Menschen sind, sondern eine wohlwollende Macht, die zu mir spricht,
wenn auch etwas undeutlich.
Nachdem ich mich mit einigen Tagen Einsamkeit beruhigt hatte, ging ich
eines Abends wieder aus, mit dem Amerikaner und einem jungen Franzosen,
der meine Manuskripte berichtigt. Es wurde etwas langwierig, und ich
kam kurz vor Mitternacht nach Haus, mit schlechtem Gewissen, weil
ich, in eine hitzige Konversation hineingezogen, genötigt gewesen
war, von einem Abwesenden Böses zu sagen. Was ich sagte, war eine
Selbstverteidigung gegen einen Lügner und zwar volle Wahrheit. Um zwei
Uhr erwachte ich und hörte einen Menschen im Zimmer über mir poltern;
dann, wie er die Treppen hinunter in das Zimmer, das neben meinem
liegt hineinging. Also dasselbe Manöver wie im Hotel Orfila. Bin ich
denn bewacht? Denn wer besetzt sonst zwei Zimmer in dem Hotel, wo ich
wohne, eins über mir, eins an meiner Seite? Dieselbe Geschichte hatte
sich ja im September hier im Hotel wiederholt, als ich drei Treppen
hoch wohnte. Es kann kein Zufall sein. Wenn nun, was wahrscheinlich
ist, mein unsichtbarer Mentor mich strafen will, wie raffiniert ist es,
mich in Ungewissheit zu halten, ob es Menschen sind, die mich verfolgen
oder nicht. Obwohl ich volle Gewissheit gehabt habe, dass niemand mich
verfolgt, so muss ich gleichwohl in den alten Gedankenkreis, dass es
jemand tut, gepeinigt werden. Und als die Frage, wer ist es, aufsteigt,
beginnt der Reigen von Vermutungen, bis mein Gewissen ihn aufhält.
Das klagt mich an auch da, wo ich nur in reiner Selbstverteidigung
gehandelt habe, indem ich ungerechte Beschuldigungen von mir
abschüttele. Ich glaube mit dem Rücken an einen Pfahl gebunden zu sein,
alle Vorbeigehenden haben das Recht, mich ungestraft anzuspucken,
wenn ich aber wieder sie spucke, werde ich gestäupt, erstickt, von
Furien gejagt. Die ganze Welt, auch der geringste Elende, hat mir
gegenüber recht! Wenn ich nur wüsste warum! Die ganze Taktik erinnert
so an Frauen, dass ich meinen Argwohn nicht lassen kann. Wenn nämlich
eine Frau jahrelang einem Manne Schaden und Unrecht getan hat,
ohne dass er aus angeborenem Edelmut die Hand zur Gegenwehr erhob,
und er schliesslich um sich schlägt, wie man eine Fliege wegjagt,
das macht sie ein Geschrei, ruft die Polizei und lamentiert: "Er
verteidigt sich!" Oder wenn in der Schule ein unvernünftiger Lehrer
einen unschuldig angeklagten Schüler überfällt, und dieser sich aus
gekränktem Rechtsgefühl zu verteidigen sucht, was tut das der Lehrer?
Er geht zur Körperstrafe über, indem er ausruft: "So, du antwortest."
Ich habe geantwortet und darum werde ich gepeinigt! Und die Pein geht
nun acht Tage lang jede Nacht vor sich. Die Folgen davon sind, dass
ich meine gute Laune verliere, und dass der Verkehr mit mir eine Plage
wird. Mein Freund der Amerikaner ermüdet, zieht sich langsam zurück,
und als er einen Haushalt zu Hause etabliert hat, befinde ich mich
wieder allein. Aber es ist nicht ausschliesslich ein gegenseitiger
Überdruss, der uns zum zweiten Mal getrennt hat; wir haben nämlich
beide bemerkt, dass während unsers letzten Zusammenseins wunderliche
Dinge geschehen sind; die können nur dem Einschreiten bewusster Mächte
zugeschrieben werden, welche die Absicht gehabt haben, unsern Überdruss
zu wecken. Dieser Mann, der fast nichts von meinem früheren Leben
weiss, schien das letzte Mal die Absicht gehabt zu haben, mich an allen
empfindlichen Punkten zu verletzen; es war, als habe er die geheimsten
meiner Gedanken und Absichten gekannt, die doch nur ich kenne. Und als
ich ihm diese meine Beobachtung sagte, ging ihm ein Licht auf.
--Ist das nicht der Böse! rief er aus. Ich ahnte, dass es etwas war,
denn Sie konnten an dem Abend nicht den Mund öffnen, ohne mich auf
das tiefste zu kränken, aber ich sah in Ihrem ruhigen Gesicht und dem
freundlichen Ausdruck, dass Sie nichts Böses im Sinn hatten.
Wir versuchten zu trotzen. Aber drei Tage hinter einander ging er den
langen Weg zu mir vergebens. Ich war nicht da, und auch nicht in meinem
gewöhnlichen Restaurant, nirgends!
Und so schliess sich die Einsamkeit wieder um mich wie ein dichtes
Dunkel. Es geht auf Weihnachten und das Entbehren von Heim und Familie
bedrückt mich. Das ganze Leben wird widrig und ich beginne wieder ganz
folgerichtig nach dem zu blicken, was von oben ist. Kaufe "Christi
Nachfolge" und lese.
Es ist nicht das erste Mal, dass dieses wunderbare Buch mich trifft,
aber dieses mal findet es den Boden bereitet. Lebend zu sterben von
der Welt der verächtlichen, langweiligen, schmutzigen, das ist das
Thema. Und der unbekannte Verfasser hat die ungewöhnliche Eigenschaft,
nicht zu predigen oder zu strafen, sondern er spricht freundlich,
überzeugend, logisch bindend und lockend. Er gibt unsern Leiden die
Farbe, als seien sie nicht Strafen, sondern Prüfungen, und damit weckt
er den Ehrgeiz, sie gut bestehen zu können.
Nun habe ich Jesus wieder, dieses Mal nicht Christus, und er schleicht
sich bei mir ein, langsam aber sicher, als ob er auf Sammetsandalen
komme. Und die Weihnachtsausstellungen auf der Rue Bonaparte helfen
dazu. Da ist das Christuskind in der Krippe, das Jesuskind mit
Königsmantel und Krone, das Kind auf dem Arm der Jungfrau, das Kind
spielend, liegend, am Kreuz! Gut das Kind! Das verstehe ich. Der Gott,
der so lange die Klagen der Menschen über das Elend des Erdenlebens
gehört hat, dass er schliesslich beschloss niederzusteigen, sich
geboren werden zu lassen und zu leben, um zu prüfen wie schwer es ist,
sich mit einem Menschenleben zu schleppen. Den begreife ich.
Am Morgen eines Sonnabends ging ich an der Kirche St-Germain
L'Auxerrois vorbei. Dieses Gebäude hat immer eine starke Ausstrahlung
auf mich ausgebt, weil es so intim aussieht; die Vorhalle mit ihren
Malereien ladet ein, und die Masse sind so klein, dass man nicht
erdrückt wird oder verschwindet. In der Tür begegne ich Halbdämmerung
und Orgelspiel, farbigen Bildern und Kerzen. Immer wenn ich in eine
katholische Kirche trete, bleibe ich an der Tür stehen und fühle mich
verlegen, unruhig, ausgestossen. Wenn der riesengrosse Schweizer sich
mit seiner Hellebarde nähert, bekomme ich ein schlechtes Gewissen und
meine, er will mich als Ketzer hinaus treiben. Hier in Saint-Germain
L'Auxerrois fühle ich eine Angst, denn das Gedächtnis sagt mir, dass
es in diesem Turm war, wo in der Bartholomäusnacht die Glocke ohne
bekannte Ursache um zwei Uhr zu läuten anfing. (Um zwei Uhr nachts!)
Heute beunruhigt mich meine Stellung als Hugenotte mehr als sonst, denn
vor einigen Monaten las ich im Osservatore Romano einen Glückwunsch,
den die katholische Priesterschaft an die Judenverfolger in Russland
und Ungarn richtete, und einen hochgestimmten Vergleich mit den grossen
Tagen, die auf die Bartholomäusnacht folgten und die der Verfasser bald
zurückwünschte.
Die Orgel, unsichtbar, spielt Töne, Harmonien, die ich noch nie
gehört habe, die mir aber vorkommen wie Erinnerungen; Erinnerungen an
die Zeiten der Vorfahren oder an noch entferntere Tage. Wo hat der
Komponist die her bekommen? frage ich mich immer, wenn ich grosse
Musik höre. Aus der Natur und dem Leben nicht, denn hier gibt es keine
Vorbilder, wie in den andern Künsten. Da habe ich keinen andern Ausweg,
als mir seine Musik wie eine Erinnerung an einen Zustand zu denken,
nach dem sich jeder Mensch in seinen besten Augenblicken zurücksehnt;
und im Gefühl des Vermissens selbst muss ja ein dunkles Bewusstsein von
etwas Vermissten liegen, das man früher besessen hat.
Sechs Lichter sind am Altar angezündet: der Priester in Weiss, Rot
und Gold spricht nicht, aber seine Hand flattert, mit den graziösen
Bewegungen eines Schmetterlings über einem Buch. Hinten treten zwei
weissgekleidete Kinder vor und beugen die Knie. Es läutet eine kleine
Glocke. Der Priester wäscht sich die Hände und bereitet eine Handlung,
die mir unbekannt ist. Es geschieht etwas Seltsames, Schönes, Hohes
da vorn in der Ferne zwischen Gold, Rauch und Licht ... ich verstehe
nichts, aber fühle eine unerklärliche Ehrfurcht und ein unerklärliches
Beben, und ein Gefühl schlägt in mich nieder; das hast du schon erlebt
und mitgelebt....
Dann aber kommt das Schamgefühl des Heiden, des Ausgestossenen, der
hier nicht zum Hause gehört. Und dann steht die ganze Wahrheit klar
da: der Protestant hat keine Religion, denn der Protestantismus ist
Freidenkertum, Empörung, Sonderung, Dogmatik, Theologie, Ketzerei.
Und der Protestant ist in den Bann getan. Es ist der Bann, der Fluch,
der über uns ruht und uns unbefriedigt, trist, irrend macht. Und in
diesem Augenblick fühle ich den Bann, und ich verstehe warum der Sieger
bei Lützen "in seinem Werke fiel" und warum seine eigene Tochter ihn
dementierte; verstehe warum das protestantische Deutschland verheert
wurde, während Österreich unberührt blieb. Und was wurde für uns
gewonnen? Die Freiheit, ausgestossen zu sein, die Freiheit, uns zu
sondern und abzusondern, um als konfessionslos zu enden.
Wogend bewegt sich die Gemeinde zu den Türen hinaus, und einsam bleibe
ich zurück, indem ich, wie ich glaube, deren missbilligende Blicke
ertrage. Es ist dunkel an der Tür, wo ich stehe, aber ich sehe, wie
alle das Wasser im Weihkessel berühren und sich bekreuzigen, ehe sie
hinausgehen; und da ich gerade davorstehe, sieht es aus, als ob sich
alle vor mir bekreuzigen, und ich weiss, was das bedeutet, seit ich in
Österreich Leute, die mir auf der Landstrasse entgegenkamen, das Kreuz
vor dem Protestanten, der ich war, schlugen.
Als ich schliesslich allein bleibe, nähere ich mich dem
Weihwasserbecken aus Neugier oder einem andern Grunde. Es ist aus
gelbem Marmor in Form einer Muschelschale, und darüber ist ein
Kinderkopf ... mit Flügeln hinten. Und das Gesicht des Kindes ist
lebend, von einem Ausdruck verklärt, den man nur bei guten, schönen,
wohlerzogenen Dreijährigen sieht. Der Mund steht offen, und die
Mundwinkel halten ein Lächeln zurück. Die grossen herrlichen Augen
sind niedergeschlagen, und man sieht, wie sich der kleine Schelm im
Wasser spiegelt, aber unter dem Schutz der Augenlider, als sei er sich
bewusst, etwas Ungesetzliches zu tun, ohne jedoch vor dem Strafer bange
zu sein, den er, wie er weiss, mit einem einzigen Blick entwaffnen
kann. Das ist das Kind, das noch das Gepräge von unserm fernen Ursprung
trägt, einen Schimmer vom Übermenschen, das dem Himmel angehört. Man
kann also im Himmel lächeln, und nicht nur das Kreuz tragen! Wie oft
in den Augenblicken meiner Selbstanklage, wenn die ewigen Strafen wie
objektive Wirklichkeiten vor mir stehen, habe ich nicht diese Frage
aufgestellt, die mancher unehrerbietig finden wird: Kann Gott lächeln?
lächeln zu der Torheit und dem Übermut der Menschenameisen? Kann er
das, dann kann er auch verzeihen.
Das Kindergesicht lächelt mir zu und sieht mich durch das Augenlid an,
und der geöffnete Mund sagt neckend: Versuch es, das Wasser ist nicht
gefährlich!
Und ich berühre mit zwei Fingern das geweihte Wasser, es geht
ein Kräuseln über die Fläche wie--ich glaube, es war im Teiche
Bethseda--und nun führe ich den Finger von der Stirn nach dem Herzen
und dann von links nach rechts, wie ich es meine Tochter habe tun
sehen. Aber im nächsten Augenblick bin ich heraus aus der Kirche--denn
der Kleine lachte, und ich--schämte mich, will ich nicht sagen, aber
ich wünschte am liebsten, niemand hätte es gesehen.
Draussen an der Kirchentür steht ein Anschlag über etwas, und daraus
werde ich belehrt, dass heute Advent ist! Draussen vor der Kirche sitzt
in der schrecklichen Kälte eine Alte und schläft. Ich lege leise eine
Silbermünze in ihren Schoss, ohne dass sie es merkt, und obwohl ich
gern ihr Erwachen gesehen hätte, gehe ich. Welche billige und solide
Freude, die Zwischenhand der Vorsehung bei der Erhöhung einer Bitte zu
spielen, und einmal geben zu dürfen, wenn man so lange empfangen hat.
Jetzt lese ich "L'Imitation" und Chateaubriand, "Le Génie du
Christianisme". Ich habe das Kreuz auf mich genommen und trage eine
Medaille, die ich auf Sacre-Coeur in Montmartre bekommen habe. Aber das
Kreuz für mich ist das Symbol der geduldig ertragenen Leiden, nicht das
Wahrzeichen, dass Christus an meiner Stelle gelitten hat, denn das muss
ich schon selbst besorgen. Ich habe sogar eine Theorie aufgestellt:
da wir Ungläubigen nicht mehr von Christus sprechen hören wollten,
überliess er uns uns selbst, eine satisfactio vicaria hörte auf,
und wir mussten uns allein mit unserm Elend und unserm Schuldgefühl
schleppen. Swedenborg sagt ausdrücklich, dass Christi Leiden am Kreuz
nicht sein Versöhnungswerk war, sondern eine Prüfung, die der Gott sich
auferlegt hatte, weniger die eines Schmerzes als die einer Schmach.
Gleichzeitig mit "Christi Nachfolge" bekomme ich Schwedenborgs "Vera
Religio Christiana" in die Hand, in zwei starken Bänden. Mit seiner
Allmacht, die jedem Widerstand trotzt, schleppt er mich in seine
Riesenmühle und fängt an mich zu mahlen. Zuerst lege ich das Buch fort
und sage: Das ist nicht für mich. Aber ich nehme es wieder, denn es
ist so viel darin, was mit meinen Beobachtungen und Erlebnissen stimmt
und so viel weltliche Weisheit, die mich interessiert. Zum zweiten
Mal werfe ich es weg; bekomme aber keine Ruhe, ehe ich es wieder
vorgenommen habe, und das Schreckliche der Situation ist, wenn ich lese
erhalte ich den bestimmten Eindruck: das ist die Wahrheit, aber ich
kann nie dahin kommen! Nie! denn ich will nicht.--Dann fange ich an,
mich zu empören und sage mir: er hat sich getäuscht, und dies ist der
Geist der Lüge. Dann aber kommt die Furcht, dass ich mich geirrt habe.
Was finde ich denn hier, das das lebendige Wort sein soll? Ich
finde die ganze Ordnung der Gnade und die ewige Hölle: die
Kindheitserinnerungen an die Hölle der Kindheit mit ihrem ewigen
Unfrieden! Aber nun habe ich den Kopf in die Schlinge eingesteckt,
und ich bin gefangen. Den ganzen Tag, die halbe Nacht spielen meine
Gedanken um dieses eine: ich bin verdammt, denn ich kann unter anderm
das Wort Jesu nicht aussprechen, ohne Christus hinzuzufügen, der nach
Swedenborg das Schibboleth sein soll, das die Teufel verrät.
Nun habe ich den ganzen Abgrund in mir, und der milde Christus in
"L'Imitation" ist der Dämon geworden, der Peiniger! Ich fühle lebhaft,
wenn dieses sich weiter entwickelt, werde ich Pietist, aber das will
ich nicht! Will nicht!
Drei Tage sind vergangen, seit ich Swedenborg fortgelegt habe, aber
eines Abends, als ich mich mit Pflanzenphysiologie beschäftige,
erinnere ich mich, etwas besonders Sinnreiches über die Stellung der
Pflanze in der Schöpfungskette gerade in "Vera Religio Christiana"
gesehen zu haben. Vorsichtig beginne ich nach der berühmten Stelle zu
suchen, finde sie aber nicht; dagegen finde ich alles andere: Die
Berufung, die Erleuchtung, die Heiligung, die Bekehrung, und wie ich
die Blätter wende und die Seiten zu überfliegen suche, bleibt das Auge
auf den grausigsten Stellen haften, die stechen und brennen. Zweimal
suche ich die beiden Bände durch, aber das Gesuchte ist verschwunden.
Es ist ein verzaubertes Buch, und ich möchte es verbrennen, wage es
aber nicht, weil die Nacht bevorsteht und die Uhr zwei werden kann....
Ich fühle, wie ich Heuchler werde, und ich habe in mir beschlossen,
morgen, wenn ich nur diese Nacht in Frieden schlafen darf, einen Kampf
gegen diesen Seelenverderber aufzunehmen; ich werde seine eigenen
Schwächen mit dem Mikroskop besichtigen, ich werde seine Stacheln aus
dem Herzen ausreissen, wenn es auch dabei zerrissen werden sollte,
und ich will vergessen, dass er mich von dem einen Irrenhaus gerettet
hat--um mich in das andere zu bringen!
Nachdem ich die Nacht geschlafen habe, obwohl ich erwartet habe,
erschlagen zu werden, ging ich am folgenden Morgen ans Werk, nicht
ohne Skrupel, denn die Waffen zu ergreifen gegen einen Freund, ist
die betrübendste von allen Unternehmungen. Aber es muss geschehen; es
handelt sich um meine unsterbliche Seele, ob sie vernichtet werden soll
oder nicht.
So lange Swedenborg in "Arcana" und der "Apokalypse" sich an
Offenbarungen, Prophezeiungen, Auslegungen hielt, da machte er mich
religiös, aber wenn er in "Vera Religio" anfängt über die Dogmen zu
räsonieren, dann ist er Freidenker, Protestant, und zieht er blank mit
der Vernunft, dann hat er die Waffen selbst gewählt, und schlechte
Waffen. Ich will die Religion haben als eine stille Begleitung zu der
eintönigen Alltagsmelodie des Lebens, aber hier handelt es sich um
Berufsreligion, Kathederdisputation, also um Machtkampf.
Ich hatte schon beim Lesen von "Apokalypsis revelata" eine Stelle
gefunden, die mich abstiess, weil sie eine menschliche Eitelkeit
verriet, die ich bei einem Gottesmann nicht sehen möchte. Aber ich
ging aus Rücksicht daran vorbei, jedoch nicht ohne sie zu notieren. Im
Himmel trifft Swedenborg einen englischen König und beklagt sich ihm
gegenüber, dass englische Zeitschriften es nicht geruht hätten, seine
Schriften anzukündigen. Swedenborg drückte seinen Verdruss besonders
über einige Bischöfe und Lords aus, die seine Schriften angenommen,
aber ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Der König (Georg II.)
war erstaunt und wandte sich zu den Unwürdigen, indem er sagte: "Gehet
eure Wege! Wehe dem, der so gefühllos bleiben kann, wenn er etwas vom
Himmel und dem ewigen Leben hört." Hier will ich als mir unsympathisch
anmerken, dass sowohl Dante wie Swedenborg ihre Feinde und Freunde in
die Hölle schicken, während sie selbst die Höhen besteigen. Darf ich
mir wie Paulus ein kleines Selbstlob erlauben, so ist der Augenblick
gekommen, daran zu erinnern, dass ich mich im Gegensatz zu den hohen
Meistern allein mitten in die Gluthaufen des Inferno gesetzt habe und
die andern wenigstens über mich ins Fegefeuer.
In "Vera Religio" ist die Sache noch unangenehmer, denn dort trifft
man Calvin in einem Bordell, weil er gelehrt hat, dass der Glaube
alles ist und die Werke nichts (vgl. den Räuber am Kreuz!). Luther und
Melanchthon, ungeachtet ihres Protestantismus, sind rohem Hohn und
albernen Possen ausgesetzt.... Nein, es regt mich auf, diese Flecke
in dem Bilde eines erhabenen Geistes aufzusuchen. Und ich hoffe, es
ist Swedenborg in seiner geistigen Entwicklung ergangen, wie es nach
seinen Worten Luther ergangen sein soll: "Als dieser in die Geisterwelt
eintrat, machte er starke Propaganda für seine Dogmen, aber weil diese
nicht im innersten Wesen seines Geistes eingewurzelt, sondern nur von
Kindheit an eingesogen waren, ging ihm bald eine grössere Klarheit auf,
so dass er schliesslich des neuen Himmelsglaubens teilhaftig wurde."
Ist mein Lehrer zornig, dass ich dies geschrieben habe? Ich kann es
nicht glauben; vielleicht teilt er meine Meinungen jetzt, und hat
erfahren, dass dort oben nicht Theologie disputiert wird. So wie er das
Leben in der Geisterwelt geschildert hat, mit Kathedern und Auditorien,
Opponenten und Respondenten, hat er mich zu der lästerlichen Frage
verleitet: Ist Gott Theolog?
Ich hatte nun Swedenborg eingeschlossen, von ihm Abschied genommen,
mit Dankbarkeit, als von dem, der mich, wenn auch mit Schreckbildern,
wie ein Kind zu Gott zurück gescheucht hat. Und siehe, der Schwarze
Christus plagt mich nicht mehr mit Unseligkeit, sondern der Weisse, das
Kind das lächeln und spielen kann, nähert sich mit dem Advent; damit
findet sich ein gewisser froherer Blick aufs Leben ein, so lange ich
nämlich wache über meine Handlungen, Worte und sogar Gedanken, die, wie
es scheint, nicht geheim gehalten werden können vor dem unbekannten
Schutzengel und Strafengel, der mir überall folgt.
Rätselhafte Begebenheiten treffen immer noch ein, aber nicht mehr
so drohend wie früher. Swedenborgs Christentum habe ich verlassen,
wie es hasserfüllt, rachgierig, kleinlich, sklavisch war, aber ich
behalte "L'Imitation" mit gewissen Vorbehalten, und eine stille
Kompromissreligion ist auf diesen unseligen Zustand gefolgt, der das
Suchen nach Jesus begleitet. Ich sitze eines Abends und diniere mit
einem jungen französischen Poeten, der soeben "Inferno" gelesen hat und
vom okkultistischen Gesichtspunkt aus Erklärungen suchen will für die
ausgestandenen Attacken, denen ich ausgesetzt war.
--Haben Sie keinen Talisman? fragte er. Sie müssen einen Talisman haben.
--Ich habe "L'Imitation"! antwortete ich. Er sah mich an, und ich nahm,
etwas verlegen, da ich eben desertiert war meine Uhr hervor, um mich
mit etwas zu beschäftigen zu können. Im selben Augenblick fiel die
Medaille von Sacré-Coeur mit dem Christusbild von der Kette. Ich wurde
noch verlegener, sagte aber nichts.
Wir standen bald auf und gingen nach einem Café beim Châtelet, um ein
Glas Bier zu trinken. Der Saal ist geräumig, und wir nahmen an einem
Tisch, der Tür gegenüber, Platz. Dort sassen wir eine Weile, und das
Gespräch drehte sich um Christus und seine Bedeutung.
--Er hat sicher nicht für uns gelitten, sagte ich, denn hätte er das,
würden sich unsere Leiden ja vermindert haben. Aber das haben sie nicht
getan, sondern sind noch ebenso intensiv.
Jetzt macht ein Kellner Lärm, und mit einem Besen und Sägespänen fängt
er an den Boden zwischen uns und der Tür zu fegen, wo kein Mensch
hingetreten hat, seit wir gekommen sind. Auf dem weissen Parkettboden
sieht man einen Kranz von roten Tropfen; und während der Kellner kehrt,
murmelt er und betrachtet uns mit scheelen Augen als die Schuldigen.
Ich frage meinen Begleiter, was es ist.
--Es ist etwas Rotes.
--Dann haben wir es getan, denn niemand hat den Platz nach uns
betreten, und als wir eintraten, war er rein.
--Nein, antwortete der Kamerad, wir haben es nicht getan, denn es ist
keine Fussspur, sondern als habe jemand geblutet; und wir bluten ja
nicht.
Das war unheimlich, und auch unangenehm, weil unsere Personen sich die
Aufmerksamkeit der andern Gäste auf unangenehme störende Weise zuzogen.
Der Poet las meine Gedanken, doch er hatte nicht das Abenteuer mit der
Medaille gesehen. Deshalb, und um mein Herz zu erleichtern, schloss ich:
--Christus verfolgt mich.
Er antwortete nicht, obwohl er gerne eine natürliche Erklärung gesucht
hätte, die er nicht finden konnte.
Ehe ich meinen Freund, den Amerikaner verlasse, den ich zum Versuch
mit dem Therapeuten Francis Schlatter identifiziert habe, muss ich
einige Züge erzählen, die den Argwohn bestärken, dass dieser Mann einen
"double" hatte.
Als ich die Bekanntschaft mit ihm jetzt wieder anknüpfte, sagte ich
ihm alle meine Meinungen rund heraus, und zeigte ihm das Heft der
Revue Spirite, in dem der Artikel "mein Freund H--" stand. Er schien
unschlüssig, aber mehr skeptisch.
Nach einigen Tagen, als er zum Diner kam, war er ganz verwirrt, und er
erzählte mit einer gewissen Bewegung, seine Geliebte sei verschwunden,
ohne Abschied genommen zu haben und ohne eine Nachricht zu hinterlassen.
Sie blieb einige Tage fort und kam dann wieder. Als er ein Verhör
anstellte, bekannte sie schliesslich, sie fürchte sich vor ihrem Herrn,
dem sie den Haushalt führte. Nach weiteren Fragen erfuhr er: als sie in
der Nacht aufwachte, während er schlief, war sein Gesicht kalkweiss und
unkennlich; was sie auf unbeschreibliche Weise erschreckte.
Übrigens wagte er sich nie vor Mitternacht zu legen, denn dann wurde er
geplagt, als sei er auf einen Bratspiess aufgespiesst, der ihn drehte
und drehte, bis er das Bett verlassen musste.
Als er "Inferno" gelesen hatte, sagte er:
--Sie haben nicht Verfolgungsmanie gehabt, sondern Sie sind verfolgt
worden, jedoch nicht von Menschen.