten und verwelkten. Würde auch

sein heutiger Schmerz einmal verwelken und wertlos sein, seine

Verzweiflung darüber, daß der Meister tot und im Groll gegen ihn

gestorben war und daß keine Werkstatt ihm offenstand, um das Glück des

Schaffens zu kosten und sich die Bilderlast von der Seele zu wälzen? Ja,

ohne Zweifel würde auch dieser Schmerz, auch diese bittere Not alt

werden und müde werden, auch sie würde er vergessen. Nichts hatte

Bestand, auch nicht das Leid.

Indem er auf die Fische starrte und diesen Gedanken hingegeben war,

hörte er eine leise Stimme freundlich seinen Namen sagen.

„Goldmund“, rief es schüchtern, und als er hinschaute, stand da ein

etwas zartes und kränkliches junges Mädchen, aber mit schönen dunklen

Augen, das ihn angerufen hatte. Er kannte es nicht.

„Goldmund! Du bist es doch?“ sagte die schüchterne Stimme. „Seit wann

bist du wieder in der Stadt? Kennst du mich nicht mehr? Ich bin doch

Marie.“

Aber er kannte sie nicht. Sie mußte ihm erzählen, daß sie die Tochter

seiner einstigen Hauswirte sei und daß sie einst, in jener Morgenfrühe

vor seiner Abreise, ihm in der Küche eine Milch gekocht habe. Sie wurde

rot, als sie es erzählte.

Ja, es war Marie, es war das dürftige Kind mit dem kranken Hüftgelenk,

das damals so lieb und schüchtern für ihn gesorgt hatte. Er wußte nun

alles wieder: sie hatte am kühlen Morgen auf ihn gewartet und war so

traurig über seine Abreise gewesen, sie hatte ihm Milch gekocht, und er

hatte ihr einen Kuß gegeben, den hatte sie so still und feierlich

empfangen wie ein Sakrament. Nie mehr hatte er an sie gedacht. Damals

war sie noch ein Kind gewesen. Jetzt war sie groß geworden und hatte

sehr schöne Augen, aber sie hinkte noch immer und sah etwas verkümmert

aus. Er gab ihr die Hand. Es freute ihn, daß doch jemand in dieser Stadt

ihn noch kannte und lieb hatte.

Marie nahm ihn mit, er wehrte sich nur schwach. Bei ihren Eltern in der

Stube, wo sein Bild noch hing und sein rotes Rubinglas überm Kamin auf

dem Bord stand, mußte er zu Mittag essen und wurde eingeladen, ein paar

Tage dazubleiben, man freue sich, ihn einmal wiederzusehen. Hier erfuhr

er auch, was im Haus seines Meisters geschehen war. Niklaus war nicht an

der Pest gestorben, sondern die schöne Lisbeth war es, die die Pest

bekam, sie lag todkrank, und ihr Vater pflegte sich an ihr zu Tode, er

starb, noch eh sie ganz genesen war. Sie wurde gerettet, nur aber war

ihre Schönheit dahin.

„Die Werkstatt steht leer“, sagte der Hausherr, „und für einen tüchtigen

Bildschnitzer wäre da eine schöne Heimat bereit und Geld genug. Überleg

dir das, Goldmund! Sie würde nicht nein sagen. Sie hat keine Wahl mehr.“

Er erfuhr auch dies und jenes andere aus der Pestzeit, daß der Pöbel

zuerst ein Spital angezündet und später einige Häuser von Reichen

erstürmt und geplündert habe, eine Weile sei keine Ordnung und

Sicherheit mehr in der Stadt gewesen, da der Bischof geflohen sei. Da

habe der Kaiser, der gerade in der Nähe war, einen Statthalter

hergeschickt, den Grafen Heinrich. Nun ja, es sei ein schneidiger Herr,

er habe mit seinen paar Reitern und Soldaten Ordnung in der Stadt

geschafft. Aber nun sei es wohl Zeit, daß sein Regiment aufhöre, man

erwarte den Bischof zurück. Der Graf habe der Bürgerschaft manches

zugemutet, und auch von seiner Kebse habe man genug, der Agnes, die sei

schon ein richtiger Teufelsbraten. Na, bald werden sie abziehen, der

Gemeinderat habe es längst satt, statt seines guten Bischofs so einen

Hof- und Kriegsmann auf dem Halse zu haben, der des Kaisers Günstling

sei und beständig Gesandtschaften und Abordnungen empfange wie ein

Fürst.

Nun wurde auch der Gast nach seinen Erlebnissen gefragt. „Ach“, sagte er

traurig, „davon spricht man nicht. Ich bin gewandert und gewandert, und

überall war die Seuche und lagen die Toten herum, und überall waren die

Leute verrückt und böse vor Angst. Ich bin am Leben geblieben,

vielleicht vergißt man das alles einmal wieder. Nun komme ich zurück,

und mein Meister ist tot! Laßt mich ein paar Tage bleiben und ausruhen,

dann geh’ ich weiter.“

Er blieb nicht des Ausruhens wegen. Er blieb, weil er enttäuscht und

unentschlossen war, weil Erinnerungen an glücklichere Zeiten ihm die

Stadt lieb machten und weil die Liebe der armen Marie ihm wohltat. Er

konnte sie nicht erwidern, er konnte ihr nichts geben als Freundlichkeit

und Mitleid, aber ihre stille, demütige Anbetung wärmte ihn doch. Mehr

aber als alles dieses hielt ihn an diesem Ort das brennende Bedürfnis

fest, einmal wieder Künstler zu sein, sei es auch ohne Werkstatt, sei es

auch nur mit Notbehelfen.

Ein paar Tage lang tat Goldmund nichts anderes als zeichnen. Marie hatte

ihm Papier und Feder verschafft, nun saß er in seiner Kammer und

zeichnete Stunde um Stunde, füllte die großen Bogen bald mit eilig

gekritzelten, bald mit liebevoll zarten Figuren, ließ das überfüllte

Bilderbuch seines Innern hinüberwandern aufs Papier. Er zeichnete viele

Male das Gesicht Lenes, wie es nach dem Tod jenes Landstreichers voll

Befriedigung, Liebe und Mordlust gelächelt hatte, und das Gesicht Lenes,

wie es in ihrer letzten Nacht geworden war, begriffen schon im

Hinüberschmelzen ins Formlose, in der Rückkehr zur Erde. Er zeichnete

einen kleinen Bauernbuben, den er einst tot auf der Schwelle zu seinen

Eltern hatte liegen sehen, mit geballten Fäustchen. Er zeichnete einen

Karren voll Leichen, drei mühsam ziehende Klepper davor, Schinderknechte

mit langen Stangen daneben, die Augen finster aus den Schlitzen

schwarzer Pestmasken schielend. Er zeichnete immer wieder Rebekka, das

schlanke schwarzäugige Judenkind, ihren schmalen stolzen Mund, ihr

Gesicht voll Schmerz und voll Entrüstung, ihre holde junge Gestalt, die

so sehr zur Liebe geschaffen schien, ihren hochmütigen bitteren Mund. Er

zeichnete sich selbst, als Wanderer, als Liebenden, als Flüchtling vor

dem mähenden Tod, als Tänzer bei den Pestorgien der Lebenshungrigen.

Hingegeben hing er überm weißen Papier, strich das hochmütige feste

Gesicht der Jungfer Lisbeth hin, so wie er sie früher gekannt hatte, die

Fratze der alten Magd Margrit, das geliebte und gefürchtete Gesicht des

Meisters Niklaus. Mehrmals auch deutete er mit dünnen, ahnenden Strichen

eine große Frauengestalt an, die Erdenmutter, sitzend mit den Händen im

Schoß, im Gesicht unter schwermütigen Augen ein Hauch von Lächeln.

Unendlich wohl tat ihm dies Strömen, das Gefühl in der zeichnenden Hand,

das Herrwerden über die Gesichte. Er zeichnete in wenigen Tagen alle die

Bogen voll, die ihm Marie besorgt hatte. Vom letzten Bogen schnitt er

ein Stück ab und zeichnete darauf, klar mit sparsamen Strichen, das

Gesicht Maries, mit den schönen Augen, mit dem entsagenden Mund. Das

schenkte er ihr.

Durch das Zeichnen hatte er das Gefühl von Schwere, Stauung und

Überfülltsein in seiner Seele gelöst und erleichtert. Solang er

zeichnete, hatte er nicht gewußt, wo er sei, seine Welt hatte aus nichts

bestanden als dem Tisch, dem weißen Papier und abends der Kerze. Jetzt

erwachte er, erinnerte sich der jüngsten Erlebnisse, sah unerbittlich

neue Wanderschaft vor sich und begann durch die Stadt zu schweifen mit

einer wunderlich gespaltenen Empfindung halb von Wiedersehen, halb von

Abschiednehmen.

Auf einem dieser Gänge begegnete er einer Frau, deren Anblick allen

seinen aus der Ordnung gekommenen Gefühlen eine neue Mitte gab. Es war

eine Frau zu Pferde, ein großes hellblondes Weib mit neugierigen, etwas

kühlen Blauaugen, mit festen, straffen Gliedern und einem blühenden

Gesicht voll Lust zu Genuß und Macht, voll Selbstgefühl und witternder

Sinnenneugierde. Etwas herrisch und hochmütig hielt sie sich auf ihrem

braunen Pferde, ans Befehlen gewöhnt, doch nicht verschlossen oder

abwehrend, sondern unter den etwas kühlen Augen standen bewegliche

Nüstern allen Düften der Welt offen, und der große lockere Mund schien

des Nehmens und Gebens im höchsten Grade fähig. Im Augenblick, da

Goldmund sie sah, wurde er völlig wach und voll Begierde, sich mit

diesem stolzen Weib zu messen. Diese Frau zu erobern schien ihm ein

edles Ziel, und auf dem Weg zu ihr den Hals zu brechen hätte ihm kein

übler Tod geschienen. Alsbald empfand er, daß diese blonde Löwin

seinesgleichen sei, an Sinnen und Seele reich, allen Stürmen zugänglich,

ebenso wild wie zart, aus uralt ererbter Bluterfahrung der

Leidenschaften kundig.

Sie ritt vorüber, er sah ihr nach, zwischen krausem Blondhaar und

blausamtenem Kragen sah er ihren festen Nacken ragen, stark und stolz

und doch von der zartesten Kinderhaut umspannt. Sie war, so wollte ihm

scheinen, die schönste Frau, die er gesehen hatte. Diesen Nacken wollte

er in seine Hand zu fassen bekommen und ihren Augen das blaukühle

Geheimnis entreißen. Wer sie sei, war nicht schwer zu erfragen. Alsbald

erfuhr er, sie wohne im Schloß und sei Agnes, die Geliebte des

Statthalters; es setzte ihn nicht in Erstaunen, sie hätte die Kaiserin

selbst sein können. An einem Brunnenbecken blieb er stehen und suchte

sein Spiegelbild. Das Bild paßte brüderlich zum Bild der blonden Frau,

nur war es gar sehr verwildert. Noch in derselben Stunde suchte er einen

Barbier auf, den er kannte, und brachte ihn mit guten Worten dazu, daß

er ihm Haar und Bart kurz schnitt und sauber strählte.

Zwei Tage dauerte die Verfolgung. Agnes trat aus dem Schloß, und der

fremde Blonde stand beim Tor und sah ihr bewundernd in die Augen. Agnes

ritt ums Bollwerk, und aus den Erlen trat der Fremde. Agnes war beim

Goldschmied, und beim Verlassen der Werkstatt begegnete sie dem Fremden.

Sie blitzte ihn kurz aus den herrischen Augen an, dabei spielte es

bebend um ihre Nasenflügel. Am andern Morgen, da sie ihn beim ersten

Ausritt wieder bereitstehen fand, lächelte sie ihm ihre Herausforderung

zu. Auch den Grafen sah er, den Statthalter; es war ein stattlicher und

kühner Mann, er war ernst zu nehmen; aber er hatte schon Grau im Haar

und hatte Sorgen im Gesicht, Goldmund fühlte sich ihm überlegen.

Diese beiden Tage machten ihn glücklich, er strahlte vor

wiedergewonnener Jugend. Schön war es, sich dieser Frau zu zeigen und

ihr den Kampf anzubieten. Schön war es, seine Freiheit an diese Schöne

zu verlieren. Schön und tief aufreizend war das Gefühl, sein Leben auf

diesen einen Wurf zu setzen.

Am Morgen des dritten Tages kam Agnes zu Pferde aus dem Schloßtor, von

einem berittenen Knecht begleitet. Ihre Augen blickten sogleich nach dem

Verfolger aus, kampflustig und etwas unruhig. Richtig, er war schon da.

Sie schickte den Knecht mit einem Auftrag fort, allein ritt sie langsam

voran, ritt langsam zum untern Brückentor hinaus und über die Brücke.

Nur einmal blickte sie zurück. Sie sah den Fremden folgen. Am Weg zur

Wallfahrtskirche Sankt Veit, wo es um diese Zeit sehr einsam war,

erwartete sie ihn. Sie mußte eine halbe Stunde warten, der Fremde ging

langsam, er wollte nicht außer Atem kommen. Frisch und lächelnd kam er

gegangen, ein Zweigchen mit einer hellroten Hagebutte im Mund. Sie war

abgestiegen und hatte das Pferd angebunden, sie stand an den Efeu der

steilen Stützmauer gelehnt und blickte dem Verfolger entgegen. Aug’ in

Auge mit ihr blieb er stehen und zog die Mütze.

„Warum läufst du mir nach?“ fragte sie, „was willst du von mir?“

„Oh“, sagte er, „ich möchte dir viel lieber etwas schenken, als etwas

von dir annehmen. Ich möchte mich dir zum Geschenk anbieten, schöne

Frau, mach dann mit mir, was du willst.“

„Gut, ich will sehen, was sich mit dir machen läßt. Aber wenn du gedacht

hast, hier draußen gefahrlos ein Blümchen pflücken zu können, dann hast

du dich getäuscht. Ich kann nur Männer lieben, die im Notfall ihr Leben

daran wagen.“

„Du hast über mich zu befehlen.“

Langsam nahm sie von ihrem Halse eine dünne Goldkette und reichte sie

ihm hin.

„Wie heißt du denn?“

„Goldmund.“

„Schön, Goldmund; ich werde schmecken, wie golden dein Mund ist. Hör mir

gut zu: Du wirst diese Kette gegen Abend im Schloß herzeigen und sagen,

du habest sie gefunden. Du gibst sie nicht aus den Händen, ich möchte

sie selbst von dir zurückempfangen. Du kommst so, wie du bist, mögen sie

dich für einen Bettler halten. Wenn einer vom Gesinde dich anschnauzt,

bleibst du ruhig. Du mußt wissen, daß ich nur zwei sichere Leute im

Schloß habe: den Reitknecht Max und meine Zofe Berta. Eins von den

beiden mußt du erreichen und dich zu mir führen lassen. Gegen alle

anderen im Schloß, den Grafen eingerechnet, benimm dich vorsichtig, sie

sind Feinde. Du bist gewarnt. Es kann dir das Leben kosten.“

Sie streckte ihm die Hand hin, lächelnd nahm er sie, küßte sie sanft,

rieb leise seine Wange an ihr. Dann steckte er die Kette zu sich und

ging davon, bergabwärts dem Fluß und der Stadt entgegen. Die Weinberge

waren schon kahl, von den Bäumen wehte ein gelbes Blatt ums andere.

Goldmund schüttelte lächelnd den Kopf, als er, auf die Stadt

hinunterblickend, sie so freundlich und liebenswert fand. Vor wenig

Tagen noch war er so traurig gewesen, traurig sogar darüber, daß auch

Not und Leid vergänglich sind. Und nun waren sie in der Tat schon

vergangen, hingesunken wie das goldene Laub vom Ast. Ihm schien, noch

niemals habe die Liebe ihm so gestrahlt wie aus dieser Frau, deren hohe

Gestalt und blonde lachende Lebensfülle ihn an das Bild seiner Mutter

erinnerte, wie er es damals, als Knabe in Mariabronn, im Herzen getragen

hatte. Vorgestern noch hätte er es nicht für möglich gehalten, daß ihm

noch einmal die Welt so froh ins Auge lachen, daß er noch einmal den

Strom des Lebens, der Freude, der Jugend so voll und drängend durch sein

Blut könnte strömen fühlen. Welches Glück, daß er noch am Leben war, daß

in all diesen grausigen Monaten der Tod ihn verschont hatte!

Am Abend fand er sich im Schlosse ein. Im Schloßhof ging es lebhaft zu,

Pferde wurden abgesattelt, Boten liefen, ein kleiner Zug von Priestern

und geistlichen Würdenträgern wurde von Dienern durchs innere Tor und

die Treppe hinangeführt. Goldmund wollte ihnen nach, der Türsteher hielt

ihn zurück. Er holte die Goldkette hervor und sagte, er sei angewiesen,

sie niemandem auszuhändigen als der gnädigen Frau selbst oder ihrer

Zofe. Man gab ihm einen Diener mit, lange mußte er in den Gängen warten.

Endlich erschien eine hübsche behende Frau, die ging an ihm vorbei,

fragte leise: „Seid Ihr Goldmund?“ und winkte ihm, ihr zu folgen. Still

verschwand sie durch eine Tür, erschien nach einer Weile wieder und

winkte ihn herein.

Er kam in ein kleines Zimmer, das duftete stark nach Pelz und nach süßem

Parfüm und hing voll von Kleidern und Mänteln, Frauenhüte staken auf

hölzernen Bolzen, allerlei Schuhwerk stand in einer offenen Truhe. Hier

stand er und wartete, wohl eine halbe Stunde, roch an den duftenden

Kleidern, fuhr mit der Hand über die Pelze und lächelte neugierig über

all das hübsche Zeug, das da herumhing.

Endlich ging die innere Tür, und es kam nicht die Zofe, es kam Agnes

selbst, in einem hellblauen Kleid, einen weißen Pelzbesatz am Halse.

Langsam kam sie auf den Wartenden zugegangen, Schritt für Schritt, ernst

blickten ihm die kühlblauen Augen entgegen.

„Du hast warten müssen“, sagte sie leise. „Ich glaube, wir sind jetzt

sicher. Es ist eine Abordnung von Geistlichen beim Grafen, er speist mit

ihnen und wird wohl noch lange Verhandlungen mit ihnen haben, die

Sitzungen mit den Priestern dauern immer lange. Die Stunde gehört dir

und mir. Sei willkommen, Goldmund.“

Sie neigte sich ihm entgegen, ihre verlangenden Lippen näherten sich den

seinen, schweigend begrüßten sie einander im ersten Kuß. Langsam schloß

er seine Hand um ihren Nacken. Sie führte ihn durch die Tür, in ihr

Schlafgemach, das war hoch und hell von Kerzen erleuchtet. Auf einem

Tische stand eine Mahlzeit gerüstet, sie setzten sich, sorglich legte

sie ihm Brot und Butter vor und etwas Fleisch und schenkte ihm weißen

Wein in ein schönes bläuliches Glas. Sie aßen, sie tranken beide aus

demselben bläulichen Kelch, ihre Hände spielten probend miteinander.

„Wo kommst du denn hergeflogen“, fragte sie ihn, „mein schöner Vogel?

Bist du ein Krieger, oder ein Spielmann, oder bist du bloß ein armer

Landfahrer?“

„Ich bin alles, was du willst“, lachte er leise, „ich bin ganz der

Deine. Ich bin ein Spielmann, wenn du willst, und du bist meine süße

Laute, und wenn ich die Finger um deinen Hals lege und auf dir spiele,

hören wir die Engel singen. Komm, Herz, ich bin nicht gekommen, um deine

guten Kuchen zu essen und deinen weißen Wein zu trinken, ich bin nur

deinetwegen gekommen.“

Leise zog er ihr den weißen Pelz vom Halse und schmeichelte ihr die

Kleider vom Leibe. Mochten draußen die Höflinge und Pfaffen ihre

Beratungen abhalten, mochten die Diener schleichen und der dünne

Sichelmond vollends hinter die Bäume hinabschwimmen, die Liebenden

wußten nichts davon. Ihnen blühte das Paradies, zueinander gezogen und

ineinander verschlungen verloren sie sich in seine duftende Nacht, sahen

seine weißen Blumengeheimnisse dämmern, pflückten mit zärtlichen und

dankbaren Händen seine ersehnten Früchte. Noch nie hatte der Spielmann

auf einer solchen Laute gespielt, noch nie hatte die Laute unter so

starken und kundigen Fingern geklungen.

„Goldmund“, flüsterte sie ihm glühend ins Ohr, „oh, was bist du für ein

Zauberer! Von dir, du süßer Goldfisch, möchte ich ein Kind haben. Und

noch lieber möchte ich an dir sterben. Trink mich aus, Geliebter,

schmilz mich, töte mich!“

Tief in seiner Kehle summte ein Ton des Glückes, als er die Härte in

ihren kühlen Augen hinschmelzen und schwach werden sah. Wie ein

zärtliches Zittern und Sterben flog der Schauer in der Tiefe ihrer Augen

vorüber, erlöschend wie der Silberschauder auf der Haut eines sterbenden

Fisches, mattgolden wie das Aufblinken jener Zauberschimmer tief im

Flusse. Alles nur irgend dem Menschen erlebbare Glück schien ihm in

diesen Augenblick zusammengeronnen.

Gleich darauf, während sie mit geschlossenen Augen bebend lag, erhob er

sich leise und schlüpfte in seine Kleider. Mit einem Seufzer sagte er

ihr ins Ohr: „Mein schöner Schatz, ich verlasse dich. Ich mag nicht

sterben, ich mag nicht von diesem Grafen totgeschlagen werden. Erst will

ich noch einmal dich und mich so selig machen, wie wir es heut gewesen

sind. Noch einmal, noch viele Male!“

Schweigend blieb sie liegen, bis er angekleidet war. Nun schlug er

sachte die Decke über sie und küßte ihre Augen.

„Goldmund“, sagte sie, „oh, daß du fortgehen mußt! Komm morgen wieder!

Wenn Gefahr ist, dann lasse ich dich warnen. Komm wieder, komm morgen

wieder!“

Sie zog an einem Glockenstrang. In der Tür zur Kleiderkammer empfing ihn

die Zofe und brachte ihn aus dem Schloß. Gern hätte er ihr ein Goldstück

gegeben; er schämte sich einen Augenblick seiner Armut.

Gegen Mitternacht stand er auf dem Fischmarkt und sah am Hause empor. Es

war spät, niemand mehr würde wach sein, wahrscheinlich würde er die

Nacht draußen bleiben müssen. Zu seinem Erstaunen fand er die Haustür

offen. Leise schlich er hinein und schloß hinter sich das Tor. Der Weg

zu seiner Kammer führte durch die Küche. Dort war Licht. Bei einem

winzigen Öllämpchen saß Marie am Küchentisch. Eben war sie eingenickt,

nachdem sie zwei, drei Stunden gewartet hatte. Sie erschrak und sprang

auf, als er eintrat.

„Oh“, sagte er, „Marie, bist denn du noch auf?“

„Ich bin auf“, sagte sie. „Sonst hättest du das Haus verschlossen

gefunden.“

„Es tut mir leid, Marie, daß du gewartet hast. Es ist so spät geworden.

Sei mir nicht böse.“

„Ich bin dir nie böse, Goldmund. Ich bin nur ein wenig traurig.“

„Traurig sollst du nicht sein. Warum denn traurig?“

„Ach, Goldmund, ich möchte wohl, daß ich gesund und schön und stark

wäre. Dann müßtest du nicht in der Nacht in fremde Häuser gehen und

andere Frauen liebhaben. Dann würdest du wohl auch einmal bei mir

bleiben und mit mir ein wenig lieb sein.“

Keine Hoffnung klang in ihrer sanften Stimme, und keine Bitterkeit, nur

Trauer. Verlegen stand er bei ihr, sie tat ihm so leid, er wußte nichts

zu sagen. Mit vorsichtiger Hand faßte er nach ihrem Kopf und streichelte

ihr Haar, und sie stand und hielt still, fühlte schauernd seine Hand auf

ihrem Haar, weinte ein wenig, richtete sich wieder auf und sagte

schüchtern: „Geh nun zu Bett, Goldmund. Ich habe dummes Zeug gesprochen,

ich war so schläfrig. Gute Nacht.“

Narziß und Goldmund · 第 24 / 31 题