Ist es vermessen diese beiden Tatsachen zusammenzuwerfen: der Doktor

plädiert für den Lästerer, und der Doktor bricht sich ein Bein. Hat

der Zufall sein Pferd erschreckt, dass es scheu wurde und den Wagen

umwarf? Ich frage nur. Und wie ging es zu, dass der Doktor, nachdem

er mehrere Monate zu Bett gelegen hatte, "mit zerrissener Hüftsehne"

wieder aufstand; dass sein vorher klarer und fester Blick einen wilden

und sonderbaren Ausdruck angenommen hatte, wie bei einem Menschen, der

seiner selbst nicht mehr mächtig ist?

Brauche ich darauf zu antworten? Wenn man mit einem Ja antwortet, werde

ich die Erzählung bis zum Ende fortsetzen.

Dieser Doktor, ein guter Kerl, einsichtig und ehrlich, kam eines

Tages gegen Ende des Sommers und vertraute mir an, er werde von

Schlaflosigkeit geplagt, und ein seltsames Kitzeln wecke ihn des Nachts

und lasse ihm nicht eher Ruhe, bis er aufstehe. Wenn er eigensinnig

liegen bleibe, stelle sich Herzklopfen ein.

--Nun? Schloss er und erwartete meine Antwort mit einer allzu

deutlichen Unruhe.

--Ganz ebenso war es mit mir! Erwiderte ich.

--Und wie haben Sie Heilung gefunden?

War es Feigheit, oder gehorchte ich einer Stimme in meinem Innern, als

ich antwortete:

--Ich nahm Sufonal.

Sein Gesicht bekam einen Ausdruck der Enttäuschung, aber ich konnte

nichts bei der Sache tun.

4.

Wunder.

Nach drei Monaten sehr strengen Winters machen sich die ersten

Frühlingszeichen bemerkbar. Die erstarrten Menschensinne tauen auf, und

die ausgesäten Samen unter dem Schnee beginnen zu keimen. Es ist so

vieles geschehen, und, statt die unleugbaren Tatsachen als Zufälle und

zufälliges Zusammentreffen von sich zu schieben, beobachtet man sie,

sammelt sie und zieht daraus seine Reflexionen. Anfangs tat man es, um

über seinen eigenen Aberglauben lachen zu können, später erlischt das

Lächeln, und man weiss nicht mehr, was man glauben soll. Es geschehen

Wunder, und zwar alle Tage, aber man tut nicht Wunder nach Belieben.

Eines Tages zur Mittagsstunde gehe ich über den Markt, der für den

Augenblick geräumt ist. Seit langen an Platzfurcht leidend, fürchte ich

mich vor leeren Räumen, und mit einer schlecht verhehlten Ängstlichkeit

gehe ich über offene Plätze. Dieses Mal, da ich müde von der Arbeit

und äusserst nervös bin, macht der Anblick des öden Marktes einen so

quälenden Eindruck auf mich, dass ich eine Verlangen empfinde, "mich

unsichtbar zu machen", um mich neugierigen Augen zu entziehen; ich

senke den Kopf, hefte den Blick auf das Steinpflaster und habe ein

Gefühl, als ob ich mich in mich selbst zusammenrolle, die äusseren

Sinne zuschliesse und die Berührung mit der Aussenwelt abschneide; als

ob ich aufhöre, den Einfluss des umgebenden Milieus zu vernehmen. Und

ohne davon zu wissen, bin ich über den Markt gekommen.

Im nächsten Augenblick werde ich aus einer Gasse hinter mir von zwei

bekannten Stimmen angerufen. Ich bleibe stehen.

--Welchen Weg kamst du?

--Über den Markt!

--Nein! Wie wäre das zugegangen? Wir standen hier ja Posten, um dich zu

treffen und zusammen Mittag zu essen!

--Ich versichere euch....

--Dann hast du dich unsichtbar gemacht?

--Nichts ist unmöglich!

--Für dich wenigstens nicht. Und man erzählt die unglaublichsten

Sachen, die mit dir geschehen sein sollen.

--Ich argwöhne so etwas, da man mich an der Donau gesehen hat, als ich

in Paris war.

Das war wirklich der Fall, aber zu dieser Zeit glaubte ich, es gebe

Visionen ohne eine wirkliche Grundlage.

Und ich warf die Äusserung mehr als einen lustigen Einfall hin.

Am selben Tage nahm ich mein Abendessen allein im kleinen Speisesaal

der Kneipe ein. Ein Mann, den ich nicht kannte, trat herein,

augenscheinlich, um jemand zu suchen. Er bemerkt mich nicht, obgleich

er an allen Tischen nachguckt; und überzeugt, dass er allein im Zimmer

ist, fängt er laut an zu fluchen und laut mit sich selbst zu sprechen.

Um ihn auf die Gegenwart eines Gastes aufmerksam zu machen, klopfe ich

mit der Gabel an ein Glas. Der Fremde macht sofort eine Bewegung und

ist überrascht, jemand im Zimmer zu sehen; er schweigt plötzlich und

hat Eile, sich fort zu begeben.

Von Stund an beginne ich, über die Frage der Dematerialisation zu

grübeln, welche die Okkultisten anerkennen. Und die Beweise folgen

Schlag auf Schlag.

Eine Woche später wird meine Aufmerksamkeit von einem neuen,

sonderbaren Ereignis geweckt. Es war ein Mittwoch, wo der Speisesaal

infolge des Wochenmarktes mit Landleuten vollgepfropft ist. Um dem

Gedränge und der Unbehaglichkeit auszuweichen, hat mein gewöhnlicher

Tischkamerad ein besonderes Zimmer bestellt; da er früher als ich

gekommen ist, erwartet er mich im Vestibül und bittet mich hinauf zu

gehen. Um aber Zeit zu gewinnen, kommen wir überein, den allgemeinen

Butterbrottisch im Saale in Anspruch zu nehmen. Widerwillig marschiere

ich hinter meinem Freund hinein, weil ich die betrunkenen Bauern und

deren Verunglimpfungen scheue. Wir kamen durch den Haufen an den

Butterbrottisch heran, wo sich nur ein, übrigens sehr friedliches,

Individuum befand.

Nachdem wir dort etwas zu uns genommen hatten, wobei ich kein Wort mit

meinem Freunde wechselte, zogen wir uns in unser Zimmer zurück, ich

hinter ihm. An der Tür zeigt sich mein Freund sehr erstaunt, mich zu

sehen.

--Was? Wo kommst du her?

--Vom Butterbrottisch natürlich.

--Ich habe dich dort nicht gesehen; darum glaubte ich, du seist hier

geblieben!

--Hast du mich nicht gesehen? Wir haben ja die Hände über den Schüsseln

gekreuzt.... Kann ich mich denn unsichtbar machen?

--Komisch ist es jedenfalls!

Wenn ich in meiner Erinnerung grabe, bringe ich jetzt geheime Fonds an

den Tag, die bisher ohne Wert für einen Zweifler waren, dessen Gemüt

unter der Beschäftigung mit den exakten Wissenschaften steril geworden

ist. So erinnere ich mich des Morgens meines ersten Hochzeitstages.

Es war ein Wintersonntag, eigentümlich still und unangenehm feierlich

für mich, der sich bereitete, das unreine Junggesellenleben zu

verlassen und sich mit der Frau, die ich liebte, am ehelichen Herd

niederzulassen. Ich fühlte eine Lust, mein Frühstück, das letzte in

meinem Junggesellenleben, ganz allein einzunehmen; zu diesem Zweck ging

ich in ein unterirdisches Café, das in einer unansehnlichen Gasse lag.

Es war ein Kellerraum, mit Gas erleuchtet. Als ich Kaffee-Frühstück

bestellt habe, bemerke ich, dass ich den Blicken einer Gesellschaft

Männer ausgesetzt bin, die augenscheinlich seit dem Abend um die

Flaschen sitzen, gespensterhaft bleich, unmanierlich, nachlässig

gekleidet, heiser und garstig, wie sie nach einer in Ausschweifungen

zugebrachten Nacht sind. Unter der Gesellschaft erkannte ich zwei

Jugendfreunde wieder, die so heruntergekommen waren, dass sie jetzt

weder Haus noch Heim noch eine Beschäftigung besassen, notorische

Taugenichtse, die vielleicht sogar ans Verbrechen streiften.

Es war nicht Hochmut, der mir Ekel davor einflösste, die Bekanntschaft

wieder anzuknüpfen; es war die Furcht, in den Schmutz zurückzufallen;

ich wollte mich nicht in meine Vergangenheit versetzen lassen, denn

ich hatte in ähnliches Stadium durchgemacht. Schliesslich, als der

verhältnismässig Nüchternste von ihnen, zum Abgesandten erwählt,

aufstand, um sich meinem Tisch zu nähern, wurde ich von Entsetzen

ergriffen; fest entschlossen, meine Identität zu verleugnen, wenn es

nötig wäre, messe ich meinen Angreifer mit den Augen; ohne dass ich

weiss, wie es zuging, bleibt er ein kleines Stück vor meinem Tisch

stehen; mit einem albernen Gesichtsausdruck, den ich nie vergessen

kann, bittet er um Entschuldigung und zieht sich auf seinen Platz

zurück. Er würde sicher darauf geschworen haben, dass ich es war, und

doch erkannte er mich nicht wieder.

Dann fängt man an mein Alibi zu erörtern:

--Er ist es, ganz sicher!

--Nein, hol mich der Teufel, er ist es!

Ich räume das Feld, voll Scham über mich selbst, voll Mitleid mit den

Unglücksvögeln, aber in der Tiefe meines Herzens glücklich, einem solch

abscheulichen Dasein entronnen zu sein. Entronnen?!

Abgesehen von der moralischen Seite der Sache bleibt noch das

Wunderbare bestehen, dass man seinen Gesichtsausdruck so verändern

kann, dass man für einen alten Bekannte unerkenntlich wird, dem man das

Jahr über auf der Strasse begegnet und zunickt.

Vor fünf Jahren hatte mir in Berlin ein junges Mädchen aus guter

Familie das Versprechen abgenommen, ihr eines Abends im Theater

Gesellschaft zu leisten. Der Vorschlag gefiel mir nicht, weil ich

vermeiden wollte, die junge Dame zu kompromittieren, und ausserdem

lange Theaterabende mich ermüden. Da es indessen nicht möglich

war, davon loszukommen, begab ich mich zur Zusammenkunft auf ein

verabredetes Trottoir. Ich muss jedoch gestehen, dass ich die hundert

Schritte hin und zurück auf der anderen Seite der Strasse ging, die

indessen ganz schmal war. Ich ging dort eine halbe Stunde, ohne jemand

anzusehen, und fest entschlossen, die Begegnung zu verfehlen. Der

Streich gelang, und ich schlich mich davon.

Am Tage darauf war ich es, der einen Brief mit Vorwürfen absandte. Das

Fräulein antwortete mir verwundert und beteuerte, es sei gekommen und

habe gewartet. Die Sache wurde nicht aufgeklärt.

Früher pflegte ich oft allein auf Jagd zu gehen, ohne einen Hund

mitzunehmen und oft ohne Flinte. Ich wanderte aufs Geradewohl dahin,

es war in Dänemark; als ich auf einer Waldblösse stehen bleibe, taucht

ein Fuchs ganz nah bei mir auf. Er sieht mir ins Gesicht, bei klarem

Sonnenschein, auf zwanzig Schritt Entfernung. Ich stehe unbeweglich

und der Fuchs fährt fort den Boden zu durchschnüffeln, auf Jagd nach

Mäusen. Ich bücke mich, um einen Stein aufzunehmen. Da ist er an der

Reihe, sich unsichtbar zu machen, denn im Nu, ist er verschwunden, ohne

so zu verschwinden, dass ich es sah. Als ich den Boden untersuche,

fand ich keine Spur eines Schlupfloches, auch keinen Busch, der ihn

verbergen konnte. Er war verschwunden, ohne die Läufe zu Hilfe zu

nehmen!

Hier und dort auf den sumpfigen Wiesengründen am Ufer der Donau bauen

oft Reiher ihre Nester, und die Reiher sind äusserst scheue Vögel.

Trotzdem geschah es oft, dass ich sie überraschen konnte, ohne mich

zu verstecken. Und so lange ich mich unbeweglich verhielt, konnte

ich dastehen und sie ansehen. Es kam sogar vor, dass sie über meinen

Kopf flogen. Niemand wollte mir glauben, wenn ich dies erzählte, am

allerwenigsten die Jäger. Daraus schloss ich, dass die Sache ein wenig

übernatürlich sei.

Als ich schliesslich diese Abenteuer meinem Freund, dem Theosophen in

Lund, erzählte, erinnerte er sich einer Begebenheit, zu der er nie den

Schlüssel finden konnte. Ein Arbeiter, den er kannte, besucht ihn und

behauptet, ein antiker Kunstgegenstand sei irgendwo zu verkaufen, und

bittet um einen Vorschuss von fünf Kronen. Nachdem der Mann den Betrag

bekommen hat, ist er wie verschwunden und lässt sich während dreier

Monate nicht wieder treffen.

Eines Sonntagabends ging der Theosoph mit seiner Frau durch eine

Hinterstrasse, als er den Mann ein Stück vor sich auf demselben

Trottoir erblickte. Da habe ich den Burschen endlich!

Der Theosoph lässt den Arm seiner Frau los und beeilt seine Schritte,

als plötzlich der andere verschwunden, verdunstet ist. Da war keine

Tür, kein Fenster, keine Kellerluke, um hineinzuschlüpfen und sich

zu verbergen. Wie gewöhnlich, glaubte der Theosoph das Opfer einer

Hallucination gewesen zu sein, zumal sich keine lebende Seele auf der

Strasse befand; ein Irrtum der Person war also ausgeschlossen.

Dies ist die nackte Tatsache. Eine Erklärung für das Unerklärliche zu

verlangen, ist ein Widerspruch. Wenn man bei einem lebenden Wesen die

Fähigkeit anerkennt, die sichtbaren Lichtstrahlen dazu zu bringen, von

ihrer Richtung abzuweichen, das heisst, die Amplitude der Refraktion

zu verändern, ist etwa in diesem Haufen Worte eine Lösung des Problems

zu finden, dessen Hauptpunkt sich in einem Warum und einem Wie verbirgt?

Bleibt nur übrig, dass es ein Wunder war! Mag es denn für ein Wunder

gelten, bis man besseren Bescheid erhält; und während wir warten, lasst

uns Tatsachen sammeln, ohne sie zu widerlegen zu suchen.

5.

Meines kleingläubigen Freundes Drangsale.

Grosse Verlegenheit empfinde ich, da ich daran soll, meines Freundes

Abenteuer darzustellen, aber ich habe ihn im voraus um Verzeihung

gebeten, und er weiss, wie uneigennützig meine Zwecke sind. Übrigens,

da er selbst seine Verdriesslichkeiten jedem, der sie hören wollte,

erzählt hat, ohne sie als ein Geheimnis unter Siegel zu legen, habe ich

nur den unparteiischen Chronisten zu spielen; wenn man mich deshalb

scheel ansieht, so bin ich es, der darunter zu leiden hat.

Mein Freund ist Atheist und Materialist, aber liebt das Leben, das er

verachtet, und ist bange vor dem Tode, den er nicht kennt.

Er ist toll nach Frauen, und als Freischütze nimmt er sein Wildbret

sowohl auf verbotenen Jagdgründen wie auf Gemeindeland.

Im Anfang unserer Bekanntschaft, als er mir eine Zuflucht in seiner

Wohnung anbot, behandelte er mich mit brüderlicher Freundschaft und

pflegte mich wie einen Kranken, das heisst, mit dem rücksichtsvollen

Mitleid eines seelenfrischen Freidenkers, der sich auf die

Gemütskrankheiten versteht und die Nachsicht übt, die sie fordern.

Nun kann aber auch ein Freidenker seine dunklen Stunden der Traurigkeit

haben, für die er keine Ursache weiss, und eines Abend, ganz spät, als

die Dämmerung sich im Zimmer ausgebreitet hatte und die angezündeten

Lampen nicht genügten, um die Ecken zu erhellen, wo die Schatten ihr

Spiel treiben, anvertraute mir mein Freund, zur Antwort auf meinen

Dank, dass die Verpflichtung ganz auf seiner Seite sei. Er habe nämlich

ganz kürzlich ein Leid erlebt, da ihm sein bester Freund vom Tod

entrissen sei. Seitdem werde er von unruhigen Träumen verfolgt, in die

sich stets sein abgeschiedener Freund mische.

--Auch du?

--Auch?--Du verstehst doch, dass ich von Träumen spreche, die man

nachts träumt....

--Ja, gewiss!

--Schlaflosigkeit, Alpdrücken und so etwas.... Du weisst wie es ist,

vom Alp geritten zu werden; das kommt ja von deiner Affektion der

Brust, die eine durch Exzesse gestörte Verdauung verursacht. Hast du

nie Alpdrücken gehabt?

--Ja, gewiss! Man isst Krebse am Abend, und dann ist es fertig! Hast du

es mit Sulfonal versucht?

--Ja, freilich! Aber sich auf die Ärzte verlassen. Du weisst vielleicht

selbst....

--Ich kenne sie aus dem Grunde.... Aber lass uns mehr von deinem

Kameraden sprechen, der gestorben ist. Offenbart er sich also auf eine

beunruhigende Weise, ich meine im Traum?

--Er ist es nicht, der vor mir spukt, das brauche ich dir wohl nicht

erst zu sagen. Es ist seine Leiche, und es betrübt mich, sagen zu

müssen, dass er unter aufregenden Umständen starb. Denke dir, ein

junger talentvoller Mann, der ein vielversprechendes Debut in der

Literatur gemacht hat, muss an einer Krankheit sterben, die sehr wenig

bekannt ist, Tuberkulosis miliaris; durch die sein Körper eine solche

Auflösung durchmachte, dass nichts anderes von ihm übrig bleibt, als

ein Hirsesack.

--Und nun spukt seine Leiche vor dir?

--Du willst nicht begreifen, was ich meine; lassen wir die Sache----

Mit schwankender Gesundheit und einer Natur, die ebenso launenhaft

wie das Aprilwetter ist, scheint mein Freund an weitvorgeschrittener

Nervosität zu leiden; und als ich im Februar von ihm wegziehe, will er

nach Sonnenuntergang niemals allein nach Haus gehen.

Da trifft ihn ein Missgeschick von wesentlich ökonomischer Art; ein

Prozess soll angestrengt werden, und wir fürchten, dass er sich das

Leben nehmen wird, nach gewissen Äusserungen zu urteilen, die er von

Zeit zu Zeit fallen lässt!

Neuverlobt, wie er ist, sieht er der Zukunft mit recht düsteren

Aussichten entgegen. Aber satt gegen die Widerwärtigkeiten zu

reagieren, unternimmt er eine Erholungsreise, um die Sorgen zu

betäuben; und nach seiner Rückkehr versammelt er die Kameraden um sich

und gibt Festessen. Mitten im Feiern gerät sein Körper in Unordnung,

ihm wird verordnet, sich zu Bett zu legen, und er kann nicht darin

bleiben infolge einer Diarrhöe, die zwei ganze Tage dauert.

Erst am zweiten Tag davon unterrichtet, begebe ich mich zu ihm. Ein

Leichengeruch erfüllt das Haus; der Kranke ist schwarz im Gesicht

geworden, so dass man ihn kaum wiedererkennt. Er liegt ausgestreckt auf

dem Bett und wird von einem Freund und einer Krankenwärterin gepflegt,

deren Hände er nicht einen Augenblick los lässt. Er ist aufgeschreckt,

da er von den anhaltenden Plagen geschwächt ist.

Später, als er wieder gesund war, erzählte er mir, er habe eine Vision

gehabt von fünf Teufeln in Gestalt roter Affen mit schwarzen Augen,

die aufgekrochen auf dem Bettrand sassen und den Schwanz auf und ab

bewegten.

Als er seine Kräfte wiedergewonnen hat und es ihm gelungen ist, die

Geldsachen zu ordnen, erzählt er seinen Traum jedem, der ihn anhören

will, und man amüsiert sich sehr darüber!

Von Zeit zu Zeit drückt er seine Verwunderung darüber aus, dass

das Schicksal, das ihn bisher begünstigt hat, nun anfängt, ihn zu

verfolgen: nichts will mehr gelingen, alles geht schief.

Mitten in diesen Betrachtungen, die von fröhlichem Leben unterbrochen

werden, bekommt der Unglückliche, der bei den Mächten in Ungunst

geraten zu sein scheint, einen neuen Stoss, der zu fühlen ist. Ein

Kaufmann, der zu seinem Kreis gehört, hat sich ertränkt, Schulden

hinterlassend; mein Freund hat für ihn auf eine ansehnliche Summe

gebürgt und ist in grosser Verlegenheit.

Die Verdriesslichkeiten beginnen nun, und zwar gehörig. Der Körper

des Toten spukt in der Küche meines Freundes, und dieser beredet

einen jungen Doktor, die Nächte in seiner Wohnung zuzubringen, um das

Gespenst zu verscheuchen. Aber die Unsichtbaren nehmen auf nichts

Rücksicht, und eines Nachts erwacht mein Freund, um das ganze Zimmer

voller Mäuse zu sehen. Von deren Wirklichkeit überzeugt, nimmt er einen

Stock und schlägt nach ihnen, bis sie verschwinden.

Das war ein Anfall von Fieberphantasie, aber einer zu zweien, denn am

nächsten Morgen erzählt der Kamerad, der im Zimmer nebenan lag, er habe

in dem Zimmer, wo der andere schlief, Mäuse piepen _gehört_.

Wie soll man eine Hallucination erklären, die der eine durch den

Gesichtssinn und der andere mit dem Gehör wahrgenommen hat?

Als man indessen am hellen Tage und bei Sonnenschein dieses Abenteuer

erzählt, wird es in Lächeln gewendet. Und darauf unterfängt sich mein

Freund, die Erscheinung, die er von dem Kaufmann, dem Selbstmörder,

gehabt hat, im einzelnen zu erläutern, und er begleitet seine

Darstellung mir ausgesucht cynischen Bemerkungen.

--Könnt ihr euch denken, er war ganz schwarz und die weissen Maden

wimmelten aus dem Rumpfe hervor.... Als Augenzeuge kann ich berichten,

dass er im selben Augenblick, als er diese Worte ausgesprochen hatte,

erbleichte, vom Tisch aufstand und mit einer Gebärde des Ekels auf

etwas deutete, das auf seinem Teller lag. Es war eine weisse Made, die

an einer Sardine entlang kroch!

Am folgenden Tage wird mein Freund genötigt, seine Abendmahlzeit

abzubrechen, weil er weisse Maden an einem Stück Küken findet.

Er vermag nichts zu essen, obgleich er sehr hungrig ist, und wird

ängstlich, aber nur für einen Augenblick.

--Was bedeutet das? Was bedeutet das?

--Man soll nicht schlecht von den Toten sprechen. Denn sie rächen sich.

--Die Toten? Aber die sind ja tot!

--Gerade deshalb sind sie lebendiger als die Lebendigen.

Mein Freund hat sich wirklich angewöhnt, offen von den Schwächen des

Verstorbenen zu sprechen, der ihm trotz allem ein guter Freund gewesen

war.

Einige Tage später, als wir auf der Gartenveranda des Restaurants bei

Tische sitzen, ruft einer von den Tischgästen aus:

--Seht, die Maus, so eine grosse Maus!

Keiner hat sie gesehen, und man macht sich lustig über den Visionär.

--Wartet nur, ihr werdet sie schon sehen, sie ist dort unter den

Brettern! Eine Minute vergeht und eine Katze kommt unter den Brettern

hervor.

--Ich glaube, wir haben bald genug von Mäusen! ruft mein Freund aus,

augenscheinlich peinlich berührt.

Nach Verlauf einiger Zeit kommt eines Abends jemand und klopft an meine

Tür, nachdem ich zu Bett gegangen bin. Ich öffne und befinde mich von

Angesicht zu Angesicht mit meinem Freunde, der entstellt aussieht und

erregt ist. Er bittet, bei mir auf einem Sofa bleiben zu dürfen, weil

... eine Frau die ganze Nacht hindurch schreit in dem Hause, wo er

wohnt.

--Ist es eine richtige Frau oder ein Gespenst?

--Oh, es ist eine Frau, die den Krebs hat und nichts besseres verlangt,

als sterben zu dürfen.--Man kann verrückt werden von dem all dem! Und

wenn ich meine Tage nicht im Irrenhaus beschliesse, wäre es wunderbar!

Es ist nur ein sehr kurzes Sofa da, und als ich den hochgewachsenen

Mann auf einem solchen Ding und zwei daneben gestellten Stühlen

ausgestreckt sehe, ist mir, als sähe ich einen Galeerensträfling auf

der Folterbank.

Aus seiner hübschen Wohnung und seinem bequemen Bett verjagt, des

einfachen Genusses, sich auskleiden zu dürfen, beraubt, flösst er mir

Mitleid ein, und ich biete ihm als Zeichen meiner Dankbarkeit mein Bett

an. Aber er sagt nein dazu.

Die Lampe muss angezündet sein, er will es, und der Schein fällt dem

Unglücklichen gerade ins Angesicht. Ihm ist bange vor dem Dunkel, und

ich verspreche ihm, als Nachtwache aufzubleiben.

--Es leidet keinen Zweifel! Es ist eine kranke Frau, aber merkwürdig

ist es jedenfalls.

So liegt er und murmelt, bis der Schlaf sich seiner erbarmt!

Ganze zwei Wochen lang musste er nachts auf fremden Sofas Ruhe suchen.

--Das ist ja die Hölle selbst! ruft er aus.

--Ganz mein Gedanke! gebe ich zur Antwort.

Und ein anderes Mal, als sich die "weisse Frau" in der Nacht gezeigt

hat, stellt er selbst die Möglichkeit auf, es könne eine Strafe sein.

Meiner Rolle getreu, beschränke ich mich auf ein skeptisches Schweigen.

Ich will übergehen die Begebenheiten mit dem schreienden Mädchen, die

Dazwischenkunft des Polizeiagenten, der als alter Mitschuldiger in

einer berüchtigten Sache erkannt wurde; ich verweile auch nicht bei

dem Auftreten des Butterhändlers und seiner Tochter, sondern setze

ein mit der Erzählung von der Madonna und der Vision, die man auf

telepatischem Wege von einer Person in dem Augenblick hatte, als sie

starb. Sie ist ganz kurz.

Bei einem Ausflug ins Grüne befindet mein Freund sich in einer kleinen

Gesellschaft, die am Ufer eines Sees versammelt ist. In einem Ausbruch

guter Laune vergisst er die angstvollen Stunden, die er auszustehen

gehabt hat, und wirft folgenden Einfall hin:

--Hier müsste man eine Offenbarung der heiligen Jungfrau in Szene

setzen! Es würde ein gutes Geschäft sein, einen Wallfahrtsort anzulegen.

Im selben Augenblick erbleichte er, und zur grossen Verwunderung seiner

Begleiter rief er fast in Ekstase aus:

--Jetzt starb er!

--Wer?

--Leutnant X. Ich sah ihn im Todeskampf liegen, das Zimmer, die

Anwesenden darin, alles!

Man amüsierte sich!

Als man aber in die Stadt zurückkehrt, begegnet man der Nachricht von

Leutnant X's Hinscheiden. Und der Tod war plötzlich eingetroffen,

genau um halb acht Uhr, im selben Augenblick, als der Visionär davon

Botschaft bekam.

Die Spottvögel wurden von dem Eindruck überwältigt, so dass sie

unwillkürlich Tränen vergossen, nicht aus Trauer, da der Tode ihnen

ganz gleichgültig war, sondern aus Gemütsbewegung über das Wunder.

Die Zeitungen machen ein Wesen aus dem Geschehnis; die ehrlichen unter

ihnen leugnen die Tatsache nicht, die unehrlichen lassen durchblicken,

die Zeugen seien Betrüger. Die Folge ist ein Protest meines Freundes,

des Ketzers, der den Sachverhalt anerkennt, ihn aber als zufälliges

Zusammentreffen auslegt.

Ich gebe zu, dass sich eine gewisse Bescheidenheit in dieser Art

verrät, der Mächte Eingreifen in unsere kleinlichen Angelegenheit

auszuscheiden, aber dahinter verbirgt sich auch "der Unbussfertigen

Verhinderung"; was aus folgender Stelle bei Claude de Saint-Martin

hervorgeht:

Inferno; Legenden · 第 15 / 25 段