"Vielleicht hat diese unrichtige Ideenverbindung (dass die Erde nur

ein Punkt im Weltall ist) den Menschen zu der noch unrichtigeren

Vorstellung geführt, dass er der Blicke seines Schöpfers nicht würdig

sei; er hat geglaubt, nur den Mahnungen der Demut zu gehorchen, wenn er

sich zuzugeben weigert, dass diese Erde und alles, was das Universum

enthält, nur seinetwegen entstanden sei; er hat sich gestellt,

als fürchte er zu sehr seinem Hochmut zu gehorchen, wenn er sich

diesem Gedanken hingäbe. Aber er hat nicht die Trägheit und Feigheit

gefürchtet, die von dieser erheuchelten Bescheidenheit unvermeidlich

erzeugt werden; und wenn der Mensch sich heute nicht mehr für den

König des Universums halten will, ist die Ursache die, dass er nicht

den Mut hat zu arbeiten, um sich _die rechtmässigen Ansprüche_ darauf

zu erwerben; dass die Pflichten dabei ihm zu mühsam erscheinen, dass

er nicht so sehr fürchtet, auf seine Stellung und alle ihre Rechte

verzichten, als sich daran machen zu müssen, um sie in ihrer geltenden

Kraft wiederherzustellen."

Zwischen den beiden blinden Klippen, Hochmut und falscher Demut, wer

kann wohl das Kanoe finden, das zum Hafen führt?

Indessen habe ich alle Schwächen meines Freundes so vollständig

kennen gelernt, dass ich seine nächtlichen oder täglichen Drangsale

voraussagen kann, indem ich nur sein Betragen beobachte; was mich

zu dem Schlusssatz geneigt macht, dass alle Krankheiten, die ihn

treffen, von der Moral herrühren. Aber Moral ist ein Wort, das jetzt

herabgesetzt und in den Bann getan ist, und ich bin nicht der rechte

Mann, es auszusprechen.

Bei einer einzigen Gelegenheit, als der Unglückliche gar zu sehr

bedrückt war, äusserte ich zu ihm, aus Mitleid und um einen Wegweiser

aufzustellen:

--Wenn du vor deinem letzten nächtlichen Anfall Swedenborg gelesen

hättest, würdest du in die Heilsarmee gegangen oder Krankenpfleger

geworden sein!

--Wieso? Was sagt denn dieser Swedenborg?

--Er sagt so viel, und er ist es, der mich davor gerettet hat, verrückt

zu werden. Er hat mir den Schlaf wieder geschenkt durch einen einzigen

Satz in vier Worten!

--Sag den, ich bitte dich darum!

Der Mut entsank mir, und er hat mir jedes Mal gefehlt, wenn der

Besessene mich gebeten hat, diese Losung mitzuteilen.

Hier schreibe ich die vier Worte nieder, die gegen alle Verordnungen

der Ärzte aufgekommen sind:

"Tue dieses nicht mehr!"

Es steht einem jeden frei, nach bestem Wissen und Gewissen das kleine

Wort dieses auszulegen.

Ich Unterzeichneter erkläre hiermit, dass ich durch Befolgung des

obigen Rezeptes Gesundheit und ruhigen Schlaf wiedergewonnen habe.

Der Verfasser.

Das ist ein Bekenntnis! Keine Ermahnung!

6.

Allerlei.

Keiner ist vom Schicksal so geprüft worden, wie der Doktor, von dem

ich im ersten Kapitel als dem Haupt des revoltierenden Jugendschwarmes

gesprochen habe. Nachdem er unzählige Male umgesattelt hat, ist er

Freund der Mässigkeit geworden, mit fast religiösen Grillen. Er gibt

zu, vollständig bankerott zu sein, glaubt an nichts und misstraut den

Menschen, entblösst wie er ist von den Sinnen, die uns in Stand setzen

zu geniessen und zu leiden, gleichgültig gegen alles. Denn er begann

damit, dass er sich für die Freiheit des Individuums, für die Befreiung

des Volkes und der Frau begeisterte; und er hat die Konsequenzen davon

gesehen, die seine Illusionen vollständig zu Fall gebracht haben. Er,

der besonders das Ideal vom freien Weibe verwirklichen wollte, hat

seine Braut, die er selbst hochachtete, als literarische Mätresse eines

jeden Mannes enden sehen, als eine Art prostituierten Bohême-Weibes.

Er ist nun dreissig Jahre alt. Während seines jahrelangen Aufenthaltes

im Ausland hat er alle Leiden eines Einsiedlers durchgemacht: Armut,

Hunger und Kälte, schäbige Kleider; die Verdriesslichkeiten, die ein

schuldenbeladener Mann auszustehen hat. Er hat nachts in Wäldern und

offenen Parks geschlafen, aus Mangel an fester Wohnstätte; er hat sich

mit Stärke und Gelatine ernährt, die dazu bestimmt waren, in dem Labor

gebraucht zu werden, an dem er angestellt war.

Der Hunger aber hat mangelnde Widerstandskraft gegen Alkohol zur Folge,

und obwohl nicht Alkoholiker, erlag er den Wirkungen der geringen Menge

starker Getränke, die er in der Lage war sich zu verschaffen.

Von seinen Verwandten Wind und Wellen überlassen, kann er sich in einer

Heilanstalt für Nervenkrankheiten in Pension geben, dank einem Manne,

der ihm so gut wie unbekannt ist und welcher der Swedenborgischen Sekte

angehört. (!)

Nach einigen Monaten wurde er als geheilt entlassen und kehrte nach

der Universität in Schweden zurück, jedoch weiter zu Enthaltsamkeit

verurteilt.

Er war es, der mir Swedenborgs "Arcana Coelestia" lieh, und später

"Apocalypsis revelata", Arbeiten, die er selbst nicht kannte, die sich

aber in der Büchersammlung seiner Mutter befanden; sie war nämlich

Swedenborgianerin. (!)

Noch etwas ist überraschend für mich, der ich bis zu meinem

achtundvierzigsten Jahr nie auf Arbeiten von Swedenborg gestossen bin,

für die man in den gebildeten Klassen Schwedens offene Verachtung

zeigt--dass er jetzt überall auftaucht: in Paris, an der Donau, in

Schweden, und zwar im Laufe nur eines halben Jahres.

Mein desillusionierter Freund verhält sich indessen indifferent, trotz

den Streichen, die ihm das Schicksal zu wiederholten Malen spielt.

Er kann sich nicht beugen und glaubt, es sein eines Mannes unwürdig,

vor unbekannten Mächten zu knien; die könnten sich eines Tages als

Versucher enthüllen, deren Versuchungen nur Prüfungen sind, denen man

bis zum äussersten widerstehen muss.

Ich verberge ihm nicht meine neuen religiösen Ansichten, jedoch ohne

auf ihn einwirken zu wollen.

--Siehst du, die Religion ist etwas, das man auf sich selbst anwenden

muss; die ist nichts zum Predigen!

Oft lauscht er meinen Worten mit scheinbarer Aufmerksamkeit, und oft

lächelt er. Zwei Wochen lässt er sich nicht sehen, als sei er geärgert

worden, dann aber kommt er wieder und sieht aus, als habe er über einen

Gedanken gebrütet.

In der Absicht, ihm zu Hilfe zu kommen, werfe ich von ungefähr ein Wort

hin mit einem Fragezeichen dahinter:

--Es geschieht sicher etwas?

--Ich weiss nicht; aber es ist wirklich zu ungereimt, um mit rechten

Dingen zugehen zu können.

--Was ist es denn?

--Jeden einzigen Morgen, wenn ich ins Laboratorium komme, sind meine

Sachen in Unordnung gebracht--du kannst nicht glauben, wie es da

aussieht!--und der Tisch ist besudelt. Und zwar obgleich ich auf das

sorgfältigste dort Sauberkeit zu halten suche.

--Ein Übelgesinnter?

--Unmöglich; denn ich bin der letzte, der den Saal verlässt und der

Schuldige würde sogleich entdeckt werden.

--Dann ist es?

--Ja, wer?

--Die Unsichtbaren!

--Nicht dass ich es behaupten will, aber jetzt in letzter Zeit scheint

es, als ob mich jemand überwache und meine geheimsten Gedanken zu lesen

verstehe. Und im selben Augenblick, wenn ich auf irgend eine Weise über

die Stränge geschlagen habe, fasst man mich auf frischer Tat.

--Bist du jemals früher Vorfällen von ungewöhnlicher Beschaffenheit

ausgesetzt gewesen?

--Nicht ich, aber meine Mutter und meine Schwester, die Swedenborgianer

sind.--Doch warte, ich auch, ein Mal in Berlin vor genau zwei Jahren.

--Erzähle!

--Es war so: ich ging eines Abends in der Nähe von Linden in eine

Bedürfnisanstalt; da erblickte ich an meiner Seite einen barhäuptigen

Mann von unbestimmten und sonderbarem Aussehen; er hatte einen

Knoten hinten im Nacken, und zu meiner Verwunderung jodelte er wie

ein Tiroler. Den unangenehmen Eindruck, den dieser Mensch mit seiner

Leichenbitterphysiognomie auf mich machte, konnte ich nicht loswerden;

um ihn von mir abzuschütteln, verlängerte ich meinen Spaziergang

und ging aus der Stadt heraus; schliesslich befand ich mich auf

dem Lande. Müde und hungrig trat ich in ein Wirtshaus, wo ich am

Ladentisch ein Frankfurter Würstchen und ein Seidel Bier bestellte.

"Ein Frankfurterwürstchen und ein Seidel Bier", wiederholt jemand an

meiner Seite; und als ich mich umwende, erblicke ich den Mann mit dem

Nackenknoten. Vollständig verwirrt, und unfähig zu sagen, warum, ging

ich meines Weges, ohne auf das zu warten, was ich bestellt hatte. Ich

habe nie näher an diesen bedeutungslosen Vorfall gedacht, aber ich

besitze noch einen lebendigen Eindruck davon, und er kommt gerade jetzt

in meine Erinnerung zurück.

Als er geendet hatte, bedeckte er die Augen mit beiden Händen, als

wolle er das Bild auswischen, indem er den Augapfel rieb, der noch das

Porträt der Gestalt festhielt.

An dieser Stelle, während der Leser sich noch des oben Erzählten im

Detail erinnert, will ich ein anderes Abendteuer einschalten, das

dadurch, dass es mit dem Vorhergehenden in Verbindung gesetzt wird, uns

vielleicht dem guten Hafen einen Schritt näher führen wird.

Am ersten Mai ging ich recht zeitig nach dem Park, um zu Mittag zu

essen, zusammen mit einem Gymnasiallehrer. Als wir uns an einem Tisch

niedergelassen hatten, auf dem grossen offenen Balkon, wo kein Mensch

war, empfand ich plötzlich ein Gefühl des Unbehagens, und als ich mich

auf dem Stuhle umdrehte, bemerkte ich einen Mann von recht unbestimmten

Aussehen, der einen unstäten, unschlüssigen Ausdruck im Blick hatte.

--Wer ist das? Fragte mich mein Begleiter, der alter Lundenser war und

die ganze Bevölkerung kannte.

--Ein Fremder, ganz sicher!

Der Fremde, barhäuptig und schweigsam, kam näher, indem er gerade vor

mir stehen blieb, betrachtete er mich auf eine so durchdringende Art,

dass ich einen brennenden Schmerz in der Brust fühlte.

Wir nahmen einen andern Platz ein. Der Mann folgte uns, ohne

sein Schweigen zu brechen. Seine Blicke waren weder böse noch

scharf, vielmehr äusserst wehmütig, und ausdruckslos wie die eines

Nachtwandlers. Da wurde ich von einer Erinnerung ergriffen, die allzu

entfernt war, um bewusst zu sein, und stellte an meinen Tischkameraden

die Frage:

--Der Mann gleicht einem unserer Freunde, aber welchem?

--Ja, wahrhaftig es ist ganz offenbar unser Freund Martin mit

fünfundvierzig Jahren.

In diesem Augenblick taucht aus dem Chaos meines Innern: die Gestalt

von der Bedürfnisanstalt in Berlin und Freund Martin (so hiess der

unglückliche Doktor, der mir Swedenborgs Arbeiten geliehen hatte)

verfolgt von einem Unbekannten.

Nun hatte der Mann neben uns Platz genommen, aber so, dass er uns den

Rücken zukehrte.

Wie gross war meine Verwunderung, als ich einen Knoten im Nacken dieses

Menschen bemerkte. Um aber ganz sicher zu sein, fragte ich meinen

Kameraden:

--Kannst du den Auswuchs am Hinterkopf dieses Mannes sehen?

--Ganz recht! Ich sehe ihn deutlich. Nun und?

Ich antwortete nicht, weil die Erzählung zu lang geworden wäre, auch

war der Lehrer ein erbitterter Gegner des Okkultismus.

Am selben Abend erblicket ich Freund Martin mitten in einem Schwarm

Studenten. Ohne Umschweife stellte ich diese Frage an ihn:

--Wo hast du dich mittags zwischen eins und halb zwei aufgehalten?

--Wieso? Warum fragst du das?

Und er sieht verlegen aus, als er das sagt.

--Antworte nur auf die Frage!

--Ich lag und schlief! Und das pflege ich sonst nicht mitten am Tage zu

tun, deswegen bin ich verlegen.

--Und du gehst während des Schlafes fort?

--Das sieht so aus, da ich vor einigen Tagen, während ich schlief, das

Feuer sah, das im Museum ausgebrochen war. Das ist die reine Wahrheit!

Nach diesem Bekenntnis schilderte ich ihm die Erscheinung im Park und

verglich sie mit der Offenbarung in Berlin.

Aber er war zu aufgeräumt, und obwohl dieser Knoten im Nacken ihm

schaudern machte, rief er aus:

--Es stimmt, er ist mein Doppelgänger!

Das war ein Gelächter!

Ich halte mich hier einen Augenblick auf, um die üblichen Theorien

darzulegen von der Erscheinung, die unter der Benennung _Doppelgänger_

bekannt ist.

Die Theosophen nehmen sie als eine Tatsache an, indem sie zugeben,

dass die Seele, oder der Astralleib, das Vermögen besitzt, den Körper

zu verlassen und sich in eine quasi-materielle Gestalt zu kleiden, die

unter günstigen Umständen für manche sichtbar wird. Alle sogenannten

telepathischen Erscheinungen werden dadurch erklärt. Die Schöpfungen

der Einbildungskraft haben keine Realität, aber die Visionen, die

Hallucinationen besitzen eine Art Materialität. In derselben Weise

unterscheidet man in der Optik zwischen virtuellen und wirklichen

Bildern, von denen die letzten auf einen Schirm projiziert oder auf

einer empfindlichen photographischen Platte fixiert werden können.

Angenommen, ein Abwesender erinnert sich meiner, indem er sich meine

Persönlichkeit in seinem Gedächtnis hervorruft: dem Hervorrufenden

gelingt es nur, ein virtuelles Bild von mir zustande zu bringen, und

zwar durch eine freiwillige und bewusste Anstrengung. Angenommen, eine

alte Tante von mir im fremden Lande sitzt am Piano, ohne an mich zu

denken, und sieht mich dann persönlich hinter dem Instrument stehen:

die Alte hat ein virtuelles Bild von mir _gesehen_. Und dies hat

sich tatsächlich zugetragen, im Herbst 1895. Ich erinnere mich, dass

ich damals in der französischen Hauptstadt eine furchtbare Krisis

durchmachte, als meine Sehnsucht, im Schosse meiner Familie zu sein,

bis zu dem Grad acht über mich bekam, dass ich das Innere des Hauses

sah und für einen Augenblick meine Umgebung vergass, indem ich das

Bewusstsein, wo ich mich befand verlor. Ich war dort, hinter dem

Pianino, in welcher Gestalt es nun geschah, und die Einbildung der

alten Frau spielte keine Rolle dabei.

Da sie übrigens in diese Art Erscheinung eingeweiht war und deren

Tragweite kannte, sah sie darin einen Vorboten des Todes und schrieb,

um zu erfahren, ob ich krank geworden sei!

Um dieses Problem besser zu beleuchten, will ich hier einen Aufsatz von

mir einrücken, der 1896 in der "Initiation" stand und Berührungspunkte

mit oben angeführten Vorfall hat.

Strahlung und Ausdehnung der Seele.

Beobachtungen nach der Natur.

"Ausser sich sein" und "sich sammeln" sind zwei allgemein übliche

Wendungen, die gut die Fähigkeit der Seele ausdrücken, sich auszudehnen

und sich wieder zurückzuziehen.

Die Seele schrumpft zusammen vor Furcht und schwillt auf vor Freude,

Glück, Erfolg.

Steig allein in einen vollbesetzten Eisenbahnwagen. Keiner kennt den

andern, alle sitzen still da. Alle empfinden je nach dem Grad ihrer

Empfindlichkeit ein grosses Unbehagen. Da geht ein mannigfaltige

Kreuzung verschiedener Bestrahlungen vor sich, die allgemeine

Beklemmung erzeugt. Es ist nicht warm, aber man glaubt zu ersticken:

die Geister, die zum Übermass mit magnetischen Fluida geladen sind,

fühlen ein Bedürfnis zu explodieren; die Intensität der Ströme,

verstärkt die _Influenz_ und _Condensation_, vielleicht sogar von

_Induktion_, hat ihr Maximum, erreicht.

Da nimmt einer das Wort: Die Entladung hat stattgefunden, und die

Neutralisation ist eingetreten, wenn sich alle in ein Gespräch ohne

Inhalt eingelassen haben, um ein kurz gesagt physisches Bedürfnis zu

befriedigen.

Der Einsiedler zieht sich in seine Ecke zurück, schliesse sein inneres

Auge und Ohr und vertieft sich in sich selbst, um sich gegen eine neue

_Influenz_ zu wehren.

Oder er betrachtet auch die Landschaft durch das Fenster und lässt

seine Gedanken _umher irren_, indem er _heraustritt_ aus dem magischen

Kreis für ihn gleichgültiger Menschen, die mit ihm eingeschlossen sind.

Das Geheimnis des grossen Schauspielers liegt in der angeborenen

Eigenschaft, seine Seele ausstrahlen zu lassen; dadurch tritt er in

Verbindung mit dem Publikum.

Es leuchtet, strahlt um den geistigen Redner in grossen Augenblicken,

und sein Antlitz verbreitet einen Schein, der sogar für die sichtbar

ist, die nicht gläubig sind.

Der Schauspieler von träumerischer Natur, der eine tiefe Intelligenz

besitzt, der viel studiert, aber nicht die Fähigkeit hat, aus sich

selbst herauszugehen, wird sich niemals auf der Bühne geltend machen

können. In sich selbst verschlossen, wird sein Geist nicht in die

Gemüter der Zuschauer eindringen.

Bei den grossen Krisen im Leben, wenn das Dasein selbst bedroht ist,

erwirbt die Seele übersinnliche Eigenschaften. Es scheint, als ob

die Furcht vor dem Elend die gemarterte Seele treibt, zu entfliehen,

um anderswo ein Leben zu suchen, das leichter zu leben ist. Nicht

umsonst übt der Selbstmord seine Anziehung auf den Unglücklichen, da er

verspricht, die Pforten des Gefängnisses zu öffnen.

Folgendes ist mir passiert vor einigen Jahren.

Ich sass eines Herbstmorgens an meinem Schreibtisch vor dem Fenster,

das auf die düstere Strasse einer kleinen Industriestadt Mährens

blickte.

Im angrenzenden Zimmer, zu dem die Tür angelehnt war, ruhte meine Frau

in kränklichem Zustande, ihr Erstgeborenes erwartend.

Indem ich schrieb, träumte ich mich fort in eine Landschaft, die mehr

als tausend Kilometer nördlich lag und die ich wohl kannte.

Während es Herbst war, und hier beinahe Winter, befand ich mich

mitten im Sommer unter einer grünen Eiche, von der Sonne beschienen;

der kleine Garten, den ich in meiner Jugend selbst bebaut hatte, war

dort; die Rosen--ich konnte sie beim Namen nennen--die Syringen, die

Jasmine atmeten wahrnehmbar ihre besonderen Düfte aus; ich las Raupen

von meinen Kirschbäumen ab, ich beschnitt die Johannisbeerbüsche....

Plötzlich höre ich einen heiseren Schrei, ich finde mich auf dem

Fussboden stehen, ein Krampf dreht schraubenförmig mein Rückgrad um,

und bewusstlos falle ich auf einen Stuhl nieder, einen unerträglichen

Schmerz im Rücken.

Ich erwache zum Bewusstsein und es wird mir klar, dass meine Frau von

hinten gekommen war, um mir guten Morgen zu sagen, und ganz leise ihre

Hand auf meine Achsel gelegt hatte.

--Wo bin ich?

Das war meine erste Frage, und ich sprach sie aus in der Sprache meiner

Heimat, die meine Frau als Ausländerin nicht verstand.

Der Eindruck, den ich von diesem Vorfall bewahrte, war der, dass

sich mein Geist ausgedehnt und den Körper verlassen hatte, ohne die

Verbindung der unsichtbaren Fäden abzubrechen; ich bedurfte einer

gewissen, wenn auch noch so kurzen Zeit, um mich einigermassen zu

erinnern, dass ich mich bewusst und unversehrt in dem Zimmer aufhielt,

wo ich soeben sass und arbeitete.

Wenn nach den alten Erklärungen meine Seele in sich selbst versunken

gewesen, noch in den Grenzen des Körpers geblieben wäre, hätte sie sich

mit grösster Leichtigkeit und Schnelligkeit wieder entfalten können,

und dies Gefühl der Überraschung während meiner Abwesenheit hätte mich

nicht in so hohem Grade gequält.

Nein, ich war _abwesend_, und die Rückkehr meiner Seele ging auf so

plötzliche Weise vor sich, dass ich darunter litt. Aber die Schmerzen

waren in der Rückengegend zu merken und durchaus nicht in den

Gehirnhalbkugeln: das erinnert mich an die überwiegende Rolle, die man

dem plexus solaris zulegte, als ich in meiner Jugend Medizin studierte.

Ein anderes Abenteuer, das mir vor drei Jahren in Berlin passierte, ist

für mich ein Beweis, dass die Exteriorisation oder Auswanderung der

Seele unter aussergewöhnlichen Umständen stattfinden kann.

Nach erschütternden Krisen, Sorgen und unregelmässigem Leben sitze

ich eines Nachts zwischen eins und halb zwei bei einem Weinhändler an

einem Tisch, der jederzeit für meinen Kreis bereit stand. Man hatte

seit sechs Uhr gegessen und getrunken und ich hatte die ganze Zeit so

gut wie allein das Gespräch führen müssen. Es handelte sich für mich

darum, einen jungen Offizier, der im Begriff stand, die militärische

Laufbahn gegen die des Künstlers zu vertauschen, einen verständigen Rat

zu geben. Da er sich zu gleicher Zeit in ein junges Mädchen verliebt

hatte, befand er sich in einem äusserst überspannten Zustand; und

nachdem er im Lauf des Tages von seinem Vater einen Brief mit Vorwürfen

erhalten hatte, war er geradezu ausser sich. Ich vergass meine eignen

Wunden, während ich die eines andern pflegte. Es war eine schwere

Arbeit, bei der mein Geist sich infolge einer Reflexbewegung erhitzte.

Nach endlosen Beweisführungen und Berufungen wollte ich ihn an ein

vergangenes Begebnis erinnern, das auf seinen Entschluss einwirken

konnte.

Er hatte den fraglichen Auftritt vergessen, und, um sein Gedächtnis zu

unterstützen, fange ich an, ihn zu schildern.

--Sie erinnern sich doch jenes Abends im Augustiner-Bräu....

Und ich fahre fort, in dem ich den Tisch bezeichne, wo wir unser Kuvert

verzehrt hatten; beschreibe den Schenktisch, die Tür, durch die man

herein kam, die Möbel, die Bilder....

Auf einmal schwieg ich ... hatte halb das Bewusstsein verloren,

ohne ohnmächtig zu sein, und sass noch auf dem Stuhle. Ich war im

Augustiner-Bräu und hatte vergessen, zu wem ich sprach, als ich so

wieder anfing:

--Warten Sie! Ich bin im Augustiner, aber ich weiss sehr wohl, dass ich

an einem andern Ort bin; sagen Sie nichts ... ich erkenne Sie nicht,

aber ich weiss, dass ich Sie kenne. Wo bin ich?--Sagen Sie nichts, das

ist äusserst interessant....

Ich mache eine Anstrengung, um die Augen zu erheben--weiss nicht, ob

sie geschlossen waren--und ich sah einen Nebel, einen Hintergrund von

unbestimmtem Farbenton, und oben an der Decke herab senkte es sich wie

ein Theatervorhang: das war die Scheidewand, besetzt von Regalen und

Flaschen.

--So! äusserte ich erleichtert, wie nach einem überstandenen Schmerz,

ich bin ja bei Herrn F. (so hiess der Weinhändler).

Das Gesicht des Offiziers hatte sich vor Schreck zusammengezogen und er

weinte.

--Was, Sie weinen? sagte ich zu ihm.

--Das war unheimlich, antwortete er.

--Was denn?...

Wenn ich diese Geschichte andern Personen erzählt habe, hat man

eingewendet, es sei eine Ohnmacht oder ein Rausch gewesen, zwei Worte,

die nicht viel sagen und nichts erklären.

Erstens und vor allem wird eine Ohnmacht von dem Verlust des

Bewusstseins begleitet, ebenso der Rausch; zweitens von einer

Muskellähmung; was hier nicht der Fall war, da ich auf meinem Stuhl

sitzen blieb und bewusst über meine partielle Unbewusstheit sprach.

Zu diesem Zeitpunkt kannte ich weder die Erscheinung noch den

Ausdruck: Exteriorisation des Empfindungsvermögens. (A. de Rochas,

l'Extériorisation de la sensibilité. Paris, Chamuel.) Jetzt da ich

sie kenne, bin ich überzeugt, dass die Seele die Fähigkeit besitzt,

sich auszudehnen; dass sie sich während des gewöhnlichen Schlafes sehr

ausdehnt, um zum Schluss, im Tode, den Körper zu verlassen, keineswegs

ausgelöscht zu werden.

Vor einigen Tagen, als ich ein Trottoir hinunterging, sah ich, wie ein

Gastwirt vor seiner Tür mit einem Scherenschleifer, der auf der Strasse

hielt, laute und böse Worte wechselte. Es war mir unangenehm, die Linie

zu durchschneiden, die diese beiden Individuen verband, aber es war

nicht zu vermeiden; und ich versichere, dass ich ein starkes Unbehagen

empfand, als ich den Raum zwischen den beiden zankenden Männern

überschritt. Es war, als zerrisse ich ein zwischen ihnen ausgespanntes

Seil, oder vielmehr ginge über eine Strasse, die man von beiden Seiten

mit Wasser bespritzt.

Das _Band_, das Freunde, Verwandte und in höchstem Grad Gatten

aneinander bindet, ist ein wirkliches Band, und zwar von einer

greifbaren Wirklichkeit.

Wir beginnen ein Weib zu lieben, indem wir bei ihr Stück für Stück

unserer Seele niederlegen. Wir verdoppeln unsere Persönlichkeit, und

die Geliebte, die bisher gleichgültig, neutral war, beginnt sich in

unser anderes Ich zu kleiden, und sie wird unser Doppelgänger. Wenn es

ihr einfällt, mit unserer Seele fortzugehen, ist der Schmerz darüber

vielleicht der heftigste, den es gibt, nur vergleichbar mit dem der

Mutter, die ihr Kind verloren hat. Ein leerer Raum entsteht, und wehe

dem Mann, der nicht über die Kraft verfügt, seine Zweiteilung wieder zu

beginnen und ein anderes Gefäss zum Füllen zu finden.

Die Liebe ist ein Akt, durch den der Mann sich selbst befruchtet, weil

es der Mann ist, der liebt; es ist eine süsse Illusion, das er von

seiner Frau geliebt wird, seinem zweiten Ich, seiner eigenen Schöpfung.

Inferno; Legenden · 第 16 / 25 段