meinem Innern höre ich eine Stimme widerklingen:
--Ich wünsche dich zu einem höheren Leben zu erheben? Dich aus dem
Schmutz zu ziehen.
--Geboren aus dem Schmutz, geschaffen für das Niedrige, mich vom
Moder nährend, wie soll ich anders von der Grobheit befreit werden
als durch den Tod? Nimm denn mein Leben!--Du willst nicht! Die
auferlegten Strafen sollen also die Mittel zur Erziehung ausmachen.
Aber ich versichere dir, die Demütigungen machen mich hochmütig,
der Verzicht auf die kleinen Genüsse des Lebens erzeugt Verlangen,
Fasten ruft Schwelgerei hervor, was nicht meine Haussünde ist; die
Keuschheit verschärft die Begierde des Fleisches, die aufgezwungene
Einsamkeit erzeugt Liebe zur Welt und ihren ungesunden Vergnügungen,
Armut gebiert Geiz; und die schlechte Gesellschaft, auf die ich
angewiesen bin, flösst mir Menschenverachtung ein und erregt in mir
den Argwohn, dass die Gerechtigkeit schlecht gehandhabt wird. Ja, in
gewissen Augenblicken scheint es, als sei die Vorsehung ungenügend
unterrichtet von ihren Satrapen, denen sie die Regierung über die
Menschenwelt anvertraut hat; dass ihre Präfekten und Unterpräfekten
sich Unterschleife, Fälschungen, unbegründete Anzeigen zu schulden
kommen lassen. So ist es mir geschehen, dass ich bestraft worden
bin, wo andere gesündigt haben; Prozesse gehalten worden sind, bei
denen ich nicht nur unschuldig war, sondern noch dazu Verteidiger der
Billigkeit und Ankläger des Verbrechens; und gleichwohl hat die Strafe
mich getroffen, während der Schuldige triumphierte. Gestatte eine
offene Frage: sind etwa Frauen zu Mitregentinnen angenommen worden?
Die gegenwärtige Regierungsart scheint mir so reizbar, so kleinlich zu
sein, so ungerecht, ja ungerecht! Jedes Mal, wenn ich eine gerechte und
gesetzliche Sache gegen eine Frau geführt habe, ist sie, wie gemein sie
auch gewesen sein mag, freigesprochen und ich bin verurteilt worden!
Du willst nicht antworten! Und da forderst du von mir, dass ich die
Verbrecherischen lieben soll, die Seelenmörder, die das Gemüt vergiften
und die Wahrheit verfälschen, die Meineidigen! Nein, tausendmal nein!
"Ewiger, sollte ich nicht die hassen, die dich hassen? Sollte mir nicht
grauen vor denen, die sich gegen dich erheben? Ich hasse sie aus dem
Grunde: ich halte sie für meine Feinde." So spricht der Psalmist, und
ich füge hinzu: ich hasse die Bösen, so wie ich mich selbst hasse!
Und mein Gebet ist dieses: Strafe, o Herr, die mich verfolgen mit
Lügen und Bosheiten, wie du mich gestraft hast, wenn ich boshaft und
lügnerisch gewesen war! Habe ich nun gelästert, habe ich nun den
Ewigen beschimpft, Jesu Christi Vater, den Gott des Alten und Neuen
Testamentes? Ehemals hörte er auf die Einwürfe der Sterblichen und
erlaubte den Angeklagten, sich zu verteidigen. Höre nur, wie Moses
seine Verteidigungsrede vor dem Herrn formte, als die Israeliten Ekel
vor dem Manna bekommen hatten: "Warum bekümmerst du deinen Diener? Und
warum finde ich nicht Gnade vor deinen Augen, dass du so die ganze Last
des Volkes auf mich legst? Habe ich nun alles dieses Volk empfangen und
geboren, dass du zu mir sagst: Trage sie auf deinen Armen, wie eine
Amme einen Säugling trägt, in das Land, das du ihren Väter zugeschworen
hast? Woher soll ich nun Fleisch nehmen, das ich allen diesem Volk
gebe? Denn sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch, dass wir
essen. Ich vermag nicht allein zu tragen alles dieses Volk, denn es ist
mir zu schwer." Ist das nicht Freimütigkeit von einem Sterblichen? Ist
sie ganz gebührlich, diese Rede eines zornigen Dieners? Und sein Herr
erschlägt den Aufrührerischen nicht mit dem Donnerkeil, sondern lässt
sich belehren und nimmt ihm seine Last ab, indem er siebzig Anführer
auswählt, die mit Moses die Bürde des Volkes teilen. Des Ewigen Art,
das Volk zu erhören, da es ihm um Fleisch zum Essen anruft, ist nur
ein bisschen verächtlich, wie die eines gutmütigen Vaters, der sich
den Wünschen seiner unverständigen Kinder fügt: "Darum wird euch der
Herr Fleisch geben, auf dass ihr esset: Nicht einen Tag, nicht zwei,
nicht fünf, nicht zehn, nicht zwanzig Tage lang; sondern einen Monat
lang, bis dass es euch zur Nase ausgehe und euch ein Ekel werde." Das
ist ein Gott nach meinem Ideal, und er ist derselbe, den Hiob anruft:
"O, dass es dem Menschen erlaubt wäre, mit Gott zu rechten, so wie
ein Mann tut mit seinem vertrauten Freund!" Aber ohne diesen Zustand
abzuwarten, nimmt der mit Unglück Geschlagene sich die Freiheit,
Erklärungen von dem Herrn zu verlangen über die schlechte Behandlung,
der er ausgesetzt worden ist. "Ich werde zu Gott sagen: Verdamme mich
nicht; zeige mir, warum du gegen mich ins Gericht gegangen bist. Kann
es dir gefallen, mich niederzudrücken, deiner Hände Werk zu verwerfen
und die Absichten der Boshaften zu fördern?" Das sind doch Vorwürfe
und Beschuldigungen, die der gute Gott ohne Groll hinnimmt, und auf
die er antwortet, ohne sich des Donners zu bedienen. Wo ist er, der
himmlische Vater, der zu den Torheiten der Kinder gutmütig lächeln und
verzeihen konnte, nachdem er gestraft hatte? Wo verbirgt er sich,
der Hausherr, der das Haus in guter Ordnung hielt und die Aufseher
überwachte, um Ungerechtigkeiten zu hindern? Ist er vom Sohn abgesetzt
worden, dem Idealisten, der sich nicht mit weltlichen Dingen befasst?
Oder überlieferte er uns dem Fürsten dieser Welt, der Satan genannt
wird, als er nach dem Fall der ersten Menschen seinen Fluch über die
Erde schleuderte?
Während dieser meiner unzusammenhängenden Verteidigungsrede betrachtete
der Unbekannte mich mit demselben nachsichtigen Lächeln, ohne Ungeduld
zu verraten; als ich aber zu Ende gekommen war, war er verschwunden,
eine erstickende Atmosphäre von Kohlenoxyd um mich zurücklassend,
und ich fand mich einsam stehend auf der düsteren, schmutzigen,
herbstschauerlichen Rue Medicis.
Während ich den Boulevard St. Michel hinunterging, war ich auf mich
selbst ärgerlich, dass ich die Gelegenheit versäumt hatte, alles rund
heraus zu sagen. Ich hatte noch viele Pfeile im Köcher, wenn nur der
Unbekannte geruht hätte, zu antworten oder eine Anklage gegen mich zu
richten.
Aber im selben Augenblick, wie sich jetzt die Menschenmenge um mich
drängt, im starken Schein der Gaslaternen, und alle Realitäten der
ausgestellten Handelswaren mich wieder an das Leben in seiner ganzen
Kleinlichkeit erinnern, erscheint mir die Szene im Garten wie ein
Wunder, und ich eile erschreckt nach meiner Wohnung, wo Meditationen
mich in einen Abgrund von Zweifel und Angst versenken.
Etwas trägt sich zu in der Welt, und die Menschen warten auf etwas
Neues, das sich in Schimmern hat wahrnehmen lassen. Es ist das
Mittelalter, die Zeit des Glaubens und der Glaubenslehre, das in
Frankreich wieder im Anzuge ist, nachdem es durch den Sturz eines
Kaisertums und eines Miniatur-Augustus eingeleitet worden, ganz wie
beim Verfall der Römermacht und den Einfällen der Barbaren; und man hat
Paris-Rom in Flammen stehen und die Goten sich im Kapitol-Versailles
krönen sehen. Die grossen Heiden Taine und Renan sind zur Vernichtung
hinabgestiegen und haben ihren Skeptizismus mit sich genommen; aber
Jeanne d'Arc ist wieder zum Leben erwacht. Die Christen werden
verfolgt, ihre Prozessionen von Gendarmen auseinander getrieben,
während an den Karnevalstagen Saturnalien gefeiert werden und ihre
Schändlichkeiten auf offener Strasse ausbreiten, unter dem Schutz
der Polizei und mit dem Gelde der Regierung, die den Unzufriedenen
zum Trost Circenses bietet, mit oder ohne durch Gladiatoren gefällte
wilde Tiere. Panem et circenses, (teures) Brot und Zirkusspiel! Alles
ist feil für Geld; Ehre, Gewissen, Vaterland, Liebe, Rechtsprechung:
wahrhaftig beweisende und regelrechte Symptome des Auflösungsprozesses
einer Gesellschaft, bei der das Wort und die Sache Tugend seit dreissig
Jahren in den Bann getan ist.
Das ist doch Mittelalter, Tracht und Haar des Primitiv-Weibes. Die
jungen Männer kleiden sich in Mönchskutten, schneiden das Haar mit
Tonsur und träumen von Klosterleben; schreiben Legenden und führen
Mirakelspiele auf, malen Madonnen und schnitzen Christusbilder,
Eingebung aus der Mystik des Magiers holend, der sie mit Tristan und
Isolde, Parcifal und Gral verzaubert hat. Die Kreuzzüge beginnen
von neuem, gegen Türken und gegen Juden; die Antisemiten und
Philhellenen sorgen für die Sache. Die Magie und Alchemie haben
sich schon eingenistet, und man wartet auf den ersten beweisbaren
Fall von Verhexung, um den Scheiterhaufen zu errichten als Folge
der Hexenprozesse. Mittelalter! Die Wallfahrten nach Lourdes,
Tilli-sur-Seine, Rue Jean Goujon! Und selbst der Himmel gibt der dumpf
und stumpf gewordenen Welt Zeichen, sich bereit zu halten; der Herr
spricht durch Wasserhosen, Cyklone, Überschwemmungen, Donnerschläge.
Mittelalter ist der Aussatz, der von neuem auftritt und gegen den die
Ärzte von Paris und Berlin soeben ein Bündnis geschlossen haben.
Das schöne Mittelalter, als die Menschen zu geniessen und zu leiden
verstanden, als die Kraft und die Liebe, die Schönheit in Farbe,
Linienspiel und Harmonie sich zum letzten Mal offenbarten, ehe sie
durch die Renaissance des Heidentums, die man Protestantismus nennt,
ertränkt und niedergesäbelt wurden.
Der Abend ist da, und ich brenne vor Sehnsucht, die Begegnung mit dem
Unbekannten zu erneuern, wohl vorbereitet, wie ich jetzt bin, alles zu
gestehen, und mich zu verteidigen, ehe ich verurteilt werde.
Nachdem ich mein tristes Mittagessen eingenommen habe, gehe ich also
den Calvarienweg die Rue Bonaparte hinauf. Niemals ist mir diese
Strasse so gross vorgekommen, wie jetzt am Abend, und die Ladenfenster
gähnen wie Abgründe, in denen Christus in vielfacher Gestalt auftritt,
bald gemartert, bald triumphierend. Und ich gehe und gehe, während mir
der Schweiss in grossen Tropfen rinnt und die Stiefelsohlen gegen die
Füsse brennen, ohne dass ich doch einen Schritt vorwärts komme. Bin ich
Ahasver, der dem Erlöser einen Trunk Wasser verweigert hat, und bin ich
jetzt, da ich ihm zu folgen und ihm nachzueifern wünsche, unfähig, mich
ihm zu nähern?
Schliesslich und ohne selbst zu wissen wie, befinde ich mich vor dem
Fleurus-Tor und im nächsten Augenblick im Garten, der dunkel, feucht
und still da liegt. Sofort setzt ein Windstoss das Gerippe der Bäume
in Zittern, und der Unbekannte nimmt eher Stellung, als dass er sich
nähert, in seiner Hülle von Licht und Sommer.
Mit demselben Lächeln wie das vorige Mal, ladet er mich mit einem
Zeichen ein, zu sprechen.
Und ich spreche!
--Was verlangst du von mir, und warum plagst du mich mit deinem
Christus? Vor einigen Tagen legtest du mir auf unverkennbare Weise
"Christi Nachfolge" in die Hand, und ich las das Buch wie in meiner
Jugend, als ich die Welt verachten lernte. Wie kann ich recht haben,
des Ewigen Schöpfung und die schöne Erde zu verachten? Und wohin hat
deine Weisheit mich geführt? Dazu meine Angelegenheiten zu versäumen,
dass ich für meine Mitmenschen eine Last geworden bin, dass ich als
Bettler geendet habe. Dieses Buch, das Freundschaft verbietet, das den
Verkehr mit der Welt in den Bann tut, das Einsamkeit und Entsagung
fordert, ist für einen Mönch geschrieben und ich habe nicht das Recht,
Mönch zu werden und mich der Gefahr auszusetzen, dass meine Kinder aus
Mangel umkommen. Sieh, wohin die Liebe zu einsamen Leben mich geführt
hat! Auf der einen Seite befiehlst du ein Eremitenleben, und sobald
ich mich von der Welt zurückziehe, werde ich von den Dämonen der
Verrücktheit angegriffen, meine Angelegenheiten geraten in Unordnung,
und in meiner Isolierung besitze ich keinen Freund mehr, von dem ich
Hilfe begehren könnte. Auf der anderen Seite, sobald ich Menschen
aufsuche, treffe ich die Schlimmsten, die mich mit ihrem Hochmut
quälen, und zwar nach dem Mass meiner Demut; denn ich bin demütig
und behandle alle als gleiche, bis sie mich unter ihre Füsse treten;
dann benehme ich mich wie der Wurm, der den Kopf erhebt aber nicht zu
beissen vermag. Was verlangst du denn von mir? Mich um jeden Preis
martern zu können, ob ich deinen Willen tue oder ihn verachte! Willst
du mich zum Propheten machen? Das ist zu grosse Ehre für mich, und ich
ermangele der Berufung. Übrigens kann ich die Haltung eines solchen
nicht anlegen, weil alle Propheten, die ich gekannt habe, schliesslich
entlarvt worden sind, halb als Charlatane, halb als verrückte Gesellen,
und ihre Prophezeiungen sind nie eingetroffen. Und noch mehr, wenn
du mir eine Berufung vorbehalten hast, müsste ich mit der Gnade der
Auserwählung beschenkt worden ein; müsste befreit sein von allen
verderblichen Leidenschaften, die erniedrigend für einen Prediger
sind; meine Lebensbahn müsste von Anfang an unterstützt worden sein,
statt dass ich jetzt von der Armut beschmutzt worden bin, die den
Charakter verdirbt und einem die Hände bindet. Es ist wohl wahr, und
ich gebe es zu, dass die Weltverachtung mich dazu geführt hat, mich
selbst zu verachten und meinen Ruf durch Geringschätzung der Ehre zu
schädigen; und ich gestehe ein, dass ich mich meiner Person schlecht
angenommen habe, aber das ist infolge der Überlegenheit meines besseren
Ichs geschehen, das sich aus dem unreinen Futteral erhob, in das du
meine unsterbliche Seele gesteckt hast. Schon von den Kinderjahren
an habe ich Reinheit und Tugend geliebt, ja das habe ich. Und doch
hat mein Leben sich durch Unsauberkeit und Laster geschleppt, so dass
ich oft glaube, die Sünden seien als Strafen auferlegt worden, und in
der Absicht, dauernden Ekel vor dem Leben selbst zu erzeugen. Warum
hast du mich zur Undankbarkeit verurteilt, die ich am meisten von
allen Lastern verabscheue? Mir, der von Natur erkenntlich ist, hast
du Schlingen gelegt, um mich zu zwingen, in Verbindlichkeit zu dem
ersten Besten zu geraten. So bin ich in Abhängigkeit und Sklaverei
verwickelt worden. Da die Wohltäter als Entgelt die Gedanken, Wünsche,
Neigungen und Ergebenheitsgefühle verlangen, mit einem Wort die ganze
Seele, bin ich immer gezwungen worden, mich schuldbeladen und undankbar
zurückzuziehen, um meine Persönlichkeit und meine menschliche Würde
zu retten; gezwungen worden, die Bande zu zerreissen, die meine
unsterbliche Seele zu erwürgen drohten. Und zwar mit der Seelenqual und
den Gewissensbissen eines Diebes, der mit fremdem Eigentum seiner Wege
geht.
Und jetzt, da ich anfange meine Seele zu pflegen nach den Geboten in
"Christi Nachfolge", ist es billig, von einem Menschen zu fordern,
dass er sich Gott selbst zum Muster nehmen und sich einbilden soll,
imstande zu sein, sich die Vollkommenheit des Vollkommenen zu
erwerben? Das heisst ihm Grössenwahn einblasen. Aber wenn er nun
durch die Unmöglichkeit, dem Erlöser nachzueifern, zur Einsicht über
das Unsinnige seiner Absichten kommt, versinkt er in Verzweiflung
und endet damit, in der Erfüllung seiner weltlichen Pflichten und in
geistigen Genüssen Trost zu suchen. Wenn die Weisheit dieser Welt der
Verachtung wert ist, warum lässt du uns in Schulden erziehen, in denen
man Prügel bekommt, um die grossen Gelehrten verehren, die Heroen der
Literatur, Künste, Wissenschaft lobpreisen zu lernen? Nein, dem Ewigen
nachzueifern ist gottlos, und wehe dem, der sich die Fähigkeit zutraut.
Da ist es bescheidener Mensch zu bleiben und sich nach den Besten unter
den sündigen Sterblichen zu formen suchen, als davon zu träumen, den
Göttern gleich zu werden. In diesem Fall sündigt man wenigstens nicht
durch Hochmut, der die Todsünde ist. Jesu Christi Nachfolge macht mich
zu einem Heuchler. Indem ich meinen Hass gegen die Bösen unterdrücke,
lerne ich Nachsicht gegen die Bosheit und damit gegen mich selbst,
während ich in der Tiefe meines Herzens meinen gerechten Unwillen
bewahre. Böses mit Gutem vergelten, heisst das Laster, den Hochmut
ermuntern; und die Apostel haben mich gelehrt, dass man gegenseitig die
Fehler berichtigen soll, und ich versichere, dass meine Mitmenschen
mich nie geschont haben.
Genau genommen, habe ich dadurch, dass ich den Königsweg des Kreuzes
wählte, mich in die Dornenhecken der Theologie verstrickt, so dass
Zweifel, schrecklicher als je, sich meines Geistes bemächtigt und
geradezu in mein Ohr geflüstert haben, dass alles Unglück, alle
Ungerechtigkeit, das ganze Erlösungswerk nur eine ungeheure Prüfung
sei, der man tapfer standhalten müsse. In manchen Augenblicken glaube
ich, dass Swedenborg mit seinen grauenhaften Höllen nichts anders
ist als eine Feuer-und Wasserprobe, die man durchmachen muss; und
obgleich ich in einer Dankbarkeitsschuld, die nie bezahlt werden kann,
zu diesem Propheten stehe, der mich vom Wahnsinn gerettet hat, fühle
ich in meinem Herzen immer wieder ein brennendes Verlangen, ihn zu
verwerfen, ihm zu trotzen, als dem Geist einer Bosheit, der darauf
erpicht ist, meine Seele zu verschlingen, um mich zu seinem Sklaven zu
machen, nachdem er mich zu Verzweiflung und Selbstmord getrieben hat.
Ja, er hat sich zwischen mich und meinen Gott geschlichen, dessen Platz
er hat einnehmen wollen. Er ist es, der mich durch die Schrecken der
Nacht bezwingt, und mir mit Wahnsinn droht. Mag sein, dass er sein Amt
vollbracht hat, mich zum Herrn zurückzuführen, auf dass ich mich vor
dem Ewigen beuge! Mag sein, dass seine Höllen nur eine Vogelscheuche
sind, ich nehme sie hin als solche, aber ich glaube nicht mehr an sie,
und ich habe kein Recht, an sie zu glauben, ohne den guten Gott zu
verunglimpfen, der fordert, dass wir vergeben sollen, weil er selbst
vergeben kann. Wenn Unglück und Trübsale, die mich treffen, nicht
Strafen sind, so sind sie Aufnahmeprüfungen. Ich bin geneigt sie auf
diese Weise auszulegen, und Christus mag das Muster sein, da er viel
gelitten hat, obwohl ich nicht begreife, wozu so viel Leiden dient,
wenn es nicht einen Vordergrund bilden soll, um die Wirkung der
zukünftigen Seeligkeit zu erhöhen. Ich habe gesprochen! Gib mir jetzt
Antwort!
Aber der Unbekannte, der mit bewundernswerter Geduld zugehört hatte,
antwortete nur mit einer Miene milden Spottes und verschwand, mich in
einer Atmosphäre zurücklassend, die nach Phenol stank.
Hinaus auf die Strasse versetzt, werde ich nach meiner Gewohnheit
wütend, dass ich meine besten Argumente vergessen habe, die immer
auftauchen, wenn es zu spät ist; und nun rollt sich eine ganze lange
Rede auf, während mir das Herz schwillt und der Mut sich aufs neue
hebt. Der furchtbare und teilnehmende Unbekannte hatte mir ja auf
jeden Fall zugehört, ohne mich zu zermalmen. Er hat also geruht, auf
Gründe zu hören, und er wird jetzt die Ungerechtigkeit erwägen, deren
Opfer ich gewesen bin. Vielleicht ist es mir geradezu gelungen, ihn zu
überzeugen, da er ja stehen blieb und keine Antwort gab.
Und die alte Einbildung, dass ich Hiob sei, schleicht sich in mein
Gemüt. Ich habe ja wirklich mein Eigentum verloren, man hat meine
bewegliche Habe, Bücher, Existenzmittel, Frau und Kinder genommen;
gejagt von einem Lande zum andern, bin ich zu einsamen Leben in der
Wüste verurteilt worden. Habe ich diese Klagelieder geschrieben oder
ist es Hiob? "Meine Nächsten haben mich verlassen, und meine Freunde
haben mich vergessen. Mein Weib stellt sich fremde meinem Geist, und
meine Bitten erreichen nicht die Söhne meiner Mutter. Verachten mich
auch die kleinen Kinder. Er hat mich zum Sprichwort gemacht unter den
Leuten, und ich bin ein Saitenspiel für sie geworden. Ich treffe nur
Verleumder, und mein Auge steht wach die ganze Nacht, während sie meine
Seele stechen. _Meine Haut bricht_ und löst sich auf. Wenn ich sage:
Das Bett soll mir Trost geben und fortnehmen etwas von er Plage, so
erschreckst du mich _mit Träumen_ und _beunruhigst mich mit Gesichten._"
Das trifft entschieden bei mir zu: die Risse in der Haut, die Träume
und die Visionen, alles stimmt. Aber dazu kommt ein Überschuss auf
meine Rechnung: ich habe die äussersten Qualen ertragen, als zwingende
Umstände, die von den Mächten gelenkt wurden, mich nötigten, die
einfachsten Pflichten eines Mannes unerfüllt zu lassen: seine Kinder
zu unterhalten. Hiob zog sich aus dem Spiele mit rein erhaltener Ehre,
für mich ging alles verloren, sogar die Ehre, und doch überwand ich die
Versuchung, mich selbst zu töten: ich besass den Mut, entehrt zu leben.
Alles in allem, ich bin jedoch nicht so verwerflich, und wenn ich
der Gnade nicht würdig bin, kann ich Gutes von der Barmherzigkeit
geniessen. Fünfundzwanzig Jahre lang habe ich Dienst getan als Henker
und mich schliesslich als ein tüchtiger erwiesen, indem ich mich selbst
hinrichtete, öffentlich vor den Menschen, die diesen meinen Akt von
Selbsterkenntnis mit einstimmigen Beifall begrüsst haben.
Wenn ich in den Missgeschicken und Schiffbrüchen, die mich wahllos
getroffen haben, nicht Güte habe finden können, sondern Übelwollen,
bin ich schlechter als der untadelige Diener des Ewigen? Die Liebe,
die Güte zeigt sich bei uns Sterblichen durch ergebene herzenswarme
Handlungen und Worte, und ein guter Vater erzieht seine Kinder mit
Zärtlichkeit und nicht mit den raffiniertesten Grausamkeiten!
Wie unbeholfen ich war, dass ich vergass, das alles dem Unbekannten zu
sagen. Aber das nächste Mal werde ich den Schaden wieder gut machen.
Drei Monate lang suchte ich vergebens persönliche Verbindungen mit
der Swedenborg-Gesellschaft in Paris einzuleiten. Eine ganze Woche
gehe ich jeden Morgen nach dem Pantheon hinauf, um die Rue Thouin zu
erreichen, wo Kapelle und Bibliothek des schwedischen Propheten liegen.
Schliesslich treffe ich jemand, der mir sagt, dass der Bibliothekar
nur nachmittags empfängt, gerade zu der Zeit, wo ich allein mit
meinen Gedanken sein will und zu müde bin, um Spaziergänge zu machen.
Gleichwohl mache ich immer wieder den Versuch, nach der Rue Thouin
zu kommen. Das erste Mal fühle ich mich beim Fortgehen unbehaglich
niedergedrückt, und am Ende der Saint-Michel-Brücke artete dieses
Gefühl zu einer Angst aus, die mich zwang, nach Hause zurückzukehren.
Ein ander Mal ist es Sonntag, und man will Gottesdienst halten. Ich
komme eine Stunde zu früh, und meine Kräfte reichen nicht aus, eine
Stunde auf der Strasse zuzubringen. Das dritte Mal finde ich auf der
Rue Thouin das Pflaster aufgerissen, und Arbeiter versperren den Weg
mit ihren Gestellen und Gerätschaften. Da denke ich, dass es nicht
Swedenborg sein darf, der mich auf den guten Weg führen soll, und unter
dem Eindruck dieser Ahnung kehre ich um. Bei der Heimkehr fällt mir
ein, dass ich mich von Swedenborgs unsichtbaren Feinden habe betrügen
lassen, und dass ich sie bekämpfen muss. Der letzte Versuch wird im
Wagen vorgenommen. Dieses Mal ist die Strasse barrikadiert, wie um
ausdrücklich meine Absichten zu hindern. Ich steige aus dem Wagen,
klettere über Hindernisse; als ich aber an der Tür des Swedenborghauses
anlange, sind Trottoir und Treppe fortgenommen. Trotz allem schlage ich
mich nach dem Eingang durch, ziehe am Glockenstrang und ... erfahre von
einem Unbekannten, dass der Bibliothekar krank ist.