durchgangen bin, trete ich oft in die Kirche, um mich an Eugène
Delacroix' Gemälde "Jakob ringt mit dem Engel" zu stärken. Die Sache
ist die, dass diese Szene mir stets etwas zu denken gibt, indem
sie gottlose Vorstellungen bei mir weckt, trotz dem Orthodoxen im
Gegenstande. Und wenn ich durch die Knienden wieder hinausgehe, bewahre
ich die Erinnerung an den Ringer, der sich aufrecht hält, obgleich
seine Hüftsehne gelähmt worden ist.
Danach gehe ich am Jesuitenseminar vorbei, einer Art furchtbaren
Vatikan, das unermessliche Fluten seelischer Kraft ausdünstet;
deren Wirkungen machen sich von weitem fühlbar, wenn man den
Theosophen glauben darf. Ich bin nun an meinem Ziel angekommen, dem
Luxemburg-Garten.
Schon seit meinem ersten Besuch in Paris 1876 hat dieser Park eine
geheimnisvolle Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Es war mein Traum, in
seiner Nähe wohnen zu dürfen. Dieser Einfall wurde 1883 Wirklichkeit.
Von der Zeit an, jedoch mit Unterbrechungen, ist dieser Garten meinen
Erinnerungen einverleibt worden, in meine Persönlichkeit übergegangen.
Obgleich in Wirklichkeit nur mässig ausgedehnt, ist er in meiner
Einbildung unermesslich gross. Ganz wie die heilige Stadt im Buch der
Offenbarung hat er zwölf Tore, und, um die Ähnlichkeit voll zu machen,
"nach Osten drei Tore, nach Norden drei Tore, nach Süden drei Tore,
nach Westen drei Tore" (Offenbarung, 21, 13). Und jeder Eingang schenkt
mir einen verschiedenen Eindruck, der auf Anordnung der Pflanzungen,
der Gebäude, der Statuen beruht, oder, auch auf persönlichen
Erinnerungen, die damit verknüpft sind.
So fühle ich mich herzensfroh, wenn ich durch das erste Tor von der
Rue de Luxembourg eintrete, wo man vom Saint-Sulpice kommt: die
efeubewachsene Hütte des Wärters erzählt mir ein nicht herausgegebenes
Idyll mit Ententeich und Paulownien. Weiterhin liegt das Museum für die
Gemälde lebender Künstler in klaren, sonnigen Farben. Der Gedanke, dass
meine Jugendfreunde Carl Larsson, der Bildhauer Ville Vallgren, Fritz
Thaulow dort Stücke ihrer Seele niedergelegt haben, stärkt und verjüngt
mich; ich fühle die Strahlung ihres Geistes durch die Mauern dringen
und mich einladen, Mut zu fassen, da ich Freunde ganz nahe habe.
Weiter hin haben wir Eugène Delacroix, dessen Lorbeeren von Zeit und
Nachwelt in Frage gestellt werden.
Das zweite Tor von denen, die nach der Rue des Fleurus gehen, führt
mich auf die Rennbahn, die breit wie ein Hippodrom ist und mit einer
Blumen-Terrasse endet, wo der Sieg in Marmor als Malpfeiler steht und
von wo in der Ferne das Pantheon mit dem Kreuz zu sehen ist.
Das dritte Tor bildet die Fortsetzung der Rue Vanneau und führt mich
in eine dämmerige Allee, die sich links in eine Art elysäisches Feld
verliert. Dort haben die Kinder ihre Spielplätze und erfreuen sich an
den Holzpferden, die mit Löwen, Elefanten und Kamelen zusammengehen,
ganz wie im Paradies; weiter hin das Ballspiel und das Kindertheater
zwischen Blumenquadraten, das goldene Zeitalter, Noahs Arche: der
Frühling des Lebens begegnet mir dort im Herbste meines Lebenslaufes.
Auf der Südseite, nach der Rue d'Assas, geben mir der Obstgarten und
die Baumschule ein Bild des Hochsommers; die Blütezeit ist aus! Es ist
die Jahreszeit der Früchte; und die Bienenstöcke daneben mit ihren
bürgerlich angelegten Einwohnern, die Goldstaub für den Winter sammeln,
verstärken den Eindruck des reifen Alters.
Das zweite Tor gerade gegenüber dem Lyzeum Louis le Grand tut
eine paradiesische Landschaft auf. Sammetgleiche Grasmatten mit
beständig jungem Grün; hier und dort ein Rosenbusch und ein einziger
Pfirsichbaum; ich werde nie vergessen, wie dieser eines Frühlings, mit
seinen Blüten in der Farbe der Morgenröte geschmückt, mich verlockte,
eine ganze halbe Stunde im Anschauen oder richtiger in Anbetung vor
seiner kleinen schmächtigen, jugendlichen, jungfräulichen Gestalt zu
verweilen.
Die Avenue de l'Observatoire schliesst am Tor des Haupteingangs, das
mit seinen vergoldeten Fasces wirklich königlich ist. Da dieses zu
majestätisch für mich ist, bleibe ich gewöhnlich draussen stehen:
morgens bewundere ich den Palast, abends betrachte ich die Lichtlinien
des Montmartre über den Dachstuben und bei klarem Wetter den Grossen
Bären und den Polarstern; die kreisen über dem grossen Gittertor, das
mir bei meinen astrologischen Betrachtungen zum Mauerquadranten dient.
Die östliche Seite versucht mich nur mit dem Tor von der Rue Soufflot.
Von dort habe ich meinen Garten entdeckt, dieses Meer von Grün mit den
entzückend feinen Linien der Riesenplatanen und in blauender Ferne voll
von Geheimnissen; damals kannte ich die Rue de Fleurus noch nicht, die
mir später als Propyläe zu einem neuen Leben so lieb wurde. Dort pflege
ich einen Rückblick über die zu Ende gelaufene Bahn zu werfen, die vom
Teich unterbrochen wird und auf dieser Seite von dem kleinen David mit
dem zerbrochenen Schwert.
Eines Morgens im vorigen Herbst zeigte die Wasserkunst das Schauspiel
eines Regenbogens. Das brachte mir den Färbereiladen der Rue de Fleurus
wieder in Erinnerung, wo mein Regenbogen ausgespannt war als ein
Zeichen meines Bundes mit dem Herrn der Ewigkeit. (Siehe "Inferno".)
Wenn ich an den Abhang der Terrasse trete, habe ich an der Statuenreihe
von Frauen vorbeizugehen, die mehr oder minder Königinnen oder
Missetäterinnen gewesen sind; und ich bleibe an der grossen Treppe
stehen, die zur Frühlingszeit von blühenden Rotdorn gekrönt ist, einer
Einrahmung zu diesem ausgedehnten Blumenzirkus. Im Herbst bekomme ich
von den Granatbäumen und den Rosenlorbeeren (Nerium), hundertjährigen,
fast historischen Exemplaren, wie den Fächerpalmen, welche die
ungeheuren Chrysanthemum-Rabatten einfassen, um die sich Schmetterlinge
tummeln, Turteltauben girren, Kinder lachen, Illustrationen zu den
Feenmärchen.
Und oben über den Sykomoren und den Spitzen Klein-Luxemburgs die
Zwillingstürme von Saint-Sulpice, die keinen andern gleichen und nicht
einmal sich gegenseitig.
Die Nordseite gibt Zutritt durch drei Tore, aber ich mache nur
von zweien Gebrauch, weil das dritte von einem Soldaten bewacht
wird. Das Tor vom Odeon bildet eine Opernouvertüre: das antike und
einzigdastehende Haus, in dem sich alle Göttinnen des Gesanges unter
den Arkaden zusammengefunden haben, stimmt zu der soliden Freude des
Herzens, das nach Schönheit und Wissen begehrlich ist. Die Ecke der
Jugenddichter Murger und de Banville ladet unmittelbar zu jugendlichen
Schwärmereien ein, den Träumen des zwanzigjährigen Studenten.
Die Medici-Fontaine, ein ovidianisches Gedicht in weissem Marmor,
befindet sich in einer neuen Auflage am Teiche; da bleiben die Raben
stumm stehen angesichts der jungen Liebe, die sich ohne Scham vor den
Augen des schwarzen Zyklopen (er hat zwei) entfaltet, während das
Ganze von jungem Weinlaub umkränzt und von den schönsten Platanen in
Frankreich überschattet ist.
Das ist schön! Das ist ein Fest! Ein heidnisches! Orpheisch! Und
trauervoll zugleich, wehmütig wie die Elegie von einer Liebe, die eine
unglückliche Wendung für Galatea nehmen wird, denn deren Akis wird
durch einen Felsblock, den ein Polyphem schleudert, zermalmt werden.
Das letzte Tor, das beim Museum, behält den gemischten Eindruck
von dem Geier, der ohne sichtbaren Grund auf das Haupt der Sphinx
herabgestossen ist, und von Heros Kuss auf Leanders Stirn, als er
von vorzeitigem Tod geerntet wird, infolge eines Unglücksfalls,
der leicht vorherzusagen gewesen wäre. Danach nehme ich noch ein
wenig Landkennung, indem ich am Museum für zeitgenössische Meister
vorbeistreife, und vertiefe mich in die Rosengartenallee mit ihren
Zehntausenden von Rosen.
Das ist mein Morgenspaziergang; und indem ich das Eingangstor wähle,
stimme ich meinem Gemütszustand nach der Tonweite, die ich wünsche.
Für den Rückweg benutzte ich den Boulevard Saint-Michel und fasse die
Turmspitze der Sainte-Chapelle ins Auge; die leitet mich zwischen
den Blindschären der Eitelkeit hindurch, die in den Ladenfenstern
ausgebreitet und den Trottoiren in Form von Freudenmädchen und Kindern
der Welt ausgestellt ist. Wenn ich am Saint-Michel-Markt ankomme,
fühle ich mich beschützt von dem erhabenen Erzengel, der die Schlange
tötet. Nicht der Eidechsenschwanz macht, dass man in diesem Kunstwerk
den bösen Geist offen zutage hat; auch nicht die Widderhörner oder die
erhobenen Augenbrauen, sondern der Mund, der in den Mundwinkeln nicht
schliesst, während die Lippen vorn zusammengekniffen werden, um die
vier Vorderzähne zu verbergen. Die Eckzähne können nicht versteckt
werden, und das grausame Lächeln, das sich gleichsam abseits Luft
macht, enthüllt das unsterbliche Böse, das mit der Speerspitze im
Herzen noch höhnisch grinst.
Drei Male in meinem Leben bin ich diesem Munde begegnet: bei einem
Schauspieler, einer Malerin und noch einer Frau, und ich habe mich nie
darin betrogen.
Der Augustiner-Quai führt mich, nachdem ich einen Blick auf Notre-Dame
geworfen habe, durch eine Allee von Büchern und Platanen zur Mündung
der Rue Dauphine bei deren Zusammenfluss mit dem Pont-neuf.
Das ist der farbenreichste offene Platz, und er macht mich so froh,
dass ich die Lust fühle, mich auf der Terrasse des Weinhändlers
niederzulassen und dort das Ende meiner Tage zu erwarten. Eine
Landschaftsecke mit den schönsten Platanen; Heinrich IV., diese
Inkarnation von Frankreich; und die Naturalienhändler, die hier
den Platz der Antiquare mit ihren Kästen einnehmen, in denen man
Schmetterlinge, Schnecken, edle oder wenigstens funkelnde Steine sieht;
ferner all diese Schilder in lebhaften Farben, Weinflaschen, Gemüse;
und vor allem der Gedanke, dass dies der Pont-neuf ist, die schönste
Brücke von Europa mit ihren Masken von Waldgöttern, Dryaden, Satyrn,
zaubert mich an diesem Platz fest. Oder vielleicht, weil verschiedene
frohe Begebenheiten in der Zeit, die vergangen ist, diesen Kreuzweg zum
Treffpunkt gewählt haben und weil das Lachen noch in der Luft weht,
abgeprallt vom Boden und den Mauern, die seine Wellenbewegungen bewahrt
haben.
Das Münzhaus, vornehm, feierlich und schweigsam, ein Palast so gut wie
einer, verschlossen, gibt einem keine Ahnung von dem kleinlichen Gold,
das in den Kellern angehäuft liegt.
Das Institut, das die Arme dem Louvre zustreckt, gleicht dem
Sonnenlustschloss eines Riesen, so hoch sind die Fenster. Und der
Palast auf der anderen Seite des Flusses, das ist nicht ein Gebäude,
das ist eine ganze Bergkette, wo ein Riese wohnt, ein Nachkomme der
Atlantiden, der noch im Schlaf versenkt ist, auf dass er seine Kräfte
für den Tag der Auferstehung sammle. Vor einigen Abenden, als ich
am Palais Mazerin vorbeiging, war die Sonne hinter den Höhen von
Passy untergegangen, aber ihre letzten Strahlen spiegelten sich in
den Fensterscheiben des Louvre wieder; und als ich ein Stück weiter
gekommen war, sah ich die Fenster der Tuilerien aufglänzen, eins nach
dem andern, bis zum Pavillon der Flora. Die magische Wirkung liess mich
daran denken, dass Frankreichs Barbarossa erwacht sei, dass Ludwig der
Heilige seinen Krönungstag mit einem Galafeste feiere, zu dem alle
Monarchen der Erde in Büsserkuttte eingeladen seien, kniend bei der
Tafel zu bedienen.
Ich habe nun die mächtige Flutmündung der Rue Bonaparte erreicht.
Dieser Hohlweg bildet einen Abfluss für die Viertel Montparnasse,
Luxembourg und teilweise Faubourg Saint-Germain. Man muss geschickt
manövrieren, um in den Ausfluss hinein zu dringen, versperrt wie er
ist von Fussgängern und Fuhrwerken, wo der feste Boden aus einem
meterbreiten Trottoir besteht. Indessen bin ich vor nichts so bange,
wie vor diesen Omnibussen, die mit drei weissen Pferden bespannt
sind, weil ich sie in Träumen gesehen habe; übrigens erinnern diese
weissen Pferde vielleicht an ein gewisses Pferd, von dem im Buch der
Offenbarung erzählt wird. Besonders abends, wenn sie aufeinander
folgen, je drei mit der roten Laterne darüber, bilde ich mir ein, dass
sie die Köpfe mir zuwenden, mich mit boshaften Augen ansehen und mir
zurufen: Warte nur, wir werden dich schon fassen.
Mit einem Wort, das ist mein Circulus vitiosus, den ich zweimal am
Tage durchlaufe. Mein Leben ist in den Rahmen dieser Umlaufbahn so
vollständig eingefasst, dass, nehme ich mir einmal die Freiheit,
einen andern Weg einzuschlagen, ich in die Irre gerate, als habe ich
Stücke meines Ichs, meine Erinnerungen, meine Gedanken, sogar meine
Ergebenheitsgefühle verloren.
Eines Sonntagnachmittags im November begab ich mich nach dem
Restaurant, um zu essen, allein. Zwei kleine Tische sind auf das
Trottoir am Boulevard St. Germain gestellt, zu ihren Seiten stehen zwei
grüne Töpfe mit Oleandern und zwei Bastmatten, die Schutzwände bilden,
beschatten sie. Die Luft ist weich und still, die angezündeten Laternen
beleuchten das lebensvollste kinematographische Bild, da Omnibusse,
Kaleschen, Droschken von den Waldparks festlich gekleidete lustige
Menschen heimfahren, die singen, Horn blasen und die Fussgänger anrufen.
Als ich mit der Suppe beginne, kommen meine beiden Freunde, zwei
Katzen, und nehmen ihre gewöhnlichen Plätze zu beiden Seiten von mir
ein, auf das Fleischgericht wartend. Da ich meine eigne Stimme mehrere
Wochen lang nicht gehört habe, halte ich eine kleine Rede an sie, ohne
Antwort zu bekommen. Zu dieser stummen und hungrigen Gesellschaft
verurteilt, wie ich schlechter Gesellschaft ausgewichen bin, in der
mein Ohr von gottloser und plumper Rede verletzt wurde, fühle ich eine
Empörung in mir gegen eine solche Ungerechtigkeit. Ich verabscheue
nämlich Tiere, Katzen wie Hunde, wie es mein Recht ist, das Tier in
meinem Innern zu hassen.
Wie kommt es, dass die Vorsehung, die sich Umstände mit meiner
Erziehung macht, mich immer an schlechte Gesellschaft verweist, während
eine gute eher geeignet sein würde, mich durch die Macht des Vorbildes
zu bessern?
Im selben Augenblick kommt ein schwarzer Pudel mit rotem Halsband und
jagt meine Freunde vom Katzengeschlecht fort; nachdem er ihre Bissen
verschlungen hat, zeigt er seine Erkenntlichkeit, indem er meinen
Stuhlfuss nässt; dann nimmt der undankbare Cyniker eine sitzende
Stellung auf dem Asphalt ein und dreht mir den Rücken. Aus der Asche
ins Feuer! Sich zu beklagen, lohnt nicht, denn es könnte ja geschehen,
dass statt dessen Schweine kämen und mir Gesellschaft leisteten, wie
sie mit Robert dem Teufel oder Franz von Assisi taten. Man darf so
wenig vom Leben verlangen. So wenig! Und doch ist es zu viel für mich.
Eine Blumenverkäuferin bietet mir Nelken an. Warum gerade Nelken, die
ich verachte, weil sie rohem Fleisch gleichen und nach der Apotheke
riechen! Schliesslich nehme ich, um ihr zu Willen zu sein, ein Büschel,
das nach Belieben zu bezahlen ist; da ich die Entschädigung reichlich
zumesse, belohnt die Alte mich mit einem: Gott segne den Herrn, der
mir so hübsches Handgeld heute abend gegeben hat! Obwohl ich den Kniff
kenne, klingt der Segen lange und angenehm nach, denn ich habe ein
grosses Bedürfnis danach nach so vielen Flüchen.
Um halb acht machten die Zeitungsverkäufer mit Notrufen La Presse
bekannt, und das ist für mich ein Signal aufzubrechen. Wenn ich sitzen
bleibe, um noch ein Dessert zu schmausen und ein extra Glas Wein zu
trinken, bin ich gewiss, auf die eine oder andere Weise gepeinigt
zu werden, sei es von einem Trupp Kokotten, die sich mir gegenüber
niederlassen, oder von herumstreichenden Strassenjungen, die mich
beschimpfen. Ganz gewiss bin ich auf Diät gesetzt, und wenn ich drei
Gerichte und eine halbe Flasche Wein überschreite, findet sich die
Strafe ein. Nachdem die ersten Versuche, bei den Mahlzeiten unmässig zu
sein, auf diese Weise abgeschnitten sind, wage ich keine Ausschweifung
mehr und befinde mich zuletzt wohl dabei, auf halben Sold gesetzt zu
sein.
Ich stehe also vom Tisch auf, um mich nach der Rue Bonaparte zu begeben
und von dort hinauf nach dem Luxemburg-Garten.
An der Ecke der Rue Gozlin kaufe ich Zigaretten; gehe am Restaurant
"Goldfasan" vorbei. An der Ecke der Rue du Four halte ich mich bei
einem Christusbild von schlagendem Naturalismus auf. Die Kunst
der geistlich Gesinnten hat sich während ihrer Feldzüge gegen die
Zola-Literatur der Geister des Realismus nicht erwehren können, und mit
Hilfe dieses Beelzebub soll der andere aus getrieben werden. Unmöglich,
an diesen Bildern vorbei zu gehen, ohne sie zu betrachten, gemacht wie
sie sind nach lebenden Modellen und versehen mit den schreienden Farben
des Impressionisten.
Der Laden ist geschlossen, in Schatten gehüllt, und der Erlöser steht
da in seiner kaiserlichen Tunika, von den Gaslaternen beleuchtet, sein
blutendes Herz zeigend und die Dornenkrone ums Haupt. Seit mehr als
einem Jahre werde ich von dem Erlöser verfolgt, den ich nicht verstehe
und dessen Hilfe ich überflüssig machen möchte, indem ich mein Kreuz
selber trage, wenn es möglich ist. Das ist der Rest eines männlichen
Stolzes, der etwas Widriges in der Feigheit findet, seine Vergehen auf
die Schultern eines Unschuldigen zu werfen.
Ich habe den Gekreuzigten überall gesehen: in den Spielsachenläden,
bei den Bilderhändlern, in den Buchhandlungen, besonders auf den
Kunstausstellungen, im Theater, in der Literatur. Ich habe ihn auf
meinem Kissenbezug gesehen, auf den Feuerbränden im Kachelofen, im
Schnee oben in Schweden und auf den Klippen an der Küste der Normandie.
Bereitet er seine Wiederkunft vor oder ist er schon angelangt? Was will
er?
Hier im Fenster in der Rue Bonaparte ist er nicht mehr der Gekreuzigte;
er kommt von seinem Himmel als Siegesherr, von Gold und Edelsteinen
glänzend. Ist er Aristokrat geworden wie das niedere Volk? Ist er es,
der "gute Tyrann", den die Jugend sich träumt, ein friedenstiftender,
erleuchteter Heros?
Er hat sein Kreuz weggeworfen und das Zepter wieder genommen; zur
selben Stunde, wie sein Tempel auf dem Mont de Mars (früher Mont des
Martyres genannt) fertig ist, wird er kommen und selbst die Welt
regieren; wird vom Thron stossen den ungetreuen Stellvertreter, der es
zu eng findet in den elftausend Zimmern, die man in "infamia Vaticani
loca" gezählt hat; der sich über seine luxusgefüllte Gefangenschaft
beklagt und die Zeit mit kleinen Ausschweifungen auf das Feld der
Poesie tötet.
Den Erlöser verlassend, wundere ich mich, als ich zum
Saint-Sulpice-Markt komme, dass die Kirche so sehr entfernt zu liegen
scheint. Sie hat sich mindestens ein Kilometer zurückgezogen, und
die Fontäne im Verhältnis dazu. Habe ich den Sinn für Distanzmessen
verloren? An den Mauern des Seminars entlang gehend, meine ich, es
nimmt nie ein Ende, so unermesslich kommt es mir diesen Abend vor. Ich
wende eine halbe Stunde an, um dieses Stückchen der Rue Bonaparte zu
gehen, das sonst nur fünf Minuten erfordert. Und vor mir her schreitet
eine Figur, deren Gang und Art mich an jemand erinnern, den ich kenne.
Ich beschleunige meine Schritte, ich laufe, aber der Unbekannte setzt
seinen Weg mit so genau übereinstimmender Schnelligkeit fort, dass es
mir nicht gelingt, den Abstand, der uns trennt, zu verkürzen.
Schliesslich habe ich das Gittertor des Luxemburg erreicht. Der
Garten, der bei Sonnenuntergang geschlossen wird, liegt in Ruhe und
Einsamkeit, die Bäume sind nackt und die Rabatten von Frost und Stürmen
des Herbstes verwüstet. Aber er riecht gut, er dunstet einen Duft von
trocknen Blättern und frischem Humus aus.
Der Einhegung folgend, gehe ich die Rue de Luxembourg hinauf und sehe
immer vor mir den Unbekannten, der mich zu interessieren beginnt. In
eine Pilgerkutte gekleidet, die meiner gleicht, aber von opalweisser
Farbe, und schlanker und grösser als ich, geht er vorwärts, wenn ich
es tue, bleibt stehen, wenn ich stehen bleibe; er scheint von meinen
Bewegungen abzuhängen, und es sieht aus, als sei ich sein Wegweiser.
Aber ein Umstand zieht ihm ganz besonders meine Aufmerksamkeit zu,
nämlich, dass sein Mantel in einem heftigen Wind flattert, von dem ich
nichts merke. Um darüber ins klare zu kommen, zünde ich eine Zigarette
an; da ich wahrnehme, wie der Rauch gerade aufsteigt, ohne nach der
Seite abzuweichen, wird meine Überzeugung, dass es nicht windig ist,
bestätigt. Übrigens rühren sich die Bäume und Büsche drinnen im Garten
nicht.
Nachdem wir zur Rue Vavin gekommen sind, biege ich rechts ab und im
selben Augenblick finde ich mich vom Trottoir mitten in den Garten
versetzt, ohne zu verstehen, wie es zugegangen ist, da die Pforten
geschlossen waren.
Vor mir, zwanzig Schritte entfernt, steht mein Begleiter, mir
zugewendet, und sein bartloses, blendendweisses Gesicht breitet einen
leuchtenden Dunstkreis in Form einer Ellipse, deren Mittelpunkt von
dem Unbekannten eingenommen wird. Nachdem er mir ein Zeichen gegeben
hat, ihm zu folgen, geht er weiter und führt seinen Strahlenkranz mit
sich, so dass der düstere, kalte und schmutzige Garten hell wird, wo
er geht. Und noch mehr, die Bäume, die Büsche, die Kräuter grünen und
kleiden sich in Blüten, und zwar in einer Ausdehnung, die mit dem
Bereich seiner Strahlenglorie übereinstimmt, erlöschen aber wieder,
wenn er vorbei ist. Ich kenne die grossen Cannagewächse mit Blättern
wie Elefantenohren oberhalb der Statuengruppe Adam und seine Familie
wohl wieder, wie das Beet von Salvia fulgens, der feuerroten Salbei,
den Pfirsichbaum, die Rosen, die Bananenpflanze, die Aloen, alle meine
alten Bekannten und jeder auf seinem Platz. Das einzige ist, dass die
Jahreszeiten durcheinander gemischt zu sein scheinen, so dass die
Frühlingsblumen gleichzeitig sind mit den Herbstblumen.
Was mich aber am allermeisten verwundert, ist, dass nichts von all
dem mich verwundert, sondern dass alles erscheint, als sei es ganz
natürlich und wie es sein soll. So, als ich am Bienengarten vorbeigehe,
schwärmt ein Bienenschwarm um die Stöcke und nimmt die Blumen daneben
in Angriff, aber auf einem so genau abgesteckten Umkreis, dass die
Insekten im selben Augenblick, wie sie in den Schatten hineinfliegen,
verschwinden, und dass der beleuchtete Teil einer Salbei mit Blättern
und Blüten bedeckt ist, während der beschattete Teil welk und vom Reif
schwarzgebrannt bleibt.
Unter den Kastanienbäumen wird das Schauspiel hinreissend schön, als
unter dem Laubwerk ein leeres Waldtaubennest auf einmal von girrenden
Gatten eingenommen ist.
Schliesslich sind wir am Fleurus-Tor angelangt, wo mein Wegweiser mir
ein Zeichen gibt, stehen zu bleiben, und in einer Sekunde ist er an das
andere Ende des Gartens, ans Gay-Lussac-Tor, versetzt; eine Entfernung,
die mir unermesslich erscheint, obgleich sie nur ein halbes Kilometer
umfasst; und trotz der Entfernung kann ich den Unbekannten von seinem
ovalen Lichtrand umgeben sehen. Ohne ein Wort hervorzubringen, befiehlt
er mir mit kleinen Bewegungen der Mundmuskeln, mich zu nähern. Ich
glaube seine Ansicht zu begreifen, in dem ich die endlose Allee
zurücklege, den Hippodrom, den ich seit Jahren wohl kenne; in der Ferne
begrenzt ihn das Kreuz des Pantheon, das sich in blutroter Farbe auf
dem schwarzen Himmel abzeichnet.
Der Weg des Kreuzes, und vielleicht die vierzehn Stationen! wenn ich
nicht irre. Ehe ich beginne mache ich Zeichen, dass ich sprechen,
fragen, Aufklärung erhalten will; und mein Wegweiser antwortet mit
einer Neigung des Hauptes, dass er bereit sei, zu hören, was ich
vorzubringen habe.
Im selben Augenblick ändert der Unbekannte den Platz, ohne die kleinste
Bewegung oder das geringste Rascheln vernehmen zu lassen; das einzige,
was ich merke, ist, dass er, als er mir näher kommt, einen balsamischen
Duft verbreitet, der mein Herz und meine Lungen schwellen lässt und mir
Mut einflösst, den Strauss zu wagen.
Und ich beginne mein Verhör.
--Du bist es, der mich seit zwei Jahren verfolgt; was wünschest du von
mir?
Ohne den Mund zu öffnen, antwortet mir der Unbekannte mit einer Art
Lächeln voll übermenschlicher Güte, Nachsicht und Bildung: