Fünftes Kapitel

Bisher hatte Goldmund von seiner Mutter wohl einiges gewußt, aber nur

aus den Erzählungen anderer; ihr Bild hatte er nicht mehr besessen, und

von dem wenigen, was er über sie zu wissen glaubte, hatte er Narziß das

meiste verschwiegen. Die Mutter war etwas, wovon man nicht sprechen

durfte, man schämte sich ihrer. Eine Tänzerin war sie gewesen, ein

schönes wildes Weib von vornehmer, aber unguter und heidnischer

Herkunft; Goldmunds Vater hatte sie, so erzählte er, aus Armut und

Schande aufgelesen; er hatte sie, da er nicht wußte, ob sie nicht Heidin

sei, taufen und in der Religion unterweisen lassen; er hatte sie

geheiratet und zu einer angesehenen Frau gemacht. Sie aber, nach einigen

Jahren der Zahmheit und des geordneten Lebens, hatte sich ihrer alten

Künste und Übungen wieder erinnert, hatte Ärgernis erregt und Männer

verführt, war Tage und Wochen von Hause weggeblieben, war in den Ruf

einer Hexe gekommen und schließlich, nachdem ihr Mann sie mehrmals

wieder eingeholt und zu sich genommen hatte, für immer verschwunden. Ihr

Ruf war noch eine Weile vernehmbar geblieben, ein böser Ruf, flackernd

wie ein Kometenschweif, und war dann erloschen. Ihr Mann erholte sich

langsam von den Jahren der Unruhe, des Schreckens, der Schande und der

ewigen Überraschungen, die sie ihm bereitet hatte; an Stelle des

mißratenen Weibes erzog er nun sein Söhnlein, das der Mutter an Gestalt

und Gesicht sehr ähnlich war; der Mann war vergrämt und frömmlerisch

geworden und züchtete in Goldmund den Glauben, er müsse sein Leben Gott

darbringen, um die Sünden der Mutter zu sühnen.

Dies etwa war es, was Goldmunds Vater über sein verlorengegangenes Weib

zu erzählen pflegte, obwohl er nicht gerne darauf zu sprechen kam, und

Andeutungen davon hatte er bei Goldmunds Einlieferung auch dem Abte

gemacht; und dies alles war, als schreckliche Sage, auch dem Sohne

bekannt, obwohl er gelernt hatte, es beiseitezuschieben und beinahe zu

vergessen. Ganz und gar vergessen und verloren aber hatte er das

wirkliche Bild der Mutter, jenes andere, ganz andere Bild, das nicht aus

den Erzählungen des Vaters und der Dienstboten und aus dunklen wilden

Gerüchten bestand. Seine eigene, wirkliche, erlebte Erinnerung an die

Mutter hatte er vergessen. Und nun war dieses Bild, der Stern seiner

frühsten Jahre, wieder aufgestiegen.

„Es ist unbegreiflich, wie ich das hatte vergessen können“, sagte er zu

seinem Freunde. „Nie in meinem Leben habe ich jemand so geliebt wie

meine Mutter, so unbedingt und glühend, nie habe ich jemand so verehrt,

so bewundert, sie war Sonne und Mond für mich. Weiß Gott wie es möglich

war, dies strahlende Bild in meiner Seele zu verdunkeln und allmählich

diese böse, bleiche, gestaltlose Hexe aus ihr zu machen, die sie für den

Vater und für mich seit vielen Jahren war.“

Narziß hatte vor kurzem sein Noviziat beendet und war eingekleidet

worden. Merkwürdig hatte sein Verhalten zu Goldmund sich verändert.

Goldmund nämlich, der des Freundes Winke und Mahnungen früher oft als

lästiges Besserwissen und Besserwollen abgelehnt hatte, war seit dem

großen Erlebnis voll staunender Bewunderung für die Weisheit seines

Freundes. Wie viele von dessen Worten hatten sich wie Prophezeiungen

erfüllt, wie tief hatte dieser Unheimliche in ihn hineingesehen, wie

genau hatte er sein Lebensgeheimnis, seine verborgene Wunde erraten, wie

klug hatte er ihn geheilt!

Denn geheilt schien der Jüngling zu sein. Nicht nur war jene Ohnmacht

ohne üble Folgen geblieben; es war auch jenes gewisse Spielerische,

Altkluge, Unechte in Goldmunds Wesen wie weggeschmolzen, jenes etwas

frühreife Mönchtum, jenes zu ganz besonderem Gottesdienste

Sichverpflichtetglauben. Der Jüngling schien zugleich jünger und älter

geworden, seit er zu sich selbst gefunden hatte. All das verdankte er

Narziß.

Narziß aber verhielt sich zu seinem Freunde seit einer Weile

eigentümlich vorsichtig; sehr bescheiden, gar nicht mehr überlegen und

belehrend sah er ihn an, während jener ihn so sehr bewunderte. Er sah

Goldmund aus geheimen Quellen her mit Kräften gespeist, die ihm selbst

fremd waren; er hatte ihr Wachstum fördern können, hatte aber keinen

Teil an ihnen. Mit Freude sah er den Freund sich von seiner Führerschaft

befreien und war doch zuweilen traurig. Er empfand sich als

überschrittene Stufe, als weggeworfene Schale; er sah das Ende dieser

Freundschaft nahe, die ihm so viel gewesen war. Noch immer wußte er mehr

über Goldmund als dieser selbst; denn wohl hatte Goldmund seine Seele

wiedergefunden und war bereit, ihrem Ruf zu folgen, wohin sie ihn aber

führen werde, ahnte er noch nicht. Narziß ahnte es und war machtlos;

seines Lieblings Weg führte in Länder, die er selbst nie betreten würde.

Goldmunds Begierde nach den Wissenschaften war sehr viel geringer

geworden. Auch seine Disputierlust in den Freundesgesprächen war

vergangen, beschämt erinnerte er sich an manche ihrer einstigen

Unterhaltungen. Inzwischen war bei Narziß in jüngster Zeit, sei es mit

der Vollendung seines Noviziats oder infolge der Erlebnisse mit

Goldmund, ein Bedürfnis nach Zurückgezogenheit, Askese und geistlichen

Übungen erwacht, eine Neigung zu Fasten und langen Gebeten, häufigen

Beichten, freiwilligen Bußübungen, und diese Neigung vermochte Goldmund

zu verstehen, ja beinahe zu teilen. Seit seiner Genesung war sein

Instinkt sehr geschärft; wußte er auch noch nicht das geringste über

seine künftigen Ziele, so spürte er doch mit starker und oft

beängstigender Deutlichkeit, daß sein Schicksal sich vorbereite, daß

eine gewisse Schonzeit der Unschuld und Ruhe nun vorüber und alles in

ihm gespannt und bereit sei. Oft war die Ahnung beseligend, hielt ihn

halbe Nächte wach wie eine süße Verliebtheit; oft auch war sie dunkel

und tief beklemmend. Die Mutter war wieder zu ihm gekommen, die lang

Verlorene; das war ein hohes Glück. Aber wohin führte ihr lockender Ruf?

Ins Ungewisse, in Verstrickung, in Not, vielleicht in den Tod. Ins

Stille, Sanfte, Gesicherte, in Mönchszelle und lebenslängliche

Klostergemeinschaft führte sie nicht, ihr Ruf hatte nichts gemein mit

jenen väterlichen Geboten, die er so lange mit seinen eigenen Wünschen

verwechselt hatte. Aus diesem Gefühl, das oft stark, bang und brennend

war wie ein heftiges Körpergefühl, nährte sich Goldmunds Frömmigkeit. Im

Wiederholen langer Gebete an die heilige Mutter Gottes ließ er den

Überschwall des Gefühls, das ihn zur eigenen Mutter zog, von sich

strömen. Häufig aber endeten seine Gebete doch wieder in jenen

merkwürdigen, herrlichen Träumen, die er jetzt so oft erlebte: Träumen

bei Tage, bei halbwachen Sinnen, Träumen von ihr, an denen alle Sinne

teil hatten. Da umduftete ihn die Mutterwelt, blickte dunkel aus

rätselhaften Liebesaugen, rauschte tief wie Meer und Paradies, lallte

kosend sinnlose, vielmehr mit Sinn überfüllte Koselaute, schmeckte nach

Süßem und nach Salzigem, streifte mit seidigem Haar über dürstende

Lippen und Augen. Nicht nur alles Holde war in der Mutter, nicht nur

süßer blauer Liebesblick, holdes glückverheißendes Lächeln, kosende

Tröstung; in ihr war, irgendwo unter anmutigen Hüllen, auch alles

Furchtbare und Dunkle, alle Gier, alle Angst, alle Sünde, aller Jammer,

alle Geburt, alles Sterbenmüssen.

Tief sank der Jüngling in diese Träume, in diese vielfädigen Gespinste

beseelter Sinne. In ihnen stand nicht nur geliebte Vergangenheit wieder

bezaubernd auf: Kindheit und Mutterliebe, strahlend goldener

Lebensmorgen; es schwang in ihnen auch drohende, versprechende, lockende

und gefährliche Zukunft. Zuweilen erschienen diese Träume, in denen

Mutter, Madonna und Geliebte eins waren, ihm nachher wie entsetzliche

Verbrechen und Gotteslästerungen, wie niemals mehr zu sühnende

Todsünden; zu andern Malen fand er in ihnen alle Erlösung, alle

Harmonie. Voll von Geheimnissen starrte das Leben ihn an, eine finstere

unergründliche Welt, ein starrer stachliger Wald voll märchenhafter

Gefahren – aber es waren Geheimnisse der Mutter, sie kamen von ihr, sie

führten zu ihr, sie waren der kleine dunkle Kreis, der kleine drohende

Abgrund in ihrem lichten Auge.

Viel vergessene Kindheit kam in diesen Mutterträumen herauf, aus

unendlichen Tiefen und Verlorenheiten blühten viele kleine

Erinnerungsblumen, blickten goldig, dufteten ahnungsvoll, Erinnerungen

an Gefühle der Kindheit, vielleicht an Erlebnisse, vielleicht an Träume.

Von Fischen träumte er zuweilen, die schwammen schwarz und silbern auf

ihn zu, kühl und glatt, schwammen in ihn hinein, durch ihn hindurch,

kamen wie Boten mit holden Glücksnachrichten aus einer schöneren

Wirklichkeit, schwanden schwänzelnd und schattenhaft, waren dahin,

hatten statt Botschaft neue Geheimnisse gebracht. Oft träumte er

schwimmende Fische und fliegende Vögel, und jeder Fisch oder Vogel war

sein Geschöpf, war von ihm abhängig und lenkbar wie sein Atemzug,

strahlte wie ein Blick, wie ein Gedanke von ihm aus, kehrte in ihn

zurück. Von einem Garten träumte er oft, einem Zaubergarten mit

märchenhaften Bäumen, übergroßen Blumen, tiefen blaudunklen Höhlen;

zwischen den Gräsern blickten funkelnde Augen unbekannter Tiere, an den

Ästen glitten glatte sehnige Schlangen; an Reben und Gesträuchen hingen

groß und feuchtglänzend riesige Beeren, die schwollen beim Pflücken in

seiner Hand und vergossen warmen Saft wie Blut oder hatten Augen und

bewegten sie schmachtend und listig; er lehnte sich tastend an einen

Baum, griff nach einem Ast und sah und fühlte zwischen Stamm und Ast ein

Gekräusel wirrer dichter Haare nisten wie das Haar in der Höhle einer

Achsel. Einmal träumte er von sich selber oder von seinem

Namensheiligen, träumte von Goldmund, Chrysostomus, der hatte einen Mund

aus Gold und sprach mit dem goldenen Munde Worte, und die Worte waren

kleine schwärmende Vögel, in flatternden Scharen flogen sie davon.

Einmal träumte er: er war groß und erwachsen, saß aber wie ein Kind am

Boden, hatte Lehm vor sich und knetete wie ein Kind aus dem Lehm

Figuren: ein Pferdchen, einen Stier, einen kleinen Mann, eine kleine

Frau. Das Kneten machte ihm Spaß, und er machte den Tieren und Männern

lächerlich große Geschlechtsteile, im Traume kam ihm das sehr witzig

vor. Dann wurde er des Spiels müde und ging weiter, da fühlte er hinter

sich etwas leben, etwas Lautloses, Großes sich nähern, und sah zurück,

und sah mit tiefem Erstaunen und mit großem Schrecken, der aber nicht

ohne Freude war, seine kleinen Lehmfiguren groß und lebendig geworden.

Gewaltig groß, stumme Riesen, marschierten die Figuren an ihm vorbei,

noch immer wachsend, riesig und schweigend zogen sie weiter, in die Welt

hinein, hoch wie Türme.

In dieser Traumwelt lebte er mehr als in der wirklichen. Die wirkliche

Welt: Schulsaal, Klosterhof, Bibliothek, Schlafsaal und Kapelle, war nur

Oberfläche, nur eine dünne zitternde Haut über der traumgefüllten,

überwirklichen Bilderwelt. Ein Nichts war genug, um in diese dünne Haut

ein Loch zu stoßen: etwas Ahnungsvolles im Klang eines griechischen

Wortes mitten in der nüchternen Lektion, eine Welle Duft aus der

Kräutertasche des botanisierenden Paters Anselm, der Blick auf eine

steinerne Blattranke, die oben aus der Säule eines Fensterbogens quoll –

solche kleine Anreize genügten schon, um die Haut der Wirklichkeit zu

durchstoßen und hinter der friedlich dürren Wirklichkeit die tosenden

Abgründe, Ströme und Milchstraßen jener Seelenbilderwelt zu entfesseln.

Ein lateinisches Initial wurde zum duftenden Gesicht der Mutter, ein

langgezogener Ton im Ave zum Paradiestor, ein griechischer Buchstabe zum

rennenden Pferd, zur bäumenden Schlange, still wälzte sie sich unter

Blumen davon, und schon stand an ihrer Stelle wieder die starre Seite

der Grammatik.

Selten sprach er davon, nur wenige Male gab er Narziß eine Andeutung von

dieser Traumwelt.

„Ich glaube“, sagte er einmal, „daß ein Blumenblatt oder ein kleiner

Wurm auf dem Wege viel mehr sagt und enthält als alle Bücher der ganzen

Bibliothek. Mit Buchstaben und mit Worten kann man nichts sagen.

Manchmal schreibe ich irgendeinen griechischen Buchstaben, ein Theta

oder Omega, und indem ich die Feder ein klein wenig drehe, schwänzelt

der Buchstabe und ist ein Fisch und erinnert in einer Sekunde an alle

Bäche und Ströme der Welt, an alles Kühle und Feuchte, an den Ozean

Homers und an das Wasser, auf dem Petrus wandelte, oder der Buchstabe

wird ein Vogel, stellt den Schwanz, sträubt die Federn, bläst sich auf,

lacht, fliegt davon. – Nun, Narziß, du hältst wohl nicht viel von

solchen Buchstaben? Aber ich sage dir: mit ihnen schrieb Gott die Welt.“

„Ich halte viel von ihnen“, sagte Narziß traurig. „Es sind

Zauberbuchstaben, man kann alle Dämonen mit ihnen beschwören. Nur

freilich zum Betreiben der Wissenschaften sind sie ungeeignet. Der Geist

liebt das Feste, Gestaltete, er will sich auf seine Zeichen verlassen

können, er liebt das Seiende, nicht das Werdende, das Wirkliche und

nicht das Mögliche. Er duldet nicht, daß ein Omega eine Schlange oder

ein Vogel werde. In der Natur kann der Geist nicht leben, nur _gegen_

sie, nur als ihr Gegenspiel. Glaubst du mir jetzt, Goldmund, daß du nie

ein Gelehrter sein wirst?“

O ja, Goldmund glaubte es längst, er war damit einverstanden.

„Ich bin gar nicht mehr in das Streben nach eurem Geist verbissen“,

sagte er, halb lachend. „Es geht mir mit dem Geist und mit der

Gelehrsamkeit ähnlich, wie es mir mit meinem Vater gegangen ist: ich

glaubte ihn sehr zu lieben und ihm ähnlich zu sein, ich schwor auf

alles, was er sagte. Aber kaum war meine Mutter wieder da, so wußte ich

erst wieder, was Liebe ist, und neben ihrem Bild war das des Vaters

plötzlich klein und unfroh und beinah widerwärtig geworden. Und jetzt

neige ich dazu, alles Geistige als väterlich, als unmütterlich und

mutterfeindlich anzusehen und es ein wenig gering zu achten.“

Er sprach scherzend, doch gelang es ihm nicht, seines Freundes trauriges

Gesicht heiter zu machen. Narziß sah ihn schweigend an, sein Blick war

wie eine Liebkosung. Dann sagte er: „Ich verstehe dich wohl. Wir

brauchen jetzt nicht mehr zu streiten; du bist erwacht, und du hast ja

jetzt auch den Unterschied zwischen dir und mir erkannt, den Unterschied

zwischen mütterlichen und väterlichen Herkünften, zwischen Seele und

Geist. Und nun wirst du ja wohl bald auch das noch erkennen, daß dein

Leben im Kloster und dein Streben nach einem mönchischen Leben ein

Irrtum war, eine Erfindung deines Vaters, der damit das Andenken deiner

Mutter entsündigen oder auch nur sich an ihr rächen wollte. Oder glaubst

du noch immer, daß es deine Bestimmung sei, dein ganzes Leben im Kloster

zu bleiben?“

Nachdenklich betrachtete Goldmund seines Freundes Hände, diese

vornehmen, ebenso strengen wie zarten, mageren und weißen Hände. Niemand

konnte bezweifeln, daß dies Asketen- und Gelehrtenhände seien.

„Ich weiß nicht“, sagte er mit der singenden, etwas zögernden, lang auf

jedem Laut verweilenden Stimme, die er seit einiger Zeit bekommen hatte.

„Ich weiß es wirklich nicht. Du urteilst etwas hart über meinen Vater.

Er hat es nicht leicht gehabt. Aber vielleicht hast du auch hierin

recht. Ich bin seit mehr als drei Jahren hier in der Klosterschule, und

er hat mich noch nie besucht. Er hofft, daß ich für immer hierbleiben

werde. Vielleicht wäre es das beste, ich habe es ja auch selber immer

gewünscht. Aber heut weiß ich nicht mehr, was ich eigentlich will und

wünsche. Früher war alles einfach, so einfach wie die Buchstaben im

Lesebuch. Jetzt ist nichts mehr einfach, nicht einmal mehr die

Buchstaben. Alles hat viele Bedeutungen und Gesichter bekommen. Ich weiß

nicht, was aus mir werden soll, ich kann jetzt nicht an solche Sachen

denken.“

„Das sollst du auch nicht“, meinte Narziß. „Es wird sich schon zeigen,

wohin dein Weg führt. Er hat begonnen, dich zu deiner Mutter

zurückzuführen und wird dich ihr noch näherbringen. Was aber deinen

Vater betrifft, so urteile ich über ihn nicht zu hart. Würdest du denn

zu ihm zurückkehren wollen?“

„Nein, Narziß, gewiß nicht. Sonst würde ich es tun, sobald ich mit der

Schule fertig bin, oder schon jetzt. Denn da ich doch kein Gelehrter

werde, habe ich eigentlich Latein, Griechisch und Mathematik genug

gelernt. Nein, ich will nicht zum Vater zurück ...“

Nachdenklich sah er vor sich hin, und plötzlich rief er: „Aber wie

machst du das nur, daß du mir immer wieder Worte sagst oder Fragen

stellst, die in mich hineinleuchten und mich mir selbst klarmachen? Auch

jetzt wieder war es nur deine Frage, ob ich denn zu meinem Vater würde

zurückkehren wollen, die mir plötzlich gezeigt hat, daß ich es nicht

will. Wie machst du das? Du scheinst alles zu wissen. Du hast mir manche

Worte über dich und mich gesagt, die ich im Augenblick des Hörens gar

nicht recht begriff und die mir nachher so wichtig geworden sind! Du

warst es, der meine Herkunft eine mütterliche nannte, und du hast

entdeckt, daß ich unter einem Bann stand und meine Kindheit vergessen

hatte! Woher kennst du die Menschen so gut? Kann ich das nicht auch

lernen?“

Narziß schüttelte lächelnd den Kopf.

„Nein, mein Lieber, du kannst es nicht. Es gibt Menschen, die viel

lernen können, aber du gehörst nicht zu ihnen. Du wirst nie ein Lerner

sein. Wozu denn auch? Du hast das nicht nötig. Du hast andere Gaben. Du

hast mehr Gaben als ich, du bist reicher als ich und bist auch

schwächer, du wirst einen schöneren und schwereren Weg haben als ich.

Manchmal wolltest du mich nicht verstehen, oft hast du dich gesträubt

wie ein Füllen, es war nicht immer leicht, und oft habe ich dir auch weh

tun müssen. Ich mußte dich erwecken, du schliefst ja. Auch daß ich dich

an deine Mutter erinnerte, hat zuerst weh getan, sehr weh, man fand dich

wie einen Toten im Kreuzgang liegen. Es mußte sein. – Nein, streichle

mein Haar nicht! Nein, laß es! Ich kann es nicht leiden.“

„Und lernen kann ich also nichts? Ich werde immer dumm und ein Kind

bleiben?“

„Es werden andere da sein, von denen du lernst. Was du von mir lernen

konntest, du Kind, damit sind wir zu Ende.“

„O nein“, rief Goldmund, „dazu sind wir nicht Freunde geworden! Was wäre

das für eine Freundschaft, die nach einer kurzen Strecke ihr Ziel

erreicht hat und einfach aufhören kann! Hast du denn genug von mir? Bin

ich dir denn entleidet?“

Narziß ging heftig auf und ab, die Blicke am Boden, dann blieb er vor

dem Freunde stehen.

„Laß gut sein“, sagte er sanft, „du weißt wohl, daß du mir nicht

entleidet bist.“

Zweifelnd betrachtete er den Freund, nahm alsdann seine Wanderung wieder

auf, hin und her, blieb nochmals stehen und sah Goldmund an, mit festem

Blick aus dem harten und hagern Gesicht. Mit leiser Stimme, aber fest

und hart sagte er: „Hör zu, Goldmund! Unsere Freundschaft ist gut

gewesen; sie hat ein Ziel gehabt und hat es erreicht, sie hat dich wach

gemacht. Ich hoffe, sie sei nicht zu Ende; ich hoffe, sie werde sich

nochmals und immer wieder erneuern und zu neuen Zielen führen. Für den

Augenblick ist kein Ziel da. Das deine ist ungewiß, ich kann dich da

weder führen noch begleiten. Frage deine Mutter, frage ihr Bild, höre

auf sie! Mein Ziel aber liegt nicht im Ungewissen, es liegt hier, im

Kloster, es fordert mich zu jeder Stunde. Ich darf dein Freund sein,

aber ich darf nicht verliebt sein. Ich bin Mönch, ich habe das Gelübde

getan. Ich werde, ehe ich die Weihen erhalte, mich vom Lehramt

beurlauben lassen und viele Wochen mich zu Fasten und Exerzitien

zurückziehen. Ich werde in dieser Zeit nichts Weltliches sprechen, auch

mit dir nicht.“

Goldmund verstand. Traurig sagte er: „Du wirst nun also das tun, was

auch ich getan hätte, wenn ich für immer in den Orden getreten wäre. Und

wenn deine Übungen absolviert sind, wenn du genug gefastet und gebetet

und gewacht hast – wohin wirst du dann zielen?“

„Du weißt es“, sagte Narziß.

„Nun ja. Du wirst in einigen Jahren erster Lehrer sein, vielleicht auch

schon Schulvorsteher. Du wirst den Unterricht verbessern, wirst die

Bibliothek vergrößern. Vielleicht wirst du selbst Bücher verfassen?

Nicht? Nun, also nicht. Aber wo wird das Ziel sein?“

Narziß lächelte schwach. „Das Ziel? Vielleicht werde ich als

Schulvorsteher sterben oder als Abt oder Bischof. Einerlei. Das Ziel ist

dies: mich immer dahin zu stellen, wo ich am besten dienen kann, wo

meine Art, meine Eigenschaften und Gaben den besten Boden, das größte

Wirkungsfeld finden. Es gibt kein anderes Ziel.“

Narziß und Goldmund · 第 12 / 31 题