Andern Tags konnte Goldmund sich nicht entschließen, in die Werkstatt zu
gehen. Wie schon manchen unlustigen Tag trieb er sich in der Stadt
herum. Er sah die Frauen und Mägde zu Markte gehen, hielt sich besonders
beim Fischmarktbrunnen auf und sah den Fischhändlern und ihren derben
Weibern zu, wie sie ihre Ware feilboten und anpriesen, wie sie die
kühlen silbernen Fische aus ihren Bottichen rissen und darboten, wie die
Fische mit schmerzlich geöffneten Mäulern und angstvoll starren
Goldaugen sich still dem Tode ergaben oder sich wütend und verzweifelt
gegen ihn wehrten. Wie schon manches Mal ergriff ihn ein Mitleid mit
diesen Tieren und ein trauriger Unmut gegen die Menschen; warum waren
sie so stumpf und roh und unausdenklich dumm und blöde, warum sahen sie
alle nichts, weder die Fischer und Fischweiber noch die feilschenden
Käufer, warum sahen sie diese Mäuler, diese zum Tod erschreckten Augen
und wild um sich schlagenden Schwänze nicht, nicht diesen grausigen
nutzlosen Verzweiflungskampf, nicht diese unerträgliche Verwandlung der
geheimnisvollen, wunderbar schönen Tiere, wie ihnen das leise letzte
Zittern über die sterbende Haut schauderte und sie dann tot und
erloschen lagen, hingestreckt, klägliche Fleischstücke für den Tisch der
vergnügten Fresser? Nichts sahen sie, diese Menschen, nichts wußten und
merkten sie, nichts sprach zu ihnen! Einerlei, ob da ein armes holdes
Tier vor ihren Augen verreckte oder ob ein Meister in einem
Heiligengesicht alle Hoffnung, allen Adel, alles Leid und alle dunkle
schnürende Angst des Menschenlebens zum Erschauern sichtbar machte –
nichts sahen sie, nichts ergriff sie! Alle waren sie vergnügt oder
beschäftigt, hatten es wichtig, hatten es eilig, schrien, lachten und
rülpsten einander an, machten Lärm, machten Witze, zeterten wegen zwei
Pfennigen, und allen war es wohl, sie waren alle in Ordnung und höchlich
mit sich und der Welt zufrieden. Schweine waren sie, ach viel schlimmer
und wüster als Schweine! Nun ja, er selber war oft genug mitten unter
ihnen gewesen, hatte sich froh unter ihresgleichen gefühlt, war den
Mädchen nachgetrieben, hatte vom Teller lachend und ohne Grausen
gebackene Fische gegessen. Aber immer wieder hatte ihn, oft ganz
plötzlich wie durch Zauber, die Freude und Ruhe verlassen, immer
wieder war dieser fette feiste Wahn von ihm abgefallen, diese
Selbstzufriedenheit, Wichtigkeit und faule Seelenruhe, und es hatte ihn
hinweggerissen, in die Einsamkeit und ins Grübeln, auf die Wanderschaft,
zur Betrachtung des Leides, des Todes, der Zweifelhaftigkeit alles
Treibens, zum Starren in den Abgrund. Manchmal war ihm dann aus der
hoffnungslosen Hingabe an den Anblick des Sinnlosen und Furchtbaren
plötzlich eine Freude aufgeblüht, eine heftige Verliebtheit, die Lust,
ein schönes Lied zu singen oder zu zeichnen, oder im Riechen an einer
Blume, im Spielen mit einer Katze war ihm das kindliche
Einverstandensein mit dem Leben wieder zurückgekehrt. Auch jetzt würde
es wiederkehren, morgen oder übermorgen, und die Welt würde wieder gut
und vortrefflich sein. Bis eben das andere wiederkam, die Traurigkeit,
das Grübeln, die hoffnungslose beklemmende Liebe zu den sterbenden
Fischen, den welkenden Blumen, der Schrecken über das stumpfe säuische
Hinleben und Gaffen und Nichtssehen der Menschen. Immer in solchen
Zeiten mußte er mit quälender Neugierde, mit tiefer Beklemmung des
fahrenden Schülers Viktor denken, dem er damals sein Messer zwischen die
Rippen gestoßen hatte und den er voller Blut auf den Tannenzweigen hatte
liegenlassen, und er mußte dann darüber sinnen und grübeln, was jetzt
eigentlich aus diesem Viktor geworden sei, ob die Tiere ihn ganz und gar
gefressen, ob irgend etwas von ihm übriggeblieben sei. Ja, übrig waren
wohl die Knochen geblieben und vielleicht ein paar Hände voll Haare. Und
die Knochen – was wurde aus denen? Wie lange wohl dauerte es, Jahrzehnte
oder bloß Jahre, bis auch sie ihre Form verloren hatten und Erde
geworden waren?
Ach, heute, während er mit Mitleid den Fischen und mit Ekel den
Marktleuten zusah, das Herz voll ängstlicher Schwermut und bitterer
Feindseligkeit gegen die Welt und gegen sich selber, mußte er an Viktor
denken. Vielleicht war er gefunden und begraben worden? Und wenn das
geschehen war – war dann jetzt schon alles Fleisch von seinen Knochen
gefallen, war alles verfault, hatten alles die Würmer gefressen? Waren
noch Haare auf seinem Schädel und Brauen über seinen Augenhöhlen? Und
von Viktors Leben, das doch von Abenteuern und Geschichten und vom
phantastischen Spiel seiner wunderlichen Späße und Schnurren erfüllt
gewesen war – was war davon übriggeblieben? Lebte außer den paar losen
Erinnerungen, die sein Mörder an ihn bewahrte, noch irgend etwas von
diesem Menschendasein fort, das doch keines von den ganz gewöhnlichen
gewesen war? Gab es noch einen Viktor in den Träumen der Frauen, die er
einst geliebt hatte? Ach, es war wohl alles dahin und zerronnen. Und so
erging es allen und allem, es blühte schnell und welkte schnell hinweg,
nachher fiel der Schnee drüber. Was hatte alles in ihm selbst geblüht,
als er vor einigen Jahren in diese Stadt gekommen war, voll Begierde
nach der Kunst, voll banger tiefer Verehrung für den Meister Niklaus!
War etwas davon am Leben geblieben? Nichts, nicht mehr als von der
langen Schnapphahngestalt des armen Viktor. Hätte jemand ihm damals
gesagt, es werde ein Tag kommen, da würde Niklaus ihn als seinesgleichen
anerkennen und bei der Zunft für ihn den Meisterbrief verlangen, er
hätte geglaubt, alles Glück der Welt in Händen zu halten. Und jetzt war
es nichts als eine abgeblühte Blume, etwas Dürres und Freudloses.
Als er dies dachte, hatte Goldmund plötzlich ein Gesicht. Es war nur ein
Augenblick, ein zuckendes Aufblitzen: er sah das Gesicht der Urmutter,
über den Abgrund des Lebens geneigt, mit einem verlorenen Lächeln schön
und grausig blicken, sah es lächeln zu den Geburten, zu den Toden, zu
den Blumen, zu den raschelnden Herbstblättern, lächeln zur Kunst,
lächeln zur Verwesung.
Alles galt ihr gleich, der Urmutter, über allem hing wie Mond ihr
unheimliches Lächeln, ihr war der schwermütig sinnende Goldmund so lieb
wie der auf dem Pflaster des Fischmarktes sterbende Karpfen, die stolze
kühle Jungfer Lisbeth so lieb wie die im Wald verstreuten Knochen jenes
Viktor, der ihm einst so gern seinen Dukaten gestohlen hätte.
Schon war der Blitz wieder erloschen, das geheimnisvolle Muttergesicht
verschwunden. Aber tief zuckte sein fahles Leuchten in Goldmunds Seele
fort, eine Woge von Leben, von Schmerz, von würgender Sehnsucht lief
aufwühlend durch sein Herz. Nein, nein, er wollte das Glück und die
Sattheit der andern nicht, der Fischkäufer, der Bürger, der geschäftigen
Leute. Mochte der Teufel sie holen. Ah, dieses aufzuckende bleiche
Gesicht, dieser volle reife spätsommerliche Mund, über dessen schwere
Lippen dies namenlose Todeslächeln wie Wind und Mondschein hingelaufen
war!
Goldmund ging zum Hause des Meisters, es war gegen Mittag, er wartete,
bis er hörte, daß Niklaus drinnen seine Arbeit verließ und die Hände
wusch. Da trat er zu ihm herein.
„Lasset mich ein paar Worte zu Euch sagen, Meister, es kann geschehen,
während Ihr Eure Hände waschet und den Rock anzieht. Ich verdurste nach
einem Mundvoll Wahrheit, ich möchte Euch etwas sagen, was ich vielleicht
gerade jetzt sagen kann und dann nicht wieder. Es steht so mit mir, daß
ich mit einem Menschen sprechen muß, und Ihr seid der einzige, der es
vielleicht verstehen kann. Ich spreche nicht zu dem Mann, der eine
berühmte Werkstatt hat und der von Städten und Klöstern alle die
ehrenvollen Aufträge empfängt und zwei Gehilfen und ein schönes reiches
Haus hat. Ich spreche zu dem Meister, der die Mutter Gottes im Kloster
draußen gemacht hat, das schönste Bild, das ich kenne. Diesen Mann habe
ich geliebt und verehrt, seinesgleichen zu werden schien mir das höchste
Ziel auf Erden. Ich habe jetzt eine Figur gemacht, den Johannes, und
konnte ihn nicht so vollkommen machen, wie Eure Mutter Gottes ist; aber
er ist nun eben so, wie er ist. Eine andere Figur habe ich nicht zu
machen, es ist keine vorhanden, die mich verlangt und sie zu machen
zwingt. Vielmehr, es ist eine vorhanden, ein fernes heiliges Bild, das
ich einmal werde machen müssen, das ich aber heute noch nicht machen
kann. Um es machen zu können, muß ich noch viel mehr erfahren und
erleben. Vielleicht kann ich es in drei, vier Jahren machen, oder in
zehn Jahren oder später, oder auch niemals. Bis dahin aber, Meister,
will ich nicht Handwerk treiben und Figuren lackieren und Kanzeln
schnitzen und ein Handwerkerleben in der Werkstatt führen und Geld
verdienen und so werden, wie alle Handwerker sind, nein, das will ich
nicht, sondern ich will leben und wandern, Sommer und Winter spüren, die
Welt ansehen und ihre Schönheit und ihr Grauen kosten. Ich will Hunger
und Durst erleiden und will das alles wieder vergessen und loswerden,
was ich hier bei Euch gelebt und gelernt habe. Ich möchte wohl einmal
etwas so Schönes und tief ans Herz Rührendes machen, wie Eure Mutter
Gottes ist – aber so werden wie Ihr und so leben, wie Ihr lebet, das
will ich nicht.“
Der Meister hatte seine Hände gewaschen und getrocknet, jetzt wendete er
sich um und sah Goldmund an. Sein Gesicht war streng, aber nicht böse.
„Du hast gesprochen“, sagte er, „und ich habe gehört. Laß es nun gut
sein. Ich erwarte dich nicht zur Arbeit, obwohl viel zu tun ist. Ich
betrachte dich nicht als Gehilfen, du brauchst Freiheit. Ich möchte dies
und jenes mit dir besprechen, lieber Goldmund; nicht jetzt, in einigen
Tagen, du magst dir indessen die Zeit nach Belieben vertreiben. Sieh,
ich bin viel älter als du und habe dies und jenes erfahren. Ich denke
anders als du, aber ich verstehe dich und das, was du meinst. In ein
paar Tagen werde ich dich rufen lassen. Wir werden über deine Zukunft
sprechen, ich habe allerlei Pläne. Bis dahin habe Geduld! Ich weiß gut
genug, wie es ist, wenn man ein Werk fertiggebracht hat, das einem am
Herzen lag, ich kenne diese Leere. Sie geht vorüber, glaube mir.“
Unbefriedigt lief Goldmund weg. Der Meister meinte es gut mit ihm, aber
was konnte er ihm helfen?
Am Fluß kannte er eine Stelle, dort war das Wasser nicht tief und
strömte über einen Grund voll Gerümpel und Abfall, aus den Häusern der
Fischervorstadt wurde dort allerlei Kehricht in den Fluß geworfen. Dahin
ging er, setzte sich auf die Ufermauer und blickte ins Wasser hinab.
Wasser liebte er sehr, jedes Wasser zog ihn an. Und wenn man von hier
aus durch das strömende, kristallfädige Wasser hinabschaute auf den
dunklen undeutlichen Grund, dann sah man hier und dort irgend etwas mit
gedämpftem Goldglanz aufblinken und verlockend glitzern, unerkennbare
Dinge, vielleicht eine alte Tellerscherbe oder eine weggeworfene
verbogene Sichel oder einen lichten glatten Stein oder glasierten
Ziegel, manchmal auch mochte es ein Schlammfisch sein, eine feiste
Trüsche oder ein Rotauge, das sich da unten umdrehte und einen
Augenblick auf den hellen Bauchflossen und Schuppen einen Lichtstrahl
auffing – niemals konnte man genau erkennen, was es eigentlich sei,
immer aber war es zauberhaft schön und verlockend, dies kurze gedämpfte
Aufblinken versunkener Goldschätze im nassen schwarzen Grunde. So wie
dies kleine Wassergeheimnis, schien ihm, waren alle echten Geheimnisse,
alle wirklichen, echten Bilder der Seele: sie hatten keinen Umriß, sie
hatten keine Form, sie ließen sie nur wie eine ferne schöne Möglichkeit
ahnen, sie waren verschleiert und vieldeutig. Wie da in der Dämmerung
der grünen Flußtiefe für zuckende Augenblicke etwas unsäglich Goldenes
oder Silbernes herblinkte, ein Nichts und doch voll seligster
Versprechungen, ebenso konnte das verlorene Profil eines Menschen, halb
von hinten gesehen, manchmal etwas unendlich Schönes oder unerhört
Trauriges ankündigen, oder auch: wie unter einem nächtlichen Lastwagen
eine Laterne hing und die sich drehenden riesigen Schatten der
Radspeichen an die Mauern malte, konnte dies Schattenspiel eine Minute
lang so voll von Anblicken, Geschehnissen und Geschichten sein wie der
ganze Vergil. Aus demselben unwirklichen, magischen Stoff waren nachts
die Träume gewoben, ein Nichts, das alle Bilder der Welt in sich
enthielt, ein Wasser, in dessen Kristall die Formen aller Menschen,
Tiere, Engel und Dämonen als allzeit wache Möglichkeiten wohnten.
Wieder vertiefte er sich in das Spiel, starrte verloren in den ziehenden
Fluß, sah formlose Schimmer auf dem Grunde beben, ahnte Königskronen und
blanke Frauenschultern. Einstmals in Mariabronn, so erinnerte er sich,
hatte er in den lateinischen und griechischen Buchstaben ähnliche
Formträume und Verwandlungszauber gesehen. Hatte er nicht damals mit
Narziß einmal darüber gesprochen? Ach, wann war das gewesen, vor wie
viel hundert Jahren? Ach, Narziß! Um den zu sehen, um mit dem eine
Stunde zu sprechen, seine Hand zu halten, seine ruhige kluge Stimme zu
hören, hätte er gern seine zwei Golddukaten gegeben.
Warum waren denn diese Dinge so schön, dies Goldgeleucht unterm Wasser,
diese Schatten und Ahnungen, alle diese unwirklichen und feenhaften
Erscheinungen – warum waren sie denn so unsäglich schön und beglückend,
da sie doch genau das Gegenteil von dem waren, was ein Künstler Schönes
machen konnte? Denn wenn die Schönheit jener unnennbaren Dinge ohne jede
Form war und ganz nur aus Geheimnis bestand, so war es ja bei Werken der
Kunst grade umgekehrt, sie waren ganz und gar Form, sie sprachen
vollkommen klar. Nichts war unerbittlich klarer und bestimmter als die
Linie eines gezeichneten oder in Holz geschnittenen Kopfes oder Mundes.
Genau, haargenau hätte er die Unterlippe oder die Augenlider von
Niklaus’ Marienfigur nachzuzeichnen vermocht; da gab es nichts
Unbestimmtes, Täuschendes, Zerfließendes.
Goldmund dachte hingegeben darüber nach. Es wurde ihm nicht klar, wie es
möglich sei, daß das denkbar Bestimmteste und Geformteste ganz ähnlich
auf die Seele wirke wie das Ungreifbarste und Gestaltloseste. Eines aber
wurde ihm bei dieser Gedankenübung dennoch klar, nämlich warum so viele
tadellose und gutgemachte Kunstwerke ihm ganz und gar nicht gefielen,
sondern trotz einer gewissen Schönheit ihm langweilig und beinah verhaßt
waren. Werkstätten, Kirchen und Paläste waren voll von solchen fatalen
Kunstwerken, er selber hatte an einigen mitgearbeitet. Sie waren so
schwer enttäuschend, weil sie das Verlangen nach Höchstem erweckten und
es doch nicht erfüllten, weil ihnen die Hauptsache fehlte: das
Geheimnis. Das war es, was Traum und höchstes Kunstwerk Gemeinsames
hatten: das Geheimnis.
Weiter dachte Goldmund: Ein Geheimnis ist es, das ich liebe, dem ich auf
der Spur bin, das ich mehrmals habe aufblitzen sehen und das ich als
Künstler, wenn es mir einmal möglich sein wird, darstellen und zum
Sprechen bringen möchte. Es ist die Gestalt der großen Gebärerin, der
Urmutter, und ihr Geheimnis besteht nicht, wie das einer anderen Figur,
in dieser oder jener Einzelheit, in besonderer Fülle oder Magerkeit,
Derbheit oder Zierlichkeit, Kraft oder Anmut, sondern es besteht darin,
daß die größten Gegensätze der Welt, die sonst unvereinbar sind, in
dieser Gestalt Frieden geschlossen haben und beisammenwohnen: Geburt und
Tod, Güte und Grausamkeit, Leben und Vernichtung. Hätte ich diese Figur
mir ausgesonnen, wäre sie nur mein Gedankenspiel oder ein ehrgeiziger
Künstlerwunsch, so wäre es nicht schade um sie, ich könnte ihren Fehler
einsehen und sie vergessen. Aber die Urmutter ist kein Gedanke, denn ich
habe sie nicht erdacht, sondern gesehen! Sie lebt in mir, immer wieder
ist sie mir begegnet. Zuerst habe ich sie geahnt, als ich in einem Dorf,
in einer Winternacht, über dem Bett einer gebärenden Bäuerin das Licht
halten mußte: damals fing das Bild in mir zu leben an. Oft ist es ferne
und verloren, lange Zeit, aber plötzlich zuckt es wieder auf, auch heute
wieder. Das Bild meiner eigenen Mutter, einst mein liebstes, hat sich
ganz in dies neue Bild verwandelt, es ist in ihm drinnen wie der Kern in
einer Kirsche.
Deutlich fühlte er jetzt seine augenblickliche Lage, das Bangen vor
einer Entscheidung. Er war, nicht minder als damals beim Abschied von
Narziß und dem Kloster, auf einem wichtigen Wege: dem Weg zur Mutter.
Vielleicht würde einmal aus der Mutter ein allen sichtbares, gestaltetes
Bild werden, ein Werk seiner Hände. Vielleicht lag dort das Ziel, war
dort der Sinn seines Lebens verborgen. Vielleicht; er wußte es nicht.
Eines aber wußte er: Der Mutter zu folgen, zu ihr unterwegs, von ihr
gezogen und gerufen zu werden, das war gut, das war Leben. Vielleicht
konnte er nie ihr Bild gestalten, vielleicht blieb sie immer Traum,
Ahnung, Lockung, goldenes Aufblinken heiligen Geheimnisses. Nun, auf
jeden Fall hatte er ihr zu folgen, ihr hatte er sein Schicksal
anheimzustellen, sie war sein Stern.
Und nun lag die Entscheidung schon nahe vor ihm, es war alles klar
geworden. Die Kunst war eine schöne Sache, aber sie war keine Göttin und
kein Ziel, für ihn nicht; nicht der Kunst hatte er zu folgen, nur dem
Ruf der Mutter. Was konnte es nützen, seine Finger noch immer
geschickter zu machen? Am Meister Niklaus konnte man sehen, wohin das
führte. Es führte zu Ruhm und Namen, zu Geld und seßhaftem Leben, und zu
einer Verdorrung und Verkümmerung jener inneren Sinne, denen allein das
Geheimnis zugänglich ist. Es führte zum Herstellen hübscher kostbarer
Spielwaren, zu allerlei reichen Altären und Kanzeln, heiligen
Sebastianen und hübsch gelockten Engelsköpfchen, das Stück zu vier
Talern. Oh, das Gold im Aug’ eines Karpfen und der süße dünne
Silberflaum am Rand eines Schmetterlingsflügels war unendlich viel
schöner, lebendiger, köstlicher als ein ganzer Saal voll von jenen
Kunstwerken.
Ein Knabe kam singend die Uferstraße herabgegangen, manchmal verstummte
sein Gesang, und er biß in ein großes Stück Weißbrot, das er in der Hand
trug. Ihn sah Goldmund und bat ihn um ein Stückchen von seinem Brot,
krallte ein Stück Weiches mit zwei Fingern heraus und formte daraus
kleine Kugeln. Über die Mauerbrüstung hinausliegend, warf er die
Brotkugeln, langsam eine um die andere, ins Wasser hinab, sah im dunkeln
Wasser die helle Kugel hinabsinken und sah sie von den raschen
drängenden Köpfen der Fische umschwärmt, bis sie in einem der Mäuler
verschwand. Kugel um Kugel sah er sinken und verschwinden, tief
befriedigt. Dann fühlte er Hunger und suchte eine seiner Geliebten auf,
die im Haus eines Fleischers Magd war und die er „Gebieterin der Würste
und Schinken“ nannte. Mit dem gewohnten Pfiff lockte er sie ans
Küchenfenster und war willens, sich dies oder jenes Nahrhafte von ihr
geben zu lassen, um es zu sich zu stecken und draußen überm Fluß auf
einem der Rebhügel zu verzehren, deren roter fetter Boden so kräftig
unterm satten Weinlaub leuchtete und wo im Frühling die kleinen blauen
Hyazinthen blühten, die so zart nach Steinobst dufteten.
Aber es schien heut ein Tag der Entscheidungen und Einsichten zu sein.
Als Kathrine am Fenster erschien und mit dem festen, etwas derben
Gesicht herüberlächelte, als er schon die Hand ausstreckte, um ihr das
gewohnte Zeichen zu geben, da mußte er sich plötzlich anderer Male
erinnern, da er ebenso hier gestanden war und gewartet hatte. Und mit
langweilender Deutlichkeit sah er zugleich alles voraus, was in den
nächsten Minuten geschehen würde: wie sie sein Zeichen erkennen und sich
zurückziehen, wie sie in Bälde an der Hintertür des Hauses erscheinen
würde, etwas Geräuchertes in der Hand, wie er es entgegennehmen und sie
dabei ein wenig streicheln und an sich drücken würde, wie sie es
erwartete – und plötzlich schien es ihm unendlich dumm und häßlich,
diesen ganzen mechanischen Ablauf oft erlebter Dinge wieder
hervorzurufen und seine Rolle darin zu spielen, die Wurst in Empfang zu
nehmen, die kräftigen Brüste sich an ihn drängen zu fühlen und sie wie
zum Gegengeschenk ein wenig zu drücken. Plötzlich meinte er in ihrem
guten derben Gesicht einen Zug von entseelter Gewohnheit, in ihrem
freundlichen Lächeln etwas allzuoft Gesehenes, etwas Mechanisches und
Geheimnisloses, etwas seiner Unwürdiges zu sehen. Er beschrieb den
gewohnten Wink mit der Hand nicht zu Ende, auf seinem Gesicht erfror das
Lächeln. Liebte er sie denn noch, begehrte er sie noch ernstlich? Nein,
allzuoft schon war er hier gewesen, allzuoft hatte er dies immer gleiche
Lächeln gesehen und ohne Herzensantrieb erwidert. Was er gestern noch
unbedenklich gekonnt hätte, war ihm heut plötzlich nicht mehr möglich.
Die Magd stand noch und schaute, da hatte er sich schon umgewendet und
war aus der Gasse verschwunden, entschlossen, sich nie mehr dort zu
zeigen. Mochte ein anderer diese Brüste streicheln! Mochte ein anderer
diese guten Würste essen! Überhaupt, was wurde hier in dieser fetten
vergnügten Stadt nicht Tag für Tag gefressen und vergeudet! Wie faul,
wie verwöhnt, wie wählerisch waren diese feisten Bürger, wegen deren
jeden Tag so viel Säue und Kälber geschlachtet und so viel schöne arme
Fische aus dem Fluß gezogen wurden! Und er selbst – wie war er selbst
verwöhnt und verdorben, wie ekelhaft ähnlich war er diesen fetten
Bürgern geworden! Auf Wanderung, im verschneiten Feld, da schmeckte eine
gedörrte Pflaume oder eine alte Brotrinde köstlicher als hier im
Wohlleben ein ganzes Zunftessen. O Wanderung, o Freiheit, o
mondbeschienene Heide und vorsichtig beäugte Tierspur im graufeuchten
Morgengras! Hier in der Stadt, bei den Seßhaften, ging alles so leicht
und kostete so wenig, sogar die Liebe. Er hatte genug davon, plötzlich,
er spie darauf. Dies Leben hier hatte seinen Sinn verloren, es war ein
Knochen ohne Mark. Es war schön gewesen und hatte Sinn gehabt, solang
der Meister ein Vorbild, Lisbeth eine Prinzessin gewesen waren; es war
erträglich gewesen, solang er an seinem Johannes gearbeitet hatte. Jetzt
war es zu Ende damit, der Duft war dahin, das Blümlein war verwelkt. Mit
heftiger Welle ergriff ihn das Gefühl von Vergänglichkeit, das ihn oft
so tief peinigen und so tief berauschen konnte. Schnell verblühte alles,
schnell war jede Lust erschöpft, und nichts blieb übrig als Knochen und
Staub. Doch, eines blieb: die ewige Mutter, die uralte und ewig junge,
mit dem traurigen und grausamen Liebeslächeln. Wieder sah er sie für
Augenblicke: eine Riesin, Sterne im Haar, träumerisch sitzend am Rande
der Welt, mit verspielter Hand pflückte sie Blume um Blume, Leben um
Leben, und ließ sie langsam ins Bodenlose fallen.
In diesen Tagen, während Goldmund ein verblühtes Stück Leben hinter sich
erblassen sah und in einem traurigen Rausch von Abschiednehmen durch die
vertraute Gegend schweifte, gab sich Meister Niklaus große Mühe, für
seine Zukunft zu sorgen und diesen unruhigen Gast für immer seßhaft zu
machen. Er bewog die Zunft, Goldmund das Meisterzeugnis auszustellen,
und erwog den Plan, ihn nicht als Untergebenen, sondern als Mitarbeiter
dauernd an sich zu fesseln, alle großen Aufträge mit ihm zu beraten und
auszuführen und ihn zum Teilhaber an deren Ertrag zu machen. Es mochte
ein Wagnis sein, auch Lisbeths wegen, denn natürlich würde der junge
Mensch dann bald sein Schwiegersohn werden. Aber eine Figur wie den
Johannes hätte auch der beste aller Gehilfen, die Niklaus je besoldet
hatte, niemals zu machen vermocht, und er selbst wurde alt und wurde
ärmer an Einfällen und Schöpferkraft, und zu einem gewöhnlichen
handwerklichen Gewerbe wollte er seine berühmte Werkstatt nicht
herabsinken sehen. Es würde schwierig sein mit diesem Goldmund, aber es
mußte gewagt werden.
So rechnete sorgenvoll der Meister. Er würde für Goldmund die hintere
Werkstatt ausbauen und vergrößern lassen und ihm die Stube im Dachstock
einräumen, ihn auch zu seiner Aufnahme in die Zunft mit neuer, schöner
Kleidung beschenken. Vorsichtig holte er auch Lisbeths Meinung ein, die
seit jenem Mittagessen auf etwas Dergleichen wartete. Und siehe, Lisbeth
war nicht dagegen. Wenn der Bursch seßhaft gemacht wurde und Meister
hieß, war er ihr schon recht. Auch hier gab es keine Hindernisse. Und
wenn es dem Meister Niklaus und dem Handwerk noch immer nicht ganz
gelungen war, diesen Zigeuner zu zähmen, Lisbeth würde es schon vollends
fertigbringen.
So wurde alles eingefädelt und dem Vogel der Köder hübsch hinter die
Schlinge gehängt. Und eines Tages wurde nach Goldmund geschickt, der
sich nicht mehr hatte sehen lassen, und er wurde abermals zu Tische
geladen, erschien wieder gebürstet und gekämmt, saß wieder in der
schönen, etwas zu feierlichen Stube, stieß wieder mit dem Meister und
des Meisters Tochter an, bis diese sich entfernte und Niklaus mit seinem
großen Plan und Anerbieten herausrückte.
„Du hast mich verstanden“, fügte er seinen überraschenden Eröffnungen
hinzu, „und ich brauche dir nicht zu sagen, daß wohl niemals ein junger
Mensch, ohne auch nur die vorgeschriebene Lehrzeit abgedient zu haben,
so rasch zum Meister aufgerückt und ins warme Nest gesetzt worden ist.
Dein Glück ist gemacht, Goldmund.“
Verwundert und beklommen sah Goldmund seinen Meister an und schob den
Becher von sich, der noch halbvoll vor ihm stand. Er hatte eigentlich
erwartet, daß Niklaus ihn wegen der verbummelten Tage etwas schelten und
ihm dann vorschlagen werde, als Gehilfe bei ihm zu bleiben. Nun stand es
so. Es machte ihn traurig und verlegen, diesem Manne so gegenübersitzen
zu müssen. Er fand nicht gleich eine Antwort.
Der Meister, schon mit etwas gespanntem und enttäuschtem Gesicht, als
sein ehrenvolles Anerbieten nicht sofort mit Freude und Demut angenommen
wurde, stand auf und sagte: „Nun, mein Vorschlag kommt dir unerwartet,
vielleicht willst du erst darüber nachdenken. Es kränkt mich ja ein
wenig, ich hatte gedacht, dir eine große Freude zu bereiten. Aber
meinetwegen, nimm also Bedenkzeit.“
„Meister“, sagte Goldmund, um die Worte ringend, „seid mir nicht böse!
Ich danke Euch von ganzem Herzen für Euer Wohlwollen und danke Euch noch
mehr für die Geduld, mit der Ihr mich als Schüler behandelt habt. Ich
werde nie vergessen, in welcher Schuld ich bei Euch stehe. Aber die
Bedenkzeit brauche ich nicht, ich habe mich längst entschlossen.“
„Wozu entschlossen?“
„Es war bei mir beschlossen, noch ehe ich Euerer Einladung folgte und
ehe ich eine Ahnung von Eueren ehrenvollen Anerbietungen hatte. Ich
bleibe nicht länger hier, ich wandere.“
Bleich geworden, blickte ihn Niklaus mit finstern Augen an.
„Meister“, flehte Goldmund, „glaubet mir, daß ich Euch nicht kränken
will! Ich habe Euch gesagt, wozu ich entschlossen bin. Es ist nichts
mehr daran zu ändern. Ich muß fort, ich muß reisen, ich muß in die
Freiheit. Laßt mich Euch noch einmal herzlich danken, und laßt uns
freundlich voneinander Abschied nehmen.“
Er streckte ihm die Hand hin, die Tränen waren ihm nahe. Niklaus nahm
seine Hand nicht, er war weiß im Gesicht geworden und begann jetzt rasch
und rascher in der Stube auf und ab zu gehen, mit vor Wut dröhnenden
Schritten. Nie hatte Goldmund ihn so gesehen.
Dann blieb der Meister plötzlich stehen, beherrschte sich mit
furchtbarer Anstrengung und sagte, ohne Goldmund anzublicken, zwischen
den Zähnen hervor: „Gut, also geh! Aber geh sogleich! Daß ich dich nicht
wiedersehen muß! Daß ich nicht etwas tue und sage, was mich einmal reuen
könnte. Geh!“
Nochmals streckte Goldmund ihm seine Hand entgegen. Der Meister machte
Miene, auf die dargereichte Hand zu speien. Da wendete sich Goldmund,
der nun auch bleich geworden war, ging leise aus der Stube, setzte
draußen seine Mütze auf, schlich die Treppe hinab und ließ die Hand über
ihre geschnitzten Pfostenköpfe laufen, trat unten in die kleine
Hofwerkstatt, stand zum Abschied eine kleine Weile vor seinem Johannes
und verließ das Haus mit einem Weh im Herzen, tiefer als er es einst
beim Verlassen der Ritterburg und der armen Lydia empfunden hatte.
Es ist wenigstens rasch gegangen! Es ist wenigstens nichts Unnützes
gesprochen worden! Das war der einzige Trostgedanke, als er über die
Schwelle hinausging und plötzlich Gasse und Stadt ihm mit jenem
verwandelten, fremden Gesicht ins Auge sahen, den die gewohnten Dinge
annehmen, wenn unser Herz von ihnen Abschied genommen hat. Er warf einen
Blick auf die Haustür zurück – es war jetzt die Tür zu einem fremden,
ihm verschlossenen Hause.
In seiner Kammer angekommen, stand Goldmund und begann die Zurüstungen
zur Abreise. Freilich, es war da nicht viel zu rüsten; es war nichts zu
tun, als Abschied zu nehmen. Es hing da ein Bild an der Wand, das er
selbst gemalt hatte, eine sanfte Madonna, und es hingen und lagen Dinger
herum, die sein Eigentum waren: ein Sonntagshut, ein Paar Tanzschuhe,
eine Rolle Zeichnungen, eine kleine Laute, eine Anzahl von ihm
gekneteter Tonfigürchen, einige Geschenke von Geliebten: ein künstlicher
Blumenstrauß, ein rubinrotes Trinkglas, ein alter hartgewordener
Lebkuchen in Herzform und dergleichen Kram, wovon jedes Stück seine
Bedeutung und Geschichte gehabt hatte und ihm liebgewesen war und was
jetzt alles lästiger Plunder war, denn nichts davon konnte er mitnehmen.
Wenigstens tauschte er beim Hausherrn das Rubinglas gegen ein starkes
gutes Jagdmesser um, das er am Schleifstein im Hofe scharf machte, er
zerbröselte den Lebkuchen und fütterte ihn den Hühnern im Nachbarhof,
schenkte das Madonnenbild der Hausfrau und bekam dafür auch ein
nützliches Gegengeschenk: einen alten ledernen Reiseranzen und einen
reichlichen Mundvorrat für die Reise. In den Ranzen packte er einige
Hemden, die er besaß, und ein paar kleinere Zeichnungen, über ein Stück
Besenstiel gerollt, dazu die Eßwaren. Der übrige Kram mußte
zurückbleiben.
Es gab mehrere Frauen in der Stadt, von denen sich zu verabschieden
schicklich gewesen wäre; bei einer von ihnen hatte er noch gestern
geschlafen, ohne ihr von seinen Plänen zu sagen. Ja, so hängte sich
einem dies und jenes an die Fersen, wenn man wandern wollte. Man durfte
es nicht ernst nehmen. Er sagte niemandem Lebewohl als den Hausleuten.
Er tat es am Abend, um in aller Frühe weggehen zu können.
Trotzdem war am Morgen jemand aufgestanden und lud ihn, als er eben
still das Haus verlassen wollte, zu einer Milchsuppe in die Küche ein.
Es war die Tochter des Hauses, ein Kind von fünfzehn Jahren, ein stilles
kränkliches Geschöpf mit schönen Augen, aber mit einem Schaden am
Hüftgelenk, der sie hinken machte. Sie hieß Marie. Mit übernächtigem
Gesicht, ganz bleich, aber sorgfältig gekleidet und gestrählt, bediente
sie ihn in der Küche mit heißer Milch und Brot und schien sehr traurig
darüber zu sein, daß er fortging. Er dankte ihr und küßte sie zum
Abschied mitleidig auf den schmalen Mund. Andächtig, mit geschlossenen
Augen, empfing sie den Kuß.