Da, mitten in meiner schicksalbestimmten, unvermeidlichen Armut sendet

die Vorsehung einen Mann auf meinen Weg, ja einen Mann, dessen Vater

ich früher missachtet hatte, sowohl wegen seiner mangelhaften Erziehung

wie wegen seiner radikalen Ansichten, die ihn von den besseren

Gesellschaftskreisen ausschlossen .... Jetzt kam die Vergeltung: ich

hatte den Vater geschmäht, trotzdem er ein reicher Mann war, und ich

werde geradezu gezwungen, mit dem Sohn fürlieb zu nehmen. Hier muss

hinzugefügt werden, dass der junge Mann in der Stadt ebenso schlecht

angeschrieben ist, wie ich, ebenso isoliert, weil er die Rolle eines

Verführers der Jugend spielt. Und das Unglück bringt uns dazu, eine

wahrhaftige Freundschaft zu knüpfen.

Er ladet mich ein, bei sich zu wohnen, er streckt mir Existenzmittel

vor, er wacht über mich wie über einen Kranken; und in der Tat hat

die Verfolgung mich verleitet, in einem Hotel Skandal zu erregen: ich

wollte in ein Zimmer neben dem meinen eindringen, überzeugt, dort

Feinde zu finden, die mich beunruhigten. Wenn ich noch einen Tag in

diesem Hotel gewohnt hätte, würde die Polizei sich eingemischt haben,

und eine Zukunft im Irrenhause wäre mir sicher gewesen.

Zur selben Zeit bringt das Auftreten eines andern jungen Mannes mich zu

der Überzeugung, dass die Götter nicht unversöhnlichen Groll gegen mich

nähren.

Ein richtiges Wunderkind, geboren mit frühreifer Einsicht in alle

Zweige des menschlichen Wissens, wohl erzogen von einem gelehrten und

sittlich hoch stehenden Vater, wurde der junge Mann vor zwei Jahren von

einer ganz geheimnisvollen Krankheit ergriffen, deren Einzelheiten er

mir zu dem Zweck offenbarte, meine Meinung zu erfahren oder vielmehr

die Bestätigung seines eigenen Argwohns zu hören.

Genug, der junge Mann, der ein reines Jünglingsleben gelebt und

die strengsten Grundsätze eingesogen hat, tritt unter günstigen

Verhältnissen hinaus ins Leben, von seinen Altersgenossen beschützt

und beliebt wohin er kommt. Aber eines Tages begeht er eine Handlung,

die ihm sein Gewissen bestimmt verbietet. Nichts ist seitdem imstande

ihn zu beruhigen. Nach langer Zeit geistiger Tortur unterliegt

auch sein Körper. Gleichzeitig erreicht seine Seelenkrise eine

erschreckende Höhe. Jeden Tag konstatiert er einen neuen Fortschritt

eines eingebildeten Übels, und schliesslich macht er die Qual

der Agonie durch. Darauf glaubt er tot zu sein; er hört in allen

Wohnungen des Hauses Särge zunageln. Wenn er die Zeitung liest--sein

Verstand ist nämlich dauernd klar--erwartet er die Anzeige seines

eigenen Begräbnisses zu sehen. Gleichzeitig erleidet sein Körper eine

Scheinauflösung mit Leichengeruch, der seine Umgebung von seinem Bett

schreckt und ihn selbst zum Schaudern bringt. Eine Veränderung in

der Persönlichkeit selbst scheint vor sich gegangen zu sein, da der

junge Mann, der auf seine Weise religiös gesinnt war, nun von Zweifeln

angefochten wird.

Eine Wahrnehmung, die er im Gedächtnis behielt, war, dass seine

Umgebung stets wachsbleiche oder blaue Gesichter hatte. Und wenn er

aufgestanden war, um die Leute auf der Strasse zu betrachten, schienen

ihm alle Passanten blau im Gesicht zu sein. Was ihm ferner Entsetzen

einflösste, war, dass sich unten auf der Strasse eine unendliche Reihe

von Bettlern, zerlumpten Kerlen, gebrechlichen beinlosen Krüppeln

auf Krücken an seinem Fenster vorbei schleppten, als seien sie

zusammengerufen worden, um Revue zu passieren. Während der ganzen Zeit

behielt der Kranke den Eindruck, dass die Wirklichkeit von dem, was er

sah, über jeden Zweifel erhaben war; daneben aber wurde er gezwungen,

eine symbolische Bedeutung hineinzulegen. Jedes Buch, das er öffnete,

enthielt direkte Mahnungen an ihn.

Nachdem er seine Erzählung beendet hatte, frage er, was ich von der

Sache denke.

--Etwas Halbwirkliches, eine Reihe Visionen, von jemand

heraufbeschworen, zu bewusstem Zweck. Eine lebende Scharade, aus der

die Nutzanwendung zu ziehen Ihnen zukommt. Nun, wie wurden Sie geheilt?

--Es ist recht lächerlich, aber ich will es Ihnen gestehen. Früher

hatte ich immer in Opposition zu meinen Eltern gestanden, die mich mit

unermüdlicher Fürsorge für Leib und Seele umgaben; jetzt aber beuge ich

schliesslich den Nacken unter das Joch, das mir lieblich und wohltuend

geworden, da es von ungeheuchelter Liebe abgemessen war. So wurde ich

geheilt.

--Und haben Sie nie einen Rückfall gehabt?

--Doch! Ein einziges Mal! Aber von der gelindesten Art. Eine Zeitlang

unbedeutende Nervosität und Schlaflosigkeit, die vor den einfachsten

medizinischen Verhaltensmassregeln wich. Aber dieses Mal hatte ich mir

auch nichts vorzuwerfen.

--Und was hat Ihnen der Arzt verordnet?

-Ordentlich zu leben, nachts zu schlafen und Ausschweifungen zu

vermeiden.

--Das ist ja ganz der Weg des Kreuzes!

Nun bin ich also nicht mehr einsam und verlassen; der junge Gelehrte

scheint mir als ein Bote von den Mächten gekommen zu sein, ich kann ihm

alles anvertrauen; und indem wir vergleichen, was wir erlebt haben,

stützen wir einander gegenseitig auf dem schmalen Pfad im Tal der

Schmerzen.

Auch er getroffen in jungen Jahren!

Alle Menschen gewaltsam aus dem Schlaf gerissen!

Es ist also eine allgemeine Erweckung, und was bezweckt sie?

3.

Erziehung.

Swedenborg, mein Wegweiser in der Finsternis, hat sich nur als

Bestrafer offenbart. Die "Arcana Coelestia" sprechen nur von der

Hölle und von Strafen, die vollzogen werden von bösen Geistern, das

heisst Teufeln. Nicht ein Wort des Trostes, keine Gnade. Und doch

ward ja der Teufel in meiner Jugend abgeschafft, alle lachten über

ihn; und durch die Ironie des Zufalls bereitet man sich gerade jetzt

dazu, das Jubiläum des Philosophen Boström zu begehen, der die Hölle

niederriss und den Teufel vernichtete. Zu diesem Denker sah man in

meiner Jugend wie zu einem Reformator auf, und jetzt rüstet sich

der Teufel zu einer Renaissance für sich. Er ist in die Erzeugnisse

der sogenannten satanischen Literatur geschlüpft, in die schönen

Künste an die Seite von Christus, ja sogar in die Industrie. Letzte

Weihnacht habe ich bemerkt, dass die Geschenke meist kleine Teufel und

Gespenster vorstellten, sowohl die Spielsachen der Kinder wie komische

Gegenstände, welche die älteren für einander kaufen, Zuckerwerk,

Kontorkalender. Gibt es ihn noch, oder ist er nur ein halb wirkliches

Schreckbild, das von den Unsichtbaren projiziert wird, um einen starken

Eindruck auf uns zu machen? Uns zum Kreuze hinzustossen? Eine Antwort

darauf zu finden, war mir noch nicht gelungen, als man mich an einem

trüben Abend zu einem Bildhauer führt, der Freidenker und Atheist ist,

wie die theosophische Gesellschaft, deren Anhänger er ist. Bei ihm kann

man eine Privatsammlung von Gegenständen in Ton sehen, die für die

Stockholmer Ausstellung bestimmt sind.

Mit abstossendem Realismus und Cynismus ist da der Teufel in

verschiedenen Situationen dargestellt, immer in Verbindung mit einem

Priester, dem vor ihm bange ist.

Das ist ein Lachen! Aber ich, ich kann nicht lachen und denke: warte,

wir werden sehen!

Nach Verlauf von vier Monaten begegne ich dem Bildhauer auf der Strasse.

Er sieht betrübt aus, als sei ihm etwas Unangenehmes widerfahren.

--Können Sie sich solch ein verdammtes Pech denken: man hat drei meiner

besten Figuren zerschlagen, als man sie auf der Ausstellung auspackte.

Das ist etwas, was mich ausserordentlich interessiert, und in demselben

Augenblick, in dem ich das Unglück beklage, frage ich mit einer fast

schmählichen Neugier:

--Und welche von Ihren Statuetten waren es?

--Die drei mit dem Teufel, so viel ich weiss. Ich lache nicht, aber

antworte lächelnd:

--Da sehen Sie, Lucifer kann Karikaturen nicht leiden!

Einige Wochen später hat der Bildhauer ein neues Schreiben erhalten,

in dem man ihm mitteilt, dass die anderen Figuren von ihrem Sockel

gefallen und in Stücke zerschlagen sind, ohne dass die Verwaltung

erklären kann, wie es zugegangen ist. Mithin hat der arme Künstler ein

Jahr verloren, die Herstellungskosten nicht gerechnet, und er sieht

sich aus dem Verzeichnis der Aussteller gestrichen.

In seiner Untröstlichkeit tröstet er sich mit dem Zufall, der nichts

besagt; zugleich rettet der jedoch den menschlichen Stolz, welcher vor

dem blinden Ungefähr die Knie beugt. Man senkt den Kopf vor dem Stein,

der von der Schleuder geflogen kommt: aber der Schleuderer selbst?

Einen solchen hat man nicht gesehen.

Inzwischen bekomme ich nach und nach Swedenborgs Arbeiten in die

Hände, eine nach der anderen, und immer in einem günstigen Augenblick.

So treffe ich in seinen "Träumen" alle Symptome der "Krankheit" an,

die mich heimsucht, die nächtlichen Anfälle, die Atemnot. Und die

Tatsachen, die in diesen seinen Aufzeichnungen erzählt werden, gehören

in die Zeit vor den Offenbarungen. Das war für Swedenborg die Periode

der "Verwüstung", als er dem Satan überliefert wurde, damit das Fleisch

getötet werde.

Das gibt mir Klarheit über die wohlwollenden Absichten des

Unsichtbaren, ohne mir jedoch Trost bringen zu können. Erst nachdem ich

"Himmel und Hölle" gelesen habe, fange ich an mich erbaut zu fühlen.

Es gibt einen Zweck in diesen unerklärlichen Leiden: die Verbesserung

und Entwicklung meines Ichs zu etwas Grösserem, Nietzsches erträumtem

Ideal, wiewohl anders aufgefasst.

Den Teufel gibt es nicht als ein selbständiges Wesen, das Gott gleich

und sein Widersacher ist. Der Unsichtbare, der uns plagt, ist der

Zuchtgeist. Viel ist schon gewonnen mit der Einsicht, dass das Böse

um des Bösen willen nicht existiert; und von neuem wird die Hoffnung

geboren, dass man durch Reue und gewissenhafte Überwachung der eigenen

Gedanken und Handlungen zum Frieden des Herzens kommen kann.

Und da ich beobachte, was sich im täglichen Leben zuträgt, wird eine

neue Erziehung wirksam, und ich lerne nach und nach die konventionellen

Zeichen deuten, die von den Unsichtbaren benutzt werden. Doch sind die

Schwierigkeiten gross infolge meines Alters und der eingewurzelten

schlechten Gewohnheiten; auch bin ich durch eine gewisse Nachgiebigkeit

zu sehr geneigt, mich meiner Umgebung anzupassen. Es hält so schwer,

zuerst von einem fröhlichen Gelage aufzubrechen; ich bin ein

"schlechter Kamerad", wenn ich meinen Willen Freunden, denen ich

verpflichtet bin, aufzwingen will. Aber man muss auf dieser Welt alles

lernen.

So hatte ich mir angewöhnt, nach dem Mittagessen, das ich um zwei

einnehme, beim Kaffee sitzen zu bleiben; und eines Tages Anfang Februar

sitze ich da, mit dem Rücken gegen die Aussenwand. Man hat begonnen,

die Frage zu erörtern: sollen wir uns eine halbe Flasche Punsch leisten?

Im selben Augenblick kommt eine unmittelbare Antwort in Form eines

Lärms, der hinter meinem Rücken so stark ausbricht, dass die

Kaffeetassen auf dem Tablett hüpfen.

Man kann sich denken, was ich für ein Gesicht machte! Einer von den

Freunden steht auf, um nachzusehen, was los ist. Es ist etwas ganz

Einfaches: ein Arbeiter bessert den Mauerputz draussen aus.

Wir setzen uns in ein besonderes Zimmer. Sofort bricht ein neues

Poltern über meinem Kopfe aus, oben auf dem Boden. Ich erhebe mich und

fliehe vom Schlachtfeld. Von dieser Stunde bleibe ich niemals nach dem

Mittagessen beim Kaffee sitzen, ausgenommen an Feiertagen.

Am Abend dagegen kann ich ein Glas mit den Freunden trinken, da es sich

nicht so sehr ums Trinken handelt, als um Gedanken austauschen mit

kenntnisreichen Leuten, die alle Zweige der Wissenschaft vertreten.

Aber manchmal geschieht es, dass die reine Trunksucht überhand nimmt

und eine zügellose Fröhlichkeit sowie Vorschläge in cynischer Richtung

zur Folge hat; dann bricht die schlimmere Natur in einem durch, die

brutalen Instinkte nehmen sich freien Spielraum. Es ist so bequem, eine

Weile Tier zu sein, und übrigens ist das Leben nicht immer lustig ...

und so weiter im selben Sinne.

Eines Tages, nachdem ich einige Zeit an stürmischen Trinkgelagen

teilgenommen habe, bin ich auf dem Wege zu meinem Mittagstisch. Ich

gehe an einem Beerdigungsinstitut vorbei, wo ein Sarg ausgestellt ist.

Die Strasse ist mit Fichtenzweigen bestreut und die grosse Glocke des

Doms läutet Totengeläut. Als ich ins Restaurant komme, finde ich meinen

Tischkameraden in Betrübnis: er ist gerade vom Krankenhaus gekommen,

wo er von einem Sterbenden Abschied genommen hat.

Als ich nach dem Mittagessen durch Hinterstrassen, in denen ich noch

nicht gewesen bin, nach Hause gehe, begegne ich zwei Leichenzügen.

Wie alles heute nach Tod riecht! Und der Kirchturm fängt wieder an mit

Totengeläut.

Als ich am Abend durch den Torweg in die Kneipe zu gehen beabsichtige,

sehe ich einen alten Mann an der Mauer stehen, der sichtlich betrunken

und krank ist. Um nicht mit ihm zusammenzustossen, mache ich einen

Umweg und begebe mich in den Speisesaal. Mein Katzenjammer von gestern

und die Begräbniseindrücke im Laufe des Tages flössen mir eine

heimliche Furcht vor Spirituosen ein, so dass ich Milch zum Abendessen

bestelle.

Während der Mahlzeit erschallt im Hause ein Lärm, der mit ängstlichen

Rufen gemischt ist, und nach einer kleinen Weile trägt man den Alten

vom Torweg in Prozession herein, der Sohn des Verschiedenen an der

Spitze. Der Vater ist gestorben. Ein gib acht für den Trinker!

In der folgenden Nacht bekam ich einen schrecklichen Anfall von

Alpdrücken. Jemand klammerte sich fest an meinem Rücken an und

schüttelte mich an den Schultern.

Dies genügte mir, um mich im nächtlichen Trinken vorsichtig zu machen,

ohne dass ich jedoch ganz davon abstand.

Ende Januar bin ich in eine Privatwohnung umgezogen und sehe immer

meinem Geschick ins Auge, ohne meine Zuflucht zu der Zerstreuung

nehmen zu können, die in der Gegenwart eines Freundes liegt. Es ist

ein Zweikampf, und zu entschlüpfen ist nicht möglich! Wenn ich abends

nach Haus komme, erfahre ich sofort, wie es um mein Gewissen steht.

Eine erstickende Atmosphäre auch wenn die Fenster aufgemacht werden,

verkündet eine schwere Nacht. Es gibt Abende, da ich überzeugt bin,

dass ich jemand in meinem Zimmer befindet. Dann bekomme ich infolge der

furchtbaren Angst Fieber mit kaltem Schweiss und wenn ich mein Gewissen

untersuche, finde ich augenblicklich, wo der Schuh drückt. Aber ich

fliehe nicht mehr, weil es nichts nützt.

Unter den Lektionen, welche die Zuchtgeister mir geben, wage ich eine

nicht zu vergessen, nämlich das Verbot, in verborgenen Dingen zu

forschen; denn diese sollen verborgen bleiben.

So hatte ich auf meinen Ausflügen in Schonen eine Art an

verschiedenen Stellen befindlicher Steine von eigentümlicher und sehr

charakteristischer Form bemerkt. Sie gaben nämlich entweder Tiertypen

wieder, besonders Vögel, oder Hüte, Helme. Es fanden sich auch andere,

mit Rillen, welche die Widmannstättenschen Figuren auf Meteorsteinen

nachahmten.

Ohne mir ganz klar darüber zu sein, woher deren Ursprung herzuleiten

wäre, erhielt ich den Eindruck, dass es nicht "ein Spiel der

Natur" sei. Ihre Gestalt gab an, dass sie Kunsterzeugnisse seien,

hervorgegangen und bearbeitet von Menschenhand.

Zwei Jahre lang setzte ich die Jagd nach ihnen fort; nachdem ich einen

Freund für die Sache interessiert habe, sage ich ihm einen Fundort,

damit er einen Photographen dorthin schickt.

Die Expedition missglückte, und ein Jahr später entdeckte ich, dass die

Adresse unrichtig war.

Jedesmal, wenn ich seitdem eigensinnig diese Untersuchung fortsetzen

will, stellen sich Hindernisse ein, die zu merkwürdig sind, als dass

ich sie dem Zufall auf Rechnung setzen könnte.

So, um nur ein Beispiel anzuführen, habe ich eines Morgens beschlossen,

mit einem Altertumsforscher einen Ausflug zu machen, um die Frage mit

einem einzigen lange vorbereiteten Schlag zu entscheiden. Da passiert

es mir, dass auf der Strasse vor meiner Tür eine Zwecke in meinem

Stiefel losgeht und mich in den Fuss sticht. Anfangs kümmere ich mich

nicht darum, als ich aber an die Wohnung des Begleiters gekommen bin,

wird der Schmerz so heftig, dass ich stehen bleiben muss. Unmöglich,

weiter zu gehen; kein Ausweg, umzukehren! Wütend ziehe ich in meinem

Verdruss den Stiefel aus und mache die Zwecke mit einem Messer

glatt. Eine dunkle Erinnerung an meine Swedenborg-Lektüre ruft mir

in einem Augenblick folgende Stelle zurück: "Wenn die Zuchtgeister

eine schlechte Handlung sehen oder _die Absicht, etwas Unrechtes zu

tun, so strafen sie durch einen Schmerz im Fuss_, in der Hand oder

in der Gegend des Zwerchfells." Aber aufgestachelt wie ich war von

Wissbegierde, die ich für zulässig und lobenswert hielt, setzte ich den

unterbrochenen Weg fort und schloss mich alsbald meinem Kameraden an.

Die Exkursion soll in einer Grotte, die im Park liegt, anfangen. Aber

der Eingang ist durch Schmutzhafen scheusslichster Art versperrt;

auf eine so herausfordernde oder vielmehr ironische Weise sind sie

dahingelegt, dass ich lächeln muss.

Die andere Fundstelle, die ich gut kenne, ist in einem Garten, wo

Steinblöcke um einen Baum gruppiert sind, an die man leicht heran gehen

kann. Aber diesen Morgen hat der Gärtner den Baum und die Altertümer

durch einen Ring von Blumentöpfen so abgesperrt, dass ich meinem

gelehrten Begleiter nichts zeigen kann. Ein schönes Fiasko!

Doch durch die Hindernisse gereizt, schleppe ich meinen Mann, der

anfängt, sich zweifelnd zu stellen, quer durch die Stadt nach einem

Hof, wo ein ganzes Museum zusammengebracht ist. Dort wird wohl der

Ausschlag gegeben werden, und ich erwarte ein Resultat, das geeignet

ist, verblüfft zu machen. Wir werden sogleich von einem der schlimmsten

Köter begrüsst; als wir ihn anschnauzen, werden die Einwohner des

Hauses auf den Hof gelockt; wir müssen unser Anliegen hervorbrüllen, um

den bellenden Hofhund überschreien zu können. Es ist ein geschlossenes

Gitter rings herum angebracht, und man kann den Schlüssel nicht finden!

--Gibt es noch mehr Stellen? Fragt mich der Altertumsforscher, der mich

bereits verachtet.

--Ja, die gibt es, aber ausserhalb der Stadt!

Ich will den Leser nicht mit Lappereien ermüden; genug, nach mehr oder

minder ärgerlichen Irrfahrten kommen wir endlich zu einem solchen

Haufen Steine. Aber welche Hexerei: ich konnte dem gelehrten Manne

nichts zeigen, weil er nichts sah; auch ich selbst, wie mit Verblendung

geschlagen, vermochte nicht mehr in ihrer Gestalt etwas wie Abbildung

organischer Wesen zu unterscheiden.

Am folgenden Tage dagegen, als ich mich wieder an die Stelle begeben

hatte, dieses Mal allein, sah ich eine ganze Menagerie.

Die Erzählung dieses Abenteuers mag geschlossen werden, indem ich

auf die Beschaffenheit dieser Überreste einer präadamitischen

Skulptur hinweise. Die Okkultisten leiten nämlich deren Ursprung vom

Menschengeschlecht der Atlaszeiten ab und stellen sie auf dieselbe

Linie wie die Kolossalsteinbilder der Osterinseln und der Wüste Gobi.

Olaus Magnus erwähnt sie auch und hat sie in grosser Menge an der

Küste von Broviken in Ostergötland gefunden. Swedenborg legt ihnen

eine symbolische Bedeutung unter und hält sie für Kunsterzeugnisse

des Geschlechts des silbernen Zeitalters. (Vergleiche "Delitiae

sapientiae".)

Nach dem zu urteilen, was sich in dem begrenzten Kreise, in dem ich

lebe, zeigt, erlauben die Mächte mir nicht, meine Bekanntschaften zu

wählen; noch weniger, jemand zu verschmähen, wer es auch sein mag. Wie

alle anderen werde ich von Sympathien und Vorliebe für gewisse Arten

von Naturen beherrscht. Gegenwärtig suche ich ernst angelegte Menschen,

denen ich meine Gedanken mitteilen kann, ohne mich unpassendem und

verletzendem Scherz auszusetzen. Die Vorsehung hat mir einen Freund

geschickt, den ich wegen seiner reinen Atmosphäre hochachte. Gleich

einem verzogenen Kind fange ich an die andern, ungekünstelte Seelen

ohne Schwung, die zuweilen Vergnügen an Grobkörnigkeiten finden, zu

missachten.

Aber im selben Augenblick, da ich mich zurückziehe, ist mein Freund

aus der Stadt gereist; die andern kann ich nirgends treffen, und in

meiner Isolierung werde ich genötigt, mich so zu demütigen, dass ich

die Gesellschaft von unbedeutenden Menschen erbettle, mit denen mein

gewöhnlicher Freundeskreis nicht verkehrt. Doch nachdem ich einige

Erfahrungen in dieser Richtung gemacht habe, erneuert sich schliesslich

meine alte Entdeckung, dass der Unterschied zwischen Mensch und Mensch

nicht so gross ist, wie man sich vorgestellt hat; tatsächlich habe ich

unter dem niederen Volk wirkliche Gentlemen getroffen, und wie manchen

Heiligen und Helden habe ich nicht ahnend in der Schar der Verachteten

unterschieden?

Andererseits behauptet man ja: "Schlechte Gesellschaft verdirbt gute

Sitten". Wo gibt es denn die schlechte Gesellschaft? Und wo wäre die

gute?

Angenommen, wie ich getan habe, eine Mission sei mir auferlegt worden,

als ich mich in einer fremden Stadt niederliess, ohne selbst zu wissen

warum, was habe ich hier zu tun? Gute Sitten zu predigen? Mein Gewissen

antwortet mir: durch dein Vorbild. Aber nun nimmt mich niemand zum

Vorbild! Und was würde es nützen, suchte ich junge Männer, die nicht so

viel gesündigt haben wie ich, zu moralisieren?

Übrigens scheint das Zeitalter der Propheten zu Ende zu sein; die

Mächte wollen nichts mehr von Priestern wissen, sonder haben selber die

Regierung über die Seelen wieder aufgenommen; man braucht nicht lange

zu suchen, um Beispiele dafür zu finden.

Einer unserer Dichter ist neulich vor Gericht beschieden worden infolge

einer Sammlung Gedichte, in der man unsittliche Stellen gefunden hat.

Von der Jury freigesprochen, findet er doch keine Ruhe.

In einem der Gedichte hat er den Ewigen zum Ringkampf herausgefordert,

auch wenn der Streit in der Hölle abgemacht werden müsse. Es sieht aus,

als sei die Herausforderung angenommen worden und der junge Mann wie

ein gebrochenes Rohr gezwungen, um Gnade zu bitten.

Eines Abends, als er in der fröhlichen Gesellschaft der Freunde sitzt,

geschieht es, dass eine den exakten Wissenschaften unbekannte Kraft ihm

die Zigarre entreisst, so dass sie zu Boden fällt.

Ein wenig überrascht, nimmt er die Zigarre wieder auf und tut so, als

begreife er nichts. Aber derselbe Streich wiederholte sich drei Male

hintereinander. Da wird der Kleingläubige bleich wie der Tod; ohne

ein Wort zu sagen, räumt er das Feld, während seine Freunde verblüfft

dasitzen.

Bei der Heimkunft wurde der Verwegene von einer neuen Überraschung

erwartet. Ohne sichtbare Ursache begannen seine beiden Hände auf

Art des Masseurs den ganzen Körper, der durch zu fleissiges Trinken

wirklich unnötig beleibt worden war, zu reiben oder richtiger zu

kneten. Diese unfreiwillige Massage wurde ohne Unterbrechung ganze

vierzehn Tage fortgesetzt.

Doch nach Verlauf dieser Zeit hält sich der Ringer für vollständig

erstarkt, um wieder auf der Arena aufzutreten. Er mietet ein Hotel

und ladet seine Freunde zu einem Balthasarfest ein, das drei ganze

Tage dauern soll. Er will nämlich der Welt zeigen, wie der Übermensch

(Nietzsche!) die Dämonen des Weines bezwingen kann. Man hat den ganzen

ersten Tag getrunken, und die Nacht fällt herab, und mit ihr fällt

der Kämpe. Aber ehe er es verloren gibt, nehmen die Dämonen des Weins

diese überlegene Seele in Besitz und flössen ihm eine solch unbändige

Tollheit ein, dass er seine Gäste durch Türen und Fenster hinauswirft.

So endigt das Fest. Worauf der Wirt nach einer Pflegeanstalt gebracht

wird!

So hat man mir das Abenteuer erzählt, und es tut mir leid, es

wiedergegeben zu haben ohne die Tränen, die man dem Unglück schuldig

ist.

Doch der Angeklagte hat einen Verteidiger für seine Sache gewonnen,

einen jungen Doktor, der ihm seinen Beistand im Kampf gegen den Ewigen

anbietet.

Inferno; Legenden · 第 14 / 25 段