menschlich-göttlicher Würde sagt: "Schwacher, du bist gefallen, du hast
dich erniedrigt, als du die Selbstberechtigung deines Ichs gegenüber
der der anderen verleugnet hast. Das ist gerade der Kampf des Lebens,
der Versuchung sich vor den andern zu beugen zu widerstehen, denn im
selben Augenblick, in dem du das tust, hast du dich richtend über
den Herrn deines Schicksals gestellt und kriechend unter die andern".
Wäre ich Herrscher, würde ich den Aufrührer hassen, aber ich müsste
ihm grössere Achtung bezeigen als dem Gehorsamen. Seelenstärke ist
schön, und das Schöne ist göttlich. Vor einem Gott, dem weisesten,
schönsten und gütigsten, werde ich mich beugen, aber vor schlechten
elenden Menschen, die mir gleichen, habe ich nicht das Recht die Knie
zu beugen. Für grosse Geister habe ich immer Verehrung gehegt, und es
ist eine Lüge, das mir die Fähigkeit zu bewundern gefehlt hat, wenn
ich mich auch nicht habe zwingen können, das Kleine zu bewundern.
Offen habe ich meine Verehrung ausgesprochen für Männer wie Linne,
der Gott gesehen hat, für Bernardin de Saint-Pierre, für Balzac, für
Swedenborg, für Nietzsche, dem die Hüftsehne und das Gehirn gelähmt
wurden im Titanenkampf.... Aber ich weiss wohl, dass die Götter
der Zeit mich vor allem Kleinen auf die Knie haben zwingen wollen,
besonders vor allem Minderwertigen, körperlich, sittlich, geistig
Schwachen. Aber ich bin nicht Tyrann gewesen, im Gegenteil, ich war
mit dabei und führte die Sache der Enterbten, ich war mit dabei und
kämpfte im Befreiungskrieg für die Unterdrückten, weil ich nicht
verstand, dass sie sich auf dem Platz befanden, auf den sie von der
Vorsehung gestellt waren. Ob es geschah, um mir die Folgen dieses
Sklavenkrieges zu zeigen, weiss ich nicht, aber immer gab das Schicksal
mich einer Sklavenseele in die Hand, die mein Herr wurde, die mich
unter ihre Holzschuhe oder ihre Knopfstiefel trat; immer musste ich
Stroh und Ziegel tragen für einen rohen ägyptischen Mann, oder für
ein Weib, das von meinem Blute lebte und mir das, was übrig blieb, zu
meiner Nahrung gab. Schliesslich, weise durch die Lehren geworden,
machte ich mich frei aus den Gefängnissen, und da blieb mir nur die
Freiheit der Wüste, wo mir wahrhaftig kein Manna und keine Wachteln
geboten wurden. Zur Einsamkeit wurde ich verurteilt, und jedesmal
wenn ich einen Menschen suchte, um mit ihm zu sprechen, wurde ein
ägyptischer Mann gesandt, um mich anzuspucken; ein Unwissender, um
mich darüber aufzuklären, wie viel kenntnisreicher der Ignorant sei;
ein hoffärtiger Unfähiger, um mir zu sagen, dass ich der Hoffärtigste
sei; ein Liederlicher, um mir Tugend zu predigen!--Wer verfolgt mich,
wer demütigt mich mehr, als die andern gedemütigt werden? Ist es
der Weise, so weiss er, dass ich nicht hochmütig war, und dass ich
im Namen dessen stolz war, dessen Sprachrohr ich zu sein glaubte;
und er kennt wohl die Bosheit der Menschen, die, wie ich mich auch
drehe und wende, bereit sind, etwas gegen mich zu haben. Sage ich,
das ich aus mir selbst spreche, so bin ich des Hochmuts schuldig;
sage ich, dass ich das Meine von Gott habe, so bin ich der Lästerung
schuldig.--Sind alle Menschen gleich, warum hat dann die Vorsehung
Gesellschaftsklassen mit einer Rangordnung eingerichtet, wo der eine
es besser hat als der andere und Untergebenen befehlen darf, die
menschlicher Obrigkeit untertänig sein müssen? Warum werden einige zu
Macht-und Ehrenstellen berufen, während andere verurteilt werden, sich
andächtig, bewundernd, gehorchend unten zu halten? Ist das Gleichheit,
und deutet das darauf, dass alle gleich geschaffen sind? Nein, ich kann
weder in der Ordnung der Natur, wo das Rassepferd Namen und Titel,
Stammbaum und Bedienung hat, aus Marmorkrippen frist und Alpaka trägt,
während der elende Gaul den Strassenkehricht ziehen muss, ein Gesetz
des Gleichgewichts sehen, noch in der Gesellschaftsordnung, wo selbst
der Geselle seinen Lehrjungen zum Hundsfottieren unter sich hat. Und
doch soll ich gezwungen werden, ganz gegen göttliche und menschliche
Ordnung, eine Tatsache anzuerkennen, die jeden Augenblick am Tage
widerlegt wird, eine Tatsache, die überhaupt nicht existiert! Ist Gott
mit sich selbst entzweit oder sind seine Satrapen in Streit geraten?
Ist jede Zeitperiode hier eine Anspielung von dem, was da oben vor
sich geht? Ist dort auch Parteibildung mit Demokraten-Agitoren und
Herrschlüsternen? So will es zuweilen scheinen, denn viele Stimmen
sprechen auf einmal: Der Volksführer hört ein Gottesgebot aus den
Wolken und er führt die Massen mit heiligem Eifer zu Mord und Brand,
und es ist glückt ihm zuweilen, als stehe er unter einem mächtigen
Schutz. Ein andermal führt der Volksvergeuder und-bezwinger seine
geweihten Scharen unter Anrufung des himmlischen Schutzes gegen die
Massen, und sein Vorhaben wird mit Erfolg gekrönt, als ob andere
Mächte ihn zum Sieg geleitet hätten! Wehe den Menschenkindern, wenn
die Herrscher und Gewalten uneinig geworden sind! Da gilt es, fein
zu hören, wenn die Stimmen der Unsichtbaren Gehorsam gebieten, und
den richtigen Weg zu wissen, denn der Sieger hat immer recht. Ist
es Ragnarök, das bevorsteht oder schon da ist? Kämpfen nicht alle
erwachten Göttermächte über den Wolken um die Herrschaft? Pan war ja
eine Zeit oben und schien zu herrschen; Jehova hat ja sein auserwähltes
Volk beschützt, und Christus hat seine Getreuen nicht verlassen; Allah
hat kürzlich die Olympischen bei den Termopylen schlagen können; Buddha
drängt sich vor mit einer Gewalt, die den Nazarener einen Augenblick
ernstlich bedrohte! Wehe den Menschenkindern, wenn die Mächte kämpfen!
Alle rufen sie zu dem Einzigen und Wahren Gott, aber keiner sagt mir,
wer er ist! Ist er es, der mit dem Donner und dem Wirbelwind spielt?
Aber die bewegten Zeus und Tor auch, und die Theosophen schwören,
dass die Unsichtbaren in Hochasien mit diesen Naturmächten zu spielen
verstehen, wie Jehova, Osirispriester und Zauberer es vermocht haben
sollen. Alle verlangen Zeichen und Wunder, und es geschehen Zeichen
und Wunder, aber niemand weiss, wer sie zustande bringt, denn die
schwarzen Mächte sind ebenso zauberkundig wie die weissen. Wer ist der
Herr, der so mächtig zu den Völkern spricht in diesen Zeiten? Oder wer
ist mein Herr? Hat eine Menschenameise nicht das Recht, zu erfahren,
wem sie dienen und gehorchen soll, und wie, ehe sie verworfen wird
als ungehorsam? Wie oft habe ich nicht den Unbekannten angerufen,
deutlicher zu sprechen, und als er schliesslich antwortete, geschah es
mit einem Sonnenstrahl, einem Donnerschlag, einem Wassertropfen. Der
Herr der Naturkräfte! Gut, ich erkenne ihn an, aber er war es nicht,
der mit einen neuen Sinn geben und mich von Begierden, Hass und Hochmut
reinigen sollte....
* * * * *
So mahlt und mahlt die ewige Sündenmühle; dieselben Anklagen, dieselben
Verteidigungen. Sisyphus, der seinen Stein rollt, die Danaïden, die mit
ihrem Sieb schöpfen: wahrhaftig, scheinen nicht die Strafen ewige zu
sein!
Als ich in meine Zelle zurückkehre, finde ich, dass die Uhr erst
neun ist, und öffne die Bibel, um Aufklärung und Ruhe zu finden. Als
ich aber in den Psalmen Davids zu den grauenhaften Flüchen komme,
die er mit Gebeten auf seine Feinde herabruft, kann ich nicht länger
dabei sein: ich habe nur einen Feind, das bin ich; die andern, die
mich quälen, haben ein Recht dazu, und es ist immer zu meinem Besten
gewesen, und ich habe eben gelernt, das man seinen Feinden verzeihen
soll: die Theosophen haben mir sogar gesagt, dass das Gebet schwarze
Magie ist, dass Böses über Feinde erbitten envoütment ist d. h.
Verhexungen, die mit dem Scheiterhaufen bestraft wurden! Mein alter
Freund Hiob tröstet mich nicht mehr, denn ich bin teils kein gerechter
Mann, wie bekannt, teils finde ich seine Kritik über des Ewigen
Handlungsweise ebenso gottlos wie meine aufrührerischen Reden und
Gedanken.
Da werfe ich mich auf das Neue Testament und stosse auf Paulus, der
gleich mir ein Saulus gewesen ist und mir deshalb viel zu sagen haben
müsste. Gewisse meiner Fehler finde ich bei ihm wieder, aber nicht
darum habe ich ihn aufgesucht; und ich verstehe noch nicht, wie
man den Mut haben kann, Strafpredigten zu halten und zum Satan zu
verurteilen, wenn man mit beiden Beinen im Sündenpfuhl steht. Sein
Eifer macht ihn kindlich und deshalb momentan sympathisch, so, wenn
er einen Korintherbrief mit dem Bekenntnis beginnt: "Ich, Paul, der
Euch verächtlich scheint, wenn ich Euch nahe bin, aber der voll von
Kühnheit ist, wenn ich weit von Euch bin." Ich kann auf die Worte
dieses Mannes nicht lauschen, als seien sie von Gott gekommen, da er
alle meine Schwächen hat, die ich mit seiner Hilfe fortarbeiten wollte.
Wie soll ich die Demut bewahren, wenn mein Lehrer zwei lange Briefe
voll Prahlerei über sich schreibt. "Ich erachte, dass ich in nichts
den ausgezeichnetsten Aposteln unterlegen gewesen bin." Oder: "Niemand
betrachte mich als einen Törichten; wenn doch, so habe Geduld mit
meinem Unverstand, dass ich mich auch ein wenig rühme." Und dann zählt
er seine Leiden auf (ganz wie ich, obwohl ich schliesslich eingesehen
habe, dass meine Leiden wohl verdient waren). "Ich habe mehr des
Tages Last getragen als die andern, mehr Wunden, mehr Gefängnis. Von
den Juden habe ich fünfmal empfangen vierzig Streiche weniger eins;
gestäupt dreimal; gesteinigt wurde ich einmal usw."
Da finde ich meine Schosssünden wieder und, was schlimmer ist, deren
Verteidigung. "Ich bin töricht gewesen, da ich mich rühmte, aber Ihr
habt mich dazu gezwungen, denn es stand Euch an, Gutes von mir zu
reden, da ich, wie bekannt, in keinem Punkt den höchsten Aposteln
unterlegen gewesen bin, wiewohl ich nichts bin." Die letzten Worte
offenbaren das unsinnig Falsche in dieser gepriesenen Demut, mit
welcher der Hochmut prahlt; und das entzündete in mir von neuem den
Unwillen, den ich schon in meiner Jugend gegen diesen Propheten der
Reiseprediger hegte, dessen Stil sie so gut nachzuahmen verstanden.
Und ich verliess den Schüler, um vom Meister selbst Worte der Weisheit
zu hören. Aber ich weiss nicht, welcher Dämon an diesem Abend, da ich
allein und zerknirscht bin, die Blätter wendet, vielleicht das Gesicht
verkehrt, so dass das Buch, das Antwort auf alles und Heilung für alles
hat, mich nur täuscht und mir ins Angesicht schlägt. Als ich lese,
wie Christus die Ehebrecherin freispricht, fühle ich die bodenlosen
Zweifel wieder aufsteigen von den Toten. Es war 1872, als ich in
meinem Jugenddrama "Meister Olof" den Reformator die Hure, Magdalena,
mit ungefähr denselben Worten freisprechen liess. Was folgte darauf?
Dieser Katarakt von Freisprechungen, und zwar von allen moralischen
Verpflichtungen, der durch die Literatur über die Gesellschaft strömte
und alles aufgelöst hat, Familie, Sitte, Ehre, Glauben. Und diese
Befreiung, die auf edler Humanität fusste und Christi Gebot "richte
nicht" gehorchte, die wird nun von "den Mächten" desavouiert, indem
sie die Befreier mit Schrecken und neuen Plagen schlagen! Christi
Nachfolger! Nein, nicht einmal die Bibel, nicht Christus, nicht
Humanität----nichts.
Ich bin jetzt vollständig bankerott! Des Umgangs mit der Menschen
beraubt, ohne zu wissen, warum; des Interesses für die Wissenschaften
verlustig, die mich früher am Leben hielten durch das Grosse, das
darin liegt, die Rätsel zu erfahren; dem Trost der Religion entzogen,
weil sie Böses und Falsches lehrt, habe ich nur die leere Schale
eines inhaltslosen Ichs vor mir. In meinem Stuhl sitzend, den
Sternenhimmel durch das Gitter meiner Fensterluke betrachtend, denke
ich an nichts, empfinde nichts, träume nichts. Fange schliesslich an
neugierig zu werden, wie meine Stimme klingen wird, wenn ich sie wieder
nach dreiwochenlangem Schweigen hören werde. Verlange so nach der
Gesellschaft eines Menschen, dass ich die antipathischesten aufsuche
könnte, die nur den Mund zu öffnen brauchen, um mich zu verletzen.
Erwäge, ob diese Isolierung den Zweck haben soll, mich zu lehren, dass
alle Menschen einander nötig haben, obwohl ich weiss, dass schlechte
Gesellschaft zu meiden ist und dass manche Menschen eher meiner bedurft
hätten, als ich ihrer. Als ich auf die Uhr sehe, ist es nicht weiter
als halb zehn, und vor zehn wage ich nicht zu Bett zu gehen, weil die
Nacht unruhig wird. Ich, der mein ganzes Leben darauf gewartet habe,
dass das Gewünschte kommen werde, warte jetzt darauf, dass eine halbe
Stunde verfliessen soll. Lesen kann ich nicht, denn wenn ich ein Buch
öffne, glaube ich alles vorher zu wissen. Nichts interessiert mich,
nichts erfreut mich, nichts schmerzt mich. Ich habe mehr als tausend
Francs in der Tasche, aber sie sind ohne Wert, denn ich wünsche nichts.
Früher und immer, wenn mir Geld fehlte, hatte ich vollauf an Wünschen:
Bücher, Instrumente, Bezahlung von Schulden; und dieses Verlangen gab
dem Leben Interesse, richtete den Willen auf die Zukunft, verankerte
ohne zu vertäuen.
Schliesslich wird die Uhr zehn. Nach meiner gewöhnlichen Waschung gehe
ich zu Bett und falle bald in Schlaf, müde bis zum Tod von lauter
Beschäftigungslosigkeit und Langeweile.
Der folgende Tag ist gleich dem vorhergehenden bis sechs Uhr
nachmittags. Da klopft es an meine Tür, und herein tritt der
amerikanische Maler, den ich in meinem Buch "Inferno" mit Francis
Schlatter identisch gemacht habe. Da wir ganz indifferent ohne
Feindschaft oder Freundschaft geschieden sind, ist das Wiedersehen
recht herzlich. Der Mann ist etwas verändert, merke ich. Er scheint
mir körperlich kleiner zu sein, als ich ihn im Gedächtnis hatte; sein
Ausdruck ist ernster, und ich kann ihn nicht dazu bringen, wie früher
über die Plackereien des Lebens und über die ausgestandenen Leiden zu
lächeln, die man so leicht trägt, wenn sie glücklich vorüber sind. Aber
er behandelt mich auch mit einer auffallenden Achtung, die gegen die
frühere Kameradschaftlichkeit absticht. Das Wiedersehen für mich wird
eine Aufrüttelung, denn teils kann ich mit einem Menschen sprechen, der
jedes Wort versteht, das ich sage, teils knüpfe ich an eine Periode
meines Lebens an, in der ich mich auf das stärkste entwickelte,
intensiv lebte, glaubte und wuchs. Ich fühle mich bald zwei Jahre
jünger und bekomme Lust, eine halbe Nacht auf den Trottoiren beim Glas
und gutem Gespräch zuzubringen. Als wir überein gekommen sind, in
Montmartre zu Mittag zu essen, treten wird die Wanderung an. Der Lärm
der Strasse dämpft etwas den Gang des Gespräches, und ich bemerke bei
mir eine ungewöhnliche Schwierigkeit zu hören und aufzufassen.
Am Einlauf in die Avenue de l'Opéra ist der Volksstrom so stark, dass
wir unaufhörlich von Begegnenden getrennt werden. Da trifft es sich
auch, dass ein Mann, der eine Partie Watte trägt, meinen Kameraden
so anstösst, dass er ganz weiss wird. Den Kopf voll von Swedenborgs
Symbolik, suche ich im Gedächtnis, was das "bedeuten" soll, kann mich
aber nur von der Graböffnung auf St. Helena erinnern, dass Napoleon
aussah, als ob sein Körper von weissem Flaum umlaufen sei.
Auf der Rue de la Chaussée d'Antin bin ich schon so müde, dass wir
beschliessen, eine Droschke zu nehmen. Da es Dinerzeit ist, ist die
Strasse äusserst belebt, und als wir einige Minuten gefahren sind,
steht der Wagen plötzlich still. Zugleich bekomme ich einen solchen
Stoss in den Rücken, dass ich mich erhebe, fühle ein warmes feuchtes
Schnaufen über meinem Nacken, und als ich mich umwende, habe ich die
drei weissen Pferdeköpfe, einen Omnibus mit einem schreienden Kutscher
vor mir. Das verstimmt mich, und ich frage mich, ob das eine Warnung
sein soll.
Wir steigen an der Place Pigalle aus und dinieren. Hier finde ich
Erinnerungen an meinen ersten Pariser Aufenthalt wieder, der in den
siebziger Jahren stattfand; aber sie machen mich wehmütig, denn die
Veränderungen sind gross. Mein Hotel an der Rou Douai ist nicht mehr.
Der "Chat noir", der damals entstand, ist geschlossen, und Rudolphe
Salis ist in diesem Jahr begraben. Das Café de l'Ermitage ist bloss
eine Erinnerung, und das "Tambourin" hat Namen und Titel geändert. Die
Freunde von damals sind tot, verheiratet, zerstreut, und die Schweden
sind nach Montparnasse übergesiedelt. Da merke ich, dass ich alt
geworden bin.
Das Diner wird nicht so lebhaft, wie ich erwartet habe. Der Wein ist
von dieser schlechten Sorte, die verstimmt. Da ich nicht mehr daran
gewöhnt bin, zu hören und zu sprechen, wird das Gespräch stockend und
ermüdend. Die Hoffnung, die alte Stimmung beim Kaffee auf dem Trottoir
wieder zu finden, verwirklicht sich nicht, und bald stellt sich dieses
furchtbare Schweigen ein, das verkündet, dass man sich trennen möchte.
Lange kämpfen wir gegen die wachsende Verlegenheit, aber vergebens.
Bereits um neun Uhr brechen wir auf, und meine Gemütsverfassung ahnend,
geht der Kamerad seinen eigenen Weg, in dem er eine Zusammenkunft
vorschützt. Allein, empfinde ich sofort eine unbeschreibliche
Erleichterung; die Unlust hört auf, der Kopfschmerz verschwindet und
es ist, als ob die Windungen im Gehirn und das Flechtwerk der Nerven
mit denen eines andern verwickelt gewesen wären, aber jetzt anfingen
sich zu entwirren. Wahrhaftig, die Einsamkeit hat mein Persönlichkeit
so empfindsam gemacht, dass ich nicht den Kontakt des Fluidums eines
Fremden ertrage. Ruhig, aber mit einer Illusion weniger, kehre ich nach
Hause zurück, froh, wieder in meiner Zelle zu sein; aber glücklich
darin, merke ich, dass das Zimmer sich unähnlich ist, nicht mehr
dasselbe, dass eine Unlust sich dort häuslich niedergelassen hat. Möbel
und Kleinigkeiten haben ihre Plätze behalten, machen aber einen fremden
Eindruck: es ist jemand da gewesen und hat etwas hinterlassen. Ich
fühle mich nicht wohl.
Am nächsten Tage merke ich bereits die Veränderung, und ich muss
hinaus, um Gesellschaft zu suchen, finde aber keine. Am dritten Tage
gehe ich nach Übereinkunft zu meinem Freund, dem Künstler, um seine
Radierungen zu besehen. Er wohnt in Marais. Ich frage den Torhüter, ob
er zu Hause ist. Ja, aber er sitzt unten im Café mit seiner Dame. Da
ich seiner Dame nichts zu sagen hatte, gehe ich wieder.
Am folgenden Tage lenke ich die Schritte wieder nach Marais, und da
der Mann zu Hause ist, beginne ich die sechs Treppen zu steigen.
Als ich drei überwunden habe, die sich eng wie Turmtreppen in einer
Röhre schlängeln, erwacht eine Erinnerung an einen Traum und eine
Wirklichkeit. Der Traum, der oft wiederkehrt, handelt von einer solchen
schraubenden, drängenden Treppe, in der ich krieche, bis ich ersticke,
da sie immer enger wird. Das erste Mal kam mir mein Traum wieder im
Turm zu Putbus, und ich kehrte sogleich nach unten zurück. Jetzt stehe
ich hier, beklommen, keuchend, mit klopfendem Herzen, doch beschliesse
ich zu steigen. Und ich schraube mich hinauf, komme ins Atelier und
treffe den Freund mit seiner Dame. Als ich aber fünf Minuten gesessen
habe, habe ich einen Schmerz tief im Kopfe und sage:
--Mein guter Freund, es sieht aus, als ob ich nicht mit Ihnen verkehren
dürfte, denn Ihre Treppen töten mich. Ich habe jetzt den bestimmten
Eindruck: steige ich noch einmal hier herauf, so sterbe ich.
--Aber Sie sind ja neulich den Montmartre und die Treppen zu
Sacré-Coeur hinaufgestiegen.
--Ja, es ist wunderbar.
--Nun, wandte er ein, dann komme ich zu Ihnen, und wir essen abends
zusammen.
Am Tage darauf essen wir wirklich zusammen und kommen in eine gute
Stimmung, die man bei Tische sucht. Man behandelt einander mit Achtung,
vermeidet es, Unannehmlichkeiten zu sagen, entdeckt Sympathien,
stellt sich auf des andern Standpunkt und hat die Illusion, in allen
Fragen einig zu sein. Nach dem Essen, da der Abend mild ist, setzen
wir das Gespräch fort und ziehen über den Fluss auf die Boulevards,
Trottoir und Tisch wechselnd, bis wir schliesslich die Höhe am Café
du Cardinal erreicht haben. Da ist es Mitternacht, aber wir sind noch
lange nicht müde, und nun beginnen diese wunderbaren Stunden, da die
Seele sich aus ihrer Hülle löst und die Seelenkräfte, die zu Träumen
gewandt werden sollten, in wachen und klaren Konzeptionen, geschärften
Blicken in Vergangenheit und Zukunft verbraucht werden. Während dieser
Nachtstunden ist es, als halte sich mein Geist über und ausserhalb
meines Körpers, der wie ein für mich fremde Person dasitzt. Das Trinken
ist Nebensache und nur dazu da, den Schlaf fern zu halten, vielleicht
die Schleussen des Gedächtnisses zu öffnen, die mein ganzes grosses
Lebensmaterial herauslassen, so dass ich in jedem Augenblick Tatsachen,
Jahreszahlen, Szenen, Rede und Gegenrede daraus schöpfen kann. Das
ist die Freude und das Machtgefühl des Rausches für mich, aber ein
Okkultist, ein religiöser, hat mir auch gesagt, dass es Sünde sei,
denn man nehme einen Vorschuss auf die Seligkeit, die gerade in der
Befreiung der Seele von der Materie bestehe; deshalb werde auch dieser
Übergriff mit den schrecklichen Qualen bestraft, die am andern Tage
folgen und an die Unseligkeit erinnern sollen.
Man fängt an, uns mit Symptomen der Schliessung zu beunruhigen, und da
ich noch nicht schliessen will, nenne ich das Wort Baratte, und mein
Freund ist sofort bereit.
Café Baratte bei den Hallen hat für mich immer eine wunderbare
Anziehungskraft gehabt, ohne dass ich weiss warum. Es kann die Nähe
der Hallen sein, die zieht. Wenn es auf dem Boulevard Nacht ist,
ist es bei den Hallen Morgen, wo es übrigens die ganze Nacht Morgen
ist. Die triste Nacht mit ihrer erzwungenen Beschäftigungslosigkeit
und ihren dunklen Träumen gibt es dort nicht. Der Geist, der sich an
unmateriellen Welten berauscht hat, verlangt nach Essen und Schmutz,
Laster und Lärm hinab. Auf mich wirkt dieser Geruch von Fisch, Fleisch,
Gemüse, in deren Abfall man tritt, als ein herrlicher Kontrast gegen
die hohen Themata, die man soeben behandelt hat. Das ist der Moder,
aus dem wir geschaffen sind und täglich dreimal neugeschaffen werden;
und wenn man von Halbdunkel, Schmutz und schäbigen Gestalten in das
gemütliche Café tritt, wird man von Licht, Wärme, Gesang, Mandolinen
und Gitarren begrüsst. Da sitzen Huren und ihresgleichen, doch zu
dieser Stunde ist jeder Klassenunterschied ausgetilgt. Und hier sitzen
Künstler, Studenten, Schriftsteller durcheinander, kneipen an langen
Tischen und träumen wachend; oder haben sie den traurigen Schlaf
geflohen, der vielleicht aufgehört hat sie zu besuchen? Es ist keine
sprühende Freude, sondern eine stille Narkose ruht über dem ganzen;
und für mich ist es, als trete ich in das Reich der Schatten, wo das
gespensterhafte Leben nur halbe Wirklichkeit hat. Ich kenne einen
Schriftsteller, der nachts dort zu sitzen und zu schreiben pflegte.
Ich habe Fremde dort gesehen, die gekleidet waren, als kämen sie
von einem glänzenden Souper aus dem Parc Monceau. Habe einen Mann
aus dem Publikum mit dem Aussehen eines fremden Gesandten aufstehen
und ein Solo singen sehen. Habe Leute, die verkleideten Prinzen und
Prinzessinnen glichen, Champagner trinken sehen. Ich weiss jetzt nicht
mehr, ob es wirkliche Sterbliche sind, alle diese Schatten, oder ob
es "Astralleiber" Schlafender sind, die sich draussen befinden und
die Schlaftrunkenen, die da sitzen, halluzinieren. Das Merkwürdige
ist, dass kein grober Ton die Gesellschaft beherrscht, die in das enge
Lokal gepfercht ist: die Schwermut der Schlaflosigkeit dämpft und gibt
allem, was geschieht, eine gewisse melancholische Farbe. Die Lieder der
Sänger sind meist sentimental, und die melancholische Gitarre heilt
die Nadelstiche, mit denen die scharfe stahlsaitige Mandoline die
Gehirnmuskeln sticht....
Gerade jetzt erinnere ich mich einer Nacht vor zwei Jahren, als ich mit
demselben Freunde hier im Café war. Wir hatten über die verborgenen
Fähigkeiten der Seele gesprochen, und ich leugnete aus manchen Gründen
die Rolle des Grosshirns als Gedankenmaschine. "Es ist ja ein Darm oder
eine Drüse, das können Sie doch sehen!"--"Glauben Sie das nicht! Kommen
Sie, wir wollen vor die Tür gehen und uns eins kaufen!"--Wir gingen
in die Hallen hinunter und verlangten ein Gehirn. Man wies uns durch
Korridore und Gewölbe in einen Keller. Schliesslich befanden wir uns
in einem Saal, der mit blutigen Körpern und Eingeweiden dekoriert war.
Wir wateten durch Blut und gelangten an den Raum für Gehirne. Blutige
Männer mit blutigen Keulen und Stemmeisen schlugen abgehauene Tierköpfe
so, dass der Schädel brach und das Gehirn herausflog. Wir kauften eins
und gingen hinauf ans Licht, aber die grausige Szenerie folgte uns bis
zum Tisch des Cafés, wo die vermeintliche Gedankenmaschine demonstriert
wurde.
Jetzt in der Nacht, nach meiner langen Einsamkeitskur, fühle ich mich
wohl unter der Menschenmenge, es strömt Wärme und Sympathie von ihr
aus. Zum ersten Mal seit langem werde ich von einem sentimentalen
Mitleid mit diesen unglücklichen Weibern der Nacht er fasst. Und neben
unserm Tisch sitzen ein halbes Dutzend allein, niedergeschlagen, ohne
etwas Bestelltes vor sich zu haben. Sie sind fast alle hässlich,
verschmäht, und wahrscheinlich ausser stande, sich etwas zu bestellen.
Ich schlage meinem Freund, der ebenso uninteressierte Absichten hat wie
ich, vor, zwei einzuladen, von den hässlichsten, die neben uns sitzen.
Angenommen! Und ich lade zwei ein, indem ich frage, ob sie etwas
trinken wollen, und, hinzufüge: aber ohne irgend welche Illusionen
sonst, und vor allem anständig.
Sie scheinen ihre Rolle zu verstehen und bitten zuerst um Essen. Der
Freund und ich setzen unser philosophisches Gespräch auf Deutsch
fort, dann und wann ein Wort an unsere Damen richtend, die nicht
anspruchsvoll sind und mehr auf Essen erpicht scheinen als auf
Aufwartung.
Einen Augenblick trifft mich der Gedanke: Wenn ein Bekannter dich jetzt
sähe? Ja, dann weiss ich, was er sagen würde, und ich weiss auch, was
ich antworten würde.--Ihr habt mich aus der Gesellschaft verstossen,
mich zur Einsamkeit verurteilt, und ich bin genötigt, die Gesellschaft
von Menschen zu kaufen, von Parias, hinausgeworfen wie ich, hungrig wie
ich gewesen bin. Meine einfache Freude ist, diese Verschmähten prahlen
zu sehen mit einer Eroberung, die keine ist, sie essen und trinken zu
sehen, ihre Stimmen zu hören, die doch die von Frauen gewesen sind....
Und die ich in keiner Form bezahlt habe, nicht einmal damit, dass ich
als Zugabe Moral gebe.
Ich empfinde nur ein Wohlbehagen, mit menschlichen Wesen zusammen
zu sitzen und vom Überfluss des Augenblicks geben zu können, des
Augenblicks, denn in einem Monat kann ich so arm sein wie sie....
Es ist Morgen geworden; die Uhr zeigt fünf, und wir gehen; aber da
fordert meine Dame fünfzehn Francs dafür, dass sie mir Gesellschaft
geleistet hat; was ich von ihrem Gesichtspunkt aus erklärlich finde;
denn meine Gesellschaft ist wertlos ebenso wie mein Schutz ihrer
Polizei gegenüber. Dass das meine Selbstachtung erhöhen wird, glaube
ich nicht, eher das Gegenteil.
Doch wandere ich nach Haus mit gutem Gewissen, nach einer
wohlverbrachten Nacht, schlafe bis zehn Uhr, erwache ausgeruht und
verbringe den Tag mit Arbeit und Betrachtungen. Aber die Nacht darauf
bekam ich einen Anfall der schrecklichen Art, wie sie Swedenborg in
seinen "Träumen" schildert. Das war also die Strafe. Wofür? "Dass er
isst und trinkt mit Huren und Zöllnern, während Johannes in die Wüste
ging...." Mit Huren weil er keine andere Gesellschaft findet.... Ich
verstehe nichts mehr; hatte geglaubt, es sei eine neue Lektion in der
Lebensart, ich solle lernen, dass alle Menschen gleich gut seien;
und hatte mir wirklich einen Augenblick eingebildet, meine Rolle im
Nachtcafé sei mehr die des Menschenfreundes als des Ausschweifers
gewesen, mindestens aber moralisch indifferent.
Die folgenden Tage bin ich sehr beklommen, und eines Abends sah ich
einer Schreckensnacht entgegen. Um neun Uhr hatte ich Ciceros "Natura
Deorum" vor mir und wurde so eingenommen von Aristoteles' Ansicht,
die Götter kennten unsere Welt nicht und würden sich verunreinigen,
wenn sie sich mit diesem Schmutz befassten, dass ich sie abzuschreiben
beschloss. Dabei merke ich, dass Blut auf der oberen Seite der rechten
Hand ausgebrochen ist, ohne irgend welche Ursache. Und als ich das Blut
abtrocknete, fand sich kein Zeichen einer Schramme. Doch ich entschlug
mich des Gedankens und ging zu Bett. Um halb eins erwachte ich mit dem
voll ausgebildeten Symptom, das ich den elektrischen Gürtel genannt
habe. Ungeachtet ich dessen Natur und innere Bedeutung kenne, werde
ich sogleich gezwungen, die Ursache ausser mir zu suchen; denke, nun
sind sie hier! Sie! Wer? Nahm mich dann zusammen und zündete die Lampe
an. Da die Bibel daneben lag, beschloss ich sie um Rat zu fragen, und
siehe, sie antwortete:
"Ich werde dich verstehend machen, und ich werde dir den Weg zeigen,
den du gehen musst, und mein Auge wird dir folgen. Sie nicht wie ein
Pferd oder Maultier, das da mit Zaum und Trense gerissen werden muss,
um zu Gehorsam gebracht zu werden!"