In den ersten Zeiten seiner neuen Wanderschaft, im ersten gierigen
Taumel der wiedergewonnenen Freiheit, mußte Goldmund erst wieder lernen,
das heimatlose und zeitlose Leben der Fahrenden zu leben. Keinem
Menschen gehorsam, abhängig nur von Wetter und Jahreszeit, kein Ziel vor
sich, kein Dach über sich, nichts besitzend und allen Zufällen offen,
führen die Heimatlosen ihr kindliches und tapferes, ihr ärmliches und
starkes Leben. Sie sind die Söhne Adams, des aus dem Paradies
Vertriebenen, und sind die Brüder der Tiere, der unschuldigen. Aus der
Hand des Himmels nehmen sie Stunde um Stunde, was ihnen gegeben wird:
Sonne, Regen, Nebel, Schnee, Wärme und Kälte, Wohlsein und Not, es gibt
für sie keine Zeit, keine Geschichte, kein Streben und nicht jenen
seltsamen Götzen der Entwicklung und des Fortschritts, an den die
Hausbesitzer so verzweifelt glauben. Ein Vagabund kann zart oder roh
sein, kunstfertig oder tölpisch, tapfer oder ängstlich, immer aber ist
er im Herzen ein Kind, immer lebt er am ersten Tage, vor Anfang aller
Weltgeschichte, immer wird sein Leben von wenigen einfachen Trieben und
Nöten geleitet. Er kann klug sein oder dumm; er kann tief in sich
wissend sein, wie gebrechlich und vergänglich alles Leben ist und wie
arm und angstvoll alles Lebendige sein bißchen warmes Blut durch das Eis
der Welträume trägt, oder er kann bloß kindisch und gierig den Befehlen
seines armen Magens folgen – immer ist er der Gegenspieler und Todfeind
des Besitzenden und Seßhaften, der ihn haßt, verachtet und fürchtet,
denn er will nicht an all das erinnert werden: nicht an die Flüchtigkeit
alles Seins, an das beständige Hinwelken alles Lebens, an den
unerbittlichen eisigen Tod, der rund um uns das Weltall erfüllt.
Die Kindlichkeit des Vagantenlebens, seine mütterliche Herkunft, seine
Abkehr von Gesetz und Geist, seine Preisgegebenheit und heimliche
immerwährende Todesnähe hatten längst Goldmunds Seele tief ergriffen und
geprägt. Daß dennoch Geist und Wille in ihm wohnte, daß er dennoch ein
Künstler war, machte sein Leben reich und schwierig. Jedes Leben wird ja
erst durch Spaltung und Widerspruch reich und blühend. Was wäre Vernunft
und Nüchternheit ohne das Wissen vom Rausch, was wäre Sinnenlust, wenn
nicht der Tod hinter ihr stünde, und was wäre Liebe ohne die ewige
Todfeindschaft der Geschlechter?
Sommer und Herbst sanken hinab, mühsam brachte sich Goldmund durch die
kargen Monate, berauscht durchwanderte er den süßen duftenden Frühling,
die Jahreszeiten liefen so eilig hinweg, so schnell sank immer wieder
die hohe Sommersonne hinab. Es ging Jahr um Jahr, und es schien, als
habe Goldmund vergessen, daß es anderes auf Erden gebe als Hunger und
Liebe und diese stille unheimliche Eile der Jahreszeiten; es schien, als
sei er ganz in der mütterlichen, triebhaften Urwelt versunken. In jedem
Traum aber und bei jeder sinnenden Rast mit dem Blick über die blühenden
und welkenden Täler war er voll Schauen, war Künstler, litt an quälender
Sehnsucht, den holden dahintreibenden Unsinn des Lebens durch Geist zu
beschwören und in Sinn zu verwandeln.
Einst traf er, der seit dem blutigen Abenteuer mit Viktor nie mehr
anders als allein gewandert war, auf einen Kameraden, der sich
unmerklich ihm anschloß und den er eine ganze Weile nicht los wurde.
Doch war er nicht von der Art Viktors, sondern es war ein Rompilger, ein
noch junger Mann in Kutte und Pilgerhut, der Robert hieß und am Bodensee
zu Hause war. Dieser Mensch, ein Handwerkersohn und eine Weile bei den
Mönchen des heiligen Gallus zur Schule gegangen, hatte sich schon als
Knabe eine Wallfahrt nach Rom in den Kopf gesetzt und sich immer diesem
Lieblingsgedanken hingegeben und die erste Gelegenheit, ihn auszuführen,
ergriffen. Diese war der Tod seines Vaters, in dessen Werkstatt er als
Schreiner gearbeitet hatte. Kaum war der Alte begraben, da erklärte
Robert seiner Mutter und Schwester, daß nichts ihn zurückhalten könne,
sofort zur Stillung seines Dranges, und um für seine und seines Vaters
Sünden zu büßen, die Pilgerfahrt nach Rom anzutreten. Vergebens klagten
die Frauen, vergebens schalten sie ihn aus, er blieb eigensinnig und
trat, statt für die beiden Weiber zu sorgen, ohne den Segen der Mutter
und unter den zornigen Schimpfreden seiner Schwester die Reise an. Was
ihn trieb, war vor allem Wanderlust, mit ihr verband sich eine Art von
oberflächlicher Frömmigkeit, das heißt eine Neigung zum Verweilen in der
Nähe kirchlicher Stätten und geistlicher Verrichtungen, eine Freude an
Gottesdienst, Taufe, Begräbnis, Messe, Weihrauch und Kerzenflammen. Er
konnte ein wenig Latein, aber nicht Gelehrsamkeit war es, wonach seine
kindliche Seele strebte, sondern Beschaulichkeit und stille Schwärmerei
im Schatten der Kirchengewölbe. Er war als Knabe mit Leidenschaft dem
Dienst als Meßbub hingegeben gewesen. Goldmund nahm ihn nicht sehr ernst
und mochte ihn doch gern, ein wenig fühlte er sich ihm verwandt in dem
triebhaften Hingegebensein an Wanderung und Fremde. Robert war also
damals zufrieden losgewandert und auch bis nach Rom gekommen, hatte die
Gastfreundschaft unzähliger Klöster und Pfarreien in Anspruch genommen,
sich Gebirg und Süden betrachtet und sich in Rom zwischen allen den
Kirchen und frommen Veranstaltungen sehr wohlgefühlt, Hunderte von
Messen gehört und an den berühmtesten und heiligsten Örtern Andacht
verrichtet und die Sakramente genossen und mehr Weihrauch eingeatmet,
als für seine kleinen Jugendsünden und für die seines Vaters vonnöten
war. Ein Jahr und länger war er ausgeblieben, und als er schließlich
wiederkam und wieder ins väterliche Häuschen trat, empfing man ihn nicht
wie den verlorenen Sohn, sondern die Schwester hatte sich inzwischen der
häuslichen Pflichten und Rechte bemächtigt, hatte einen fleißigen
Schreinergesellen eingestellt und geheiratet und regierte Haus und
Werkstatt so vollkommen, daß der Heimgekehrte sich nach kurzem
Aufenthalt dort als entbehrlich erkannte und von niemand zum Bleiben
ermahnt wurde, als er bald wieder von Fortgehen und Reisen sprach. Er
nahm es nicht schwer, ließ sich von der Mutter einige Spargroschen
geben, schmückte sich wieder mit der Pilgertracht und trat eine neue
Wallfahrt an, ohne Ziel, quer durchs Reich, ein halbgeistlicher
Landfahrer. Kupferne Erinnerungsmünzen an bekannte Wallfahrtsorte und
geweihte Rosenkränze klirrten an ihm herab.
So traf er auf Goldmund, wanderte einen Tag mit ihm, tauschte
Landfahrererfahrungen mit ihm, verlor sich im nächsten Städtchen, traf
da und dort wieder auf ihn und blieb schließlich ganz bei ihm, ein
verträglicher und dienstwilliger Reisegefährte. Goldmund gefiel ihm
sehr, er warb mit kleinen Dienstleistungen um ihn, bewunderte sein
Wissen, seine Kühnheit, seinen Geist und liebte seine Gesundheit, Kraft
und Aufrichtigkeit. Sie gewöhnten sich aneinander, denn auch Goldmund
war verträglich. Nur eines vertrug er nicht: Wenn er von seiner
Traurigkeit oder Grübelei befallen war, dann schwieg er hartnäckig und
sah am andern vorbei, als wäre er nicht vorhanden, und dann durfte man
weder schwatzen noch fragen noch trösten und mußte ihn gewähren und
schweigen lassen. Dies hatte Robert bald gelernt. Seit er gemerkt hatte,
daß Goldmund eine Menge lateinischer Verse und Lieder auswendig wußte,
seit er ihn vor dem Portal eines Domes die steinernen Gestalten hatte
erklären hören, seit er ihn an eine leere Mauer, an der sie rasteten,
mit Rötel in schnellen großen Strichen lebensgroße Figuren hatte
hinzeichnen sehen, hielt er seinen Kameraden für einen Liebling Gottes
und beinahe für einen Zauberer. Daß er auch ein Liebling der Frauen war
und manche mit einem Blick und Lächeln sich zu eigen machte, sah Robert
ebenfalls; es gefiel ihm weniger, aber bewundern mußte er es doch.
Ihre Fahrt wurde einst auf unerwartete Weise unterbrochen. Eines Tages
kamen sie in die Nähe eines Dorfes, da empfing sie ein Häufchen Bauern,
mit Knütteln, Stangen und Dreschflegeln bewaffnet, und der Anführer
schrie ihnen von weitem zu, sie sollten alsbald umkehren und sich auf
Nimmerwiedersehen davonmachen, dem Teufel zu, sonst würden sie
totgeschlagen. Während Goldmund stehenblieb und zu wissen begehrte, was
denn los sei, traf ihn schon ein Steinwurf an die Brust. Robert, nach
dem er sich umblickte, war davongerannt wie besessen. Drohend rückten
die Bauern vor, und es blieb Goldmund nichts übrig, als dem Fliehenden
langsamer zu folgen. Zitternd erwartete ihn Robert unter einem Kreuz mit
einem Heiland daran, das mitten im Felde stand.
„Heldenmäßig bist du gelaufen“, lachte Goldmund. „Aber was haben denn
diese Mistfinken in ihren Dickköpfen? Ist denn Krieg? Stellen bewaffnete
Wachen vor ihr Nest und wollen niemand hereinlassen! Nimmt mich wunder,
was dahintersteckt.“
Sie wußten es beide nicht. Erst am folgenden Morgen machten sie in einem
alleinstehenden Bauernhof gewisse Erfahrungen und begannen das Geheimnis
zu erraten. Dieser Hof, aus Hütte, Stall und Scheune bestehend und von
einer grünen Hofstatt mit hohem Gras und vielen Obstbäumen umgeben, lag
merkwürdig still und verschlafen: keine Menschenstimme, kein Tritt, kein
Kindergeschrei, kein Sensendengeln, nichts war zu hören; in der Hofstatt
stand eine Kuh im Gras und brüllte, und man sah ihr an, daß es Zeit war,
sie zu melken. Sie traten vors Haus, klopften an die Tür, bekamen keine
Antwort, gingen zum Stall, der stand offen und leer, gingen zur Scheune,
auf deren Strohdach das lichtgrüne Moos in der Sonne gleißte, fanden
auch da keine Seele. Sie kehrten zum Hause zurück, verwundert und
betreten über die Verödung dieser Heimstatt, sie schlugen nochmals mit
Fäusten gegen die Tür, wieder kam keine Antwort. Goldmund versuchte zu
öffnen und fand zu seinem Erstaunen die Türe unverschlossen, er drückte
sie nach innen und trat in die finstere Stube. „Grüß’ Gott“, rief er
laut, und „Niemand daheim?“, aber es blieb alles still. Robert war vor
der Tür geblieben. Neugierig drang Goldmund vor. Es roch schlecht in der
Hütte, es roch sonderbar und widerlich. Die Feuerstelle war voll Asche,
er blies hinein, auf dem Grunde glommen noch Funken in verkohlten
Scheiten. Da sah er in der Dämmerung im Hintergrunde des Herdplatzes
jemand sitzen; jemand saß da in einem Sessel und schlief, es schien eine
alte Frau zu sein. Rufen half nichts, das Haus schien verzaubert.
Freundlich tippte er der sitzenden Frau auf die Schulter, sie bewegte
sich nicht, und jetzt sah er, daß sie mitten in einem Spinnennetze saß,
dessen Fäden zum Teil an ihrem Haar und ihren Knien befestigt waren.
„Die ist tot“, dachte er mit einem leichten Grausen, und um sich zu
überzeugen, machte er sich am Feuer zu schaffen, schürte und blies, bis
er Flamme hatte und einen langen Span entzünden konnte. Mit dem
leuchtete er der Sitzenden ins Gesicht. Er sah unter grauem Haar ein
blauschwarzes Leichengesicht, das eine Auge stand offen und blinkte leer
und bleiern. Das Weib war hier gestorben, im Stuhl sitzend. Nun ja, man
konnte ihr nicht helfen.
Mit dem brennenden Span in der Hand stöberte Goldmund weiter und fand im
selben Raum, auf der Schwelle zu einer hinteren Stube, noch eine Leiche
liegen, einen Knaben von vielleicht acht oder neun Jahren, mit
verschwollenem, entstelltem Gesicht, im bloßen Hemde. Er lag mit dem
Bauch auf der Balkenschwelle, mit beiden Händen machte er feste grimmige
Fäustchen. Das ist der zweite, dachte Goldmund; wie in einem häßlichen
Traum ging er weiter, in die Hinterstube, dort standen die Läden offen,
und der Tag schien hell herein. Vorsichtig löschte er seine Leuchte aus
und zertrat die Funken auf dem Boden.
In der Hinterstube standen drei Bettladen. Eine war leer, unterm derben
grauen Leilach sah das Stroh heraus. Im zweiten lag wieder einer, ein
bärtiger Mann, starr auf dem Rücken mit zurückgelegtem Kopf und
emporstehendem Kinn und Bart; es mußte der Bauer sein. Sein
eingesunkenes Gesicht schimmerte fahl in unvertrauten Todesfarben, ein
Arm hing bis zum Boden herab, dort lag umgeworfen und ausgelaufen ein
irdener Wasserkrug, das zerronnene Wasser war vom Boden noch nicht ganz
geschluckt, es war gegen eine Mulde gelaufen, in der stand noch eine
kleine Lache. Im zweiten Bett aber lag, in Leintuch und Kotzen ganz
eingegraben und verwickelt, eine starke große Frau, ihr Gesicht war ins
Bett eingedrückt, derbes strohblondes Haar schimmerte im hellen Licht.
Bei ihr und mit ihr verschlungen lag, wie im zerwühlten Leintuch
gefangen und erdrosselt, ein halbwüchsiges Mädchen, strohblond auch sie,
graublaue Flecken im Totengesicht.
Von einem Toten zum andern ging Goldmunds Blick. In dem Mädchengesicht,
obwohl es schon sehr entstellt war, stand noch etwas von hilflosem
Todesgrauen. Im Nacken und Haar der Mutter, die sich so tief und wild
ins Lager eingewühlt hatte, war Wut, Angst und leidenschaftliches
Fliehenwollen zu lesen. Namentlich das unbändige Haar konnte sich gar
nicht ins Sterben ergeben. Im Antlitz des Bauern war Trotz und
verbissener Schmerz; er war, so schien es, schwer, aber mannhaft
gestorben, sein bärtiges Gesicht ragte steil und starr in die Luft wie
das eines auf der Walstatt hingestreckten Kriegers. Diese still und
trotzig gereckte, ein wenig verbissene Haltung war schön; es war wohl
kein geringer und feiger Mensch gewesen, der den Tod so empfing. Rührend
aber war der kleine Leichnam des Knaben, der bäuchlings über der
Schwelle lag; sein Gesicht sagte nichts, aber seine Lage über der
Schwelle samt den festgeballten Kinderfäusten verkündete viel: ratloses
Leid, hilfloses Sichwehren gegen unerhörte Schmerzen. Dicht neben seinem
Kopf war in die Tür ein Katzenloch gesägt. Aufmerksam betrachtete
Goldmund alles. Es sah ohne Zweifel in dieser Hütte ziemlich scheußlich
aus, und der Leichengeruch war wüst; dennoch hatte für Goldmund das
alles eine tiefe Anziehungskraft, es war alles voll Größe und Schicksal,
so wahr, so unverlogen, irgend etwas daran gewann seine Liebe und drang
ihm in die Seele.
Mittlerweile fing draußen Robert an zu rufen, ungeduldig und ängstlich.
Goldmund hatte Robert gern, dennoch dachte er in diesem Augenblick, wie
sehr doch eigentlich ein lebender Mensch in seiner Angst, seiner
Neugierde, seiner ganzen Kinderei kleinlich und gering sei im Vergleich
mit den Toten. Er gab Robert keine Antwort; er gab sich ganz dem Anblick
der Toten hin, mit jener sonderbaren Mischung von herzlichem Mitfühlen
und kalter Beobachtung, wie die Künstler sie haben. Er sah sich die
liegenden Gestalten und auch die sitzende genau an, die Köpfe, die
Hände, die Bewegung, in der sie erstarrt waren. Wie still war es in
dieser verzauberten Hütte! Wie roch es sonderbar und schrecklich! Wie
war diese kleine Menschenheimat, in der noch ein Rest von Herdfeuer
glomm, gespenstisch und traurig, von Leichen bewohnt, ganz von Tod
erfüllt und durchzogen! Bald würde diesen stillen Gestalten das Fleisch
von den Wangen fallen, und die Ratten würden ihre Finger fressen. Was
andere Menschen im Sarge und im Grab, in gutem Versteck und unsichtbar
vollzogen, das Letzte und Armseligste, das Zerfallen und Verwesen, das
vollzogen diese Fünf hier zu Hause in ihren Stuben, bei Tageslicht, bei
unverschlossener Türe, unbekümmert, schamlos, schutzlos. Goldmund hatte
schon manchen Toten gesehen, aber solch einem Bilde von der
unerbittlichen Arbeit des Todes war er noch nie begegnet. Tief nahm er
es in sich auf.
Endlich störte ihn Roberts Schreien vor der Haustür, er ging hinaus.
Ängstlich sah der Kamerad ihn an.
„Was ist?“ fragte er leise, die Stimme voll Furcht. „Ist denn niemand im
Haus? Oh, und was machst du für Augen. Sprich doch!“
Goldmund maß ihn mit kühlem Blick.
„Geh hinein und sieh dir’s an, es ist ein komisches Bauernhaus. Nachher
melken wir die schöne Kuh drüben. Vorwärts!“
Unentschlossen betrat Robert die Hütte, steuerte auf die Herdstatt los,
entdeckte die sitzende Alte und stieß, als er merkte, sie sei tot, einen
lauten Schrei aus. Eilig kam er zurück, mit aufgerissenen Augen.
„Um Gottes willen! Da sitzt ein totes Weib am Herd. Was ist das? Warum
ist niemand bei ihr? Warum begräbt man sie nicht? O Gott, es riecht ja
schon.“
Goldmund lächelte.
„Du bist ein großer Held, Robert; aber du bist gar zu rasch wieder
umgekehrt. Eine tote alte Frau ist ja, wenn sie so im Stuhl sitzt, ein
merkwürdiger Anblick; aber du kannst, wenn du ein paar Schritte
weitergehst, noch viel Merkwürdigeres sehen. Es sind fünf, Robert. In
den Betten liegen drei, und ein toter Bub liegt mitten auf der Schwelle.
Alle sind tot. Die ganze Familie liegt und ist tot, das Haus ist
ausgestorben. Darum hat auch niemand die Kuh gemolken.“
Entsetzt starrte der andere ihn an, dann rief er plötzlich mit
erstickter Stimme: „Oh, jetzt versteh’ ich auch die Bauern, die uns
gestern nicht in ihr Dorf haben einlassen wollen. O Gott, jetzt wird mir
alles klar. Es ist die Pest! Es ist bei meiner armen Seele die Pest,
Goldmund! Und du bist so lange da drinnen gewesen, und womöglich hast du
die Toten angerührt! Weg, du, komm mir nicht näher, du bist sicher
vergiftet. Es tut mir leid, Goldmund, aber ich muß fort, ich kann nicht
bei dir bleiben.“
Er wollte schon laufen, wurde aber am Pilgerrock festgehalten. Goldmund
sah ihn streng mit stummem Tadel an und hielt ihn, der sich sträubte und
stemmte, unerbittlich fest.
„Mein kleiner Junge“, sagte er mit freundlich-spöttischem Ton, „du bist
klüger, als man meinen sollte, du wirst wahrscheinlich recht haben. Nun,
das werden wir im nächsten Hof oder Dorf erfahren. Wahrscheinlich ist
die Pest in dieser Gegend. Wir werden sehen, ob wir wohlbehalten wieder
davonkommen. Aber laufen lassen, kleiner Robert, kann ich dich nicht.
Schau, ich bin ein barmherziger Mensch, mein Herz ist viel zu weich, und
wenn ich denke, du könntest dich nun da drinnen angesteckt haben, und
ich ließe dich fortlaufen, und du legtest dich da irgendwo im Feld zum
Sterben hin, so ganz allein, und kein Mensch würde dir die Augen zutun
und keiner dir ein Grab machen und etwas Erde auf dich werfen – nein,
lieber Freund, da würgt mich der Jammer. Also paß auf und merke dir sehr
gut, was ich sage, ich sage es nicht zweimal: Wir zwei sind in der
gleichen Gefahr, es kann dich oder mich treffen. Wir bleiben also
beisammen, und wir werden beide miteinander entweder umkommen oder
dieser verfluchten Pest entrinnen. Wenn du krank wirst und stirbst, so
wirst du von mir begraben, das soll gelten. Und wenn ich es bin, der
sterben muß, dann tu wie du magst, begrabe mich oder drücke dich davon,
mir ist es einerlei. Vorher aber, Teurer, wird nicht ausgekniffen, merke
dir das! Wir werden einer den andern nötig haben. Und jetzt halte das
Maul, ich will nichts hören, und suche irgendwo im Stall einen Eimer,
daß wir endlich die Kuh melken können.“
So geschah es, und vom Augenblick an war es Goldmund, der befahl, und
Robert, der gehorchte, und es ging beiden gut dabei. Robert machte
keinen Versuch mehr zu entfliehen. Er sagte nur begütigend: „Ich hatte
einen Augenblick Angst vor dir. Dein Gesicht gefiel mir nicht, als du
aus dem Totenhaus zurückkamst. Ich glaubte, du hättest dir die Pest
geholt. Aber wenn es auch nicht die Pest ist, dein Gesicht ist anders
geworden. War es so schlimm, was du dort drinnen gesehen hast?“
„Es war nicht schlimm“, sagte Goldmund zögernd. „Ich habe dort drinnen
nichts gesehen als das, was mir und dir und allen bevorsteht, auch wenn
wir nicht die Pest bekommen.“
Im Weiterwandern stießen sie bald überall auf den schwarzen Tod, der im
Land regierte. Manche Dörfer ließen keinen Fremden ein, in anderen
konnten sie ungehindert durch alle Gassen gehen. Viele Höfe standen
verlassen, viele unbeerdigte Tote verwesten auf dem Felde oder in den
Stuben. In den Ställen brüllten ungemolken oder hungernd die Kühe, oder
das Vieh lief wild im Felde. Sie molken und fütterten manche Kuh und
Ziege, sie schlachteten und brieten am Waldrand manches Zicklein und
Ferkel und tranken Wein und Most aus manchem herrenlos gewordenen
Keller. Sie hatten ein gutes Leben, es herrschte Überfluß. Aber er
schmeckte ihnen nur halb. Robert lebte in immerwährender Angst vor der
Seuche, und beim Anblick der Leichen wurde ihm übel, oft war er ganz
verstört von Furcht; immer wieder glaubte er sich angesteckt, hielt Kopf
und Hände lang in den Rauch ihrer Lagerfeuer (das galt für heilsam),
tastete sogar im Schlaf an sich herum, ob nicht an den Beinen, an den
Armen, unter den Achseln die Beulen kämen.
Goldmund schalt ihn oft, oft spottete er ihn aus. Er teilte seine Furcht
nicht, und auch nicht seinen Ekel; er ging gespannt und düster durch das
Todesland, furchtbar angezogen vom Anblick des großen Sterbens, die
Seele voll vom großen Herbst, das Herz schwer vom Lied der mähenden
Sense. Manchmal erschien ihm das Bild der ewigen Mutter wieder, ein
bleiches Riesengesicht mit Medusenaugen, mit einem schweren Lächeln voll
Leid und Tod.
Sie kamen einst zu einer kleinen Stadt; sie war schwer befestigt, vom
Tor lief ein Wehrgang in Haushöhe um die ganze Stadtmauer, aber kein
Wächter stand oben und keiner im offenstehenden Tor. Robert weigerte
sich, die Stadt zu betreten, und beschwor auch seinen Kameraden, es
nicht zu tun. Indem hörten sie eine Glocke läuten, es kam zum Tor ein
Priester heraus, ein Kreuz in den Händen, und hinter ihm kamen drei
Lastwagen gefahren, zwei mit Pferden bespannt und einer mit einem Paar
Ochsen, und die Wagen waren bis oben angefüllt mit Leichen. Ein paar
Knechte in sonderbaren Mänteln, die Gesichter tief in Kapuzen verborgen,
liefen nebenher und trieben die Tiere an.
Robert verlor sich mit bleichem Gesicht, Goldmund folgte den Totenwagen
in kleiner Entfernung, es ging ein paar hundert Schritt weit, und da war
kein Friedhof, sondern mitten in der leeren Heide war ein Loch gegraben,
nur drei Spatenstiche tief, aber groß wie ein Saal. Goldmund stand und
sah zu, wie die Knechte mit Stangen und Bootshaken die Toten von den
Wagen rissen und sie zu Haufen in das große Loch stießen, wie der
Priester murmelnd sein Kreuz darüber schwang und davonging, wie die
Knechte auf allen Seiten des flachen Grabes große Feuer anzündeten und
schweigend in die Stadt zurückliefen, ohne daß jemand darangegangen
wäre, die Grube zuzuwerfen. Er schaute hinab, es mochten fünfzig oder
mehr da drinnen liegen, übereinander geschmissen, viele nackt. Starr und
klagend ragte hier und dort ein Arm oder Bein in die Luft, ein Hemde
flatterte schwach im Wind.
Als er zurückkam, flehte Robert ihn beinah auf Knien an, sie möchten
doch eiligst weiterziehen. Er hatte wohl Grund zu seinem Flehen, er sah
in Goldmunds abwesendem Blick diese ihm nun schon allzu bekannte
Versunkenheit und Starre, dies Hingewendetsein zum Schrecklichen, diese
furchtbare Neugierde. Es gelang ihm nicht, seinen Freund zurückzuhalten.
Allein ging Goldmund in die Stadt.
Er ging durchs unbewachte Tor, und indem er seinen Schritt vom Pflaster
widerhallen hörte, standen in seinem Gedächtnis viele Städtchen und
viele Tore auf, durch welche er so gewandert war, und er erinnerte sich,
wie da Kindergeschrei, Knabenspiel, Weibergezänk, Schmiedegehämmer auf
schönklingendem Amboß, Wagengerassel und viele andere Klänge ihn
empfangen hatten, feine und derbe Geräusche, deren Durcheinander wie zu
einem Netz geflochten das Vielerlei menschlicher Arbeit, Freude,
Verrichtung und Geselligkeit verkündet hatte. Hier nun, in diesem hohlen
Tor und dieser leeren Gasse, klang nichts, lachte nichts, schrie nichts,
alles lag erstarrt in Todesschweigen, worin die plaudernde Melodie eines
laufenden Brunnens allzu laut und beinah lärmend klang. Hinter einem
offenen Fenster war ein Bäcker inmitten seiner Laibe und Wecken zu
sehen; Goldmund deutete auf einen Wecken, und der Bäcker reichte ihn
vorsichtig auf langer Backschaufel heraus, wartete darauf, daß Goldmund
ihm Geld auf die Schaufel lege, und schloß sein Fensterchen böse, aber
ohne Gezeter, als der Fremde in den Wecken biß und weiterging, ohne zu
zahlen. Vor den Fenstern eines hübschen Hauses stand eine Reihe von
tönernen Töpfen, in denen hatten sonst Blumen geblüht, jetzt hingen
verdorrte Blätter über die leeren Scherben herab. Aus einem anderen
Hause drang Schluchzen und Jammergeschrei von Kinderstimmen. Aber in der
nächsten Gasse sah Goldmund oben hinter einem Fenster ein hübsches
Mädchen stehen und die Haare kämmen; er schaute ihr zu, bis sie seinen
Blick fühlte und herabblickte, errötend sah sie ihn an, und als er ihr
freundlich zulächelte, lief langsam und schwach auch über ihr errötetes
Gesicht ein Lächeln.
„Bald fertiggekämmt?“ rief er hinauf. Lächelnd beugte sie das lichte
Gesicht aus der Fensterhöhle.
„Noch nicht krank?“ fragte er, und sie schüttelte den Kopf. „Dann komm
mit mir aus dieser Totenstadt hinaus, wir wollen in den Wald gehen und
ein gutes Leben haben.“
Sie machte fragende Augen.
„Besinn dich nicht lange, es ist mir Ernst“, rief Goldmund. „Bist du bei
Vater und Mutter, oder bei fremden Leuten im Dienst? – Bei Fremden also.
Dann komm, liebes Kind; laß die alten Leute sterben, wir sind jung und
gesund und wollen es noch eine Weile gut haben. Komm, Braunhärchen, es
ist mein Ernst.“
Prüfend sah sie ihn an, zögernd, erstaunt. Er ging langsam weiter,
schlenderte durch eine Gasse ohne Menschen und durch eine zweite, und
kehrte langsam zurück. Da stand das Mädchen noch immer am Fenster,
vorgebeugt, und freute sich, daß er wiederkam. Sie winkte ihm zu,
langsam ging er weiter, bald kam sie nach, noch vor dem Tore holte sie
ihn ein, ein kleines Bündel in der Hand, ein rotes Tuch um den Kopf.
„Wie heißt du denn?“ fragte er sie.
„Lene. Ich komme mit dir. Oh, es ist so schlimm hier in der Stadt, alle
sterben. Nur fort, nur fort!“
In der Nähe des Tores kauerte Robert mißgelaunt am Boden. Er sprang auf,
als Goldmund kam, und riß die Augen auf, als er das Mädchen sah. Diesmal
ergab er sich nicht sogleich, er lamentierte und machte Szenen. Daß
einer da aus dem verfluchten Pestloch eine Person mit herausbringe und
daß man ihm zumuten wolle, ihre Gesellschaft zu dulden, das sei mehr als
verrückt, es sei Gott versucht, und er weigere sich, er gehe nicht mehr
mit, seine Geduld sei jetzt zu Ende.
Goldmund ließ ihn fluchen und klagen, bis er stiller wurde.
„So“, sagte er, „du hast uns nun lang genug angesungen. Du wirst jetzt
mit uns gehen und wirst dich freuen, daß wir eine so hübsche
Gesellschaft haben. Sie heißt Lene, und sie bleibt bei mir. Aber nun
will ich dir auch eine Freude machen, Robert, höre: wir wollen jetzt
eine Weile in Ruhe und Gesundheit leben und der Pestilenz aus dem Wege
gehen. Wir suchen uns einen hübschen Ort mit einer leeren Hütte, oder
bauen selber eine, da will ich mit Lene Hausherr und Hausfrau sein, und
du bist unser Freund und lebst mit uns. Wir wollen es jetzt ein bißchen
hübsch und freundlich haben. Einverstanden?“
O ja, Robert war sehr einverstanden. Wenn man nicht von ihm verlange,
daß er der Lene die Hand gebe oder ihre Kleider berühre – –
„Nein“, sagte Goldmund, „das wird nicht verlangt. Es wird dir sogar aufs
strengste verboten, die Lene mit einem Finger anzurühren. Laß dir das
nicht einfallen!“
Sie marschierten zu dreien weiter, schweigend zuerst, dann allmählich
fing das Mädchen zu sprechen an, wie froh sie sei, wieder Himmel und
Bäume und Wiesen zu sehen, es sei so grausig gewesen da drinnen in der
Peststadt, nicht zu sagen. Und sie fing an zu erzählen und ihr Gemüt von
den traurigen und scheußlichen Bildern zu entladen, die sie hatte sehen
müssen. Manche Geschichten erzählte sie, üble Geschichten, die kleine
Stadt mußte eine Hölle sein. Von den beiden Ärzten sei einer gestorben,
der andere gehe bloß zu den Reichen, und in vielen Häusern lägen die
Toten und verfaulten, weil niemand sie holte, in anderen Häusern aber
hätten die Totenknechte gestohlen, geludert und gehurt, und oft hätten
sie mit den Leichen auch die noch lebenden Kranken aus den Betten
gezerrt und auf ihre Schinderkarren geworfen und sie mit den Toten
zusammen in die Gruben geschmissen. Vielerlei Schlimmes hatte sie zu
erzählen; niemand unterbrach sie, Robert hörte entsetzt und lüstern zu,
und Goldmund blieb still und gleichmütig, er ließ das Grausige sich
entleeren und sagte nichts dazu. Was sollte man da auch sagen?
Schließlich wurde Lene müde, und der Strom versiegte, die Worte gingen
ihr aus. Da begann Goldmund langsamer zu gehen und fing ganz leise zu
singen an, ein Lied mit vielen Strophen, und mit jeder Strophe wurde
seine Stimme voller; Lene fing zu lächeln an, und Robert hörte beglückt
und tief verwundert zu – nie hatte er Goldmund bisher singen hören.
Alles konnte er, dieser Goldmund. Da ging er nun und sang, der
wunderliche Mensch! Er sang kunstvoll und rein, aber mit gedämpfter
Stimme. Und Lene summte schon beim zweiten Lied leise mit und fiel bald
mit voller Stimme ein. Es ging gegen Abend, fern hinter der Heide
standen schwarze Wälder und hinter ihnen blaue niedere Berge, die wie
von innen her immer blauer wurden. Bald fröhlich, bald feierlich klang
im Takt der Schritte ihr Gesang.
„Du bist heut so vergnügt“, sagte Robert.
„Ja, ich bin vergnügt, natürlich bin ich heut vergnügt, ich habe ja eine
so hübsche Liebste gefunden. Ach Lene, es ist schon gut, daß dich die
Totenknechte für mich übriggelassen haben. Morgen werden wir ein kleines
Heimatchen finden, da wollen wir es gut haben und froh sein, daß wir
Fleisch und Knochen noch hübsch beisammen haben. Lene, hast du schon
einmal im Herbst in einem Walde den dicken Pilz gesehen, den die
Schnecken so gern mögen und den man essen kann?“
„O ja“, lachte sie, „viele Male hab’ ich ihn gesehen.“
„Grade so braun wie er ist dein Haar, Lene. Es riecht auch so gut.
Wollen wir noch eins singen? Oder hast du etwa Hunger? In meinem Ranzen
ist noch etwas Gutes.“
Am andern Tag fanden sie, was sie gesucht hatten. In einem kleinen
Birkengehölz stand eine Hütte aus rohen Stämmen, vielleicht von
Holzfällern oder von Jägern einmal gebaut. Sie stand leer, die Tür ließ
sich aufbrechen, und auch Robert fand, daß es eine gute Hütte und eine
gesunde Gegend sei. Unterwegs waren sie Ziegen begegnet, die ohne Hirt
sich herumtrieben, und hatten eine schöne Geiß mit sich genommen.
„Nun, Robert“, sagte Goldmund, „wenn du auch kein Zimmermann bist, so
warst du doch einmal ein Schreiner. Wir wollen hier wohnen, du mußt eine
Zwischenwand in unser Schloß bauen, daß wir zwei Stuben haben, eine für
Lene und mich, eine für dich und die Geiß. Zu essen haben wir nicht mehr
viel, wir müssen heut mit der Geißmilch zufrieden sein, ob es viel oder
wenig sei. Du mußt also die Wand bauen, und wir beide rüsten das
Nachtlager für uns alle. Morgen geh’ ich dann nach Futter aus.“
Alle gingen sogleich an die Arbeit. Goldmund und Lene gingen nach Streu,
nach Farnkraut, nach Moos für Schlaflager, und Robert zog sein Messer
auf einem Feldkiesel ab, um Stämmchen für die Wand zu schneiden. Doch
konnte er damit nicht an einem Tage fertig werden, und ging am Abend im
Freien schlafen. Goldmund fand an Lene eine süße Gespielin, scheu und
unerfahren, aber voll Liebe. Sanft nahm er sie an seine Brust und wachte
noch lange und hörte ihr Herz schlagen, als sie längst ermüdet und
gesättigt eingeschlafen war. Er roch an ihrem braunen Haar und schmiegte
sich an sie und dachte zugleich an jene große flache Grube, in welche
die vermummten Teufel all die Wagen voll Leichen geworfen hatten. Schön
war das Leben, schön und flüchtig war das Glück, schön und rasch
verwelkt die Jugend.
Sehr hübsch wurde die Zwischenwand der Hütte, schließlich arbeiteten sie
alle drei daran. Robert wollte zeigen, was er könne, und sprach eifrig
darüber, was er alles bauen wollte, wenn er nur eine Hobelbank und
Werkzeug und Winkeleisen und Nägel hätte. Da er nichts hatte als sein
Messer und seine Hände, begnügte er sich damit, ein Dutzend
Birkenstämmchen zu schneiden und aus ihnen einen festen derben Zaun in
den Hüttenboden zu bauen. Die Zwischenräume aber, so verfügte er, mußten
mit Flechtwerk aus Ginster zugebaut werden. Das brauchte Zeit, aber es
wurde fröhlich und schön, alle halfen mit. Zwischenein mußte Lene auf
die Beerensuche gehen und nach der Ziege sehen, und Goldmund suchte in
kleinen Streifzügen die Gegend ab, fahndete nach Nahrung, erkundete die
Nachbarschaft und brachte dies und jenes mit. Weit und breit waren keine
Menschen in der Nähe, damit war namentlich Robert sehr einverstanden,
man war sicher vor Ansteckung sowohl wie vor Feindseligkeiten; aber es
hatte den Nachteil, daß sich sehr wenig zu essen fand. Es gab eine
verlassene Bauernhütte in der Nähe, diesmal ohne Tote darin, so daß
Goldmund vorschlug, sie zum Quartier zu wählen statt ihrer Blockhütte,
aber Robert weigerte sich schaudernd und sah es ungern, daß Goldmund das
leere Haus betrat, und jedes Stück, das jener von dort herüberbrachte,
mußte erst geräuchert und gewaschen werden, eh Robert es anfaßte. Viel
war es nicht, was Goldmund drüben fand, doch aber zwei Stabellen, einen
Milcheimer, einige Stück irdenes Geschirr, ein Beil, und eines Tages
fing er zwei verflogene Hühner im Felde. Lene war verliebt und
glücklich, und allen dreien machte es Spaß, an ihrer kleinen Heimat zu
bauen und sie jeden Tag ein bißchen hübscher zu machen. An Brot fehlte
es, dafür stellten sie noch eine Ziege ein, und ein Äckerchen mit Rüben
wurde auch gefunden. Tag um Tag verging, die geflochtene Wand war
fertig, die Lagerstätten wurden verbessert und ein Herd gebaut. Der Bach
war nicht weit, das Wasser war hell und süß. Oft wurde zur Arbeit
gesungen.
Eines Tages, als sie gemeinsam ihre Milch tranken und ihr häusliches
Leben rühmten, sagte Lene plötzlich, mit träumerischem Ton: „Wie wird es
aber, wenn dann der Winter kommt?“
Niemand gab Antwort. Robert lachte, Goldmund blickte sonderbar vor sich
hin. Allmählich merkte Lene, daß niemand an den Winter dachte, daß
niemand daran dachte, allen Ernstes so lange Zeit am selben Ort zu
bleiben, daß die Heimat keine Heimat, daß sie unter Landfahrern war. Sie
ließ den Kopf hängen.
Da sagte Goldmund, spielerisch und ermunternd wie zu einem Kind: „Du
bist eine Bauerntochter, Lene, die sorgen weit voraus. Hab keine Angst,
du wirst schon wieder nach Hause finden, wenn diese Pestzeit vorüber
ist, sie wird ja nicht ewig dauern. Dann gehst du zu deinen Eltern oder
wen du sonst hast, oder gehst wieder in die Stadt in einen Dienst und
hast dein Brot. Jetzt aber ist noch Sommer, und überall in der Gegend
ist das Sterben, hier aber ist es hübsch, und es geht uns gut. Darum
bleiben wir hier, so lang oder so kurz als es uns gefällt.“
„Und nachher?“ rief Lene heftig. „Nachher ist alles aus? Und du gehst
fort? Und ich?“
Goldmund haschte ihren Zopf und zog sachte daran.
„Kleines dummes Kind“, sagte er, „hast du die Totenknechte schon
vergessen, und die ausgestorbenen Häuser, und das große Loch vor dem
Tor, wo die Feuer brennen? Du sollst froh sein, daß du nicht dort in dem
Loch liegst und der Regen auf dein Hemdchen regnet. Daran sollst du
denken, daß du entronnen bist, daß du noch das liebe Leben in deinen
Gliedern hast und noch lachen und singen kannst.“
Sie war noch nicht zufrieden.
„Ich will aber nicht wieder fort“, klagte sie, „und will dich nicht fort
lassen, nein. Man kann doch nicht froh sein, wenn man weiß, daß schon
bald alles wieder aus und vorbei sein soll!“
Nochmals gab Goldmund Antwort, freundlich, aber mit einem verborgenen
Klang von Drohung in der Stimme:
„Darüber, kleine Lene, haben sich schon alle Weisen und Heiligen den
Kopf zerbrochen. Es gibt kein Glück, das lang dauert. Wenn dir aber das,
was wir jetzt haben, nicht gut genug ist und nicht mehr Freude macht,
dann zünde ich noch in dieser Stunde die Hütte an, und jeder von uns
geht seiner Wege. Laß es gut sein, Lene, es ist genug gesprochen.“
Dabei blieb es, und sie ergab sich, aber ein Schatten war auf ihre
Freude gefallen.