Während es über den Feldern kühl wurde und von Stunde zu Stunde der Mond
höher rückte, ruhten die Liebenden auf ihrem sanft beschienenen Lager,
in ihre Spiele verloren, gemeinsam entschlummernd und schlafend, im
Erwachen sich neu zueinander wendend und einander entzündend, aufs neue
ineinander verstrickt, aufs neue entschlafend. Nach der letzten Umarmung
lagen sie erschöpft, Lise hatte sich tief ins Heu gepreßt und atmete
schmerzlich, Goldmund lag auf dem Rücken, regungslos, und starrte lang
in den bleichen Mondhimmel; in beiden stieg die große Traurigkeit empor,
der sie in den Schlaf entflohen. Sie schliefen tief und verzweifelt,
schliefen gierig, als sei es zum letztenmal, als seien sie zu ewigem
Wachsein verurteilt und müßten in diesen Stunden vorher noch allen
Schlaf der Welt in sich eintrinken.
Beim Erwachen sah Goldmund Lise mit ihren schwarzen Haaren beschäftigt.
Er sah ihr eine Weile zu, zerstreut und erst halb wach geworden.
„Du bist schon wach?“ sagte er schließlich.
Sie wandte sich mit einem Ruck ihm zu, wie erschrocken.
„Ich muß jetzt fortgehen“, sagte sie, etwas bedrückt und verlegen. „Ich
wollte dich nicht wecken.“
„Nun bin ich ja wach. Müssen wir denn schon weiter? Wir sind doch
heimatlos.“
„Ich, ja“, sagte Lise. „Du gehörst doch ins Kloster.“
„Ich gehöre nicht mehr ins Kloster, ich bin wie du, ich bin ganz allein
und habe kein Ziel. Ich werde mit dir gehen, natürlich.“
Sie blickte zur Seite.
„Goldmund, du kannst nicht mit mir kommen. Ich muß jetzt zu meinem Mann;
er wird mich schlagen, weil ich die Nacht ausgeblieben bin. Ich sage,
ich hätte mich verlaufen. Aber natürlich glaubt er es nicht.“
In diesem Augenblick erinnerte sich Goldmund, daß Narziß ihm dies
vorausgesagt habe. Also so stand es nun.
Er stand auf und gab ihr die Hand.
„Ich habe mich verrechnet“, sagte er, „ich hatte geglaubt, wir beide
würden beisammen bleiben. – Aber hast du mich wirklich schlafen lassen
wollen und ohne Abschied fortlaufen?“
„Ach, ich dachte, du würdest böse werden und mich vielleicht schlagen.
Daß mein Mann mich schlägt, nun ja, das ist so, es ist in Ordnung. Aber
ich wollte nicht auch noch von dir Schläge bekommen.“
Er hielt ihre Hand fest.
„Lise“, sagte er, „ich schlage dich nicht, heute nicht und niemals.
Willst du nicht lieber mit mir gehen statt mit deinem Mann, wenn er dich
doch prügelt?“
Sie zog heftig, um ihre Hand loszubekommen.
„Nein, nein, nein“, rief sie, mit einer weinerlichen Stimme. Und weil er
wohl fühlte, daß ihr Herz von ihm fortstrebe und daß sie lieber von dem
andern Schläge wolle als von ihm gute Worte, ließ er die Hand los, und
jetzt fing sie an zu weinen. Aber zugleich lief sie. Die Hände vor die
nassen Augen haltend, lief sie davon. Er sagte nichts mehr und sah ihr
nach. Sie tat ihm leid, wie sie da über die gemähten Wiesen fortstrebte,
von irgendeiner Macht gerufen und gezogen, einer unbekannten Macht, über
welche er sich Gedanken machen mußte. Sie tat ihm leid, und auch er
selbst tat sich ein wenig leid; er hatte da kein Glück gehabt, schien
es, allein und etwas dumm saß er da, verlassen, sitzengeblieben.
Indessen war er noch immer müde und schlaflüstern, noch nie war er so
erschöpft gewesen. Es war später noch Zeit, unglücklich zu sein. Schon
schlief er wieder und kam erst wieder zu sich, als ihm die schon
hochgestiegene Sonne heiß machte.
Jetzt war er ausgeruht; rasch erhob er sich, lief zum Bach, wusch sich
und trank. Viele Erinnerungen kamen ihm jetzt, aus den Liebesstunden
dieser Nacht dufteten wie fremde Blumen viele Bilder, viele holde
zärtliche Empfindungen herauf. Ihnen sann er nach, während er rüstig zu
wandern begann, fühlte alles nochmals, schmeckte, roch und tastete alles
noch einmal und noch einmal. Wieviel Träume hatte ihm das fremde braune
Weib erfüllt, wieviel Knospen zum Blühen gebracht, wieviel Neugierde und
Sehnsucht gestillt und wieviel neue erweckt!
Und vor ihm lag Feld und Heide, lag vertrocknetes Brachfeld und dunkler
Wald, dahinter mochten Höfe liegen und Mühlen, ein Dorf, eine Stadt. Zum
erstenmal lag die Welt vor ihm, offen und wartend, bereit, ihn
aufzunehmen, ihm wohlzutun und wehzutun. Er war kein Schüler mehr, der
die Welt durchs Fenster sieht, seine Wanderung war kein Spaziergang
mehr, dessen Ende unweigerlich die Rückkehr war. Diese große Welt war
jetzt wirklich geworden, er war ein Teil von ihr, in ihr ruhte sein
Schicksal, ihr Himmel war der seine, ihr Wetter das seine. Klein war er
in dieser großen Welt, klein lief er wie ein Hase, wie ein Käfer durch
ihre blau und grüne Unendlichkeit. Da rief keine Glocke zum Aufstehen,
zum Kirchgang, zur Lektion, zum Mittagstisch.
O wie hungrig er war! Ein halber Laib Gerstenbrot, eine Schüssel Milch,
eine Mehlsuppe – was waren das für zauberhafte Erinnerungen! Wie ein
Wolf war sein Magen erwacht. An einem Kornfeld kam er vorüber, die Ähren
waren halbreif, er enthülste sie mit Fingern und Zähnen, mahlte die
kleinen glitschigen Körner mit Gier, holte immer neue, stopfte sich die
Taschen mit Ähren voll. Und dann fand er Haselnüsse, noch sehr grüne,
und biß mit Lust in die krachenden Schalen; auch von ihnen nahm er
Vorrat mit.
Nun begann wieder Wald, Fichtenwald mit Eichen und Eschen dazwischen,
und hier gab es Heidelbeeren in unendlicher Menge, da hielt er Rast und
aß und kühlte sich. Zwischen dem dünnen harten Waldgras standen blaue
Glockenblumen, braune sonnige Falter flogen auf und verschwanden
launisch in zackigem Flug. In einem solchen Walde hatte die heilige
Genoveva gewohnt, ihre Geschichte hatte er immer geliebt. O wie gern
wäre er ihr begegnet! Oder es mochte etwa eine Einsiedelei im Walde
sein, mit einem alten bärtigen Pater in einer Höhle oder Rindenhütte.
Vielleicht hausten auch Köhler in diesem Walde, gern hätte er sie
begrüßt. Es mochten selbst Räuber sein, ihm hätten sie wohl nichts
getan. Schön wäre es, Menschen anzutreffen, irgendwelche. Aber er wußte
freilich: vielleicht konnte er lang im Walde weitergehen, heut und
morgen und noch manchen Tag, ohne jemand zu begegnen. Auch das mußte
hingenommen werden, wenn es ihm so bestimmt war. Man durfte nicht viel
denken, man mußte alles kommen lassen, wie es mochte.
Er hörte einen Specht klopfen und versuchte ihn zu beschleichen; lange
gab er sich vergeblich Mühe, ihn zu Gesicht zu bekommen, endlich gelang
es ihm doch, und er sah ihm eine Weile zu, wie er einsam am Baumstamm
klebte und hämmerte und den fleißigen Kopf hin und her bewegte. Schade,
daß man nicht mit den Tieren sprechen konnte! Es wäre schön gewesen, den
Specht anzurufen und ihm etwas Freundliches zu sagen und vielleicht
etwas von seinem Leben in den Bäumen zu erfahren, von seiner Arbeit und
seiner Freude. Oh, daß man sich verwandeln könnte!
Es fiel ihm ein, wie er in Mußestunden manchmal gezeichnet hatte, wie er
mit dem Griffel auf seiner Schreibtafel Figuren gezogen hatte, Blumen,
Blätter, Bäume, Tiere, Menschenköpfe. Damit hatte er oft lange gespielt,
und manchmal hatte er wie ein kleiner Herrgott Kreaturen nach seinem
Willen erschaffen, er hatte in einen Blumenkelch Augen und einen Mund
gezeichnet, er hatte ein aus dem Zweig sprossendes Blätterbündel zu
Fingern gestaltet, er hatte einem Baum einen Kopf aufgesetzt. Bei diesem
Spiel war er oft eine Stunde lang glücklich und verzaubert gewesen,
hatte zaubern können, hatte Linien gezogen und sich selbst davon
überraschen lassen, ob aus der begonnenen Gestalt das Blatt eines
Baumes, die Schnauze eines Fisches, der Schwanz eines Fuchses, die
Augenbraue eines Menschen werde. So sollte man verwandlungsfähig sein,
dachte er jetzt, wie es damals die spielerischen Linien auf seinem
Täfelchen gewesen waren! Goldmund wäre so gerne ein Specht geworden,
vielleicht für einen Tag, vielleicht für einen Monat, hätte in den
Wipfeln gewohnt, wäre hoch an den glatten Stämmen gelaufen, hätte mit
starkem Schnabel in die Rinde gepickt und sich mit den Schwanzfedern
gegengestemmt, hätte Spechtsprache gesprochen und gute Sachen aus der
Rinde geholt. Süß und kernig klang das Spechtgehämmer im klingenden
Holz.
Viele Tiere traf Goldmund unterwegs im Walde. Er traf manche Hasen, die
schossen plötzlich aus dem Gehölz, wenn er nahe kam, starrten ihn an,
wandten sich und jagten davon, die Ohren niedergelegt, hell unterm
Schwanz. In einer kleinen Lichtung fand er eine lange Schlange liegen,
die lief nicht davon, es war keine lebendige Schlange, nur ihre leere
Haut, er nahm sie und betrachtete sie, grau und braun lief ein schönes
Muster über ihren Rücken, und die Sonne schien durch sie hindurch, sie
war dünn wie Spinnweb. Schwarze Amseln mit gelben Schnäbeln sah er, die
blickten starr und eng aus schwarzen ängstlichen Augenkugeln und flohen
in niedrigem Fluge der Erde nah davon. Rotbrüstchen und Finken gab es
viele. An einem Ort im Walde war ein Loch, ein Tümpel voll mit grünem,
dickem Wasser, auf dem liefen langbeinige Spinnen eifrig und wie
besessen durcheinander, einem unverständlichen Spiel hingegeben, und
darüber flogen ein paar Wasserjungfern mit tief dunkelblauen Flügeln.
Und einmal, schon gegen den Abend, sah er etwas – vielmehr er sah nichts
als bewegtes durchwühltes Laub und hörte Zweige brechen und feuchte Erde
aufklatschen und ein großes, kaum sichtbares Tier mit gewaltiger Wucht
durchs Gestrüpp rennen und brechen, vielleicht ein Hirsch, vielleicht
eine Sau, er wußte es nicht. Lange stand er noch, vom Schrecken
aufatmend, tief erregt lauschte er der Bahn des Tieres nach, lauschte
noch mit Herzklopfen, als längst alles still geworden war.
Er fand nicht aus dem Walde heraus, er mußte darin übernachten. Während
er eine Schlafstätte aussuchte und ein Moosbett aufbaute, suchte er sich
auszudenken, wie das sein würde, wenn er nie mehr aus den Wäldern fände
und für immer darin bleiben müßte. Und er fand, daß dies ein großes
Unglück sein würde. Von Beeren leben, das war am Ende möglich, und auf
Moos schlafen auch, außerdem würde es ihm ohne Zweifel gelingen, sich
eine Hütte zu bauen, vielleicht sogar Feuer zu machen. Aber immer und
immer allein zu bleiben und zwischen den stillen schlafenden Baumstämmen
zu hausen und zwischen den Tieren zu leben, die vor einem davonliefen
und mit denen man nicht sprechen konnte, das würde unerträglich traurig
sein. Keine Menschen sehen, niemandem guten Tag und gute Nacht sagen, in
keine Gesichter und Augen mehr blicken können, keine Mädchen und Frauen
mehr ansehen, keinen Kuß mehr spüren, nicht mehr das heimliche holde
Spiel der Lippen und Glieder spielen, o das wäre unausdenklich! Wenn ihm
das beschieden wäre, dachte er, dann würde er versuchen, ein Tier zu
werden, ein Bär oder Hirsch, sei es auch unter Verzicht auf die ewige
Seligkeit. Ein Bär zu sein und eine Bärin zu lieben, das wäre nicht
schlecht und wäre zumindest sehr viel besser, als seine Vernunft und
Sprache und all das zu behalten und damit allein und traurig und
ungeliebt dahinzuleben.
In seinem Moosbett, vor dem Einschlafen, hörte er neugierig und
ängstlich die vielen unverständlichen, rätselhaften Nachtgeräusche des
Waldes. Sie waren jetzt seine Kameraden, mit ihnen mußte er leben, sich
an sie gewöhnen, sich mit ihnen messen und vertragen; er gehörte jetzt
zu den Füchsen und Rehen, zu Tanne und Fichte, mit ihnen mußte er leben,
mit ihnen sich in Luft und Sonne teilen, mit ihnen den Tag erwarten, mit
ihnen hungern, bei ihnen zu Gast sein.
Dann schlief er und träumte von Tieren und Menschen, war ein Bär und
fraß die Lise unter Liebkosungen auf. Mitten in der Nacht wachte er mit
tiefem Schrecken auf, wußte nicht warum, fühlte sein Herz unendlich bang
und sann lange verstört nach. Es fiel ihm ein, daß er gestern und heute
ohne Nachtgebet schlafen gegangen war. Er stand auf, kniete neben seinem
Lager nieder und betete seinen Abendspruch zweimal, für gestern und für
heut. Bald schlief er wieder.
Verwundert blickte er sich am Morgen im Walde um, er hatte vergessen, wo
er war. Die Waldangst begann nun nachzulassen, mit neuer Freude
vertraute er sich dem Waldleben an, immer aber weiter wandernd und
seinen Weg nach der Sonne richtend. Einmal fand er eine Waldstrecke, die
war vollkommen eben, mit wenig Unterholz, und der Wald bestand aus
lauter sehr dicken, alten, geraden Weißtannen; als er eine Weile
zwischen diesen Säulen gegangen war, begannen sie ihn an die Säulen der
großen Klosterkirche zu erinnern, ebenjener Kirche, in deren schwarzes
Portal er seinen Freund Narziß neulich hatte verschwinden sehen – wann
doch? War das wirklich erst vor zwei Tagen gewesen?
Erst nach zwei Tagen und zwei Nächten kam er aus dem Walde heraus. Mit
Freude erkannte er die Zeichen der Menschennähe: bebautes Land, Streifen
Ackers mit Roggen und mit Hafer bestanden, Wiesen, durch welche, da und
dort ein Stückchen weit sichtbar, ein schmaler Fußweg getreten war.
Goldmund pflückte Roggen und kaute, freundlich blickte das bestellte
Land ihn an, menschlich mutete und gesellig nach der langen Waldwildnis
alles ihn an, das Wegchen, der Haber, die verblühten weißgewordenen
Kornnelken. Nun würde er zu Menschen kommen. Nach einer kleinen Stunde
kam er an einem Acker vorüber, an dessen Rande stand ein Kreuz
aufgerichtet, er kniete und betete zu seinen Füßen. Um eine
vorspringende Hügelnase biegend, stand er plötzlich vor einem schattigen
Lindenbaum, hörte entzückt die Melodie eines Brunnens, dessen Wasser aus
hölzerner Röhre in einen langen Holztrog fiel, trank kaltes köstliches
Wasser und sah mit Freude ein paar Strohdächer aus den Hollundern ragen,
deren Beeren schon dunkel waren. Tiefer als alle diese freundlichen
Zeichen berührte ihn das Brüllen einer Kuh, das klang ihm so wohlig,
warm und wohnlich entgegen wie eine Begrüßung und ein Willkomm.
Spähend näherte er sich der Hütte, aus der das Kuhgebrüll gekommen war.
Vor der Haustür saß im Staube ein kleiner Knabe mit rötlichem Haar und
hellblauen Augen, der hatte einen irdenen Topf voll Wasser neben sich
stehen, und aus dem Staub und dem Wasser machte er einen Teig, mit dem
seine nackten Beine schon überzogen waren. Glücklich und ernsthaft
drückte er den nassen Dreck zwischen seinen Händen, sah ihn zwischen den
Fingern hervorquellen, machte Kugeln daraus und nahm zum Kneten und
Formen auch noch sein Kinn zu Hilfe.
„Grüß’ Gott, Bub“, sagte Goldmund sehr freundlich. Aber der Kleine, als
er aufblickte und einen Fremden sah, riß das Mäulchen auf, verzog das
feiste Gesicht und lief plärrend auf allen vieren zur Haustür hinein.
Goldmund folgte ihm und kam in die Küche; sie war so dämmerig, daß er,
aus dem hellen Mittagsglast hereinkommend, anfangs nichts zu sehen
vermochte. Er sprach für alle Fälle einen frommen Gruß, es kam keine
Antwort; über dem Geschrei des erschreckten Knaben wurde aber allmählich
eine dünne greise Stimme hörbar, die dem Buben tröstend zusprach.
Endlich erhob sich im Dunkel und näherte sich eine kleine alte Frau,
hielt eine Hand vor die Augen und sah zu dem Gaste auf.
„Grüß’ dich Gott, Mutter“, rief Goldmund, „und alle lieben Heiligen
sollen dein gutes Gesicht segnen; seit drei Tagen hab’ ich kein
Menschengesicht mehr gesehen.“
Blöde schaute das alte Weiblein aus weitsichtigen Augen.
„Was willst denn du?“ fragte sie unsicher.
Goldmund gab ihr die Hand und streichelte die ihre ein wenig.
„Grüß’ Gott sagen will ich dir, Großmütterchen, und ein bißchen ausruhen
und dir beim Feuermachen helfen. Ein Stück Brot, wenn du mir eins geben
willst, verschmähe ich nicht, es hat aber keine Eile damit.“
Er sah eine Bank an die Wand gezimmert, auf die setzte er sich, während
die Alte dem Buben ein Stück Brot abschnitt, der jetzt gespannt und
neugierig, aber noch jeden Augenblick zum Weinen und Weglaufen bereit,
zu dem Fremden hinüberstarrte. Die Alte schnitt noch ein zweites Stück
Brot vom Laib und brachte es Goldmund.
„Danke schön“, sagte er, „Gott soll dir’s lohnen.“
„Hast du einen leeren Bauch?“ fragte das Weib.
„Das nicht, er ist voll von Heidelbeeren.“
„Na dann iß! Wo kommst her?“
„Von Mariabronn, vom Kloster.“
„Bist ein Pfaff?“
„Das nicht. Ein Schüler. Auf Reisen.“
Sie sah ihn an, halb spöttisch, halb blöde, und schüttelte ein wenig den
Kopf auf dem hagern faltigen Halse. Sie ließ ihn ein paar Bissen kauen
und brachte den Kleinen wieder an die Sonne hinaus. Dann kam sie wieder,
neugierig, und fragte: „Weißt du was Neues?“
„Nicht viel. Kennst du den Pater Anselm?“
„Nein. Was ist mit dem?“
„Krank ist er.“
„Krank? Muß er sterben?“
„Weiß nicht. Es ist in den Beinen. Er kann nicht gut gehen.“
„Muß er sterben?“
„Ich weiß nicht. Vielleicht.“
„Na, laß ihn sterben. Ich muß Suppe kochen. Hilf mir Späne schneiden.“
Sie gab ihm ein Tannenscheit, hübsch am Herd getrocknet, und ein Messer.
Er schnitt Späne, so viel sie wollte, und sah zu, wie sie sie in die
Asche steckte und sich darüber bückte und hastete und blies, bis sie
Feuer fingen. Nach einer genauen, geheimen Ordnung schichtete sie nun
auf, Tannenes und Buchenes, hell strahlte das Feuer auf dem offenen
Herde, sie rückte den großen schwarzen Kessel in die Flammen, der an
verrußter Kette aus dem Rauchfang hing.
Goldmund holte auf ihren Befehl Wasser am Brunnen, rahmte die
Milchschüssel ab, saß in der rauchigen Dämmerung, sah die Flammen
spielen und über ihnen das knochige Runzelgesicht der Alten in roten
Schimmern erscheinen und verschwinden; er hörte nebenan, hinter
bretterner Wand, die Kuh in der Raufe wühlen und stoßen. Es gefiel ihm
sehr. Die Linde, der Brunnen, das flackernde Feuer unterm Kessel, das
Schnauben und Mahlen der fressenden Kuh und ihre dumpfen Stöße gegen die
Wand, der halbdunkle Raum mit Tisch und Bank, das Hantieren der kleinen
greisen Frau, das alles war schön und gut, roch nach Nahrung und
Frieden, nach Menschen und Wärme, nach Heimat. Auch zwei Ziegen waren
da, und von der Alten erfuhr er, man habe auch einen Schweinestall
hintenan, und die Alte war des Bauern Großmutter, die Urahne des kleinen
Buben. Der hieß Kuno, er kam ab und zu herein, und wenn er auch kein
Wörtchen sprach und etwas ängstlich blickte, er weinte doch nicht mehr.
Es kam der Bauer mit seinem Weib, die waren sehr erstaunt, einen Fremden
im Haus zu treffen. Der Bauer wollte schon zu schimpfen anfangen,
mißtrauisch zog er den Jüngling am Arm zur Tür, um beim Tageslicht sein
Gesicht zu besehen; dann lachte er, schlug ihm wohlmeinend auf die
Schulter und lud ihn zum Essen ein. Sie setzten sich, und jeder tauchte
sein Brot in die gemeinsame Milchschüssel, bis die Milch zur Neige ging
und der Bauer den Rest austrank.
Goldmund fragte, ob er bis morgen bleiben und unter ihrem Dach schlafen
dürfe. Nein, meinte der Mann, dazu sei kein Raum, aber draußen liege ja
überall noch Heu genug, da werde er schon ein Lager finden.
Die Bäuerin hatte den Kleinen neben sich, sie nahm nicht am Gespräch
teil, aber während des Essens nahmen ihre neugierigen Augen von dem
jungen Fremden Besitz. Seine Locken und sein Blick hatten ihr sogleich
Eindruck gemacht, dann nahm sie mit Gefallen auch seinen hübschen weißen
Hals, seine vornehmen glatten Hände und deren freie schöne Bewegungen
wahr. Ein stattlicher und vornehmer Fremder war das, und so jung! Was
sie aber am meisten anzog und verliebt machte, war die Stimme des
Fremden, diese heimlich singende, warm ausstrahlende, sanft werbende
junge Männerstimme, die wie Liebkosung klang. Noch lang hätte sie dieser
Stimme zuhören mögen.
Nach dem Essen machte der Bauer sich im Stall zu schaffen; Goldmund war
aus dem Hause getreten, hatte sich am Brunnen die Hände gewaschen und
saß auf dem niedrigen Brunnenrand, sich kühlend und dem Wasser zuhörend.
Unschlüssig saß er; er hatte hier nichts mehr zu suchen, doch tat es ihm
leid, schon wieder gehen zu sollen. Da kam die Bäuerin heraus, einen
Eimer in der Hand, den stellte sie unter den Strahl und ließ ihn
vollaufen. Mit halber Stimme sagte sie: „Du, wenn du heut abend noch in
der Nähe bist, will ich dir zu essen bringen. Dort hinüber, hinter dem
langen Gerstenfeld, liegt Heu, das wird erst morgen geholt. Wirst du
noch da sein?“
Er sah ihr ins sommersprossige Gesicht, sah ihre starken Arme den Eimer
rücken, warm blickten ihre hellen großen Augen. Er lächelte ihr zu und
nickte, und schon schritt sie mit dem vollen Eimer weg und verschwand im
Dunkel der Tür. Dankbar saß er, sehr zufrieden, und hörte dem laufenden
Wasser zu. Ein wenig später ging er hinein, suchte den Bauern, gab ihm
und der Großmutter die Hand und bedankte sich. Es roch nach Feuer, nach
Ruß und nach Milch in der Hütte. Eben war sie noch Obdach und Heimat
gewesen, schon ward sie wieder Fremde. Grüßend ging er hinaus.
Jenseits der Hütten fand er eine Kapelle stehen, und in ihrer Nähe ein
schönes Gehölz, eine Gruppe alter starker Eichen, mit kurzem Grase
darunter. Hier im Schatten blieb er und wandelte spazierend zwischen den
dicken Stämmen hin und wider. Sonderbar, dachte er, war das mit den
Frauen und der Liebe; sie bedurften in der Tat keiner Worte. Eines
Wortes hatte die Frau bloß bedurft, um ihm den Ort des Stelldicheins zu
bezeichnen, alles andere hatte sie nicht mit Worten gesagt. Womit denn?
Mit den Augen, ja, und mit einem gewissen Klang in der etwas belegten
Stimme, und noch mit irgend etwas, einem Duft vielleicht, einer zarten,
leisen Ausstrahlung der Haut, an welcher Frauen und Männer es sofort
erkennen konnten, wenn sie einander begehrten. Merkwürdig war es, wie
eine delikate Geheimsprache, und so rasch hatte er diese Sprache
gelernt! Er freute sich sehr auf den Abend, er war voll Neugierde, wie
diese große blonde Frau sein möchte, was für Blicke und Töne, was für
Glieder, Bewegungen und Küsse sie haben würde – gewiß ganz andere als
Lise. Wo mochte sie jetzt sein, die Lise, mit ihrem schwarzen straffen
Haar, ihrer braunen Haut, ihren kurzen Seufzern? Hatte ihr Mann sie
geschlagen? Dachte sie noch an ihn? Hatte sie schon wieder einen neuen
Liebhaber gefunden, so wie er heut eine neue Frau gefunden hatte? Wie
schnell ging das alles, wie lag überall das Glück am Wege, wie schön und
heiß war es und wie sonderbar vergänglich! Es war Sünde, es war
Ehebruch, noch vor kurzem hätte er sich lieber töten lassen, als diese
Sünde zu begehen. Und jetzt war es schon die zweite Frau, auf die er
wartete, und sein Gewissen war still und ruhig. Das heißt, ruhig war es
vielleicht doch nicht; aber es war nicht der Ehebruch und die Wollust,
wegen der sein Gewissen manchmal unruhig war und Last trug. Es war etwas
anderes, er konnte es nicht mit Namen nennen. Es war das Gefühl einer
Schuld, die man nicht begangen, sondern schon mit sich zur Welt gebracht
hat. Vielleicht war es dies, was in der Theologie Erbsünde genannt
wurde? Es mochte wohl sein. Ja, das Leben selbst trug etwas wie Schuld
in sich – warum sonst hätte ein so reiner und so wissender Mensch wie
Narziß sich Bußübungen unterzogen wie ein Verurteilter? Oder warum hätte
er selbst, Goldmund, irgendwo in der Tiefe diese Schuld fühlen müssen?
War er denn nicht glücklich? War er nicht jung und gesund, war er nicht
frei wie der Vogel in der Luft? Liebten ihn nicht die Frauen? War es
nicht schön zu fühlen, wie er als Liebender dieselbe tiefe Lust, die er
empfand, dem Weibe geben durfte? Warum also war er dennoch nicht ganz
und gar glücklich? Warum konnte in sein junges Glück ebenso wie in
Narzissens Tugend und Weisheit zuzeiten dieser merkwürdige Schmerz
dringen, diese leise Angst, diese Klage um die Vergänglichkeit? Warum
mußte er so manchmal grübeln, nachdenken, obwohl er doch wußte, daß er
kein Denker sei?
Nun, dennoch war es schön zu leben. Er pflückte im Grase eine kleine
violette Blume, hielt sie nah ans Auge, blickte in die kleinen engen
Kelche hinein, da liefen Adern und lebten winzige haarfeine Organe; wie
im Schoß einer Frau oder wie im Gehirn eines Denkenden schwang da Leben,
zitterte da Lust. O warum wußte man so gar nichts? Warum konnte man
nicht mit dieser Blume sprechen? Aber es konnten ja nicht einmal zwei
Menschen wirklich miteinander sprechen, dazu bedurfte es schon eines
Glücksfalles, einer besonderen Freundschaft und Bereitschaft. Nein, es
war ein Glück, daß die Liebe keiner Worte bedurfte; sie wäre sonst voll
Mißverständnis und Torheit geworden. Ach, wie Lises Auge, das
halbgeschlossene, im Übermaß der Wonne wie gebrochen war und nur noch
Weißes im Schlitz der zuckenden Lider gezeigt hatte – mit zehntausend
gelehrten oder dichterischen Worten war das nicht auszusprechen! Nichts,
ach nichts überhaupt ließ sich irgend aussprechen, irgend ausdenken –
und dennoch hatte man in sich immer wieder das drängende Bedürfnis zu
sprechen, den ewigen Antrieb zu denken!
Er betrachtete die Blätter der kleinen Pflanze, wie sie um den Stengel
her so hübsch, so merkwürdig klug geordnet waren. Schön waren die Verse
des Vergil, er liebte sie; aber es stand mancher Vers im Vergil, der
nicht halb so klar und klug, nicht halb so schön und sinnvoll war wie
die spiralige Ordnung dieser winzigen Blättchen am Stengel empor. Welch
ein Genuß, welch ein Glück, welch ein entzückendes, edles und sinnvolles
Tun wäre es, wenn ein Mensch es vermöchte, eine einzige solche Blume zu
erschaffen! Aber keiner vermochte das, kein Held und kein Kaiser, kein
Papst und kein Heiliger.
Als die Sonne tief stand, machte er sich auf und suchte den Ort, den ihm
die Bäuerin gewiesen hatte. Dort wartete er. Schön war es, so zu warten
und zu wissen, daß eine Frau unterwegs war und lauter Liebe mitbrachte.
Sie kam mit einem leinenen Tuch, in das hatte sie ein großes Stück Brot
und eine Schnitte Speck gebunden. Sie knüpfte es auf und legte es vor
ihm dar.
„Für dich“, sagte sie. „Iß!“
„Nachher“, sagte er, „ich bin nicht hungrig nach Brot, ich bin hungrig
nach dir. O zeig, was du mir Schönes mitgebracht hast!“
Viel Schönes hatte sie ihm mitgebracht, starke durstige Lippen, starke
funkelnde Zähne, starke Arme, die waren rot von der Sonne, aber innen
unterm Halse und hinabwärts war sie weiß und zart. Worte wußte sie
wenige, aber tief in der Kehle sang sie einen holden lockenden Ton, und
als sie seine Hände auf sich spürte, so zarte, zärtliche und gefühlige
Hände, wie sie nie gespürt hatte, schauerte ihre Haut, und es klang in
ihrer Kehle wie in der einer schnurrenden Katze. Sie wußte wenig Spiele,
weniger als Lise, aber sie war wunderbar kräftig, sie drückte, als wolle
sie ihrem Liebsten den Hals brechen. Kindlich und gierig war ihre Liebe,
einfach und in aller Kraft noch schamhaft; Goldmund war sehr glücklich
mit ihr.
Dann ging sie, seufzend, schwer riß sie sich los, sie durfte nicht
bleiben.
Goldmund blieb allein zurück, glücklich und auch traurig. Spät erst
erinnerte er sich des Brotes, des Specks und aß einsam, es war schon
ganz Nacht.