"Die unter ihnen, für die man auf Erlösung hoffen kann, werden an

verwüsteten Stellen ausgesetzt, die nur ein Bild von Trostlosigkeit

bieten; und man lässt sie dort zurückbleiben, bis ihre Trauer darüber,

sich dort zu befinden, sie auf die Höhe der Verzweiflung gebracht

hat, weil das die einzige Art ein dürfte, das Böse und Falsche, das

sie beherrscht, zu meistern. So weit gelangt, schreien sie, dass sie

nicht besser sind als Tiere, dass sie voll sind von Hass und allerhand

Greuel und dass sie Verdammte sind; man verzeiht ihnen das als Schreie

der Verzweiflung, und Gott mildert ihren Sinn, damit sie sich nicht

in Vorwürfen und Schmähungen ergiessen über die Grenzen hinaus, die

festgestellt sind. Wenn sie alles gelitten haben, was gelitten werden

kann, so dass ihr Körper gleichsam tot ist, bekümmern sie sich nicht

darum, und man bereitet sie zur Erlösung. Ich habe einige von ihnen zum

Himmel fortführen sehen, nachdem sie mit all den Leiden, von denen ich

gesprochen habe, geprüft worden waren. Als sie dort eingelassen wurden,

legten sie eine grosse Freude an den Tag, dass ich davon bis zu Tränen

gerührt wurde."

Was die Katholiken conscientia scrupulosa, Gewissenszartheit, nennen,

leitet seine Herkunft von böswilligen Geistern her, welche die

Gewissensqual um nichts und wieder nichts erwecken. Es macht ihnen

Freude, so eine Last auf das Gewissen zu legen, und dieses Verhalten

hat nichts mit der Besserung des Sünders zu tun.

Ebenso gibt es ungesunde Versuchungen. Böswillige Geister rufen in

der Tiefe der Seele all das Böse hervor, das sie seit der Kindheit

begangen hat, und zwar so, dass es nach der schlimmen Seite verdreht

wird. Aber die Engel entschleiern, was sich von Gutem und Wahrem bei

dem Gemarterten findet. Das ist der Streit, der sich unter dem Namen

Gewissensqual offenbart.

Ich bleibe hier stehen, weil ich meinem Meister unrecht tun würde, wenn

ich das zerrisse, was er so gut zusammengewebt hat, und die Fetzen als

Probestücke vorzeigte.

Swedenborgs Werk ist unermesslich umfassend, und er hat mir auf alle

meine Fragen geantwortet, wie pochend sie auch gewesen sein mögen.

Unruherfüllte Seele, leidendes Herz, nimm und lies!

9.

Canossa.

Von den geheimnisvollen Verfolgungen ermattet, habe ich schon längst

eine sorgfältige Prüfung meines Gewissens vorgenommen; getreu meinem

neuen Programm, mir selbst dem Nächsten gegenüber unrecht zu geben,

finde ich mein verflossenes Leben abscheulich, und Ekel erfasst mich

vor meiner eigenen Persönlichkeit. "Es ist Wahrheit, dass ich die

Jugend in Harnisch gebracht habe gegen das Bestehende, gegen Religion,

Gesetze, Obrigkeit, Sittlichkeit. Es ist meine Gottlosigkeit, die jetzt

bestraft worden ist, und ich nehme zurück."

Nach einer Pause im Gedankengang kehre ich dann die Frage um, indem

ich das Gegenteil aufstelle, und ich frage: "Und die anderen, die

Gegner meiner umstürzenden Ansichten, die frommen Verteidiger der

Sittlichkeit, des Staates, der Religion, können die denn nachts

schlafen, haben die Mächte denn ihnen Erfolg in ihren weltlichen

Angelegenheiten geschenkt?"

Wenn ich einer Musterung der Stützen der Gesellschaft und ihrer

Geschicke anstelle, bin ich genötigt zu antworten: nein!

Der tapfere Vorkämpfer für das Ideale in Poesie und Leben, ein Dichter

für die zuverlässigen und guten Mitbürger, er kann des Nachts nicht

schlafen, weil er von der grossen Hysterie betroffen ist; die weckt ihn

mit Anfällen, die man Clownssprung und Schwibbogen nennt und in der

Salpétrière bekannt sind. Auch liess ihn sein Schutzgeist im Stich,

und der Dichter geriet in Schwierigkeiten, als er sich vor einigen

Jahren auf geschäftliche Spekulationen einliess; die hätten ihn beinahe

in eine entblösste Lage gebracht. Es ist mir keine Freude, daran zu

erinnern, denn es vergrössert nur meinen Kummer, wenn ich sehe, wie die

erhabenen Bestrebungen nur um Zusammenbruch führen.

Und meine Gegner in der Religion? Der mich einmal ins Gefängnis

bringen wollte für Lästerungen, ist selbst in Haft genommen wegen

betrügerischen Bankerotts. Glaube nun nicht, mein Leser, dass ich meine

Lästerungen mit seinem Verbrechen entschuldige! Ich bin betrübt, nicht

mehr an die reinigende Aufgabe des Christentums glauben zu können,

angesichts eines so niederschlagenden Beispiels.

Und dann diese Frau, welche die Sittlichkeit unter den Schatten ihrer

Flügel nahm, die Freundin der unterdrückten Frauen, die Prophetin, die

in feurigen und aufrichtigen Vorträgen den jungen Männern das Cölibat

predigte?

Wo ist sie geblieben? Niemand weiss es, aber auf ihrem Haupte lastet

eine Anklage, die auf schauderhafte Dinge hinausläuft. Erbaulich, nicht

wahr?

Was die anderen Stützen der moralischen und religiösen Ordnung

betrifft, so übergehe ich sie, sei es, dass sie sich eine Kugel vor die

Stirn geschossen oder aus Furcht vor unglücksbringendem Verhör das Feld

geräumt haben.

Kurz, das Gericht scheint die Gerechten wie die Ungerechten zu treffen,

ohne Unterschied, und der eine mag ebenso gut sein wie der andere!

Was ist es denn, was sich heute in der Welt zuträgt?

Ist es das Gericht, das unerbittlich über Sodom ausgesprochen wurde?

Müssen alle vergehen: gibt es keinen Gerechten? Nicht einen!

Mögen wir dann Freunde sein und gemeinsam leiden, als Mitschuldige und

ohne uns über einander zu erheben.

Ich habe Abbitte getan für meine tadelnswerten Handlungen, und

ich verleugne meine Vergangenheit. Lasst mich nun ein Wort zur

Selbstverteidigung sagen.

Die Jugend ist zu jeder Zeit aufrührerisch, leichtfertig, ausschweifend

gewesen; bin ich es da, der die Empörung, das Laster erfunden hat?

Vorher war ich der Junge, der Verführte, das Kind meiner Zeit, der

Schüler meiner Lehrmeister, das Opfer der Verführungen. Wer hat die

Schuld, und warum hat man mich zum Sündenbock gemacht? Angenommen, es

war eine Lüge, und ich bin nicht der, für den die Menschen mich halten.

Da legt die schwarze Magie sich in die Wagschale!

Aber es geschah aus Unwissenheit, dass ich sie versuchte.

Dann aber die Erhebung gegen die Unsichtbaren?

Jawohl, die Erhebung! Doch die andern, die ihr Leben auf den Knien

zubrachten, unter Anbetung und Selbstverleugnung, und die alle

desavouiert worden sind!

Geben wir zu, dass die Lage verzweifelt ist! Und dass wir alle dem

Weltfürsten überliefert sind, um in den Staub gebeugt und erniedrigt

zu werden, auf dass wir uns vor uns selber ekeln, auf dass wir Heimweh

nach dem Himmel empfinden! Selbstverachtung, Entsetzen vor der eigenen

Persönlichkeit, gewonnen durch die vergeblichen Anstrengungen, sich zu

bessern: das ist der Weg zu einem höheren Dasein.

Und behalte noch eine Sache im Gedächtnis: der Weg nach Rom, der

Kaiserweg, führte durch Canossa!

10.

Der Geist des Widerspruchs.

Trotz aller Marter, die ich ausgestanden habe, hält sich der Geist des

Aufruhrs aufrecht und redet mir Zweifel ein, ob die Absichten meines

unsichtbaren Wegführers wohlwollend sind.

Ein Zufall (?) hat mir die "Zauberflöte", Schikaneders Operntext, in

die Hand gegeben. Die Prüfungen und Versuchungen des jungen Paares

flössen mir den Gedanken ein, dass ich mich von den verleitenden

Stimmen habe täuschen lassen; da ich die Mühen und Leiden nicht habe

aushalten können, habe ich mich gekrümmt und sei unterlegen.

Sogleich erinnere ich mich an Prometheus, der immer die Götter

anspeit, während der Geier seine Leber zerfleischt. Und zuletzt wird

der Aufrührer, ohne öffentliche Abbitte zu leisten, in den Kreis der

Olympischen aufgenommen.

Das Feuer ist jetzt angezündet, und sogleich tragen die bösen Geister

Nahrung herbei.

Eine okkultistische Zeitschrift, die mit der Post gekommen ist, muntert

meinen kleinmütigen Sinn auf, indem sie mir nur Umsturz-Lehren wie

diese vorlegt.

"Wie man weiss, wird in den alten Vedabüchern die Schöpfung als eine

einzige grosse Opferhandlung betrachtet, wo Gott, Priester und Opfer,

sich selbst opfert, indem er sich teilt."

(Da haben wir ja meine Idee, die ich in dem Mysterium ausgedrückt habe,

das ich "Inferno" voranstellte.)

"Alle Elemente, die zusammen das Weltall bilden, sind nichts anders als

gefallene Gottheitspersonen, die durch das Stein-, Pflanzen-, Tier-,

Menschen- und Engelreich wieder zu den Himmeln aufsteigen, um aufs neue

herabzufallen."

Diese Idee, welche der berühmte Alexander von Humboldt wie der

Historiker Cantü als erhaben bezeichneten....

(Ja, sie ist erhaben!)

"Wie man weiss, waren die Götter von Griechenland und Rom Menschen

gewesen. Jupiter selbst, der grösste von allen, war auf Kreta geboren,

wo er von der Ziege Amalthea gesäugt wurde. Er stiess seinen Vater vom

Thron und traf alle Vorsichtsmassregeln, um nicht selbst entthront

zu werden. Beim Angriff der Giganten, als die meisten der Götter

ihn feige im Stich liessen und sich in Ägypten verbargen, indem

sie Pflanzengestalten annahmen, hatte er das Glück, mit Hilfe der

Tapfersten Sieger zu bleiben. Aber es war auch mit genauer Not."

"Bei Homer kämpfen die Götter gegen die Menschen und werden bisweilen

verwundet. Unsere gallischen Vorväter stritten auch gegen den Himmel

und schossen Pfeile gegen ihn ab, wenn sie sich von dort bedroht

glaubten."

"Die Juden wurden von denselben Gefühlen belebt wie die Heiden. Wie sie

ihren Jehova (Gott) hatten, so hatten sie auch Elohim (die Götter). Die

Bibel beginnt also:

"Und er der ist, der war und der sein wird

Die Götter Die

Einheit in der Mehrzahl."

"Als Adam diese ewig gesegnete Sünde begangen hatte, die, weit entfernt

ein Fall zu sein, ein erhabener Schritt nach der Höhe war, wie die

Schlange vorausgesagt hatte, sagte Gott: "Siehe Adam ist geworden

wie _einer von uns_ und weiss, was gut und böse ist." Und er fügte

sogleich hinzu: "Nun aber, auf dass er nicht seine Hand ausstrecke und

nehme desgleichen vom Baum des Lebens, und esse, und lebe ewiglich...."

"Die Alten sahen also in den Göttern Menschen, die sich zu höchsten

Machthabern aufgeschwungen hatten und durch einen Staatsstreich den

Besitz der Macht zu behalten suchten, indem sie andere hinderten,

sich ihrerseits aufzuschwingen. Daher kam der Streit von seiten der

Menschen, um die Usurpatoren fortzujagen, und deren Widerstand, um sich

die unrechtmässig angeeignete Macht zu bewahren."

Und da haben wir die Schleuse geöffnet.

--Denkt, wir sind Götter!

"Und die Söhne der Götter stiegen zur Erde nieder und ehelichten

die Töchter der Sterblichen, und die gebaren Kinder. Und aus dieser

Mischung stammten die Riesen her und alle berühmten Männer, Krieger,

Staatsmänner, Schriftsteller, Künstler."

Das war eine gute Aussaat in ein aufsässiges Gemüt, und das Ich bläst

sich von neuem auf: denkt, wir sind Götter.

Am selben Abend, als die Stimmung im Wirtshaus hoch ging, bildet man

einen Kreis um einen Doktor der Musik.

Mein Freund, der Philosoph, dem ich die Entdeckung unserer

Verwandtschaft mit den Göttern mitgeteilt habe, bittet Mozarts "Don

Juan" hören zu dürfen, vor allem das Finale des letzten Aktes.

--Wovon handelt das? fragt einer, der nicht im klassischen Repertoire

zu Hause ist.

--Der Teufel kommt und holt den Wüstling!

Und die höllischen Qualen, die Mozart so gut schildert, da er

Gewissensbisse dieser Art gekannt haben dürfte, denn der Mann einer

Frau, die er verführt hatte, beging seinetwegen Selbstmord,--die

höllischen Qualen werden aufgerollt in jammererfüllten Tonfolgen wie

eine schneidende Neuralgie. Das Lachen verstummt, die Spötteleien hören

auf, und als das Stück zu Ende ist, herrscht ein ängstliches Schweigen.

--Nein, Prosit!

Man stösst an! Aber die Munterkeit ist fort, die olympische Stimmung

ist erloschen, denn die Nacht ist im Anzuge, und die grauenhaften

chromatischen Tonfolgen hallen wider gleich unermesslichen Wogen, die

steigen und fallen

la--la--la--la--la--la--la--la

la--la--la--la--la--la--la--la--la--la

-la--la--la--la-

und das Menschenwrack hinauf in die Luft schleudern, um es im nächsten

Augenblick zu ertränken.

Während die Abkömmlinge der Götter vergebliche Anstrengungen machen,

eine ihrer hohen Geburt entsprechende Art anzunehmen, ist die Nacht

hereingebrochen und das Restaurant wird geschlossen. Man muss

aufbrechen und gehen ein jeder nach seinem einsamen Bett. Als man an

der Domkirche vorbeiging, die in die Schatten der Nacht eingehüllt war,

brach ein Blitz hervor und warf einen weissen Schein au die Fassade, wo

Heilige und Verdammte vor dem Throne des Lammes knien.

--Was war das?

Denn es war kein Gewitter!

Man schauerte zusammen und blieb stehen.

Es war der Momentphotograph, der in seinem Laden bei Magnesiumblitzen

arbeitete.

Man wird ärgerlich über seine Furchtsamkeit, und ich für meinen Teil

kann eine Erinnerung an die Theaterblitze bei der Fortführung Don Juans

nicht unterdrücken.

Als ich in mein Zimmer trat, bekam eine zugleich eisige und erhitzende

Angst Macht über mich. Und als ich den Überrock ausgezogen habe, höre

ich, wie sich die Garderobentür von selbst öffnet.

--Ist jemand da?

Keine Antwort! Der Mut sinkt mir, und einen Augenblick fühle ich Lust,

wieder hinaus zu gehen und die Nacht auf den schmutzigen dunklen

Strassen zuzubringen. Aber Müdigkeit und Verzweiflung drücken mich

nieder, und ich ziehe vor, in einem schönen Bett zu sterben.

Während des Auskleidens sehe ich einer schweren Nacht entgegen, und

glücklich im Bett, nehme ich ein Buch, um mich zu zerstreuen.

Da fällt meine Zahnbürste vom Waschtisch auf den Boden herab! Ohne

sichtbare Ursache. Weiter und unmittelbar danach hebt sich der Deckel

von meinem Eimer und fällt mit einem Knall wieder zu. Und zwar vor

meinen Augen, ohne dass eine Erschütterung stattgefunden haben könnte,

so vollkommen still war die Nacht.

Das Weltall hat keine Geheimnisse mehr für Riesen und Genies, und doch

kommt die Vernunft zu kurz vor einem Deckel, der den Gesetzen der

Schwerkraft trotzt.

Und die Furcht vor dem Unbekannten lässt einen Mann zittern, der das

Rätsel der Sphinx gelöst zu haben glaubte!

Ich war bange, schrecklich bange, aber ich wollte den Walplatz nicht

verlassen, sondern fuhr fort zu lesen. Da fällt ein Funke oder ein

kleines Irrlicht wie eine Schneeflocke von der Decke herab und erlischt

über meinem Buch.

Und ich wurde nicht toll, Leser!

Der Schlaf, der heilige Schlaft, nimmt die Form des Hinterhalts an, in

dem Mörder sich verbergen.

Ich wage nicht mehr zu schlafen und habe keine Kraft übrig, mich wach

zu halten. Das _ist_ ja die Hölle! Als ich die Schlummerbetäubung mich

überschleichen lasse, trifft mich ein galvanischer Stoss gleich einem

Donnerschlag, ohne mich jedoch zu töten.

Schleudere deine Pfeile, stolzer Gallier, gegen den Himmel, der Himmel

ruht nie!

Da aller Widerstand vergeblich ist, strecke ich die Waffen, jedoch nach

Rückfällen in die Widersetzlichkeit. Während dieses letzten ungleichen

Kampfes geschieht es oft, dass ich Irrlichter sogar am hellen Tage

sehe, aber ich schreibe die Erscheinung einer Augenkrankheit zu.

Da erhalte ich von Swedenborg eine Aufklärung über die Bedeutung dieser

Flackerflammen, die ich seitdem nie mehr gesehen habe.

"Andere Geister suchen mir das Gegenteil von dem einzureden, was

die Lehrgeister mit gesagt haben. Diese _Widerspruchsgeister_ sind

auf Erden Menschen gewesen, die infolge ihrer Frevelhaftigkeit aus

der Gesellschaft verwiesen sind. Man erkennt ihr Nahen an einer

_flackernden Flamme_, die sich einem vor das Gesicht zu senken scheint;

sie nehmen auf dem Rücken des Menschen Platz, von wo sie sich bis in

die Glieder vernehmen lassen. Sie predigen, man solle nicht glauben,

was die Lehrgeister in Übereinstimmung mit den Engeln gesagt haben;

man solle seinen Wandel nicht der Unterweisung anpassen, die man von

ihnen genossen hat, sondern in Ungebundenheit und Freiheit leben, nach

eigenem Behagen. Gewöhnlich finden sie sich ein, wenn die anderen

verschwunden sind; die Menschen wissen, was sie gelten, und kümmern

sich wenig um sie; lernen aber doch durch sie, was gut und böse ist,

denn man erwirbt Kenntnis von der Beschaffenheit des Guten durch dessen

Gegenteil."

11.

Auszug aus meinem Tagebuch.

1897.

7. Februar.

Ein Schlagregen von Steinen gegen die Fenster in meiner neuen Wohnung

die ganze erste Nacht. Am nächsten Tage klärt man mich darüber auf,

dass es Eissplitter gewesen sind.

12. Februar.

Aus dem Bett gezerrt, nachdem ich eine Frauenstimme gehört habe. Der

heilige Chrysostomus, der Weiberhasse, gibt mir zu verstehen:

"Was ist das Weib? Der Feind der Freundschaft, die unvermeidliche

Strafe, das notwendige Übel, die natürliche Versuchung, das ersehnte

Unglück, die Quelle unversieglicher Tränen, das schlechte Meisterstück

der Schöpfung in blendend weisser Ausstattung."

"Da schon das erste Weib einen Vertrag mit dem Teufel einging, warum

sollten seine Töchter es nicht genau so machen? Geschaffen wie es ward

aus einer krummen Rippe, ist seine ganze Sinnesrichtung krumm und

schief geworden, geneigt nach dem Bösen!"

Gut gesagt, Sankt Chrysostomus, Goldmund!

28. Februar.

Der Buchfink zwitschert, der blaue Streifen des Meeres in der Ferne

lockt und zieht mich an, aber sobald ich nach der Reisetasche greife,

werde ich von den Unsichtbaren angefallen. In der Tat ist die Flucht

für mich abgeschnitten; ich bin hier interniert.

Um mich zu zerstreuen, will ich anfangen an dem Buch "Inferno" zu

schreiben; aber das wird mir nicht gestattet. So wie ich die Feder

anfasse, ist das Gedächtnis wie ausgelöscht, und ich kann mich an

nichts mehr erinnern; oder alles erscheint als Begebenheiten ohne eine

Spur von Bedeutung.

2. April.

Ein deutscher Schriftsteller bittet mich um meine Meinung über Fürst

Bismarck, für Rechnung einer Zeitschrift, in welcher der Kanzler

allgemeiner Abstimmung unterzogen wird.

"Ich muss einen Mann bewundern, der es verstanden hat, seine

Zeitgenossen so anzuführen wie Bismarck. Sein Werk soll die Einheit

Deutschlands sein, und doch hat er das grosse Reich in zwei geteilt,

mit einem Kaiser in Berlin und einem in Wien."

Am Abend verbreitet sich ein Duft von Jasminblüten in meinem Zimmer,

ein lieblicher Friede bemächtigt sich meines Gemüts, und ich schlafe

ruhig diese Nacht. (Swedenborg sagt, dass die Gegenwart eines guten

Geistes, eines Engels, sich durch balsamischen Duft verrät. Die

Theosophen behaupten dasselbe, aber übersetzen Engel mit Mahatma.)

5. April.

Man erzählt mir, dass ein grosses Skulpturwerk von Ebbe, ein

gekreuzigtes Weib darstellend, während des Transportes nach der

Stockholmer Ausstellung zerschlagen worden ist. Ein Gegenstück: meines

Freundes H. Gemälde mit dem gekreuzigten Weib, das für Schulden in

Beschlag genommen und in einem Hof über dem Kehrrichtkasten aufgehängt

wurde. (Siehe "Inferno".)

10. April

Las allerlei. Chateaubriands "Mémoires d'outretombe". Las Cases'

Tagebuch von St. Helena. Wer war Napoleon? Von wem war er eine

Reïnkarnation?

Geboren in Ajaccio, einer griechischen Kolonie, die ihren Namen von

Ajax herleitet. 1. Ajax, Telamons Sohn, wurde von Odysseus besiegt;

wahnsinnig vor Gram, machte er die Viehherden der Griechen nieder, im

Glauben, Tod unter den Feinden zu verbreiten. Eines Tages, als einer

von Trojas Schutzgöttern beide Heere in eine Wolke gehüllt hatte, um

die Flucht der Trojaner zu begünstigen, rief er: Hoher Gott, schenk uns

das Tageslicht wieder und kämpfe gegen uns. 2. Ajax, Sohn des Oïleus,

litt Schiffbruch auf der Heimfahrt von der Belagerung Trojas, rettete

sich auf eine Klippe, wo er trotzig gegen die Götter schalt; zur Strafe

wurde er in die Tiefe des Meeres versenkt. Ajax, den Göttern trotzend,

ist eine feststehende Wendung geworden.

Napoleon kam unvermutet zur Welt auf einem Teppich, der mit

Darstellungen aus der Ilias geschmückt war.

Paola a Porta sagte eines Tages zu dem jungen Napoleon: Es ist nichts

von neuer Zeit bei dir; du bist ein Mann aus Plutarch.

Rousseau hatte vor Napoleons Geburt sich mit Korsika beschäftigt,

dessen Einwohner ihn zum Gesetzgeber haben wollten. "Es gibt noch ein

Land in Europa, in dem es möglich ist, Gesetze zu geben: das ist die

Insel Korsika ... Ich habe ein Vorgefühl davon, dass einmal _diese

kleine Insel Europa mit Verwunderung schlagen wird_."

Nordille Bonaparte hatte 1266 seine Ehre zum Pfande gesetzt für

Konradin von Schwaben, den Karl von Anjou hinrichten liess.

Der Zweig Franchini Bonaparte trug in seinem Wappen drei goldene Lilien

wie die Bourbonen.

Napoleon war verwandt mit Orsini. Orsini war der Name des Mörders, der

ein Attentat gegen das Leben Napoleons III. unternahm. Auf drei Inseln

hatte Napoleon seine schweren Tage: Korsika, Elba und St. Helena. In

einer Geographie, die er in seiner Jugend niederschrieb, erwähnt er die

letzte mit den beiden Worten: "kleine Insel!" (Allzu klein, leider!)

Während des Krieges mit den Engländern sandte er ohne ersichtliche

Veranlassung einen Kreuzer in das Fahrwasser von St. Helena.

Napoleons Tod gibt der Einbildungskraft eines Okkultisten reichen Stoff.

"Es war ein schreckliches Wetter, der Regen fiel ununterbrochen,

und der Wind drohte alles wegzufegen. Der Weidenbaum, unter dem

Napoleon frische Luft zu holen pflegte, war umgebrochen worden; unsere

Baumpflanzungen waren mit den Wurzeln ausgerissen, umhergestreut; ein

einziger Gummibaum hielt noch stand, als ein Wirbelwind ihn ergriff,

ihn aufhob und in den Schmutz legte. Nichts von dem, was der Kaiser

liebte, durfte ihn überleben."

Der Kranke konnte das Licht nicht vertragen; man musste ihn in einem

dunklen Zimmer pflegen. Er sprang, schon sterbend, aus dem Bett, um in

den Garten zu gehen.

"Krampfhafte Zuckungen über dem Nabel und im Bauche, tiefe Seufzer,

Klageschreie, konvulsivische Bewegungen, die beim Todeskampfe in ein

lautes und schmerzvolles Schluchzen endigen."

Noverrez, der krank geworden war, fiel in Fieberphantasie: "Er bildet

sich ein, dass der Kaiser bedroht sei, und ruft nach Hilfe."

Nachdem Napoleon den Geist aufgegeben hat, breitet sich ein friedvolles

Lächeln um seine Lippen, und die Leiche behält noch nach neunzehn

Jahren in der Gruft diesen Ausdruck der Ruhe bei. Als man im Jahre 1840

das Grab öffnete, war der Körper vollständig erhalten. Die Fusssohlen

waren weiss. (Weisse plantae pedis bedeuten nach Swedenborg: Deine

Sünden sind vergeben.)

Gut erhalten waren die Hände (die linke jedoch nicht weiss), waren

weich geblieben und hatten ihre schöne Form bewahrt. Der ganze Körper

mattweiss: "als sähe man ihn durch einen dichten Tüll." Im Oberkiefer

fanden sich bloss drei Zähne. (Ein merkwürdiges Zusammentreffen: der

Herzog von Enghien hatte nur noch drei Zähne, als er füsiliert worden

war. Und in Parenthese sei hinzugefügt: der Herzog von Enghien kam zur

Welt nach 48stündigen Wehen. Er war _schwarzblau_ und ohne ein Zeichen

von Leben. In eine spiritusgetränkte Binde gewickelt, wird er zu nahe

an ein brennendes Licht gehalten und fängt Feuer. Da erst beginnt er zu

leben!)

Napoleon war im Sarge in seine grüne Uniform gekleidet. (Zauberer

kennzeichnen sich durch ihre grüngefärbten Kleider.)

Chateaubriand schreibt: Napoleons Kapitänsvollmacht ist unterzeichnet

von Ludwig XVI. am 30. August 1792, und der König entsagte der Krone am

10. August.

"Erkläre das wer kann. Welcher Beschützer förderte die Unternehmungen

dieses Korsikaners? Dieser Beschützer war der Herr der Ewigkeit."

18. April. Ostertag.

Auf einem Feuerbrand im Kachelofen sah ich die Buchstaben J. N. R. J.

(Jesus Nazarenus Rex Judaeorum.)

2. Mai.

Ich sah den Neumond und wurde froh davon.

3. Mai.

Mithin fange ich an "Inferno" zu schreiben.

Man erzählt mir, dass eine sehr bekannter Zeitungsmann plötzlich

attackiert worden ist durch nächtliche Anfälle des jetzt üblichen

Schlages. Und die Okkultisten setzen das in Zusammenhang mit einem

rücksichtslosen Nachruf über einen verdienten Mann, der neulich

verstorben ist.

Als ich Wagners "Rheingold" lese, entdecke ich einen grossen

Dichter und begreife nun, warum ich das Grosse an diesem Musiker

nicht verstanden habe: dessen Musik ist allein Begleitung zu seinen

Textworten. Übrigens ist "Rheingold" für meine Rechnung geschrieben:

Wellgunde.

Weisst du denn nicht,

Wem nur allein

Das Gold zu schmieden vergönnt?

Woglinde.

Nur wer der Minne

Macht versagt.

Nur wer der Liebe

Lust verjagt,

Nur der erzielt sich den Zauber

Zum Reif zu zwingen das Gold.

Wellgunde.

Wohl sicher sind wir

Und sorgenfrei:

Denn was nur lebt will lieben,

Meiden will keiner die Minne.

Woglinde.

Am wenigsten er,

Der lüsterne Alp:

* * * * *

Alberich.

(Die Hand nach dem Golde ausstreckend.)

Das Gold entreiss' ich dem Riff,

Schmiede den rächenden Ring:

Denn hör' es die Flut--So

verfluch' ich die Liebe!

12. Mai.

Inferno; Legenden · 第 18 / 25 段