Doch unter irgendeinem Vorwand behalte ich mir das Recht vor, eine

letzte Nacht in Saxen zu schlafen und die Übersiedlung auf den nächsten

Tag zu verschieben. Ich kehre also, von meiner Tante begleitet,

zu meinem Kinde zurück. Auf der Dorfstrasse bemerke ich, dass der

Blitzableiter und sein Leitungsdraht gerade über meinem Bett befestigt

sind.

Welcher teuflische Zufall, der wie persönliche Verfolgung auf mich

wirkt!

Zugleich bemerke ich, dass die Aussicht, die sich vor meinen Fenstern

ausbreitet, keine andere ist als das Armenhaus mit seiner Bevölkerung

alter entlassener Verbrecher, Kranker, Sterbender. Eine traurige

Gesellschaft, eine düstere Zukunft habe ich da vor Augen.

Wieder in Saxen angelangt, sammle ich meine Sachen für die Abreise.

Mit Bedauern verlasse ich den Wohnsitz meines Kindes, das mir so teuer

geworden ist. Die Grausamkeit der alten Dame, mich von Weib und Kind zu

trennen, erregt meinen ungerechten Unwillen; in einem Anfall von Zorn

erhebe ich die Hand gegen ihr in Öl gemaltes Porträt, das über meinem

Bett hängt. Eine dumpfe Verwünschung begleitet die Gebärde.

Zwei Stunden später bricht ein furchtbares Gewitter über dem Dorf aus;

die Blitze kreuzen einander, der Regen giesst in Strömen, der Himmel

ist schwarz.

Als ich am nächsten Morgen in Klam anlange, wo das rosa Zimmer mich

erwartet, sehe ich eine Wolke in Drachenform über dem Haus meiner

Tante schweben. Dann erzählt man mir, der Blitz habe ein nahes Dorf in

Brand gesteckt und der Platzregen habe unsere Gemeinde verwüstet, die

Heuschober verheert, die Brücken fortgeführt.

Am 10. September hat ein Zyklon Paris verwüstet, und unter welch

seltsamen Umständen! Zuerst, bei völliger Stille, beginnt er hinter

Saint-Sulpice im Luxemburggarten, besucht das Theater du Châtelet und

die Polizeipräfektur und löst sich beim St. Ludwigs-Krankenhaus auf,

nachdem er fünfzig Meter Eisengitter niedergebrochen hat.

Wegen des Zyklons und des früheren im Jardin des Plantes fragt mich

mein Freund der Theosoph:

--Was ist ein Zyklon? Wallungen des Hasses, Schwingungen einer

Leidenschaft, Ausströmungen eines Geistes?

Dann fügt er hinzu:

-Sind die um Papus sich ihrer Offenbarungen bewusst?

Ein Zufall, der mehr ist als ein Zufall: in einem Brief, der den meines

Freundes kreuzt, richte ich an ihn, der in die Mysterien der Hindus

eingeweiht ist, die direkte und bestimmte Frage:

--Können die weisen Hindus _Zyklone hervorrufen_?

Damals fing ich an, die in der Magie Eingeweihten in Verdacht zu haben,

dass sie mich verfolgten, entweder weil ich Gold machen wollte, oder

weil ich mich hartnäckig weigerte, mit unter irgend einer Form ihren

Gesellschaften anzuschliessen. Die Lektüre von Rydbergs germanischer

Mythologie und Hylten-Cavallius' "Wärend und Wirdarne" hatte mich

belehrt, dass die Hexen in einem Sturme oder in einem kurzen und

heftigen Windstoss zu erscheinen liebten.

Ich erwähne dies, um meinen Seelenzustand zu beleuchten, wie er zu

dieser Zeit war, als ich noch nicht die Lehren Swedenborgs kennen

gelernt hatte.

Das Heiligtum bereitet, weiss und rosa, und der Heilige wird bei seinem

Schüler hausen, der es seinem Landsmann schuldig ist, die Erinnerung

an den begabtesten Mann wiederzubeleben, der in der Neuzeit vom Weibe

geboren ist.

Frankreich hat Ansgar ausgesandt, um Schweden zu taufen; tausend Jahre

später hat Schweden Swedenborg gesandt, um Frankreich durch Vermittlung

St. Martins, seines Schülers, wieder zu taufen. Der Martinistenorden,

der seine Rolle bei der Gründung des neuen Frankreichs kennt, wird die

Tragweite dieser Worte nicht verkennen, noch weniger die Bedeutung

dieses Jahrtausends herabsetzen.

10.

Swedenborg.

Meine Schwiegermutter und meine Tante sind zwei Zwillingsschwestern

von vollkommener Ähnlichkeit; sie haben denselben Charakter, denselben

Geschmack, dieselben Abneigungen; das geht so weit, dass die eine

wie die Doppelgängerin der anderen aussieht. Wenn ich zu der einen

in Abwesenheit der andern spreche, ist die Abwesende bald auf dem

Laufenden; ich kann meine vertraulichen Mitteilungen gegen eine von

beiden fortsetzen, ohne eine Einleitung nötig zu haben. Darum werfe ich

sie in dieser Erzählung zusammen, die kein Roman ist mit stilistischen

Ansprüchen und literarischer Komposition.

Am ersten Abend erzähle ich ihnen aufrichtig meine unerklärlichen

Abenteuer, meine Zweifel, meine Qualen. Da rufen sie, mit einer

gewissen Genugtuung in den Zügen, wie mit einem Mund aus:

--Du bist an einem Punkt angelangt, den wir schon passiert haben.

Von derselben Gleichgültigkeit gegen die Religion ausgehend, hatten sie

den Okkultismus studiert. Von diesem Augenblick an schlaflose Nächte,

geheimnisvolle, von Todesängsten begleitete Vorfälle, schliesslich

nächtliche Krisen, Wahnsinnsanfälle. Die unsichtbaren Furien verfolgen

die Jagd bis zum rettenden Hafen: das ist die Religion. Ehe sie aber so

weit kommen, offenbart sich der Schutzengel, und das ist niemand anders

als Swedenborg. Man nimmt mit Unrecht an, dass ich meinen Landsmann

gründlich kenne; und, überrascht von meiner Unkenntnis, geben mir die

guten Damen, jedoch nicht ohne Zögern, ein altes deutsches Buch.

--Nimm, lies und fürchte dich nicht!

--Fürchten? Was?

Als ich in meinem rosa Zimmer allein bin, öffne ich den alten Band aufs

Geradewohl und lese. Ich überlasse es dem Leser, sich meine Gefühle

vorzustellen, als meine Blicke auf eine Beschreibung der Hölle fallen,

in der ich die Landschaft von Klam, die Landschaft meiner Zinkschale,

wie nach der Natur gezeichnet, wiederfinde. Das kesselförmige Tal, die

mit Fichten bestandenen Hügel, die düsteren Wälder, die Schlucht mit

dem Bach, das Dorf, die Kirche, das Armenhaus, der Düngerhaufen, die

Mistjauche, der Schweinestall, alles ist da.

Die Hölle? Aber ich bin in der tiefsten Verachtung gegen die Hölle

erzogen; ich habe sie als eine Phantasie betrachten gelernt, die man

wie andere Vorurteile verworfen hat. Und doch kann ich die Tatsache

nicht leugnen, nur mit dem Unterschied, und das ist das Neue in der

Auslegung der sogenannten ewigen Strafen: wir sind schon in der Hölle.

Die Erde, das ist die Hölle, das von einer höheren Vernunft gebaute

Gefängnis. Ich kann ja nicht einen Schritt gehen ohne das Glück der

andern zu verletzen; und die andern können nicht glücklich bleiben,

ohne mir Leiden zuzufügen.

So malt Swedenborg, vielleicht ohne es zu wissen, das irdische Leben,

indem er die Hölle darstellen will.

Das Feuer der Hölle, das ist der Wunsch emporzukommen; die Mächte

erwecken den Wunsch und erlauben den Verdammten, das zu erreichen, nach

dem sie trachten. Sobald aber das Ziel erreicht und die Wünsche erfüllt

sind erscheint alles wertlos, und der Sieg ist nichtig! Eitelkeit der

Eitelkeiten, alles ist nur Eitelkeit. Nach der ersten Enttäuschung

blasen die Mächte das Feuer der Begierde und des Ehrgeizes an, und

nicht der ungestillte Hunger foltert am meisten, die gesättigte Begier

flösst den Ekel an allem ein. So erleidet der Dämon eine endlose

Strafe, weil er augenblicklich alles, was er wünscht, erhält, also sich

nicht mehr darüber freuen kann.

Wenn ich Swedenborgs Beschreibung der Hölle mit den Qualen der

germanischen Mythologie vergleiche, so finde ich eine augenscheinliche

Übereinstimmung; aber für mich persönlich bildet allein die Tatsache,

dass die beiden Bücher mich im selben Augenblick in Beschlag nehmen,

das Wesentliche. Ich bin in der Hölle, und die Verdammnis lastet auf

mir. Wenn ich meine Vergangenheit untersuche, sehe ich, dass schon

meine Kindheit als Gefängnis und Folterkammer eingerichtet war. Und

um die Martern zu erklären, die einem unschuldigen Kind auferlegt

wurden, bleibt einem nichts anderes übrig, als ein früheres Dasein

anzunehmen, aus dem wir wieder auf die Erde geworfen sind, um die

Folgen vergessener Sünden zu sühnen.

Infolge einer Geschmeidigkeit des Geistes, die bei mir nur allzu häufig

ist, dränge ich die Eindrücke, welche die Lektüre Swedenborgs in mir

hervorgerufen hat, in die Tiefen meiner Seele zurück. Aber die Mächte

geben mir keine Frist mehr.

Bei einem Spaziergang, den ich in die Umgebung des Dorfes mache, führt

mich der Bach zu dem Hohlweg, der zwischen den beiden Bergen läuft und

"Schluchtweg" heisst. Der Eingang, dem eingestürzte Felsen ein wahrhaft

erhabenes Aussehen geben, zieht mich in ganz seltsamer Weise an. Der

Berg, der die verlassene Burg trägt, stürzt senkrecht herab, um das

Tor der Schlucht zu bilden, in dem der Bach in den Mühlfall übergeht.

Durch ein Spiel der Natur hat der Felsen die Form eines Türkenkopfes

angenommen; niemand der Bevölkerung bestreitet die Ähnlichkeit.

Weiter unten lehnt sich der Schuppen des Müllers an die Felswand des

Berges. Am Türschloss hängt ein Bockshorn, das Wagenschmiere enthält:

dicht daneben lehnt der Besen.

Obwohl dies alles natürlich und gewöhnlich ist, frage ich mich, welcher

Teufel diese beiden Attribute der Hexen gerade dorthin gestellt hat und

gerade diesen Morgen auf meinen Weg.

Niedergeschlagen gehe ich weiter auf dem feuchten und finstern Wege.

Ein Holzhaus hält mich durch sein ungewöhnliches Aussehen auf. Es ist

ein langer, niedriger Kasten mit sechs Ofentüren; Ofentüren!

--Um Gotteswillen, wo bin ich denn?

Das Bild der Danteschen Hölle spukt vor mir, mit den Särgen, in denen

die Sünder rot geglüht werden ... und die sechs Ofentüren!!

Ein Alp? Nein, niedrige Wirklichkeit, die sich durch einen furchtbaren

Gestank, einen Strom von Kot, einen Chor grunzender Schweine verrät.

Der Weg verengert sich, wird zu einem Gang zusammengedrängt, zwischen

dem Berg und dem Haus des Müllers, gerade unter dem Türkenkopf.

Ich gehe weiter, aber im Hintergrund sehe ich eine mächtige dänische

Dogge mit dem Fell eines Wolfes liegen, ganz ähnlich jenem Ungeheuer,

welches das Atelier in der Rue de la Sante zu Paris bewachte.

Ich weiche zwei Schritte zurück; erinnere mich aber an den Wahlspruch

des Jacques Coeur, "Einem tapferen Herzen ist nichts unmöglich",

und dringe in die Schlucht ein. Der Cerberus tut, als sehe er mich

nicht, und ich gehe weiter, jetzt zwischen zwei Reihen niedriger und

düsterer Häuser. Da ist ein schwarzes Huhn ohne Schwanz und mit einem

Hahnenkamm; dann eine Frau, die von weitem schön zu sein scheint und

auf der Stirn einen blutroten Halbmond trägt; aus der Nähe gesehen, hat

sie keine Zähne mehr und ist hässlich.

Wasserfall und Mühle machen einen Lärm, der dem Ohrensausen gleicht,

das mich seit den ersten Pariser Unruhen verfolgt. Die Müllergesellen,

weiss wie falsche Engel, bedienen das Räderwerk der Maschine wie

Henker, und das grosse Schaufelrad tut seine Sisyphusarbeit, indem es

das Wasser rinnen und rinnen lässt.

Dann kommt die Schmiede mit ihren nackten und schwarzen Schmieden, die

mit Zangen, Haken, Kluppen, Hämmern bewaffnet sind, unter Feuer und

Funken, glühendem Eisen und geschmolzenem Blei arbeiten: es ist ein

Lärm, der das Gehirn in seinem Schädel erschüttert und das Herz im

Brustkasten springen lässt.

Dann das Sägewerk und die grosse Säge, die mit den Zähnen knirscht,

wenn sie auf der Folgerbank die riesigen Baumstämme martert, deren

durchsichtiges Blut auf den klebrigen Boden rinnt.

Der Hohlweg läuft weiter am Bach entlang, durch den Wolkenbruch

und Wirbelsturm verwüsten; die Überschwemmung hat die scharfen

Kieselsteine, auf denen die Füsse ausgleiten, mit einer Schicht

graugrünen Schlammes überzogen. Ich möchte das Wasser überschreiten,

aber der Steg ist fortgerissen, und ich bleibe unter einem Abhang

stehen; der überhängende Fels bedroht mit seinem Fall eine Jungfrau

Maria, die mit ihren schwachen und göttlichen Schultern allein den

unterwaschenen Berg hält.

Ich kehre auf meinen Spuren um, in tiefem Nachdenken über diese

Verbindung von Zufällen, die zusammen ein grosses Ganzes bilden, das

wunderbar ist, ohne übernatürlich zu sein.

Acht Tage und acht Nächte verlaufen ruhig in der Rosenkammer. Der

Friede des Herzens kehrt wieder bei dem täglichen Besuch meines

Töchterchens, das mich liebt, das geliebt wird und liebenswürdig ist;

und meine Verwandten pflegen mich wie ein armes, verlorenes Kind.

Die Lektüre Swedenborgs beschäftigt mich am Tage. Der Realismus seiner

Schilderungen zermalmt mich. Alles findet sich darin wieder, alle meine

Beobachtungen, meine Eindrücke, meine Gedanken; seine Visionen scheinen

mir erlebt zu sein, wie wahrhafte menschliche Dokumente. Es handelt

sich nicht darum, blind zu glauben, es genügt, das Gelesene mit seinen

eigenen erlebten Erfahrungen zu vergleichen.

Doch der Band, über den ich verfüge, enthält nur einen Auszug, und die

Haupträtsel des geistigen Lebens werden mir erst später gelöst, als das

Werk selber, "Arcana Coelestia", mir in die Hände fällt.

Während der Gewissenszweifel, die durch die Überzeugung, dass es

einen Gott und Strafen gibt, erwacht sind, trösten mich einige Zeilen

Swedenborgs, und alsbald bin ich bereit, mich zu entschuldigen und

wieder hochmütig zu werden.

Am Abend also, als ich meiner Schwiegermutter beichte, sage ich zu ihr:

--Du hältst mich für einen Verdammten?

--Nein, obgleich ich noch nie ein Menschenschicksal wie deines gesehen

habe. Aber du hast noch nicht den rechten Weg gefunden, der dich zum

Herrn führen wird.

--Erinnerst du dich Swedenborgs und seiner Grundsätze des Himmels?

Zuerst: die Herrschsucht, mit einem höheren Ziel. Das ist mein

Herrschergeist, der nie nach weltlichen Ehren noch nach einer

von der Gesellschaft verliehenen Macht getrachtet hat. Dann: die

Liebe zu Glücksgütern und Geld, um das allgemeine Wohl fördern zu

können. Du weisst, dass ich den Erwerb vernachlässigt und das Geld

verachtet habe. Wenn ich Gold mache oder es machen sollte, so habe

ich den Mächten geschworen, dass der Gewinn, wenn sich einer ergibt,

menschenfreundlichen, wissenschaftlichen, religiösen Zwecken dienen

wird. Schliesslich: eheliche Liebe. Muss ich noch sagen, dass sich

seit meiner Jugend meine Gefühle für das Wie um die Idee der Ehe,

der Gattin, der Familie gedreht haben? Dass das Leben mir das Los

vorbehalten hat, die Witwe eines lebenden Mannes zu heiraten, ist

eine Ironie, die ich nicht erklären kann; den Unregelmässigkeiten des

Junggesellenlebens gegenüber kommt es nicht in Frage.

Nachdem sie einen Augenblick überlegt hatte, sagte die Alte:

--Was du sagst, kann ich nicht in Abrede stellen, und die Lektüre

deiner Schriften hat mir einen Geist von hohem Streben gezeigt, der

immer trotz seiner Anstrengung gescheitert ist. Sicher sühnst du

Sünden, die vor deiner Geburt in einer andern Welt begangen sind. Du

musst in einem früheren Leben ein grosser Menschentöter gewesen sein;

darum wirst du tausend Male die Angst des Todes leiden, ohne jedoch zu

sterben, bevor die Sühne vollendet ist. Jetzt bist du fromm, also ans

Werk!

--Du meinst, ich soll die katholische Religion annehmen?

--Ohne Zweifel!

--Swedenborg sagt, es sei nicht erlaubt, die Religion seiner Väter zu

verlassen, weil jeder zu dem geistigen Gebiet seines Volkes gehöre.

--Die katholische Religion ist eine höhere Gnade, die jedem, der sie

sucht, bewilligt wird.

--Ich bin mit einem niedrigeren Grade zufrieden, und im schlimmsten

Fall stelle ich mich vor den Thron hinter Juden und Mohammedaner, die

auch zugelassen sind. Ich bleibe bescheiden!

--Die Gnade wird dir angeboten, und du ziehst das Linsengericht dem

Erstgeburtsrecht vor!

--Die Erstgeburt für den Sohn der Magd? Das ist zu viel! viel zu viel!

Durch Swedenborg wieder aufgerichtet, bilde ich mir noch einmal ein,

Hiob zu sein, der rechtschaffende und sittenreine Mann, der von dem

Ewigen auf die Probe gestellt wird, um den Bösen zu zeigen, wie der

redliche Mensch die unbilligen Leiden ertragen kann.

Dieser Gedanke erfüllt meinen Geist so, dass er sich von frommer

Eitelkeit bläht. Ich rühme mich meiner widrigen Geschicke, die zu Ende

gehen, und höre nicht auf, zu wiederholen: Seht, wie ich gelitten

habe! Und ich beklage mich über den Wohlstand, den ich hier bei meinen

Verwandten finde; die Rosenkammer ist ein bitterer Spott. Man macht

sich lustig über meine aufrichtige Reue, indem man mich mit Wohltaten

und kleinen Genüssen des Lebens überhäuft. In Summa: ich bin ein

Auserwählter, Swedenborg hat es gesagt, und des Schutzes des Ewigen

sicher, fordere ich die Dämonen heraus....

Acht Tage bin ich in dem rosa Zimmer, als die Nachricht ankommt, die

Grossmutter, die am Ufer der Donau wohnt, sei krank geworden. Ein

Leberleiden hat sie befallen, das von Erbrechen, Schlaflosigkeit

und nächtlichen Herzkrisen begleitet ist. Meine Tante, deren Gast

ich bin, wird zu ihr gerufen, und ich werde eingeladen, zu meiner

Schwiegermutter nach Saxen zurückzukehren.

Ich wende ein, die Alte habe es verboten: aber sie scheint ihren

Ausweisungsbefehl zurückgezogen zu haben, und es steht mir frei, zu

weilen, wo ich will.

Dass die Grollende ihren Entschluss so plötzlich ändert, setzt mich

in Erstaunen, und ich wage diesen glücklichen Umschwung nicht der ihr

zugestossenen Krankheit zuzuschreiben.

Am nächsten Tag erzählt man, der Zustand der Kranken habe sich

verschlimmert. Meine Schwiegermutter bringt mir als Zeichen der

Versöhnung einen Blumenstrauss von ihrer Mutter, und sie vertraut mir

an, die Alte bilde sich ein, eine Schlange im Magen zu tragen, habe

auch andere Phantasien ähnlicher Art.

Dann erzählt man, der Kranken seien zweitausend Kronen gestohlen

worden, und sie habe ihre vertraute Dienerin in Verdacht. Die ist

entrüstet über den ungerechten Verdacht und will ihre Herrin wegen

Verleumdung verklagen. Der häusliche Friede herrscht nicht mehr in dem

Haus einer gebrechlichen Frau, die sich von der Welt zurückgezogen hat,

um in Frieden zu sterben.

Jeder Bote bringt uns entweder Blumen oder Früchte oder Wildbret,

Fasanen, Kücken, Hechte.

Ist es die göttliche Gerechtigkeit, die straft, und hat die Kranke eine

Vorstellung davon? Erinnert sie sich, dass sie mich einmal auf die

Landstrasse gestossen hat, die mich ins Krankenhaus führte?

Oder ist sie abergläubisch? Hält sie mich für fähig, sie behext zu

haben? Sollten die angebotenen Geschenke nur Opfer sein, um den

Rachedurst des Zauberers zu stillen?

Unglücklicherweise kommt gerade in diesem Augenblick ein Buch über

Magie von Paris und gibt mir Auskunft über die Kunstgriffe, die man

Behexung nennt. Der Autor rät dem Leser, sich nicht für unschuldig zu

halten, weil er die magischen Kunstgriffe, die darauf hinauslaufen,

jemand zu schaden, meide; man muss auch den bösen Willen überwachen,

denn der genügt, um auf einen Menschen, auch wenn er abwesend ist,

einen Einfluss auszuüben.

Diese Lehre hat für mich eine doppelte Folge: zuerst empfinde ich

Gewissensskrupel, da ich in einer zornigen Regung die Hand gegen das

Bild der Alten erhoben und eine Verwünschung ausgestossen hatte; dann

erwacht wieder mein alter Argwohn, ich könnte selber der Gegenstand

geheimer Freveltaten sein, nämlich von seiten der Okkultisten oder

Theosophen.

Gewissensqual auf der einen Seite, Furcht auf der andern, und die

beiden Mühlsteine beginnen mich feinzumahlen.

So schildert Swedenborg die Hölle. Der Verdammte bewohnt einen

entzückenden Palast, findet das Leben lieblich und glaubt zu den

Auserwählten zu gehören. Nach und nach lösen sich die Herrlichkeiten

in nichts auf und verschwinden, und der Unglückliche bemerkt, dass er

in einer elenden Baracke eingeschlossen ist, die Exkremente umgeben.

(Siehe das Folgende.)

Dem rosa Zimmer habe ich Lebewohl gesagt, und als ich in ein grosses

Zimmer einziehe, das neben dem meiner Schwiegermutter liegt, ahne ich,

dass der Aufenthalt nicht von langer Dauer sein wird.

Tausend Kleinigkeiten, die das Leben unerträglich machen, vereinigen

sich in der Tat, um mir die für meine Arbeit notwendige Ruhe zu rauben.

Die Bretter des Fussbodens schwanken unter meinen Schritten, der Tisch

steht nicht fest, der Stuhl zittert, die Toilette wackelt, das Bett

knarrt, und die andern Möbel bewegen sich, wenn ich durchs Zimmer gehe.

Die Lampe raucht, das Tintenfass ist so eng, dass der Federhalter

sich beschmutzt. Es ist ein Landhaus, das Dünger, Jauche,

Schwefelwasserstoffammoniak, Schwefelkohlenstoff ausdünstet. Den ganzen

Tag hört man Kühe, Schweine, Kälber, Hühner, Puter, Tauben. Fliegen und

Wespen stören mich am Tage, und nachts sind es die Mücken.

Beim Kaufmann des Dorfes ist fast nichts zu bekommen. Da ich keine

bessere habe, muss ich ihre Tinte nehmen, die hochrosenrot ist!

Seltsam: ein Päckchen Zigarettenpapier enthält zwischen hundert weissen

Blättern ein rosenrotes Blatt (rosenrotes!).

Es ist die Hölle bei kleinem Feuer; gewohnt, die grossen Leiden zu

ertragen, leide ich sehr unter diesen kleinlichen Stichen, um so mehr

als meine Schwiegermutter mich trotz ihrer sorgsamen Pflege unzufrieden

glaubt.

17. September.--Ich erwache in der Nacht davon, dass ich die Dorfkirche

dreizehn Male schlagen höre. Sofort fühle ich die elektrische

Einwirkung, und auf dem Boden über meinem Kopfe wird ein Geräusch

hervorgebracht.

19. September.--Als ich den Boden durchsuche, entdecke ich ein Dutzend

Spinnrocken, deren Räder mich an Elektrisiermaschinen erinnern. Ich

öffne einen grossen Koffer: er ist beinahe leer und enthält nur fünf

schwarz gestrichene Stäbe, deren Gebrauch mir unbekannt ist; in der

Form eines Pentagramms liegen sie auf dem Boden. Wer hat mir diesen

Streich gespielt, und was hat das zu bedeuten? Ich wage nicht danach zu

fragen, und die Sache bleibt rätselhaft.

In der Nacht wütet ein furchtbares Gewitter zwischen Mitternacht und

zwei Uhr. Gewöhnlich erschöpft sich ein Gewitter in kurzer Zeit und

zieht davon; dieses bleibt zwei Stunden über dem Dorfe stehen. Ich

empfinde das wie einen persönlichen Angriff: jeder Blitz zielt auf

mich, ohne mich zu treffen.

An den Abenden erzählt mir meine Schwiegermutter die gegenwärtige

Chronik der Gegend. Welche ungeheure Sammlung Tragödien, häuslicher

und anderer! Ehebruch, Scheidung, Familienprozesse, Mord, Diebstahl,

Vergewaltigung, Blutschande, Verleumdung. Die Schlösser, die Villen,

die Hütten bergen Unglückliche aller Art, und ich kann nicht auf

den Strassen spazieren gehen, ohne an die Hölle Swedenborgs zu

denken. Bettler, Irre, Kranke, Krüppel halten die Gräben der grossen

Landstrasse besetzt, zu Füssen eines Gekreuzigten, einer Madonna, eines

Märtyrers kniend.

In der Nacht irren diese Unglücklichen, die unter Schlaflosigkeit

und Alpdrücken leiden, auf den Wiesen und in den Wäldern umher, um

die Müdigkeit zu finden, die ihnen Schlaf geben wird. Unter diesen

Heimgesuchten sind Leute aus der guten Gesellschaft, wohlerzogene

Damen, sogar ein Pfarrer.

Ganz in unserer Nähe liegt ein Kloster, das als Strafanstalt für

gefallene Mädchen dient. Es ist ein wahres Gefängnis und hat die

strengste Zucht. Im Winter, bei zwanzig Grad Kälte, müssen die

Büsserinnen in ihren Zellen auf den eisigen Steinfliesen schlafen;

und da das Heizen verboten ist, haben sich ihre Füsse und Hände mit

aufgesprungenen Frostbeulen bedeckt.

Unter andern ist dort eine Frau, die mit einem Mönch gesündigt hat, und

das ist eine Todsünde. Von Gewissensqual gepeinigt, zur Verzweiflung

getrieben, läuft sie zum Beichtvater; der verweigert ihr aber die

Beichte und Abendmahl. Für ihre Todsünde sei sie verdammt! Da verliert

die Unglückliche den Verstand, bildet sich ein tot zu sein, irrt von

Dorf zu Dorf, das Mitleid der Geistlichen anrufend, um in geweihter

Erde bestattet zu werden. Verbannt, verjagt, geht und kommt sie, wie

ein wildes Tier heulend; und das Volk das ihr begegnet, ruft: "Da ist

die Verdammte!" Niemand zweifelt, dass ihre Seele schon im ewigen Feuer

ist, während ihr Schatten hier umherstreift, eine wandernde Leiche, um

als abschreckendes Beispiel zu dienen.

Inferno; Legenden · 第 8 / 25 段