dürftigen Kapelle mit ihren dunklen Fensterscheiben, die von Regen und
Staub beschmutzt sind, den Rücken. Es hatte mich immer abgestossen,
dieses Haus in strengem, barbarischem, schwermütigem Methodistenstil,
dessen Mangel an Schönheit mich an den Protestantismus des Nordens
erinnerte, und erst nach ernsten Kämpfen gegen meinen Hochmut verstand
ich mich dazu, dort Eintritt zu suchen. Eine Frömmigkeitspflicht gegen
Swedenborg, weiter nichts. Als ich mit leichtem Herzen umkehrte,
gewahre ich auf dem Trottoir ein verzinntes Eisenstückchen, wie
ein Kleeblatt geformt, und aus Aberglauben nehme ich es auf. Und
sogleich wird eine Erinnerung zum Leben erweckt. Als ich nämlich das
Jahr vorher, den 2. November in dem schrecklichen Jahr 1896, eines
Morgens in Klam in Österreich promenierte, ging die Sonne hinter einer
Wolkenwand in Form eines Bogens mit kleeförmigen Aussenlinien auf, der
von blauen und weissen Strahlen umgeben war. Und diese Wolke glich
meinem verzinnten Eisenblech wie zwei Wassertropfen einander gleichen;
mein Tagebuch, in dem noch die Zeichnung zu finden ist, kann diese
Tatsache bestätigen.
Was soll dies bedeuten? Die Dreieinigkeit, das ist klar. Und weiter?--
Ich verlasse die Rue Thouin, froh wie ein Schuljunge, der einer
schweren Aufgabe entronnen ist, weil der Lehrer krank geworden. Und
als ich am Pantheon vorbeigehe, finde ich den Tempel geöffnet, das
grosse Tor sperrweit auf, und zwar auf eine herausfordernde Weise, die
mir zurief: tritt nur ein. Tatsächlich habe ich trotz meinem langen
Aufenthalt in Paris niemals diese Kirche besucht, hauptsächlich weil
man mir über die Wandgemälde Lügen erzählt und versichert hat, sie
behandeln Stoffe aus der Geschichte der Gegenwart, vor der ich Abscheu
empfinde. Man denke sich mein Entzücken, als ich eintrete und eine
Lichtdusche empfange, die vom Mittelgewölbe fällt, und mich mitten
in einer goldenen Legende befinde, Frankreichs heiliger Geschichte,
die unmittelbar vor dem Protestantismus schliesst. Die mehrdeutige
Inschrift draussen "Aux grands hommes" hatte mich also betrogen. Wenig
Könige, noch weniger Generäle und nicht ein Abgeordneter; ich atme
wieder. Dagegen St. Denis, die heilige Genoveva, Ludwig der Heilige,
St. Jeanne (d'Arc). Nie hätte ich geglaubt, dass die Republik in
dem Grad katholisch wäre. Fehlt nur der Altar, das Tabernakel, und
an Stelle des Gekreuzigten und der Himmelsmutter ist das Bild einer
weltlichen Frau hier von Frauenverehrung errichtet; doch ich tröste
mich mit dem Gedanken, dass diese Berühmtheit schliesslich unten in den
Kloaken landen wird, wie so viele andere und ehrenvollere. Es ist schön
und lieblich, in diesem Tempel, welcher der Heiligkeit geweiht ist,
umher zu gehen, aber zugleich betrübt es, wenn man sieht, wie man die
Tugendhaften und Wohltätigen enthauptet.
Muss man sich nicht um der Ehre des guten Gottes willen vorstellen,
dass alle diese Fälle von schlechter Behandlung, die den Gerechten und
Barmherzigen zuteil geworden, nur scheinbare Massregeln sind; und dass,
wie wenig ermunternde sich auch der Weg der Tugend zeigen mag, der doch
zu einem guten Endpunkt führt, der unserer Auffassung verborgen ist?
Sonst müssten die Höllen dieser Schaffots und Scheiterhaufen, die den
Heiligen angesichts triumphierender Henker vorbehalten sind, uns auf
lästerliche Gedanken bringen über die Güte des höchsten Richters, der
die Heiligkeit im Erdenleben zu hassen und zu verfolgen scheint, um sie
in einer höheren Welt zu belohnen: "die mit Tränen säen, werden mit
Freuden ernten."
Indessen werfe ich, als ich aus der Kirche trete, einen Blick nach
der Rue Thouin und wundere mich, dass der Weg zu Swedenborg mich
in den Tempel der heiligen Genoveva geführt hat. Swedenborg, mein
Wegweiser und Prophet, hat mich gehindert nach seiner bescheidenen
Kapelle zu gehen: hat er sich denn selbst verworfen und ist jetzt
besser unterrichtet worden, so dass er sich zum Katholiken bekehrt hat?
Während ich die Arbeiten des schwedischen Sehers studierte, hat es
mich betroffen, wie er sich als Gegner Luther gegenüberstellt, der den
Glauben allein pries; und in der Tat ist Swedenborg katholischer als
er sich den Anschein hat geben wollen, da er den Glauben und die Werke
gepredigt hat, ganz wie die römische Kirche.
Wenn es sich so verhält, dann bekämpft er sich selbst, und ich, sein
Adept, werde zwischen Amboss und Hammer zermahlen werden.
Eines Abends nach einem von Gewissenbissen und Zweifeln erfüllten Tag,
begab ich mich, nachdem ich mein einsames Mittagsmahl eingenommen
hatte, nach dem Garten, der mich an sich lockt wie ein Gethsemane, wo
unbekannte Leiden meiner warten. Ich habe ein Vorgefühl der Qualen und
kann nicht entfliehen. Ich ersehne sie fast, wie der Verwundete sich
einer grausamen Operation zu unterziehen wünscht, die ihm Genesung oder
den Tod bringen wird.
Am Fleurus-Tor angelangt, befinde ich mich sogleich drinnen auf der
Rennbahn, die in der Ferne vom Pantheon und dem Kreuz begrenzt wird.
Vor zwei Jahren bezeichnete dieser Tempel für meinen weltlichen Sinn
die Ehre, die "grossen Männern" gewidmet wird; jetzt lege ich das aus:
den Märtyrern und den Leiden, die sie ausgestanden haben; so hat sich
mein Gesichtspunkt verändert.
Die Abwesenheit des Unbekannten macht mich unruhig und ich empfinde
eine Beklemmung der Brust. Einsam und zur Fehde bereit, fühle ich mich
aus Mangel an einem sichtbaren Gegner matt werden. Gegen Schemen,
Schatten zu kämpfen, das ist schlimmer als gegen Drachen und Löwen!
Schrecken ergreift mich, und von dem Mut des Furchtsamen getrieben,
gehe ich auf dem schlüpfrigen Boden zwischen den Platanen mit festen
Schritten weiter. Ein eingeschlossener Geruch von schmutzigem Kabeljau,
mit Teer und Talg gemischt, erstickt mich; ich höre das Schwappen
der Wogen gegen Schiffsrümpfe und einen Kai; ich werde in den Hof
eines gelben Ziegelgebäudes geführt, ich steige Treppen hinauf und
gehe, durch unermesslich grosse Säle und zahllose Galerien, zwischen
Schaukästen und Glasschränken voller ausgestopfter oder in Gefässen
konservierter Tiere. Schliesslich ladet mich eine offene Tür in
einen Saal von seltsamen Aussehen ein; er ist dämmrig und schwach
von Lichtflecken erleuchtet, die von einer Menge in wohlgeordneten
Schaukästen ausgestellter Münzen und Medaillen reflektiert werden.
Ich bleibe vor einem mit Glas bedeckten Kasten in der Nähe eines
Fensters stehen, und unter den Gold-und Silbermedaillen wird mein
Blick von einer aus anderm Metall, das dunkel wie Blei ist angezogen.
Es ist mein Bild, der Typus eines Frevlers und Ehrgeizigen mit
hohlen Wangen, zu Berge stehendem Haar und hasserfülltem Mund. Und
die Kehrseite der Medaille trägt die Devise: "Die Wahrheit ist immer
rücksichtslos." O, die Wahrheit, die den Sterblichen so verborgen ist
und die entschleiert zu haben ich übermütig genug war zu glauben, als
ich das heilige Abendmahl verhöhnte, dessen Wunder ich jetzt bekenne.
Ein gottloses Erinnerungszeichen, zur Unehre der Gottlosigkeit von
lästerlichen Freunden errichtet! Es ist wahr, ich habe mich immer wegen
dieser Verherrlichung der Brutalität geschämt und mich nicht darum
gekümmert, dieses Erinnerungszeichen zu bewahren; ich habe es den
Kindern zum Spielen hingeworfen, und es ist fortgekommen, ohne dass
ich es vermisst hätte. In gleicher Weise wollte ein schicksalsschweres
"Zusammentreffen", dass der Künstler der die Medaille machte, gleich
danach geistesgestört wurde, nachdem er seinen Verleger betrogen und
Fälschungen begangen hatte. O, diese Schmach! die nicht ausgetilgt
werden kann, sondern immer im Gedächtnis bewahrt wird, da das Gesetz
gebietet, dass dieses Anklage-Dokument in den Museen des Staates
verwahrt wird. Da sieht man die Ehre.
Worüber habe ich mich zu beklagen, da die Vorsehung einer schimpflichen
Bitte Erfüllung gewährt hat, die ich in meiner Jugend an sie richtete.
Es war um mein fünfzehntes Jahr; müde der nutzlosen Kämpfe gegen
das junge Fleisch, das auf Befriedigung der Leidenschaften pochte;
erschöpft von den religiösen Konflikten, die meine Seele verheerten,
welche lüstern war, das Rätsel des Daseins zu erfahren; in einer
Umgebung frömmelnder Menschen, die mich unter dem Vorwand peinigten,
meine Seele der Liebe zum Göttlichen zuneigen zu wollen, äusserte ich
unumwunden folgende Worte zu einer alten Freundin, die mich zu Tode
moralisiert hatte: Ich lasse die Moral fallen, wenn ich nur ein grosses
Talent werden kann, das allgemein bewundert wird!--Später wurde ich in
meiner Ansicht von Thomas Henry Buckle bestärkt, der uns lehrte, dass
die Moral ein Nichts sei, das sie sich nicht entwickle, und dass die
Intelligenz alles sei. Und mit zwanzig Jahren lernte ich von Taine,
dass böse und gut zwei indifferente Sachen seien, denen unbewusste
und verantwortungslose Eigenschaften innewohnten, wie die Acidität
der Säure und Alkalität bei einem Alkali. Und diese Phrase, die von
Georg Brandes im Fluge ergriffen und ausgearbeitet wurde, drückt ihr
Gepräge von Immoralität auf die skandinavische Literatur. Ein Sophisma,
das heisst, ein schwacher Vernunftschluss, der fehl geschossen hat,
verführt eine Generation von freidenkenden Menschen! Eine solche
Schwäche! Denn beim Analysieren von Buckels Epigramm: "Die Moral
entwickelt sich nicht, also ist sie indifferent", entdeckt man leicht,
dass der Schlusssatz besser so gezogen werden könnte: Die Moral, die
unerschütterlich dieselbe bleibt, beweiset dadurch ihren göttlichen und
ewigen Ursprung.
Als mein Wunsch endlich erhört wurde, war ich das anerkannte,
bewunderte Talent und der verachtetste aller Menschen, die in diesem
Jahrhundert in meinem Lande geboren sind. In den Bann getan von den
besseren Kreisen, missachtet von dem Geringsten unter den Geringen,
verleugnet von meinen Freunden, den Besuch meiner Bewunderer in der
Nacht oder im geheimen empfangend! Ja, alle beugen sich vor der
Moral, und eine Minderheit verbeugt sich vor dem Talent: das gibt uns
manches zu denken über das Wesen der Moral! Und noch schlimmer ist
die Kehrseite der Medaille! Die Wahrheit! Als ob ich mich nie der
Lüge ergeben hätte, trotzdem ich in dem Ansehen stand wahrhaftiger,
aufrichtiger als andere zu sein. Ich verweile nicht bei den kleinen
Lügen der Kindheit, weil die so wenig bedeuten, hervorgegangen, wie
sie meist waren, aus Furcht oder der Unfähigkeit, die Wirklichkeit
von den Einbildungen zu trennen; und weil sie aufgewogen wurden von
ungerechten Strafen, die auf falsche Anklagen der Kameraden erfolgten.
Aber es sind andere Lügen, ernster wegen der verderblichen Folgen,
die das schlechte Beispiel und das Entschuldigen einer schweren
Versündigung hervorbringen. Es ist die unwahre Darstellung, die meine
Selbstbiographie "Der Sohn einer Magd" über die Krisis der Pubertät
gibt. Als ich dieses Jugendbekenntnis schrieb, scheint mich der
liberalistische Geist der damaligen Zeit verführt zu haben, mit zu
hellen Farben zu malen, in der verzeihlichen Absicht, junge Männer, die
einem frühreifen Laster anheimgefallen sind, von der Furcht zu befreien.
Als ich zum Schluss dieser bitteren Reflexionen gekommen bin, schrumpft
das Münzkabinett zusammen, die Medaille zieht sich in die Ferne zurück
und verkleinert sich zur Grösse eines Bleiknopfes. Und ich sehe mich
in einer Bodenkammer auf dem Lande, am Strande des Mälar, in einem
Pensionat für Knaben bei einem Künstler, im Jahre 1861. Kinder in
ungesetzlichen Verbindungen geboren, Kinder von Eltern, die aus dem
Land geflohen sind, schlecht erzogene Kinder, die in zu zahlreichen
Familien im Wege stehen, leben hier zusammen, in einen Bodenraum
zusammengepfercht, ohne Aufsicht, zu zweien das Bett teilend, einander
tyrannisierend und einander misshandelnd, um sich am Leben zu rächen,
das so grausam ist. Eine hungrige Herde kleiner Missetäter, schlecht
gekleidet und schlecht genährt, ein Schrecken für die Bauern und
besonders für die Gärtner. Genug, der älteste in der Bande spielt die
Rolle des Verführers, und das Laster nistet sich ein in die junge
Schar....
Dem Fall, jawohl dem Fall, folgt unmittelbar die Gewissensqual, und
ich sehe mich bei dem schwachen Schein des grauenden Sommertages im
Nachthemd am Tisch sitzen, das Gebetbuch vor mir. Schamgefühl und
Gewissensqual, trotzdem mir die Natur der Sünde vollständig unbekannt
war. Unschuldig, weil ich unbewusst war, und doch verbrecherisch.
Verführt und nachher Verführer, Reue und Rückfall, Zweifel an der
Wahrhaftigkeit des anklagenden Gewissens! Zweifel, dass ein Gott
gnädig ist, der die schrecklichsten Versuchungen für einen Unwissenden
auslegt. Für ein Kind, das als einen von der Natur herzlich gern
gebotenen Genuss hinnimmt, was das göttliche Gesetz mit dem Tode
bestraft. Ohne Schuld vor sich selbst und doch von Gewissensbedenken
gepeinigt, die den Unglücklichen der Religion zu jagen; die aber
vergibt oder tröstet nicht, sondern verurteilt zu Wahnwitz und
Hölle--den unschuldigen Wicht, das Opfer, dem die Kraft fehlt, im
ungleichen Kampf mit der allmächtigen Natur stand zu halten.
Das höllische Kohlenfeuer ist angezündet, um bis ans Grab zu brennen,
sei es, dass es in der Einsamkeit unter der Asche glüht oder Nahrung
von den brennbaren Stoffen eines Weibes holt. Versucht man dieses Feuer
durch Enthaltsamkeit zu löschen, so wird die Leidenschaft perverse
Wege einschlagen und die Tugend auf unerwartete Weise bestraft werden.
Begiesse den angezündeten Scheiterhaufen mit Petroleum, so bekommst du
eine Vorstellung von der erlaubten Liebe!
Wahrhaftig, kommt ein Knabe und fragt mich jetzt, den Fünfzigjährigen:
was soll man tun? so habe ich nur eine Antwort, nach so vielen
Erfahrungen und so vielen Erörterungen und die ist:
--Ich weiss es nicht!
Und suchte mich ein junger Mann auf, um mich zu fragen, was vorzuziehen
sei, unverheiratet zu bleiben oder die Ehe einzugehen, würde ich
antworten: Das beruht auf Neigung und Geschmack; wenn Sie die Hölle des
Junggesellen vorziehen, so wählen Sie die; gefällt Ihnen die eheliche
Hölle besser, so treten Sie in diese ein. Für meine Person ziehe ich
Gehenna an der Seite einer Gattin vor, weil das ein Paradies zur
Folge hat, das allerdings künstlich ist aber entzückend und in dem es
Erinnerungen an das goldene Zeitalter gibt: nämlich das Kind.
Ich möchte mich als Verführer der Jugend anklagen, aber kann es nicht,
da der Zweck meines Bekenntnisses war, die Jünglinge von der Furcht
zu befreien. Befreiung, das war die Losung für die skandinavische
Literatur die ganzen achtziger Jahre. Ich befreite die Frauen, mit dem
Erfolg, dass die Familienfrauen den Prostituierten gleich wurden und
sich gegen ihren Befreier wandten, um ihn mit ihren zerbrochenen Ketten
zu schlagen. Ich habe die Elenden und die Unterdrückten so befreit,
dass die Gesellschaft von den schlimmsten Unterdrückern regiert wird,
die zur Macht gekommen sind. Ich habe die Jugend von Gewissensqual
und Verkehrtheit befreien wollen, und die Jugend, die in Laster und
Verbrechen versunken ist, klagt mich an, ein Catilina zu sein, und
Väter und Mütter haben mich auf den Index gesetzt! Also soll man das
Befreien lassen, da das Leben ein Gefängnis ist; was ich nicht wusste;
und das entschuldigt mich vor mir selbst, da ich in gutem Glauben und
in guter Absicht gehandelt habe, um dem Vorbild des Erlösers zu folgen,
der die Ehebrecherin und den Räuber frei sprach. Das einzige ist
darin liegt der Hauptpunkt, dass ich die furchtbaren Gewissensqualen
verleugnet habe, die den Fall eines Knaben begleiteten, und das ist mea
culpa; das lässt mich erröten angesichts der Inschrift der Medaille,
die ich nicht selbst besorgt habe.
Zu meinem Sohn möchte ich sagen: Versuch keusch zu bleiben, und auf
alle Fälle weiche schlechten Weibern aus, denn die vergiften dich
für das ganze Leben und sind _besessene_ Unglückswesen, deren böse
Geister auf eine reine Seele übergehen; das ist die Ursache, warum
diese Weiber, denen man zu existieren erlaubt, weil es die tatsächlich
gibt, Versuchungen ausmachen, denen widerstehen zu können sich ein
junger Mann zur Ehre anrechnen muss. Und noch eins, mein Sohn, erliege
nicht den Versuchungen einer verheirateten Frau, wenn sie auch deine
männliche Eitelkeit reizt, indem sie dich Joseph nennt! Die Ehre
gebührt nicht Potiphars Frau, sondern Joseph, dessen Ehrentitel auf den
Mann übergeht, der den Mut hatte, dem Erlöser Pflegevater zu bleiben,
ohne über seine für einen Mann zweideutige Stellung Unwille zu verraten.
Und an meine Töchter ein Wort, ein einziges: der Altar oder das Gelübde
der Keuschheit! Das ist alles! Die freie Liebe und Rechnung der Frau
hat es immer gegeben, und die freien Frauen sind Kokotten und Huren,
und sie werden es bleiben, so lange die Welt steht; wie auch die
ungetreue Gattin ihresgleichen werden wird, oder, richtiger, schlimmer
als sie, weil sie einen Mann mordet und die Zukunft ihrer Kinder trübt.
Ich brenne vor Begierde, mich anzuklagen und mich zugleich zu
verteidigen, aber es gibt kein Gericht, keine Richter, und ich verzehre
mich hier in der Einsamkeit!
Als ich meine Verzweiflung nach allen Himmelsstrichen ausrief, wurde
ich in ein Dunkel gehüllt, und als ich deutlicher zu sehen begann, fand
ich mich mit dem Kopf gegen einen Kastanienbaum in der Fleurus-Allee
lehnend. Es war der dritte Baum vom Eingang gerechnet, und die Allee
hat siebenundvierzig auf jeder Seite und neun Bänke sind zwischen die
Bäume als Haltepunkte gestellt. Bleiben also vierundvierzig Raststellen
für mich, ehe ich die erste Station erreiche.
Einen Augenblick bleibe ich angesichts des ausgedehnten Tränenpfades
ganz niedergeschlagen stehen, als sich unter den entlaubten Bäumen eine
Lichtkugel nähert, die von zwei Vogelflügeln getragen wird.
Sie macht vor mir in gleicher Höhe mit meinen Augen Halt, und in
dem klaren Schein, der sich um die Kugel breitet, sehe ich ein
weisses Blatt Papier, das gleich einer Speisekarte verziert ist.
Oben steht in rauchgefärbten Buchstaben: Iss! Und unten rollt sich
in einer Sekunde mein ganzes verflossenes Leben auf, wie eine
mikrographische Reproduktion auf einem ungeheuer grossen Plakat.
Alles ist da zu finden! Alle Schrecken, die heimlichsten Sünden, die
widerlichsten Szenen, in denen ich die Hauptrolle spiele.... Wehe,
ich möchte vor Scham sterben, als ich im Bilde die Szenen sehe,
die mein vergrösserndes Auge auf einmal auffasst, ohne lesen und
verdolmetschen zu brauchen! Aber ich sterbe nicht, im Gegenteil,
während einer Minute, die so lang ist wie achtundvierzig Jahre, sehe
ich aufs neue mein ganzes Leben von der grünen Kindheit an bis auf
diesen Tag. Mein Gebein verdorrt bis aufs Mark, mein Blut stockt,
und vom Feuer der Gewissensqual verzehrt, falle ich mit dem Ausruf
zu Boden: Gnade! Gnade! Und ich werde davon abstehen, mich vor dem
Ewigen zu rechtfertigen, und ich werde davon abstehen, meinen Nächsten
anzuklagen....
Als das Bewusstsein wiederkam, befand ich mich auf der Rue de
Luxembourg, und bei einem Blick durch das Gittertor sah ich den Garten
grünen, während ein Chor von kleinen lebhaften Spottvögeln mich hinter
Buschen und Bäumen grüsst!
Die Rue Bonaparte hinuntergehend, fühle ich mich gegeisselt, und
die Schmach weckt den Zorn, und die Widerspenstigkeit beginnt sich
zu rühren.--Ich habe gesündigt, zugegeben, und ich bin bestraft
worden. Das müsste doch genug sein, um die Zeichen auf der weissen
Schiefertafel auszukratzen. Ein guter Vater kann verzeihen, nachdem er
gestraft hat, und ich kenne welche, die begnadigen können, ohne Auge
für Auge, Zahn für Zahn zu fordern; ich kenne welche, die nie anders
strafen als durch milde Worte und nicht weiter davon sprechen, nachdem
die Sache einmal ausgetragen ist. Aber ich habe nie einen gesehen, der
über die Fehltritte und Versündigungen seiner Kinder Buch geführt hätte.