Eine lange Weile schon war Goldmund gewandert, selten ein zweites Mal am
selben Ort zur Nacht, überall von Frauen begehrt und beglückt, von der
Sonne braungebrannt, vom Wandern und von schmaler Kost gemagert. Viele
Frauen hatten in der Morgenfrühe von ihm Abschied genommen und waren
gegangen, manche mit Tränen, und manches Mal hatte er gedacht: „Warum
bleibt keine bei mir? Warum, wenn sie schon mich lieben und einer
Liebesnacht wegen die Ehe brechen – warum kehren sie alle sofort zu
ihren Männern zurück, von denen sie meistens Prügel zu fürchten haben?“
Keine hatte ihn ernstlich gebeten dazubleiben, keine einzige hatte ihn
je gebeten sie mitzunehmen und war aus Liebe bereit gewesen, Freude und
Not der Wanderschaft mit ihm zu teilen. Er hatte zwar keine dazu
eingeladen, hatte keiner diesen Gedanken nahegelegt; wenn er sein Herz
befragte, so sah er, daß seine Freiheit ihm lieb war, und er konnte sich
keiner Geliebten erinnern, nach der die Sehnsucht ihn nicht in den Armen
der nächsten verlassen hätte. Aber dennoch war es ihm wunderlich und ein
wenig traurig, daß überall Liebe so sehr vergänglich schien, die der
Frauen wie seine eigene, daß sie ebenso schnell satt war wie entflammt.
War das richtig? War das immer und überall so? Oder lag es an ihm
selbst, war er vielleicht so beschaffen, daß die Weiber ihn zwar
begehrten und schön fanden, aber keine Gemeinschaft mit ihm verlangten
als die kurze, wortlose im Heu oder auf dem Moos? Lag es daran, daß er
auf Wanderschaft lebte und daß die Seßhaften vor dem Leben der
Heimatlosen ein Grauen fühlten? Oder lag es allein an ihm, an seiner
Person, daß die Frauen ihn wie eine hübsche Puppe begehrten und an sich
drückten, dann aber alle zu ihren Männern zurückliefen, auch wenn dort
Schläge sie erwarteten? Er wußte es nicht.
Von den Frauen zu lernen wurde er nicht müde. Zwar zog es ihn mehr zu
den Mädchen, zu den ganz Jungen, die noch keine Männer hatten und nichts
wußten, in sie konnte er sich sehnlich verlieben; aber meistens waren
die Mädchen unerreichbar, die geliebten, die schüchternen und
wohlbehüteten. Aber auch von den Frauen lernte er gern. Jede ließ ihm
etwas zurück, eine Gebärde, eine Art von Kuß, ein besonderes Spiel, eine
besondere Art von Sichgeben oder von Sichwehren. Goldmund ging auf alles
ein, er war unersättlich und biegsam wie ein Kind, er stand jeder
Verführung offen: nur dadurch war er selbst so verführend. Seine
Schönheit allein hätte nicht genügt, ihm die Frauen so leicht
zuzuführen; es war diese Kindlichkeit, dies Offenstehen, diese
neugierige Unschuld der Begierde, diese vollkommene Bereitschaft zu
allem, was eine Frau irgend von ihm begehren mochte. Er war, ohne es
selbst zu wissen, bei jeder Geliebten gerade so, wie sie ihn wünschte
und erträumte, bei der einen zart und abwartend, bei der andern rasch
und zupackend, einmal kindlich wie ein zum erstenmal eingeweihter Knabe,
einmal künstlich und unterrichtet. Er war zum Spielen bereit und zum
Kämpfen, zum Seufzen und zum Lachen, zur Scham und zur Schamlosigkeit;
er tat einer Frau nichts, was sie nicht begehrte, nichts, was nicht sie
aus ihm hervorlockte. Das war es, was jede Frau von klugen Sinnen rasch
in ihm witterte, dies machte ihn zu ihrem Liebling.
Er aber lernte. Er lernte nicht nur in kurzer Zeit viele Liebesarten und
Liebeskünste und nahm die Erfahrungen von vielen Geliebten in sich auf.
Er lernte auch, die Frauen in ihrer Mannigfaltigkeit zu sehen, zu
fühlen, zu tasten, zu riechen: er bekam ein zartes Ohr für jede Art von
Stimme und lernte bei manchen Frauen schon aus deren Klang unfehlbar
ihre Art und den Umfang ihrer Liebesfähigkeit erraten; er betrachtete
mit immer neuem Entzücken die unendlich verschiedenen Arten, wie ein
Kopf auf einem Halse sitzen, eine Stirn sich vom Haarwuchs sondern, eine
Kniescheibe sich bewegen konnte. Er lernte im Dunkeln, mit geschlossenen
Augen, mit zart prüfenden Fingern eine Art Frauenhaar von der andern
unterscheiden, eine Art von Haut und Flaum von der andern. Er begann zu
merken, schon früh, daß vielleicht hierin der Sinn seiner Wanderschaft
liege, daß er vielleicht deshalb von einer Frau zur andern getrieben
werde, damit er diese Fähigkeit des Kennens und Unterscheidens immer
feiner, immer vielfältiger und tiefer erlerne und übe. Vielleicht war
das seine Bestimmung: die Frauen und die Liebe auf tausend Arten und in
tausend Verschiedenheiten bis zur Vollkommenheit kennenzulernen, so wie
manche Musikanten nicht nur ein Instrument zu spielen wissen, sondern
drei, vier, viele. Wozu freilich dies gut ist, wohin es führe, wußte er
nicht; er spürte nur, daß er auf dem Wege sei. Mochte er für Latein und
Logik zwar fähig, aber nicht in besonderer, erstaunlicher, seltener
Weise begabt sein – für die Liebe, für das Spiel mit den Frauen war er
es, hier lernte er ohne Mühe, hier vergaß er nichts, hier häuften und
ordneten die Erfahrungen sich von selbst.
Einst, nachdem er schon ein Jahr oder zwei unterwegs gewesen war, kam
Goldmund auf den Hof eines wohlhabenden Ritters mit zwei schönen jungen
Töchtern. Es war im Frühherbst, bald würden die Nächte kühl werden, im
vergangenen Herbst und Winter hatte er das gekostet, nicht ohne Sorge
dachte er an die kommenden Monate, im Winter war die Wanderschaft
schwer. Er fragte um Essen und Nachtlager. Man nahm ihn artig auf, und
als der Ritter hörte, der Fremde habe studiert und könne Griechisch,
ließ er ihn vom Tisch der Dienstboten an den seinen herüberkommen und
behandelte ihn beinah wie seinesgleichen. Die beiden Töchter hielten die
Augen gesenkt, die Ältere war achtzehn, die Kleine kaum sechzehn Jahre
alt, Lydia und Julie.
Andern Tages wollte Goldmund weiter. Es bestand keine Hoffnung für ihn,
eines dieser schönen blonden Fräulein gewinnen zu können, und andere
Frauen waren nicht da, um derentwillen er hätte bleiben mögen. Da nahm
ihn nach dem Morgenessen der Ritter beiseite und führte ihn in eine
Kammer, die er sich für besondere Zwecke eingerichtet hatte. Bescheiden
sprach der alte Mann zu dem Jüngling von seiner Liebhaberei für
Gelehrsamkeit und Bücher, zeigte ihm eine kleine Truhe voll Schriften,
die er gesammelt, zeigte ihm ein Schreibepult, das er sich hatte bauen
lassen, und einen Vorrat von schönstem Papier und Pergament. Dieser
fromme Ritter war, wie Goldmund später allmählich erfuhr, in seiner
Jugend auf Schulen gewesen, hatte sich dann aber ganz dem Kriegs- und
Weltleben ergeben, bis in schwerer Krankheit eine göttliche Mahnung ihn
veranlaßt hatte, als Pilger auszuziehen und seine sündige Jugend zu
bereuen. Er war nach Rom und sogar bis nach Konstantinopel gekommen,
hatte nach der Heimkehr seinen Vater tot und das Haus leer gefunden,
hatte sich da niedergelassen, geheiratet, die Frau verloren, die Töchter
auferzogen, und jetzt im Beginn seines Alterns hatte er sich hingesetzt
und darangemacht, einen ausführlichen Bericht über seine einstige
Pilgerreise aufzuschreiben. Er hatte auch mehrere Kapitel zustande
gebracht, aber – wie er dem Jüngling gestand – sein Latein war recht
mangelhaft und hemmte ihn überall. Er bot nun Goldmund ein neues Kleid
und freie Unterkunft an, wenn dieser ihm das bisher Geschriebene
korrigieren und ins Reine schreiben sowie bei der Fortsetzung behilflich
sein wolle.
Es war Herbst, Goldmund wußte, was das für einen Landfahrer bedeute. Das
neue Gewand war ebenfalls wünschenswert. Vor allem aber gefiel dem
Jüngling die Aussicht, noch lange Zeit im selben Hause mit den beiden
schönen Schwestern zu bleiben. Er sagte ohne Besinnen ja. Schon nach
wenigen Tagen mußte die Beschließerin den Tuchschrank öffnen, es fand
sich ein schönes braunes Tuch, von dem wurde ein Anzug und eine Mütze
für Goldmund in Arbeit gegeben. Der Ritter zwar hatte an Schwarz gedacht
und an eine Art Magisterkleid, aber davon wollte sein Gast nichts wissen
und wußte es ihm auszureden, und es entstand nun eine hübsche Tracht,
halb Page, halb Jäger, die ihm sehr gut zu Gesicht stand.
Auch mit dem Latein ging es nicht übel. Sie gingen das bisher
Geschriebene gemeinsam durch, und Goldmund berichtigte nicht nur die
vielen ungenauen und mangelnden Vokabeln, sondern baute da und dort auch
des Ritters kurze unbeholfene Sätze zu hübschen lateinischen Perioden
um, mit soliden Konstruktionen und einer sauberen _consecutio temporum_.
Dem Ritter machte er viel Vergnügen, er war mit Lob nicht sparsam. Jeden
Tag brachten sie mindestens zwei Stunden mit dieser Arbeit hin.
In der Burg – sie war ein etwas befestigter geräumiger Bauernhof – fand
Goldmund manchen Zeitvertreib. Er beteiligte sich an der Jagd und lernte
mit der Armbrust zu schießen beim Jäger Hinrich, befreundete sich mit
den Hunden und konnte reiten soviel er wollte. Selten sah man ihn
allein; entweder war es ein Hund oder Gaul, mit dem er sprach, oder
Hinrich, oder die Beschließerin Lea, eine dicke Alte mit einer
Männerstimme und vieler Geneigtheit zu Spaß und Gelächter, oder der
Hundejunge, oder ein Schäfer. Mit der Frau des Müllers, in nächster
Nachbarschaft, wäre es leicht gewesen, eine Liebschaft zu pflegen, er
hielt sich aber zurück und spielte den Unerfahrenen.
Von den beiden Töchtern des Ritters war er sehr entzückt. Die Jüngere
war die schönere, aber so spröde, daß sie kaum ein Wort mit Goldmund
sprach. Er trat beiden mit der größten Rücksicht und Höflichkeit
gegenüber, aber beide empfanden seine Nähe wie eine unaufhörliche
Werbung. Die Junge verschloß sich ganz, aus Schüchternheit trotzig. Die
Ältere, Lydia, fand gegen ihn einen besonderen Ton, indem sie ihn halb
ehrfürchtig, halb spöttisch wie ein Wundertier von einem Gelehrten
behandelte, ihm viele neugierige Fragen stellte, sich nach dem Leben im
Kloster erkundigte, aber stets wieder etwas Spöttisches und damenhaft
Überlegenes gegen ihn herauskehrte. Er ging auf alles ein, er behandelte
Lydia wie eine Dame, Julie wie eine kleine Nonne, und wenn es ihm
gelang, durch sein Gespräch die Mädchen länger als sonst nach dem
Abendessen am Tische festzuhalten, oder wenn in Hof oder Garten Lydia
ihn einmal anredete und sich eine Neckerei erlaubte, war er zufrieden
und fühlte einen Fortschritt.
Lange hielt sich in diesem Herbst das Laub an den hohen Eschen im Hof,
lange gab es im Garten noch Astern und Rosen. Da kam eines Tages Besuch,
ein Gutsnachbar mit seiner Frau und einem Reitknecht kamen geritten, der
milde Tag hatte sie zu einem ungewohnt großen Ausflug verlockt, nun
waren sie da und baten um Nachtquartier. Man empfing sie sehr artig, und
alsbald wurde Goldmunds Bett aus dem Gastzimmer in die Schreibstube
verbracht und das Zimmer für die Besuche hergerichtet, wurden einige
Hühner geschlachtet und nach der Mühle um Fische geschickt. Goldmund
nahm mit Vergnügen an der festlichen Aufregung teil und spürte sofort,
wie die fremde Dame auf ihn aufmerksam war. Und kaum hatte er, an ihrer
Stimme und an etwas in ihrem Blick, ihr Gefallen und Begehren bemerkt,
so bemerkte er auch, mit vermehrter Spannung, wie Lydia sich veränderte,
wie sie still und verschlossen wurde und ihn und die Dame zu beobachten
begann. Als beim festlichen Nachtmahl der Fuß der Dame unterm Tisch mit
Goldmunds Fuß zu spielen anfing, entzückte ihn nicht dies Spiel allein,
sondern noch viel mehr die finstere und verschwiegene Spannung, mit
welcher Lydia das Spiel aus neugierigen und lodernden Augen beobachtete.
Schließlich ließ er absichtlich ein Messer zu Boden fallen, bückte sich
danach unter den Tisch und berührte den Fuß und das Bein der Dame mit
liebkosender Hand, sah Lydia blaß werden und auf die Lippen beißen und
fuhr fort Klosteranekdoten zu erzählen, indem er fühlte, wie die Fremde
weniger den Geschichten als seiner werbenden Stimme innig zuhörte. Auch
die andern hörten ihm zu, sein Patron mit Wohlwollen, der Gast mit
unbewegtem Gesicht, aber auch er von dem Feuer berührt, das in dem
Jüngling brannte. Niemals hatte Lydia ihn so sprechen hören, er war
aufgeblüht, Lust schwang in der Luft, seine Augen blitzten, in seiner
Stimme sang Glück, flehte Liebe. Die drei Frauen fühlten es, jede
anders, die kleine Julie mit heftiger Gegenwehr und Ablehnung, die Frau
des Ritters mit strahlender Genugtuung, Lydia mit einem schmerzlichen
Wogen des Herzens, das aus inniger Sehnsucht, leisem Sichwehren und
heftigster Eifersucht gemischt war und das ihr Gesicht schmal und ihre
Augen brennen machte. Alle diese Wogen fühlte Goldmund, wie geheime
Antworten auf seine Werbungen kamen sie zu ihm zurückgeflutet, wie Vögel
umflogen ihn die Liebesgedanken, die sich hingebenden, die sich
widersetzenden, die miteinander kämpfenden.
Nach der Mahlzeit zog Julie sich zurück, es war längst Nacht, mit ihrer
Kerze im irdenen Leuchter verließ sie den Söller, kühl wie eine kleine
Klosterfrau. Die andern saßen noch eine Stunde auf, und während die
beiden Männer von der Ernte, vom Kaiser und Bischof sprachen, hörte
Lydia glühend zu, wie zwischen Goldmund und der Dame ein lässiges
Geplauder über nichts gesponnen wurde, zwischen dessen lockeren Fäden
aber ein dichtes, süßes Netz von Hin und Her, von Blicken, von
Betonungen, von kleinen Gebärden entstand, deren jede mit Bedeutung
überladen, mit Wärme überheizt war. Das Mädchen sog die Atmosphäre mit
Lüsternheit und auch mit Abscheu ein, und wenn sie sah oder fühlte, wie
Goldmunds Knie unterm Tisch das der Fremden berührte, empfand sie die
Berührung am eigenen Leibe und zuckte auf. Nachher schlief sie nicht und
horchte die halbe Nacht mit Herzklopfen, überzeugt, daß die beiden
zusammenkommen würden. Sie vollzog, was jenen versagt war, in ihrer
Einbildung, sie sah die beiden sich umschlingen, hörte ihre Küsse, dabei
zitterte sie zugleich vor Erregung, indem sie ebenso fürchtete wie
wünschte, es möge der hintergangene Ritter die Liebenden überraschen und
dem scheußlichen Goldmund sein Messer ins Herz stoßen.
Andern Morgens war der Himmel bezogen, es ging ein feuchter Wind, und
der Gast, alle Einladungen zu längerem Bleiben abwehrend, drang auf
raschen Aufbruch. Lydia stand dabei, als die Gäste zu Pferd stiegen, sie
drückte Hände und sprach Abschiedsworte, aber sie wußte nichts davon,
alle ihre Sinne waren in dem Blick, mit dem sie zusah, wie die
Rittersfrau beim Aufsteigen ihren Fuß in Goldmunds dargebotene Hände
setzte, und wie seine Rechte breit und fest um den Schuh griff und den
Frauenfuß einen Augenblick kräftig umspannte.
Die Fremden waren weggeritten, Goldmund mußte in die Schreibstube und
arbeiten. Nach einer halben Stunde hörte er unten Lydias befehlende
Stimme, hörte ein Pferd vorführen, sein Herr trat ans Fenster und
schaute hinab, lächelnd und kopfschüttelnd, dann sahen sie beide Lydia
nach, wie sie aus dem Hofe ritt. Sie kamen heute weniger vorwärts in
ihrer lateinischen Schriftstellerei, Goldmund war zerstreut; freundlich
entließ ihn sein Herr, früher als sonst.
Unbemerkt brachte Goldmund sich und sein Pferd aus dem Hofe, dem
kühlfeuchten Herbstwind entgegen ritt er in die verfärbte Landschaft,
rascher und rascher trabend fühlte er das Pferd unter sich warm werden
und sein eigenes Blut sich befeuern. Über Stoppelfelder und Brachland,
über Heide und über Moorstellen, mit Schachtelhalm und Riedgras
bewachsen, ritt er aufatmend durch den grauen Tag, durch kleine
Erlentäler, durch modrigen Fichtenwald, und wieder über bräunliche leere
Heide.
Auf einem hohen Hügelkamm, scharf gegen den lichtgrauen Wolkenhimmel,
entdeckte er Lydias Gestalt, hoch saß sie auf langsam trabendem Pferd.
Er stürmte zu ihr; kaum sah sie sich verfolgt, trieb sie ihren Gaul an
und floh davon. Bald verschwand sie, bald war sie sichtbar mit wehenden
Haaren. Wie einer Beute jagte er ihr nach, sein Herz lachte, mit kleinen
zärtlichen Rufen ermunterte er sein Pferd, las mit frohen Augen im
Hinfliegen die Kennzeichen der Landschaft ab, die hingeduckten Felder,
das Erlengehölz, die Ahorngruppen, die lehmigen Ufer der Tümpel, ließ
immer wieder den Blick zu seinem Ziel zurückkehren, der schönen
Fliehenden. Bald mußte er sie erreichen.
Als Lydia ihn nahe wußte, gab sie die Flucht auf und ließ ihr Tier im
Schritt gehen. Sie wandte sich nicht nach dem Verfolger um. Stolz,
scheinbar gleichmütig ritt sie vor sich hin, als wäre nichts gewesen,
als wäre sie allein. Er trieb sein Pferd neben ihres, dicht
nebeneinander schritten friedlich die beiden Rosse, aber Tiere und
Reiter waren erhitzt vom Jagen.
„Lydia!“ rief er leise.
Sie gab keine Antwort.
„Lydia!“
Sie blieb stumm.
„Wie schön war das, Lydia, dich von fern reiten zu sehen, wie ein
goldener Blitz flog dein Haar hinter dir her. Wie schön war das! Ach,
wie wunderbar, daß du vor mir geflohen bist! Da sah ich erst, daß du
mich ein wenig lieb hast. Ich hatte es nicht gewußt, noch gestern abend
war ich im Zweifel. Erst da, als du mir zu entfliehen versucht hast,
habe ich es plötzlich verstanden. Schöne, Liebe, du mußt müde sein, laß
uns absteigen!“
Er sprang rasch vom Pferde und faßte im selben Augenblick ihren Zügel,
daß sie nicht nochmals ausrisse. Schneeweiß blickte ihr Gesicht zu ihm
herab, und als er sie vom Pferde hob, brach sie in Weinen aus. Behutsam
führte er sie ein paar Schritte, ließ sie ins verdorrte Gras
niedersitzen und kniete neben ihr. Da saß sie und kämpfte mit dem
Schluchzen, tapfer kämpfte sie und wurde Herr darüber.
„Ach, daß du so schlecht bist!“ fing sie an, als sie sprechen konnte.
Kaum brachte sie die Worte heraus.
„Bin ich so schlecht?“
„Du bist ein Frauenverführer, Goldmund. Laß mich vergessen, was du mir
da vorher gesagt hast, es waren unverschämte Worte, es ziemt sich nicht
für dich, so mit mir zu reden. Wie kannst du glauben, ich hätte dich
lieb? Laß uns das vergessen! Aber wie soll ich vergessen, was ich
gestern abend habe sehen müssen?“
„Gestern abend? Was hast du denn da gesehen?“
„Ach, tu nicht so, lüge doch nicht so! Es war gräßlich und schamlos, wie
du da vor meinen Augen dieser Frau schön getan hast! Hast du denn keine
Scham? Sogar das Bein hast du ihr gestreichelt, unterm Tisch, unter
unserem Tisch! Vor mir, vor meinen Augen! Und jetzt kommst du, wo sie
fort ist, und stellst mir nach! Du weißt wirklich nicht, was Scham ist.“
Goldmund hatte längst schon die Worte bereut, die er ihr gesagt hatte,
ehe er sie vom Pferd holte. Wie dumm war das gewesen! Worte waren in der
Liebe entbehrlich, er hätte schweigen sollen.
Er sagte nichts mehr. Er kniete neben ihr, und da sie ihn so schön und
unglücklich ansah, steckte ihr Leid ihn an; er fühlte selbst, daß da
etwas zu beklagen war. Aber trotz allem, was sie da gesagt hatte, sah er
in ihrem Auge doch Liebe, und auch der Schmerz auf ihren zuckenden
Lippen war Liebe. Er glaubte ihrem Auge mehr als ihren Worten.
Aber sie hatte eine Antwort erwartet. Da sie nicht kam, machte Lydia
ihre Lippen noch herber, sah ihn aus den etwas verweinten Augen an und
wiederholte: „Hast du denn wirklich keine Scham?“
„Verzeih“, sagte er demütig, „wir sprechen da von Sachen, über die man
nicht sprechen sollte. Es ist meine Schuld, verzeih mir! Du fragst, ob
ich keine Scham habe. Ja, Scham habe ich wohl. Aber ich habe dich doch
lieb, du, und die Liebe weiß nichts von Scham. Sei nicht böse!“
Sie schien kaum zu hören. Sie saß und machte diesen bitteren Mund und
blickte darüber weg in die Ferne, als wäre sie ganz allein. Nie war er
in einer solchen Lage gewesen. Es kam vom Sprechen.
Sanft legte er sein Gesicht auf ihr Knie, und sogleich tat die Berührung
ihm wohl. Doch war er etwas ratlos und traurig, und auch sie schien noch
immer traurig zu sein, sie saß regungslos, schwieg und sah ins Weite.
Wieviel Verlegenheit, wieviel Traurigkeit! Aber das Knie nahm das
Anschmiegen seiner Wange freundlich an, es wies ihn nicht zurück. Mit
geschlossenen Augen lag sein Gesicht auf ihrem Knie, langsam nahm es
dessen edle, lange Form in sich auf. Goldmund dachte mit Freude und
Rührung, wie sehr dies Knie in seiner vornehmen und jugendlichen Form
ihren langen, schönen, straff gewölbten Fingernägeln entspreche. Dankbar
schmiegte er sich an das Knie, ließ Wange und Mund mit ihm sprechen.
Jetzt spürte er ihre Hand, die sich zaghaft und vogelleicht auf sein
Haar legte. Liebe Hand, fühlte er und spürte, wie sie leise und kindlich
sein Haar streichelte. Ihre Hand hatte er oft schon genau betrachtet und
bewundert, er kannte sie beinah wie seine eigene, die langen schlanken
Finger mit den langen, schön gewölbten, rosigen Hügeln der Fingernägel.
Nun sprachen die langen zarten Finger schüchtern mit seinen Locken. Ihre
Sprache war kindlich und bange, aber sie war Liebe. Dankbar schmiegte er
seinen Kopf in ihre Hand, fühlte mit dem Nacken, mit den Wangen ihre
Handfläche.