Mit dumpfer Resignation habe ich fünf Monate lang Cichorienkaffee

getrunken, ohne mich zu beklagen. Ich wollte sehen, ob es eine Grenze

gebe für die Kühnheit einer unehrlichen Frau (die meinem Morgenkaffee

kocht). Ganze fünf Monate habe ich gelitten, jetzt will ich mich des

Göttertrankes mit dem berauschenden Duft erfreuen. Zu diesem Zweck

kaufe ich ein Pfund der teuersten Kaffeesorte. Das war zur Mittagszeit.

Am Abend lese ich in Peladan, L'Androgyne, Seite 107: "Er erinnert sich

folgender Anekdote eins alten Missionars. Am Ende seiner Missionsreise,

während einer Anfangspredigt von grosser Wichtigkeit wurde ich von

Unfähigkeit getroffen, sobald ich das Wort "meine Brüder" ausgesprochen

hatte; kein Gedanke in meinem Gehirn, nicht ein Wort, auf meinen

Lippen. Heilige Jungfrau--bat ich in mir--ich habe nur eine Schwäche

beibehalten, meine Tasse Kaffee, ich opfere sie dir; und sofort kam

die Spannkraft meiner Seele wieder, ich übertraf mich selbst und tat

manchen Seelen viel Gutes."

Welche Rolle als Hausfriedensstörer hat nicht der Kaffe in meiner

Familie gespielt! Ich schäme mich daran zu denken, umsomehr da ein

glückliches Resultat nicht vom guten Willen und Geschicklichkeit

abhängt, sondern von unberechenbaren Umständen.

Morgen also der grösste Genuss oder der grösste Schmerz!

13. Mai.

Die Aufwärterin hat den elendesten Kaffee gekocht, den man sich denken

kann.

Ich bringe ihn als Opfer den Mächten dar, und von diesem Tage an trinke

ich Schokolade, ohne zu murren!

26. Mai.

Ausflug nach Buchenwald. Einige hundert Leute haben sich dort

versammelt. Die singen Lieder aus der Zeit, da ich jung war, vor

dreissig Jahren; sie spielen Spiele meiner Jugend und tanzen deren

Tänze.

Die Traurigkeit bekommt Macht über mich, und mit einem Schlag rollt

sich mein vergangenes Leben vor den Augen der Seele auf, ich kann die

durchlaufende Bahn messen und werde wie erblindet. Ja, es ist bald zu

Ende; ich bin alt, und der Weg geht abwärts, dem Grabe zu. Ich kann

meine Tränen nicht zurückhalten--ich bin alt.

1. Juni.

Ein junger Arzt von weicher Natur und so empfindlicher Seelenanlage,

dass er schon dadurch zu leiden scheint, dass er existiert, leistet mir

abends Gesellschaft. Auch er ist bedrängt von Gewissensskrupeln; er

bereut die Vergangenheit, die sich nicht bessern lässt, wenn sie auch

nicht schlimmer ist als die aller anderen. Er legt mir das Mysterium

von Christus aus.

--Man kann nicht ändern, was man einmal getan hat; man kann keine

einzige schlechte Tat streichen: daher unsere Verzweiflung. Dann

offenbart sich Christus. Er allein vermag die Schuld, die nicht bezahlt

werden kann zu tilgen, das Wunder zustande zu bringen und die Last des

Gewissens und der Selbstvorwürfe abzunehmen. Credo quia absurdum, und

ich bin gerettet.

--Aber das kann ich nicht; und ich ziehe vor, meine Schulden selbst

durch Leiden zu bezahlen. Es gibt Augenblicke, da ich mich nach

einem grausamen Tod sehne, auf dem Scheiterhaufen lebendig verbrannt

werden möchte, um die Schadenfreude zu empfinden, meinem eigenen

Körper, diesem Gefängnis der Seele, die zu den Höhen strebt, wehe zu

tun. Und das Himmelreich ist für mich, von materiellen Bedürfnissen

befreit zu werden; Feinde wiederzusehen, um ihnen zu verzeihen und

ihre Hände zu drücken. Keine Feinde mehr! Kein Groll! Das ist mein

Himmelreich!--Weist du, was das Leben erträglich für mich macht? Dass

ich mir zuweilen einbilde, es sei nur eine Halbwirklichkeit, ein böser

Traum, der uns als Strafe auferlegt ist; und dass man im Augenblick

des Todes zu der wirklichen Wirklichkeit aufwacht, indem man zum

Bewusstsein kommt, das es bloss ein Traum war; alles Böse, das man

getan hat, nur ein Traum. So werden die Gewissensbisse ausgetilgt in

und mit der Handlung, die nicht begangen worden ist! Das ist Erlösung,

Errettung!

25. Juni.

"Inferno" ist jetzt fertig geschrieben. Ein Marienkäfer hat sich auf

meine Hand gesetzt. Ich warte ein Wahrzeichen ab für die Reise, die ich

vorbereite. Der Marienkäfer fliegt auf und nimmt den Kurs nach Süden!

Südwärts also.

Von diesem Augenblick setzte ich meine Abreise nach Paris fest. Aber

es scheint mir zweifelhaft, ob die Mächte mir ihre Zustimmung geben.

Ein Raub innerer Kämpfe lasse ich den Juli verfliessen, und mit dem

Eintritt des August erwarte ich ein Zeichen, um mich zu bestimmen.

Zuweilen fällt mir ein, dass die Lenker meines Schicksals nicht unter

sich einig sind, und dass ich der Gegenstand einer längeren Erörterung

bin. Einer treibt mich an, und ein anderer hält mich zurück.

Schliesslich am Morgen des 24. August steige ich aus dem Bett, ziehe

die Fenstergardine auf und erblicke eine Krähe, die auf dem Schornstein

eines sehr hohen Hauses sitzt. Sie nimmt sich ganz so aus wie der Hahn

auf dem Turm der Kirche Notre-Dame-des-Champs (siehe "Inferno"), stellt

sich, als fliege sie ihres Weges, mit den Flügeln schlagend und nach

Süden gewandt.

Ich öffne das Fenster. Da erhebt sich der Vogel, laviert, fliegt gerade

auf mich zu und verschwindet.

Ich nehme das Wahrzeichen an und packe meine Sachen.

12.

In Paris.

Noch ein Mal--ob es das letzte ist?--steige ich auf dem Nordbahnhof

aus. Ich frage jetzt nicht: was habe ich hier zu tun, da ich mich

zu Hause fühle in der Hauptstadt Europas. In mir ist allmählich

der Entschluss gereift, nicht ganz klar, das gestehe ich ein, im

Benediktinerkloster zu Solesmes eine Zuflucht zu suchen.

Aber erst gehe ich und besuche die alten Stellen mit ihren

schmerzlichen und doch so lieben Erinnerungen. So sehe ich wieder den

Luxemburg-Garten, Hotel Orfila, den Kirchhof von Montparnasse, den

Jardin des Plantes. In der Rue Censier bleibe ich einen Augenblick

stehen, um einen verstohlenen Blick in das Gärtchen meines Hotels an

der Rue de la Clef zu werfen. Gross ist meine Gemütsbewegung, als ich

den Pavillon mit meinem Zimmer sehe, wo ich dem Tode entging in jener

schrecklichen Nacht, als ich mit dem Unsichtbaren rang, ohne es zu

wissen. Man kann sich meine Gefühle denken, als ich meine Schritte nach

dem Jardin des Plantes lenke und die Spuren der Wasserhose sehe, die

gerade meine Allee verheert hat, die vor den Bären und Bisonochsen.

Auf dem Rückweg die Strasse Saint-Jacques hinuntergehend, entdeckte ich

die Buchhandlung der Spiritisten und kaufe das "Buch der Geister" von

Allan Kardec, das mir bisher unbekannt war.

Ich nehme und lese. Das ist ja Swedenborg und vor allem die Blavatzky,

und als ich überall meinen eigenen "Casus" wiederfinde, kann ich mir

nicht verhehlen, dass ich Spiritist bin. Ich Spiritist! Hätte ich

gewusst, dass ich als Spiritist enden würde, als ich mich über meinen

früheren Chef an der Königl. Bibliothek in Stockholm lustig machte,

weil er Anhänger des Spiritismus war! Man weiss nie, in welchen Hafen

man schliesslich einläuft!

Während ich meine Studien in Allan Kardec fortsetze, bemerke ich ein

stufenweise geschehendes Wiederauftreten der beunruhigenden Symptome

von früher. Das Gepolter über meinem Kopfe beginnt, ich werde von

Beklemmung angefochten, eine Furcht vor allem zeigt sich. Aber

ich lasse mir nicht beikommen und fahre fort, die spiritistischen

Zeitschriften zu lesen, während ich genau meine Gedanken und Handlungen

überwache.

Da werde ich nach ganz unzweideutigen Warnungen eines Nachts genau um

zwei Uhr von einer Herzaffektion geweckt.

Ich habe den Wink verstanden: Es ist verboten, in den Geheimnissen der

Mächte zu forschen. Ich schleudere die unerlaubten Bücher weg, und

sogleich kommt der Friede zurück; ein hinreichender Beweis für mich,

das der höhere Wille befolgt worden ist.

Am folgenden Sonntag gehe ich in Notre-Dame und wohne der Vesper bei.

Von der Ceremonie ergriffen, obwohl ich kein Wort davon verstehe,

zerfliesse ich in Tränen und gehe mit der Überzeugung fort, dass sich

hier in der Mutterkirche der erlösende Hafen befindet.

Doch nein, es war nicht so! Denn am Tage danach lese ich in La Presse,

dass der Abt des Solesmes-Klosters soeben wegen Sittlichkeitsvergehens

abgesetzt ist.

Bin ich denn immer ein Spielball, ein Gelächter für die Unsichtbaren!

rief ich aus, von einem so gut gerichteten Stoss getroffen. Danach

schweige ich und unterdrücke die ungebührliche Kritik, fest

entschlossen, abzuwarten!

Das nächste Buch, das mir zufällig in die Hand fällt, lässt mich die

Absichten meines Lenkers hervorschimmern sehen. Es ist die "Versuchung

des heiligen Antonius" von Flaubert. "Alle diejenigen, die von

Sehnsucht nach Gott gemartert werden, habe ich verschlungen", sagt die

Sphinx.

Dieses Buch macht mich krank, und ich werde bange, wenn ich darin die

Gedanken erkenne, die ich in meinem Mysterienspiel ausgedrückt habe:

das Einsetzen des bösen in die Rechte des guten Gottes. Und ich werfe

es nach dem Durchlesen von mir als eine Versuchung des Teufels, der

es verfasst hat. "Antonius macht das Zeichen des Kreuzes und versinkt

wieder in Gebet." So schliesst der Verfasser sein Buch, und ich folge

seinem Beispiel.

Danach und zu rechter Stunde bekomme ich "En Route" von Huysmans. Warum

ist dieses Bekenntnis eines Okkultisten mir nicht früher in die Hände

gefallen? Weil es notwendig war, dass zwei analoge Geschicke sich

parallel entwickelten, damit das eine mittelst des andern gestärkt

werden könnte.

Ein Neugieriger, der die Sphinx herausfordert und von dieser

verschlungen wird, damit seine Seele am Fusse des Kreuzes erlöst werde.

So, nun mag meinetwegen ein Katholik zu den Trappisten gehen und vor

dem Priester beichten, für mein Teil aber dürfte es genügen, dass ich

mea culpa schriftlich coram populo bekannt habe. Übrigens können die

acht Wochen, die ich in Paris zugebracht habe, während ich dieses Buch

schrieb, gegen den Eintritt in das Kloster und mehr noch aufgehen, weil

ich vollständig wie ein Eremit gelebt habe.

Eine kleine Kammer, nicht grösser als eine Klosterzelle, mit

Gitterfenstern oben unter der Decke, hat mir zu Wohnung gedient. Durch

das Gitter in der Fensteröffnung, die nach einem tiefen Hof zu geht,

kann ich ein Stück vom Himmel sehen und eine graue Wand mit Efeu, der

hinaufklettert dem Lichte zu.

Die Einsamkeit, die an und für sich schrecklich ist, wird noch düsterer

im Restaurant unter einer lärmenden Schar Leute, zwei Male am Tage.

Dazu die Kälte, ein beständiger Zug quer durchs Zimmer, von dem ich

eine fressende Neuralgie bekommen habe; Sorgen, binnen kurzem ohne

Hilfsmittel dazustehen, die Rechnung, die beständig wächst. Möchte

glauben, dass das verschlägt!

Und dann die Gewissensbisse! Früher, als ich mich selbst für

verantwortlich ansah, war es nur die Erinnerung an begangene

Dummheiten, die mich peinigte. Jetzt ist es das Böse selbst, meine

schlechten Handlungen, die meine Geissel ausmachen. Und zum Überfluss

erscheint mir mein vergangenes Leben als ein einziges Gewebe von

Verbrechen, wie ein Gewirr von Gottlosigkeiten, Bosheiten, Missgriffen,

Grobheiten in Wort und Handlung. Ganze Szenen aus meiner Vergangenheit

rollen sich vor meiner Anschauung auf. Ich sehe mich in der einen

und der andern Situation, und immer ist es eine abgeschmackte. Ich

wundere mich, dass jemand mich hat lieben können. Ich klage mich alles

Möglichen an; keine Niedrigkeit, keine widrige Handlung, die nicht

mit schwarzer Kreide auf dem weissen Schleier steht. Ich werde von

Entsetzen vor mir selbst erfüllt und möchte sterben.

Es gibt Augenblicke, da die Schamröte das Blut in meine Wangen jagt,

bis in meine Ohrläppchen. Selbstsucht, Undankbarkeit, Groll, Neid,

Hochmut, all die Todsünden führen ihren Gespenstertanz vor meinem

erwachten Gewissen aus.

Und während mein Gemüt sich martert, verschlechtert sich mein

Gesundheitszustand, vermindern sich die Kräfte, und mit dem

Hinschwinden des Körpers beginnt die Seele ein Vorgefühl von ihrer

Befreiung aus dem Schmutz zu bekommen.

Ich lese gegenwärtig Töpffers "Presbytere" und Dickens'

Weihnachtserzählungen, und die schenken mir eine unsägliche innere

Ruhe und Freude. Ich kehre zu den Idealen meiner besten Jugendzeit

zurück und nehme von neuem die Kapitale, die ich im Spiel des Lebens

verloren habe, in Besitz. Der Glaube kommt zurück, das Vertrauen zu

der natürlichen Güte der Menschen, der Glaube an die Unschuld, die

Uneigennützigkeit, die Tugend!

Die Tugend! dieses Wort ist verschwunden aus den modernen Sprachen, es

ist verworfen worden als durch und durch lügenhaft!

(In diesem Augenblick ersehe ich aus den Zeitungen, dass mein

Schauspiel "Frau Margit" in Kopenhagen aufgeführt worden ist. In diesem

Stück siegen Liebe und Tugend, ganz wie im "Geheimnis der Gilde".

Das Schauspiel hat nicht gefallen, ebenso wenig jetzt wie bei der

ersten Aufführung im Jahre 1882. Warum nicht? Weil man findet, es sei

veraltetes Geschwätz, diese Geschichte von der Tugend!)

Ich habe soeben wieder Maupassants "Horla" gelesen. Das ist ja das

Finale aus dem "Don Juan", nicht wahr? Jemand kommt, unsichtbar, mitten

in der Nacht ins Schlafzimmer hinein. Er trinkt Wasser und Milch und

schliesst damit, Blut aus dem armen Don Juan zu saugen, der, zu Tode

gejagt, gezwungen wird, Hand an sich selbst zu legen.

Dies ist etwas wirklich Erlebtes: ich kenne mich darin wieder, und ich

leugne nicht, dass eine Geistesstörung vorhanden ist, aber ich sehe

jemand dahinter.

Meine Gesundheit verschlechtert sich immer mehr, da Risse in den Wänden

sind, so dass Rauch und Kohlendunst in mein Zimmer eindringen. Als ich

heute auf der Strasse ging, bewegte sich das Pflaster unter den Füssen

gleich einem Schiffsdeck in langen Schwankungen. Nur mit merkbarer

Schwierigkeit kann ich die Höhe zum Luxemburggarten hinaufgehen. Der

Appetit wird immer geringer, und ich esse nur, um die Schmerzen im

Magen zu stillen.

Eine Erscheinung, die sich oft wiederholt nach meiner Ankunft in Paris,

hat mir verschiedenes zu denken gegeben. Im Innern meines Rockes, auf

der linken Seite, gerade da wo das Herz sitzt, hört man nämlich ein

regelmässiges Klopfen; es erinnert an den Tick-tack-Laut, der in Wänden

von dem Käfer hervorgebracht wird, der in Schweden "Zimmermann" genannt

wird, aber auch "Totenuhr"; es soll jemandes Tod ankündigen. Ich glaube

erst, es sei meine Taschenuhr, aber das hielt nicht Stich, da das

Klopfen fortfuhr, nachdem ich die Uhr weggelegt hatte. Es sind auch

nicht die Federn meiner Tragbänder oder das Futter der Weste. Ich nehme

die Deutung der Totenuhr an, weil die mir am meisten behagt.

Vor einigen Nächten hatte ich einen Traum, der aufs neue meine

Sehnsucht weckte, sterben zu dürfen, indem er mir die Hoffnung auf ein

besseres Dasein wiedergab, wo man keine Gefahr läuft, einen Rückfall in

die Qual des Lebens zu tun.

Als ich auf einem Vorsprung, der von einer jähen in Dunkel gehüllten

Tiefe begrenzt wurde, zu weit vorgetreten war, fiel ich mit dem Kopf

voran in einen Abgrund. Aber ich fiel eigentümlicher Weise hinauf statt

hinunter. Und unmittelbar umgeben wurde ich von einem blendendweissen

Lichtschimmer, und ich sah----

Was ich sah, flösste mir zwei gleichzeitige Vorstellungen ein: ich

bin tot, und ich bin erlöst! Und ein Gefühl der höchsten Seeligkeit

umhüllte mich bei dem Bewusstsein, dass das andere nun zu Ende sei.

Licht, Reinheit, Freiheit erfüllten mein Gemüt, und indem ich ausrief:

Gott!, empfand ich die Gewissheit, dass ich Vergebung bekommen habe,

dass die Hölle hinter mir liege, dass sich der Himmel öffne.

Seit dieser Nacht fühle ich mich noch heimatloser als vorher hier in

der Welt, und gleich einem müden, schläfrigen Kinde verlange ich, "heim

gehen" zu dürfen, den schweren Kopf an einen mütterlichen Busen zu

legen, im Schoss einer Mutter zu schlafen, der keuschen Gattin eines

unermesslich grossen Gottes, der sich mein Vater nennt und dem ich

nicht zu nahen wage.

Aber dieser Wunsch verbindet sich mit einem andern: nämlich die Alpen

zu schauen und genauer bestimmt die Dent du Midi im Kanton Wallis. Ich

liebe diesen Berg mehr als die andern Alpen, ohne erklären zu können

weshalb. Vielleicht dass es die Erinnerung an meinen Aufenthalt am

Genfersee ist, wo ich die "Utopien in der Wirklichkeit" (Schweizer

Novellen) schrieb, und an die Landschaft dort, die mich an den Himmel

"erinnerte".

Dort habe ich die schönsten Stunden meines Lebens gelebt, dort habe

ich geliebt! Geliebt Frau, Kinder, die Menschheit, das Weltall, Gott!

"Ich hebe meine Hände auf zu Gottes Berg und Haus!"

Paris, Oktober 1897.

Zweiter Teil

Jakob ringt

(Ein Fragment)

Als ich Ende August 1897 nach Paris zurückkehrte, fand ich mich

plötzlich isoliert. Mein Freund der Philosoph, dessen tägliche

Gesellschaft für mich eine moralische Stütze geworden war, und der

versprochen hatte, mir nach Paris zu folgen, um dort den Winter

zuzubringen, hat sich in Berlin verzögert. Er ist nicht imstande, zu

erklären, was ihn in Berlin zurückhält, da Paris das Ziel seiner Reise

ist und er vor Verlangen brennt, die Lichtstadt zu schauen.

Ich habe nun drei Monate auf ihn gewartet und bekomme den Eindruck,

dass die Vorsehung unter vier Augen mit mir hat sein wollen, um mich

von der Welt los zu machen, mich in die Wüste zu treiben, auf dass

die Zuchtgeister dort meine Seele recht schütteln und sieben könnten.

Und darin hat die Vorsehung recht getan, denn die Einsamkeit hat mich

erzogen, indem sie mich zwang, auf die mässig zugenommenen Freuden

des Verkehrs zu verzichten, und mich jeder Stütze eines Freundes

beraubte. Ich habe mich gewöhnt, zum Herrn zu sprechen, mich nur ihm

anzuvertrauen, und habe so gut wie aufgehört, Bedürfnis nach Menschen

zu empfinden; was mir stets vorgeschwebt hat als das Ideal von

Unabhängigkeit und Freiheit.

Selbst dem Kloster, in dem ich den Schutz der Religion und der

Geselligkeit für mich erwartete, muss ich entsagen. Das Leben des

Eremiten war mir auferlegt, und ich habe es hingenommen als eine

Strafe und eine Erziehung, trotzdem es einem hart ankommt, im Alter

von achtundvierzig Jahren seine eingewurzelten Gewohnheiten gegen neue

vertauschen zu müssen.

Ich wohne in einer kleinen Kamme, eng wie eine Klosterzelle, mit einem

vergitterten Fensterloch oben unter der Decke, das auf einen Hof und

eine Steinwand mit ungeheurem Efeu geht.

Dort sitze ich nach meinem Morgenspaziergang, bis halb sieben Uhr

abends; das Frühstück lasse ich auf einem Tablett herauftragen.

Abends gehe ich aus, um zu Mittag zu speisen, und gehe direkt, ohne mir

erst einen Appetit-Likör zu verschaffen, der mir jetzt zuwider ist.

Warum ich das kleine Restaurant am Boulevard St. Germain ausgewählt

habe, würde mir schwer fallen zu erklären. Vielleicht ist es eine

Erinnerung an die beiden schrecklichen Abende, die ich im vorigen Jahre

mit meinem okkulten Freund, dem Deutsch-Amerikaner, dort verbrachte,

die mich dort fest hext, bis zu dem Grad, dass jeder Versuch, nach

einem andern Ort zu gehen, mit einem Unbehagen schliesst, das ich

tendenziös nennen möchte und das mich zurück nach dieser Kneipe treibt,

die ich verabscheue. Und die Gründe dafür: mein früherer Freund hat

hier Schulden hinterlassen, und man hat mich als seinen Begleiter

erkannt. Aus dieser Ursache und weil man uns hat deutsch sprechen

hören, werde ich als Preusse behandelt, das heisst, sehr schlecht

bedient. Es hilft nicht, dass ich stille Proteste einlege, indem ich

meine Visitenkarte zurücklasse oder mit Absicht Briefumschläge, die

in Schweden abgestempelt sind, vergesse. Ich sehe mich genötigt, für

den Schuldigen zu leiden und zu bezahlen. Kein anderer als ich sieht

die Logik in diesem Sachverhalt ein, dass es eine Sühne ist für ein

Vergehen.... Es ist ganz einfach eine Rechtsübung in untadeliger Form,

und zwei Monate lang kaue ich das entsetzlich schlechte Essen, das nach

der Anatomie riecht.

Die Wirtin, die bleich wie eine Leiche an der Kasse thront, grüsst mich

mit einer triumphierenden Miene, und ich übe mich in mir zu sagen:

Arme Alte, sie hat wohl 1871 während der Belagerung von Paris Ratten

essen müssen!

Aber es scheint, als ob sie Mitleid mit mir empfinde, als sie meine

dumpfe Ergebenheit und meine Ausdauer wahrnimmt. Es gibt Augenblicke,

da sie mir noch bleicher zu werden scheint, wenn sie mich so allein

kommen sieht, immer allein, und immer magerer. Es ist nur die nackte

Wahrheit: als ich mir nach zwei auf diese Weise verlaufenen Monaten

neue Halskragen anschaffte, musste ich an Stelle der Kragen von 47

Zentimeter solche von 43 kaufen, was 4 Zentimeter Unterschied macht.

Die Wangen sind hohl geworden und die Kleider hängen in Falten.

Da zeigt man sich auf einmal bemüht, mir besseres Essen vorzusetzen,

und die Wirtin lächelt mich an. Im selben Augenblick hörte die

Verhexung auf, und ich ging meiner Wege, ohne Groll und wie von einer

Last befreit, mit der Gewissheit, dass die Sündenbusse für meinen Teil

erfüllt sei und vielleicht auch für den meines abwesenden Freundes.

Falls es eine Einbildung von mir war, dass ich schlecht behandelt

worden sei, und falls die Wirtin ohne Schuld daran war, bitte ich sie

um Verzeihung; dann war ich es, der sich selbst gestraft hat, indem er

sich eine wohlverdiente Züchtigung gab.

"Die Zuchtgeister nehmen die Einbildungskraft des Strafwürdigen in

Besitz und wirken durch dieses Mittel zu seiner Besserung von der

Schlechtigkeit, indem sie ihn alles in entstellter Form wahrnehmen

lassen." (Swedenborg.)

Wie oft ist es mir nicht passiert, wenn ich mir eine wirklich feine

Mahlzeit hatte leisten wollen, dass alle Gerichte mir Ekel einflössten,

als ob sie faul wären, während meine Tischkameraden sich einstimmig in

Lobreden über das gute Essen ergossen!

Der "beständig Unzufriedene" ist ein Unglücklicher unter der Geissel

der Unsichtbaren, und mit allem Grund weicht man ihm aus, denn er ist

dazu verurteilt, ein Freudenstörer zu sein, der, zur Einsamkeit und

deren leiden verurteilt, verborgene Versehen sühnt.

So bleibe ich denn mit mir allein, und als ich, nachdem ich ganze

Wochen lang nicht Gelegenheit gehabt habe, meine eigene Stimme zu

hören, jemand aufsuche, überhäufe ich diesen Unglücklichen so mit

meinem Redefluss, dass er sich ermüdet aus dem Spiele zieht und, ohne

es zu wollen, zu verstehen gibt, dass er das Zusammensein nicht zu

erneuern wünscht.

Es gibt andere Augenblicke, wo die Verlockung, ein menschliches Wesen

zu sehen, mich dazu treibt, schlechte Gesellschaft aufzusuchen. Dann

geschieht es, dass mitten im Gespräch ein Gefühl des Unbehagens, das

von Kopfschmerzen begleitet wird, mich ergreift; ich werde stumm, bin

unfähig, ein Wort hervorzubringen. Und ich sehe mich genötigt, den

Kreis zu verlassen, der nie zu zeigen versäumt, wie zufrieden man ist,

eine unerträgliche Figur, die nichts dort zu tun hatte, los zu werden.

Zur Isolierung verurteilt, unter den Menschen in Acht erklärt, nehme

ich meine Zuflucht zu dem Herrn, der für mich ein persönlicher Freund

geworden ist; oft ist er zornig auf mich, und dann leide ich; oft

scheint er abwesend zu sein, von anderer Seite in Anspruch genommen,

und dann ist es noch viel schlimmer. Aber wenn er gnädig ist, wird mir

das Leben süss, besonders in der Einsamkeit.

Ein eigentümlicher Zufall hat es gefügt, dass ich mich in der Rue

Bonaparte, der katholischen Strasse, niedergelassen habe. Ich wohne

gerade der Ecole des beaux-arts gegenüber, und wenn ich ausgehe,

wandre ich durch eine Allee von Schaufenstern, wo Puvis de Chavannes'

Legenden, Botticellis Madonnen, Raffaels Jungfrauen mich zum oberen

Teil der Rue Jacob begleiten; von dort folgen mir die katholischen

Buchhandlungen mit ihren Gebetbüchern und Missalen bis zur Kirche St.

Germain des Pres. Die Läden mit ihren Andachtsgegenständen bilden

von dort ein Spalier von Erlösern, Madonnen, Erzengeln, Engeln,

Dämonen und Heiligen, all den vierzehn Stationen in Christi Leiden,

der Weihnachtskrippe; dies alles zur Rechten; und linker Hand fromme

Bilderbücher, Rosenkränze, Gottesdienstgewänder und Altargefässe, bis

zum Saint-Sulpice-Markt, wo die vier Löwen der Kirche, mit Bossuet an

der Spitze, den göttlichsten Tempel in Paris bewachen.

Inferno; Legenden · 第 19 / 25 段