Meine Lage ist schlimm: ich habe einen Freund verloren, und ich bin

in Not gebracht. Durch einen teuflischen Zufall ereignet sich während

unseres brieflichen Krieges noch dies:

Die Zeitung "Initiation" veröffentlicht einen Aufsatz von mir, in dem

ich das heutige astronomische System kritisiere. Einige Tage darauf

stirbt Tisserand, der Direktor der Pariser Sternwarte. In einer

Anwandlung von Ausgelassenheit stelle ich diese beiden Tatsachen

zusammen und erinnere daran, dass Pasteur am Tage nach dem Erscheinen

von "Sylva Sylvarum" starb. Mein Freund, der Theosoph, versteht keinen

Scherz; leichtgläubig wie kein anderer, vielleicht auch mehr als ich

in die Schwarzkunst eingeweiht, hat er mich im Verdacht, dass ich die

Künste des Verhexens übe.

Man stelle sich meinen Schreck vor, als nach dem letzten Schreiben

unseres Briefwechsels der berühmteste Astronom Schwedens am

Schlaganfall stirbt. Ich werde ängstlich, und mit gutem Recht. Der

Ausübung von Zauberkünsten verdächtig zu sein, ist eine schlimme Sache,

und "wenn der Zauberer selbst dabei stirbt, so ist es nicht schade um

ihn."

Um das Unglück voll zu machen, verscheiden im Lauf des Monats

nacheinander fünf mehr oder weniger bekannte Astronomen.

Ich fürchte einen Fanatiker, dem ich die Grausamkeit eines Druiden und

der hindostanischen Zauberer angebliche Macht, aus der Ferne zu töten,

zuschreibe.

Eine neue Hölle von Ängsten! Und von diesem Tag vergesse ich die

Dämonen und richte alle meine Gedanken auf die unheilvollen Anschläge

der Theosophen und ihrer mit unerhörten Kräften begabten Magier, die

für Hindus ausgegeben werden.

Ich fühle mich zum Tode verurteilt; für den Fall eines plötzlichen

Todes schreibe ich die Namen meiner Mörder auf und versiegle das

Papier. Dann warte ich ab.

Zehn Kilometer weiter östlich, an der Donau, liegt das Städtchen Grein,

der Hauptort des Kreises. Dort soll sich, wie man mir erzählt, jetzt

gegen Ende November, mitten im Winter, ein Fremder aus Zanzibar als

Tourist aufhalten. Das genügt um alle Zweifel und schwarzen Gedanken

eines Kranken zu wecken. Ich lasse Erkundigungen über diesen Fremden

einziehen, um zu erfahren, ob er wirklich Afrikaner ist, was er für

Pläne hat, woher er kommt.

Man erfährt nichts, und ein geheimnisvoller Schleier umhüllt den

Unbekannten, der Tag und Nacht vor mir spukt. In meiner tiefsten Not

rufe ich, immer im Geist des Alten Testaments, des Ewigen Schutz und

Rache gegen meine Feinde an.

Die Psalmen Davids drücken am besten mein Trachten und Sehnen aus, und

der alte Javeh ist mein Gott. Der 86. Psalm besonders prägt sich meinem

Geist ein, und ich zögere nicht, ihn zu wiederholen:

"Gott, es setzen sich die Stolzen wider mich, und der Haufe der

Gewalttätigen stehet mir nach meiner Seele, und haben dich nicht vor

Augen....

"Tu ein Zeichen an mir, das mirs wohlergehe, dass es sehen, die mich

hassen, und sich schämen müssen, dass du mir beistehest, Herr, und

tröstest mich."

Nach einem Zeichen rufe ich, und man wird sehen, wie bald mein Gebet

erhört werden wird.

12.

Der Ewige hat gesprochen.

Der Winter mit seinem graugelben Himmel ist gekommen; die Sonne

hat seit mehreren Wochen nicht geschienen; die schmutzigen Wege

widersetzten sich den Spaziergängen; die Blätter der Bäume modern, die

ganze Natur löst sich unter pestartiger Fäulnis auf.

Das Schlachten des Winters hat angefangen; den ganzen Tag über erheben

sich die Klagen der Opfer gegen das dunkle Himmelsgewölbe; man tritt in

Blut und unter Leichen.

Es ist zum Sterben traurig, und meine Traurigkeit teilt sich den

beiden guten barmherzigen Schwestern mit, die mich wie ihr krankes

Kind pflegen. Was mich vollends niederdrückt, ist die Armut, die ich

verbergen muss, und die vergeblichen Versuche, das nahende Elend

abzuwenden.

Man wünscht übrigens, dass ich abreise, weil dieses einsame Leben für

einen Mann zu nichts führe; auch sind sie einig, dass ich einen Arzt

nötig habe.

Vergebens erwarte ich aus meiner Heimat das nötige Geld, und ich gehe

auf die grosse Landstrasse hinaus, um eine Flucht zu Fuss vorzubereiten.

"Ich bin gleich dem Pelikane in der Wüste geworden; ich bin wie die

Eule in ihrem Zufluchtsort."

Meine Anwesenheit peinigt meine Verwandten; man hätte mich schon

fortgejagt, wenn sie das Kind nicht geliebt hätten. Jetzt, da Schmutz

oder Schnee das Spazierengehen unmöglich machen, trage ich die Kleine

auf meinen Armen weite Wege, erklimme Hügel, entere die Felsen. Da

sagen die beiden Alten:

--Du schwächst deine Gesundheit, du wirst schwindsüchtig werden, du

wirst dich töten!

--Das wäre ein schöner Tod!

Wir sind beim Mittagessen, es ist er 20. November, ein grauer, trüber,

hässlicher Tag. Durch eine ruhelose Nacht, in der ich fortwährend mit

den Unsichtbaren gekämpft habe, bis zur Fieberglut erhitzt, verwünsche

ich das Leben und beklage mich, dass die Sonne fort ist.

Meine Mutter hat mir vorhergesagt, dass ich vor der Lichtmess, wenn die

Sonne wiederkehrt, geheilt werden würde.

--Das ist mein einziger Sonnenstrahl, sage ich zu ihr, indem ich mit

dem Finger auf meine kleine Christine zeige, die mir gegenübersitzt.

Im selben Augenblick spalten sich die seit Wochen angehäuften Wolken,

und ein Lichtbündel dringt in den Saal, erleuchtet mein Gesicht, das

Tischtuch, das Geschirr....

--Da ist die Sonne! Papa, da ist die Sonne! ruft das Kind und

faltet seine Händchen. Verwirrt erhebe ich mich, ein Raub der

verschiedenartigsten Gefühle. Ein Zufall? Nein, sage ich mir.

Das Wunder, das Zeichen? Aber das ist zu viel für einen, der wie ich

in Ungnade gefallen ist! Der Ewige mischt sich nicht in die kleinen

Angelegenheiten der Erdenwürmer!

Und doch bleibt mir dieser Sonnenstrahl im Herzen wie ein grosses

Lächeln, mit dem ich Unzufriedener angelächelt bin....

Während der zwei Minuten, die ich brauche, um mein Häuschen zu

erreichen, häufen sich die Wolken zu Gruppen, welche die seltsamsten

Formen annehmen; und im Osten, wo sich der Schleier gehoben hat, ist

der Himmel grün, wie ein Smaragd, eine Wiese mitten im Sommer.

Ich bleibe in meinem Zimmer stehen und erwarte etwas, das ich nicht

erklären kann, in einer stillen Zerknirschung versunken, die frei von

Furcht ist.

Da rollt, ohne dass ein Blitz ihm vorangegangen wäre, ein Donner, ein

einziger, über meinem Kopfe.

Zuerst empfinde ich Furcht, und ich erwarte den Regen und das Gewitter,

wie es natürlich ist. Aber nichts geschieht; eine vollständige Ruhe

herrscht und alles ist zu Ende.

Warum, frage ich mich, bin ich nicht vor der Stimme des Ewigen demütig

in den Staub gesunken?

Wenn der Allmächtige mit einer majestätischen Inszenierung zu einem

Insekt zu sprechen geruht, fühlt sich das Insekt von einer solchen Ehre

erhoben und aufgebläht, und der Hochmut flüstert ihm zu, dass es ein

besonders würdiges Wesen sein müsse. In aller Freimütigkeit: ich fühle

mich mit dem Herrn auf gleichem Niveau, als ein Bestandteil seiner

Persönlichkeit, als eine Ausströmung seines Wesens, als ein Organ

seines Organismus. Er brauchte mich, um sich zu offenbaren, sonst hätte

er mich auf der Stelle durch seinen Blitz erschlagen.

Woher dieser ungeheuere Hochmut eines Sterblichen? Stamme ich vom

Beginn der Jahrhunderte her, als sich die aufständischen Engel in

Empörung gegen einen Herrn vereinigten, der zufrieden war, über ein

Volk von Sklaven zu herrschen? Ist darum meine Wallfahrt über die Erde

zu einem Spiessrutenlaufen geworden, bei dem die Letzten der Letzten

sich die Freude gemacht haben, mich zu schlagen, zu beleidigen, zu

besudeln?

Keine denkbare Demütigung, die ich nicht zu ertragen gehabt hätte;

und doch wächst mein Hochmut immer im selben Masse, wie sich meine

Erniedrigung vertieft! Was ist das? Jakob, der mit dem Ewigen ringt

und, zwar etwas gelähmt, aber mit Ehren aus dem Kampf hervorgeht?

Hiob, der auf die Probe gestellt wird und darauf besteht, sich Strafen

gegenüber, die ihm mit Unrecht auferlegt sind, zu rechtfertigen?

Von so viel unzusammenhängenden Gedanken bestürmt, zwingt mich die

Müdigkeit, den Griff loszulassen; und mein aufgeblasenes Ich fällt

zusammen, wird so klein, dass sich das, was sich eben zugetragen hat,

auf ein Nichts reduziert: ein Donnerschlag Ende November!

Das Rollen des Donners hallt von neuem wider und, noch einmal von

Ekstase ergriffen, öffne ich die Bibel, indem ich den Herrn bitte,

lauter zu sprechen, damit ich ihn verstehe.

Meine Blicke fallen alsbald auf diesen Vers Hiobs:

"Willst du meinen Urteilsspruch aufheben? Willst du mich verdammen,

um dich zu rechtfertigen? Hast du einen Arm wie der mächtige Gott?

Donnerst du mit der Stimme wie er?"

Kein Zweifel mehr: der Ewige hat gesprochen!

--Ewiger, was willst du von mir? Sprich dein Diener hört. Keine Antwort?

--Gut, ich demütige mich vor dem Ewigen, der geruht hat, sich vor

seinem Diener zu demütigen. Aber die Kniee vor Volk und Mächtigen

beugen? Niemals!

Am Abend empfängt mich meine gute Mutter auf eine Weise, die ich noch

nicht begreife. Sie betrachtet mich mit einem prüfenden Blick von

der Seite, als wolle sie sehen, welchen Eindruck das majestätische

Schauspiel auf mich gemacht habe.

--Du hast es gehört?

--Ja, es ist eigentümlich, ein Donnerschlag im Winter.

Wenigstens hält sie mich nicht mehr für einen Verdammten.

13.

Die entfesselte Hölle.

Um die richtigen Ideen über die Natur der geheimnisvollen Krankheit,

die mich betroffen hat, zu verwirren, verbreitet eine Nummer des

"Evenement" diese Nachricht:

"Der unglückliche Strindberg, der mit seinem Frauenhass nach Paris kam,

war bald zur Flucht gezwungen. Und seitdem schweigen seinesgleichen

vor dem Banner der Weiblichkeit. Sie möchten nicht das Los des Orpheus

erleiden, dem die thracischen Bacchantinnen den Kopf abrissen...."

Es war also wahr, dass man mir in der Rue de la Clef eine Falle

gestellt hatte! Es war also wahr, dieser Mordversuch, der die

Kränklichkeit zur Folge gehabt hat, deren Symptome sich noch zeigen! Oh

diese Frauen! Jedenfalls wegen meines Aufsatzes über die feministischen

Bilder meines dänischen Freundes, des Frauenverehrers.

Endlich eine Tatsache, eine greifbare Wirklichkeit, die mich von den

furchtbaren Zweifeln, ich könnte geisteskrank sein, befreit.

Ich eile mit der guten Nachricht zu meiner Mutter.

--Da sieh, dass ich nicht verrückt bin.

--Nein, du bist nicht verrückt, du bist nur krank, und der Arzt rät dir

körperliche Übungen an, zum Beispiel Holz hacken....

--Ist das auch gut gegen die Frauen oder nicht?

Diese unüberlegte Antwort trennt uns. Ich habe vergessen, dass eine

Heilige doch immer eine Frau bleibt, das heisst die Feindin des Mannes.

Alles ist vergessen, die Russen, die Rotschilde, die Schwarzkünstler,

die Theosophen, selbst der Ewige. Ich bin das Opfer, Hiob ohne

Schuld, und die Frauen haben Orpheus, den Autor von "Sylva Sylvarum",

den Erwecker der toten Naturwissenschaften, töten wollen. In

Unschlüssigkeit aller Art befangen, schiebe ich den neugeborenen

Gedanken, dass die Mächte zu höherem Zweck in übernatürlicher Weise

eingreifen, beiseite und vergesse, die einfache Kenntnis, die ich von

einem Attentat habe, dadurch zu vervollständigen, dass ich nach dem

suche, der es angestiftet hat.

Brennend vor Begierde, mich zu rächen, setze ich einen Brief auf, in

dem ich der Pariser Polizeipräfektur Anzeige erstatte; dann einen

zweiten, den ich an die Pariser Zeitungen richte; da macht ein

gutgeführter Umschwung diesem langweiligen Drama, das in eine Farce

auszulaufen drohte, eine Ende.

An einem graugelben Tage, gegen ein Uhr nach dem Mittagessen, äussert

meine kleine Christine den dringenden Wunsch, mich in das Häuschen zu

begleiten, wo ich mein Mittagsschläfchen zu halten pflege.

Es ist unmöglich, ihr zu widerstehen, und ich gebe ihren Bitten nach.

Als wir oben sind, befiehlt meine Christine Federn und Papier. Dann

will sie illustrierte Bücher haben. Und ich muss dabei sein, muss

erklären, muss zeichnen.

--Nicht schlafen, Papa!

Müde, erschöpft, begreife ich nicht, warum ich diesem Kinde gehorche;

aber in ihrer Stimme ist ein Tonfall, dem ich nicht widerstehen kann.

Da beginnt draussen vor der Tür ein Drehorgelspieler einen Walzer. Ich

schlage der Kleinen vor, mit dem Kindermädchen, das sie begleitet hat,

zu tanzen.

Durch die Musik angelockt, kommen die Kinder des Nachbarn herbei; in

meinem Flur wird ein Ball improvisiert, nachdem man den Spielmann in

die Küche hat kommen lassen.

Das dauert eine Stunde, und meine Traurigkeit schwindet.

Um mich zu zerstreuen und meine Schlaflust zu besänftigen, greife ich

zur Bibel, die mir als Orakel dient, und öffne sie aufs Geradewohl; und

ich lese:

"Der Geist aber des Herrn wich von Saul, und ein böser Geist vom Herrn

machte ihn sehr unruhig. Da sprachen die Knechte Sauls zu ihm: Siehe,

ein böser Geist von Gott macht dich sehr unruhig; unser Herr sage

seinen Knechten, die vor ihm stehen, dass sie einen Mann suchen, der

auf der Harfe wohl spielen könne, auf dass, wenn der böse Geist Gottes

über dich kommt, er mit seiner Hand spiele, das es besser mit dir

werde."

Der böse Geist, das ist es eben, was ich argwöhnte.

Während die Kinder sich so belustigen, kommt meine Mutter, um die

Kleine zu suchen; als sie den Ball sieht, bleibt sie erstaunt stehen.

Sie erzählt mir, dass gerade zu dieser Stunde unten im Dorfe eine Dame

aus bester Familie einen Anfall von Wahnsinn gehabt hat.

--Was ist ihr denn?

--Sie tanzt, diese alte Frau, sie tanzt, ohne zu ermüden im Brautkleid,

und sie bildet sich ein, Bürgers Leonore zu sein.

--Sie tanzt? Und dann?

--Weint sie, aus Furcht vor dem Tod, der sie holen will.

Was die Sache noch furchtbarer macht, ist, dass die Dame das Häuschen,

in dem ich jetzt hause, bewohnt hat und dass ihr Gatte dort gestorben

ist, wo der Ball der Kinder vor sich geht.

Erklärt mir das Mediziner, Psychiater, Psychologen, oder räumt ein,

dass die Wissenschaft bankrott ist!

Mein Töchterchen hat den Bösen beschworen, und der von der Unschuld in

die Flucht gejagte Geist ist über die alte Frau hergefallen, die sich

rühmte, eine Freidenkerin zu sein.

Der Totentanz dauert die ganze Nacht, und die Dame wird von Freundinnen

gehütet, die sie gegen die Angriffe des Todes schützen. Sie nennt es

Tod, weil sie das Dasein von Dämonen leugnet. Zuweilen behauptet sie,

ihr verstorbener Mann quäle sie.

Meine Abreise ist aufgeschoben; um aber nach so vielen schlaflosen

Nächten wieder zu Kräften zu kommen, gehe ich zum Schlafen in die

Wohnung meiner Tante, die auf der andern Seite der Strasse liegt.

Ich verlasse also das rosa Zimmer. (Welches eigentümliche

Zusammentreffen, dass die Marterkammer in Stockholm in der guten alten

Zeit auch "Rosenkammer" hiess.)

Die erste Nacht vergeht in einem ruhigen Zimmer, dessen weissgekalkte

Wände voll Heiligenbilder hängen. Über meinem Bett ist ein Kruzifix.

Aber in der zweiten Nacht beginnen die Geister ihr Spiel wieder.

Ich zünde die Kerzen an, um die Zeit mit Lesen hinzubringen. Ein

unheilvolles Schweigen herrscht, und ich höre mein Herz klopfen. Da

trifft mich ein schwaches Geräusch wie ein elektrischer Funke.

Was ist das?

Ein grosses Stück Stearin ist von der Kerze auf die Erde gefallen.

Weiter nichts; aber das verkündet bei uns den Tod! Meinetwegen denn der

Tod!

Nachdem ich eine Viertelstunde gelesen habe, will ich nach meinem

Taschentuch greifen, das ich unter das Kopfkissen gesteckt habe. Es ist

nicht da, und, als ich es suche, finde ich es auf dem Fussboden. Ich

bücke mich, um es aufzuheben. Dabei fällt mir etwas auf den Kopf, und

als ich mit den Fingern durch die Haare fahre, finde ich ein zweites

Stück Stearin.

Statt zu erschrecken, kann ich ein Lächeln nicht unterdrücken, so

spasshaft kommt mir das Abenteuer vor.

Lächeln beim Tode! Wie wäre das möglich, wenn das Leben nicht an und

für sich lächerlich wäre? So viel Lärm um so wenig! Vielleicht verbirgt

sich sogar auf dem Grunde der Seele ein unbestimmter Argwohn, dass

alles hier unten nur Verstellung, Heuchelei, Trugbild ist, und dass

sich die Götter über unsere Leiden lustig machen.

Hoch über den Gipfel des Berges, auf dem das Schloss gebaut ist, erhebt

sich ein zweiter Berg, der alle andern beherrscht: von dem kann man

die ganze Höllenlandschaft übersehen. Man gelangt dahin durch einen

Hain von vielleicht tausendjährigen Eichen, der einst ein Druidenhain

gewesen sein soll, weil die Mistel in der Gegend viel auf Linden und

Apfelbäumen vorkommt. Oberhalb dieses Waldes steigt der Weg steil durch

niedrige Fichten empor.

Mehrere Male habe ich bis zum Gipfel zu kommen versucht, immer aber

trieben mich unvorhergesehene Dinge zurück. Bald war es ein Rehbock,

der die Stille durch einen unerwarteten Sprung unterbrach; bald ein

Hase, der ungewöhnlich aussah; bald ein Häher mit seinem entnervenden

Geschrei.

Am letzten Morgen, dem Tag vor meiner Abreise, trotzte ich allen

Hindernissen, drang durch den dunklen, grausigen Fichtenwald und

kletterte bis zum Gipfel hinauf. Von dort hatte ich eine prachtvolle

Aussicht über das Donautal und die steirischen Alpen. Ich habe die

düsteren Trichter dort unten verlassen und ich atme zum erstenmal auf.

Die Sonne erleuchtet die Gegend unter unendlichen Aussichten, und die

weissen Kämme der Alpen vereinigen sich mit den Wolken. Es ist schön

wie der Himmel!

Umfasst die Erde den Himmel und die Hölle? Gibt es keine anderen

Stätten für Strafe und Belohnung?

Vielleicht! Und sicher ist, wenn ich mich an die schönsten Augenblicke

meines Lebens erinnere, erscheinen sie mir himmlisch, ebenso wie mir

die schlimmsten als höllisch vorkommen.

Behält mir die Zukunft noch Stunden oder Minuten dieses Glückes vor,

das sich nur durch Sorgen und ein ziemlich reines Gewissen erkaufen

lässt?

Ich bleibe hier oben, da ich es nicht eilig habe, wieder in das Tal

der Schmerzen hinabzusteigen, und gehe auf dem Plateau spazieren,

um die Schönheit der Erde zu bewundern. Da bemerke ich, dass der

abgesonderte Felsen, der die eigentliche Spitze bildet, durch die Natur

wie eine ägyptische Sphinx geformt ist. Auf dem Riesenkopfe liegt ein

Steinhaufen, aus dem ein kleiner Stock mit einer Fahne aus weisser

Leinwand aufragt.

Ich ergründe nicht, was diese Zurüstung zu bedeuten hat, aber ein

einziger Gedanke packt mich so, dass ich nicht widerstehen kann: die

Fahne entführen!

Ich achte der Gefahr nicht, erstürme den steilen Abhang und raube

die Fahne. Da ertönt, ganz unerwartet, vom Ufer der Donau ein

Hochzeitsmarsch, der von Triumphgesängen begleitet wird. Es ist

ein Hochzeitszug, den ich nicht sehen kann, aber an den üblichen

Flintenschüssen erkenne.

Kind genug und genügend unglücklich, um aus den alltäglichsten und

natürlichsten Vorfällen die Poesie zu ziehen, nehme ich dies als ein

günstige Vorbedeutung an.

Und mit Bedauern, langsamen Schrittes, steige ich wieder in das Tal der

Schmerzen und des Todes, der Schlaflosigkeit und der Dämonen hinab;

denn meine kleine Beatrice erwartet mich dort unten, und ich bringe

ihr die Mistel, die ich ihr versprochen habe, den Zweig, der im Schnee

grünt, den man mit einer goldenen Sichel pflücken müsste.

Schon lange hatte die Grossmutter den Wunsch ausgedrückt, mich zu

sehen, sei es, um eine Versöhnung herbeizuführen, sei es aus Gründen,

die vielleicht okkult sind, denn sie ist eine Hellseherin und

eine Visionärin. Unter verschiedenen Vorwänden hatte ich den Besuch

aufgeschoben, da aber meine Abreise entschieden ist, nötigt mich

meine Mutter, die Grossmutter zu besuchen und ihr Lebewohl zu sagen,

wahrscheinlich zum letzten Mal diesseits des Grabes.

Am 26. November einem kalten und klaren Tagen, machen meine Mutter, das

Kind und ich uns auf den Weg nach der Donau, an welcher der Stammsitz

der Familie liegt.

Wir steigen im Gasthaus ab, und meine Mutter begibt sich zur

Grossmutter, um meinen Besuch anzumelden. Während ich auf ihrer

Rückkehr warte, durchwandere ich die Wiesen und Wälder, die ich seit

zwei Jahren nicht gesehen habe. Die Erinnerungen überwältigen mich,

und das Bild meiner Frau taucht überall auf. Alles ist verwüstet durch

den Frost des Winters; keine Blume blüht mehr, keine Grashalm grünt

mehr, wo wir beide alle Blumen des Frühlings, des Sommers, des Herbstes

gepflückt haben.

Am Nachmittag werde ich zu der Grossmutter geführt, die den Pavillon

der Villa bewohnt, das Häuschen, in dem mein Kind geboren ist. Die

Begegnung ist konventionell und kalt; man scheint eine Wiederholung des

Szene vom verlorenen Sohn zu erwarten, aber derartiges ist mir zuwider.

Ich begnüge mich damit, die Erinnerungen an ein verlorenes Paradies

wieder lebendig zu machen. Meine Frau und ich haben das Getäfel der

Türen und Fenster gestrichen, um die Geburt der kleinen Christine zu

feiern. Die Rosen und die Clematis, welche die Fassade zieren, sind von

meiner Hand gepflanzt. Der Gang, der den Garten durchläuft, ist von mir

geharkt worden. Aber der Nussbaum, den ich am Morgen nach der Geburt

Christinens gepflanzt habe, ist verschwunden. "Der Baum des Lebens",

wie er genannt wurde, ist tot.

Zwei Jahre, zwei Ewigkeiten, sind vergangen, seit die Abschiedsworte

zwischen uns gewechselt wurden. Sie war am Ufer, und ich stand auf dem

Dampfer, der mich auf meinen Weg nach Paris bis Linz bringen sollte.

Wer hat den Bruch durchführt! Ich, ich habe meine Liebe und ihre

getötet. Ade, weisses Haus von Dornach, Flur der Dornen und Rosen!

Ade, Donau! Ich tröste mich, indem ich denke: ihr waret nur ein Traum,

kurz wie der Sommer und lieblicher als die Wirklichkeit, die ich nicht

vermisse.

Die Nacht verbringe ich im Gasthaus, wo auch meine Mutter und mein Kind

auf meine Bitte schlafen, um mich gegen die Schrecken des Todes zu

schützen, die ich ahne, dank meinem sechsten Sinn, der sich unter dem

Einfluss sechsmonatiger Marter entwickelt hat.

Um zehn Uhr abends beginnt ein Windstoss meine Tür, die sich auf den

Flur öffnet, zu rütteln. Ich befestige sie mit hölzernen Keilen. Es

hilft nichts: sie zittert weiter.

Dann klirren die Fenster, der Ofen heult wie ein Hund, das ganze Haus

schwankt wie ein Schiff.

Ich kann nicht schlafen. Bald seufzt meine Mutter, bald weint mein Kind.

Am andern Morgen ist meine Mutter durch Schlaflosigkeit und andere

Dinge, die sie mir verbirgt, erschöpft und sagt zu mir:

--Reise, mein Kind! Ich habe genug von diesem Höllengeruch!

Und ich reise gen Norden, um auf meiner Pilgerfahrt das feindliche

Feuer einer andern Sühnestation zu empfangen.

14.

Wallfahrt und Sühne.

Es gibt neunzig Städte in Schweden, und zu der, die ich am meisten

verabscheue, haben die Mächte mich verdammt.

Ich beginne damit, dass ich die Ärzte besuche.

Der erste nennt es Nervenschwäche, der zweite Brustklemme, der dritte

Verrücktheit, der vierte Luftgeschwulst.... Das genügt mir, um sicher

zu sein, dass man mich nicht in ein Irrenhaus sperrt.

Um mich zu versorgen, bin ich gezwungen, für eine Zeitung Artikel zu

schreiben. Aber jedes Mal, wenn ich mich zum Schreiben hinsetze, wird

die Hölle losgelassen. Jetzt hat man etwas Neues erfunden, um mich

verrückt zu machen. Sobald ich in ein Hotel eingezogen bin, bricht

ein Lärm los, ähnlich dem in der Rue de la Grande-Chaumière in Paris:

Schritte schleppen und Möbel werden gerückt. Ich wechsle das Zimmer,

ich wechsle das Hotel: der Lärm ist da, über meinem Kopfe. Ich gehe

in die Restaurants: sobald ich mich im Speisesaal an den Tisch setze

beginnt das Gepolter.

Wohlgemerkt: ich frage die Anwesenden ob sie dasselbe Geräusch höre,

und man bejaht es stets und gibt dieselbe Beschreibung. Also ist es

keine Halluzination des Gehörs, sondern einer Intrige, sage ich mir.

Als ich aber eines Tages unversehens in einen Schuhmacherladen trete,

beginnt im selben Augenblick der Lärm. Also doch keine Intrige. Es ist

der Teufel!

Von Hotel zu Hotel gejagt, überall von elektrischen Drähten belästigt,

die bis an den Rand des Bettes laufen; überall von Strömen angegriffen,

die mich vom Stuhl oder aus dem Bett reissen, bereite ich in aller Form

den Selbstmord vor.

Es ist das schlechteste Wetter, und ich suche mich in meiner

Traurigkeit zu zerstreuen, indem ich mit Freunden zeche.

Inferno; Legenden · 第 10 / 25 段