Einen Tag voll glücklicher Ungeduld brachte Goldmund auf den Hügeln zu.
Hätte er ein Pferd gehabt, so wäre er heut ins Kloster zu der schönen
Madonna seines Meisters geritten; es verlangte ihn, sie noch einmal zu
sehen, auch schien ihm, er habe nachts vom Meister Niklaus geträumt.
Nun, er würde es nachholen. Sollte auch dies Liebesglück mit Agnes
vielleicht von kurzer Dauer sein, vielleicht zu Bösem führen – heut
stand es in Blüte, er durfte nichts davon versäumen. Er wollte heute
keine Menschen sehen und nicht zerstreut sein, er wollte den sanften
Herbsttag draußen verbringen, unter den Bäumen und Wolken. Er sagte es
Marie, daß er einen Gang über Land im Sinn habe und wohl erst spät
zurückkommen werde, sie möge ihm ein tüchtiges Stück Brot mitgeben, und
am Abend möge sie doch nicht seinetwegen warten. Sie sagte nichts dazu,
sie steckte ihm die Tasche voll mit Brot und Äpfeln, fuhr mit der Bürste
über seinen alten Rock, dessen Schäden sie gleich am ersten Tage
geflickt hatte, und ließ ihn ziehen.
Er spazierte über den Fluß und durch die leeren Weinberge auf steilen
Treppenwegen hügelan, verlor sich oben im Walde und hörte nicht auf zu
steigen, bis er den letzten Höhenkranz erreicht hatte. Da schien die
Sonne lau durch das Gestänge der kahlen Bäume, Amseln flohen vor seinen
Schritten ins Gebüsch, saßen scheu geduckt und schauten aus
schwarzblanken Augen aus dem Dickicht, und weit unten in blauem Bogen
floß der Strom und lag die Stadt klein wie Spielzeug hingebaut, von dort
war kein Ton mehr zu hören als die Geläute zu den Betzeiten. Hier oben
gab es kleine grasbewachsene Wälle und Hügel aus alter heidnischer Zeit,
vielleicht Befestigungen, vielleicht Gräber. Auf einem dieser Hügel ließ
er sich nieder, hier saß man trocken im knisternden Herbstgras und
übersah das ganze weite Tal und jenseits des Flusses die Hügel und
Berge, Kette hinter Kette, bis wo Gebirg und Himmel in bläulichem Spiel
sich begegneten und nicht mehr zu unterscheiden waren. All dies weite
Land und viel weiter noch, als ein Auge sehen konnte, hatten seine Füße
durchwandert; alle diese Gegenden, die jetzt Ferne und Erinnerung waren,
waren einmal Nähe und Gegenwart gewesen. In diesen Wäldern hatte er
hundertmal geschlafen, hatte Beeren gegessen, hatte gehungert und
gefroren, über diese Bergkämme und Heidestriche war er gewandert, war
froh und traurig, war frisch und war müde gewesen. Irgendwo in dieser
Ferne, jenseits des Sichtbaren, lagen die verbrannten Knochen der guten
Lene, dort irgendwo mochte sein Kamerad Robert noch immer auf Wanderung
sein, wenn nicht die Pest ihn geholt hatte; da draußen irgendwo lag der
tote Viktor, und irgendwo auch, weit und verzaubert, lag das Kloster
seiner Jugendjahre, stand die Burg des Ritters mit den schönen Töchtern,
lief arm und gehetzt die arme Rebekka oder war umgekommen. Alle diese
vielen, weit zerstreuten Orte, diese Heiden und Wälder, diese Städte und
Dörfer, Burgen und Klöster, alle diese Menschen, sie mochten leben oder
tot sein, wußte er in sich innen vorhanden und miteinander verbunden, in
seiner Erinnerung, in seiner Liebe, seiner Reue, seiner Sehnsucht. Und
wenn morgen auch ihn der Tod holte, dann würde das alles wieder
auseinanderfallen und auslöschen, dies ganze Bilderbuch, so voll von
Frauen und Liebe, von Sommermorgen und Winternächten. Oh, es war an der
Zeit, noch etwas zu tun, noch etwas zu schaffen und hinter sich zu
lassen, das ihn überdaure.
Von diesem Leben, von diesen Wanderungen, von allen diesen Jahren seit
seinem Auszug in die Welt war bis heute wenig Frucht übriggeblieben.
Übriggeblieben waren die paar Figuren, die er einst in der Werkstatt
gemacht hatte, namentlich der Johannes, und dann noch dies Bilderbuch,
diese unwirkliche Welt in seinem Kopfe drin, diese schöne und
schmerzliche Bilderwelt der Erinnerungen. Würde es ihm gelingen, einiges
von dieser inneren Welt zu retten und nach außen zu stellen? Oder würde
es nur immer so weitergehen: immer neue Städte, neue Landschaften, neue
Frauen, neue Erlebnisse, neue Bilder, eins aufs andere gehäuft, von
denen er nichts davontrug als diese unruhige, ebenso quälende wie schöne
Überfülltheit des Herzens?
Es war ja schmählich, wie man vom Leben genarrt wurde, es war zum Lachen
und zum Weinen! Entweder lebte man, ließ seine Sinne spielen, sog sich
voll an der Brust der alten Eva-Mutter – dann gab es zwar manche hohe
Lust, aber keinen Schutz gegen die Vergänglichkeit; man war dann wie ein
Pilz im Walde, der heut in schönen Farben strotzt und morgen verfault
ist. Oder man setzte sich zur Wehr, man sperrte sich in eine Werkstatt
ein und suchte dem flüchtigen Leben ein Denkmal zu bauen – dann mußte
man auf das Leben verzichten, dann war man bloß noch Werkzeug, dann
stand man zwar im Dienst des Unvergänglichen, aber man dorrte dabei ein
und verlor die Freiheit, Fülle und Lust des Lebens. So war es dem
Meister Niklaus ergangen.
Ach, und es hatte dies ganze Leben doch nur dann einen Sinn, wenn beides
sich erringen ließ, wenn das Leben nicht durch dies dürre Entweder-Oder
gespalten war! Schaffen, ohne dafür den Preis des Lebens zu bezahlen!
Leben, ohne doch auf den Adel des Schöpfertums zu verzichten! War denn
das nicht möglich?
Vielleicht gab es Menschen, denen es möglich war. Vielleicht gab es
Ehemänner und Familienväter, denen über der Treue nicht die Sinnenlust
verlorenging? Vielleicht gab es Seßhafte, denen der Mangel an Freiheit
und an Gefahr das Herz nicht eindorren ließ? Vielleicht. Gesehen hatte
er noch keinen.
Es schien alles Dasein auf der Zweiheit, auf den Gegensätzen zu beruhen;
man war entweder Frau oder Mann, entweder Landfahrer oder Spießbürger,
entweder verständig oder gefühlig – nirgends war Einatmen und Ausatmen,
Mannsein und Weibsein, Freiheit und Ordnung, Trieb und Geist
gleichzeitig zu erleben, immer mußte man das eine mit dem Verlust des
anderen bezahlen, und immer war das eine so wichtig und begehrenswert
wie das andere! Die Frauen hatten es hierin vielleicht leichter. Bei
ihnen hatte die Natur es so geschaffen, daß von selbst die Lust ihre
Frucht trug und aus dem Liebesglück das Kind wurde. Beim Manne war statt
dieser einfachen Fruchtbarkeit die ewige Sehnsucht da. War der Gott, der
alles so geschaffen hatte, denn böse oder feindselig, lachte er
schadenfroh über seine eigene Schöpfung? Nein, er konnte nicht böse
sein, wenn er die Rehe und Hirsche, die Fische und Vögel, den Wald, die
Blumen, die Jahreszeiten geschaffen hatte. Aber der Riß ging durch seine
Schöpfung, sei es nun, daß sie mißglückt und unvollkommen war, sei es,
daß Gott eben mit dieser Lücke und Sehnsucht des Menschendaseins
besondere Absichten haben mochte, sei es, daß dies der Same des Feindes
war, die Erbsünde? Aber warum denn sollte diese Sehnsucht und Ungenüge
Sünde sein? Entstand nicht aus ihr alles Schöne und Heilige, was der
Mensch geschaffen hatte und Gott als Dankopfer zurückgab?
Von seinen Gedanken bedrückt, richtete er den Blick auf die Stadt,
erspähte Markt und Fischmarkt, die Brücken, die Kirchen, das Rathaus.
Und da war auch das Schloß, der stolze Bischofspalast, in dem jetzt der
Graf Heinrich regierte. Unter diesen Türmen und langen Dächern wohnte
Agnes, wohnte seine schöne königliche Geliebte, die so hochmütig aussah
und in der Liebe sich doch so sehr vergessen und hingeben konnte.
Freudig dachte er an sie, freudig und dankbar erinnerte er sich der
vergangenen Nacht. Um das Glück dieser Nacht erleben, um diese
wunderbare Frau so beglücken zu können, dazu hatte es seines ganzen
Lebens bedurft, all der Schulung durch Frauen, all der Wanderschaft und
Not, all der durchwanderten Schneenächte und all der Freundschaft und
Vertrautheit mit Tieren, Blumen, Bäumen, Wassern, Fischen,
Schmetterlingen. Es bedurfte dazu der in Wollust und in Gefahr
geschärften Sinne, der Heimatlosigkeit, der ganzen in vielen Jahren
gehäuften Bilderwelt im Innern. Solange sein Leben ein Garten war, in
dem solche Zauberblumen wie Agnes blühten, durfte er nicht klagen.
Den ganzen Tag brachte er auf den herbstlichen Höhen zu, wandernd,
rastend, Brot essend, an Agnes und den Abend denkend. Um die Zeit des
Zunachtens war er wieder in der Stadt und näherte sich dem Schloß. Es
war kühl geworden, und die Häuser blickten aus stillen roten
Fensteraugen, es begegnete ihm ein kleiner Zug von singenden Knaben, die
trugen auf Stäben ausgehöhlte Rüben über sich, in welche Gesichter
geschnitzt und brennende Kerzen gesteckt waren. Der kleine Mummenschanz
brachte einen Duft von Winter mit sich, lächelnd sah Goldmund ihm nach.
Lange Zeit trieb er sich vor dem Schloß herum. Noch immer war die
Pfaffengesandtschaft da, hier und dort sah man in einem Fenster einen
der geistlichen Herren stehen. Endlich gelang es ihm, sich ins Innere zu
schleichen und die Zofe Berta zu finden. Wieder wurde er in der
Kleiderkammer verborgen, bis Agnes erschien und ihn zärtlich in ihr
Zimmer führte. Zärtlich empfing ihn ihr schönes Gesicht, zärtlich, aber
gar nicht froh; sie war traurig, sie machte sich Sorgen, sie war
ängstlich. Er mußte sich viel Mühe geben, sie ein wenig zu erheitern.
Langsam gewann sie unter seinen Küssen und Liebesworten etwas
Zuversicht.
„Du kannst so sehr lieb sein“, sagte sie dankbar. „Du hast so tiefe Töne
in deiner Kehle, mein Vogel, wenn du zärtlich bist und gurrst und
schwatzest. Ich hab’ dich lieb, Goldmund. Wenn wir doch weit von hier
wären! Es gefällt mir nicht mehr hier, es wird ja ohnehin bald zu Ende
sein, der Graf ist abberufen, bald soll der dumme Bischof zurückkommen.
Der Graf ist heut böse, die Pfaffen haben ihn geplagt. Ach du, daß er
dich nicht zu sehen bekommt! Du würdest keine Stunde mehr leben. Es ist
mir so bange um dich.“
In seiner Erinnerung stiegen halbverlorene Klänge auf – hatte er nicht
dies Lied schon vor Zeiten einmal gehört? So hatte einst Lydia zu ihm
gesprochen, so liebend und angstvoll, so zärtlich-traurig. So war sie
nachts in seine Kammer gekommen, voll Liebe und voll Angst, voll Sorgen,
voll von schrecklichen Bildern der Furcht. Er hörte es gerne, das
zärtlich-ängstliche Lied. Was wäre Liebe ohne Heimlichkeit! Was wäre
Liebe ohne Gefahr!
Sanft zog er Agnes an sich, streichelte sie, hielt ihre Hand, summte ihr
leise Werbungen ins Ohr, küßte ihre Augenbrauen. Es rührte und entzückte
ihn, sie seinetwegen so angstvoll und besorgt zu finden. Dankbar empfing
sie seine Liebkosungen, beinahe demütig, sie drängte sich voll Liebe an
ihn, aber heiter wurde sie nicht.
Und plötzlich zuckte sie heftig zusammen, man hörte in der Nähe eine Tür
zuschlagen, und rasche Schritte näherten sich dem Zimmer.
„Um Gottes willen, er ist es!“ rief sie verzweifelt, „es ist der Graf.
Schnell, durch die Kammer kannst du entkommen. Schnell! Verrate mich
nicht!“
Schon hatte sie ihn in die Kleiderkammer gedrängt, allein stand er und
tappte zögernd im Finstern. Drüben hörte er den Grafen laut mit Agnes
sprechen. Er tastete sich zwischen den Kleidern hindurch zur
Ausgangstür, lautlos setzte er Fuß vor Fuß. Nun war er bei der Türe, die
zum Korridor führte, und suchte sie leise zu öffnen. Und in diesem
Augenblick erst, als er die Tür von außen verschlossen fand, erschrak
auch er, und sein Herz begann wild und schmerzhaft zu schlagen. Es
konnte ein unglücklicher Zufall sein, daß jemand, seit er hier
hereingekommen war, diese Tür verschlossen hatte. Er glaubte aber nicht
daran. Er war in eine Falle gegangen, er war verloren; irgend jemand
mußte ihn gesehen haben, als er hier hereinschlich. Es würde ihm den
Hals kosten. Zitternd stand er im Finstern, und sogleich fiel Agnesens
Abschiedswort ihm ein: „Verrate mich nicht!“ Nein, er würde sie nicht
verraten. Sein Herz hämmerte, aber der Entschluß machte ihn fest,
trotzig biß er die Zähne zusammen.
Dies war alles in wenigen Augenblicken geschehen. Jetzt ging jenseits
die Tür, und aus Agnesens Zimmer trat der Graf herein, mit einem
Leuchter in der Linken und dem gezogenen Schwert in der Rechten. Im
selben Augenblick raffte Goldmund mit hastigem Griff einige von den
rings um ihn hängenden Kleidern und Mänteln zusammen und nahm sie über
den Arm. Man sollte ihn für einen Dieb halten, vielleicht war dies ein
Ausweg.
Der Graf hatte ihn sofort gesehen. Langsam kam er heran.
„Wer ist man? Was tut man hier? Antwort, oder ich stoße zu.“
„Verzeihet“, flüsterte Goldmund, „ich bin ein armer Mann, und Ihr seid
so reich! Ich gebe alles zurück, Herr, was ich genommen habe, seht!“
Und er legte die Mäntel an den Boden.
„So, also gestohlen hast du? Es war nicht klug von dir, für einen alten
Mantel dein Leben zu wagen. Bist du ein Stadtbürger?“
„Nein, Herr, ich bin heimatlos. Ich bin ein armer Mann, Ihr werdet
Nachsicht haben –“
„Hör auf! Ich möchte wohl wissen, ob du am Ende so frech warst, die
gnädige Frau belästigen zu wollen. Aber da du ohnehin gehängt wirst,
brauchen wir das nicht zu untersuchen. Der Diebstahl genügt.“
Er klopfte heftig gegen die geschlossene Tür und rief: „Seid ihr da?
Aufmachen!“
Die Tür wurde von außen geöffnet, drei Knechte standen mit gezogenen
Klingen bereit.
„Bindet ihn gut“, rief der Graf mit einer Stimme, die vor Hohn und
Hochmut knarrte. „Es ist ein Landstreicher, der hier gestohlen hat.
Setzt ihn fest, und morgen früh hängt den Schelm an den Galgen.“
Es wurden Goldmund, ohne daß er sich wehrte, die Hände
zusammengeschnürt. So wurde er abgeführt, durch den langen Gang, die
Treppen hinab über den inneren Hof, ein Diener trug ein Windlicht
voraus. Vor einem runden eisenbeschlagenen Kellertor blieben sie stehen,
es wurde verhandelt und gescholten, es fehlte der Schlüssel zum Tor, ein
Knecht nahm das Windlicht, der Diener lief zurück, nach dem Schlüssel.
So standen sie, die drei Bewaffneten und der Gebundene, und warteten vor
dem Tor. Der mit dem Licht zündete dem Gefangenen neugierig ins Gesicht.
In diesem Augenblick kamen zwei von den Priestern vorüber, deren so
viele im Schloß zu Gast waren, sie kamen von der Schloßkapelle her und
blieben vor der Gruppe stehen, beide sahen sich die nächtliche Szene
aufmerksam an: die drei Knechte, den gebundenen Mann, wie sie dastanden
und warteten.
Goldmund bemerkte weder die Priester, noch sah er seine Wächter an. Er
konnte nichts sehen als das leise flackernde Licht, das dicht vor sein
Gesicht gehalten wurde und ihm in die Augen blendete. Und hinter dem
Licht in einer Dämmerung voll Grauen sah er noch etwas, etwas
Gestaltloses, Großes, Gespenstisches: den Abgrund, das Ende, den Tod.
Mit starren Augen stand er, nichts sehend und hörend. Einer der Priester
flüsterte angelegentlich mit den Knechten. Als er hörte, daß der Mann
sterben müsse und ein Dieb sei, fragte er, ob er einen Beichtvater
gehabt habe. Nein, hieß es, er sei auf frischer Tat festgenommen.
„So werde ich“, sagte der Priester, „am Morgen vor der Frühmesse mit den
heiligen Sakramenten zu ihm kommen und seine Beichte hören. Ihr stehet
mir dafür, daß er nicht vorher abgeführt wird. Mit dem Herrn Grafen
spreche ich noch heut. Der Mann mag ein Dieb sein, er hat doch das Recht
jedes Christen auf den Beichtvater und die Sakramente.“
Die Knechte wagten keinen Widerspruch. Sie kannten den geistlichen
Herrn, er gehörte zu den Herren von der Gesandtschaft, sie hatten ihn
mehrmals an des Grafen Tische speisen sehen. Und warum auch sollte man
dem armen Vagabunden die Beichte nicht gönnen?
Die Herren gingen davon. Goldmund stand und starrte. Endlich kam der
Diener mit dem Schlüssel und schloß auf. Der Gefangene wurde in ein
Kellergewölbe geführt, stolpernd taumelte er die paar Stufen hinab. Ein
paar dreibeinige Stühle ohne Lehne standen hier herum und ein Tisch, es
war der Vorraum eines Weinkellers. Sie rückten ihm ein Stühlchen an den
Tisch und hießen ihn sitzen.
„Es kommt morgen in der Frühe ein Pfaff, da kannst du noch beichten“,
sagte ihm einer von den Knechten. Dann gingen sie und verschlossen das
schwere Tor mit Sorgfalt.
„Laß mir das Licht da, Kamerad“, bat Goldmund.
„Nein, Brüderchen, damit könntest du Unfug anrichten. Es wird auch so
gehen. Sei gescheit und schick dich drein. Und wie lang brennt denn so
ein Licht? In einer Stunde wär’ es doch aus. Gut Nacht.“
Nun war er im Finstern allein, saß auf dem Stühlchen und legte den Kopf
auf den Tisch. Es war schlecht so zu sitzen, und die Einschnürungen an
seinen Handgelenken taten weh, doch drangen diese Empfindungen erst spät
in sein Bewußtsein. Vorerst saß er nur und legte den Kopf auf den Tisch
wie auf einen Richtblock, es trieb ihn ein Drang, auch mit Leib und
Sinnen das zu tun, was jetzt seinem Herzen auferlegt war: sich
hinzugeben in das Unentrinnbare, sich zu ergeben in das Sterbenmüssen.
Eine Ewigkeit lang blieb er so sitzen, jammervoll hingebogen, und
versuchte, das Auferlegte auf sich zu nehmen, es einzuatmen, es
einzusehen und sich mit ihm zu erfüllen. Es war jetzt Abend, es begann
die Nacht, und das Ende dieser Nacht wird auch ihm das Ende bringen. Das
mußte er versuchen zu begreifen. Er wird morgen nicht mehr leben. Er
wird hängen, er wird ein Ding sein, auf das die Vögel sich setzen und an
dem sie picken, er wird das sein, was der Meister Niklaus war, was die
Lene in der verbrannten Hütte war, was alle jene waren, die er in den
leergestorbenen Häusern und auf den vollgestopften Leichenkarren hatte
liegen sehen. Es war nicht leicht, es einzusehen und sich davon erfüllen
zu lassen. Es war geradezu unmöglich, es einzusehen. Es war allzu
vieles, wovon er sich noch nicht getrennt hatte, wovon er noch nicht
Abschied genommen hatte. Die Stunden dieser Nacht waren ihm gegeben, um
es zu tun.
Er mußte Abschied nehmen von der schönen Agnes, nie mehr würde er ihre
große Gestalt, ihr lichtes sonniges Haar, ihre kühlen blauen Augen
sehen, nie das Schwachwerden und Zittern des Hochmuts in diesen Augen,
nie mehr den süßen Goldflaum auf ihrer duftenden Haut. Lebt wohl, blaue
Augen, leb wohl, feuchter zuckender Mund! Oft noch hatte er ihn zu
küssen gehofft. Oh, noch heut auf den Hügeln, in der Spätherbstsonne,
wie hatte er ihrer gedacht, ihr angehört, sich nach ihr gesehnt! Aber
Abschied nehmen mußte er auch von den Hügeln, von der Sonne, vom blauen
weißgewölkten Himmel, Abschied von den Bäumen und Wäldern, von der
Wanderschaft, von den Tageszeiten und Jahreszeiten. Nun saß vielleicht
Marie noch auf, die arme Marie mit den guten liebenden Augen und dem
hinkenden Gang, saß und wartete, schlief in ihrer Küche ein und wachte
wieder auf, und kein Goldmund kam mehr nach Hause.
Ach, und das Papier und der Zeichenstift, und die Hoffnung auf alle die
Figuren, die er noch hatte machen wollen! Dahin, dahin! Und die Hoffnung
auf ein Wiedersehen mit Narziß, mit dem lieben Jünger Johannes, auch sie
mußte er hingeben.
Und Abschied nehmen mußte er von seinen eigenen Händen, von seinen
eigenen Augen, von Hunger und Durst, Speise und Trank, von der Liebe,
vom Lautenspielen, vom Schlafen und Erwachen, von allem. Morgen flog ein
Vogel durch die Luft, und Goldmund sah ihn nicht mehr, es sang ein
Mädchen im Fenster, und er hörte es nicht mehr singen, es lief der Strom
und schwammen stumm die dunkeln Fische, es ging ein Wind und fegte das
gelbe Laub am Boden, es schien eine Sonne und ein Sternenhimmel, es
zogen junge Leute zum Tanzplatz, es lag ein erster Schnee auf den fernen
Bergen – und alles ging weiter, alle Bäume legten ihre Schatten neben
sich, alle Menschen blickten froh oder traurig aus ihren lebendigen
Augen, die Hunde bellten, die Kühe brüllten in den Ställen der Dörfer,
und alles ohne ihn, alles gehörte ihm nicht mehr, von allem war er
weggerissen.
Er roch den Morgengeruch der Heide, er schmeckte den süßen jungen Wein
und die jungen festen Walnüsse, es flog eine Erinnerung, ein
aufleuchtender Widerschein der ganzen farbigen Welt durch sein
bedrängtes Herz, untersinkend und Abschied nehmend glänzte das ganze
schöne wirre Leben noch einmal durch alle seine Sinne, und er zog sich
in ausbrechendem Weh zusammen und fühlte Träne um Träne aus seinen Augen
rinnen. Aufschluchzend gab er sich der Woge hin, heftig flossen seine
Tränen, zusammenstürzend gab er sich dem unendlichen Weh anheim. Oh, ihr
Täler und waldigen Berge, ihr Bäche im grünen Erlengehölz, ihr Mädchen,
ihr Mondabende auf den Brücken, o du schöne strahlende Bilderwelt, wie
soll ich dich lassen! Weinend lag er über dem Tisch, ein trostloses
Kind. Aus der Not seines Herzens stieg ein Seufzer und flehender
Klageruf: „O Mutter, o Mutter!“
Und indem er den Zaubernamen sprach, antwortete ihm ein Bild aus der
Tiefe seiner Erinnerung, das Bild der Mutter. Es war nicht die
Muttergestalt seiner Gedanken und Künstlerträume, es war das Bild seiner
eigenen Mutter, schön und lebendig, wie er es seit den Klosterzeiten nie
mehr gesehen hatte. An sie richtete er seine Klage, ihr weinte er dies
unerträgliche Leid des Sterbenmüssens entgegen, ihr gab er sich anheim,
ihr gab er den Wald, die Sonne, die Augen, die Hände, ihr gab er sein
ganzes Wesen und Leben zurück, in die mütterlichen Hände.
Mitten in seinen Tränen schlief er ein; mütterlich nahm ihn Erschöpfung
und Schlaf in die Arme. Eine Stunde schlief er, oder zwei, und war dem
Elend entrückt.
Wieder erwacht, empfand er heftige Schmerzen. Peinlich brannten die
zerschnürten Handgelenke, zerrende Schmerzen zogen durch Rücken und
Nacken. Mit Mühe richtete er sich auf, kam zu sich und erkannte seine
Lage wieder. Es war vollkommene schwarze Finsternis um ihn her, er wußte
nicht, wie lang er geschlafen habe, er wußte nicht, wieviel Stunden ihm
noch zu leben blieben. Vielleicht schon im nächsten Augenblick kamen sie
und holten ihn fort, zum Sterben. Da erinnerte er sich, daß ihm ein
Priester versprochen worden war. Er glaubte nicht, daß dessen Sakramente
ihm viel würden nützen können. Er wußte nicht, ob auch die vollkommenste
Lossprechung und Sündenvergebung ihn in den Himmel bringen könne. Er
wußte nicht, ob es einen Himmel gebe, und einen Gottvater, und ein
Gericht, und eine Ewigkeit. Er hatte in diesen Dingen seit langem jede
Gewißheit verloren.
Aber ob es nun eine Ewigkeit geben mochte oder nicht: er begehrte sie
nicht, er wollte nichts als dies unsichere, vergängliche Leben, dieses
Atmen, dieses Zuhausesein in seiner Haut, er wollte nichts als leben.
Rasend richtete er sich auf, tappte schwankend im Dunkeln bis zur Mauer,
lehnte sich aufrecht an die Wand und begann nachzudenken. Es mußte doch
eine Rettung geben! Vielleicht war der Priester die Rettung, war
vielleicht von seiner Unschuld zu überzeugen, legte ein Wort für ihn ein
oder verhalf ihm zu Aufschub oder Flucht? Heftig vertiefte er sich in
diese Gedanken, immer wieder. Und wenn es damit nichts war, so wollte er
es doch nicht aufgeben, das Spiel durfte noch nicht verloren sein. Er
würde also zuerst versuchen, den Priester für sich zu gewinnen, er würde
sich die äußerste Mühe geben, ihn zu bezaubern, ihn warm zu bekommen,
ihn zu überzeugen, ihm zu schmeicheln. Der Priester war die einzige gute
Karte in seinem Spiel, alle andern Möglichkeiten waren Träume. Immerhin,
es gab Zufälle und Fügungen; der Henker konnte eine Kolik bekommen, der
Galgen konnte brechen, es konnte sich eine vorher nicht auszudenkende
Fluchtmöglichkeit einstellen. Auf alle Fälle weigerte Goldmund sich, zu
sterben; er hatte vergeblich versucht, dies Schicksal in sich
einzulassen und aufzunehmen, es war ihm nicht gelungen. Er würde sich
zur Wehr setzen und bis aufs äußerste kämpfen, er würde dem Wächter ein
Bein stellen, er würde den Henker niederrennen, er würde sich bis zum
letzten Augenblick mit jedem Blutstropfen um sein Leben wehren. – Oh,
wenn er doch den Pfaffen dazu bringen könnte, daß er ihm die Hände
losbände! Unendlich viel wäre dann gewonnen.
Inzwischen versuchte er, auf die Schmerzen nicht achtend, mit seinen
Zähnen an den Stricken zu arbeiten. Mit wütender Anstrengung brachte er
es nach grausam langer Zeit dahin, daß sie ihm ein wenig gelockert
schienen. Er stand keuchend in der Nacht seines Gefängnisses, die
verschwollenen Arme und Hände taten sehr weh. Als er wieder zu Atem
gekommen war, schlich er tastend die Mauer entlang, immer weiter,
durchforschte Schritt um Schritt die feuchte Kellerwand, ob er keine
vorspringende Kante finde. Da fielen die Stufen ihm ein, über die er in
dies Verlies gestolpert war. Er suchte und fand sie. Er kniete nieder
und versuchte, den Strick an einer der steinernen Stufenkanten zu
reiben. Es ging schwer, immer trafen statt des Stricks seine Handknöchel
auf den Stein, es schmerzte wie Feuer, er fühlte das Blut rinnen. Doch
ließ er nicht nach. Als schon zwischen Tor und Schwelle ein kläglich
dünner Streifen grauen Morgenscheines zu sehen war, hatte er es
erreicht. Der Strick war durchgerieben, er konnte ihn lösen, er hatte
die Hände frei! Nachher aber konnte er kaum einen Finger bewegen, die
Hände waren verschwollen und abgestorben, und die Arme waren bis in die
Schultern hinauf steif verkrampft. Er mußte sie üben, er zwang sie zu
Bewegungen, damit das Blut sie wieder durchströme. Denn er hatte jetzt
einen Plan, der ihm gut schien.
Sollte er es gar nicht erreichen können, daß der Pfaffe ihm half, nun
dann mußte er, falls man den Mann auch nur die kleinste Weile mit ihm
allein ließ, ihn totschlagen. Mit einem der Stühle würde es gehen.
Erwürgen konnte er ihn nicht, dazu war nicht Kraft genug in Händen und
Armen. Also ihn erschlagen, schnell sein Priesterkleid umnehmen und
darin entkommen! Bis die andern den Totgeschlagenen fanden, mußte er aus
dem Schlosse sein, und dann laufen, laufen! Marie würde ihn hereinlassen
und verbergen. Er mußte es versuchen. Es war möglich.
Noch nie in seinem Leben hatte Goldmund das Morgengrauen so beobachtet,
erharrt, ersehnt und doch gefürchtet wie in dieser Stunde. Bebend vor
Spannung und Entschlossenheit äugte er mit Jägeraugen, wie der elende
Lichtspalt unterm Tor langsam, langsam heller wurde. Er kehrte zum Tisch
zurück und übte sich darin, so mit den Händen zwischen den Knien auf der
Stabelle zu hocken, daß man das Fehlen seiner Fesseln nicht gleich
bemerken konnte. Seit seine Hände frei waren, glaubte er nicht mehr an
den Tod. Er war entschlossen, durchzukommen, und wenn die ganze Welt
dabei in Scherben ging. Er war entschlossen zu leben, um jeden Preis.
Seine Nase bebte vor Begierde nach Freiheit und Leben. Und wer weiß,
vielleicht kam man ihm von draußen zu Hilfe? Agnes war ein Weib, und
ihre Macht reichte nicht weit, vielleicht auch nicht ihr Mut; es war
möglich, daß sie ihn preisgab. Aber sie liebte ihn, vielleicht konnte
sie doch etwas tun. Vielleicht schlich draußen die Zofe Berta – und gab
es nicht auch noch einen Reitknecht, von dem sie meinte, daß Verlaß auf
ihn sei? Und wenn niemand erschien und ihm kein Zeichen gegeben wurde,
nun dann führte er seinen Plan aus. Mißglückte er, so schlug er mit dem
Stuhl die Wächter tot, zwei oder drei oder wie viele eben kamen. Eines
Vorteils war er gewiß: seine Augen hatten sich an den finsteren Raum
gewöhnt, jetzt in der Dämmerung erkannte er ahnend alle Formen und Maße,
während die anderen hier zuerst ganz blind sein würden.
Fiebernd hockte er nun am Tisch, genau überlegend, was er dem Priester
zu sagen habe, um ihn als Helfer zu gewinnen, denn damit mußte begonnen
werden. Zugleich beobachtete er gierig das bescheidene Wachsen des
Lichtes in der Spalte. Den Augenblick, den er vor Stunden so sehr
gefürchtet hatte, ersehnte er jetzt mit Inbrunst, kaum konnte er ihn
mehr erwarten; die furchtbare Spannung ließ sich nicht lange mehr
ertragen. Auch mußten ja seine Kräfte, seine Aufmerksamkeit, seine
Entschlußkraft und Wachheit allmählich wieder abnehmen. Der Wärter mit
dem Priester mußte bald kommen, solang diese gespannte Bereitschaft,
dieser entschlossene Wille zur Rettung noch in der Blüte stand.
Endlich erwachte draußen die Welt, endlich näherte sich der Feind. Es
hallten Schritte auf dem Hofpflaster, es wurde der Schlüssel ins Loch
gesteckt und gedreht, jeder dieser Laute klang nach der langen
Todesstille laut wie Donner.
Und jetzt öffnete sich langsam das schwere Tor ein Stückchen weit und
kreischte in den Angeln. Herein kam ein Geistlicher, ohne Begleitung,
ohne Wächter. Allein kam er herein, einen Leuchter mit zwei Kerzen
tragend. Nun war alles wieder anders, als der Gefangene es sich gedacht
hatte.
Und wie sonderbar und bewegend: der eingetretene Priester, hinter
welchem unsichtbare Hände die Tür wieder zudrückten, trug die
Ordenstracht des Klosters Mariabronn, die wohlbekannte, heimatliche
Tracht, wie sie einst der Abt Daniel, der Pater Anselm, der Pater Martin
getragen hatten!
Der Anblick gab ihm einen wunderlichen Stoß im Herzen, er mußte die
Augen abwenden. Das Erscheinen dieser Klostertracht mochte Freundliches
versprechen, es mochte ein gutes Zeichen sein. Aber vielleicht gab es
doch keinen anderen Ausweg als den Totschlag. Er biß die Zähne zusammen.
Es würde ihm sehr schwer fallen, diesen Ordensbruder umzubringen.