Goldmund: „Sprich nicht so!“

Narziß: „Es ist mein Ernst. Es ist nicht unsere Aufgabe, einander

näherzukommen, so wenig wie Sonne und Mond zueinander kommen oder Meer

und Land. Wir zwei, lieber Freund, sind Sonne und Mond, sind Meer und

Land. Unser Ziel ist nicht, ineinander überzugehen, sondern einander zu

erkennen und einer im andern das sehen und ehren zu lernen, was er ist:

des andern Gegenstück und Ergänzung.“

Betroffen hielt Goldmund den Kopf gesenkt, sein Gesicht war traurig

geworden.

Endlich sagte er: „Ist es darum, daß du meine Gedanken so oft nicht

ernst nimmst?“

Narziß zauderte ein wenig mit der Antwort. Dann sagte er mit heller,

harter Stimme: „Es ist darum. Du mußt dich daran gewöhnen, lieber

Goldmund, daß ich nur dich selbst ernst nehme. Glaube mir, ich nehme

jeden Ton deiner Stimme, jede deiner Gebärden, jedes Lächeln von dir

ernst. Aber deine Gedanken, die nehme ich weniger ernst. Ich nehme an

dir das ernst, was ich als wesentlich und notwendig erfinde. Warum

willst du denn gerade deinen Gedanken besondere Beachtung zugewendet

sehen, da du so viele andere Gaben hast?“

Goldmund lächelte bitter. „Ich sagte es ja, du hast mich immer bloß für

ein Kind gehalten!“

Narziß blieb fest. „Einen Teil deiner Gedanken halte ich für

Kindergedanken. Erinnere dich, wir sprachen vorher davon, daß ein kluges

Kind durchaus nicht dümmer zu sein brauche als ein Gelehrter. Wenn aber

das Kind über Wissenschaft mitreden will, wird der Gelehrte es eben

nicht ernst nehmen.“

Heftig rief Goldmund: „Auch wenn ich nicht über Wissenschaft rede,

belächelst du mich! Du tust zum Beispiel immer so, als sei meine ganze

Frömmigkeit, meine Bemühungen um Fortschritte im Lernen, mein Wunsch

nach dem Mönchtum bloß Kinderei!“

Ernst blickte Narziß ihn an: „Ich nehme dich ernst, wenn du Goldmund

bist. Du bist aber nicht immer Goldmund. Ich wünsche mir nichts anderes,

als daß du ganz und gar Goldmund würdest. Du bist kein Gelehrter, du

bist kein Mönch – einen Gelehrten oder einen Mönch kann man aus

geringerem Holz machen. Du glaubst, du seiest mir zu wenig gelehrt, zu

wenig Logiker, oder zu wenig fromm. O nein, aber du bist mir zu wenig du

selbst.“

Hatte sich auch Goldmund nach diesem Gespräch betroffen und sogar

verletzt zurückgezogen, schon nach wenigen Tagen zeigte er dennoch

selbst Verlangen nach seiner Fortsetzung. Diesmal nun gelang es Narziß,

ihm ein Bild von den Unterschieden ihrer Naturen zu geben, das er besser

annehmen konnte.

Narziß hatte sich warm geredet, er fühlte, daß Goldmund heute seine

Worte offener und williger in sich einließe, daß er Macht über ihn habe.

Er ließ sich durch den Erfolg verführen, mehr zu sagen, als er

beabsichtigt hatte, er ließ sich von seinen eigenen Worten hinreißen.

„Schau“, sagte er, „es gibt nur einen einzigen Punkt, in dem ich dir

überlegen bin: ich bin wach, während du nur halbwach bist und zuweilen

völlig schläfst. Wach nenne ich den, der mit dem Verstand und Bewußtsein

sich selbst, seine innersten unvernünftigen Kräfte, Triebe und Schwächen

kennt und mit ihnen zu rechnen weiß. Daß du das lernest, das ist der

Sinn, den die Begegnung mit mir für dich haben kann. Bei dir, Goldmund,

sind Geist und Natur, Bewußtsein und Traumwelt sehr weit auseinander. Du

hast deine Kindheit vergessen, aus den Tiefen deiner Seele wirbt sie um

dich. Sie wird dich so lange leiden machen, bis du sie erhörst. – Genug

davon! Im Wachsein, wie gesagt, bin ich stärker als du, hier bin ich dir

überlegen und kann dir darum nützen. In allem andern, Lieber, bist du ja

mir überlegen – vielmehr du wirst es sein, sobald du dich selbst

gefunden hast.“

Goldmund hatte staunend zugehört, aber bei dem Wort „Du hast deine

Kindheit vergessen“ zuckte er auf wie von einem Pfeil getroffen, ohne

daß Narziß es beachtete, der nach seiner Art während des Sprechens die

Augen oft lange geschlossen hielt oder vor sich hinstarrte, als fände er

die Worte so besser. Er sah nicht, wie Goldmunds Gesicht plötzlich

zuckte und zu verwelken begann.

„Überlegen – – ich dir!“ stammelte Goldmund, nur um etwas zu sagen, er

war wie von einer Starre befallen.

„Gewiß“, sprach Narziß weiter. „Die Naturen von deiner Art, die mit den

starken und zarten Sinnen, die Beseelten, die Träumer, Dichter,

Liebenden, sind uns andern, uns Geistmenschen, beinahe immer überlegen.

Eure Herkunft ist eine mütterliche. Ihr lebet im Vollen, euch ist die

Kraft der Liebe und des Erlebenkönnens gegeben. Wir Geistigen, obwohl

wir euch andere häufig zu leiten und zu regieren scheinen, leben nicht

im Vollen, wir leben in der Dürre. Euch gehört die Fülle des Lebens,

euch der Saft der Früchte, euch der Garten der Liebe, das schöne Land

der Kunst. Eure Heimat ist die Erde, unsere die Idee. Eure Gefahr ist

das Ertrinken in der Sinnenwelt, unsere das Ersticken im luftleeren

Raum. Du bist Künstler, ich bin Denker. Du schläfst an der Brust der

Mutter, ich wache in der Wüste. Mir scheint die Sonne, dir scheinen Mond

und Sterne, deine Träume sind von Mädchen, meine von Knaben ...“

Mit weit offenen Augen hatte Goldmund zugehört, wie Narziß in einer

gewissen rednerischen Selbstberauschung sprach. Mehrere seiner Worte

hatten ihn getroffen wie Schwerter; bei den letzten Worten wurde er blaß

und schloß die Augen, und als Narziß es merkte und erschrocken fragte,

sagte der tief Erbleichte mit erloschener Stimme: „Es ist mir einmal

passiert, daß ich vor dir zusammenbrach und weinen mußte – du erinnerst

dich. Es darf nicht wieder passieren, ich würde es mir nie verzeihen –

und auch dir nicht! Geh jetzt schnell fort und laß mich allein, du hast

mir furchtbare Worte gesagt.“

Narziß war sehr betreten. Die Worte hatten ihn mitgerissen, er hatte das

Gefühl gehabt, besser als sonst zu sprechen. Nun sah er mit Bestürzung,

daß irgendeines dieser Worte den Freund tief erschüttert habe, daß er

irgendwo ins Lebendige getroffen habe. Es fiel ihm schwer, ihn in diesem

Augenblick allein zu lassen, er zögerte sekundenlang, Goldmunds

Stirnrunzeln mahnte ihn, und verwirrt lief er davon, um dem Freunde das

Alleinsein zu gönnen, dessen er bedurfte.

Diesmal löste die Überspannung in Goldmunds Seele sich nicht in Tränen

auf. Mit einem Gefühl tiefsten und hoffnungslosen Verwundetseins, als

habe der Freund ihm plötzlich ein Messer mitten in die Brust gestoßen,

blieb er stehen, schwer atmend, mit einem tödlich zusammengepreßten

Herzen, wachsbleich im Gesicht, mit abgestorbenen Händen. Es war wieder

das Elend von damals, nur um einige Grade verstärkt, es war wieder das

Würgen im Innern, das Gefühl, etwas Furchtbarem ins Auge sehen zu

müssen, etwas schlechterdings Unerträglichem. Aber kein erlösendes

Schluchzen half diesmal das Elend überstehen. Heilige Mutter Gottes, was

war denn nur? War denn etwas geschehen? Hatte man ihn gemordet? Hatte er

getötet? Was war da Furchtbares gesagt worden?

Keuchend stieß er den Atem von sich, wie ein Vergifteter war er bis zum

Zerreißen erfüllt von dem Gefühl, sich von etwas Tödlichem befreien zu

müssen, das tief in ihm innen stecke. Mit Bewegungen wie ein

Schwimmender stürzte er aus der Stube, floh unbewußt in die stillsten,

menschenleersten Bezirke des Klosters, durch Gänge, über Treppen und ins

Freie, an die Luft. Er war in die innerste Zuflucht des Klosters, in den

Kreuzgang geraten, über den paar grünen Beeten stand klar der sonnige

Himmel, durch die kühle steinerne Kellerluft zog in süßen zögernden

Fäden der Duft von Rosen.

Ahnungslos hatte Narziß in dieser Stunde das getan, was zu tun schon so

lange sein ersehntes Ziel war: er hatte den Dämon, von dem sein Freund

besessen war, bei Namen gerufen, er hatte ihn gestellt. Von irgendeinem

seiner Worte war das Geheimnis in Goldmunds Herzen angerührt worden und

hatte sich in rasendem Schmerz aufgebäumt. Lange irrte Narziß durchs

Kloster und suchte den Freund, fand ihn aber nirgends.

Goldmund stand unter einem der runden schweren Steinbogen, die aus den

Gängen ins Kreuzgärtchen führten, von den Säulen des Bogens blickten je

drei Tierköpfe, steinerne Köpfe von Hunden oder Wölfen, glotzend auf ihn

herab. Schauerlich wühlte in ihm die Wunde, ohne Weg zum Licht, ohne Weg

zur Vernunft. Todesangst schnürte ihm Kehle und Magen. Mechanisch

aufblickend sah er über sich einen der Säulenknäufe mit den drei

Tierköpfen, und alsbald war ihm, als säßen, glotzten, bellten die drei

wilden Köpfe innen in seinen Eingeweiden.

„Gleich muß ich sterben“, empfand er ergrausend. Und gleich darauf,

zitternd vor Angst, empfand er: „Jetzt verliere ich den Verstand, jetzt

fressen mich die Tiermäuler.“

Zuckend sank er am Fuße der Säule nieder, der Schmerz war zu groß, er

hatte die äußerste Grenze erreicht. Eine Ohnmacht umhüllte ihn; er

entschwand, mit einsinkendem Gesicht, in ein ersehntes Nichtmehrsein.

Abt Daniel hatte einen wenig erfreulichen Tag gehabt, zwei von den

älteren Mönchen waren heut zu ihm gekommen, aufgeregt, keifend,

anklägerisch, wegen uralter eifersüchtiger Nichtigkeiten wieder einmal

wütend verzankt. Er hatte sie angehört, allzulange, hatte sie ermahnt,

doch erfolglos, hatte sie schließlich streng entlassen, jeden mit einer

ziemlich harten Strafe belegt, und hatte im Herzen das Gefühl behalten,

sein Tun sei nutzlos gewesen. Erschöpft hatte er sich in die Kapelle der

Unterkirche zurückgezogen, hatte gebetet, war unerfrischt wieder

aufgestanden. Jetzt trat er, vom leise herziehenden Rosenduft angezogen,

für einen Augenblick, um Duft zu schöpfen, in den Kreuzgang. Da fand er

den Schüler Goldmund ohnmächtig auf den Fliesen liegen. Traurig sah er

ihn an, über die Blässe und Erloschenheit des sonst so hübschen jungen

Antlitzes erschrocken. Es war kein guter Tag heute, nun auch dies noch!

Er versuchte, den Jüngling aufzuheben, war aber der Last nicht

gewachsen. Tief seufzend ging er weg, der alte Mann, um zwei von den

jüngeren Brüdern zu rufen, daß sie ihn hinauftrügen, und schickte auch

noch den Pater Anselm hin, der ein Heilkünstler war. Zugleich schickte

er nach Narziß, der bald gefunden wurde und vor ihm erschien.

„Weißt du schon?“ fragte er ihn.

„Wegen Goldmund? Ja, gnädiger Vater, ich habe soeben gehört, er sei

krank oder verunglückt, man habe ihn getragen gebracht.“

„Ja, ich fand ihn im Kreuzgang liegen, wo er ja eigentlich nichts zu

suchen hat. Er ist nicht verunglückt, er ist ohnmächtig. Es gefällt mir

nicht. Es scheint mir, daß du mit der Sache zu tun haben müssest, oder

doch etwas darüber wissen, er ist ja dein Intimus. Darum rief ich dich.

Sprich.“

Narziß, wie immer mit beherrschter Haltung und Sprache, gab einen kurzen

Bericht über sein heutiges Gespräch mit Goldmund, und wie überraschend

heftig es auf diesen gewirkt habe. Der Abt schüttelte den Kopf, nicht

ohne Unmut.

„Merkwürdige Gespräche sind das“, sagte er, und zwang sich zur Ruhe.

„Was du mir da geschildert hast, ist ein Gespräch, das man einen

Eingriff in eine fremde Seele nennen könnte, es ist, möchte ich sagen,

ein seelsorgerliches Gespräch. Du bist aber nicht Goldmunds Seelsorger.

Du bist überhaupt nicht Seelsorger, du hast die Weihen noch nicht. Wie

kommt es, daß du mit einem Schüler im Ton des Beraters über Dinge

sprichst, die bloß den Seelsorger angehen? Die Folgen, wie du siehst,

sind üble gewesen.“

„Die Folgen“, sagte Narziß mit sanftem Ton, aber bestimmt, „kennen wir

noch nicht, gnädiger Vater. Ich war etwas erschreckt über die heftige

Wirkung, aber ich zweifle nicht daran, daß die Folgen unseres Gesprächs

gute für Goldmund sein werden.“

„Wir werden die Folgen sehen. Ich rede jetzt nicht von ihnen, sondern

von deinem Tun. Was hat dich veranlaßt, solche Gespräche mit Goldmund zu

führen?“

„Wie Ihr wißt, ist er mein Freund. Ich habe zu ihm eine besondere

Zuneigung, und ich glaube ihn besonders gut zu verstehen. Ihr nennt mein

Verhalten gegen ihn seelsorgerlich. Ich habe mir keinerlei geistliche

Autorität angemaßt, nur glaubte ich ihn etwas besser zu kennen, als er

selbst sich kennt.“

Der Abt zuckte die Achseln.

„Ich weiß, dies ist deine Spezialität. Hoffen wir, daß du damit nichts

Schlimmes angerichtet hast. – Ist Goldmund denn krank? Ich meine, fehlt

ihm irgend etwas? Ist er schwächlich? Schläft er schlecht? Ißt er

nichts? Hat er irgendwelche Schmerzen?“

„Nein, bis heute war er gesund. Am Leibe gesund.“

„Und sonst?“

„An der Seele ist er allerdings krank. Ihr wißt, er ist im Alter, wo die

Kämpfe mit dem Geschlechtstrieb beginnen.“

„Ich weiß. Er ist siebzehn?“

„Er ist achtzehn.“

„Achtzehn. Nun ja. Spät genug. Aber diese Kämpfe sind ja etwas

Natürliches, was jeder durchmachen muß. Darum kann man ihn doch nicht

krank an der Seele nennen.“

„Nein, gnädiger Vater, darum allein nicht. Aber Goldmund war schon

vorher seelenkrank, schon lange, darum sind diese Kämpfe für ihn

gefährlicher als für andere. Er leidet, wie ich glaube, daran, daß er

einen Teil seiner Vergangenheit vergessen hat.“

„So? Was ist das für ein Teil?“

„Es ist seine Mutter und alles, was mit ihr zusammenhängt. Auch ich weiß

hierüber nichts, ich weiß nur, daß dort die Quelle seiner Krankheit

liegen muß. Goldmund nämlich weiß angeblich nichts von seiner Mutter,

als daß er sie früh verloren hat. Es macht aber den Eindruck, als schäme

er sich ihrer. Und doch muß sie es sein, von der er die meisten seiner

Gaben geerbt hat, denn was er über seinen Vater zu sagen hat, läßt

diesen Vater nicht als den Mann erscheinen, der einen so hübschen,

vielbegabten und eigenartigen Sohn hat. Ich weiß dies alles nicht aus

Berichten, ich schließe es aus Anzeichen.“

Der Abt, der anfangs diese Reden als altklug und überheblich in sich

etwas belächelt hatte und dem die ganze Sache lästig und bemühend war,

begann nachzudenken. Er erinnerte sich an Goldmunds Vater, an jenen

etwas geschraubten und unvertraulichen Mann, und erinnerte sich jetzt

auch, da er danach suchte, plötzlich wieder einiger Worte, die er damals

über Goldmunds Mutter zu ihm geäußert hatte. Sie habe ihm Schande

gemacht und sei ihm davongelaufen, hatte er gesagt, und er habe sich

Mühe gegeben, in dem Söhnchen die Erinnerung an die Mutter und die

etwaigen von ihr ihm vererbten Laster zu unterdrücken. Dies sei auch

wohl gelungen, und der Knabe sei willens, zur Sühnung dessen, was die

Mutter gefehlt, sein Leben Gott darzubringen.

Nie hatte Narziß dem Abt so wenig gefallen wie heute. Und dennoch – wie

gut hatte dieser Grübler geraten, wie gut schien er in der Tat Goldmund

zu kennen!

Zum Schlusse nochmals über die heutigen Vorgänge befragt, sagte Narziß:

„Die heftige Erschütterung, in welche Goldmund heute geraten ist, war

nicht von mir beabsichtigt. Ich habe ihn daran erinnert, daß er sich

selbst nicht kennt, daß er seine Kindheit vergessen hat und seine

Mutter. Irgendeines meiner Worte muß ihn getroffen haben und in das

Dunkel gedrungen sein, gegen das ich schon so lange kämpfe. Er war wie

entgeistert, er sah mich an, als kenne er mich und sich selbst nicht

mehr. Ich habe ihm oft gesagt, er schlafe, er sei nicht richtig wach.

Jetzt ist er geweckt worden, daran zweifle ich nicht.“

Er wurde entlassen, ohne Rüge, doch mit dem vorläufigen Verbot, den

Kranken aufzusuchen.

Inzwischen hatte Pater Anselm den Ohnmächtigen auf ein Bett legen lassen

und saß bei ihm. Ihn durch gewaltsame Mittel ins Bewußtsein

zurückzuschrecken, schien ihm nicht geraten. Der Junge sah allzu

schlecht aus. Wohlwollend blickte der alte Mann aus dem faltigen guten

Gesicht auf den Jüngling. Vorläufig untersuchte er den Puls und horchte

am Herzen. Gewiß, dachte er, hatte der Bursche irgend etwas Unmögliches

gegessen, einen Haufen Sauerklee oder sonst etwas Dummes, man kannte das

ja. Die Zunge konnte er nicht sehen. Er mochte Goldmund gern, aber

seinen Freund, diesen frühreifen allzu jungen Lehrer, konnte er nicht

leiden. Da hatte man es nun. Sicher war Narziß an dieser dummen

Geschichte mitschuldig. Was brauchte auch so ein frischer, helläugiger

Junge, so ein liebes Naturkind sich ausgerechnet mit diesem hochmütigen

Gelehrten einzulassen, mit diesem eitlen Grammatiker, dem sein

Griechisch wichtiger war als alles Lebendige auf der Welt!

Als nach langer Zeit die Tür sich öffnete und der Abt hereinkam, saß der

Pater noch immer und starrte in das Gesicht des Ohnmächtigen. Was war

das für ein liebes, junges, argloses Gesicht, und da saß man nun

daneben, sollte helfen und würde es wahrscheinlich nicht können. Gewiß,

die Ursache konnte eine Kolik sein, er würde Glühwein verordnen,

vielleicht Rhabarber. Aber je länger er in das grünbleiche, verzogene

Gesicht blickte, desto mehr neigte sich sein Verdacht nach einer anderen

Seite, einer bedenklicheren. Pater Anselm hatte Erfahrung. Mehrmals im

Lauf seines langen Lebens hatte er Besessene gesehen. Er zögerte damit,

den Verdacht auch nur vor sich selbst auszusprechen. Er würde warten und

beobachten. Aber, dachte er grimmig, wenn dieser arme Junge wirklich

verhext worden war, so würde man den Schuldigen wohl nicht weit zu

suchen haben, und es sollte ihm nicht gut gehen.

Der Abt trat näher, sah sich den Kranken an, hob ihm sachte ein Augenlid

etwas in die Höhe.

„Kann man ihn erwecken?“ fragte er.

„Ich möchte noch warten. Das Herz ist gesund. Wir dürfen niemand zu ihm

lassen.“

„Ist Gefahr?“

„Ich glaube nicht. Nirgends Verletzungen, keine Spuren von Schlag oder

Sturz. Er ist ohnmächtig, vielleicht war es eine Kolik. Bei sehr starken

Schmerzen verliert man das Bewußtsein. Wenn es eine Vergiftung wäre,

käme Fieber. Nein, er wird wieder aufwachen und am Leben bleiben.“

„Kann es nicht vom Gemüt her gekommen sein?“

„Ich will es nicht verneinen. Weiß man denn nichts? Hat er vielleicht

einen starken Schrecken gehabt? Eine Todesnachricht? Einen heftigen

Streit, eine Beleidigung? Dann wäre alles erklärt.“

„Wir wissen es nicht. Traget Sorge, daß niemand zu ihm gelassen wird.

Ich bitte Euch, bei ihm zu bleiben, bis er erwacht. Sollte es schlimm

werden, so rufet mich, auch wenn es in der Nacht wäre.“

Vor dem Weggehen beugte der Greis sich nochmals über den Kranken; er

dachte an dessen Vater und dachte an den Tag, an dem dieser hübsche

heitere Blondkopf ihm zugebracht worden war, und wie sie alle ihn gleich

gern gehabt hatten. Auch er hatte ihn gern gesehen. Aber darin hatte

Narziß wirklich recht: in nichts erinnerte dieser Knabe an seinen Vater!

Ach, wieviel Sorgen überall, wie unzulänglich war all unser Tun! Hatte

er nicht vielleicht an diesem armen Knaben etwas versäumt? Hatte er den

richtigen Beichtvater gehabt? War es in Ordnung, daß niemand im Hause

über diesen Schüler so gut Bescheid wußte wie Narziß? Konnte denn der

ihm helfen, der noch im Noviziat stand, der weder Bruder war noch die

Weihen hatte und dessen Gedanken und Anschauungen alle etwas so

unangenehm Überlegenes, ja fast Feindseliges hatten? Weiß Gott, ob nicht

auch Narziß seit langem falsch behandelt worden war? Weiß Gott, ob er

nicht hinter der Maske des Gehorsams Schlimmes verbarg, vielleicht ein

Heide war? Und alles, was aus diesen beiden jungen Menschen einst werden

würde, dafür war er mit verantwortlich.

Als Goldmund zu sich kam, war es dunkel. Er fühlte seinen Kopf leer und

schwindlig. Er fühlte sich in einem Bett liegen, er wußte nicht, wo er

war, er dachte auch nicht darüber nach, es war ihm gleichgültig. Aber wo

war er gewesen? Wo kam er her, aus welcher Fremde von Erlebnissen? Er

war irgendwo gewesen, sehr weit fort, er hatte etwas gesehen, etwas

Außerordentliches, etwas Herrliches, etwas Furchtbares auch und

Unvergeßliches – und doch hatte er es vergessen. Wo war es? Was war da

vor ihm aufgetaucht, so groß, so schmerzlich, so selig, und war wieder

hingeschwunden?

Tief horchte er in sich hinein, dorthin, wo heute etwas aufgebrochen,

etwas geschehen war – was war es gewesen? Wüste Bilderknäuel wälzten

sich herauf, er sah Hundeköpfe, drei Hundeköpfe, und er roch den Duft

von Rosen. O wie weh war ihm gewesen! Er schloß die Augen. O wie

furchtbar weh war ihm gewesen! Er schlief wieder ein.

Wieder erwachte er, und eben noch im Entschwinden der eilig

weggleitenden Traumwelt sah er es, fand das Bild wieder und zuckte wie

in schmerzlicher Wollust zusammen. Er sah, er war sehend geworden. Er

sah Sie. Er sah die Große, Strahlende, mit dem voll blühenden Munde, mit

den leuchtenden Haaren. Er sah seine Mutter. Zugleich meinte er eine

Stimme zu hören: „Du hast deine Kindheit vergessen.“ Wessen Stimme war

doch dies? Er horchte, er sann und fand. Es war Narziß. Narziß? Und in

einem Augenblick, mit einem jähen Ruck war alles wieder da: er erinnerte

sich, er war wissend. O Mutter, Mutter! Berge von Schutt, Meere von

Vergessenheit waren weg, waren verschwunden; aus königlichen, hellblauen

Augen blickte die Verlorene ihn wieder an, die unsäglich Geliebte.

Pater Anselm, der im Lehnstuhl neben dem Bett eingeschlummert war,

erwachte. Er hörte den Kranken sich bewegen, hörte ihn atmen. Vorsichtig

erhob er sich.

„Ist jemand da?“ fragte Goldmund.

„Ich bin es, sei ohne Sorge. Ich mache Licht.“

Er brachte die Ampel zum Brennen, der Schein fiel über sein faltiges

wohlwollendes Gesicht.

„Bin ich denn krank?“ fragte der Jüngling.

„Du bist ohnmächtig gewesen, mein Söhnchen. Gib mir die Hand, wir wollen

nach dem Puls sehen. Wie fühlst du dich?“

„Gut. Ich danke Euch, Pater Anselm, Ihr seid sehr gütig. Es fehlt mir

nichts mehr, ich bin nur müde.“

„Natürlich bist du müde. Bald wirst du wieder schlafen. Nimm vorher

einen Schluck heißen Wein, er steht bereit. Wir wollen einen Becher

miteinander leeren, mein Junge, auf gute Kameradschaft.“

Sorglich hatte er ein Krüglein Glühwein bereit gehalten und in ein Gefäß

mit heißem Wasser gestellt.

„Da haben wir also beide eine ganze Weile geschlafen“, lachte der Arzt.

„Ein feiner Krankenwärter, wirst du denken, der sich nicht munter halten

kann. Na ja, wir sind Menschen. Jetzt trinken wir ein wenig von diesem

Zaubertrank, mein Kleiner, nichts Hübscheres als so eine kleine

heimliche Zecherei in der Nacht. Also Prosit!“

Goldmund lachte, stieß an und kostete. Der warme Wein war mit Zimmet und

Nelken gewürzt und mit Zucker gesüßt, das hatte er noch nie getrunken.

Es fiel ihm ein, daß er schon einmal krank gewesen sei, da hatte Narziß

sich seiner angenommen. Diesmal war es Pater Anselm, der lieb mit ihm

war. Es gefiel ihm sehr, es war höchst angenehm und wunderlich, beim

Lämpchenschein dazuliegen und mitten in der Nacht mit dem alten Pater

einen Becher süßen warmen Wein zu trinken.

„Hast du Bauchweh?“ fragte der Alte.

„Nein.“

„Ja, ich dachte, du müßtest Kolik haben, Goldmund. Also damit ist es

nichts. Zeig deine Zunge. Na, es ist gut, euer alter Anselm hat wieder

einmal nichts gewußt. Du bleibst morgen hübsch liegen, ich komme dann

und untersuche dich. Und mit dem Wein bist du schon fertig? Recht so, es

möge dir wohl bekommen. Laß mich sehen, ob noch etwas da ist. Zu einem

halben Becher für jeden von uns reicht es noch, wenn wir redlich teilen.

– Du hast uns schön erschreckt, Goldmund! Liegst da im Kreuzgang wie

eine Kinderleiche. Hast du wirklich kein Bauchweh?“

Sie lachten und teilten redlich den Rest des Krankenweins, der Pater

machte seine Späße, und Goldmund blickte ihn dankbar und belustigt aus

den wieder hell gewordenen Augen an. Dann ging der Alte fort, um sich zu

Bett zu legen.

Goldmund lag noch eine Weile wach, langsam traten die Bilder wieder aus

seinem Innern hervor, flammten die Worte seines Freundes wieder auf, und

nochmals erschien in seiner Seele die blonde strahlende Frau, die

Mutter; wie Föhnwind ging ihr Bild durch ihn hin, wie eine Wolke von

Leben, von Wärme, von Zärtlichkeit und inniger Mahnung. O Mutter! O wie

war es möglich gewesen, daß er sie hatte vergessen können!

Narziß und Goldmund · 第 11 / 31 题