An einem Tage der Verzweiflung, am Morgen nach einem Gelage, beende ich

auf meinem Zimmer mein erstes Frühstück. Das Brett mit dem Geschirr

bleibt auf dem Tisch stehen, und ich drehe den Resten des Mahles den

Rücken. Ein Geräusch erregt meine Aufmerksamkeit, und ich bemerke,

dass das Messer zu Boden gefallen ist. Ich hebe es auf und lege es

vorsichtig so hin, dass der Fall sich nicht wiederholen kann. Das

Messer erhebt sich und fällt.

Also Elektrizität!

Am selben Morgen schreibe ich einen Brief an meine Mutter, indem ich

mich über das schlechte Wetter und über das Leben im allgemeinen

beklage. Bei diesem Satz: "Die Erde ist schmutzig, das Meer ist

schmutzig, und der Himmel lässt Dreck regnen...." fällt zu meiner

grossen Überraschung ein Tropfen klaren Wassers auf das Papier!

Keine Elektrizität! Ein Wunder!

Am Abend, als ich noch am Tisch sitze, erschreckt mich ein Geräusch,

das von der Waschtoilette zu hören ist. Ich sehe hin und merke dass

ein Wachstuch, das ich bei meinen morgendlichen Waschungen benutze,

herabgefallen ist. Um die Sache nachzuprüfen, hänge ich das Wachstuch

so auf, dass es nicht fallen kann.

Es fällt noch einmal!

Was ist das?

Jetzt richten sich meine Gedanken wieder auf die Okkultisten und ihre

geheime Macht.

Ich setze eine Anzeige auf und verlasse mit diesem Brief die Stadt, um

mich nach Lund zu begeben, wo alte Freunde wohnen, Ärzte, Psychiater,

Theosophen selbst, auf deren Hilfe ich für mein zeitliches Heil rechne.

Warum und wie werde ich dazu getrieben, mich in dieser kleinen

Universitätsstadt niederzulassen, diesem Verbannungs- und Bussort für

die Studenten von Upsala, wenn sie zu toll auf Kosten ihres Beutels und

ihrer Gesundheit gelebt haben?

Ist es ein Canossa, wo ich meine übertriebenen Ansichten abschwören

muss, vor derselben Jugend, die mich einst zwischen 1880 und 1890 zu

ihrem Bannerträger ernannten? Ich kenne die Lage sehr gut, und ich

weiss wohl, dass ich von der Mehrzahl der Professoren als Verführer der

Jugend in den Bann getan bin, und dass die Eltern mich wie den Bösen

selbst fürchten.

Obendrein habe ich mir noch persönliche Feinde hier zugezogen; ich habe

hier unter Umständen Schulden gemacht, die ein schlechtes Licht auf

meinen Charakter werfen; hier wohnt die Schwägerin Popoffskys mit ihrem

Gatten und beide sind durch die Stellung, die sie in der Gesellschaft

einnehmen, imstande, mir grosse Schwierigkeiten zu bereiten. Hier

legen sogar Verwandte, die mich verleugnet; Freunde, die mich im

Stich gelassen haben, um ebenso viele Feinde zu werden. Kurz, es ist

der schlechtestgewählte Platz für einen ruhigen Aufenthalt, es ist

die Hölle, aber mit meisterhafter Logik, mit göttlichem Scharfsinn

ausgesucht. Hier muss ich den Kelch leeren, hier muss ich die Jugend

mit den erzürnten Mächten wieder vereinigen.

Durch einen übrigens sehr pittoresken Zufall habe ich eben einen

modernen Mantel mit Pelerine und Kapuze gekauft, von flohbrauner Farbe,

der Kutte der Franziskaner ähnlich. In Büssertracht also kehre ich nach

Schweden zurück, nachdem ich sechs Jahre verbannt gewesen bin.

Gegen 1885 bildete sich in Lund eine Studentenverbindung, "Die alten

Jungen" genannt, deren literarische, wissenschaftliche und soziale

Tendenzen sich mit der Losung "Radikalismus" übersetzen liessen.

Ihr Programm, das sich den modernen Ideen anschloss, war zuerst

sozialistisch, dann nihilistisch, um auf ein Ideal allgemeiner

Auflösung und des fin de siècle mit einem Anstrich von Satanismus und

Dekadenz hinauszulaufen.

Das Haupt der Partei, der Tapferste der Paladine, der seit mehreren

Jahren mein Freund ist und den ich seit drei Jahren nicht gesehen habe,

besucht mich.

Wie ich in eine Kutte gekleidet, aber in eine graue Franziskanerkutte,

gealtert, abgemagert, von kläglichem Aussehen erzählt er mir seine

Geschichte allein durch seinen Gesichtsausdruck.

--Du auch?

--Ja, es ist aus!

Als ich ihm ein Glas Wein anbiete, lehnt er ab, da er so mässig

geworden ist, dass er keinen Wein mehr trinkt!

--Und die alten Jungen?

--Gestorben, zusammengebrochen, Spiessbürger, aufgenommen in die

verwünschte Gesellschaft.

--Canossa?

--Canossa auf der ganzen Linie!

--Dann hat die Vorsehung mich hierher geführt!

--Vorsehung! Das ist das rechte Wort.

--Werden die Mächte in Lund wieder anerkannt?

--Die Mächte bereiten ihre Rückkehr vor.

--Schläft man nachts in Schonen?

--Nicht viel! Alle Menschen klagen über Alpdrücken, Brustbeklemmungen,

Herzbeschwerden.

--Wie bin ich da am Platze, denn das ist gerade mein Fall!

Wir haben einige Stunden über die Wunderdinge gesprochen, die sich

jetzt ereignen, und mein Freund hat mir ausserordentliche Tatsachen

erzählt, die hier und dort vorgekommen sind. Zum Schluss drückt er die

Ansicht der heutigen Jugend aus, die etwas Neues erwartet.

Man wünscht eine Religion, eine Versöhnung mit den Mächten (das

ist das Wort), eine Wiederannäherung an die unsichtbare Welt. Die

naturalistische Epoche, die kräftig und fruchtbar war, hat ihre

Zeit gehabt. Man braucht sie nicht zu tadeln und nicht zu bedauern:

die Mächte haben gewollt, dass wir sie durchmachen. Es war eine

experimentelle Epoche, deren Versuche durch ihre negativen Ergebnisse

gezeigt haben, wie eitel gewisse Lehren sind. Ein Gott, bis auf

weiteres unbekannt, entwickelt sich und wächst, offenbart sich mit

Zwischenräumen, in denen er die Welt sich selber zu überlassen scheint,

wie der Bauer Unkraut und Weizen wachsen lässt, bis die Ernte kommt.

Jedesmal, wenn er sich enthüllt, hat er seine Gedanken geändert und

beginnt seine Regierung wieder, indem er Verbesserungen einführt, die

er aus der Praxis gewonnen hat.

Die Religion wird also wiederkehren, aber unter andern Formen, und ein

Kompromiss mit den alten Religionen erscheint unmöglich. Nicht eine

Epoche der Reaktion erwartet uns, nicht eine Rückkehr zu dem, was sich

ausgelebt hat, sondern ein Fortschritt zu etwas Neuem.

Was für Neues? Warten wir ab!

Als unser Gespräch zu Ende ist, werfe ich eine Frage auf, wie man einen

Pfeil gegen die Wolken schiesst.

--Kennst du Swedenborg?

--Nein, aber meine Mutter besitzt seine Werke, und es sind ihr sogar

wunderbare Dinge begegnet.

Vom Atheismus zu Swedenborg ist nur ein Schritt!

Ich bitte meinen Freund, mir Swedenborgs Werke zu leihen. Und der Saul

der jungen Propheten bringt mir die "Arcana coelestia".

Zur selben Zeit stellt er mir einen jungen Mann vor, der von den

Mächten begnadet ist, ein verlorener Sohn. Der erzählt mir ein

Abenteuer seines Lebens, das den meinen ganz ähnlich ist; und als wir

unsere Leiden vergleichen, wird es hell in uns und wir werden mit

Swedenborgs Hilfe befreit.

Ich danke der Vorsehung, die mich in die kleine verachtete Stadt

gesandt hat, um dort Busse zu tun und mein Heil zu finden.

15.

Der Erlöser.

Als Balzac mir in seiner "Seraphita" meinen erhabenen Landsmann Emanuel

Swedenborg, den "Buddha des Nordens", vorstellte, hat er mich die

evangelische Seite des Propheten kennen gelehrt. Jetzt ist es das

Gesetz, das mich trifft, zermalmt und befreit.

Durch ein Wort, ein einziges, wird es Licht in meiner Seele, und

verschwunden sind die Zweifel, die fruchtlosen Grübeleien über

eingebildete Feinde, Elektriker, Schwarzmagier. Dieses kleine Wort

ist: devastatio (ödeläggelse, Verödung). Alles, was mir geschehen ist,

finde ich bei Swedenborg wieder: die Angstgefühle (angor pectoris),

die Brustbeklemmung, das Herzklopfen, der Gürtel, den ich elektrisch

nannte, alles ist da; und die Summe dieser Erscheinungen bildet die

geistige Reinigung, die schon dem Apostel Paulus bekannt war und von

ihm in den Briefen an die Korinther und an Timotheus erwähnt wird: "Ich

habe beschlossen, über den, der solches getan hat, ihn zu übergeben

dem Satan zum Verderben des Fleisches, auf dass der Geist selig werde

am Tage des Herrn Jesu".--"Unter welchen ist Hymenäus und Alexander,

welche ich habe dem Satan übergeben, dass sie gezüchtigt werden, nicht

mehr zu lästern."

Als ich Swedenborgs Träume von 1744 lese, dem Jahr, das seinen

Verbindungen mit der unsichtbaren Welt vorausgeht, entdecke ich, dass

der Prophet dieselben nächtlichen Martern wie ich erduldet hat. Was

mich aber besonders packt: die Symptome gleichen einander so, dass ich

über die Natur meiner Krankheit nicht mehr im Zweifel bin.

In "Arcana coelestia" erklären sich die Rätsel der beiden letzten

Jahre mit einer so überwältigenden Genauigkeit, dass ich, das Kind des

berühmten neunzehnten Jahrhunderts, die unerschütterliche Überzeugung

bekomme, dass es die Hölle gibt, aber hier, auf der Erde, und dass ich

sie eben durchgemacht habe.

Swedenborg erklärt mir, warum ich im Krankenhaus des heiligen Ludwig

geweilt habe: Die Alchemisten werden vom Aussatz befallen und reissen

sich den Schorf ab, der Fischschuppen gleicht. Es ist eine unheilbare

Krankheit der Haut.

Swedenborg sagt mir, was die hundert Abtritte des Hotel Orfila

bedeuten: Das ist die Kothölle. Der Schornsteinfeger, den mein

Töchterchen in Österreich gesehen hat, findet sich auch wieder: "Unter

den Geistern gibt es solche, die man unter dem Namen Schornsteinfeger

kennt, weil ihr Gesicht wirklich von Rauch geschwärzt ist und sie

in einem Gewand von brauner Russfarbe erscheinen.... Einer dieser

Schornsteinfegermeister kam zu mir und ersuchte mich dringend, darum

zu beten, dass er in den Himmel aufgenommen werde. Ich glaube nicht,

sagte er, etwas begangen zu haben, was mich davon ausschliessen könnte;

ich habe die Bewohner der Erde zurechtgewiesen, aber ich habe immer dem

Verweis und der Züchtigung die Belehrung folgen lassen....

"Die richtenden, bessernden und belehrenden Geister des Menschen heften

sich an seine linke Seite, indem sie sich gegen den Rücken neigen und

das Buch seines Gedächtnisses nachschlagen und seine Handlungen, ja

sogar seine Gedanken darin lesen; denn wenn ein Geist beim Menschen

eindringt, bemächtigt er sich des Gedächtnisses. Wenn sie eine

schlechte Handlung oder die Absicht, Böses zu tun, sehen, strafen

sie ihn durch einen Schmerz im Fuss, in der Hand (!) oder um die

Magengegend; und sie tun das mit einer beispiellosen Fertigkeit. Ein

Beben kündigt ihr Kommen an.

"Ausser dem Schmerz der Glieder wenden sie noch einen schmerzhaften

Druck um den Nabel an, als drücke einem ein stachliger Gürtel; von Zeit

zu Zeit Zusammenschnüren der Brust, das bist zur Angst getrieben wird;

Ekel vor jeder Nahrung, ausser Brot, und zwar Tage lang.

"Andere Geister bemühen sich vom Gegenteil dessen zu überzeugen, was

die belehrenden Geister gesagt haben. Die Geister des Widerspruchs

sind auf der Erde aus der Gesellschaft der Menschen wegen ihrer

Ruchlosigkeit verbannt gewesen. Man erkennt ihr Nahen an einem

fliegenden Feuer, das vor dem Gesicht sich herabzulassen scheint; sie

stellen sich unter den Rücken des Menschen, von wo sie sich nach den

Teilen bemerkbar machen".

(Diese fliegenden Feuer oder Funken habe ich zweimal gesehen, und immer

in Augenblicken der Empörung, als ich alle Vorstellungen als leere

Träume verwarf.)

"Sie predigen, dem, was die belehrenden Geister den Engeln

nachsprechen, keinen Glauben zu schenken, seinen Wandeln nicht den

Lehren anzupassen, die man von ihnen empfangen hat, sondern in aller

Freiheit und Ausgelassenheit zu leben. Gewöhnlich kommen sie, sobald

die andern sich entfernt haben. Die Menschen kennen sie und beunruhigen

sich kaum über sie; aber sie lernen dadurch, was gut und was böse ist.

Denn man lernt die Eigenschaft des Guten durch sein Gegenteil kennen;

jeder Begriff von einer Sache bildet sich, indem man überlegt, wie sie

sich von ihrem Gegenteil unterscheidet, und zwar von verschiedenen

Gesichtspunkten aus und auf verschiedene Arten".

Der Leser erinnert sich an die antiken Marmorskulpturen ähnlichen

menschlichen Gesichter, die sich aus dem weissen Bezug meines

Kopfkissens im Hotel Orfila formten. Darüber sagt Swedenborg:

"Zwei Zeichen lassen erkennen, dass sie (die Geister) bei einem

Menschen sind; das eine ist ein alter Mann mit weissem Gesicht;

dieses Zeichen verkündet ihnen, dass sie immer die Wahrheit sagen

und nur gerecht handeln sollen.... Ich habe selber ein greisenhaftes

menschliches Gesicht dieser Art gesehen.... Gesichter von grosser

Weisse und grosser Schönheit, aus denen zugleich Aufrichtigkeit und

Bescheidenheit leuchten".

(Um den Leser nicht zu erschrecken, habe ich mit Absicht verschwiegen,

dass sich alles, was ich hier oben zitiert habe, auf die Bewohner des

Jupiters bezieht. Man denke sich nun meine Überraschung, als man mir

eines Tages im Frühling eine Revue bringt, die Swedenborgs Haus auf

dem Planeten Jupiter, von Viktorien Sardou gezeichnet, wiedergibt.

Zunächst, warum Jupiter? Welche seltsame Zusammentreffen! Und hat der

Meister der französischen Komödie beachtet, dass die linke Fassade, aus

genügender Entfernung betrachtet, ein greisenhaftes Menschengesicht

bildet? Dieses Antlitz gleicht dem meines Kopfkissens! Aber in der

Zeichnung Sardous gibt es noch mehr solche menschlichen Silhouetten,

die durch die Umrisse geschaffen werden. Ist die Hand des Meisters von

einer andern Hand geführt worden, so dass er mehr gegeben hat, als er

wusste?)

Wo hat Swedenborg diese Höllen und Himmel gesehen? Sind es Visionen,

Intuitionen, Inspirationen? Ich wüsste es nicht zu sagen, aber die

Ähnlichkeit, die seine Hölle mit der Dantes und der griechischen,

römischen, germanischen Mythologie hat, lässt mich glauben, dass die

Mächte sich immer fast der gleichen Mittel bedient haben, um ihre Pläne

zu verwirklichen.

Und diese Pläne? Den menschlichen Typs zu vervollkommnen, den höheren

Menschen zu erzeugen, den "Übermenschen", wie ihn Nietzsche, die vor

der Zeit verbrauchte und ins Feuer geworfene Zuchtrute, verkündigte.

So erscheint das Problem des Bösen wieder, und die sittliche

Gleichgültigkeit Taines fällt vor neuen Forderungen zu Boden. Die

Dämonen sind eine notwendige Konsequenz.

Was sind Dämonen? Sobald wir die Unsterblichkeit der Seele zugeben,

sind die Toten nichts anderes als Überlebende, die ihre Beziehungen

zu den Lebenden fortsetzen. Die bösen Geister sind also nicht böse,

weil ihr Zweck ein guter ist, und man müsste sich eher des Wortes

Swedenborgs bedienen, Zuchtgeister, um den Menschen Furcht und

Verzweiflung zu nehmen.

Den Teufel als selbständige, Gott gleiche Macht braucht es nicht zu

geben, und des Bösen unleugbare Erscheinungen unter der traditionellen

Form brauchen nur ein Schreckbild zu sein, das die einzige und gute

Vorsehung hervorgerufen hat. Diese Vorsehung, die mittels einer aus den

Verstorbenen zusammengesetzten ungeheuren Verwaltung herrscht.

Tröstet euch also und seit stolz auf die Gnade, die euch allen

bewilligt ist, die ihr von Schlaflosigkeit, Alpdrücken, Erscheinungen,

Angstzuständen, Herzklopfen heimgesucht und gemartert werdet! Numen

adest. Gott verlangt nach euch!

16.

Trübsal.

In der kleinen Musenstadt eingeschlossen, ohne eine Hoffnung,

herauszukommen, liefere ich die furchtbare Schlacht gegen den Feind,

mich selbst.

Jeden Morgen, wenn ich auf dem von Platanen beschatteten Wall spazieren

gehe, erinnert mich das grosse rote Irrenhaus an die Gefahr, der ich

entgangen bin, und an die Zukunft, falls ich einen Rückfall erleide.

Swedenborg hat mich, indem er mich über die Natur der Schrecken

aufgeklärt, die ich während des letzten Jahres durchgemacht habe,

von den Elektrikern, Schwarzkünstlern, Zauberern, den Neidern des

Goldmachers, dem Wahnsinn befreit. Er hat mir den einzigen Weg gezeigt,

der zum Heil führt: die Dämonen in ihrem Zufluchtsort, in mir selber,

aufzusuchen und sie zu töten durch.... Reue. Balzac, der Adjutant des

Propheten, hat mir in "Seraphita" gezeigt, dass "Gewissensqual eine

Ohnmacht dessen ist, der seinen Fehltritt wiederholen wird. Die Reue

allein ist eine Stärke und beendigt alles".

Also die Reue! Aber heisst das nicht die Vorsehung missbilligen, die

mich zu ihrer Geissel ausgewählt hat? Heisst das nicht den Mächten

sagen: ihr habt mein Schicksal schlecht geleitet; ihr habt mich geboren

werden lassen mit dem Beruf zu strafen, die Götzenbilder zu stürzen,

mich zu empören, und dann zieht ihr euren Schutz zurück und liefert

mich einem lächerlichen Widerruf aus? Zu Kreuze kriechen und Busse tun!

Seltsamer Circulus vitiosus, den ich mit zwanzig Jahren voraussah,

als ich mein Drama "Meister Olof" dichtete, das die Tragödie meines

Lebens geworden ist. Wozu dreissig Jahre lang ein elendes Leben

führen, um durch Erahnung das zu erreichen, was man vorausgeahnt hat?

Jung, war ich aufrichtig fromm, und ihr habt einen Freidenker aus mir

gemacht. Aus dem Freidenker habt ihr einen Atheisten gemacht, aus dem

Atheisten einen Religiösen. Für die Menschheit begeistert, habe ich

den Sozialismus verkündet: fünf Jahre später habt ihr mir gezeigt, wie

sinnlos der Sozialismus ist. Alles, was mich begeistert hat, habt ihr

für nichtig erklärt. Und wenn ich mich der Religion weihe, so bin ich

sicher, in zehn Jahren werdet ihr sie widerlegen.

Sieht es nicht so aus, als trieben die Götter ihren Scherz mit uns

Sterblichen? Und darum können wir bewussten Spötter in den schlimmsten

Augenblicken unseres Lebens lachen!

Wie könnt ihr verlangen, dass man ernst nimmt, was sich als ein

ungeheurer Scherz erweist?

Jesus Christus, der Erlöser, wen hat er erlöst? Seht die christlichen

aller Christen, unsere skandinavischen Frommen, diese blassen, elenden,

eingeschüchterten Menschen, die nicht lächeln können: sie haben das

Aussehen von Besessenen! Sie scheinen den Dämon in ihrem Herzen zu

tragen. Und beachtet, wie alle ihre Führer als Missetäter im Gefängnis

geendet haben. Warum hat ihr Herr sie dem Feind überliefert?

Ist die Religion eine Züchtigung und Christus ein Rachegeist?

Alle alten Götter werden in der folgenden Epoche Dämonen: Die Bewohner

des Olymp sind Dämonen geworden; Odin, Thor, der Teufel in Person.

Prometheus-Lucifer, zum Satan entartet. Ist etwa--Gott verzeihe

mir!--Christus auch in einen Dämon verwandelt? Er tötet ja Vernunft,

Fleisch, Schönheit, Freude, die reinsten Leidenschaften der Menschheit.

Tötet die Tugenden: Freimut, Tapferkeit, Ruhm; Liebe, Barmherzigkeit!

Die Sonne scheint, das tägliche Leben geht seinen Gang, der Lärm der

Arbeit ermuntert die Lebensgeister. Da bäumt sich der Mut der Empörung

auf, da schleudert man seine Zweifel herausfordernd gegen den Himmel.

Dann aber sinken Nacht, Stille, Einsamkeit herab, und der Hochmut

vergeht, das Herz klopft, die Brust zieht sich zusammen! Dann springt

man zum Fenster hinaus, kniet in der Dornenhecke nieder, sucht den Arzt

auf und bittet einen Kameraden, im selben Zimmer zu schlafen!

Tretet nachts wieder in euer Zimmer, und ihr werdet dort jemand finden;

ihr seht ihn nicht, aber ihr fühlt deutlich dessen Anwesenheit.

Geht in die Irrenanstalt und fragt den Irrenarzt, und er wird von

Nervenschwäche, Verrücktheit, Brustbeklemmung und dergleichen sprechen,

aber er wird euch niemals heilen!

Wohin könnt ihr also gehen, ihr alle, die ihr an Schlaflosigkeit leidet

und die Strassen durchwandert, bis die Sonne wieder aufgeht?

Weltmühle, Gottes Mühle sind sprüchwörtlich geworden. Habt ihr dieses

Sausen in den Ohren gehört, das dem Geräusch einer Wassermühle

gleicht? Habt ihr in der Einsamkeit, bei Nacht oder selbst am hellen

Tage, beobachtet, wie die Erinnerungen des vergangenen Lebens wieder

auferstehen, eine nach der andern? Alle Verstösse, alle Vergehen, alle

Dummheiten treiben euch das Blut bis in die Ohren, pressen euch den

Schweiss bis in die Haare, jagen euch den Schauder bis in den Rücken.

Ihr lebt das gelebte Leben noch einmal, von der Geburt bist auf den

heutigen Tag, ihr leidet noch einmal alle erlittenen Leiden, ihr leert

noch einmal all die bitteren Kelche, die ihr so oft geleert habt;

ihr kreuzigt euer Skelett, weil kein Fleisch mehr zu töten ist; ihr

verbrennt die Seele, weil euer Herz schon verbraucht ist.

Ihr kennt das!

Das ist die Mühle des Herrn, die langsam mahlt, aber fein und schwarz.

Ihr seid in Staub aufgelöst, und ihr glaubt, es sei aus mit euch.

Aber nein, es beginnt von neuem und ihr müsst die Mühe noch einmal

durchgehen! Das ist die Hölle hier auf Erden; die ist von Luther

erkannt worden, der es als eine besondere Gnade schätzt, auf dieser

Seite der Feuerhimmel zermahlen zu werden.

Seid glücklich und dankbar!

Was ist zu machen? Sich demütigen?

Aber wenn ihr euch vor den Menschen demütigt, so weckt ihr deren

Hochmut, weil sie glauben werden, sie seien besser als ihr, wie gross

auch ihre Ruchlosigkeit ist.

Also vor Gott sich demütigen! Aber es ist eine Beleidigung, den

Höchsten zu einem Plantagenbesitzer zu erniedrigen, der über Sklaven

herrscht!

Beten! Wie? Sich das Recht anmassen, Wille und Urteil des Ewigen durch

Schmeichelei und Kriecherei zu beeinflussen!

Gott suchen und den Teufel finden! Das ist mir geschehen.

Ich habe Busse getan, ich habe mich gebessert, und sobald ich meine

Seele wieder besohlen will, muss ich einen neuen Rüster haben; setz

neue Hacken an, und das Oberleder platzt. Zu Ende kommt man nicht.

Ich höre auf zu trinken und komme gegen neun Uhr abends nüchtern nach

Haus, um ein Glas Milch zu nehmen. Das Zimmer ist von Dämonen erfüllt,

die mich aus dem Bett reissen und unter der Decke ersticken. Wenn ich

aber gegen Mitternacht berauscht nach Haus komme, schlafe ich ein

wie ein Engel und erwache stark wie ein junger Gott, bereit wie ein

Galeerensträfling zu arbeiten.

Ich meide Frauen, und ungesunde Träume beunruhigen meine Nächte.

Ich gewöhne mich, nur Gutes von meinen Freunden zu denken, ich vertraue

ihnen meine Geheimnisse und mein Geld an: Alsbald werde ich verraten.

Lehne ich mich gegen eine Treulosigkeit auf, so bin ich es immer, der

bestraft wird.

Ich versuche die Menschen im allgemeinen zu lieben; ich mache mich

blind gegen ihre Fehler, und mit einer Langmut ohne Grenzen lasse ich

ihre Gemeinheiten und Verleumdungen durchgehen; eines Tages finde ich,

dass ich ihr Mitschuldiger werde. Wenn ich mich von einer Gesellschaft,

die ich für schlecht halte, zurückziehe werde ich alsbald von den

Dämonen der Einsamkeit angefallen, und suche ich bessere Freunde, finde

ich die schlimmsten.

Wenn ich die bösen Leidenschaften besiegt habe und durch Enthaltsamkeit

zu einem gewissen Frieden des Herzens gelangt bin, empfinde ich eine

Selbstzufriedenheit, die mich über meinen Nächsten erhebt; und das ist

eine Todsünde, die Eigenliebe, die auf der Stelle bestraft wird.

Wie die Tatsache erklären, dass jede Lehrzeit in der Tugend ein neues

Laster zur Folge hat.

Swedenborg löst die Frage, indem er sagt die Laster seien Strafen, die

den Menschen für Sünden höherer Art auferlegt werden. So werden zum

Beispiel die Ehrgeizigen zur sodomitischen Hölle verdammt. Geben wir

zu, dass diese Lehre die Wahrheit enthält, so müssen wir unsere Laster

ertragen und uns über die Gewissensqual, die sie begleitet, freuen, als

bezahlten wir unsere Schulden am Schalter der grossen Kasse. Die Tugend

suchen, bedeutet also, aus dem Gefängnis der Strafen zu entrinnen

suchen.

Das hat Luther im Artikel 39 seiner Schrift gegen die römische Bulle

sagen wollen, in dem er verkündigt: "Die Seelen des Fegefeuers sündigen

unaufhörlich, weil sie den Frieden suchen und den Qualen ausweichen."

Ebenso in Artikel 34: "Die Türken bekämpfen, ist nichts anderes, als

sich gegen Gott, der uns durch die Türken für unsere Sünden züchtigt,

auflehnen."

Es ist also klar, dass "alle unsere guten Werke Todsünden sind", und

dass "die Welt vor Gott schuldig sein muss, und dass niemand gerecht

werden kann ohne die Gnade".

Leiden wir also, meine Brüder, ohne von dem Leben eine einzige

wirkliche Freude zu erhoffen, denn wir sind in der Hölle.

Und klagen wir nicht den Herrn an, wenn wir die kleinen unschuldigen

Kinder leiden sehen. Niemand wird wissen, warum sie leiden, aber die

göttliche Gerechtigkeit lässt uns ahnen, dass sie Verbrechen sühnen,

die begangen sind, bevor sie zur Welt kamen.

Inferno; Legenden · 第 11 / 25 段