treibe den Teufel aus.
Übrigens denke ich diese Lustfahrt mit meinen Ausflügen zu kombinieren,
die ich mache, um Schonen zu studieren.
Als die Sache abgemacht ist, packe ich meine Reisetasche; wie ich
die Hoteltreppe hinuntergehe, werde ich unvermutet von einer Frau
angesprochen.
--Verzeihen Sie, sind Sie Doktor Norberg?
--Nein, das bin ich nicht, antworte ich nicht gerade zu höflich, da ich
glaubte es mit einer Dirne zu tun zu haben.
--Können Sie mir sagen, wieviel die Uhr ist? Fuhr sie fort.
--Nein!
Und ich räume das Feld.
Wie wenig merkwürdig diese Szene auch war, die hinterliess doch einen
beunruhigenden Eindruck bei mir.
Am Abend bleiben wir in einem Dorf, um dort die Nacht zuzubringen. Ich
war gerade in mein Zimmer gekommen, eine Treppe hoch, und hatte mich
etwas säubern können, als das gewöhnliche Geräusch sich über mir hören
liess; man schleppt Möbel und macht Tanzschritte.
Dieses Mal begnüge ich mich nicht mit Verdacht, sondern klettre in
Gesellschaft meines Kameraden die Bodentreppe hinaus, um mir Gewissheit
zu verschaffen. Aber dort oben ist nichts Verdächtiges zu finden, da
niemand über meinem Zimmer unter den Dachpfannen wohnt.
Nachdem wir die Nacht schlecht geschlafen haben, setzen wir die Fahrt
fort und befinden uns einige Stunden später im Elternhaus des Dichters,
der hier beinahe als ein verlorener Sohn religiöser Eltern, guter und
redlicher Mensch, erscheint. Der Tag vergeht unter Spaziergängen in
einer schönen Landschaft und unschuldigen Gesprächen. Der Abend senkt
sich herab und bringt einen unbeschreiblichen Frieden in eine häusliche
Umgebung, in der der Arzt und ich uns gänzlich verloren vorkommen, er
noch mehr als ich, da er Atheist ist.
Spät am Abend ziehen wir uns in das Zimmer zurück, das dem Doktor und
mir angewiesen ist. Als ich etwas zu lesen suche, bekomme ich die
"Magie des Mittelalters" von Viktor Rydberg in die Hand. Immer dieser
Schriftsteller, dem ich ausgewichen bin, so lange er lebte, und der
mich nach seinem Tod verfolgt!
Ich blättere in dem Buche, und der Blick heftet sich auf die Stelle
über Incubi und Succubi. Der Verfasser glaubt an so etwas nicht und
zieht den Teufelsglauben ins Lächerliche.
Aber ich kann nicht lachen; die Lektüre erregt bei mir Anstoss, und ich
beruhige mich bei dem Gedanken, das der Verfasser jetzt seine Ansicht
geändert haben dürfte!
Indessen ist das Lesen solcher unheimlichen und magischen Dinge nicht
geeignet, Schlaf hervorzurufen, und eine gewisse Unruhe in den Nerven
macht sich vernehmbar. Deshalb wird der Vorschlag, zusammen nach
dem Bequemlichkeitshäuschen zu gehen, angenommen als eine heilsame
Zerstreuung und eine hygienische Einleitung für die Nacht, vor der ich
Furcht habe.
Mit einer Laterne versehen, streben wir über den Hof, wo bei einem
wolkigen Himmel die Skelette der bereiften Bäume unter der neckischen
und launenhaften Windsbraut krachen.
--Ich glaube, ihr fürchtet euch vor eurem eigenen Schatten, lacht der
Arzt verächtlich.
Keiner antwortet, denn die Windstösse versuchen uns auf eine ganz
persönliche Weise umzuwerfen, stellen uns ein Bein, reissen uns am
Haar, heben den Rockschoss auf.
Angekommen an Ort und Stelle, die neben dem Stall und unter dem
Heuboden lag, werden wir von einem Lärm über unsern Köpfen begrüsst
und--seltsam--es ist genau das Geräusch, das mich seit einem halben
Jahr verfolgt.
--Horch! Hört ihr etwas?
--Ja, es sind Leute oben, die dem Vieh Futter geben! antwortet der
Dichter.
Ich will die Tatsache nicht leugnen, warum aber gerade in dem
Augenblick, da ich eintrete? Und wie kommt es, dass das Unwesen überall
dieselben akustischen Formen annimmt? Es muss unbedingt jemand sein,
ein Unsichtbarer, der diese Katzenmusik für mich anstellt; es ist keine
Gehörshalluzination, da die anderen dieselbe physische Wahrnehmung
haben wie ich.
Als wir ins Schlafzimmer zurückgekommen sind, wird dennoch nichts aus
der Ruhe. Der Dichter, der sich den ganzen Tag ruhig verhalten hat, dem
die Eltern ein Bodenzimmer zum Schlafen angewiesen haben, macht den
Anfang damit, unruhig auszusehen, und gesteht schliesslich ein, dass er
sich nicht getraut allein zu schlafen, weil der Alp ihn reite.
Ich trete ihm mein Lager ab und darf statt dessen über einen grossen
Saal nebenan verfügen, der mit einem ungeheuren Bett versehen ist.
Der ungeheizte Saal, ohne Rouleaux und fast unmöbliert, lastet auf
meinem Gemüt mit einem Unbehagen, das beständig durch die Feuchtkühle
vermehrt wird.
Um mich zu zerstreuen, suche ich nach Büchern und finde auf einem
kleinen Tisch die Bibel mit Gustae Dores Illustrationen sowie eine
Sammlung Andachtsbücher. Da erinnere ich mich, dass ich in ein
religiöses Haus eingedrungen bin, dass ich der Freund des verlorenen
Sohnes und ein Verführer der Jugend bin. Welche demütigende Rolle für
einen achtundvierzigjährigen Mann. Wie erniedrigend!
Und ich verstehe das Leiden des jungen Mannes, der zwischen tugendhafte
und fromme Menschen eingesperrt ist. Das muss dieselbe Pein sein wie
für den Teufel, die Messe zu besuchen. Und um den Dämon mit dem Dämon
zu vertreiben, bin ich hierher eingeladen; ich bin gekommen, um durch
Befleckung diese reine Luft zum Einatmen möglich zu machen, da der
junge Mann sie nicht ertragen kann.
Unter derartigen Gedanken bin ich zu Bett gegangen. Der heilige Schlaf
war früher meine letzte und treueste Zuflucht, deren Erbarmen mir
niemals mangelte. Jetzt hat der Tröster in der Nacht mich im Stich
gelassen und das Dunkel erschreckt mich.
Die Lampe ist angezündet, und Stille herrscht nach dem Sturm. Da weckt
ein unbekannter surrender Laut meine Aufmerksamkeit und reisst mich
aus dem Halbschlaf. Und ich werde gewahr, wie oben im Saale ein Insekt
hin und her fliegt. Was mich aber wundert, ist, dass ich die Art
nicht kenne, obgleich ich in der Insektenkunde zu Hause bin und mir
schmeichle, alle Zweiflügler in Schweden auswendig zu können. Und dies
ist kein Schmetterling, kein Seidenspinner und auch keine Motte, es ist
eine Fliege, schwarz, länglich, aber mit einem Tonfall ausgerüstet,
der dem einer Gallwespe oder eines Nachtfalters gleicht. Ich stehe auf,
um Jagd darauf zu machen; Fliegenjagd zu Ende Dezember! Sie macht sich
unsichtbar.
Ich will wieder unters Laken kriechen und mich in meine Betrachtungen
versenken.
Aber das fliegt das verdammte Tier unter dem Kopfkissenbezug hervor;
nachdem es nun meinen Bett Ruhe und Wärme entlehnt hat, lenkt es seinen
Flug kreuz und quer. Ich lasse das Geschöpf gewähren, sicher, dass ich
es bald an der Lampe fange, wohin die Flamme es schon locken wird.
Dieser Augenblick lässt nicht auf sich warten, und sobald die Fliege
innerhalb des Lampenschirmes gekommen ist, versengt ein Streichholz
ihre Flügel so, dass der Friedensstörer seinen Totentanz aufführt und
sich leblos auf den Rücken legt. Durch den Augenschein überzeuge ich
mich davon, dass es ein unbekanntes zweiflügliges Insekt ist, keine
zwei Zentimeter lang, schwarz mit zwei feuerroten Punkten auf den
Flügeln.
Was war das? Ich weiss es nicht, aber am nächsten Tage gebe ich den
andern Gelegenheit das Dasein der toten Fliege zu bestätigen.
-Eine Hexe! Wirft der Doktor hin.
-Die lebendig verbrannt worden ist!
Indessen, nach bewerkstelligtem Autodafé schlafe ich ein.
Mitten in der Nacht werde ich von Wimmern und Zähneklappern geweckt,
das aus dem Zimmer nebenan tönt. Ich zünde ein Licht an und gehe
hinein. Mein Freund, der Arzt, hat sich mit dem halben Körper aus dem
Bett geworfen und windet sich, ein Raub schrecklicher Konvulsionen, den
Mund weit geöffnet; er zeigt mit einem Wort alle Symptome der grossen
Hysterie, wie sie in Charcots Abhandlung beschrieben sind, und zwar in
einem Grade, dass er ein Bild von dem Stadium gibt, das Besessenheit
genannt wird. Und er, ein Mann von hervorragender Intelligenz und gutem
Herzen, nicht lasterhafter als andere, gut gewachsen, mit regelmässigen
und angenehmen Gesichtszügen, ist nun so entstellt, dass er dem Bilde
eines Teufels des Mittelalters gleicht.
Entsetzt wecke ich ihn auf.
--Hast du geträumt, alter Junge?
--Nein! Es war nur ein Anfall von Alpdrücken!
--Incubus!
--Ja, wahrhaftig! Es war jemand, der drückte mir die Lungen zusammen.
Etwas im selben Stil wie ... "angina pectoris".
Ich reiche ihm ein Glas Milch; er zündet eine Zigarre an, und ich gehe
in meinen Saal zurück.
Aber nun ist es für mich mit dem Schlafen vorbei. Was ich gesehen
hatte, war zu furchtbar, und bis zum Morgen setzen meine Kameraden
ihren Strauss mit dem Unsichtbaren fort.
Man trifft sich beim Frühstück, und die Geschehnisse der Nacht werden
ins Lächerliche gezogen. Aber unser Wirt lacht nicht; welchen Umstand
ich der religiösen Denkart zuschreibe, die ihm Achtung vor den
verborgenen Mächten lehrt.
Die schiefe Stellung, in der ich mich befinde, zwischen den Alten, die
ich billige, und den Jungen, die zu tadeln ich kein Recht habe, lässt
mich auf die Abreise dringen.
Als wir vom Tisch aufstehen, bittet der Herr des Hauses, den Arzt um
eine besondere Konsultation, und sie ziehen sich für eine halbe Stunde
zurück.
--Was fehlt dem Alten?
--Er kann nicht schlafen! Nächtliche Herzaffektionen....
--Also er auch! Der gerechte und fromme Mann! Das ist also eine
Epidemie, die keinen verschont.
Ich will nicht verhehlen, dass dieser Umstand mich aufrichtete, und
gleich nahmen der Aufruhrgeist und die Zweifelsucht meine Seele wieder
in Besitz. Die Dämonen herausfordern, den Unsichtbaren trotzen und
zuletzt unterjochen! Das war die Losung, die ich mir gab, als ich diese
gastfreie Familie verliess, um meine beabsichtigten Ausflüge in Schonen
zu machen.
Am selben Abend in der Stadt Höganäs angelangt, nehme ich mein
Abendessen im grossen Speisesaal des Hotels ein; dabei habe ich einen
Zeitungsmann zur Gesellschaft. Sowie wir uns zu Tisch gesetzt haben,
lässt sich das übliche Poltern über meinem Kopfe hören; und um mich
gegen die Mangelhaftigkeit meiner eigenen Wahrnehmung zu sichern, lasse
ich die Erscheinung von dem Zeitungsmann beschreiben; der bezeugt deren
Wirklichkeit.
Als wir nach beendeter Mahlzeit hinausgingen, stand die unbekannte
Frau, die mich vor der Abreise von Lund angesprochen hatte, ganz
unbeweglich draussen vor dem Portal und liess mich und meinen Begleiter
vorbeidefilieren.
Da vergesse ich die Dämonen und die Unsichtbaren und verfalle von
neuem auf die Vermutung, dass ich von sichtbaren Feinden verfolgt
bin. Aber im nächsten Augenblick widerlege ich diese Annahme, indem
ich mich an meinen unvorhergesehenen Besuch beim Schuhmacher in Malmö
erinnere; auch in jener Nacht, als wir nach dem Stallgebäude gingen,
war unmöglich eine überlegte Intrige anzunehmen.
Die schrecklichen Zweifel sitzen fest und höhlen mir das Gehirn aus,
erhitzen mein Blut und flössen mir Ekel vor dem Leben ein.
Doch die Nacht hat mir eine Überraschung vorbehalten, die mich mehr
erschreckt als die letzten Tage zusammengenommen.
Ermüdet von der Reise gehe ich um elf Uhr zu Bett. Alles ist still im
Hotel und kein Poltern vernehmbar. Mein Mut wächst, und ich falle in
einen tiefen Schlaf, um nach einer halben Stunde von einem Lärm und
Gepolter, das im Zimmer über dem meinen ist, geweckt zu werden. Es
scheint mindestens eine Stiege junger Leute zu sein, die singen, auf
den Boden stampfen, Stühle hin und her schieben.
Dies wilde Leben währt bis zum Morgen!
Warum ich nicht beim Wirt Klage führe? Weil es mir im Laufe meines
Lebens nie gelungen ist, recht zu bekommen. Dazu geboren und
vorherbestimmt, unrecht zu bekommen, habe ich aufgehört, mich zu
beklagen.
Am Morgen setze ich meine Reise fort, um die Steinkohlegruben, bei
Höganäs zu besehen. Im selben Augenblick, wie ich ins Wirtshaus
eintrete, um ein Fuhrwerk zu bestellen, beginnt der gewöhnliche
Hexensabbath oben. Unter einem Vorwand, ich erinnere mich jetzt nicht,
welcher, steige ich eine Treppe hinauf. Ein grosser Saal, der leer ist,
ist alles, was ich dort finde.
Da die Gruben nicht vor zwölf Uhr besehen werden dürfen, lasse ich
mich nach einem Fischerort einige Meilen nördlich fahren, von wo die
Aussicht über den Sund sehr berühmt ist.
Als der Wagen durch den Schlagbaum vor dem Dorfe fährt, fühle ich
auf einmal meinen Brustkorb von hinten zusammengeklemmt, ganz als ob
jemand mir seine Knie in den Rücken stemme, und die Illusion ist so
vollständig, dass ich mich umwende, um den Feind, der hinten aufsitzt,
in Augenschein zu nehmen.
Da erhebt ein Schock Krähen ein entsetzliches Geschrei und fliegt
über den Kopf des Pferdes; das scheut, bäumt sich, spitzt die Ohren
und schwitzt grosse Tropfen. Es kaut am Zaum, und der Fuhrmann muss
abspringen, um das Tier zu beruhigen.
Ich frage, warum das Pferd so unvernünftig bange würde, aber die
Antwort steht in dem Blick zu lesen, den der Fuhrmann auf die Krähen
richtet, die gleich einer Wolke uns noch einige Minuten folgen. Es ist
eine ganz natürliche Begebenheit, aber von schlimmer Art und nach dem
Volksglauben ein schlechter Vorbote!
Nach zwei Stunden Wegs ohne Nutzen für meine Studien, weil ein Nebel
die Aussicht über den Sund verschliesst, fahren wir in das Dorf Mölle
hinein. Entschlossen, die Bergspitze von Kullen zu Fuss zu besteigen,
verabschiede ich den Kutscher und lasse ihn im Wirtshaus meine Rückkehr
abwarten.
Als ich die Bergwanderung beendigt habe, komme ich in das Dorf zurück
und lenke meine Schritte nach der Gastwirtschaft. Aber mir fehlt die
Ortskenntnis und ich suchen einen Einwohner, um mich hin zu fragen.
Nicht ein lebendes Wesen ist zu sehen, weder auf den Strassen noch
anderswo. Ich klopfe an die Türen; keine Antwort. Am Vormittag um elf
Uhr in einem Dorf von zweihundert Einwohnern nicht ein Mann, nicht
eine Frau, nicht ein Kind, nicht einmal ein Hund! Und der Kutscher,
das Pferd, der Wagen wie weggeblasen. Ich irre in den Gassen umher
und finde nach einer halben Stunde die Gastwirtschaft. Sicher, meinen
Fuhrmann dort zu haben, bestelle ich Frühstück; nachdem ich gegessen
habe, bitte ich es dem Kutscher anzusagen.
--Welchem Kutscher?
--Meinem!
--Ich habe keinen gesehen!
--Haben Sie nicht einen Wagen bemerkt, von einem rotbraunen Pferde
gezogen und von einem dunklen Kutscher gefahren?
--Nein, das habe ich nicht.
--Und ich habe ihn doch hierher ins Wirtshaus bestellt.
--Dann sitzt er wohl im Ausspann nebenan.
Das Mädchen bezeichnet den Weg, und ich setze mich in Gang.
Doch, ich bin nicht imstande, den Krug zu finden, und ich gehe irre,
so dass ich nicht wieder zurück nach meinem Wirtshaus finde. Und kein
Mensch zu sehen! Da werde ich bange! Bange am hellen Tage! Dieses Dorf
ist verhext!
Ich vermag mich nicht mehr zu rühren, sondern stehe, wo ich stehe, wie
festgekettet. Was nützt das Suchen, da der Teufel einen Finger im Spiel
hat?
Nach sieben Sorgen und acht Betrübnissen kommt endlich der Kutscher,
und ich schäme mich, ihm meine Verdriesslichkeiten zu offenbaren oder
ihm Erklärungen abzufordern, die nichts erklären.
Wir sind nach Högandäs zurückgefahren. Vor der Hoteltreppe fällt das
Pferd plötzlich zur Erde, als habe jemand vor der Tür gestanden und es
erschreckt.
Jetzt lasse ich mich über den Weg nach den Steinkohlengruben
unterrichten; dieses Mal gewiss, mein Ziel nicht zu verfehlen, gehe ich
zu Fuss die fünf Minuten Wegs, die man mir angewiesen hat. Ich gehe und
gehe zehn Minuten, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, geradeaus
aufs ebene Land, ohne eine Spur von Gebäuden oder Schornsteinen zu
erblicken, die auf eine Grube hinweisen können. Die angebaute Ebene
streckt sich in Unendlichkeit aus; nicht eine Hütte, niemand zum Fragen.
Das ist der Böse, der mir diesen boshaften Schabernack spielt! Und ich
bleibe stehen wie festgeleimt, erblindet, ohne einen Schritt vorwärts
oder rückwärts machen zu können.
Schliesslich kehre ich ins Dorf zurück, nehme ein Zimmer und ruhe mich
auf einem Sofa aus.
Nach einer Viertelstunde werde ich aus meinen traurigen Gedanken
durch ein Unwesen geweckt. Diesmal klopft man mit einem Hammer Nägel
ein. Kleingläubig, was die Klopfgeister anbetrifft, schreibe ich
die Erscheinung auf Rechnung böswilliger Leute oder eines mehr als
gewöhnlich grossen Pechs. Ich klingele, bezahle was ich schuldig bin
und begebe mich auf den Bahnhof.
Drei Stunden warten! Das ist viel, wenn man ungeduldig ist, aber es
gibt keine Wahl. Als ich zwei Stunden auf einer Bank hingebracht habe,
geht eine gutgekleidete und hübsche Frauensperson an mir vorbei, um in
den Wartesaal erster Klasse einzutreten. In der Art dieser Dame sich zu
bewegen und in ihrem ganzen Wesen lag etwas, das bei mir unbestimmte
Erinnerungen weckte; neugierig, wie sie von vorn aussieht, bewache
ich die Tür, um mir die Dame anzusehen, wenn sie wieder vorbeikommt.
Nachdem ich lange gewartet habe, gehe ich in den Wartesaal hinein.
Niemand ist drinnen zu sehen; und keine andere Tür ist da; kein
Toilettenzimmer. Und Doppelfenster setzen der Möglichkeit, auf andere
Weise zu entkommen, ihr Halt entgegen.
Bin ich geblendet? Gibt es Menschen, die mit der Fähigkeit ausgerüstet
sind, einem das Gesicht zu verkehren? Kann man sich unsichtbar machen?
Das sind ungelöste Fragen, die mich zur Verzweiflung bringen. Bin ich
verrückt? Nein, die Ärzte sagen, es sei nicht der Fall. Da kann man an
Wunder glauben. Ich bin ein Verdammter, ich befinde mich in der Hölle,
wenn man Swedenborg glauben darf, und die Mächte strafen mich, rastlos,
unbarmherzig. Die Geister, die ich heraufbeschwöre, haben keine Lust,
wieder in die Flasche zu kriechen, von der ich das Insiegel genommen
habe.
Der Abend desselben Tages, in einem guten Hotel erster Klasse der
Stadt Malmö. Ich gehe um zehn Uhr zu Bett. Um halb elf fängt man an
im Korridor Holz zu spleissen, ohne dass jemand seine Unzufriedenheit
darüber äussert; und zwar in einem kontinentalen Hotel voller
Reisender. Danach wird getanzt! Später dreht man an einer Maschine mit
Räderwerk ... Ich stehe auf, bezahle die Rechnung und beschliesse meine
Reise die ganze Nacht fortzusetzen.
Mutterseelenallein draussen in der kalten Januarnacht, gehe ich
und schleppe meine Reisetasche, ermüdet und erschöpft, unter einem
pechschwarzen Himmel. Einen Augenblick halte ich es für das Beste, mich
in den Schnee zu legen und zu sterben. Aber im nächsten Moment sammle
ich meine Kräfte und biege in eine öde Hinterstrasse ein, wo ich ein
anspruchsloses Hotel antreffe. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass
niemand mich auskundschaftet, schleiche ich durch das Tor hinein.
Ohne mich auszukleiden, strecke ich mich auf dem Bett aus, fest
entschlossen, mich lieber töten als zum Aufstehen bringen zu lassen.
Totenstille herrscht im Hause und der liebliche Schlaf nähert sich. Da
höre ich plötzlich, wie eine unsichtbare Tatze an der Papierbekleidung
der Decke gerade über meinem Kopfe kratzt. Es kann keine Maus sein, da
das lose gespannte Papier sich nicht bewegt; und übrigens ist es eine
ziemlich grosse Tatze, wie von einem Hasen, einem Hund!
Bis zum Tagesgrauen erwarte ich, in Schweiss gebadet, die Klauen in
meiner Haut zu fühlen, aber vergebens, denn selbst die Angst ist
quälender als der Tod.
Warum ich nicht krank werde nach solchen Peinigungen?
Weil ich das Leiden bis auf die Hefe leeren muss, um das Gleichgewicht
zwischen den begangenen Missetaten und der auferlegten Strafe wieder
herzustellen. Und es ist wirklich merkwürdig, wie ich die Qualen
auszuhalten vermag; ich verschlinge sie mit grimmiger Freude, um
endlich ein Ende mit ihnen zu machen.
2.
Die Trostlosigkeit breitet sich aus.
Als Neujahr und die unzähligen Feiertage überstanden sind, finde ich
mich eines Tages allein. Es ist, als ob ein Orkan dahergezogen wäre:
alle sind zerstreut, fortgeblasen, schiffbrüchig. Mein Freund der
Arzt ist als krank ins Lazarett aufgenommen. Tatsächlich hat er, von
Trunksucht geschwächt, von Geldmangel bedrängt, von Schlaflosigkeit
aufgerieben, schliesslich "Neurasthenie" bekommen. Das ist
herzzerreissend; und statt ins Wirtshaus zu gehen, lenke ich nun meine
Schritte ins Lazarett, um für eine Stunde Zwiegespräch und Gesellschaft
zu suchen.
Im Café bin ich der einzige, der ein Glas trinkt, da drei von den
Kameraden das Gelübde der Nüchternheit abgelegt haben. Der Dichter
ist fortgereist. Der junge Ästhetiker, der Sohn des Professors der
Ethik, ist ins Ausland geschickt, um von dem schlechten Umgang mit dem
Verführer der Jugend (das bin ich!) loszukommen.
Ein Doktor der Philosophie hat sich das Bein gebrochen und liegt zu
Bett. Gleichzeitig wird der junge Chemiker, der Bannerträger der
Fortschrittsmänner, krank und muss auf Neurasthenie behandelt werden.
Es ist Schlaflosigkeit, ein Anfall von Alpdrücken und Schwindel gewesen.
Alle diesen traurigen Umstände und andere haspeln sich im Laufe von
anderthalb Monaten ab. Und was meine Lage unerträglich macht, ist, dass
man mehr oder weniger direkt die Schuld auf mich schiebt. Ich bin der
Böse selbst, ich habe den bösen Blick! Es ist nur gut, dass man über
die Macht des bösen Willens und die heimlichen Finten des Okkultismus
nichts weiss und den Gedanken daran verwirft, denn sonst würde man mich
totschlagen.
Eine flache und trübe Stille hat sich über das geistige Leben an
der Universität gebreitet. Nicht eine neue zeugungskräftige Idee,
keine Gärung und Bewegung! Die Naturwissenschaften haben die
transformistische Methode, die Fortschritt versprach, abgenutzt, und
sie drohen nun an allgemeiner Schwäche zu sterben. Man diskutiert
nicht mehr, weil man einig ist, dass die reformatorischen Bestrebungen
eitel sind. Man hat so viele Illusionen stürzen sehen, und die grosse
Befreiungsaktion ist jetzt in eine allgemeine Auflösung oder vielmehr
Zersetzung übergegangen.
Die Jugend wartet auf etwas Neues, ohne sich noch klar gemacht zu
haben, was sie ersehnt. Neues um jeden Preis, ausgenommen Abbitte
und Rückzug. Vorwärts zu dem Unbekannten, was es auch sei, wenn es
nur nicht etwas Altes ist. Man will freilich eine Versöhnung mit
den Göttern, aber es sollen umgeschaffene sein, besser entwickelte
Götter, die auf gleicher Höhe mit der Gegenwart stehen, Götter von
weitherziger Auffassung, frei von kleinlichen Vorurteilen, berauscht
von Lebensglück. Leider aber sind die Unsichtbaren krittlig geworden,
neidisch auf die Freiheiten, welche die Sterblichen sich erworben
haben. Der Wein ist vergiftet worden und verursacht wilde Verrücktheit,
statt liebliche Visionen hervorzurufen. Die durch Gesellschaftsbande
geregelte Liebe erweist sich als ein Zweikampf auf Leben und Tod; die
freie Liebe führt im Schlepptau unnennbare und endlose Krankheiten,
bringt Elend über die Heimstätten, stösst ihre Opfer schimpfbeladen vom
Verkehr aus.
Die Epoche eines Experimentiergeistes ist abgelaufen und die
Experimente haben lauter negative Resultate ergeben. Um so besser für
die Menschen der Zukunft: die werden Nutzen ziehen aus den heilsamen
Lehren, die sie aus der Niederlage der Vorhut holen können, welche in
der Wüste irre gegangen und in einem hoffnungslosen Kampf gegen die
Übermacht gefallen ist.
Einsam, wie ich bin, schiffbrüchig, ein Wrack, das auf eine Schäre
im Ozean geworfen worden ist, habe ich Augenblicke, in denen ich von
Schwindel vor dem blauenden Nichts ergriffen werde. Ist es der Himmel,
der einen Widerschein von dem ausgebreiteten Tuche des Meeres trägt,
oder das Meer, das den Himmel spiegelt?
Ich habe die Menschen geflohen, und die Menschen fliehen mich.
In meiner ersehnten Einsamkeit werde ich von einer ganzen Schar
Dämonen heimgesucht, und wenn alles zusammen kommt, fange ich doch
an den geringsten unter den Sterblichen den interessantesten Schemen
vorzuziehen. Aber wenn ich einen Menschen suche, während der langen
Abende, durch die ganze Stadt, treffe ich keinen, weder bei sich zu
Hause noch in den Cafés.