Da sagte sie: „Es ist Zeit, wir müssen fort.“

Er hob den Kopf und sah sie zärtlich an, sanft küßte er ihre schlanken

Finger.

„Bitte, steh auf“, sagte sie, „wir müssen nach Haus.“

Er gehorchte sofort, sie standen auf, sie stiegen auf ihre Pferde, sie

ritten.

Goldmunds Herz war voll Glück. Wie schön war Lydia, wie kindlich rein

und zart! Noch nicht einmal geküßt hatte er sie, und war doch so

beschenkt und von ihr erfüllt. Sie ritten scharf, und erst bei der

Heimkehr, dicht vor der Einfahrt des Hofes, erschrak sie und sagte: „Wir

hätten nicht beide zugleich ankommen sollen. Wie töricht wir sind!“ Und

im letzten Augenblick, als sie von den Pferden stiegen und schon ein

Stallknecht gelaufen kam, flüsterte sie ihm rasch und glühend ins Ohr:

„Sag mir, ob du heut nacht bei diesem Weib gewesen bist!“ Er schüttelte

den Kopf viele Male und machte sich daran, das Pferd abzuzäumen.

Am Nachmittag, als ihr Vater ausgegangen war, fand sie sich in der

Schreibstube ein.

„Ist es auch wahr?“ fragte sie sofort mit Leidenschaft, und er wußte

alsbald, was sie meinte.

„Warum hast du dann so mit ihr gespielt, so abscheulich, und sie

verliebt gemacht?“

„Es galt dir“, sagte er. „Glaube mir, tausendmal lieber hätte ich deinen

Fuß gestreichelt als den ihren. Aber nie ist dein Fuß unterm Tisch zu

mir gekommen und hat mich gefragt, ob ich dich lieb habe.“

„Hast du mich wirklich lieb, Goldmund?“

„O ja.“

„Aber was soll daraus werden?“

„Ich weiß es nicht, Lydia. Es kümmert mich auch nicht. Es macht mich

glücklich, dich zu lieben – was daraus werden wird, daran denke ich

nicht. Ich bin froh, wenn ich dich reiten sehe, und wenn ich deine

Stimme höre, und wenn deine Finger mir das Haar streicheln. Ich werde

froh sein, wenn ich dich küssen darf.“

„Man darf nur seine Braut küssen, Goldmund. Hast du daran nie gedacht?“

„Nein, ich habe nie daran gedacht. Warum sollte ich? Du weißt so gut wie

ich, daß du nicht meine Braut werden kannst.“

„So ist es. Und weil du nicht mein Mann werden und immer bei mir bleiben

kannst, darum war es sehr unrecht von dir, mir von Liebe zu sprechen.

Hast du geglaubt, daß du mich verführen könntest?“

„Ich habe nichts geglaubt und gedacht, Lydia, ich denke überhaupt viel

weniger, als du meinst. Ich wünsche nichts, als daß du mich einmal

küssen möchtest. Wir sprechen so viel. Liebende tun das nicht. Ich

glaube, du hast mich nicht lieb.“

„Heut morgen hast du das Gegenteil gesagt.“

„Und du hast das Gegenteil getan!“

„Ich? Wie meinst du das?“

„Zuerst bist du vor mir davongeritten, als du mich kommen sahst. Da

glaubte ich, du liebest mich. Dann hast du weinen müssen, und ich

glaubte, es sei, weil du mich lieb hättest. Dann lag mein Kopf auf

deinem Knie, und du hast mich gestreichelt, und ich glaubte, das sei

Liebe. Aber jetzt tust du nichts Liebes mit mir.“

„Ich bin nicht so wie die Frau, deren Fuß du gestern gestreichelt hast.

Du scheinst an solche Frauen gewöhnt zu sein.“

„Nein, Gott sei Dank bist du viel schöner und feiner als sie.“

„Ich meine nicht das.“

„Oh, es ist aber so. Weißt du denn, wie schön du bist?“

„Ich habe einen Spiegel.“

„Hast du darin einmal deine Stirn gesehen, Lydia? Und dann die

Schultern, und dann die Fingernägel, und dann die Knie? Und hast du

gesehen, wie das alles einander gleicht und sich aufeinander reimt, wie

das alles die gleiche Form hat, eine lange, gestreckte, feste und sehr

schlanke Form? Hast du es gesehen?“

„Wie du sprichst! Ich habe es eigentlich nie gesehen, aber jetzt, wo du

es sagst, weiß ich doch, was du meinst. Höre, du bist doch ein

Verführer, jetzt versuchst du es, mich eitel zu machen.“

„Schade, ich kann es dir nicht recht machen. Aber warum soll mir denn

daran gelegen sein, dich eitel zu machen? Du bist schön, und ich möchte

dir zeigen, daß ich dafür dankbar bin. Du zwingst mich, es dir mit

Worten zu sagen; ich könnte es dir tausendmal besser sagen als mit

Worten. Mit Worten kann ich dir nichts geben! Mit Worten kann ich auch

nichts von dir lernen und du nichts von mir.“

„Was soll ich denn von dir lernen?“

„Ich von dir, Lydia, und du von mir. Aber du willst ja nicht. Du willst

ja nur den liebhaben, dessen Braut du sein wirst. Er wird lachen, wenn

er sieht, daß du nichts gelernt hast, nicht einmal küssen.“

„So, also im Küssen möchtest du mir Unterricht geben, Herr Magister?“

Er lächelte ihr zu. Gefielen auch ihre Worte ihm nicht, so konnte er

doch hinter ihrem etwas heftigen und unechten Klugreden ihr Mädchentum

spüren, wie es von der Lüsternheit ergriffen war und sich angstvoll

dagegen wehrte.

Er gab keine Antwort mehr. Er lächelte ihr zu, hielt ihren unruhigen

Blick mit seinen Augen fest und gefangen, und während sie sich, nicht

ohne Widerstand, dem Bann ergab, näherte er langsam sein Gesicht dem

ihren, bis die Lippen sich berührten. Leise streifte er ihren Mund, der

gab ihm mit einem kleinen Kinderkuß Antwort und öffnete sich wie in

schmerzlichem Erstaunen, als er ihn nicht wieder losließ. Sanft werbend

folgte er ihrem zurückfliehenden Munde, bis er zögernd wieder

entgegenkam, und lehrte die Bezauberte ohne Gewalt das Nehmen und Geben

des Kusses, bis sie erschöpft ihr Gesicht auf seine Schulter drückte. Er

ließ es ruhen, roch beglückt an ihrem starken blonden Haar, murmelte

zärtliche und beruhigende Töne in ihr Ohr und erinnerte sich in diesen

Augenblicken daran, wie er, ein ahnungsloser Schüler, einst durch die

Zigeunerin Lise in das Geheimnis eingeweiht worden war. Wie schwarz war

ihr Haar gewesen, wie braun ihre Haut, wie hatte die Sonne gebrannt und

das welke Johanniskraut geduftet! Und wie weit lag das schon, aus

welcher Ferne schon blitzte es herüber! So schnell ward alles welk, was

kaum noch blühte!

Langsam richtete Lydia sich auf, mit verwandeltem Gesicht, ernst und

groß blickten ihre liebenden Augen.

„Laß mich gehen, Goldmund“, sagte sie, „ich war so lange bei dir. O du,

o mein Lieber du!“

Sie fanden jeden Tag ihre verschwiegene Stunde, und Goldmund ließ sich

ganz von der Liebenden führen, wunderbar beglückte und rührte ihn diese

Mädchenliebe. Manchesmal mochte sie eine ganze Stunde lang nichts als

seine Hände in ihren halten und in seine Augen sehen und nahm Abschied

mit einem Kinderkuß. Andere Male küßte sie hingegeben und unersättlich,

duldete aber keine Berührung. Einmal, tief errötend und mit Überwindung,

im Willen, ihm eine große Freude zu machen, ließ sie ihn eine ihrer

Brüste sehen; schüchtern brachte sie die kleine weiße Frucht aus dem

Kleide hervor; als er sie kniend geküßt hatte, verhüllte sie sie wieder

mit Sorgfalt und war noch immer rot bis zum Halse. Sie sprachen auch,

aber auf eine neue Art, nicht mehr so wie am ersten Tage; sie erfanden

Namen füreinander, gern erzählte sie ihm von ihrer Kindheit, ihren

Träumen und Spielen. Auch davon sprach sie oft, daß ihre Liebe unrecht

sei, da er sie nicht heiraten könne; traurig und ergeben sprach sie

davon und schmückte ihre Liebe mit dem Geheimnis dieser Traurigkeit wie

mit einem schwarzen Schleier.

Zum erstenmal fühlte sich Goldmund von einer Frau nicht nur begehrt,

sondern geliebt.

Lydia sagte einst: „Du bist so hübsch und siehst so heiter aus. Aber in

deinen Augen innen ist keine Heiterkeit, da ist lauter Trauer; wie wenn

deine Augen wüßten, daß es kein Glück gibt und daß alles Schöne und

Geliebte nicht lange bei uns bleibt. Du hast die schönsten Augen, die es

geben kann, und die traurigsten. Ich glaube, das ist, weil du heimatlos

bist. Du bist aus den Wäldern zu mir gekommen, und einmal wirst du

wieder fortgehen und auf Moos schlafen und wandern. – Aber wo ist denn

_meine_ Heimat? Wenn du fortgehst, dann habe ich wohl noch einen Vater

und eine Schwester und habe eine Kammer und ein Fenster, wo ich sitzen

und an dich denken kann; aber Heimat werde ich keine mehr haben.“

Er ließ sie sprechen, manchmal lächelte er dazu, manchmal war er

betrübt. Mit Worten tröstete er sie nie, nur mit leisem Streicheln, nur

indem er ihren Kopf an seiner Brust hielt und leise sinnlose Zaubertöne

summte, wie die Ammen sie zum Trost der Kinder summen, wenn sie weinen.

Einmal sagte Lydia: „Ich möchte wohl wissen, Goldmund, was einmal aus

dir werden wird, ich denke oft darüber nach. Du wirst kein gewöhnliches

Leben haben und kein leichtes. Ach, möchte es dir doch gut ergehen!

Manchmal denke ich, du müßtest ein Dichter werden, einer, der Gesichte

und Träume hat und sie schön aussprechen kann. Ach, du wirst durch die

ganze Welt wandern, und alle Frauen werden dich lieben, und doch wirst

du allein bleiben. Geh lieber wieder ins Kloster zu deinem Freund, von

dem du mir soviel erzählst! Ich werde für dich beten, daß du nicht einst

allein im Walde sterben mußt.“

So konnte sie sprechen, in tiefem Ernst, mit verlorenen Augen. Aber dann

konnte sie wieder lachend mit ihm über das spätherbstliche Land reiten

oder ihm Scherzrätsel aufgeben und ihn mit welkem Laub und blanken

Eicheln bewerfen.

Einmal lag Goldmund in seiner Kammer im Bett und wartete auf den Schlaf.

Das Herz war ihm schwer, auf eine holde schmerzliche Art, schwer und

voll schlug es in seiner Brust, überfüllt mit Liebe, überfüllt mit

Trauer und Ratlosigkeit. Er hörte den Novemberwind am Dach rütteln;

schon war es eine Gewohnheit geworden, daß er vor dem Einschlafen eine

ganze Weile so lag und der Schlaf nicht kam. Leise sprach er, wie es am

Abend seine Gewohnheit war, ein Marienlied in sich hinein:

Tota pulchra es, Maria,

et macula originalis non est in te.

Tu laetitia Israël,

Tu advocata peccatorum!

Mit seiner sanften Musik sank das Lied in seine Seele, zugleich aber

sang draußen der Wind, sang von Unfriede und Wanderung, vom Wald, vom

Herbst, vom Leben der Heimatlosen. Er dachte an Lydia und dachte an

Narziß und an seine Mutter, voll und schwer war sein unruhiges Herz.

Da schreckte er auf und starrte ungläubig: die Kammertür war

aufgegangen, im Dunkeln kam eine Gestalt im langen weißen Hemde herein,

lautlos kam Lydia mit bloßen Füßen über die Steinfliesen hereingegangen,

schloß sachte die Tür und setzte sich auf sein Lager.

„Lydia“, flüsterte er, „mein Rehlein, meine weiße Blume! Lydia, was tust

du?“

„Ich komme zu dir“, sagte sie, „bloß für einen Augenblick. Ich will doch

einmal sehen, wie mein Goldmund in seinem Bettlein liegt, mein

Goldherz.“

Sie legte sich zu ihm, still lagen sie, mit schweren schlagenden Herzen.

Sie ließ ihn küssen, sie ließ seine bewundernden Hände an ihren Gliedern

spielen, mehr war nicht erlaubt. Nach einer kurzen Weile streifte sie

seine Hände sanft von sich, küßte ihn auf die Augen, stand lautlos auf

und verschwand. Die Tür knarrte, im Dachstuhl klirrte und drückte der

Wind. Alles war verzaubert, voll Geheimnis, voll Bangigkeit, voll

Versprechen, voll Drohung. Goldmund wußte nicht, was er denke, was er

tue. Als er nach einem unruhigen Schlummer wieder erwachte, war sein

Kissen naß von Tränen.

Sie kam nach einigen Tagen wieder, das süße weiße Gespenst, und lag eine

Viertelstunde bei ihm, wie das letztemal. Flüsternd sprach sie, von

seinen Armen umschlossen, ihm ins Ohr, sie hatte viel zu sagen und zu

klagen. Zärtlich hörte er ihr zu, sie lag auf seinem linken Arm, mit der

rechten Hand streichelte er ihre Knie.

„Goldmündchen“, sagte sie, mit ganz gedämpfter Stimme dicht an seiner

Wange, „es ist so traurig, daß ich nie werde dir gehören dürfen. Es wird

nicht lang mehr dauern, unser kleines Glück, unser kleines Geheimnis.

Julie hat schon Verdacht, bald wird sie mich zwingen, es ihr zu sagen.

Oder der Vater merkt es. Wenn er mich bei dir im Bett fände, mein

kleiner Goldvogel, dann ginge es deiner Lydia übel; sie stünde mit

verweinten Augen und blickte zu den Bäumen hinauf und sähe ihren

Liebsten droben hangen und im Winde wehen. Ach du, lauf lieber fort,

lieber jetzt gleich, statt daß der Vater dich binden und aufhängen läßt.

Ich habe schon einmal einen hängen sehen, einen Dieb. Ich kann dich

nicht hängen sehen, du, lauf lieber davon und vergiß mich; daß du nur

nicht sterben mußt, Göldchen, daß nur in deine blauen Augen nicht die

Vögel hacken! Aber nein, du Schatz, du darfst nicht fortgehen – ach, was

mache ich, wenn du mich allein läßt.“

„Willst du denn nicht mit mir kommen, Lydia? Wir fliehen miteinander,

die Welt ist groß!“

„Das wäre sehr schön“, klagte sie, „ach, wie schön, mit dir durch die

ganze Welt zu laufen! Aber ich kann nicht. Ich kann nicht im Wald

schlafen und heimatlos sein und Strohhalme in den Haaren haben, ich kann

das nicht. Ich kann auch dem Vater nicht die Schande machen. – Nein,

rede nicht, es sind keine Einbildungen. Ich kann nicht! Ich könnte es so

wenig, als ich aus einem schmutzigen Teller essen oder im Bett eines

Aussätzigen schlafen könnte. Ach, uns ist alles verboten, was gut und

schön wäre, wir beide sind zum Leid geboren. Göldchen, mein armer

kleiner Junge, ich werde dich am Ende doch müssen hängen sehen. Und ich,

ich werde eingesperrt und dann in ein Kloster geschickt. Liebster, du

mußt mich verlassen und wieder bei den Zigeunerinnen und Bauernweibern

schlafen. Ach geh, geh, eh sie dich fangen und binden! Nie werden wir

glücklich sein, nie.“

Er streichelte sachte ihre Knie, und indem er ganz zart ihre Scham

berührte, bat er: „Blümchen, wir könnten so sehr glücklich sein! Darf

ich nicht?“

Sie drängte ohne Unwillen, aber mit Kraft seine Hand beiseite und rückte

etwas von ihm weg.

„Nein“, sagte sie, „nein, das darfst du nicht. Es ist mir verboten. Du

kleiner Zigeuner verstehst das vielleicht nicht. Ich tue ja unrecht, ich

bin ein schlechtes Mädchen, ich mache dem ganzen Haus Schande. Aber

irgendwo in meiner Seele drinnen bin ich doch noch stolz, dort darf

niemand hineinkommen. Du mußt mir das lassen, sonst kann ich nie mehr zu

dir in die Kammer kommen.“

Nie hätte er ein Verbot, einen Wunsch, eine Andeutung von ihr mißachtet.

Er war selbst verwundert darüber, wieviel Macht sie über ihn hatte. Aber

er litt. Seine Sinne blieben ungestillt, und sein Herz wehrte sich oft

heftig gegen die Abhängigkeit. Manchmal gab er sich Mühe, davon

loszukommen. Manchmal machte er der kleinen Julie mit ausgesuchter

Artigkeit den Hof, und allerdings war es ja auch sehr notwendig, mit

dieser wichtigen Person in einem guten Verhältnis zu bleiben und sie

womöglich zu täuschen. Es ging ihm merkwürdig mit dieser Julie, die oft

so sehr kindlich tat und oft so allwissend schien. Kein Zweifel, sie war

schöner als Lydia, sie war eine ungewöhnliche Schönheit, und dies war,

zusammen mit ihrer etwas altklugen Kinderunschuld, für Goldmund ein

großer Reiz; er war oft stark in Julie verliebt. Gerade an diesem

starken Reiz, den die Schwester für seine Sinne hatte, erkannte er oft

mit Erstaunen den Unterschied zwischen Begierde und Liebe. Anfangs hatte

er beide Schwestern mit denselben Augen angeschaut, hatte beide

begehrenswert, Julie aber schöner und verführenswerter gefunden, hatte

unterschiedlos um beide geworben und beide stets im Auge behalten. Und

jetzt hatte Lydia diese Macht über ihn gewonnen! Jetzt liebte er sie so

sehr, daß er sogar auf ihren völligen Besitz aus Liebe verzichtete. Ihre

Seele war ihm bekannt und lieb geworden, in ihrer Kindlichkeit,

Zärtlichkeit und ihrer Hinneigung zur Traurigkeit schien sie seiner

eigenen ähnlich; oft war er tief erstaunt und entzückt darüber, wie sehr

diese Seele ihrem Leibe entsprach; sie konnte etwas tun, etwas sagen,

einen Wunsch oder ein Urteil äußern, und ihr Wort und die Haltung ihrer

Seele war vollkommen nach derselben Form geprägt wie der Schnitt ihrer

Augen und die Bildung ihrer Finger!

Diese Augenblicke, in denen er die Grundformen und Gesetze zu sehen

glaubte, nach denen ihr Wesen, Seele wie Leib, gestaltet war, hatten in

Goldmund öfter die Lust erweckt, etwas von dieser Gestalt festzuhalten

und nachzubilden, und er hatte auf einigen Blättern, die er sehr

geheimhielt, Versuche gemacht, mit Federstrichen den Umriß ihres Kopfes,

die Linie ihrer Brauen, ihre Hand, ihr Knie aus dem Gedächtnis zu

zeichnen.

Mit Julie war es etwas schwierig geworden. Sie witterte sichtlich die

Woge von Liebe, in der ihre ältere Schwester schwamm, und ihre Sinne

wandten sich voll Neugierde und Begehrlichkeit dem Paradiese zu, ohne

daß ihr eigensinniger Verstand es zugeben wollte. Sie zeigte Goldmund

eine übertriebene Kühle und Abneigung und konnte ihn in Augenblicken der

Vergessenheit doch mit Bewunderung und lüsterner Neugierde betrachten.

Mit Lydia war sie oft sehr zärtlich, suchte sie zuweilen auch im Bette

auf und atmete dann mit verschwiegener Gier in der Zone der Liebe und

des Geschlechts, streifte mutwillig an das verbotene und ersehnte

Geheimnis. Dann wieder ließ sie in beinah verletzender Art merken, daß

sie um Lydias geheimes Vergehen wisse und es verachte. Reizend und

störend flackerte das schöne launische Kind zwischen den beiden

Liebenden, naschte in durstigen Träumen an ihrer Heimlichkeit, spielte

bald die Ahnungslose, bald ließ sie gefährliche Mitwisserschaft merken;

schnell war sie aus einem Kinde zu einer Macht geworden. Lydia hatte

davon mehr zu leiden als Goldmund, der die Kleine außer bei den

Mahlzeiten selten zu Gesichte bekam. Es konnte Lydia auch nicht

verborgen bleiben, daß Goldmund gegen Julies Reiz nicht unempfindlich

war, manchmal sah sie seinen anerkennenden, genießenden Blick auf ihr

ruhen. Sie durfte nichts sagen, alles war so schwierig, alles so voll

Gefahr, namentlich durfte Julie nicht verstimmt und beleidigt werden;

ach, jeden Tag und jede Stunde konnte das Geheimnis ihrer Liebe entdeckt

und ihrem schweren angstvollen Glück ein Ende gemacht werden, vielleicht

ein schreckliches.

Manchmal wunderte sich Goldmund darüber, daß er nicht längst auf und

davon gegangen war. Es war schwer, so zu leben, wie er jetzt lebte:

geliebt, aber ohne Hoffnung, weder auf ein erlaubtes und dauerndes

Glück, noch auf die leichten Erfüllungen, an welche seine Liebeswünsche

bisher gewohnt waren; mit ewig gereizten und hungrigen, nie gestillten

Trieben, dabei in beständiger Gefahr. Warum blieb er hier und ertrug das

alles, alle diese Verwicklungen und verwirrten Gefühle? Waren das nicht

Erlebnisse, Gefühle und Gewissenszustände für Seßhafte, für Legitime,

für Leute in geheizten Stuben? Hatte er nicht das Recht des Heimatlosen

und Anspruchslosen, sich diesen Zartheiten und Kompliziertheiten zu

entziehen und ihrer zu lachen? Ja, dies Recht hatte er, und er war ein

Narr, daß er hier etwas wie Heimat suchte und es mit so viel Schmerzen,

so viel Verlegenheiten bezahlte. Und dennoch tat und litt er es, litt es

gerne, war heimlich glücklich dabei. Es war dumm und schwierig, es war

kompliziert und anstrengend, auf eine solche Art zu lieben, aber es war

wunderbar. Wunderbar war die dunkelschöne Traurigkeit dieser Liebe, ihre

Narrheit und Hoffnungslosigkeit; schön waren diese gedankenvollen

herzbangen Nächte ohne Schlaf; schön und köstlich war dies alles wie der

Leidenszug auf Lydias Lippen, wie der verlorene, ergebene Klang ihrer

Stimme, wenn sie von ihrer Liebe und Sorge sprach. In wenigen Wochen war

dieser Leidenszug auf Lydias jungem Gesicht entstanden und heimisch

geworden, dessen Linien mit der Feder nachzuzeichnen ihm so schön und

wichtig schien, und er fühlte: in diesen wenigen Wochen war auch er

selbst anders und sehr viel älter geworden, nicht klüger und dennoch

erfahrener, nicht glücklicher und doch viel reifer und reicher in der

Seele. Er war kein Knabe mehr.

Mit ihrer sanften, verlorenen Stimme sagte Lydia zu ihm: „Du mußt nicht

traurig sein, nicht meinetwegen, ich möchte dich ja nur fröhlich machen

und glücklich sehen. Verzeih, ich habe dich traurig gemacht, ich habe

dich mit meiner Angst und Betrübnis angesteckt. Ich träume nachts so

merkwürdig: immer gehe ich da in einer Wüste, die ist so groß und so

dunkel, wie ich nicht sagen kann, da gehe ich und gehe und suche dich,

aber du bist nicht da, und ich weiß, ich habe dich verloren und werde

immer, immer so gehen müssen, so allein. Dann, wenn ich erwache, denke

ich: O wie gut, o wie herrlich ist es, daß er noch da ist und ich ihn

sehen werde, vielleicht noch Wochen oder noch Tage, einerlei, aber er

ist doch noch da!“

Eines Morgens erwachte Goldmund bald nach Tagesanbruch in seinem Bett

und blieb eine Weile nachsinnend liegen, Bilder aus einem Traume waren

noch um ihn, doch ohne Zusammenhang. Er hatte von seiner Mutter geträumt

und von Narziß, beide Gestalten konnte er noch deutlich sehen. Als er

sich aus den Traumfäden befreit hatte, fiel ein besonderes Licht ihm

auf, eine eigentümliche Art von Helligkeit, die heute durchs kleine

Fensterloch hereinkam. Er sprang auf und lief zum Fenster, da sah er das

Fenstergesimse, das Dach des Pferdestalls, die Hofeinfahrt und die ganze

Landschaft jenseits bläulichweiß schimmern, vom ersten Schnee dieses

Winters bedeckt. Der Gegensatz zwischen der Unruhe seines Herzens und

der stillen, ergebenen Winterwelt machte ihn betroffen: wie ruhig, wie

rührend und fromm gab sich Acker und Wald, Hügel und Heide der Sonne,

dem Wind, dem Regen, der Dürre, dem Schnee hin, wie schön und sanft

leidend trugen Ahorn und Esche ihre Winterlast! Konnte man nicht werden

wie sie, konnte man nichts von ihnen lernen? Gedankenvoll ging er auf

den Hof hinaus, watete im Schnee und befühlte ihn mit den Händen, ging

zum Garten hinüber und blickte über den hoch beschneiten Zaun in die vom

Schnee hinabgebogenen Rosenstämme.

Zum Frühstück aß man eine Mehlsuppe, alle sprachen vom ersten Schnee,

alle – auch die Mädchen – waren schon draußen gewesen. Der Schnee kam

spät in diesem Jahr, schon war die Weihnacht nahe. Der Ritter erzählte

von den südlichen Ländern, wo es keinen Schnee gebe. Das aber, was

diesen ersten Wintertag für Goldmund unvergeßlich machte, begab sich

erst, als es längst Nacht geworden war.

Die beiden Schwestern hatten heut einen Zank gehabt, von dem Goldmund

nichts wußte. Nachts, als es still und dunkel im Hause geworden war, kam

Lydia zu ihm, in ihrer gewohnten Art, sie legte sich schweigend zu ihm

und den Kopf an seine Brust, um sein Herz schlagen zu hören und sich an

seiner Nähe zu trösten. Sie war betrübt und ängstlich, sie fürchtete von

Julie Verrat, doch konnte sie sich nicht entschließen, mit dem Liebsten

davon zu sprechen und ihm Sorge zu bringen. So lag sie still an seinem

Herzen, hörte ihn zuweilen ein Kosewort flüstern und spürte seine Hand

in ihren Haaren.

Plötzlich aber – sie war noch nicht lange so gelegen – erschrak sie

furchtbar und richtete sich mit weitaufgerissenen Augen hoch auf. Und

auch Goldmund erschrak nicht wenig, als er die Kammertür offen und eine

Gestalt hereintreten sah, die er im Schrecken nicht sofort erkannte.

Erst als die Erscheinung dicht am Bette stand und sich darüber neigte,

sah er mit beklommenem Herzen, daß es Julie war. Sie schlüpfte aus einem

Mantel, den sie übers bloße Hemd geworfen hatte, und ließ den Mantel zu

Boden fallen. Mit einem Wehlaut, als hätte sie einen Messerstich

empfangen, sank Lydia zurück und klammerte sich an Goldmund.

Mit einem Ton von Hohn und Schadenfreude, aber doch mit unsicherer

Stimme, sagte Julie: „Ich mag nicht so allein in der Kammer liegen.

Entweder ihr nehmet mich zu euch und wir liegen zu dreien, oder ich gehe

und wecke den Vater.“

„Ja, dann komm nur“, sagte Goldmund und schlug die Decke zurück. „Du

erfrierst dir ja die Füße.“ Sie stieg ein, und er hatte Mühe, ihr auf

dem schmalen Lager etwas Raum zu schaffen, denn Lydia hatte das Gesicht

ins Kissen vergraben und lag regungslos. Endlich lagen sie alle drei,

auf jeder Seite Goldmunds ein Mädchen, und einen Augenblick konnte er

sich des Gedankens nicht erwehren, wie sehr diese Lage noch vor kurzer

Zeit allen seinen Wünschen entsprochen hätte. Mit wunderlichem Bangen,

und doch heimlich entzückt, spürte er Julies Hüfte an seiner Seite.

„Ich mußte doch einmal sehen“, fing sie wieder an, „wie es sich denn in

deinem Bette liegt, das meine Schwester so gern aufsucht.“

Goldmund, um sie zur Ruhe zu bringen, rieb sachte seine Wange an ihrem

Haar und streichelte mit leiser Hand ihre Hüften und Knie, wie man einer

Katze schön tut, und sie gab sich schweigend und neugierig in seine

tastende Hand, fühlte benommen und andächtig den Zauber, bot keinen

Widerstand. Während dieser Beschwörung aber bemühte er sich zugleich um

Lydia, summte ihr leise vertraute Liebestöne ins Ohr und brachte sie

langsam dazu, wenigstens das Gesicht zu erheben und ihm zuzuwenden.

Lautlos küßte er ihr Mund und Augen, während seine Hand drüben die

Schwester im Bann hielt und die Peinlichkeit und Verschrobenheit der

ganzen Lage ihm bis zur Unerträglichkeit bewußt wurde. Seine linke Hand

war es, die ihn belehrte; während sie mit den schönen, still wartenden

Gliedern Julies bekannt wurde, empfand er zum erstenmal nicht nur die

Schönheit und tiefe Hoffnungslosigkeit seiner Liebe zu Lydia, sondern

auch ihre Lächerlichkeit. Er hätte, so schien es ihm jetzt, während

seine Lippen bei Lydia waren und seine Hand bei Julien, er hätte Lydia

entweder zur Hingabe zwingen oder seines Weges weiterziehen müssen. Sie

zu lieben und ihr doch zu entsagen, war ein Unsinn und ein Unrecht

gewesen.

„Mein Herz“, flüsterte er Lydien ins Ohr, „wir leiden unnütze Leiden.

Wie glücklich könnten wir jetzt alle dreie sein! Laß uns doch tun, was

unser Blut verlangt!“

Da sie zurückschauernd sich entzog, flüchtete seine Begierde zur andern,

und seine Hand tat ihr so wohl, daß sie mit einem langen bebenden

Seufzer der Wollust antwortete.

Als Lydia diesen Seufzer hörte, zog Eifersucht ihr Herz zusammen, als

wäre Gift hineingetropft. Sie setzte sich unversehens auf, riß die Decke

vom Bett, sprang auf die Füße und rief: „Julie, laß uns gehen!“

Julie zuckte zusammen; schon die unbedachte Heftigkeit dieses Rufs, der

sie alle verraten konnte, zeigte ihr die Gefahr, und sie erhob sich

schweigend.

Goldmund aber, in allen seinen Trieben beleidigt und betrogen, umschlang

schnell die sich aufrichtende Julie, küßte ihr beide Brüste und

flüsterte ihr brennend ins Ohr: „Morgen, Julie, morgen!“

Lydia stand im Hemde und barfuß, auf dem Steinboden krümmten sich ihre

Zehen vor Kälte. Sie hob Julies Mantel vom Boden auf und hing ihn ihr

um, mit einer leidenden und demütigen Gebärde, die jener auch im Dunkeln

nicht entging und die sie rührte und versöhnte. Leise huschten die

Schwestern aus der Kammer und davon. Voll widerstreitender Gefühle

horchte Goldmund ihnen nach und atmete auf, als es im Hause totenstill

blieb.

So waren die drei jungen Menschen aus einem sonderbaren und

unnatürlichen Zusammensein in nachdenkliche Einsamkeit verwiesen, denn

auch die beiden Schwestern, nachdem sie ihre Schlafstube erreicht

hatten, fanden sich nicht zu einer Aussprache, sondern lagen jede

einsam, schweigend und trotzig in ihrem Bette wach. Ein Geist des

Unglücks und Widerspruchs, ein Dämon der Sinnlosigkeit, Vereinsamung und

Seelenverwirrung schien sich des Hauses bemächtigt zu haben. Erst nach

Mitternacht entschlief Goldmund, erst gegen den Morgen Julie. Lydia lag

wach und gepeinigt, bis überm Schnee der bleiche Tag heraufkam. Sie

erhob sich sofort, zog sich an, kniete lang vor ihrem kleinen hölzernen

Heiland und betete, und sobald sie auf der Treppe den Schritt ihres

Vaters vernahm, ging sie und bat ihn um eine Unterredung. Ohne den

Versuch zu machen, zwischen ihrer Sorge um Julies Mädchentugend und

ihrer Eifersucht zu unterscheiden, war sie zum Entschluß gekommen, der

Sache ein Ende zu machen. Goldmund und Julie schliefen beide noch, als

der Ritter schon alles wußte, was Lydia gut befunden hatte, ihm

mitzuteilen. Julies Beteiligung an dem Abenteuer hatte sie verschwiegen.

Als Goldmund zur gewohnten Stunde in der Schreibstube erschien, sah er

den Ritter, der sonst in Hausschuhen und Filzrock seinen Schreibereien

obzuliegen pflegte, gestiefelt, im Wams, das Schwert umgehängt, und

wußte alsbald, was das bedeute.

„Setz deine Mütze auf“, sagte der Ritter, „ich habe einen Gang mit dir

zu tun.“

Goldmund nahm seine Mütze vom Nagel und folgte seinem Herrn die Treppe

hinab, über den Hof und zum Tor hinaus. Ihre Sohlen knirschten hell im

leicht überfrorenen Schnee, am Himmel war noch Morgenrot. Schweigend

ging der Ritter voran, der Jüngling folgte und blickte mehrmals nach dem

Hof zurück, nach dem Fenster seiner Kammer, nach dem beschneiten steilen

Dach, bis es versank und nichts mehr zu sehen war. Nie würde er dies

Dach und diese Fenster wieder sehen, nie mehr die Schreibstube und

Schlafkammer, nie mehr die beiden Schwestern. Seit langem war der

Gedanke an ein plötzliches Scheiden ihm vertraut, dennoch zog sein Herz

sich schmerzlich zusammen. Bitter weh tat ihm dieser Abschied.

Eine Stunde lang gingen sie so, der Herr voran, beide ohne zu sprechen.

Goldmund begann an sein Schicksal zu denken. Der Ritter war bewaffnet,

vielleicht würde er ihn erschlagen. Er glaubte jedoch nicht daran. Die

Gefahr war klein; er brauchte nur davonzulaufen, so stand der alte Mann

mit seinem Schwerte hilflos. Nein, sein Leben war nicht in Gefahr. Aber

dieses Gehen und Schweigen, hinter dem beleidigten feierlichen Manne

her, dies stumme Davongeführtwerden wurde ihm von Schritt zu Schritt

peinlicher. Endlich blieb der Ritter stehen.

„Du wirst nun“, sagte er mit geborstener Stimme, „allein weitergehen,

immer in dieser Richtung, und wirst dein Wanderleben führen, wie du es

gewohnt warst. Solltest du dich jemals wieder in der Nähe meines Hauses

zeigen, so wirst du abgeschossen. Ich will keine Rache an dir nehmen;

ich hätte klüger sein und einen so jungen Menschen nicht in die Nähe

meiner Töchter kommen lassen sollen. Solltest du es aber wagen,

zurückzukommen, so ist dein Leben verloren. Geh nun, möge dir Gott

verzeihen!“

Er blieb stehen, im fahlen Schneemorgenlicht sah sein graubärtiges

Gesicht wie erloschen aus. Wie ein Gespenst blieb er stehen und wich

nicht von der Stelle, bis Goldmund über den nächsten Hügelkamm

verschwunden war. Die rötlichen Schimmer am Wolkenhimmel hatten sich

verloren, keine Sonne kam hervor, es begann langsam in dünnen, zögernden

Flocken zu schneien.

Narziß und Goldmund · 第 17 / 31 题