Narziß: „O ja, Ziele genug. Es kann für einen Mönch Lebensziel sein,
Hebräisch zu lernen, den Aristoteles zu kommentieren oder die
Klosterkirche auszuschmücken oder sich einzuschließen und zu meditieren
oder hundert andere Dinge zu tun. Für mich sind das keine Ziele. Ich
will weder den Reichtum des Klosters vermehren, noch den Orden
reformieren oder die Kirche. Ich will innerhalb des mir Möglichen dem
Geist dienen, so wie ich ihn verstehe, nichts anderes. Ist das kein
Ziel?“
Lange überlegte sich Goldmund die Antwort.
„Du hast recht“, sagte er. „Habe ich dich auf dem Weg zu deinem Ziel
sehr gehindert?“
„Gehindert? O Goldmund, niemand hat mich mehr gefördert als du. Du hast
mir Schwierigkeiten gemacht, aber ich bin kein Feind von
Schwierigkeiten. Ich habe an ihnen gelernt, ich habe sie zum Teil
überwunden.“
Goldmund unterbrach ihn, halb scherzend sagte er: „Wunderbar hast du sie
überwunden! Aber sage doch: Wenn du mir geholfen, mich geführt und
befreit und meine Seele gesund gemacht hast – hast du denn damit
wirklich dem Geist gedient? Du hast damit wahrscheinlich dem Kloster
einen eifrigen und gutgewillten Novizen entzogen und hast dem Geist
vielleicht einen Gegner erzogen, einen, der gerade das Gegenteil von dem
tun und glauben und anstreben wird, was du für gut hältst!“
„Warum nicht?“ sagte Narziß mit tiefem Ernst. „Mein Freund, du kennst
mich noch immer so wenig! Ich habe in dir wahrscheinlich einen künftigen
Mönch verdorben und habe dafür in dir einen Weg freigemacht für ein
nicht gewöhnliches Schicksal. Auch wenn du morgen unser ganzes hübsches
Kloster niederbrennen würdest oder irgendeine tolle Irrlehre in der Welt
verkündigen, ich würde keinen Augenblick bereuen, dir auf den Weg dazu
geholfen zu haben.“
Freundlich legte er dem Freunde beide Hände auf die Schultern.
„Sieh, kleiner Goldmund, zu meinem Ziel gehört auch dies: Mag ich Lehrer
oder Abt, Beichtvater oder was immer sein, niemals möchte ich in die
Lage kommen, einem starken, wertvollen und besonderen Menschen zu
begegnen und ihn nicht zu verstehen, ihn nicht erschließen, ihn nicht
fördern zu können. Und ich sage dir: Mag aus dir und aus mir dies oder
jenes werden, mag es uns so oder anders gehen, nie wirst du im
Augenblick, wo du mich ernstlich rufst und zu brauchen meinst, mich dir
verschlossen finden. Niemals.“
Das klang wie Abschiednehmen, und wirklich war es der Vorgeschmack des
Abschieds. Wie Goldmund vor seinem Freunde stand und ihn betrachtete,
das entschlossene Gesicht, das auf Ziele gerichtete Auge, da fühlte er
untrüglich, daß sie beide jetzt nicht mehr Brüder und Kameraden und
ihresgleichen waren, daß ihre Wege sich schon getrennt hatten. Dieser
hier, der vor ihm stand, war kein Träumer und wartete auch nicht auf
irgendwelche Zurufe des Schicksals; er war ein Mönch, er hatte sich
verschrieben, er gehörte einer festen Ordnung und Pflicht, war ein
Diener und Soldat des Ordens, der Kirche, des Geistes. Er selbst aber,
dies war ihm heute klar geworden, gehörte nicht hierher, er war ohne
Heimat, eine unbekannte Welt wartete auf ihn. So war es einst auch
seiner Mutter gegangen. Sie hatte Haus und Hof, Mann und Kind,
Gemeinschaft und Ordnung, Pflicht und Ehre verlassen und war ins
Ungewisse hinausgegangen, war wohl längst darin untergegangen. Sie hatte
kein Ziel gehabt, wie auch er keines hatte. Ziele zu haben, das war
anderen gegeben, ihm nicht. O wie gut hatte Narziß dies alles schon vor
langer Zeit gesehen, wie recht hatte er gehabt!
Schon bald nach diesem Tage war Narziß wie verschwunden, er schien
plötzlich unsichtbar geworden zu sein. Ein anderer Lehrer gab seine
Lektionen, sein Lesepult in der Bibliothek blieb leer. Er war noch da,
er war nicht völlig unsichtbar, man konnte ihn zuweilen den Kreuzgang
durchschreiten sehen, konnte ihn manchmal in einer der Kapellen murmeln
hören, auf dem Steinboden kniend; man wußte, daß er die große Übung
angetreten hatte, daß er fastete und dreimal in der Nacht zu Exerzitien
sich erhob. Er war noch da und war doch in eine andere Welt
hinübergegangen; man konnte ihn sehen, selten genug, konnte ihn aber
nicht erreichen, nichts mit ihm gemein haben, nicht mit ihm sprechen.
Goldmund wußte: Narziß würde wieder erscheinen, er würde sein
Arbeitspult, seinen Stuhl im Refektorium wieder einnehmen, würde wieder
sprechen – aber von dem Gewesenen würde nichts wiederkommen, Narziß
würde nicht wieder ihm gehören. Indem er es bedachte, wurde auch das ihm
klar, daß es einzig Narziß gewesen war, durch welchen ihm Kloster und
Mönchtum, Grammatik und Logik, Studium und Geist wichtig und lieb
geworden war. Sein Vorbild hatte ihn gelockt, wie er zu werden war sein
Ideal gewesen. Wohl, auch der Abt war noch da, auch ihn hatte er
verehrt, auch ihn geliebt und ein hohes Vorbild in ihm gesehen. Aber die
andern, die Lehrer, die Mitschüler, der Schlafsaal, der Speisesaal, die
Schule, die Übungen, die Gottesdienste, das ganze Kloster – ohne Narziß
ging es ihn nichts mehr an. Was tat er noch hier? Er wartete, er stand
unterm Dach des Klosters wie ein unentschlossener Wanderer bei Regen
unter irgendeinem Dach oder Baum stehenbleibt, bloß um zu warten, bloß
als Gast, bloß aus Angst vor der Unwirtlichkeit der Fremde.
Goldmunds Leben in dieser Zeit war nur noch ein Zögern und
Abschiednehmen. Alle Orte suchte er auf, die ihm lieb oder bedeutsam
geworden waren. Mit wunderlicher Befremdung stellte er fest, wie wenige
Menschen und Gesichter da waren, von welchen der Abschied ihm schwer
fallen würde. Da war Narziß und der alte Abt Daniel und auch noch der
gute liebe Pater Anselm und auch etwa noch der freundliche Pförtner und
der lebenslustige Nachbar Müller – aber auch diese waren schon beinahe
unwirklich geworden. Schwerer als von ihnen würde er Abschied nehmen von
der großen steinernen Madonna in der Kapelle, von den Aposteln des
Portals. Lange stand er vor ihnen, auch vor den schönen Schnitzereien
des Chorgestühls, vor dem Brunnen im Kreuzgang, vor der Säule mit den
drei Tierköpfen, lehnte sich im Hof an die Linden, an den Kastanienbaum.
Dies alles würde ihm einmal eine Erinnerung sein, ein kleines Bilderbuch
in seinem Herzen. Schon jetzt, da er noch mitten drin war, begann es ihm
zu entgleiten, verlor an Wirklichkeit, wandelte sich gespenstisch in
etwas Gewesenes. Mit Pater Anselm, der ihn gern um sich hatte, ging er
auf die Kräutersuche, beim Klostermüller sah er den Knechten zu und ließ
sich je und je zu Wein und gebackenen Fischen einladen; aber alles war
schon fremd und halb wie Erinnerung. So wie drüben in der
Kirchendämmerung und der Bußzelle sein Freund Narziß zwar wandelte und
lebte, für ihn aber ein Schatten geworden war, so stand alles rings um
ihn entwirklicht, atmete Herbst und Vergänglichkeit.
Wirklich und lebendig war nichts mehr als das Leben in ihm innen, das
bange Schlagen des Herzens, der wehe Stachel der Sehnsucht, die Freuden
und Ängste seiner Träume. Ihnen gehörte er an und gab sich hin. Mitten
im Lesen oder Lernen, mitten zwischen den Schulkameraden konnte er in
sich versinken und alles vergessen, nur den Strömen und Stimmen des
Innern hingegeben, die ihn hinwegzogen, in tiefe Brunnen voll dunkler
Melodie, in farbige Abgründe voll märchenhafter Erlebnisse, deren Klänge
alle wie die Stimme der Mutter klangen, deren tausend Augen alle die
Augen der Mutter waren.