--Nun, dann machen wir uns auf den Weg; du besorgst die Medizin und ich

treibe den Teufel aus.

Übrigens denke ich diese Lustfahrt mit meinen Ausflügen zu kombinieren,

die ich mache, um Schonen zu studieren.

Als die Sache abgemacht ist, packe ich meine Reisetasche; wie ich

die Hoteltreppe hinuntergehe, werde ich unvermutet von einer Frau

angesprochen.

--Verzeihen Sie, sind Sie Doktor Norberg?

--Nein, das bin ich nicht, antworte ich nicht gerade zu höflich, da ich

glaubte es mit einer Dirne zu tun zu haben.

--Können Sie mir sagen, wieviel die Uhr ist? Fuhr sie fort.

--Nein!

Und ich räume das Feld.

Wie wenig merkwürdig diese Szene auch war, die hinterliess doch einen

beunruhigenden Eindruck bei mir.

Am Abend bleiben wir in einem Dorf, um dort die Nacht zuzubringen. Ich

war gerade in mein Zimmer gekommen, eine Treppe hoch, und hatte mich

etwas säubern können, als das gewöhnliche Geräusch sich über mir hören

liess; man schleppt Möbel und macht Tanzschritte.

Dieses Mal begnüge ich mich nicht mit Verdacht, sondern klettre in

Gesellschaft meines Kameraden die Bodentreppe hinaus, um mir Gewissheit

zu verschaffen. Aber dort oben ist nichts Verdächtiges zu finden, da

niemand über meinem Zimmer unter den Dachpfannen wohnt.

Nachdem wir die Nacht schlecht geschlafen haben, setzen wir die Fahrt

fort und befinden uns einige Stunden später im Elternhaus des Dichters,

der hier beinahe als ein verlorener Sohn religiöser Eltern, guter und

redlicher Mensch, erscheint. Der Tag vergeht unter Spaziergängen in

einer schönen Landschaft und unschuldigen Gesprächen. Der Abend senkt

sich herab und bringt einen unbeschreiblichen Frieden in eine häusliche

Umgebung, in der der Arzt und ich uns gänzlich verloren vorkommen, er

noch mehr als ich, da er Atheist ist.

Spät am Abend ziehen wir uns in das Zimmer zurück, das dem Doktor und

mir angewiesen ist. Als ich etwas zu lesen suche, bekomme ich die

"Magie des Mittelalters" von Viktor Rydberg in die Hand. Immer dieser

Schriftsteller, dem ich ausgewichen bin, so lange er lebte, und der

mich nach seinem Tod verfolgt!

Ich blättere in dem Buche, und der Blick heftet sich auf die Stelle

über Incubi und Succubi. Der Verfasser glaubt an so etwas nicht und

zieht den Teufelsglauben ins Lächerliche.

Aber ich kann nicht lachen; die Lektüre erregt bei mir Anstoss, und ich

beruhige mich bei dem Gedanken, das der Verfasser jetzt seine Ansicht

geändert haben dürfte!

Indessen ist das Lesen solcher unheimlichen und magischen Dinge nicht

geeignet, Schlaf hervorzurufen, und eine gewisse Unruhe in den Nerven

macht sich vernehmbar. Deshalb wird der Vorschlag, zusammen nach

dem Bequemlichkeitshäuschen zu gehen, angenommen als eine heilsame

Zerstreuung und eine hygienische Einleitung für die Nacht, vor der ich

Furcht habe.

Mit einer Laterne versehen, streben wir über den Hof, wo bei einem

wolkigen Himmel die Skelette der bereiften Bäume unter der neckischen

und launenhaften Windsbraut krachen.

--Ich glaube, ihr fürchtet euch vor eurem eigenen Schatten, lacht der

Arzt verächtlich.

Keiner antwortet, denn die Windstösse versuchen uns auf eine ganz

persönliche Weise umzuwerfen, stellen uns ein Bein, reissen uns am

Haar, heben den Rockschoss auf.

Angekommen an Ort und Stelle, die neben dem Stall und unter dem

Heuboden lag, werden wir von einem Lärm über unsern Köpfen begrüsst

und--seltsam--es ist genau das Geräusch, das mich seit einem halben

Jahr verfolgt.

--Horch! Hört ihr etwas?

--Ja, es sind Leute oben, die dem Vieh Futter geben! antwortet der

Dichter.

Ich will die Tatsache nicht leugnen, warum aber gerade in dem

Augenblick, da ich eintrete? Und wie kommt es, dass das Unwesen überall

dieselben akustischen Formen annimmt? Es muss unbedingt jemand sein,

ein Unsichtbarer, der diese Katzenmusik für mich anstellt; es ist keine

Gehörshalluzination, da die anderen dieselbe physische Wahrnehmung

haben wie ich.

Als wir ins Schlafzimmer zurückgekommen sind, wird dennoch nichts aus

der Ruhe. Der Dichter, der sich den ganzen Tag ruhig verhalten hat, dem

die Eltern ein Bodenzimmer zum Schlafen angewiesen haben, macht den

Anfang damit, unruhig auszusehen, und gesteht schliesslich ein, dass er

sich nicht getraut allein zu schlafen, weil der Alp ihn reite.

Ich trete ihm mein Lager ab und darf statt dessen über einen grossen

Saal nebenan verfügen, der mit einem ungeheuren Bett versehen ist.

Der ungeheizte Saal, ohne Rouleaux und fast unmöbliert, lastet auf

meinem Gemüt mit einem Unbehagen, das beständig durch die Feuchtkühle

vermehrt wird.

Um mich zu zerstreuen, suche ich nach Büchern und finde auf einem

kleinen Tisch die Bibel mit Gustae Dores Illustrationen sowie eine

Sammlung Andachtsbücher. Da erinnere ich mich, dass ich in ein

religiöses Haus eingedrungen bin, dass ich der Freund des verlorenen

Sohnes und ein Verführer der Jugend bin. Welche demütigende Rolle für

einen achtundvierzigjährigen Mann. Wie erniedrigend!

Und ich verstehe das Leiden des jungen Mannes, der zwischen tugendhafte

und fromme Menschen eingesperrt ist. Das muss dieselbe Pein sein wie

für den Teufel, die Messe zu besuchen. Und um den Dämon mit dem Dämon

zu vertreiben, bin ich hierher eingeladen; ich bin gekommen, um durch

Befleckung diese reine Luft zum Einatmen möglich zu machen, da der

junge Mann sie nicht ertragen kann.

Unter derartigen Gedanken bin ich zu Bett gegangen. Der heilige Schlaf

war früher meine letzte und treueste Zuflucht, deren Erbarmen mir

niemals mangelte. Jetzt hat der Tröster in der Nacht mich im Stich

gelassen und das Dunkel erschreckt mich.

Die Lampe ist angezündet, und Stille herrscht nach dem Sturm. Da weckt

ein unbekannter surrender Laut meine Aufmerksamkeit und reisst mich

aus dem Halbschlaf. Und ich werde gewahr, wie oben im Saale ein Insekt

hin und her fliegt. Was mich aber wundert, ist, dass ich die Art

nicht kenne, obgleich ich in der Insektenkunde zu Hause bin und mir

schmeichle, alle Zweiflügler in Schweden auswendig zu können. Und dies

ist kein Schmetterling, kein Seidenspinner und auch keine Motte, es ist

eine Fliege, schwarz, länglich, aber mit einem Tonfall ausgerüstet,

der dem einer Gallwespe oder eines Nachtfalters gleicht. Ich stehe auf,

um Jagd darauf zu machen; Fliegenjagd zu Ende Dezember! Sie macht sich

unsichtbar.

Ich will wieder unters Laken kriechen und mich in meine Betrachtungen

versenken.

Aber das fliegt das verdammte Tier unter dem Kopfkissenbezug hervor;

nachdem es nun meinen Bett Ruhe und Wärme entlehnt hat, lenkt es seinen

Flug kreuz und quer. Ich lasse das Geschöpf gewähren, sicher, dass ich

es bald an der Lampe fange, wohin die Flamme es schon locken wird.

Dieser Augenblick lässt nicht auf sich warten, und sobald die Fliege

innerhalb des Lampenschirmes gekommen ist, versengt ein Streichholz

ihre Flügel so, dass der Friedensstörer seinen Totentanz aufführt und

sich leblos auf den Rücken legt. Durch den Augenschein überzeuge ich

mich davon, dass es ein unbekanntes zweiflügliges Insekt ist, keine

zwei Zentimeter lang, schwarz mit zwei feuerroten Punkten auf den

Flügeln.

Was war das? Ich weiss es nicht, aber am nächsten Tage gebe ich den

andern Gelegenheit das Dasein der toten Fliege zu bestätigen.

-Eine Hexe! Wirft der Doktor hin.

-Die lebendig verbrannt worden ist!

Indessen, nach bewerkstelligtem Autodafé schlafe ich ein.

Mitten in der Nacht werde ich von Wimmern und Zähneklappern geweckt,

das aus dem Zimmer nebenan tönt. Ich zünde ein Licht an und gehe

hinein. Mein Freund, der Arzt, hat sich mit dem halben Körper aus dem

Bett geworfen und windet sich, ein Raub schrecklicher Konvulsionen, den

Mund weit geöffnet; er zeigt mit einem Wort alle Symptome der grossen

Hysterie, wie sie in Charcots Abhandlung beschrieben sind, und zwar in

einem Grade, dass er ein Bild von dem Stadium gibt, das Besessenheit

genannt wird. Und er, ein Mann von hervorragender Intelligenz und gutem

Herzen, nicht lasterhafter als andere, gut gewachsen, mit regelmässigen

und angenehmen Gesichtszügen, ist nun so entstellt, dass er dem Bilde

eines Teufels des Mittelalters gleicht.

Entsetzt wecke ich ihn auf.

--Hast du geträumt, alter Junge?

--Nein! Es war nur ein Anfall von Alpdrücken!

--Incubus!

--Ja, wahrhaftig! Es war jemand, der drückte mir die Lungen zusammen.

Etwas im selben Stil wie ... "angina pectoris".

Ich reiche ihm ein Glas Milch; er zündet eine Zigarre an, und ich gehe

in meinen Saal zurück.

Aber nun ist es für mich mit dem Schlafen vorbei. Was ich gesehen

hatte, war zu furchtbar, und bis zum Morgen setzen meine Kameraden

ihren Strauss mit dem Unsichtbaren fort.

Man trifft sich beim Frühstück, und die Geschehnisse der Nacht werden

ins Lächerliche gezogen. Aber unser Wirt lacht nicht; welchen Umstand

ich der religiösen Denkart zuschreibe, die ihm Achtung vor den

verborgenen Mächten lehrt.

Die schiefe Stellung, in der ich mich befinde, zwischen den Alten, die

ich billige, und den Jungen, die zu tadeln ich kein Recht habe, lässt

mich auf die Abreise dringen.

Als wir vom Tisch aufstehen, bittet der Herr des Hauses, den Arzt um

eine besondere Konsultation, und sie ziehen sich für eine halbe Stunde

zurück.

--Was fehlt dem Alten?

--Er kann nicht schlafen! Nächtliche Herzaffektionen....

--Also er auch! Der gerechte und fromme Mann! Das ist also eine

Epidemie, die keinen verschont.

Ich will nicht verhehlen, dass dieser Umstand mich aufrichtete, und

gleich nahmen der Aufruhrgeist und die Zweifelsucht meine Seele wieder

in Besitz. Die Dämonen herausfordern, den Unsichtbaren trotzen und

zuletzt unterjochen! Das war die Losung, die ich mir gab, als ich diese

gastfreie Familie verliess, um meine beabsichtigten Ausflüge in Schonen

zu machen.

Am selben Abend in der Stadt Höganäs angelangt, nehme ich mein

Abendessen im grossen Speisesaal des Hotels ein; dabei habe ich einen

Zeitungsmann zur Gesellschaft. Sowie wir uns zu Tisch gesetzt haben,

lässt sich das übliche Poltern über meinem Kopfe hören; und um mich

gegen die Mangelhaftigkeit meiner eigenen Wahrnehmung zu sichern, lasse

ich die Erscheinung von dem Zeitungsmann beschreiben; der bezeugt deren

Wirklichkeit.

Als wir nach beendeter Mahlzeit hinausgingen, stand die unbekannte

Frau, die mich vor der Abreise von Lund angesprochen hatte, ganz

unbeweglich draussen vor dem Portal und liess mich und meinen Begleiter

vorbeidefilieren.

Da vergesse ich die Dämonen und die Unsichtbaren und verfalle von

neuem auf die Vermutung, dass ich von sichtbaren Feinden verfolgt

bin. Aber im nächsten Augenblick widerlege ich diese Annahme, indem

ich mich an meinen unvorhergesehenen Besuch beim Schuhmacher in Malmö

erinnere; auch in jener Nacht, als wir nach dem Stallgebäude gingen,

war unmöglich eine überlegte Intrige anzunehmen.

Die schrecklichen Zweifel sitzen fest und höhlen mir das Gehirn aus,

erhitzen mein Blut und flössen mir Ekel vor dem Leben ein.

Doch die Nacht hat mir eine Überraschung vorbehalten, die mich mehr

erschreckt als die letzten Tage zusammengenommen.

Ermüdet von der Reise gehe ich um elf Uhr zu Bett. Alles ist still im

Hotel und kein Poltern vernehmbar. Mein Mut wächst, und ich falle in

einen tiefen Schlaf, um nach einer halben Stunde von einem Lärm und

Gepolter, das im Zimmer über dem meinen ist, geweckt zu werden. Es

scheint mindestens eine Stiege junger Leute zu sein, die singen, auf

den Boden stampfen, Stühle hin und her schieben.

Dies wilde Leben währt bis zum Morgen!

Warum ich nicht beim Wirt Klage führe? Weil es mir im Laufe meines

Lebens nie gelungen ist, recht zu bekommen. Dazu geboren und

vorherbestimmt, unrecht zu bekommen, habe ich aufgehört, mich zu

beklagen.

Am Morgen setze ich meine Reise fort, um die Steinkohlegruben, bei

Höganäs zu besehen. Im selben Augenblick, wie ich ins Wirtshaus

eintrete, um ein Fuhrwerk zu bestellen, beginnt der gewöhnliche

Hexensabbath oben. Unter einem Vorwand, ich erinnere mich jetzt nicht,

welcher, steige ich eine Treppe hinauf. Ein grosser Saal, der leer ist,

ist alles, was ich dort finde.

Da die Gruben nicht vor zwölf Uhr besehen werden dürfen, lasse ich

mich nach einem Fischerort einige Meilen nördlich fahren, von wo die

Aussicht über den Sund sehr berühmt ist.

Als der Wagen durch den Schlagbaum vor dem Dorfe fährt, fühle ich

auf einmal meinen Brustkorb von hinten zusammengeklemmt, ganz als ob

jemand mir seine Knie in den Rücken stemme, und die Illusion ist so

vollständig, dass ich mich umwende, um den Feind, der hinten aufsitzt,

in Augenschein zu nehmen.

Da erhebt ein Schock Krähen ein entsetzliches Geschrei und fliegt

über den Kopf des Pferdes; das scheut, bäumt sich, spitzt die Ohren

und schwitzt grosse Tropfen. Es kaut am Zaum, und der Fuhrmann muss

abspringen, um das Tier zu beruhigen.

Ich frage, warum das Pferd so unvernünftig bange würde, aber die

Antwort steht in dem Blick zu lesen, den der Fuhrmann auf die Krähen

richtet, die gleich einer Wolke uns noch einige Minuten folgen. Es ist

eine ganz natürliche Begebenheit, aber von schlimmer Art und nach dem

Volksglauben ein schlechter Vorbote!

Nach zwei Stunden Wegs ohne Nutzen für meine Studien, weil ein Nebel

die Aussicht über den Sund verschliesst, fahren wir in das Dorf Mölle

hinein. Entschlossen, die Bergspitze von Kullen zu Fuss zu besteigen,

verabschiede ich den Kutscher und lasse ihn im Wirtshaus meine Rückkehr

abwarten.

Als ich die Bergwanderung beendigt habe, komme ich in das Dorf zurück

und lenke meine Schritte nach der Gastwirtschaft. Aber mir fehlt die

Ortskenntnis und ich suchen einen Einwohner, um mich hin zu fragen.

Nicht ein lebendes Wesen ist zu sehen, weder auf den Strassen noch

anderswo. Ich klopfe an die Türen; keine Antwort. Am Vormittag um elf

Uhr in einem Dorf von zweihundert Einwohnern nicht ein Mann, nicht

eine Frau, nicht ein Kind, nicht einmal ein Hund! Und der Kutscher,

das Pferd, der Wagen wie weggeblasen. Ich irre in den Gassen umher

und finde nach einer halben Stunde die Gastwirtschaft. Sicher, meinen

Fuhrmann dort zu haben, bestelle ich Frühstück; nachdem ich gegessen

habe, bitte ich es dem Kutscher anzusagen.

--Welchem Kutscher?

--Meinem!

--Ich habe keinen gesehen!

--Haben Sie nicht einen Wagen bemerkt, von einem rotbraunen Pferde

gezogen und von einem dunklen Kutscher gefahren?

--Nein, das habe ich nicht.

--Und ich habe ihn doch hierher ins Wirtshaus bestellt.

--Dann sitzt er wohl im Ausspann nebenan.

Das Mädchen bezeichnet den Weg, und ich setze mich in Gang.

Doch, ich bin nicht imstande, den Krug zu finden, und ich gehe irre,

so dass ich nicht wieder zurück nach meinem Wirtshaus finde. Und kein

Mensch zu sehen! Da werde ich bange! Bange am hellen Tage! Dieses Dorf

ist verhext!

Ich vermag mich nicht mehr zu rühren, sondern stehe, wo ich stehe, wie

festgekettet. Was nützt das Suchen, da der Teufel einen Finger im Spiel

hat?

Nach sieben Sorgen und acht Betrübnissen kommt endlich der Kutscher,

und ich schäme mich, ihm meine Verdriesslichkeiten zu offenbaren oder

ihm Erklärungen abzufordern, die nichts erklären.

Wir sind nach Högandäs zurückgefahren. Vor der Hoteltreppe fällt das

Pferd plötzlich zur Erde, als habe jemand vor der Tür gestanden und es

erschreckt.

Jetzt lasse ich mich über den Weg nach den Steinkohlengruben

unterrichten; dieses Mal gewiss, mein Ziel nicht zu verfehlen, gehe ich

zu Fuss die fünf Minuten Wegs, die man mir angewiesen hat. Ich gehe und

gehe zehn Minuten, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, geradeaus

aufs ebene Land, ohne eine Spur von Gebäuden oder Schornsteinen zu

erblicken, die auf eine Grube hinweisen können. Die angebaute Ebene

streckt sich in Unendlichkeit aus; nicht eine Hütte, niemand zum Fragen.

Das ist der Böse, der mir diesen boshaften Schabernack spielt! Und ich

bleibe stehen wie festgeleimt, erblindet, ohne einen Schritt vorwärts

oder rückwärts machen zu können.

Schliesslich kehre ich ins Dorf zurück, nehme ein Zimmer und ruhe mich

auf einem Sofa aus.

Nach einer Viertelstunde werde ich aus meinen traurigen Gedanken

durch ein Unwesen geweckt. Diesmal klopft man mit einem Hammer Nägel

ein. Kleingläubig, was die Klopfgeister anbetrifft, schreibe ich

die Erscheinung auf Rechnung böswilliger Leute oder eines mehr als

gewöhnlich grossen Pechs. Ich klingele, bezahle was ich schuldig bin

und begebe mich auf den Bahnhof.

Drei Stunden warten! Das ist viel, wenn man ungeduldig ist, aber es

gibt keine Wahl. Als ich zwei Stunden auf einer Bank hingebracht habe,

geht eine gutgekleidete und hübsche Frauensperson an mir vorbei, um in

den Wartesaal erster Klasse einzutreten. In der Art dieser Dame sich zu

bewegen und in ihrem ganzen Wesen lag etwas, das bei mir unbestimmte

Erinnerungen weckte; neugierig, wie sie von vorn aussieht, bewache

ich die Tür, um mir die Dame anzusehen, wenn sie wieder vorbeikommt.

Nachdem ich lange gewartet habe, gehe ich in den Wartesaal hinein.

Niemand ist drinnen zu sehen; und keine andere Tür ist da; kein

Toilettenzimmer. Und Doppelfenster setzen der Möglichkeit, auf andere

Weise zu entkommen, ihr Halt entgegen.

Bin ich geblendet? Gibt es Menschen, die mit der Fähigkeit ausgerüstet

sind, einem das Gesicht zu verkehren? Kann man sich unsichtbar machen?

Das sind ungelöste Fragen, die mich zur Verzweiflung bringen. Bin ich

verrückt? Nein, die Ärzte sagen, es sei nicht der Fall. Da kann man an

Wunder glauben. Ich bin ein Verdammter, ich befinde mich in der Hölle,

wenn man Swedenborg glauben darf, und die Mächte strafen mich, rastlos,

unbarmherzig. Die Geister, die ich heraufbeschwöre, haben keine Lust,

wieder in die Flasche zu kriechen, von der ich das Insiegel genommen

habe.

Der Abend desselben Tages, in einem guten Hotel erster Klasse der

Stadt Malmö. Ich gehe um zehn Uhr zu Bett. Um halb elf fängt man an

im Korridor Holz zu spleissen, ohne dass jemand seine Unzufriedenheit

darüber äussert; und zwar in einem kontinentalen Hotel voller

Reisender. Danach wird getanzt! Später dreht man an einer Maschine mit

Räderwerk ... Ich stehe auf, bezahle die Rechnung und beschliesse meine

Reise die ganze Nacht fortzusetzen.

Mutterseelenallein draussen in der kalten Januarnacht, gehe ich

und schleppe meine Reisetasche, ermüdet und erschöpft, unter einem

pechschwarzen Himmel. Einen Augenblick halte ich es für das Beste, mich

in den Schnee zu legen und zu sterben. Aber im nächsten Moment sammle

ich meine Kräfte und biege in eine öde Hinterstrasse ein, wo ich ein

anspruchsloses Hotel antreffe. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass

niemand mich auskundschaftet, schleiche ich durch das Tor hinein.

Ohne mich auszukleiden, strecke ich mich auf dem Bett aus, fest

entschlossen, mich lieber töten als zum Aufstehen bringen zu lassen.

Totenstille herrscht im Hause und der liebliche Schlaf nähert sich. Da

höre ich plötzlich, wie eine unsichtbare Tatze an der Papierbekleidung

der Decke gerade über meinem Kopfe kratzt. Es kann keine Maus sein, da

das lose gespannte Papier sich nicht bewegt; und übrigens ist es eine

ziemlich grosse Tatze, wie von einem Hasen, einem Hund!

Bis zum Tagesgrauen erwarte ich, in Schweiss gebadet, die Klauen in

meiner Haut zu fühlen, aber vergebens, denn selbst die Angst ist

quälender als der Tod.

Warum ich nicht krank werde nach solchen Peinigungen?

Weil ich das Leiden bis auf die Hefe leeren muss, um das Gleichgewicht

zwischen den begangenen Missetaten und der auferlegten Strafe wieder

herzustellen. Und es ist wirklich merkwürdig, wie ich die Qualen

auszuhalten vermag; ich verschlinge sie mit grimmiger Freude, um

endlich ein Ende mit ihnen zu machen.

2.

Die Trostlosigkeit breitet sich aus.

Als Neujahr und die unzähligen Feiertage überstanden sind, finde ich

mich eines Tages allein. Es ist, als ob ein Orkan dahergezogen wäre:

alle sind zerstreut, fortgeblasen, schiffbrüchig. Mein Freund der

Arzt ist als krank ins Lazarett aufgenommen. Tatsächlich hat er, von

Trunksucht geschwächt, von Geldmangel bedrängt, von Schlaflosigkeit

aufgerieben, schliesslich "Neurasthenie" bekommen. Das ist

herzzerreissend; und statt ins Wirtshaus zu gehen, lenke ich nun meine

Schritte ins Lazarett, um für eine Stunde Zwiegespräch und Gesellschaft

zu suchen.

Im Café bin ich der einzige, der ein Glas trinkt, da drei von den

Kameraden das Gelübde der Nüchternheit abgelegt haben. Der Dichter

ist fortgereist. Der junge Ästhetiker, der Sohn des Professors der

Ethik, ist ins Ausland geschickt, um von dem schlechten Umgang mit dem

Verführer der Jugend (das bin ich!) loszukommen.

Ein Doktor der Philosophie hat sich das Bein gebrochen und liegt zu

Bett. Gleichzeitig wird der junge Chemiker, der Bannerträger der

Fortschrittsmänner, krank und muss auf Neurasthenie behandelt werden.

Es ist Schlaflosigkeit, ein Anfall von Alpdrücken und Schwindel gewesen.

Alle diesen traurigen Umstände und andere haspeln sich im Laufe von

anderthalb Monaten ab. Und was meine Lage unerträglich macht, ist, dass

man mehr oder weniger direkt die Schuld auf mich schiebt. Ich bin der

Böse selbst, ich habe den bösen Blick! Es ist nur gut, dass man über

die Macht des bösen Willens und die heimlichen Finten des Okkultismus

nichts weiss und den Gedanken daran verwirft, denn sonst würde man mich

totschlagen.

Eine flache und trübe Stille hat sich über das geistige Leben an

der Universität gebreitet. Nicht eine neue zeugungskräftige Idee,

keine Gärung und Bewegung! Die Naturwissenschaften haben die

transformistische Methode, die Fortschritt versprach, abgenutzt, und

sie drohen nun an allgemeiner Schwäche zu sterben. Man diskutiert

nicht mehr, weil man einig ist, dass die reformatorischen Bestrebungen

eitel sind. Man hat so viele Illusionen stürzen sehen, und die grosse

Befreiungsaktion ist jetzt in eine allgemeine Auflösung oder vielmehr

Zersetzung übergegangen.

Die Jugend wartet auf etwas Neues, ohne sich noch klar gemacht zu

haben, was sie ersehnt. Neues um jeden Preis, ausgenommen Abbitte

und Rückzug. Vorwärts zu dem Unbekannten, was es auch sei, wenn es

nur nicht etwas Altes ist. Man will freilich eine Versöhnung mit

den Göttern, aber es sollen umgeschaffene sein, besser entwickelte

Götter, die auf gleicher Höhe mit der Gegenwart stehen, Götter von

weitherziger Auffassung, frei von kleinlichen Vorurteilen, berauscht

von Lebensglück. Leider aber sind die Unsichtbaren krittlig geworden,

neidisch auf die Freiheiten, welche die Sterblichen sich erworben

haben. Der Wein ist vergiftet worden und verursacht wilde Verrücktheit,

statt liebliche Visionen hervorzurufen. Die durch Gesellschaftsbande

geregelte Liebe erweist sich als ein Zweikampf auf Leben und Tod; die

freie Liebe führt im Schlepptau unnennbare und endlose Krankheiten,

bringt Elend über die Heimstätten, stösst ihre Opfer schimpfbeladen vom

Verkehr aus.

Die Epoche eines Experimentiergeistes ist abgelaufen und die

Experimente haben lauter negative Resultate ergeben. Um so besser für

die Menschen der Zukunft: die werden Nutzen ziehen aus den heilsamen

Lehren, die sie aus der Niederlage der Vorhut holen können, welche in

der Wüste irre gegangen und in einem hoffnungslosen Kampf gegen die

Übermacht gefallen ist.

Einsam, wie ich bin, schiffbrüchig, ein Wrack, das auf eine Schäre

im Ozean geworfen worden ist, habe ich Augenblicke, in denen ich von

Schwindel vor dem blauenden Nichts ergriffen werde. Ist es der Himmel,

der einen Widerschein von dem ausgebreiteten Tuche des Meeres trägt,

oder das Meer, das den Himmel spiegelt?

Ich habe die Menschen geflohen, und die Menschen fliehen mich.

In meiner ersehnten Einsamkeit werde ich von einer ganzen Schar

Dämonen heimgesucht, und wenn alles zusammen kommt, fange ich doch

an den geringsten unter den Sterblichen den interessantesten Schemen

vorzuziehen. Aber wenn ich einen Menschen suche, während der langen

Abende, durch die ganze Stadt, treffe ich keinen, weder bei sich zu

Hause noch in den Cafés.

Inferno; Legenden · 第 13 / 25 段