Noch eh der Sommer ganz verblüht war, fand das Hüttenleben sein Ende,
anders als sie gedacht hatten. Es kam ein Tag, da trieb sich Goldmund
lange mit einer Vogelschleuder in der Gegend herum in der Hoffnung, etwa
ein Rebhuhn oder sonst ein Wild zu erwischen, die Nahrung war ziemlich
karg geworden. Lene war in der Nähe und sammelte Beeren, manchmal strich
er an ihrem Revier vorüber und sah überm Gesträuch ihren Kopf auf dem
braunen Hals aus dem Leinenhemd ragen oder hörte sie singen; einmal
naschte er ein paar Beeren bei ihr, dann streifte er weiter und sah sie
eine Weile nicht mehr. Er dachte an sie, halb zärtlich, halb ärgerlich,
sie hatte wieder einmal vom Herbst und von der Zukunft gesprochen, und
daß sie schwanger zu sein glaube, und daß sie ihn nicht fortlasse. Nun
geht es bald zu Ende, dachte er, bald wird es genug sein, dann wandere
ich allein und lasse auch Robert zurück, ich will sehen, daß ich bis
gegen den Winter wieder in die große Stadt zum Meister Niklaus komme,
dann bleibe ich den Winter dort, und im nächsten Frühling kauf’ ich mir
neue gute Schuhe und ziehe los und schlage mich durch, bis ich in unser
Kloster nach Mariabronn komme und Narziß begrüßen kann, es werden wohl
zehn Jahre sein, daß ich ihn nicht gesehen habe. Ich muß ihn
wiedersehen, sei es auch nur für einen Tag oder zwei.
Ein unvertrauter Laut weckte ihn aus seinen Gedanken, und plötzlich ward
ihm bewußt, wie er mit allen Gedanken und Wünschen schon weit fort und
nicht mehr hier gewesen war. Er horchte scharf, jener bange Laut
wiederholte sich, er glaubte Lenes Stimme zu erkennen und folgte ihr,
obwohl es ihm nicht gefiel, daß sie ihm rufe. Bald war er nah genug –
ja, das war Lenes Stimme, und sie schrie wie in großer Not seinen Namen.
Er lief rascher, noch immer etwas geärgert, bei ihren wiederholten
Schreien aber nahmen Mitleid und Besorgnis in ihm überhand. Als er sie
endlich sehen konnte, saß oder kniete sie in der Heide, mit ganz
zerrissenem Hemde, und rang schreiend mit einem Mann, der sie
vergewaltigen wollte. In langen Sprüngen kam Goldmund heran, und was an
Ärger, Unruhe und Trauer in ihm gewesen war, entlud sich in einer
rasenden Wut gegen den fremden Attentäter. Er überraschte ihn, wie er
Lene vollends zu Boden drücken wollte, ihre nackte Brust blutete, gierig
hielt der Fremde sie umklammert. Goldmund warf sich auf ihn und preßte
ihm mit wütenden Händen die Kehle zusammen, die sich hager und sehnig
anfühlte und mit wolligem Bart bewachsen war. Mit Wonne drückte Goldmund
zu, bis der andere das Mädchen losließ und ihm erschlafft in den Händen
hing; weiter würgend schleifte er den Kraftlosen und halb Entseelten ein
Stück am Boden fort bis zu einigen grauen Felsrippen, die da nackt aus
der Erde standen. Hier hob er den Besiegten, so schwer er war, zweimal,
dreimal hoch und ließ seinen Kopf auf die kantigen Felsen schlagen. Mit
gebrochenem Genick warf er den Körper weg, sein Zorn war noch nicht
gesättigt, er hätte ihn noch weiter mißhandeln mögen.
Strahlend sah Lene zu. Ihre Brust blutete, und sie zitterte noch am
ganzen Leibe und schnappte nach Luft, aber sie hatte sich alsbald
aufgerafft und sah mit einem entrückten Blick voll Wollust und
Bewunderung zu, wie ihr starker Geliebter den Eindringling
dahinschleppte, wie er ihn würgte, wie er ihm das Genick brach und
seinen Leichnam von sich schmiß. Wie eine totgeschlagene Schlange lag
der Tote da, schlaff und verrenkt, sein graues Gesicht mit wüstem Bart
und dünnen ärmlichen Haaren hing ihm jämmerlich hintenüber. Jubelnd
richtete Lene sich auf und fiel Goldmund ans Herz, doch erbleichte sie
plötzlich, der Schrecken lag ihr noch in den Gliedern, es wurde ihr übel
und sie sank erschöpft ins Blaubeerenkraut. Bald aber konnte sie mit
Goldmund zur Hütte gehen. Goldmund wusch ihr die Brust, sie war
zerkratzt, und die eine Brust hatte eine Bißwunde von den Zähnen des
Unholds.
Robert regte sich sehr über das Abenteuer auf, hitzig fragte er nach den
Einzelheiten des Kampfes.
„Das Genick gebrochen, sagst du? Großartig! Goldmund, man muß dich
fürchten.“
Aber Goldmund mochte nicht weiter davon reden, er war jetzt kühl
geworden, und im Weggehen von dem Toten hatte er an den armen
Schnapphahn Viktor denken müssen, und daß es nun der zweite Mensch sei,
der von seiner Hand gestorben war. Um Robert loszuwerden, sagte er: „Nun
könntest aber auch du etwas tun. Geh hinüber und schau, daß du die
Leiche wegbringst. Wenn es zu schwer geht, ein Loch für sie zu machen,
dann muß er in den Schilfsee hinübergetragen oder gut mit Steinen und
Erde bedeckt werden.“ Aber dies Ansinnen wurde abgelehnt, mit Leichen
wollte Robert nichts zu tun haben, man wisse bei keiner, ob nicht das
Pestgift in ihr stecke.
Lene hatte sich in der Hütte niedergelegt. Der Biß in der Brust
schmerzte, doch fühlte sie sich bald besser, stand wieder auf, fachte
Feuer an und kochte die Abendmilch; sie war sehr gut gelaunt, wurde aber
früh zu Bett geschickt. Sie gehorchte wie ein Lamm, so sehr bewunderte
sie Goldmund. Dieser war schweigsam und finster; Robert kannte das und
ließ ihn in Ruhe. Als Goldmund spät seine Streu aufsuchte, bückte er
sich horchend zu Lene hinab. Sie schlief. Er fühlte sich unruhig, dachte
an Viktor, fühlte Bangigkeit und Wandertrieb; er spürte, daß es zu Ende
sei mit dem Heimatspielen. Eines aber machte ihn besonders nachdenklich.
Er hatte den Blick aufgefangen, mit dem Lene ihn ansah, als er den toten
Kerl geschüttelt und weggeworfen hatte. Ein merkwürdiger Blick war das
gewesen, er wußte, daß er ihn nie vergessen würde: aus aufgerissenen,
entsetzten und entzückten Augen hatte da ein Stolz, ein Triumph
gestrahlt, eine tiefe leidenschaftliche Mitlust am Rächen und Töten, wie
er sie in einem Frauengesicht nie gesehen und nie geahnt hatte. Wäre
dieser Blick nicht gewesen, dachte er, so würde er vielleicht Lenes
Gesicht später einmal, mit den Jahren, vergessen haben. Dieser Blick
hatte ihr Bauernmädchengesicht groß, schön und schrecklich gemacht. Seit
Monaten hatten seine Augen nichts erlebt, das ihn mit dem Wunsch
durchzuckte: „Das müßte man zeichnen!“ Bei jenem Blick hatte er, mit
einer Art von Schrecken, diesen Wunsch wieder zucken gefühlt.
Da er nicht schlafen konnte, stand er schließlich auf und ging aus der
Hütte. Es war kühl, ein wenig Wind spielte in den Birken. Im Dunkeln
ging er auf und ab, setzte sich dann auf einen Stein, saß und versank in
Gedanken und in tiefe Traurigkeit. Es tat ihm leid um Viktor, es tat ihm
leid um den, den er heut erschlagen hatte, es tat ihm leid um die
verlorene Unschuld und Kindheit seiner Seele. War er darum aus dem
Kloster fortgegangen, hatte Narziß verlassen, hatte den Meister Niklaus
beleidigt und auf die schöne Lisbeth verzichtet – um nun da in einer
Heide zu lagern, verlaufenem Vieh aufzulauern, und um dort in den
Steinen diesen armen Kerl totzuschlagen? Hatte das alles Sinn, war es
wert, gelebt zu werden? Eng wurde ihm das Herz vor Unsinn und
Selbstverachtung. Er ließ sich zurücksinken, lag auf den Rücken
gestreckt und starrte in das bleiche Nachtgewölk, im langen Starren
vergingen ihm die Gedanken; er wußte nicht, starre er ins Gewölk des
Himmels oder in die trübe Welt seines eigenen Innern. Plötzlich, im
Augenblick, da er auf dem Stein entschlief, erschien hinzuckend wie ein
Wetterleuchten im treibenden Gewölk bleich ein großes Gesicht, das
Eva-Gesicht, es blickte schwer und verhangen, plötzlich aber riß es die
Augen weit auf, große Augen voll Wollust und voll Mordlust. Goldmund
schlief, bis der Tau ihn näßte.
Andern Tags war Lene krank. Man ließ sie liegen, es gab viel zu tun:
Robert hatte am Morgen zwei Schafe im Wäldchen angetroffen, die alsbald
vor ihm davonflohen. Er holte Goldmund, sie jagten mehr als den halben
Tag und fingen eins der Schafe ein; sie waren sehr müde, als sie gegen
Abend mit dem Tier zurückkamen. Lene fühlte sich sehr schlecht. Goldmund
beschaute und befühlte sie, und fand Pestbeulen. Er verheimlichte es,
aber Robert schöpfte Verdacht, als er hörte, Lene sei noch krank, und
blieb nicht in der Hütte. Er werde sich draußen eine Schlafstelle
suchen, sagte er, und die Ziege nehme er auch mit, auch sie könnte
angesteckt werden.
„So schere dich zum Teufel“, schrie Goldmund ihn wütend an, „ich begehre
dich nicht wiederzusehen.“ Die Ziege packte er und nahm sie zu sich
hinter die Ginsterwand. Lautlos verlor sich Robert, ohne Ziege, ihm war
übel vor Angst, Angst vor der Pest, Angst vor Goldmund, Angst vor der
Einsamkeit und Nacht. Er legte sich nahe der Hütte nieder.
Goldmund sagte zu Lene: „Ich bleibe bei dir, mach dir keine Sorgen. Du
wirst schon wieder gesund werden.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nimm dich in acht, Lieber, daß du nicht auch die Krankheit kriegst, du
darfst nicht mehr so nahe zu mir herkommen. Gib dir keine Mühe, mich zu
trösten. Ich muß sterben, und es ist mir lieber zu sterben, als daß ich
eines Tages sehen muß, daß dein Lager leer ist und du mich verlassen
hast. Jeden Morgen habe ich daran gedacht und mich gefürchtet. Nein, ich
sterbe lieber.“
Am Morgen stand es schon schlecht mit ihr. Goldmund hatte ihr von Zeit
zu Zeit einen Schluck Wasser gegeben, hatte zwischenein eine Stunde
geschlafen. Jetzt beim Hellwerden erkannte er in ihrem Gesicht deutlich
den nahen Tod, es war schon so welk und mürbe. Er trat für einen
Augenblick aus der Hütte, um Luft zu schöpfen und nach dem Himmel zu
sehen. Ein paar krumme rote Kiefernstämme am Waldrand leuchteten schon
sonnig, frisch und süß schmeckte die Luft, die fernen Hügel waren noch
unsichtbar im Morgengewölk. Er ging eine kleine Strecke weit, reckte die
müden Glieder und holte tief Atem. Schön war die Welt an diesem
traurigen Morgen. Nun würde bald die Wanderschaft wieder beginnen. Es
galt Abschied zu nehmen.
Vom Walde her rief Robert ihn an. Ob es besser gehe? Wenn es nicht die
Pest sei, bleibe er da, Goldmund möge ihm doch nicht böse sein, er habe
inzwischen das Schaf gehütet.
„Geh zur Hölle samt deinem Schaf“, rief Goldmund ihm zu, „Lene liegt im
Sterben, und auch ich bin angesteckt.“
Das letzte war gelogen; er sagte es, um den andern loszuwerden. Mochte
dieser Robert ein gutherziger Kerl sein, Goldmund hatte genug von ihm,
er war ihm zu feig und zu klein, er paßte ihm allzu schlecht in diese
Zeit voll Schicksal und Erschütterung. Robert verlor sich und kam nicht
wieder. Hell kam die Sonne herauf.
Als er wieder zu Lene kam, lag sie schlafend. Auch er schlief nochmals
ein, im Traum sah er sein einstiges Pferd Bleß und den schönen
Klosterkastanienbaum; ihm war zumute, als blicke er aus unendlicher
Ferne und Öde auf eine verlorene holde Heimat zurück, und als er
erwachte, liefen ihm Tränen über die blondbärtigen Wangen. Mit schwacher
Stimme hörte er Lene sprechen; er glaubte, sie rufe ihm, und stemmte
sich auf seinem Lager hoch, aber sie sprach zu niemand, sie lallte nur
Worte vor sich hin, Koseworte, Schimpfworte, lachte ein wenig, begann
alsdann schwer zu seufzen und zu schlucken und wurde allmählich wieder
still. Goldmund stand auf, beugte sich über ihr schon entstelltes
Gesicht, mit bitterer Neugierde folgte sein Auge den Linien, die sich
unterm sengenden Hauch des Todes so elend verbogen und verwirrten. Liebe
Lene, rief sein Herz, liebes gutes Kind, willst auch du mich schon
verlassen? Hast du schon genug von mir?
Gern wäre er davongelaufen. Wandern, wandern, marschieren, Luft atmen,
müde werden, neue Bilder sehen, das hätte ihm wohlgetan, das würde
vielleicht seine tiefe Bedrücktheit lindern. Aber er konnte nicht, es
war ihm unmöglich, das Kind hier allein liegen und sterben zu lassen.
Kaum traute er sich, alle paar Stunden für eine Weile hinauszugehen, um
frische Luft zu atmen. Da Lene keine Milch mehr annahm, trank er sich
selbst daran satt, sonst war nichts zu essen da. Auch die Ziege führte
er einige Male hinaus, daß sie fresse, Wasser trinke und sich bewege.
Dann stand er wieder an Lenes Lager, murmelte ihr zärtlich zu, blickte
unentwegt in ihr Gesicht und sah trostlos, aber aufmerksam ihrem Sterben
zu. Sie war bei Bewußtsein, zuweilen schlief sie, und wenn sie erwachte,
öffnete sie die Augen nur noch halb, die Lider waren müd und erschlafft.
Hier um die Augen und die Nase herum sah das junge Mädchen von Stunde zu
Stunde älter aus, auf dem frischen jungen Hals saß ein schnell welkendes
Großmuttergesicht. Sie sprach nur selten ein Wort, sagte „Goldmund“ oder
„Liebster“ und suchte die geschwollenen bläulichen Lippen mit der Zunge
zu befeuchten. Dann gab er ihr ein paar Tropfen Wasser.
In der folgenden Nacht starb sie. Sie starb ohne zu klagen, es war nur
ein kurzes Zucken, dann stand der Atem still, und es lief ein Hauch über
die Haut, bei dem Anblick wogte ihm das Herz, und es fielen ihm die
sterbenden Fische ein, die er oft auf dem Fischmarkt gesehen und
bedauert hatte: gerade so waren sie erloschen, mit einem Zuck und mit
einem leisen wehen Schauder, der über ihre Haut lief und den Glanz und
das Leben mitnahm. Er kniete noch eine Weile neben Lene, dann ging er
ins Freie und setzte sich in die Heidekrautbüsche. Die Ziege fiel ihm
ein, er ging nochmals hinein und holte das Tier heraus, das sich nach
kurzem Herumsuchen zu Boden legte. Er legte sich neben sie, den Kopf auf
ihrer Flanke, und schlief, bis es hell wurde. Nun ging er zum letztenmal
in die Hütte und hinter die geflochtene Wand, sah zum letztenmal das
arme Totengesicht. Es widerstrebte ihm, die Tote da liegenzulassen. Er
ging und suchte Arme voll Dürrholz und welkes Gestrüpp zusammen, das
warf er in die Hütte, schlug Feuer und zündete an. Aus der Hütte nahm er
nichts mit sich als das Feuerzeug. Hellauf brannte im Augenblick die
dürre Ginsterwand. Draußen blieb er stehen und schaute zu, das Gesicht
vom Feuer gerötet, bis auch das ganze Dach in Flammen stand und die
ersten Dachbalken stürzten. Ängstlich und klagend sprang die Ziege. Es
wäre richtig gewesen, das Tier zu töten und ein Stück von ihm zu rösten
und zu essen, um Kraft für die Wanderschaft zu haben. Aber es war ihm
nicht möglich; er trieb die Geiß in die Heide und ging davon. Bis in den
Wald hinein folgte ihm der Rauch von der Brandstelle. Nie hatte er eine
Wanderung so trostlos angetreten.
Und dennoch war das, was ihn nun erwartete, noch schlimmer, als er
gedacht hätte. Bei den ersten Höfen und Dörfern begann es und dauerte an
und wurde ärger, je weiter er kam. Die ganze Gegend, das ganze weite
Land stand unter einer Wolke von Tod, unter einem Schleier von Grauen,
Angst und Seelenverfinsterung, und das Schlimmste waren nicht die
ausgestorbenen Häuser, die an der Kette verhungerten und verwesenden
Hofhunde, die unbegraben liegenden Toten, die bettelnden Kinder, die
Massengräber vor den Städten. Das Schlimmste waren die Lebenden, die
unter der Last von Schrecken und Todesangst ihre Augen und ihre Seelen
verloren zu haben schienen. Wunderliche und grausige Dinge bekam der
Wanderer überall zu hören und zu sehen. Eltern hatten die Kinder und
Gatten ihre Frauen verlassen, wenn sie krank geworden waren. Die
Pestknechte und Spitalbüttel herrschten wie Henker, sie raubten in den
leergestorbenen Häusern, ließen nach ihrer Willkür bald die Leichen
unbeerdigt, bald rissen sie die Sterbenden, noch eh sie ausgeatmet
hatten, aus den Betten und auf die Leichenkarren. Geängstete Flüchtlinge
irrten einsam umher, verwildert, jede Berührung mit Menschen meidend,
von Todesfurcht gejagt. Andere taten sich in aufgepeitschter,
erschreckter Lebenslust zusammen, hielten Zechgelage und feierten Tanz-
und Liebesfeste, bei denen der Tod die Fiedel strich. Verwahrlost,
trauernd oder lästernd, mit irren Augen hockten andere vor den
Friedhöfen oder vor ihren entvölkerten Häusern. Und, schlimmer als
alles: Jeder suchte für das unerträgliche Elend einen Sündenbock, jeder
behauptete die Verruchten zu kennen, die an der Seuche schuld und ihre
böswilligen Urheber seien. Teuflische Menschen, hieß es, sorgten
schadenfroh für die Verbreitung des Sterbens, indem sie aus den
Pestleichen das Seuchengift holten und an die Mauern und Türklinken
strichen, Brunnen und Vieh damit vergifteten. Wer in den Verdacht dieser
Greuel kam, war verloren, wenn er nicht gewarnt wurde und fliehen
konnte; er wurde entweder von der Justiz oder vom Pöbel mit dem Tod
bestraft. Außerdem gaben die Reichen den Armen die Schuld und umgekehrt,
oder es sollten die Juden sein, oder die Welschen, oder die Ärzte. In
einer Stadt sah Goldmund mit grimmigem Herzen zu, wie die ganze
Judengasse brannte, Haus an Haus, rundum stand das johlende Volk, und
die schreienden Flüchtlinge wurden mit Waffengewalt ins Feuer
zurückgejagt. Im Irrsinn der Angst und Erbitterung wurden überall
Unschuldige totgeschlagen, verbrannt, gefoltert. Mit Wut und Ekel sah
Goldmund zu, die Welt schien zerstört und vergiftet, es schien keine
Freude, keine Unschuld, keine Liebe mehr auf Erden zu geben. Oft floh er
zu den heftigen Festen der Lebenslustigen, überall klang die Fiedel des
Todes, er lernte ihren Klang bald kennen, oft nahm er teil an den
verzweifelten Gelagen, oft spielte er dabei die Laute oder tanzte beim
Pechfackelschein durch fiebernde Nächte mit.
Furcht fühlte er nicht. Einst hatte er die Todesangst gekostet, in jener
Winternacht unter den Tannen, als Viktors Finger um seine Kehle gedrückt
lagen, und auch im Schnee und Hunger manches harten Wandertages. Das war
ein Tod gewesen, mit dem man kämpfen, gegen den man sich zur Wehr setzen
konnte, und er hatte sich gewehrt, mit zitternden Händen und Füßen, mit
klaffendem Magen, mit erschöpften Gliedern, hatte sich gewehrt, hatte
gesiegt und war entkommen. Mit diesem Pesttod aber war nicht zu kämpfen,
man mußte ihn toben lassen und sich ergeben, und Goldmund hatte sich
längst ergeben. Er hatte keine Furcht, es schien, als sei ihm nichts
mehr am Leben gelegen, seit er Lene in der brennenden Hütte
zurückgelassen hatte, seit er Tag um Tag durch das vom Tod verheerte
Land zog. Aber eine ungeheure Neugierde trieb ihn und hielt ihn wach; er
war unermüdlich, dem Schnitter zuzusehen, das Lied der Vergänglichkeit
zu hören, nirgends wich er aus, überall ergriff ihn dieselbe stille
Leidenschaft, dabei zu sein und mit wachen Augen den Gang durch die
Hölle zu tun. Er aß verschimmeltes Brot in ausgestorbenen Häusern, er
sang und zechte Wein bei den wahnsinnigen Gelagen, pflückte die schnell
welkende Blume der Lust, sah in die starren trunkenen Augen der Weiber,
sah in die starren blöden Augen der Betrunkenen, sah in die erlöschenden
Augen der Sterbenden, liebte die verzweifelten fiebernden Frauen, half
Tote hinaustragen für einen Teller Suppe, half für zwei Groschen Erde
über nackte Leichen schütten. Es war dunkel und wild in der Welt
geworden, heulend sang der Tod sein Lied, Goldmund hörte es mit offenen
Ohren, mit brennender Leidenschaft.
Sein Ziel war die Stadt des Meisters Niklaus, dorthin zog ihn die Stimme
in seinem Herzen. Lang war der Weg, und er war voll Tod, voll Welke und
Sterben. Traurig zog er hin, berauscht vom Todeslied, hingegeben an das
laut schreiende Leid der Welt, traurig und dennoch glühend, mit weit
offenen Sinnen.
In einem Kloster sah er ein neugemaltes Wandbild, das mußte er lange
betrachten. Es war da der Totentanz an eine Mauer gemalt, da tanzte der
bleiche knöcherne Tod die Menschen aus dem Leben, den König, den
Bischof, den Abt, den Grafen, den Ritter, den Arzt, den Bauer, den
Landsknecht, alle nahm er mit, und beinerne Musikanten spielten auf
hohlen Knochen dazu auf. Tief sogen Goldmunds neugierige Augen das Bild
in sich ein. Da hatte ein unbekannter Kollege die Lehre aus dem gezogen,
was er vom schwarzen Tod gesehen hatte, und schrie die bittere Predigt
vom Sterbenmüssen den Menschen gell in die Ohren. Es war gut, das Bild,
es war eine gute Predigt, nicht schlecht hatte dieser fremde Kollege die
Sache gesehen und hingestrichen, es klang beinern und schaurig aus
seinem wilden Bilde. Aber doch war es nicht das, was er selbst,
Goldmund, gesehen und erlebt hatte. Es war das Sterbenmüssen, das hier
gemalt war, das strenge und unerbittliche. Goldmund aber hätte sich ein
anderes Bild gewünscht, ganz anders klang in ihm das wilde Lied des
Todes, nicht beinern und streng, sondern eher süß und verführend,
heimwärtslockend, mütterlich. Da, wo der Tod seine Hand ins Leben
streckte, klang es nicht nur so grell und kriegerisch, es klang auch
tief und liebevoll, herbstlich und satt, und in der Todesnähe glühte das
Lebenslämpchen heller und inniger. Mochte der Tod für andere ein
Krieger, ein Richter oder Henker, ein strenger Vater sein – für ihn war
der Tod auch eine Mutter und Geliebte, sein Ruf ein Liebeslocken, seine
Berührung ein Liebesschauer. Als Goldmund den gemalten Totentanz
betrachtet hatte und weiterging, zog es ihn mit erneuter Macht zum
Meister und zum Schaffen. Aber überall gab es Aufenthalte, neue Bilder
und Erlebnisse, mit bebenden Nüstern atmete er die Todesluft, überall
verlangte Mitleid oder Neugierde eine Stunde, einen Tag von ihm. Drei
Tage lang hatte er einen kleinen greinenden Bauernknaben bei sich, trug
ihn stundenlang auf seinem Rücken, einen halbverhungerten Wicht von fünf
oder sechs Jahren, der ihm viel Mühe machte und den er nur schwer wieder
loswerden konnte. Endlich nahm ihm eine Köhlerfrau den Buben ab, ihr
Mann war gestorben, sie wollte wieder etwas Lebendiges um sich haben.
Tagelang begleitete ihn ein herrenloser Hund, fraß ihm aus der Hand,
wärmte ihn beim Schlafen, eines Morgens aber hatte er sich wieder
verloren. Es tat ihm leid, er hatte sich daran gewöhnt, mit dem Hunde zu
sprechen; halbe Stunden lang richtete er grüblerische Reden an das Tier,
über die Schlechtigkeit der Menschen, über die Existenz Gottes, über die
Kunst, über die Brüste und Hüften einer jungen Ritterstochter namens
Julie, die er einst in seiner Jugend gekannt hatte. Denn natürlich war
Goldmund auf seiner Todeswanderung ein klein wenig verrückt geworden,
alle Menschen im Pestgebiet waren ein wenig verrückt, und viele waren es
ganz und gar. Ein klein wenig verrückt war vielleicht auch die junge
Jüdin Rebekka, das schöne schwarze Mädchen mit den brennenden Augen, mit
dem er sich zwei Tage versäumte.
Er fand sie vor einer kleinen Stadt im Felde, bei einem schwarz
verkohlten Trümmerhaufen hockte sie und heulte, schlug sich ins Gesicht
und riß an ihren schwarzen Haaren. Die Haare erbarmten ihn, sie waren so
schön, und er fing ihre wütenden Hände und hielt sie fest und redete dem
Mädchen zu und nahm dabei wahr, daß auch ihr Gesicht und Wuchs von
großer Schönheit war. Sie klagte um ihren Vater, der war samt vierzehn
anderen Juden auf Befehl der Obrigkeit zu Asche verbrannt worden, sie
aber hatte fliehen können, war nun aber verzweifelt zurückgekehrt und
klagte sich an, daß sie sich nicht habe mitverbrennen lassen. Geduldig
hielt er ihre zuckenden Hände fest und sprach sanft auf sie ein, brummte
mitleidig und beschützend, bot ihr Hilfe an. Sie verlangte, daß er ihr
helfe, ihren Vater zu begraben, und sie sammelten aus der noch heißen
Asche alle Knochen heraus, trugen sie feldeinwärts ins Verborgene und
bedeckten sie mit Erde. Es war darüber Abend geworden, und Goldmund
suchte einen Schlafplatz, in einem Eichenwäldchen richtete er dem
Mädchen ein Lager, versprach ihr, zu wachen, und hörte zu, wie sie im
Liegen weiterweinte und schluckte und endlich einschlief. Dann schlief
auch er ein wenig, und am Morgen begann er seine Werbung. Er sagte ihr,
daß sie so allein nicht bleiben könne, man würde sie als Jüdin erkennen
und totschlagen, oder wüste Landfahrer würden sie mißbrauchen, und im
Wald seien Wölfe und Zigeuner. Er aber, er nehme sie mit sich und
schütze sie gegen Wolf und Mensch, denn sie tue ihm leid, und er sei ihr
sehr gut, denn er habe Augen im Kopf und wisse, was Schönheit sei, und
nie werde er dulden, daß diese süßen klugen Augenlider und diese holden
Schultern von Tieren gefressen würden oder auf den Scheiterhaufen kämen.
Finster hörte sie ihn an, sprang auf und lief davon. Er mußte sie jagen
und fangen, eh er fortfahren konnte.
„Rebekka“, sagte er, „du siehst doch, daß ich es nicht schlimm mit dir
meine. Du bist betrübt, du denkst an deinen Vater, du willst jetzt
nichts von Liebe wissen. Aber morgen oder übermorgen oder später werde
ich dich wieder fragen, und bis dahin beschütze ich dich und bringe dir
zu essen und rühre dich nicht an. Sei du traurig, solange es nötig ist.
Du sollst bei mir traurig sein können oder fröhlich, du sollst immer nur
das tun, was dir Freude macht.“
Aber alles war in den Wind geredet. Sie wolle nichts tun, sagte sie
verbissen und wütend, was Freude mache, sie wolle tun, was Schmerzen
bringe, nie mehr werde sie an etwas wie Freude denken, und je eher der
Wolf sie fräße, desto besser sei es für sie. Er solle nun gehen, es
helfe nichts, es sei schon viel zuviel geredet.
„Du“, sagte er, „siehst du denn nicht, daß überall der Tod ist, daß in
allen Häusern und Städten gestorben wird und alles voll von Jammer ist.
Auch die Wut der dummen Menschen, die deinen Vater verbrannt haben, ist
nichts als Not und Jammer, sie kommt nur aus allzu großem Leiden. Schau,
bald holt auch uns der Tod, und wir verfaulen im Feld, und mit unseren
Knochen würfelt der Maulwurf. Laß uns vorher noch leben und lieb
miteinander sein. Ach du, es wäre so schade um deinen weißen Hals und um
deinen kleinen Fuß! Liebes schönes Mädchen, komm mit mir, ich rühre dich
nicht an, ich will dich nur sehen und für dich sorgen.“
Er flehte noch lange und fühlte plötzlich selbst, wie nutzlos es sei,
mit Worten und Gründen zu werben. Er schwieg und sah sie traurig an. Ihr
stolzes königliches Gesicht war starr vor Abweisung.
„So seid ihr“, sagte sie endlich mit einer Stimme voll Haß und
Verachtung, „so seid ihr Christen! Erst hilfst du einer Tochter ihren
Vater begraben, den deine Leute gemordet haben und dessen letzter
Fingernagel mehr wert ist als du, und kaum ist es getan, so soll das
Mädchen dir gehören und mit dir buhlen gehen. So seid ihr! Zuerst dachte
ich, vielleicht seiest du ein guter Mensch. Aber wie solltest du gut
sein! Ach, ihr seid Säue.“
Während sie sprach, sah Goldmund in ihren Augen, hinter dem Haß, etwas
glühen, was ihn rührte und beschämte und ihm tief zu Herzen ging. Er sah
in ihren Augen den Tod, aber nicht das Sterbenmüssen, sondern das
Sterbenwollen, das Sterbendürfen, die stille Gefolgschaft und Hingabe an
den Ruf der Erdenmutter.
„Rebekka“, sagte er leise, „du hast vielleicht recht. Ich bin kein guter
Mensch, obwohl ich es mit dir gutgemeint habe. Verzeih mir. Ich habe
dich erst jetzt verstanden.“
Mit gezogener Mütze grüßte er sie tief wie eine Fürstin und ging davon,
schweren Herzens; er mußte sie untergehen lassen. Lange blieb er betrübt
und mochte mit niemand sprechen. So wenig sie einander glichen, so
erinnerte dies stolze arme Judenkind ihn doch auf irgendeine Art an
Lydia, die Tochter des Ritters. Es brachte Leiden, solche Frauen zu
lieben. Aber eine Weile schien es ihm so, als habe er niemals eine
andere geliebt als diese beiden, die arme ängstliche Lydia und die
scheue bittere Jüdin.
Noch manchen Tag dachte er an das schwarze glühende Mädchen und träumte
manche Nacht von der schlanken brennenden Schönheit ihres Leibes, die zu
Glück und Blüte bestimmt schien und doch schon dem Sterben ergeben war.
O daß diese Lippen und Brüste den „Säuen“ zur Beute werden und im Feld
verwesen sollten! Gab es denn keine Macht, keinen Zauber, diese
kostbaren Blüten zu retten? Ja, es gab einen solchen Zauber: daß sie in
seiner Seele weiterlebten und von ihm gestaltet und aufbewahrt würden.
Mit Schrecken und mit Entzücken fühlte er, wie voll von Bildern seine
Seele war, wie dies lange Wandern durch das Todesland ihn mit Figuren
vollgeschrieben hatte. O wie spannte diese Fülle in seinem Innern, wie
sehnlich verlangte ihn danach, sich still auf sie zu besinnen, sie
abströmen zu lassen und in bleibende Bilder zu verwandeln! Glühender und
begieriger strebte er weiter, noch immer mit offenen Augen und
neugierigen Sinnen, aber voll heftiger Sehnsucht nach Papier und Stift,
nach Ton und Holz, nach Werkstatt und Arbeit.
Der Sommer war vorüber. Viele versicherten, daß mit dem Herbst oder doch
mit dem Winteranfang die Seuche aufhören werde. Es war ein Herbst ohne
Fröhlichkeit. Goldmund kam durch Gegenden, in denen niemand mehr da war,
das Obst zu ernten, es fiel von den Bäumen und faulte im Gras; an
anderen Orten wurde es von verwilderten Horden, die aus den Städten
kamen, in rohen Raubzügen geplündert und vergeudet.
Langsam näherte sich Goldmund seinem Ziel, und in dieser letzten Zeit
befiel ihn mehrmals die Furcht, er möchte vorher noch die Pest erwischen
und in irgendeinem Stalle sterben müssen. Er wollte jetzt nicht mehr
sterben, nicht, ehe er das Glück genossen hätte, noch einmal in einer
Werkstatt zu stehen und sich dem Schaffen hinzugeben. Zum erstenmal in
seinem Leben war ihm jetzt die Welt zu weit und das deutsche Reich zu
groß. Kein hübsches Städtchen konnte ihn zur Rast verlocken, keine
hübsche Bauernmagd hielt ihn länger fest als eine Nacht.
Einmal aber kam er an einer Kirche vorüber, an deren Portal standen in
tiefen, von Schmucksäulchen getragenen Nischen viele Steinfiguren aus
sehr alter Zeit, Figuren von Engeln, Aposteln und Märtyrern, wie er
ähnliche schon oft gesehen hatte; auch in seinem Kloster, in Mariabronn,
hatte es manche Figuren dieser Art gegeben. Früher, als Jüngling, hatte
er sie gerne, aber ohne Leidenschaft betrachtet; sie schienen ihm schön
und würdevoll, aber ein wenig zu feierlich und etwas steif und
altväterisch. Später dann, nachdem er am Ende seiner ersten großen
Wanderschaft von jener süßen traurigen Mutter Gottes des Meisters
Niklaus so sehr ergriffen und entzückt worden war, hatte er diese
altfränkisch feierlichen Steinfiguren allzu schwer und starr und fremd
gefunden, er hatte sie mit einem gewissen Hochmut betrachtet und hatte
in der neuen Art seines Meisters eine viel lebendigere, innigere,
beseeltere Kunst gesehen. Heute nun, da er voll von Bildern, die Seele
gezeichnet von den Narben und Spuren heftiger Abenteuer und Erlebnisse,
voll schmerzlicher Sehnsucht nach Besinnung und nach neuem Schaffen aus
der Welt zurückkam, rührten diese uralten strengen Figuren sein Herz
plötzlich mit übermächtiger Gewalt. Andächtig stand er vor den
ehrwürdigen Bildern, in welchen das Herz einer lang vergangenen Zeit
fortlebte und die Ängste und Entzückungen längst verschwundener
Geschlechter nach Jahrhunderten noch zu Stein erstarrt der
Vergänglichkeit Trotz boten. In seinem verwilderten Herzen erhob sich
schauernd und demütig das Gefühl der Ehrfurcht und ein Grauen vor seinem
vergeudeten und verbrannten Leben. Er tat, was er unendlich lange nicht
mehr getan hatte, er suchte einen Beichtstuhl auf, um zu bekennen und
sich strafen zu lassen.
Aber wohl gab es Beichtstühle in der Kirche, doch in keinem einen
Priester; sie waren gestorben, lagen im Hospital, waren geflohen,
fürchteten Ansteckung. Die Kirche war leer, hohl klangen Goldmunds
Schritte im Steingewölbe wider. Er kniete vor einem der leeren
Beichtstühle nieder, schloß die Augen und flüsterte ins Sprechgitter
hinein: „Lieber Gott, sieh, was aus mir geworden ist. Ich komme aus der
Welt zurück und bin ein schlechter unnützer Mensch geworden, ich habe
meine jungen Jahre vertan wie ein Verschwender, wenig ist
übriggeblieben. Ich habe getötet, ich habe gestohlen, ich habe gehurt,
ich bin müßiggegangen und habe andern das Brot weggegessen. Lieber Gott,
warum hast du uns so geschaffen, warum führst du uns solche Wege? Sind
wir nicht deine Kinder? Ist nicht dein Sohn für uns gestorben? Gibt es
nicht Heilige und Engel, uns zu leiten? Oder sind das alles hübsche
erfundene Geschichten, die man den Kindern erzählt und über die die
Pfaffen selber lachen? Ich bin irr an dir geworden, Gottvater, du hast
die Welt übel geschaffen, schlecht hältst du sie in Ordnung. Ich habe
Häuser und Gassen voll von Toten liegen sehen, ich habe gesehen, wie die
Reichen sich in ihren Häusern verschanzt haben oder geflohen sind und
wie die Armen ihre Brüder unbegraben haben liegenlassen, wie sie einer
den anderen verdächtigt und die Juden wie Vieh totgeschlagen haben. Ich
habe so viele Unschuldige leiden und untergehen sehen und so viele Böse
im Wohlleben schwimmen. Hast du uns denn ganz vergessen und verlassen,
ist dir deine Schöpfung ganz entleidet, willst du uns alle zugrunde
gehen lassen?“
Seufzend trat er durchs hohe Portal heraus und sah die schweigenden
Steinbilder, Engel und Heilige, hager und hoch in ihren starr gefalteten
Gewändern stehen, unbewegt, unerreichbar, übermenschlich und doch von
Menschenhand und aus Menschengeist geschaffen. Streng und taub standen
sie da oben auf ihrem knappen Raume, keiner Bitte und Frage zugänglich,
und waren doch ein unendlicher Trost, waren ein triumphierender Sieg
über Tod und Verzweiflung, wie sie in ihrer Würde und Schönheit standen
und ein hinsterbendes Menschengeschlecht ums andere überdauerten. Ach,
daß hier auch die arme schöne Jüdin Rebekka stünde und die arme, mit der
Hütte verbrannte Lene und die holde Lydia und Meister Niklaus! Aber sie
würden einmal stehen und dauern, er würde sie hinstellen, und ihre
Gestalten, die ihm heute Liebe und Qual, Angst und Leidenschaft
bedeuteten, würden vor den später Lebenden stehen, ohne Namen und
Geschichte, stille, schweigende Sinnbilder des Menschenlebens.