Man erzählt mir auch, dass ein Mann derart vom Teufel besessen war,

dass der Unglückliche seine Persönlichkeit änderte: er war durch den

bösen Geist gezwungen, Gotteslästerungen auszustossen, trotzdem ihm das

den grössten Widerwillen einflösste. Nachdem man lange einen Beschwörer

gesucht hat, entdeckt man einen jungen Franziskaner, jungfräulich und

von anerkannter Herzensreinheit. Dieser bereitet sich durch Fasten

und Bussübungen vor. Als der grosse Tag gekommen ist, führt man den

Besessenen in die Kirche, und er beichtet vor allem Volk, coram populo.

Dann macht sich der junge Mönch ans Werk. Indem er vom Morgen bis zum

Abend betet und beschwört, gelingt es ihm, den Teufel auszutreiben.

Unter welchen Umständen der Teufel geflohen ist, haben die entsetzten

Zuschauer nicht zu erzählen gewagt. Ein Jahr darauf starb der

Franziskaner.

Solche und noch schlimmere Geschichten bestärken mich in meiner

Überzeugung, dass diese Gegend ein zum Büssen vorherbestimmter Ort ist,

und dass es eine geheimnisvolle Beziehung zwischen diesem Lande und den

Stätten gibt, die Swedenborg als Hölle malt. Hat er diesen Teil von

Niederösterreich besucht und, gleichwie Dante die Gegend südlich von

Neapel schildert, seine Hölle nach der Natur gezeichnet?

Nachdem ich vierzehn Tage gearbeitet und studiert habe werde ich noch

einmal aus meinem Lager aufgestört. Da der Herbst sich nähert, wollen

meine Tante und meine Schwiegermutter in Klam zusammenziehen. Wir

brechen das Lager also ab. Um meine Unabhängigkeit zu wahren, miete ich

ein Häuschen, das aus zwei Zimmern nebst einer Küche besteht, ganz in

der Nähe meines Töchterchens.

Am ersten Abend, nachdem ich meine Wohnung in Besitz genommen habe,

empfinde ich eine Angst, als sei die Luft vergiftet. Ich gehe zu meiner

Mutter hinunter.

--Wenn ich dort oben schlafen gehe, werdet ihr mich morgen tot im Bett

finden. Beherberge einen Obdachlosen für die Nacht, gute Mutter!

Sogleich wird mir das rosa Zimmer zur Verfügung gestellt; aber

wie hat es sich seit der Abreise meiner Tante verändert! Schwarze

Möbel; ein Büchergestell mit leeren Fächern, die mich wie ebensoviel

Rachen angähnen; aus den Fenstern sind die Blumen verschwunden; ein

gusseisener Ofen, hoch, dürr, schwarz wie ein Gespenst, mit den

Ornamenten einer hässlichen Phantasie, Salamandern und Drachen. Es ist

eine Disharmonie, die mich krank macht.

Übrigens fällt mir alles auf die Nerven, weil ich ein Mann von

geregelten Gewohnheiten bin, der alles zu seiner Stunde tut. Trotzdem

ich mir alle Mühe gebe, meinen Verdruss zu verbergen, weiss meine

Mutter meine Geheimnisse zu lesen:

--Immer unzufrieden, mein Kind!

Sie tut ihr Möglichstes und mehr, um mich zufrieden zu stellen,

aber die Geister der Zwietracht mengen sich ein, und nichts hilft.

Sie erinnert sich meiner kleinen Liebhabereien, aber immer geht es

verkehrt. So gibt es wenige Gerichte, die mir so zuwider sind, wie

Bregen in brauner Butter.

-Heute habe ich etwas Gutes, besonders für dich, sagt sie.

Und sie legt mir Bregen in brauner Butter vor. Ich verstehe, dass

es ein Missverständnis ist, und ich esse, aber mit einem schlecht

verborgenem Widerwillen und einem erkünstelten Appetit.

--Du isst ja nichts!

Und sie füllt meinen Teller noch einmal ...

Das ist zu viel! Früher schrieb ich alle diese Plagen der weiblichen

Bosheit zu; jetzt erkenne ich ihre Unschuld an und sage mir: es ist der

Teufel!

Seit meiner Jugend widme ich meinen Morgenspaziergang Betrachtungen,

mit denen ich mich auf die Arbeit des Tages vorbereite. Ich habe

niemals jemand erlaubt, mich zu begleiten, nicht einmal meiner Frau.

Tatsächlich erfreut sich mein Geist des Morgens einer Harmonie und

einer Expansion, die an Ekstase streift. Ich gehe nicht, ich fliege;

der Körper hat alle Schwere verloren, alle Traurigkeit ist verdunstet:

ich bin ganz Seele. Das ist meine Sammlung, meine Gebetstunde, mein

Gottesdienst.

Jetzt, da ich alles opfern, mich selbst und meine billigsten Neigungen

verleugnen muss, zwingen die Mächte mich, auf dieses Vergnügen, das

letzte und höchste von allen, zu verzichten.

Es ist mein Töchterchen, das den Wunsch ausdrückt, mich zu begleiten.

Ich lehne ihr Anerbieten ab, indem ich sie sehr zärtlich küsse, aber

sie begreift nicht, warum ich mit meinen Gedanken allein sein möchte.

Sie weint. Da kann ich ihr nicht mehr widerstehen und nehme sie mit

auf den Spaziergang, aber entschlossen, diesen Missbrauch ihrer Rechte

nicht wieder zu erlauben.

Ein Kind ist reizend, entzückend durch seine Ursprünglichkeit, seine

Mutwilligkeit, seine Dankbarkeit für ein Nichts, wohl verstanden,

wenn man nichts anderes zu tun hat. Wenn man aber mit seinen Gedanken

beschäftigt ist, wenn man geistesabwesend ist, wie kann das kleine Ding

uns mit seinen endlosen Fragen, seinen unvermuteten Launen die Seele

zerreissen. Mein Töchterchen ist wie eine Geliebte auf meine Gedanken

eifersüchtig; sie passt den Augenblick ab, da ihr Geplauder ein gut

gesponnenes Gedankennetz zerreissen kann.... Doch nein, das ist nicht

ihre Absicht, aber man unterliegt der Illusion, ein Raub der überlegten

Anschläge einer armen unschuldigen Kleinen zu sein.

Ich gehe mit langsamen Schritten, ich fliege nicht mehr; meine Seele

ist gefangen, mein Gehirn leer, wie ich mich anstrengen muss, um mich

auf das Niveau des Kindes herabzulassen.

Was mich bis zur Marter leiden lässt, das sind die tiefen,

vorwurfsvollen Blicke, die sie mir zuwirft, wenn sie sich einbildet,

mir zur Last zu fallen und meine Abneigung zu erregen. Dann verfinstert

sich das offene, freimütige, strahlende Gesichtchen, ihre Blicke ziehen

sich zurück, ihr Herz schliesst sich, und ich fühle mich des Lichts

beraubt, das dieses Kind in meine düstere Seele wirft. Ich küsse sie,

ich trage sie auf meinen Armen, ich suche ihr Blumen und Kiesel; ich

schneide eine Rute ab und spiele die Kuh, die sie auf die Weide treiben

soll.

Sie ist glücklich, zufrieden, und das Leben lächelt mir. Ich habe meine

Stunde der Sammlung geopfert! So sühne ich das Böse, das ich in einem

wahnsinnigen Augenblick auf das Haupt dieses Engels herabziehen wollte.

Geliebt werden: die Sühne für ein Verbrechen! Wahrhaftig, die Mächte

sind nicht so grausam wie wir!

11.

Auszüge aus dem Tagebuch eines Verdammten.

Oktober, November 1896. Der Brahmane erfüllt seine Pflicht gegen das

Leben, indem er ein Kind erzeugt. Dann geht er in die Wüste, um sich

der Einsamkeit und der Entsagung zu weihen.

MEINE MUTTER.--was hast du, Unglücklicher, in deiner früheren

Inkarnation getan, dass das Schicksal dich so schlecht behandelt?

ICH.--Rate! Erinnere dich eines Mannes, der zuerst mit der Frau eines

andern verheiratet war, wie ich es gewesen bin; der sich dann von ihr

trennt, um eine Österreicherin zu heiraten, wie ich es getan habe!

Und dann entreisst man ihm seine liebe Österreicherin, wie man mir

die meine geraubt hat, und beider einziges Kind wird am Abhang des

Böhmerwaldes gefangen gehalten, wie mein Kind es wird. Erinnerst du

dich an den Helden meines Romans "Am offenen Meer", der auf einer Insel

mitten im Meer elend umkommt....

MEINE MUTTER.--Genug! Genug!

ICH.--Du weisst nicht, dass die Mutter meines Vaters Neipperg hiess....

MEINE MUTTER.--Schweig, Unglücklicher!

ICH.--... und dass meine kleine Christine dem grössten

Menschenschlächter des Jahrhunderts auf ein Haar gleicht; sieh sie

nur an, die Despotin, die mit ihren zweieinhalb Jahren schon Männer

bändigt....

MEINE MUTTER.--Du bist toll!

ICH.--Ja! Und ihr Frauen, wie habt ihr früher gesündigt, da euer Los

noch grausamer ist als unseres? Wie recht ich hatte, das Weib unsern

bösen Dämon zu nennen. Jedem nach seinem Verdienst!

MEINE MUTTER.--Ja, es ist doppelte Hölle, Weib sein!

ICH.--Und doppelter Dämon ist das Weib. Übrigens ist die Reinkarnation

eine christliche Lehre, die nur von der Geistlichkeit beiseite

geschoben ist. Jesus Christus behauptet, Johannes der Täufer sei eine

Reinkarnation von Elias. Ist das eine Autorität oder nicht?

MEINE MUTTER.--Allerdings; aber die römische Kirche verbietet das

Forschen in dem Verborgenen!

ICH.--Und der Okkultismus erlaubt es, da die Wissenschaften erlaubt

sind!

Die Geister der Zwietracht wüten. Trotzdem wir ihr Spiel genau kennen

und von unserer gegenseitigen Unschuld überzeugt sind, hinterlassen die

sich wiederholenden Missverständnisse einen bitteren Nachgeschmack.

Obendrein argwöhnen die beiden Schwestern, bei der Krankheit ihrer

Mutter sei mein böser Wille im Spiel; weil ich kein Interesse daran

habe, dass das Hindernis, das mich von meiner Frau trennt, fortgeräumt

wird, können sie den ganz natürlichen Gedanken nicht unterdrücken, der

Tod der Alten würde mir Freude machen. Dass dieser Wunsch überhaupt

vorhanden ist, macht mich verhasst, und ich wage mich nicht mehr nach

der Grossmutter zu erkundigen, aus Furcht, als Heuchler behandelt zu

werden.

Die Situation ist gespannt, und meine alten Freundinnen erschöpfen sich

in endlosen Erörterungen über meine Person, meinen Charakter, meine

Gefühle, darüber, ob meine Liebe zu meinem Kind aufrichtig ist.

An einem Tage hält man mich für einen Heiligen, und die Narben in

meinen Händen sind Wundmale. Tatsächlich gleichen die Zeichen in der

Handfläche Löchern grober Nägel. Um aber jeden Anspruch auf Heiligkeit

zurückzuweisen, sage ich, ich sei der gute Schächer, der vom Kreuz

gestiegen sei und sich auf der Wallfahrt befinde, um das Paradies zu

erringen.

An einem anderen Tage hat man über das Rätsel, das ich bin, gegrübelt

und hält mich für Robert den Teufel. Ein Vorfall flösst mir die

Furcht ein, die Bevölkerung werde mich steinigen. Hier der einfache

Sachverhalt:

Meine kleine Christine hat eine übertriebene Furcht vor dem

Schornsteinfeger. Eines Abends beginnt sie beim Essen plötzlich zu

weinen, zeigt mit dem Finger auf einen Unsichtbaren hinter meinem Stuhl

und schreit:

--Der Schornsteinfeger!

Meine Mutter, die an das Hellsehen von Kindern und Tieren glaubt, wird

bleich; und ich, ich habe Furcht, besonders da ich bemerke, dass meine

Mutter das Zeichen des Kreuzes über dem Haupt des Kindes macht.

Ein Todesschweigen folgt auf diesen Vorfall, der mir das Herz bedrückt.

Der Herbst mit seinem Sturm, Regen und Dunkel ist gekommen. Im Dorf und

im Armenhaus verdoppeln sich die Kranken, die Sterbenden und die Toten.

In der Nacht hört man das Glöckchen des Chorknaben, welcher der Hostie

vorangeht. Am Tage läuten die Glocken der Kirche die Toten ein, und die

Leichenzüge folgen dicht aufeinander. Zum Sterben traurig und düster

ist das Leben. Und meine nächtlichen Anfälle beginnen wieder.

Man spricht Gebete für mich, man betet den Rosenkranz, und in meinem

Schlafzimmer ist der Weihkessel mit Weihwasser gefüllt, das der Pfarrer

gesegnet hat.

--Die Hand des Herrn ruht schwer auf dir!

Es ist meine Mutter, die mich mit dieser Anrede zermalmt.

Ich beuge mich, und ich richte mich wieder auf. Kraft einer

eingewurzelten Zweifelsucht und eines geschmeidigen Geistes befreie

ich meine Seele von diesen düsteren Vorstellungen. Nachdem ich

gewisse okkultistische Schriften gelesen habe, bilde ich mir ein, von

Elementargeistern, von Inkuben, Lamien verfolgt zu sein, die mich

verhindern wollen, mein grosses alchimistisches Werk zu vollenden.

Durch die Eingeweihten unterrichtet, verschaffe ich mir einen Dolch aus

Dalmatien, und glaube nun gegen die bösen Geister gut bewaffnet zu sein.

Ein Schuhmacher des Dorfes, Atheist, Gotteslästerer, ist eben

gestorben. Eine Dohle, die er besass, ist sich jetzt selbst überlassen

und haust auf dem Dach eines Nachbarn. Während der Totenwache entdeckt

man die Dohle im Zimmer, ohne dass die Anwesenden ihre Gegenwart

erklären können. Am Tage der Beerdigung begleitet der schwarze

Vogel den Leichenzug und auf dem Kirchhof setzt er sich während der

Totenfeier auf den Deckel des Sarges.

Morgen folgt mir dieses Tier längs der Wege, was mich beunruhigt,

da die Bevölkerung, abergläubisch ist. Eines Tages--es war ihr

letzter--begleitet mich die Dohle durch die Strassen des Dorfes,

indem sie hässliche Schreie ausstösst; dann und wann wirft sie grobe

Worte dazwischen, die ihr der Gotteslästerer beigebracht hat. Da

erscheinen zwei kleine Vögel, ein Rotkehlchen und eine Bachstelze, und

verfolgen die Dohle von Dach zu Dach. Die Dohle rettet sich aus dem

Dorf hinaus und flüchtet sich auf einen Schornstein einer Hütte. Im

selben Augenblick springt ein schwarzes Kaninchen vor dem Hause auf und

verschwindet im Grase.

Einige Tage später stellt man fest, dass die Dohle tot ist. Sie ist von

den Gassenjungen getötet worden, die sie nicht leiden konnten, weil sie

diebisch war.

Den ganzen Tag arbeite ich in meinem Häuschen, aber es scheint, dass

die Mächte mir seit einiger Zeit ihre Gunst entzogen haben. Oft wenn

ich eintrete, finde ich die Luft dick, wie vergiftet, und dann muss

ich bei offener Tür und offenen Fenstern arbeiten. Mit einem warmen

Mantel und einer Pelzmütze bekleidet, sitze ich am Tisch und schreibe,

indem ich gegen die sogenannten elektrischen Anfälle kämpfe, die mir

die Brust zusammendrücken und mir in den Rücken stechen. Oft ist mir,

als stehe jemand hinter meinem Stuhl. Dann richte ich Dolchstösse nach

hinten, indem ich mir einbilde, einen Feind zu bekämpfen. Das dauert

bis fünf Uhr abends. Wenn ich über diese Stunde sitzen bleibe, wird

der Kampf furchtbar; meine Kräfte sind erschöpft, und ich zünde meine

Laterne an und steige zu meiner Mutter und meinem Kind hinunter.

Ein einziges Mal verlängere ich den Kampf bis sechs Uhr, um einen

Artikel über Chemie zu vollenden, während ich wegen der dicken und

erstickenden Luft meines Zimmers im Zuge sitze. Ein Marienkäfer,

schwarz mit gelben Flecken, klettert auf einem Blumenstrauss herum,

tastet, sucht einen Ausweg. Schliesslich lässt er sich auf mein

Papier fallen und schlägt mit den Flügeln, ganz wie der Hahn, der auf

der Kirche Notre-Dame-des-Camps in Paris steht. Dann kriecht er das

Manuskript entlang, entert meine rechte Hand und klettert hinauf. Er

blickt mich an und fliegt dann dem Fenster zu. An dem Kompass, der auf

dem Tisch steht, sehe ich, dass er nach Norden fliegt.

--Gut sage ich mir, nach Norden also! Aber wenn ich will und wann es

mir gefällt. Bist zu einer neuen Aufforderung bleibe ich, wo ich bin.

Als es sechs Uhr wird, ist es mir nicht mehr möglich, in diesem

Spukhaus zu bleiben. Unbekannte Kräfte heben mich vom Stuhl, und ich

muss das Haus räumen.

Es ist Allerseelen, gegen drei Uhr nachmittags; die Sonne scheint, die

Luft ist ruhig. Die Prozession der Einwohner, voran die Geistlichkeit,

die Fahnen und die Musik, bewegt sich nach dem Friedhof, um die Toten

zu begrüssen. Die Glocken der Kirche fangen an zu läuten. Da bricht,

ohne Vorzeichen, ohne dass sich eine Wolke an dem blassblauen Himmel

gezeigt hätte, ein Sturm los. Das Fahnentuch klatscht gegen die

Stangen, die Gewänder der in der Prozession gehenden Männer und Frauen

sind ein Spiel des Windes, Staubwolken erheben sich in Wirbeln, die

Bäume biegen sich....

Es ist ein wahres Wunder.

Ich fürchte mich vor der nächsten Nacht, und meine Mutter ist

vorbereitet. Sie hat mir ein Amulett gegeben, damit ich es um den Hals

trage. Es ist eine Madonna und ein Kreuz aus heiligem Holz, das zu dem

Balken einer mehr als tausendjährigen Kirche gehört hat. Ich nehme es

als ein kostbares Geschenk an, das aus gutem Herzen angeboten ist, aber

ein Rest der Religion meiner Väter verbietet es mir, es um meinen Hals

zu hängen.

Beim Abendessen, es ist gegen acht Uhr und die Lampe ist angesteckt,

herrscht eine unglücksverheissende Stille in unserem kleinen Kreise.

Draussen ist es dunkel, die Bäume schweigen. Ruhe überall.

Da dringt ein Windstoss, ein einziger, durch die Ritzen der Fenster und

stösst ein Gebrüll aus, das dem Laut der Maultrommel ähnlich ist. Dann

ist es zu Ende.

Meine Mutter wirft mir einen entsetzten Blick zu und drückt das Kind in

ihre Arme.

In einer Sekunde begreife ich, was dieser Blick mir sagt: Weiche von

uns, Verdammter, und ziehe nicht die rächenden Dämonen auf Unschuldige

herab.

Alles stürzt ein; das einzige Glück, das mir geblieben ist, bei

meinem Töchterchen zu weilen, wird mir genommen, und in dem traurigen

Schweigen nehme ich in Gedanken Abschied vom Leben.

Nach dem Abendessen ziehe ich mich in das rosa Zimmer zurück, das jetzt

schwarz ist, und bereite mich auf einen nächtlichen Kampf vor, denn ich

fühle mich bedroht Durch wen? Ich weiss es nicht; aber ich fordere den

Unsichtbaren heraus, wer es auch sei, der Teufel oder der Ewige, und

ich werde mir ihm ringen, wie Jakob mit Gott.

Man klopft an die Tür: das ist meine Mutter, die eine schlechte Nacht

für mich ahnt und mich einlädt, auf dem Sofa im Salon zu schlafen.

--Des Kindes Gegenwart wird dich retten!

Ich danke ihr, versichere aber, dass keine Gefahr ist und dass nichts

mir Furcht einflösst, da mein Gewissen rein ist. Mit einem Lächeln

wünscht sie mir eine gute Nacht.

Ich kleide mich wieder in Schlachtmantel, Mütze und Stiefel, fest

entschlossen, in Kleidern zu schlafen, bereit, als tapferer Krieger,

der dem Tod trotzt, nachdem er das Leben verachtet hat, zu sterben.

Gegen elf Uhr beginnt die Luft im Zimmer dick zu werden, und eine

tödliche Angst bemächtigt sich meines Mutes. Ich öffne das Fenster: ein

Luftzug droht die Lampe auszulöschen; ich schliesse es wieder.

Die Lampe beginnt zu singen, zu seufzen, zu wimmern. Dann Schweigen.

Da stösst ein Dorfhund klagende Laute aus; das bedeutet nach dem

Volksglauben eine Totenklage.

Ich sehe zum Fenster hinaus: der grosse Bär ist allein sichtbar. Unten

im Armenhaus brennt ein Licht, und eine alte Frau wartet, über ihre

Handarbeit gebückt, auf die Befreiung; vielleicht fürchtet sie den

Schlaf und die Träume.

Da ich müde bin, lege ich mich wieder auf mein Bett und versuche

einzuschlafen. Bald wiederholt sich das alte Spiel. Ein elektrischer

Strom sucht mein Herz, die Lungen hören auf zu arbeiten, ich muss

aufstehen, wenn ich dem Tode entgehen will. Ich setze mich auf einen

Stuhl, bin aber zu erschöpft, um lesen zu können; so sitze ich eine

halbe Stunde starr da.

Dann entschliesse ich mich, bis der Morgen anbricht, spazieren zu

gehen. Ich gehe hinunter. Die Nacht ist dunkel und das Dorf schläft;

aber die Hunde schlafen nicht, und als einer von ihnen anschlägt,

umringt mich die ganze Bande; ihre gähnenden Rachen und ihre funkelnden

Augen zwingen mich zum Rückzug.

Als ich wieder die Tür meines Zimmers öffne, ist es mir, als sei die

Stube von lebendigen und feindlichen Wesen bewohnt. Das Zimmer ist

davon erfüllt, und ich glaube durch eine Menge zu dringen, als ich mein

Bett zu erreichen suche; resigniert und zum Sterben entschlossen, falle

ich darauf nieder.

Aber im letzten Augenblick, wenn der unsichtbare Geier mich unter

seinen Schwingen ersticken will, reisst mich jemand vom Bett, und

die Jagd der Furien beginnt wieder. Besiegt, zu Boden geschlagen, in

Unordnung gebracht, verlasse ich das Schlachtfeld und weiche in dem

ungleichen Kampf gegen die Unsichtbaren.

Ich klopfe an die Tür des Salons, der auf der anderen Seite des Flurs

liegt. Meine Mutter, die noch auf ist und betet, kommt und öffnet.

Der Ausdruck, den ihr Gesicht annimmt, als sie mich bemerkt, flösst mir

vor mir selbst ein tiefes Entsetzen ein.

--Du wünscht, mein Kind?

--Ich wünsche zu sterben, und dann verbrannt zu werden; oder vielmehr,

verbrennt mich lebendig!

Kein Wort! Sie hat mich verstanden, sie bekämpft ihr Entsetzen: Mitleid

und Barmherzigkeit der religiösen Frau tragen den Sieg davon, und mit

eigener Hand macht sie das Sofa zurecht; dann zieht sie sich in ihr

Zimmer zurück, wo sie mit dem Kinde schläft.

Zufällig--immer dieser teuflische Zufall!--steht das Sofa dem Fenster

gegenüber, und derselbe Zufall hat es gewollt, dass keine Vorhänge da

sind, dass also die schwarze Fensteröffnung, die in die Dunkelheit

der Nacht hinausgeht, mich angähnt; und ausserdem ist es gerade dieses

Fenster, durch das der Windstoss heute abend während des Essens geheult

hat.

Am Ende meiner Kräfte angelangt, sinke ich auf mein Lager nieder, indem

ich diesen allgegenwärtigen und unvermeidlichen Zufall verwünsche,

der mich in der offenbaren Absicht verfolgt, den Verfolgungswahn

hervorzurufen.

Ich ruhe mich fünf Minuten aus, indem ich die Augen auf das schwarze

Viereck hefte, da gleitet das unsichtbare Gespenst über meinen Leib,

und ich erhebe mich. Mitten im Zimmer bleibe ich stehen wie eine

Statue, ich weiss nicht wie lange; in einen Säulenheiligen verwandelt,

schlafe ich auf absonderliche Art.

Wer verleiht mir Kräfte, um mich leiden zu lassen? Wer versagt mir den

Tod, um mich meinen Folterqualen auszuliefern?

Ist er es, der Herr über Leben und Tod, den ich beleidigt habe, als ich

nach der Lektüre der "Freude zu sterben" Selbstmordversuche machte, da

ich mich schon reif für das ewige Leben hielt?

Bin ich Phlegyas, der für seinen Hochmut zur Todesstrafe der Angst

im Tartarus verurteilt wurde? Oder Prometheus, der durch den Geier

bestraft ward, weil er den Sterblichen das Geheimnis der Mächte

enthüllt hatte?

(Indem ich dies schreibe, denke ich an die Szene in der Passion

Christi; die Soldaten speien ihm ins Gesicht; die einen geben ihm

Backenstreiche, die andern schlagen ihn mit Ruten, indem sie sagen:

Christus, weissage uns, wer hat dich getroffen!--Mögen sich meine

Jugendgenossen an die Stockholmer Orgie erinnern, auf welcher der

Schreiber dieses Buches die Rolle des Soldaten spielte....)

Wer hat ihn getroffen? Die Frage ohne Antwort, der Zweifel, die

Ungewissheit, das Geheimnis: das ist meine Hölle.

Möge er sich enthüllen, auf das ich mit ihm kämpfe, ihm Trotz biete!

Aber gerade davor hütet er sich, um mich mit Wahnsinn zu schlagen,

mich mit dem schlechten Gewissen, das mich überall Feinde suchen

lässt, zu geisseln. Feinde, das sind die, welche durch meinen bösen

Willen verletzt worden sind. Und jedesmal, wenn ich einen neuen Feind

aufspüre, wird mein Gewissen getroffen.

Als mich am andern Morgen, nachdem ich einige Stunden geschlafen habe,

das Geplauder meiner kleinen Christine weckt, ist alles vergessen, und

ich widme mich meinen gewöhnlichen Arbeiten, die auf dem rechten Wege

sind. Alles, was ich schreibe, wird alsbald gedruckt; das beruhigt mich

über meinen gesunden Menschenverstand und meine Intelligenz.

Die Zeitungen verbreiten das Gerücht, dass ein amerikanischer Gelehrter

eine Methode, Silber in Gold zu verwandeln, gefunden habe. Das befreit

mich von dem Verdacht, ein Schwarzkünstler, ein Verrückter, ein

Scharlatan zu sein.

In diesem Augenblick bietet mir mein Freund, der Theosoph, der mich

bisher unterstützt hat, die Hand, um mich für seine Sekte zu gewinne.

Er schickt mir die "Geheimlehre" der Frau Blawatsky, indem er schlecht

seine Unruhe verbirgt, dass er meine Ansicht kennen lernen möchte; auch

ich bin unruhig, weil ich argwöhne, dass unsere freundschaftlichen

Beziehungen von meiner Antwort abhängen.

Diese "Geheimlehre", ein Sammelsurium aller sogenannten okkulten

Lehren, ein Ragout aller wissenschaftlichen Ketzereien neuer und alter

Zeit, nichtig und wertlos, wenn die Dame ihre eigenen Ansichten, die

albern sind, vorbringt, ist interessant durch die Zitate aus wenig

bekannten Schriftstellern und verabscheuungswert durch die bewussten

oder unbewussten Betrügereien und durch die Fabeln über die Existenz

der Mahatmas. Es ist die Arbeit eines Mannweibes, das den Rekord des

Mannes hat schlagen wollen und sich einbildet, Wissenschaft, Religion,

Philosophie gestürzt und eine Isispriesterin auf den Altar des

Gekreuzigten erhoben zu haben.

Mit aller Zurückhaltung und Schonung, die man einem Freunde schuldig

ist, teile ich ihm meine Meinung mit. Ich erkläre ihm, dass der

Kollektivgott Karma mir missfällt, dass ich aus diesem Grunde

nicht einer Sekte beitreten könne, die den persönlichen Gott,

der allein meine religiösen Bedürfnisse befriedigt, leugnet. Ein

Glaubensbekenntnis verlangt man von mir, und obgleich ich überzeugt

bin, dass mein Wort einen Bruch veranlassen und damit die Unterstützung

aufheben wird, spreche ich aus, was ich denke.

Da verwandelt sich der aufrichtige, hochherzige Freund in einen

Rachegeist, schleudert den Bannstahl gegen mich, droht mir mit okkulten

Mächten, schüchtert mich durch Andeutung einer Strafe ein, weissagt wie

ein heidnischer Opferpriester. Er schliesst damit, dass er mich vor

ein okkultistisches Gericht ladet und mir schwört, dass ich den 13.

November nicht vergessen werde.

Inferno; Legenden · 第 9 / 25 段