Freuen wir uns über die Qualen, die ebenso viele bezahlte Schulden

sind, und glauben wir, dass wir aus Barmherzigkeit nicht erfahren,

welche Ursachen ursprünglich unsere Strafen haben.

17.

Wohin gehen wir?

Sechs Monate sind vergangen, und ich gehe noch immer auf dem Stadtwall

spazieren, von wo ich meine Blicke nach dem Irrenhaus schweifen lasse

und nach dem blauen Streifen des fernen Meeres spähe. Von dort wird die

neue Zeit, die neue Religion kommen, von der die Welt träumt.

Der düstere Winter ist begraben, die Felder grünen, die Bäume blühen,

die Nachtigall schlägt im Garten der Sternwarte; aber die Traurigkeit

des Winters lastet auf unseren Seelen, denn so viel unheilvolle

Ereignisse, so viel unerklärliche Vorfälle haben wir erlebt, dass

selbst die Ungläubigsten unruhig geworden sind. Die Schlaflosigkeit

nimmt zu, die Nervenkrisen vermehren sich, die Visionen sind häufig

geworden, wahre Wunder erfüllen sich. Man erwartet etwas.

Ein junger Mensch besucht mich.

--Was muss man tun, um nachts ruhig zu schlafen?

--Was ist geschehen?

--Ich weiss es wahrhaftig nicht zu sagen, aber ich habe einen Schrecken

vor meinem Schlafzimmer bekommen, und ich ziehe morgen aus.

--Junger Mann, Atheist und Realist, was ist geschehen?

--Als ich heute Nacht die Tür öffnete, um einzutreten, fasste mich

jemand beim Arm und schüttelte mich.

--Es ist also jemand in Ihrem Zimmer?

--Aber nein! Ich habe die Kerzen angezündet und ich habe niemand

gesehen.

--Junger Mann, es gibt jemand, den man bei Kerzenlicht nicht sieht.

--Wer ist das?

--Das ist der Unsichtbare, junger Mann. Haben sie Sulfonal, Bromkalium,

Morphium, Chloral genommen?

--Ich habe alles versucht!

--Und der Unsichtbare räumt nicht das Feld. Sie wollen nachts ruhig

schlafen und Sie verlangen von mir das Mittel. Hören Sie, junger Mann,

ich bin weder ein Arzt noch ein Prophet; ich bin ein alter Sünder, der

Busse tut. Verlangen Sie weder Predigten noch Prophezeiungen von einem

Schächer, der kaum Zeit genug hat, sich selber zu predigen. Ich habe an

Schlaflosigkeit und Niedergeschlagenheit gelitten, ich habe Körper an

Körper mit dem Unsichtbaren gerungen, und ich habe endlich Schlaf und

Gesundheit wiedergewonnen. Wissen Sie, wie? Raten Sie!

Der junge Mann errät mich und schlägt die Augen nieder.

--Sie erraten es! Dann gehen Sie in Frieden und schlafen Sie gut!

Ich muss schweigen und mich erraten lassen, denn in dem Augenblick, in

dem ich mir einfallen liesse, den Prediger zu spielen, würde man sich

von mir wenden.

Ein Freund fragt mich:

--Wohin gehen wir?

--Ich wüsste es nicht zu sagen; mich persönlich scheint der Weg des

Kreuzes zum _Glauben meiner Väter_ zurückzuführen.

--Zum Katholizismus?

--Es scheint mir so! Der Okkultismus hat seine Rolle gespielt, indem

er die Wunder und die Dämonologie wissenschaftlich erklärte. Die

Theosophie, die der Religion den Weg bahnte, hat ausgelebt, nachdem

sie die Weltordnung, die straft und belohnt, wiederhergestellt hat.

Karma wird sich in Gott verwandeln, und die Mahatmas werden sich als

die neugeborenen Mächte, als Zuchtgeister (Dämonen) und als Lehrgeister

(Eingeber) enthüllen. Der Buddhismus, den das junge Frankreich pries,

hat die Resignation und den Kultus des Leidens eingeführt, die geraden

Weges nach Golgatha leiten.

Was das Heimweh betrifft, das ich nach der Mutterkirche empfinde, so

ist das eine lange Geschichte, die ich in Kürze erzählen möchte.

Als Swedenborg mich lehrte, dass es verboten sei, die Religion seiner

Väter zu verlassen, hat er dem Protestantismus, der ein Verrat an der

Mutterkirche ist, das Urteil gesprochen.

Vielmehr, der Protestantismus ist eine den Barbaren des Nordens

auferlegte Strafe; der Protestantismus, das ist das Exil, die

babylonische Gefangenschaft. Aber die Rückkehr in das gelobte Land

scheint nahe zu sein. Die grossen Fortschritte, die der Katholizismus

in Amerika, England, Skandinavien macht, verkünden die allgemeine

Versöhnung: zur selben Zeit hat die griechische Kirche dem Abendland

die Hand gereicht.

Das ist der Traum der Sozialisten, die Vereinigten Staaten des

Abendlandes wiederherzustellen, aber in geistigem Sinn verbessert. Doch

bitte ich euch, nicht zu glauben, dass politische Überlegungen mich

zur römischen Kirche zurückführen. Nicht ich habe den Katholizismus

gesucht, er hat sich mir aufgedrängt, nachdem er mich jahrelang

verfolgt hat. Mein Kind, das gegen meinen Willen katholisch wurde,

hat mich die Schönheit eines Kultes gelehrt, der sich seit seinem

Ursprung unberührt erhalten hat, und ich habe immer das Original der

Kopie vorgezogen. Der lange Aufenthalt im Lande meines Töchterchens

liess mich die hohe Aufrichtigkeit des religiösen Lebens bewundern.

Von ähnlicher Wirkung war mein Aufenthalt im Krankenhaus des heiligen

Ludwig und schliesslich meine Abenteuer der letzten Monate.

Nachdem ich mein Leben, das mich wie gewisse Verdammte in Dantes Hölle

dem Wirbelwind überlieferte, untersucht und dabei erkannt hatte,

dass mein Dasein im ganzen keinen anderen Zweck gehabt habe, als

mich zu demütigen und zu besudeln, entschloss ich mit, den Henkern

zuvorzukommen und selbst die Folterungen an mir zu vollziehen. Ich

wollte mitten in den Leiden, Unsauberkeiten und Todesängsten leben und

bereitete mich vor, eine Stelle als Krankenpfleger zu suchen und zwar

im Hospital der Frères Saint-Jean-de-Dieu zu Paris. Dieser Gedanke kam

mir am Morgen des 29. April, nachdem ich einer alten Frau mit einem

Totenkopf begegnet war. Als ich nach Hause kam, fand ich auf meinen

Tisch "Seraphita" aufgeschlagen; auf der rechten Seite zeigte ein

Holzsplitter auf diesen Satz:

"Tut für Gott, was ihr für eure ehrgeizigen Pläne tun würdet; was ihr

tut, wenn ihr euch einer Kunst widmet; was ihr getan habt, als ihr ein

Wesen mehr als ihn liebtet; oder als ihr ein Geheimnis der menschlichen

Wissenschaften verfolgtet! Ist Gott nicht die Wissenschaft selbst...."

Am Nachmittag erhielt ich die Zeitung "L'Eclair", und--welcher

Zufall!--das Hospital der Frères Saint-Jean-de-Dieu wird zweimal im

Text genannt.

Am 1. Mai las ich zum erstenmal in meinem Leben, "Wie man Magier wird"

von Peladan.

Peladan, mir bis heute ein Unbekannter, erscheint wie ein Gewitter,

eine Offenbarung des höheren Menschen, des Nietzscheschen Übermenschen,

und mit ihm hält der Katholizismus seinen feierlichen und sieghaften

Einzug in mein Leben.

Ist "der da kommen soll", in der Person Peladans gekommen? Der

Dichter-Denker-Seher, ist er es, oder sollen wir noch eines andern

warten?

Ich weiss es nicht; aber nachdem ich diese Vorhallen zu einem neuen

Leben überschritten habe, beginne ich am 3. Mai dieses Buch zu

schreiben.

Am 5. Mai besucht mich ein katholischer Priester, ein Konvertit.

Am 9. Mai sehe ich Gustav Adolf in der Asche des Kamins.

Am 14. Mai las ich in Peladan: "An Zaubereien zu glauben, war gut

gegen das Jahr tausend; beim Nahen des Jahres zweitausend stellt ein

Beobachter fest, das mancher Mensch die verhängnisvolle Eigenschaft

besitzt, dem, der ihn verletzt, Unglück zu bringen. Du verweigerst ihm

eine Bitte, und deine Geliebte betrügt dich; du machst ihn schlecht,

und du musst das Bett hüten; alles Böse, was du ihm antun willst,

wendet sich in verstärktem Masse gegen dich.--Tut nichts, der Zufall

wird dieses unerklärliche Zusammentreffen erklären; der Zufall genügt

dem Determinismus des Modernen".

17. Mai.--Ich las von dem Dänen Jörgensen, der sich zum Katholizismus

bekehrt hat, eine Schrift über das Kloster Beuron.

18. Mai.--Ein Freund, den ich seit sechs Jahren nicht gesehen habe,

ist soeben nach Lund gekommen und zieht in das Haus, in dem ich wohne.

Man denke sich meine Bewegung, als ich erfahre, dass er sich soeben

zum Katholizismus bekehrt hat. Er leiht mir das römische Gebetbuch,

da ich meins vor einem Jahr verloren habe; als ich die lateinischen

Kirchenlieder wieder lese, fühle ich mich zu Hause.

27. Mai.--Nachdem wir mehrere Male über die Mutterkirche gesprochen

haben, hat mein Freund an das belgische Kloster, in dem er getauft

worden ist, einen Brief geschrieben und um einen Ruhesitz für den

Verfasser dieses Buches gebeten.

28. Mai.--Ein Gerücht läuft um, Annie Besant sei katholisch geworden;

aber es wird nicht bestätigt.

Ich warte noch auf die Antwort des belgischen Klosters.

Wenn dieses Buch gedruckt sein wird, werde ich die Antwort empfangen

haben. Und dann? Darauf?--Ein neuer Spass der Götter, die laut

auflachen, wenn wir heisse Tränen weinen?

Lund, 3. Mai bis 25. Juni 1897

Epilog.

Ich hatte dieses Buch zuerst mit dem Ausruf beendet: "Welcher

Schwindel, welcher traurige Schwindel ist das Leben!"

Nachdem ich aber etwas nachgedacht hatte, fand ich den Satz unwürdig

und strich ihn.

Aber die Unschlüssigkeit hörte nicht auf, und ich nahm meine Zuflucht

zur Bibel, um die ersehnte Aufklärung zu erhalten.

Dies hat es mir geantwortet, das heilige Buch, das mehr als jedes

andere mit wunderbaren prophetischen Eigenschaften ausgestattet ist:

"Ich will mein Angesicht wider ihn setzen, dass er zum Zeichen und

Sprichwort werden soll, und ich will ihn aus meinem Volk roden, dass

ihr erfahren sollt, Ich sei der Herr.

"Wo aber ein Prophet sich betören lässt, etwas zu reden, den habe Ich,

der Herr, betörtet, und will meine Hand über ihn ausstrecken, und ihn

aus meinem Volk Israel roden." (Hesekiel 14, 8/9.)

Das also ist die Gleichung meines Lebens: ein Zeichen, ein Beispiel, um

andern zur Besserung zu dienen; ein Sprichwort, um zu zeigen, wie eitel

Ruhm und Ehre sind; ein Sprichwort, um die Jugend aufzuklären, wie man

nicht leben darf, ein Sprichwort, ich, der ein Prophet zu sein glaubte,

und sich als Betrüger entlarvt sieht.

Nun, der Ewige hat diesen Betrüger-Propheten verleitet, aufzutreten und

zu sprechen, und der falsche Prophet fühlt sich unverantwortlich, da er

die Rolle gespielt hat, die ihm auferlegt wurde.

Hier ist, meine Brüder, ein Menschenschicksal unter so vielen andern;

gebt zu, dass das Leben eines Menschen ein Schwindel scheinen kann!

Warum ist der Verfasser dieses Buches auf eine so ausserordentliche Art

bestraft worden? Man lese das Mysterium, das dem Text vorangeht. Es ist

vor dreissig Jahren geschrieben worden, bevor der Verfasser etwas von

den Ketzern, die "Stedinger" heissen, wusste. Papst Gregor IX. tat sie

1232 in den Bann, wegen ihrer satanistischen Lehre: "Lucifer, der gute

Gott, von "dem andern" verjagt und abgesetzt, wird zurückkehren, wenn

sich der Usurpator, Gott genannt, durch seine elende Regierung, seine

Grausamkeit und Ungerechtigkeit bei den Menschen verächtlich gemacht

und von seiner eigenen Unfähigkeit überzeugt haben wird".

Der Fürst dieser Welt, der die Sterblichen zu Lastern verurteilt

und die Tugend durch das Kreuz und den Scheiterhaufen, durch

Schlaflosigkeit und Alpdrücken züchtigt, wer ist er? Der Henker, dem

wir überliefert sind, für unbekannte oder vergessene Verbrechen, die

wir in einer andern Welt begangen haben!

Und die Zuchtgeister Swedenborgs? Schutzengel, die uns vor geistigen

Übeln bewahren!

Welche babylonische Verwirrung!

Augustinus hat es für unklug erklärt, am Dasein von Dämonen zu zweifeln.

Thomas von Aquino hat verkündet, Dämonen riefen Gewitter und

Blitzschläge hervor, und diese Geister könnten ihre Macht den Händen

der Sterblichen anvertrauen.

Papst Johannes XXII. Beklagt sich über unerlaubte Kunstgriffe

seiner Feinde: die quälten ihn, indem sie seine Porträts mit Nadeln

zerstachen. (Behexung.)

Luther ist der Ansicht, dass alle Unfälle, Knochenbrüche, Einstürze,

Feuersbrünste, die meisten Krankheiten von Teufeln herrühren, die ihr

Spiel treiben.

Luther geht noch weiter und spricht die Ansicht aus, gewisse Menschen

hätten ihre Hölle schon in diesem Leben gefunden.

Habe ich also mit gutem Vorbedacht mein Buch "Inferno" getauft?

Wenn der Leser meine Ansicht als zu pessimistisch in Zweifel zieht,

lese er meine Lebensgeschichte: "Der Sohn einer Magd, Die Entwicklung

einer Seele, Die Beichte eines Toren".

Wer dieses Buch für eine Dichtung halten sollte, möge mein Tagebuch

vergleichen, das ich seit 1895 Tag für Tag geführt habe und von dem

dieses Buch nur eine ausgeführte und geordnete Bearbeitung ist.

Legenden 1897--1898

eigne ich dieses Buch zu, indem ich mir zu gleicher Zeit ihre Nachsicht

für die Sünden der Indiskretion erbitte, die ich darin aus ehrlicher

Absicht und zu lobenswertem Zweck begangen habe. Es wird ihre Sache

sein, mich freizusprechen oder zu verurteilen, und mir kommt nur zu,

sie um Verzeihung zu bitten, falls ich wehgetan habe.

Der Verfasser. #/

Erster Teil

1.

Der besessene Teufelsbeschwörer.

Gejagt von den Erinnyen, wurde ich schliesslich im Dezember 1896 in

der kleinen Universitätsstadt Lund in Schweden festgehalten. Eine

Anhäufung kleinbürgerlicher Häuser um eine Domkirche, ein palastartiges

Universitätsgebäude und eine Bibliothek, bildet die Stadt eine

Zivilisations-Oase in der grossen südschwedischen Ebene.

Ich muss den raffinierten Scharfsinn bewundern der mir diesen Ort zum

Gefängnis ausersehen hat. Von den "Eingeborenen" in Schonen wird die

Universität Lund sehr geschätzt, aber für einen Mann vom Norden, wie

ich es bin, ist der Umstand, dass man hier lebt, ein Zeichen, dass man

heruntergekommen ist.

Ferner für mich, der ich hoch in den Vierzigern stehen, zwanzig Jahre

lang verheiratet gewesen bin, mich an ein regelmässiges Familienleben

gewöhnt habe, ist es eine Demütigung, eine Relegation, auf den

Umgang mit Studenten angewiesen zu sein; Junggesellen, die einem

ausschweifenden Kneipenleben ergeben und wegen ihrer oppositionellen

Denkart bei den väterlichen Autoritäten der Akademie mehr oder weniger

schlecht angeschrieben sind.

Gleichaltrig und einst Kamerad der Professoren, die mich jetzt nicht

mehr kennen, werde ich gezwungen, meine Gesellschaft bei den Studenten

zu suchen, also die Rolle eines Feindes der Alten und der angesehenen

Gesellschaftskreise zu übernehmen.

Heruntergekommen, das ist das rechte Wort. Und warum? Weil ich es

verschmähte, mich den Gesetzen des Gesellschaftslebens und der

Familiensklaverei zu unterwerfen. Aus eine heilige Pflicht habe ich den

Kampf für die Aufrechterhaltung meiner Persönlichkeit betrachtet, ob

diese nun gut oder schlecht sein mag.

In Acht erklärt, scheel angesehen, von Vätern und Müttern als ein

Verführer der Jugend verflucht, bin ich in eine Lage versetzt, die an

die der Schlange im Ameisenhaufen erinnert, um so mehr als ich infolge

von Geldverlegenheit die Stadt nicht verlassen kann.

Geldverlegenheit! Das ist nun mein Schicksal seit drei Jahren, und ich

kann es nicht erklären, wie es kommt, dass alle Quellen versiegt sind,

nachdem aller Vorrat erschöpft war. Vierundzwanzig Theaterstücke von

meiner Hand, jetzt aufgelegt im Winkel, und kein einziges wird mehr

gespielt; ebenso viele Romane und Erzählungen und kein Band ist in

neuer Auflage herausgekommen. Alle Versuche, eine Anleihe aufzunehmen,

sind gescheitert und scheitern noch immer. Nachdem ich alles verkauft

hatte, was ich besass, zwang die Not mich schliesslich, die Briefe zu

verkaufen, die ich Laufe der Jahre empfangen habe, das heisst fremdes

Eigentum!

Diese unveränderliche Armut scheint mir so deutlich auf einer

besonderen Absicht zu beruhen, dass ich sie schliesslich gutwillig

hinnehme, als einen Bestandteil meiner Sündenbusse, und nicht mehr

Widerstand zu leisten suche.

Was mich selbst betrifft, für mich als freien Schriftsteller hat die

Mittellosigkeit nichts zu bedeuten, aber nicht für den Unterhalt meiner

Kinder sorgen zu können, das ist die reine Schande.

Nur zu denn mit der Schande! Nur zu mit der Schmach! Nur zu mit dieser

Hölle! Ich gebe der Versuchung nicht nach, die falsche Ehre mit meinem

Leben zu bezahlen!

Gefasst auf alles, leere ich entschlossen bis auf den Grund die

äusserste der ausserordentlichen Demütigungen; und man gebe acht, wie

meine Sühneleiden anfangen.

Wohlerzogene Jünglinge aus wohlhabenden Familien bringen mir eines

Nachts eine Katzenmusik im Korridor. Ich nehme sie entgegen wie etwas

Wohlverdientes und ohne mich zu rühren.

Ich will eine möblierte Wohnung mieten. Die Vermieter sagen nein unter

durchsichtigen Vorwänden, und die abschlägige Antwort wird mir ins

Gesicht geworfen. Ich mache Besuche und werde nicht angenommen. Nur

Kleinigkeiten!

Was dagegen meine Seele geisselt, ist die erhabene Ironie, die sich

in dem unbewussten Benehmen meiner jungen Freunde offenbart, wenn sie

mir Mut einflössen wollen, indem sie Lobreden auf meine literarische

Laufbahn halten: "so fruchtbar an befreienden Ideen" usw.! Und ich

habe eben diese sogenannten Ideen auf den Kehrrichthaufen geworfen;

die Träger dieser Ansichten sind also meine Gegner geworden! Ich führe

Krieg mit meinem alten Ich; indem ich meine Freunde und meine früheren

Gesinnungsgenossen bekämpfe, schlage ich mich selbst zu Boden.

Das ist gut arrangiert; und als Dramatiker muss ich die prächtige

Komposition in dieser Tragikomödie bewundern. Wahrhaftig, eine gut

gemachte Szene.

Da sich aber die alten und neuen Ansichten während dieser Epoche des

Übergangs so kreuzen, dass sie sich verstricken, nimmt man es nicht so

genau mit einem Alten, wie ich es bin, lauscht nicht so ernsthaft auf

meine Argumente, sondern fragt mich lieber nach Neuigkeiten in der Welt

der Ideen.

Ich schliesse ihnen den Vorhof zum Isistempel auf und sage voraus, dass

der Okkultismus im Anzuge ist. Da tobt man und säbelt mich nieder,

indem man die Waffen benutzt, die ich selbst während zwanzig Jahre

gegen Aberglauben und Mystizismus geschmiedet habe.

Da diese Debatte immer in Kneipen bei unmässigem Verbrauch vom Saft

der Traube gehalten werden, vermeidet man in heftigen Wortwechsel

zu geraten, und ich gewöhne mich daran, nur Tatsachen und wirkliche

Fälle zu erzählen, indem ich die Maske eines aufgeklärten Skeptikers

anlege. Es kann gewiss nicht gesagt werden, dass man Widerwillen gegen

alles Neue hat, im Gegenteil; aber man ist konservativ geworden, das

es das Ideal gilt, das man sich durch Streit erkämpft hat; man ist

nicht geneigt zu desertieren, noch weniger einen Glauben abzuschwören,

der durch Bluttaufe teuer bezahlt worden ist. Es kommt also mir zu,

zwischen dem Naturalismus und dem Supernaturalismus eine Brücke zu

schlagen, indem ich verkündige, dass der letzte nur eine Entwicklung

des ersten ist.

Zu diesem Zweck stelle ich das Problem auf, eine, wie eben angedeutet,

natürliche und wissenschaftliche Lösung für alle unerklärlichen

Erscheinungen zu geben, die uns auf den Leib gerückt sind. Ich

zerspalte meine Persönlichkeit und zeige der Welt den naturalistischen

Okkultisten, erhalte aber aufrecht in meinem Innern und pflege den Keim

zu einer konfessionslosen Religion. Oft gewinnt die exoterische Rolle

die Oberhand; ich mische meine beiden Naturen so durcheinander, dass

ich über meinen neuerworbenen Glauben lachen kann; das trägt dazu bei,

dass meine Theorien sich bei den widerspenstigen Gemütern einschleichen

können.

Der Dezember vergeht träge und furchtbar düster unter einem

dunkelgrauen rauchigen Himmel. Obgleich ich bei Swedenborg Aufklärung

über die Art meiner Leiden gewonnen habe, kann ich mich nicht dazu

bringen, mich auf einmal unter die Hand der Mächte zu beugen. Mein

Hang, Einwendungen zu machen, erhebt sich, und ich will immer noch die

eigentliche Ursache nach aussen verlegen und sie in der Bosheit der

Menschen suchen. Tag und Nacht von "elektrischen Strömen" angegriffen,

welche die Brust zusammenklemmen und ins Herz stechen, verzichte ich

auf meine Folterkammer und besuche das Wirtshaus, wo ich Freunde

treffe. Aus Furcht, nüchtern zu werden, trinke ich; das ist das einzige

Mittel, um nachts schlafen zu können. Aber Ekel und Schamgefühl, im

Verein mit der friedlosen Unruhe, nötigen mich damit aufzuhören, und

einige Abende gehe ich in das Café der Temperänzler, das den Namen

"Das blaue Band" trägt. Doch, ich werde ängstlich vor der Gesellschaft,

die man dort trifft. Bläulichblasse und abgequälte Gesichter,

unheimliche und böse Augen, und ein Schweigen, das nicht der Friede von

Gott ist.

Wenn alles zusammen kommt, ist der Wein eine Wohltat und die

Enthaltsamkeit eine Züchtigung. Und ich kehre nach dem halbnüchternen

Wirtshaus zurück, ohne dort die Grenzen zu überschreiten, nachdem ich

mich selbst mit Teeabenden gestraft habe.

Weihnachten steht vor der Tür und ich sehe dem Fest der Kinder

mit einer kühlen Bitterkeit entgegen, die ich kaum mit dem Namen

Resignation ehren will. Seit sechs Jahren habe ich alles leiden müssen

und bin nun gefasst auf alles.

Einsam und in einem Hotel! Nun, das ist ja lange mein Alp gewesen,

und ich habe mich daran gewöhnt. Es sieht aus, als ob alles, was ich

verabscheue, mir vorbehalten wäre.

Inzwischen ist die Vertraulichkeit zwischen mir und dem Freundeskreise

so gross geworden, dass man anfängt mir sein Herz auszuschütten.

Die Sache ist die: Während der letzten Monaten sind so manche Dinge

geschehen.... So?

So manche ungewöhnliche, unerwartete Dinge....

--Lass hören!

Man erzählt mir: das Haupt des revoltierenden Jugendschwarms, der

freieste Freidenker, der neulich aus einer Kuranstalt für Alkoholisten

gekommen ist und das Gelübde der Nüchternheit abgelegt hat, sei jetzt

bekehrt worden, so dass er geradezu....

--Nun, was?

--Busspsalmen singt.

--Unglaublich!

In der Tat hatte der junge Mann, der mit einer nicht gewöhnlichen

Intelligenz ausgerüstet war, gegenwärtig seine Aussichten dadurch

verdorben, dass er die an der Universität herrschenden Ansichten heftig

angegriffen hatte, eingeschlossen den Missbrauch starker Getränke. Bei

meiner Ankunft hielt er sich etwas abseits auf Grund seiner Mässigkeit,

doch war er es, der mir Swedenborgs "Arcana coelestia" lieh, die er aus

der Bücherei seines Elternhauses nahm. Und ich erinnere mich jetzt:

nachdem ich angefangen hatte die Arbeit zu lesen, setzte ich ihm

Swedenborgs Theorien auseinander und schlug ihm vor, den Propheten zu

lesen, um Licht zu erhalten; er aber unterbrach mich mit einer Gebärde

des Entsetzens.

--Nein! Ich will nicht! Nicht jetzt! Später!

--Ist dir bange?

--Ja, für den Augenblick!

--Aber nur als literarische Kuriosität?

--Nein!

Ich glaubte anfangs, er scherze, später aber wurde mir klar, dass es

voller Ernst gewesen war.

Also scheint es eine allgemeine Erweckung zu sein, die durch die Welt

geht, und ich brauche nicht zu verbergen, wie es mir geht.

--Sag mir, alter Junge, kannst du nachts schlafen?

-Nicht gerade viel! Siehst du, wenn ich wach liege, kommt mein ganzes

verflossenes Leben und passiert Revue; alle Dummheiten, die ich

begangen habe, alle Leiden und alles Unglück zieht vorbei, aber vor

allem die Dummheiten. Und wenn die Reihe zu Ende ist, beginnt sie

wieder von neuem!

--Auch du also!

--Auch?

--Ja! Das ist die Krankheit der Zeit! Man nennt das Gottes Mühle!

Bei dem Worte Gott grinst er und erwidert:

--Ja, es ist eine komische Zeit, in der wir leben; die verkehrte Welt.

--Oder der Wiedereintritt der Mächte!

Die Weihnachtstage sind zu Ende. Meine Tischgesellschaft hat sich

infolge der Ferien in die Umgebung von Lund zerstreut. Da kommt eines

Morgens mein Freund, der Arzt, mein Psychiater, und zeigt mir ein

Schreiben, in dem uns unser Freund der Dichter in sein Elternhaus, ein

Gut wenige Meilen von der Stadt, einladet.

Ich weigere mich mit hinauszufahren, da ich Reisen verabscheue.

--Aber er fühlt sich unglücklich.

--Was ist ihm denn?

--Schlaflosigkeit; du weisst, er hat wieder gekneipt....

Ich schütze eine dringende Arbeit vor, und die Frage bleibt

unentschieden. Am Nachmittag berichtet ein neues Schreiben, dass der

Dichter krank ist und um den ärztlichen Rat seines Freundes bittet.

--Wie ist es jetzt mit ihm?

--Er ist nervös, Neurastheniker, und glaubt sich verfolgt....

--Von Dämonen?

--Nicht gerade, aber jedenfalls....

In einem Anfall von Galgenhumor, hervorgerufen, durch das Gefühl,

Genossen im Unglück zu haben, lasse ich mich bestimmen, mitzufahren.

Inferno; Legenden · 第 12 / 25 段