eine mediumartige Weise: man kann einander aus der Ferne rufen, die
Gedanken des andern lesen, Suggestion auf einander ausüben. Man fühlt
nicht mehr das Bedürfnis, mit einander zu sprechen; man freut sich
über die blosse Gegenwart des geliebten Wesens; man wärmt sich an der
Strahlung, die von der Seele des andern ausgeht. Wenn man getrennt
ist, dehnt sich das Band: das Vermissen, die Sehnsucht wächst mit der
Entfernung, kann das Band zerreissen und damit den Tod bringen.
Seit mehreren Jahren habe ich Aufzeichnungen über alle meine Träume
gemacht, und ich bin zu der Überzeugung gekommen: dass der Mensch
ein doppeltes Leben lebt, dass die Einbildungen, die Phantasien, die
Träume eine Wirklichkeit besitzen. Wir sind alle geistige Schlafwandler
und begehen im Traume Handlungen, die uns im wachen Zustande je nach
ihrer Natur mit dem Gefühl der Befriedigung, dem bösen Gewissen, der
Furcht vor den Folgen erfüllen. Und aus Gründen, die ich ein ander Mal
darlegen will, glaube ich dass die sogenannte Verfolgungsmanie oft
einen guten Grund hat, nämlich in der Gewissensqual nach schlechten
Handlungen, die man im "Schlaf" begangen hat und von denen neblige
Erinnerungen bei uns spuken.
Die Phantasien des Dichters, die beschränkte Seelen so verachten, sind
Wirklichkeiten.
Und der Tod? fragt ihr.
Dem Mutigen, der nicht zu grossen Wert auf das Leben legt, hätte ich
früher folgendes Experiment empfohlen, das ich mehrere Male wiederholt
habe, nicht ohne unangenehme, aber jedenfalls ohne schwer heilbare
Folgen.
Nachdem Türen, Fenster und Ofenklappen geschlossen sind, stelle ich
eine geöffnete Flasche mit Cyankalium auf den Nachttisch und lege mich
aufs Bett.
Die Kohlensäure der Luft macht in kurzem die Blausäure frei, und die
bekannten physiologischen Erscheinungen geben sich zu erkennen. Ein
gelindes Zusammenschnüren der Kehle, ein unbeschreiblicher Geschmack,
den ich aus Analogie "blau" nennen möchte, Lähmung der Armmuskeln,
Schmerzen im Magen.
Die tödliche Wirkung der Blausäure ist noch immer ein Geheimnis.
Verschiedene Autoritäten geben verschiedene Wirkungsarten dieses Giftes
an. Einer sagt: Gehirnlähmung; ein anderer: Herzlähmung; ein dritter:
Erstickung als sekundäre Wirkung davon, dass das verlängerte Mark
angegriffen wird, usw.
Da sich indessen die Wirkung augenblicklich zeigen kann, ehe ein
Verzehren stattgefunden hat, muss sie vielmehr als ... seelisch
betrachtet werden; wird doch die Blausäure in der Medizin als
beruhigendes Mittel in _sogenannten_ nervösen Krankheiten gebraucht.
Alles, was ich von dem Seelenzustand, der sich nun zeigt, sagen möchte,
ist dies:
Es ist nicht ein langsames Erlöschen, es ist vielmehr eine Auflösung,
in der das Angenehme die unbedeutenden Schmerzen überwiegt.
Der innere Sinn gewinnt an Klarheit, im Gegensatz zum Herannahen des
Schlafes, der Wille herrscht, und ich kann das Experiment abbrechen,
indem ich den Kork in die Flasche stecke, das Fenster öffne, Chlor oder
Ammoniak einatme.
Nicht dass ich darauf bestehe, wenn aber der temporäre Todeszustand der
Fakire durch einen Beweis bestätigt werden soll, würde das Experiment
ohne Gefahr fortgesetzt werden können. Und im Fall eines Unglücks
müsste man die verschiedenen Arten versuchen, mit denen man einen
Scheintoten zum Leben zurückruft. Die Fakire wenden warme Umschläge auf
den Gehirnhalbkugeln an; die Chinesen wärmen die Magengrube und rufen
ein Niesen hervor. In seinem ausgezeichneten Buche "Le Positif et le
Négatif" (Paris, Lemerre, 1890) erzählt Vial nach Trousseau und Pidoux:
"Carrero erstickte und ertränkte 1825 eine grosse Anzahl Tiere, die er
nachher ins Leben zurückrief, _sogar lange nach ihrem Tode_, indem er
ihnen ganz einfach Nadeln ins Herz steckte." (Akupunktur.)
A. E. Badaire zitiert in "La Joie de mourir" (Paris, Chamuel. 194)
mehrere bekannte Todesfälle, wie den des berühmten Richet, 1892,
und den Hallers, bei welchen der Augenblick vor Eintritt des Todes
unmöglich zu bestimmen war.
Chisac; ein Arzt in Montpellier, verdoppelt sich vor dem Tode,
betrachtet sich als einen andern, stellt sich die Diagnose, fühlt sich
den Puls und gibt Befehle. Darauf schliesst er die Augen, "um sie nicht
mehr zu öffnen".
In "Inferno" habe ich von meinem Unglücksbruder, dem
deutsch-amerikanischen Maler, erzählt, dessen Doppelgänger, der
deutsch-amerikanische Arzt Francis Schlatter sein sollte. Jetzt
ist der Augenblick gekommen, da ich genötigt bin, meinen Freund
blosszustellen, in der einzigen Absicht, zur Erforschung des wahren
Sachverhalts beizutragen.
Mein Freund hiess H.; gleichviel ob es sein wirklicher Name war oder ob
er den angenommen hatte.
Nachdem ich im August 1897 nach Paris zurückgekehrt war, blätterte ich
eines Tages in der Revue spirite von 1859. Da stiess ich auf einen
Aufsatz mit der Überschrift: Mein Freund H.
Unter demselben Titel hatte ein Herr H. Lugner im Feuilleton
des Journal des Debats vom 26. November 1858 eine Geschichte
veröffentlicht, die er als tatsächlich hinstellt und der er selbst
persönlich beigewohnt haben will, da er, wie er äussert, dem Helden
dieses Abenteuers in Freundschaft verbunden war. Der Held war ein
fünfundzwanzigjähriger junger Mann von untadeligen Sitten und
unerschütterlicher Herzensgüte.
H. konnte nicht wach bleiben, sobald die Sonne untergegangen war. Eine
unüberwindliche Mattigkeit beschlich ihn und er sank allmählich in
einen festen Schlaf, den nichts abwenden konnte.
Kurz: H. lebte ein doppeltes Dasein; nachts war er in Melbourne als
Verbrecher unter dem Namen William Parker tätig, der auch seiner Zeit
hingerichtet wurde. Gleichzeitig fand man H. in Deutschland tot in
seinem Bett.
Mag sie nun wahr oder nur eine Ausgeburt der Einbildung sein, diese
Geschichte interessiert mich, weil der Name H. darin vorkommt und die
Umstände auf eine offenbare Weise zusammenfallen.
Die Literatur der Gegenwart hat sich bereits mit der Erscheinung des
Doppelgängers befasst: in dem bekannten Roman "Trilby" und in einem
Stück von Pauls Lindau. Es wäre interessant zu wissen, ob die Verfasser
nach der Natur gearbeitet haben oder nicht.
Wir kehren zu unserm Freund Martin zurück.
Nach einem langen Winter näherte sich der Frühling mit fehlgeschlagenen
Hoffnungen. Der arme Doktor, der sich auf das Versprechen seiner
Vorgesetzten verliess, das man ihn zum Dozenten berufen werde, erhielt
einen schweren Stoss, als die Ernennung aufgeschoben wurde. Er musste
bis zum Herbst warten, obwohl er wissenschaftliche Verdienste genug
besass. Das war eine Schmach die ihn zur Verzweiflung brachte; indem er
sein Pech verfluchte, stürzte er sich in Ausschweifungen, ohne jedoch
sein Nüchternheitsgelübde zu brechen.
Genug, er ist Junggeselle, und eines Abends sucht er ein Mädchen, das
einen Burschen sucht. Und er verlässt sie. Die Dirne war ihm unbekannt
und wohnte in einem zweideutigen Viertel am Aussenrand der Stadt. Die
Sache war durchaus nicht verwickelt, und er erwartete keine weiteren
Folgen davon.
In der Dämmerung des nächsten Abends ist er in seinem Elternhaus
mit seinen Arbeiten beschäftigt, als ein Lärm von draussen seine
Aufmerksamkeit erregt.
Er öffnet das Fenster und gewahrt unten in seinem Garten eine Stiege
Jungen zwischen fünfzehn und achtzehn Jahren. Da nichts zum Stehlen da
ist, kann er sich die Anwesenheit einer Menge Leute in diesem Ort und
zu so ungeeigneter Stunde nicht erklären. Die Schlingel trampeln dort
unten herum, ohne dass die Veranlassung zu erkennen wäre. Er glaubt
einem Blendwerk ausgesetzt zu sein, aber da ruft ihn seine Mutter. Als
er herunterkommt, wird er von seiner Mutter gebeten, hinauszugehen und
sich nach den Absichten der Eindringlinge zu erkundigen.
Als er auf den Hof tritt, erblickt er ein junges Weib, das wie ein
Spalier an der Wand steht. Er geht näher, um den Zusammenhang zu
ermitteln, der nach der schlimmen Seite zu neigen scheint. Vor dem
Weibe angelangt, erkennt er das Mädchen von gestern; da er das Opfer
eines Erpressungsversuchs zu sein glaubt, ruft er wütend:
--Was haben Sie hier zu tun? Gehen sie Ihrer Wege!
Ohne ein Wort zu sagen, begibt sich das Mädchen zur Pforte, und ohne
irgendwie zu zeigen, dass sie den erkannt hat, der mit ihr gesprochen
hat. Sie war offenbar nicht gekommen, um ihn zu schikanieren.
Aber im selben Augenblick und in Gegenwart seiner Mutter stürzen
die zwanzig Strassenjungen aus dem hinteren Teile des Hofes hervor,
umringen den Doktor und das Mädchen und zeigen mit den Fingern auf
die beiden Unglücklichen, überhäufen sie mit groben Schimpfworten und
lassen verstehen, dass sie die beiden in einer gewissen Situation
überrascht haben.
Der Doktor, vernichtet vor Scham, sich in Gegenwart seiner Mutter
skandalisiert zu sehen, beteuert ihr, dass er unschuldig sie, obgleich
er auf frischer Tat ergriffen zu sein scheint.
Welche peinliche Szene für einen Sohn!
Als er mir dies Abenteuer erzählte, das mir wie ein böser Traum vorkam,
unwahrscheinlich in seiner ungerechten Grausamkeit, sah der arme Doktor
erbärmlich aus.
--Das ist ja der Teufel selbst, nicht wahr! Unschuldig an einer Sache
sein, die übrigens keinen etwas angeht, und dann öffentlich auf diese
Weise hingerichtet werden!
--Ja, der Vorfall erscheint mir dunkel. Das ist ja unglaublich! Zwanzig
Jungen, die auf einen Hof kommen, ein liederliches Weib, dem nichts
an der Ehre gelegen sein kann und das sich nicht zu rächen sucht!
Was bedeutet das? Eine Lektion! Es ist deutlich, dass die Mächte in
der Sittlichkeit strenger werden. Und wie modern sie geworden sind!
Keine Träume, keine Geschichte, da die Leute sich an so etwas nicht
mehr kehren. Nein, statt dessen ganze Inszenierungen von vollendeten
Realismus, Dinge zum Anschauen ausgebreitet, bei denen man mit
Räsonnement nicht weit kommt.
--Du glaubst also, dass es ein Verweis war. Aber, wenn ich dir sage,
dass ich ohne Schuld war, wirklich unschuldig.
--Unschuldig gestern, ja, aber nicht am Tage vorher!
--Jedenfalls war es kein Komplott, da das Mädchen mich ja nicht
erkannte. Ein teuflischer Zufall....
--Ja, aber ein Zufall, dessen Fäden von einer Meisterhand geflochten
waren!
Um sich etwas Zerstreuung zu verschaffen, unternahm mein Freund Martin
eine Rundreise nach Norrland und Norwegen; er erwartete davon ein
wirkliches Gefühl von Freiheit und viel Vergnügen.
Nach einigen Wochen begegnete ich Freund Martin auf einer Strasse in
Lund.
--Hast du eine schöne Reise gehabt?
--Eine teuflische Reise! Jetzt weiss ich nicht mehr, was man glauben
soll. Es gibt ganz gewiss jemand, der mich herausfordert, und der
Streit ist ungleich. Höre nur! Ich kam nach Stockholm, um mich auf der
grossen Ausstellung zu amüsieren, und obgleich ich in der Stadt fast
hundert Freunde habe, traf ich nicht einen einzigen. Alle waren auf dem
Lande! Allein!--Ich wohne einen Tag in meinem Zimmer und werde dann von
einem andern hinausgeworfen, dem mein Bruder aus Versehen ein älteres
Versprechen gegeben hat. Das Pech macht mich so stumpfsinnig, dass
ich nicht in die Ausstellung gehe, und als ich mich--auf den Strassen
herumtreibe, schliesse ich mich einem Mädchen an. In diesem Augenblick
fällt eine schwere Hand auf meine Schulter nieder, und ein Onkel, sehr
ernst angelegt, den ich nicht mehr als zweimal in meinem Leben gesehen
habe, dem ich zuletzt von allen hätte begegnen mögen, ladet mich ein,
den ganzen Abend mit ihm--und seiner Frau zusammen zu sein!
Alles, vor dem mir ekelt, muss ich schlucken! Das ist verhext!--Weiter,
tausend Kilometer--allein!--in einem Eisenbahnwagen durch eine tödlich
langweilige Landschaft.
Am Oreskutan, dem hauptsächlichen Ziel meiner Exkursion, gab es nur ein
einziges Hotel, und in diesem Hotel hatten alle meine Antipathien sich
zusammengefunden. Der Chef der Freikirchlichen weidete die Herde, und
man sang Psalmen morgens, mittags und abends. Man hätte wütend werden
können, aber es ging ganz natürlich zu. Nur eine Sache erscheint mir
immer noch etwas wunderbar--hm! okkult! Nämlich dass man in diesem
ruhigen und geordneten Hotel des Nachts Warenkisten zunagelte!
--Über deinem Kopf?
--Ja! Und sonderbar war, dass dieses Nageln mich nach Norwegen
verfolgte. Wenn ich eine Erklärung vom Hotelwirt verlangte, behauptete
er nichts gehört zu haben.
--Das ist ja ganz wie mit mir!
--Ja, es ist wie mit dir! Was mir aber in Christiania passierte,
übertrifft alles, was meine schlimmsten Feinde hätten ausfindig machen
können. Ich kenne viele Leute in Christiania, sie waren noch in der
Stadt und ich konnte doch nicht einen einzigen treffen! Allein, immer
allein!
Wie ich im Café des Grand Hotel so allein sitze, werde ich von einem
jungen Mann angesprochen, der an einem Nebentisch sitzt. Glücklich,
eine Gelegenheit zu finden, meine eigene Stimme wieder hören zu
können, antworte ich, gegen meine Gewohnheit in solchen Fällen. Da er
wohlerzogen aussah und es sich mit ihm sprechen liess, lud ich ihn
schliesslich ein, mir Gesellschaft zu leisten.
Wir bringen den Abend zusammen zu. Ich muss zugeben, dass mir der junge
Mann nach einigen Stunden den unbestimmten Argwohn einflösste, er sei
nicht der, für den er sich ausgab. Er widersprach sich selbst und
redete ohne Zusammenhang, und ich wusste nicht, wo ich ihn unterbringen
sollte.
Schliesslich gegen Nacht, blieb ein norwegischer Freund, den ich drei
Jahre nicht gesehen hatte, vor unserm Tisch stehen; er begrüsst mich
mit einer pfiffigen Miene, die diesem ernsten Charakter ganz fremd war,
und schielt nach meinem Begleiter. Darauf lacht er und schleudert mir
eine Beschimpfung ins Gesicht, indem er sich stellt, als glaube er,
mein Kamerad stehe in einem Verhältnis unnatürlicher Intimität zu mir.
Auf meine Proteste antwortet er nur, indem er wiederholt:
--Genieren Sie sich nicht! genieren Sie sich nicht! Hier ist man wie
bei sich zu Hause und braucht sich nicht zu genieren.
Was sollte ich sagen? Was sollte ich tun?
Der junge Mann wurde nicht böse, und da warf der norwegische Freund,
der wohl ein Glas zu viel im Kopfe hatte, folgenden Einfall hin,
vielleicht ganz ohne Hintergedanken:
--Übrigens ist nichts Böses dabei; das ist ein verkleidetes Weib.
Da steht der junge Mann auf und macht, mitten im Café, das
vollgepfropft von Leuten war, eine Gebärde, wie um das Gegenteil zu
beweisen.
--Das geht über alle Grenzen!
--Es ist ungeheuerlich, und es ist Wahrheit! Und niemand erhebt dagegen
Protest; man lacht nur! Aber es ist noch nicht zu Ende! Im selben
Augenblick, wie ich aufbrechen will, bittet der unbekannte Jüngling
mich, ihm Geld zu leihen. Beschimpft, kochend vor Entrüstung, kann ich
jedoch nicht nein sagen, da ich aber kein Wechselgeld habe, gehe ich
ans Büffet, von dem Fremden begleitet. Stelle dir die Szene vor, wie
ich diesem verdächtigen Schlingel, der aussieht, als bekomme er seine
Bezahlung, Geld gebe. Ein alter Lehrer aus Lund, der hinter uns beiden
stehen geblieben ist, fixiert mich mit einem Blick, der Gewissheit über
den abscheulichen Argwohn ausdrückt. Das ist schön!
--Weisst du was: Ich muss bei dem, was du eben erzählt hast, an gewisse
Märchen von Hoffmann denken. Und als ich neulich wieder einmal die
"Elixiere des Teufels" las, kam es mir vor, als beruhten die Phantasien
des deutschen Dichters auf erlebten Begebenheiten.
--Bald kann man alles Mögliche glauben!--Aber nun die moralische Seite
der Sache? Ist eine Vernunft darin, mich vor einem Freund, vor einem
ganzen Publikum in falsches Licht zu stellen! Was sollte denn bestraft
werden?
--Man darf nicht auf die Mächte böse werden, weil sie sich solcher
Massregeln bedienen. Glaubst du, ich tat Schritte, die falschen
Gerüchten zu dementieren, die von einem deutschen Schriftsteller
verbreitet wurden, als er mich unnatürlicher Instinkte beschuldigte:
Nein! Ich verfluchte ihn damals, aber seitdem überwache ich meine
Sinnlichkeit. Übrigens hat Swedenborg mich gelehrt, dass solche
Bestrafungen, die ohne Unterschied zugefügt werden zu dem Zweck
auferlegt werden, uns die Märtyrerschaft schmecken zu lassen, die
wir selbst unschuldigen Menschen durch schändliche Verleumdungen und
leichtsinnige Äusserungen verursacht haben.
--Mag sein, aber ich werde in den Gedanken meines Freundes immer mit
dem Stempel des Lasters gezeichnet sein, und ich werde niemals diese
seine Ansicht ausroden können.
--Das ist unangenehm, aber es ist nun einmal so!
Diese banalen und an sich widerwärtigen Geschichten hätte ich
wahrhaftig nicht erzählt, wenn sie nicht durch ihre Ungereimtheit den
Gedanken auf das Dasein einer Realität leiteten, die nicht reell ist
und nicht Vision, sondern eine Phantasmagorie, hervorgerufen von den
Unsichtbaren in dem bestimmten Zweck, zu warnen, zu lehren, zu strafen.
Dieser Zustand, von den Theosophen die Astralebene genannt, wird von
Swedenborg, Arcana, letzter Teil, also geschildert:
"Visiones und Visa."
"Es gibt zwei Arten Gesichte, die ausserordentlich sind, in welche ich
versetzt worden bin, bloss um zu wissen, wie es sich mit ihnen verhält,
und was darunter zu verstehen ist, was man im WORT liest: dass sie vom
Körper entzückt wurden und dass sie vom Geist fortgeführt wurden nach
einem anderen Ort.
1. Der Mensch wird in einen Zustand versetzt, der mitten zwischen
Schlaf und Wachen ist; und wenn er in diesem Zustand ist, kann er nicht
anders wissen, als dass er vollkommen wach sei. Das ist der Zustand,
von dem gesagt wird: entzückt werden vom Körper, und in dem man nicht
weiss, ob man im Körper ist oder ausserhalb des Körpers.
2. Durch die Strassen einer Stadt und über Feld wandernd, auch da in
Gespräch mit Geistern, wusste ich nicht anders, als dass ich so wach
und sehend war, wie bei andern Gelegenheiten; so wanderte ich, ohne
vom Wege abzuweichen, und inzwischen war ich in einem Gesicht und sah
Haine, Flüsse und Paläste, Häuser, Menschen und anderes; nachdem ich
aber so einige Stunden gewandert, war ich plötzlich in dem Gesicht
des Körpers, und wurde gewahr, dass ich mich höchlich wunderte, und
ich merkte, dass ich in einem solchen Zustand gewesen war wie die,
von denen gesagt wird, dass sie vom Geist fortgeführt wurden an einen
andern Ort."
Freund Martin wohnt nach der Rückkehr von seiner Vergnügungsreise
allein im Elternhaus, weil die Familie sich nach verschiedenen Seiten
zur Sommerfrische zerstreut hat. Ich will nicht behaupten, dass er
ängstlich ist, aber er fühlt sich unbehaglich. Zuweilen hört er
Schritte und andere Laute von dem Zimmer seiner abwesenden Schwester,
bisweilen Niesen.
Vor einigen Tagen hörte er mitten in der Nacht einen knirschenden Laut,
wie von einer Sense, die geschärft wird.
--Alles in allem, schloss er, es gehen sonderbare Dinge vor, aber im
selben Augenblick, in dem ich mich mit den Mächten in Unterhandlungen
einlassen würde, wäre ich verloren.
Das war sein letztes Wort, und da näherte sich der Herbst mit grossen
Schritten.
8.
Studien in Swedenborg.
Während sich dieses im täglichen Leben zutrug, setzte ich meine
Schwedenborgstudien fort. Seine Arbeiten, deren schwer habhaft zu
werden ist, fielen mir in die Hände, eine nach der andern, in recht
grossen Zwischenräumen.
In den "Arcana Coelestia" ist es die Hölle für ewige Zeit, ohne
Hoffnung auf ein Ende, von jedem Wort des Trostes entblösst.
"Apocalypsis revelata" führt die Bussordnung aus, und zwar mit der
Wirkung, dass ich bis zum Frühling unter ihrem Banne lebte. Bisweilen
schüttelte ich ihn ab, indem ich mir eine Hoffnung einrede, dass
der Prophet sich in den Einzelheiten getäuscht hat, und dass der
Herr des Lebens und des Todes sich barmherziger erweisen wird. Was
sich aber nicht verhehlen lässt, ist die in die Augen fallende
Übereinstimmung zwischen Swedenborgs Visionen und allen grossen oder
kleinen Begebenheiten, die mich und meine Freunde während dieses
Schreckensjahres betroffen haben.
Erst im März finde ich bei einem Antiquar die "Wunder des Himmels und
der Hölle" und nachher "Von der ehelichen Liebe". Erst dann werde
ich von dem Alp befreit, der mich seit der ersten Offenbarung der
Unsichtbaren heimgesucht hat.
Gott ist die Liebe; er regiert nicht über Sklaven, und deshalb hat er
die Sterblichen sich eines freien Willens erfreuen lassen. Es gibt
keine Mächte der Bosheit, sondern ein Diener des Guten versieht das Amt
eines Zuchtgeistes. Die Strafen sind nicht ewige, es steht einem jeden
frei, geduldig zu sühnen, was er verbrochen hat.
Die Leiden, die uns auferlegt werden, haben die Besserung des Ichs zum
Zweck.
Die Verfahren, welche die Vorbereitung zu einem geistlichen Leben
bilden, beginnen mit Verwüstung (vestatio) und bestehen aus
Brustbeklemmungen, Atemnot, Erstickungssymptomen, Herzstörungen,
Angstanfällen, Schlaflosigkeit, Alpdrücken. Diese Prozedur, der
Swedenborg in den Jahren 1744 und 45 ausgesetzt war, wird in den
"Träumen" geschildert.
Und die Diagnose dieses Krankheitszustandes entspricht in jedem Punkt
den jetzt üblichen Affektionen, so dass ich nicht vor dem Schlusssatz
zurückschrecke: wir befinden uns vor einer neuen Ära, in der "die
Geister erwachen und es eine Lust ist zu leben". Diese angina pectoris,
der Fall der Schlaflosigkeit, all die nächtlichen Schauder, die den
Gemütern Schrecken einjagen und welche die Ärzte gern als Epidemien
bezeichnen wollen, sind weiter nichts als die Arbeit der Unsichtbaren.
Wie kann man das für eine epidemische Krankheit erklären wollen, dass
gesunde Menschen systematisch von unvorhergesehenen, sonderbaren
Begebenheiten, von Unruhe und Verdriesslichkeiten verfolgt werden? Eine
Epidemie zusammentreffender Umstände? Das ist ja ein Unsinn!
Swedenborg ist mein Vergil geworden, der mich durch die Hölle geleitet,
und ich folge ihm blind. Wohl ist er ein furchtbarer Strafer, aber er
versteht auch ebenso gut zu trösten, und er kommt mir weniger streng
vor als die protestantischen Pietisten.
"Ein Mann kann Reichtümer häufen, wenn er es nur auf ehrliche Weise
tut und ebensolchen Gebrauch von ihnen macht; er kann sich kleiden
und wohnen nach seinen Verhältnissen; mit Leuten von gleicher
gesellschaftlicher Stellung verkehren, des Lebens unschuldige Freuden
geniessen, froh und zufrieden aussehen und nicht wie ein mürrischer
Mensch mit blassem Gesicht; er kann mit einem Wort leben und auftreten
wie ein reicher Mann in dieser Welt und nach seinem Tode gerade hinein
in den Himmel gehen, wenn er nur in seinem Innern Glauben an Gott und
Liebe zu ihm besitzt und sich seinem Nächsten gegenüber so benimmt, wie
es seine Pflicht ist."
"Ich habe mich mit mehreren von denen unterhalten, die, ehe sie
starben, der Welt entsagt und sich in die Einsamkeit zurückgezogen
hatten, um dort ein Leben zu leben, das der Betrachtung der himmlischen
Dinge gewidmet war, und so sich einen sicheren Weg zum Himmel zu
bahnen; beinahe alle hatten ein düsteres und schwermütiges Aussehen,
schienen verdriesslich darüber zu sein, dass die anderen ihnen nicht
glichen und dass sie selbst nicht mit grösserer Ehre und einem
glücklicheren Los belohnt worden waren; sie wohnen an verborgenen Orten
und leben dort als Einsiedler beinahe auf gleiche Weise, wie sie in
unserer Welt gelebt hatten. Der Mensch ist geschaffen, in Geselligkeit
zu leben; in der Gemeinschaft und nicht in der Einsamkeit findet er
zahlreiche Gelegenheiten, Christenmilde gegen den Nächsten zu üben...."
"Im einsamen Leben sieht man nur sich selbst, man vergisst alle
anderen; daher kommt es, dass man bloss an sich selbst denkt, an die
Welt nur, um sie zu fliehen oder sie zu vermissen, was das Gegenteil
von christlicher Liebe ist."
Was die sogenannten ewigen Strafen betrifft, so tritt der Seher im
letzten Augenblick als Erlöser auf, indem er uns einen Strahl von
Hoffnung aufschimmern lässt.