_Dornenfeldern_, welche die Füsse der Ungerechten _geisseln_....
Genug! Genug! Die Dornen auch! Das ist zu viel!
Kein Zweifel, ich bin in der Hölle! Und wirklich bestätigt die
Wirklichkeit diese Phantasie in einer so plausiblen Weise, dass ich ihr
schliesslich glauben muss.
Der Docktor scheint zwischen den verschiedensten Gefühlen zu schwanken.
Bald ist er gegen mich eingenommen, sieht mich über die Achsel an,
behandelt mich mit einer demütigenden Brutalität; bald ist er selbst
ganz unglücklich und pflegt und tröstet mich wie ein krankes Kind. Ein
anderes Mal freut er sich, einen Mann von Verdienst, den er früher
geschätzt hat, unter die Füsse treten zu können. Dann macht er den
Henker und predigt mir vor.
--Man muss arbeiten, man muss einen übertriebenen Ehrgeiz unterdrücken,
man muss seine Pflicht gegen Vaterland und Familie erfüllen. Lass
die Chemie; es ist eine Chimäre, es gibt so viel Spezialisten, die
Autoritäten sind, Gelehrte von Beruf, die ihre Sache verstehen....
Eines Tages schlägt er mir vor, für die letzte Stockholmer Zeitung zu
schreiben.
--Die zahlt!
Ich antworte ihm, ich habe es nicht nötig, Artikel für die letzte
Stockholmer Zeitung zu schreiben, da das erste Blatt von Paris und der
Welt mein Manuskript angenommen habe.
Da stellt er sich zweifelnd und behandelt mich als Aufschneider, obwohl
er meine Artikel im Figaro gelesen und meinen Leitartikel im Gil Blas
selbst übersetzt hat.
Ich bin ihm nicht böse: er spielt nur die Rolle, die ihm die Vorsehung
auferlegt hat.
Ich tue mir Gewalt an, den Hass, der gegen diesen unvermuteten Dämon
wächst, zu unterdrücken, und ich verwünsche das Schicksal, das
meine Gefühle der Dankbarkeit gegen einen hochherzigen Freund in
Undankbarkeit zu kehren sucht.
Kleinigkeiten erneuern unaufhörlich den Argwohn, den ich über die
böswilligen Absichten des Doktors hege.
Heute hat er auf der Veranda, die auf den Garten hinaus geht, Äxte,
Sägen, Hämmer gelegt, ganz neue, die zu nichts dienen. Zwei Gewehre und
ein Revolver in seinem Schlafzimmer, und in einem Korridor noch eine
Sammlung Äxte, die zu gross sind, um im Haushalt verwendet zu werden.
Welcher teuflische Zufall, dass dieser Folterapparat meinen Blicken
ausgesetzt ist! Der beunruhigt mich, weil er keinen Zweck hat und
ungewöhnlich ist.
Die Nächte sind ziemlich ruhig für mich geworden, während der Doktor
beunruhigende Wanderungen zu machen beginnt. So werde ich mitten in der
dunkelsten Nacht durch einen Flintenschuss geweckt. Taktvoll, tue ich,
als habe ich nichts gehört. Am Morgen erklärt er mir die Sache: ein
Volk Elstern sei in den Garten gekommen und habe seinen Schlaf gestört.
In einer anderen Nacht stösst die Haushälterin um zwei Uhr morgens
heisere Schreie aus.
In einer dritten Nacht seufzt der Doktor, indem er den "Herrn Zebaoth"
anruft.
Bin ich in einem Spukhaus, und wer hat mich hierher geschickt?
Ich kann ein Lächeln nicht unterdrücken, wenn ich beobachte, wie der
Alp, der mich besessen hat, sich meiner Gefangenenwächter bemächtigt.
Aber die ruchlose Freude wird bald bestraft. Ein furchtbarer Anfall
überrascht mich; ich erwache davon, dass mein Herzschlag stockt, und
höre Worte, die ich in meinem Tagebuch notiert habe. Eine unbekannte
Stimme ruft: "Drogist Luthardt"!
Drogist! Vergiftet man mich langsam mit Alkaloiden, die Wahnsinn
hervorrufen, wie Bilsenkraut, Haschisch, Digitalin, Stechapfel?
Ich weiss es nicht; aber seitdem verdoppelt sich mein Argwohn.
Man wagt mich nicht zu töten, man will mich nur verrückt machen, durch
List, um mich dann in einem Irrenhaus verschwinden zu lassen. Der
Schein spricht mehr und mehr gegen den Doktor. Ich entdecke, dass er
meine Goldsynthese entwickelt hat, so entwickelt hat, dass er weiter
gekommen ist als ich. Übrigens alles, was er sagt, widerspricht sich im
nächsten Augenblick, und seine Lügen gegenüber nimmt meine Phantasie
den Zaum zwischen die Zähne und fliegt über die Grenzen der Vernunft.
Am 8. August mache ich meinen Morgenspaziergang vor der Stadt. An der
Chaussée singt eine Telegraphenstange; ich trete näher, lege mein Ohr
daran und lausche wie bezaubert. Am Fuss der Stange liegt zufällig ein
Hufeisen. Ich hebe es auf als ein gutes Zeichen und nehme es mit nach
Haus.
10 August.--Am Abend wünsche ich dem Doktor, dessen Benehmen mich in
den letzten Tagen mehr als je beunruhigt hat, eine gute Nacht. In
geheimnisvoller Weise hat er mit sich selbst gekämpft; sein Gesicht ist
fahl geworden, seine Augen sind erloschen. Den ganzen Tag über singt
oder pfeift er; ein Brief, den er empfing, hat einen starken Eindruck
auf ihn gemacht.
Am Nachmittag kommt er von einer Operation nach Haus, seine Hände sind
mit Blut befleckt, er bringt einen zwei Monate alten Fötus mit. Er sah
wie ein Schlächter aus und sprach in einer unangenehmen Weise über die
Befreiung der Mutter.
--Die Schwachen töten und die Starken beschützen! Fort mit dem Mitleid,
es bringt die Menschheit herunter!
Ein Schrecken hat mich vor ihm erfasst. Nachdem wir uns an der Tür, die
unsere beiden Zimmer trennt, gute Nacht gesagt haben, spähe ich nach
ihm. Zuerst geht er in den Garten, ohne dass ich hören kann, was er
dort macht. Dann tritt er in die Veranda, die neben meinem Schlafzimmer
liegt, und bleibt dort. Er hantiert mit einem ziemlich schweren
Gegenstand und zieht eine Feder auf, die nicht zu einer Uhr gehört.
Alles geht leise vor sich, was auf Geheimniskrämerei oder verdächtige
Arbeit deutet.
Halb entkleidet, erwarte ich stehend und unbeweglich, meinen Atem
anhaltend, die Wirkung dieser geheimnisvollen Vorbereitungen.
Da, durch die Wand, die mein Bett berührt, strahlt das gewöhnliche und
wohlbekannte Fluidum, betastet meine Brust und sucht das Herz. Die
Spannung wächst ... ich nehme meine Kleider, schlüpfe durchs Fenster
und kleide mich erst an, als ich die Pforte hinter mir habe.
Wiederum auf der Strasse, auf dem Pflaster, die letzte Zuflucht, den
einzigen Freund verlassend. Ich gehe und gehe, ohne ein Ziel zu haben.
Als ich zu mir komme, gehe ich geradeswegs zum Arzt der Stadt. Ich muss
läuten, ich muss warten, und ich bereite mich auf meine Aussage vor, da
ich meinen Freund nicht anklagen will.
Endlich erscheint der Doktor. Ich entschuldige mich wegen meines
nächtlichen Besuches: aber Schlaflosigkeit und Herzklopfen bei einem
Kranken, der das Vertrauen zu seinem Arzt verloren hat usw.... Mein
guter Freund, dessen Gastfreundschaft ich angenommen habe, behandle
mich als eingebildet Kranken und wolle mich nicht anhören.
Als habe er meinen Besuch erwartet, ladet der Doktor mich ein, auf
einem Stuhl Platz zu nehmen, und bietet mir eine Zigarette und ein Glas
Wein an.
Es ist eine Befreiung für mich, wie ein wohlerzogener Mensch empfangen
zu werden, nachdem man mich wie einen elenden Idioten behandelt hat.
Wir plaudern zwei Stunden, und der Arzt enthüllt sich als Theosoph, dem
ich alles mitteilen kann, ohne mich blosszustellen.
Schliesslich, etwas nach Mitternacht, erhebe ich mich, um ein Hotel
aufzusuchen. Der Doktor rät mir, nach Haus zurückzukehren.
--Niemals! Er wäre fähig, mich zu töten!
--Wenn ich Sie begleite?
--Dann haben wir zusammen das Feuer des Feindes auszuhalten. Aber er
wird mir nie verzeihen.
--Gehen wir jedenfalls!
So kehre ich auf meinen Spuren zurück. Da ich die Tür geschlossen
finde, klopfe ich.
Als nach einer Minute mein Freund öffnet, da, bin ich es, der
von Mitleid ergriffen wird. Er, der Chirurg, gewohnt, Leiden zu
verursachen, ohne Mitleid zu empfinden, der Verkünder des überlegten
Mordes, er sieht kläglich aus, ist blass wie eine Leiche; er zittert
und stammelt; als er den Doktor, der hinter mir steht, erblickt, sinkt
er zusammen, von einem Schrecken ergriffen, der mich mehr entsetzt, als
alle vorhergehenden Schauder.
Ist es möglich, dass dieser Mann einen Mord beabsichtigt hat und dass
er die Entdeckung fürchtete? Nein, das ist unmöglich, ich weise diesen
Gedanken zurück: er ist ruchlos.
Nachdem wir nichtssagende Worte ausgetauscht haben, die von meiner
Seite fast läppisch sind, trennen wir uns, um schlafen zu gehen.
Es gibt im Leben so schreckliche Zwischenfälle, dass die Seele sich in
dem Augenblick weigert, die Spur zu bewahren; aber der Eindruck bleibt
und tritt bald mit unwiderstehlicher Kraft wieder zum Vorschein.
So kommt mir, als ich nach Hause zurückkehre, plötzlich eine Szene
wieder, die sich im Salon des Doktors zutrug, als ich ihn in der Nacht
aufsuchte.
Der Doktor verlässt mich um Wein zu holen; allein im Zimmer, betrachte
ich einen Schrank mit Füllungen, deren Getäfel aus Nussbaum oder Erle
gearbeitet ist, ich weiss es nicht mehr genau. Wie gewöhnlich bilden
die Holzfasern Figuren. Hier zeigt sich ein Bockskopf in meisterhafter
Ausführung. Ich kehre ihm gleich den Rücken. Pan selbst, nach den
Überlieferungen der Alten; Pan, den das Mittelalter später in Satan
verwandelte: der war es wohl!
Ich beschränke mich hier darauf, die Tatsache zu erzählen; der Arzt,
der Besitzer des Schrankes, würde der Geheimwissenschaft einen Dienst
leisten, wenn er die Füllung photographieren liesse. Dr. Mac Haven
hat sich in der "Initiation" (November 1896) mit diesen Erscheinungen
beschäftigt, die in allen Naturreichen so gewöhnlich sind. Ich empfehle
dem Leser, das Gesicht, das auf dem Rückenschild der Krabbe gezeichnet
ist, genau zu betrachten.
Nach diesem Abenteuer zeigt sich eine offenbare Feindseligkeit zwischen
meinem Freund und mir. Er gibt mir zu verstehen, dass ich faulenze und
dass meine Anwesenheit überflüssig sei. Ich antworte ihm, dass ich
bereit sei, in ein Hotel zu gehen, um wichtige Briefe abzuwarten. Da
spielt er den Beleidigten.
In Wirklichkeit kann ich mich vor Geldmangel nicht rühren. Übrigens
ahne ich, dass in meinem Schicksal eine Änderung bevorsteht.
Meine Gesundheit ist wiederhergestellt: ich schlafe nachts ruhig und
arbeite am Tage.
Der Zorn der Vorsehung scheint vertagt zu sein, und meine Versuche
gelingen in allem. Wenn ich zufällig ein Buch aus der Bibliothek des
Doktors hole, enthält es immer die gesuchte Erklärung. So finde ich in
einer alten Chemie das Geheimnis meiner Art, Gold zu machen; nun kann
ich durch die Metallurgie, mit Berechnungen und Analogien, beweisen,
dass ich Gold gemacht habe, und das man immer Gold gemacht hat, wenn
man es aus Erzen zu gewinnen geglaubt hat. man es aus Erzen zu gewinnen
geglaubt hat.
Ein Aufsatz, den ich über das Thema ausgearbeitet habe, wird an eine
französische Zeitschrift gesandt, die ihn sofort druckt. Ich beeile
mich, den Artikel dem Doktor zu zeigen; er kann die Tatsache nicht
leugnen, ist aber gegen mich eingenommen.
Da muss ich mir sagen, dass er nicht mehr mein Freund ist, da meine
Erfolge ihm unangenehm sind.
12. August.--Ich kaufe beim Buchhändler ein Album. Es ist eine Art
Notizbuch, in bearbeitetes und vergoldetes Leder prächtig gebunden.
Die Zeichnung erregt meine Aufmerksamkeit und--seltsam!--bildet ein
Vorzeichen, dessen Deutung in der Folge gegeben werden wird. Die
künstlerisch ausgeführte Komposition stellt dar: links den zunehmenden
Mond im ersten Viertel, von einem blühenden Zweig umgeben; drei
Pferdeköpfe (trijugum) gehen vom Monde aus; darüber ein Lorbeerzweig;
unten drei Streifen (drei mal drei); rechts eine Glocke, aus der Blumen
hervorquellen, ein Rad in der Form einer Sonne usw....
13. August.--Der Tag, den die Uhr auf dem Boulevard Saint-Michel
angekündigt hat, ist da. Ich erwarte irgendein Ergebnis, aber
vergebens. Doch bin ich sicher, dass irgendwo etwas geschehen ist,
dessen Ergebnisse mir binnen kurzem mitgeteilt werden.
14. August.--Auf der Strasse finde ich ein Blatt, das aus einem alten
Kontorkalender gerissen ist; es trägt in grossen Buchstaben: 13.
August. (Das Datum der Uhr.) Darunter in kleinen Buchstaben: "Tue
niemals heimlich, was du nicht öffentlich tun würdest." (Die schwarze
Magie!)
15. August.--Ein Brief von meiner Frau. Sie beweint mein Schicksal; sie
liebt mich noch immer und sie hofft unseres Kindes wegen, dass sich
die Verhältnisse bessern werden. Ihre Eltern, die mich früher gehasst
haben, sind nicht gefühllos gegen meine Leiden: ich bin eingeladen,
mein Töchterchen, diesen Engel, der auf dem Lande bei den Grosseltern
wohnt, zu sehen.
Das ruft mich ins Leben zurück! Mein Kind, meine Tochter nimmt für mich
die erste Stelle ein, selbst vor der Gattin. Das arme unschuldige Kind,
dem ich Böses habe tun wollen, umarmen, es um Verzeihung bitten, ihm
das Dasein durch die kleinen Aufmerksamkeiten des Vaters erheitern,
der seine seit Jahren aufgesparte Zärtlichkeit verschwenden möchte!
Ich fange wieder an zu leben, ich erwache endlich aus einem bösen
Traum, und ich begreife den wohlwollenden Willen des gestrengen Herrn,
der mich mit harter und weiser Hand bestraft hat. Jetzt begreife ich
die dunkeln und erhabenen Worte Hiobs: "Glücklich der Mann, den Gott
züchtigt!"
Glücklich; denn um die "andern" kümmert er sich nicht.
Ich weiss nicht, ob ich dort unten an der Donau meine Frau treffen
werde; das ist mir beinahe gleichgültig geworden, weil unsere
Charaktere sich doch nicht vertragen. Ich rüste mich zu meiner
Pilgerfahrt, denn ich weiss wohl, dass es eine Büsserreise ist und dass
mir neue Golgathas bestimmt sind.
Dreissig Tage der Marter, dann öffnen sich die Türen der Folterkammer.
Ich scheide ohne Bitterkeit von meinem Freund und meinem Henker. Er ist
nur die Geissel der Vorsehung für mich gewesen.
Glücklich der Mensch, den Gott züchtigt!...
9.
Beatrice.
In Berlin bringt mich eine Droschke vom Stettiner zum Anhalter Bahnhof.
Auf der halbstündigen Durchfahrt ist es mir, als führe ich durch eine
Dornenhecke, soviel leibhaftige Erinnerungen bedrängen mein Herz.
Zuerst fahre ich durch die Strasse, in der mein Freund Popoffsky mit
seiner ersten Frau wohnte, unbekannt oder vielmehr verkannt, mit dem
Elend und den Leidenschaften kämpfend. Jetzt ist die Frau tot, sein
Kind ist tot, in diesem Haus linkst war es; und unsere Freundschaft hat
sich in wilden Hass verwandelt.
Hier rechts die Bierstube der Künstler und Schriftsteller, der
Schauplatz so vieler Geistes-und Liebesorgien.
Dort die Cantina Italiana, wo ich vor drei Jahren meine damalige Braut
zu treffen pflegte; dort haben wir das erste Honorar, das ich aus
Italien erhielt, in Chianti verwandelt.
Dort der Schiffbauerdamm mit der Pension Fulda, wo wir als junges
Ehepaar wohnten. Hier mein Theater, mein Buchhändler, mein Schneider,
mein Apotheker.
Welch unseliger Instinkt treibt den Kutscher mich durch diese via
dolorosa, die mit begrabenen Erinnerungen gepflastert ist, zu fahren?
Zu dieser nächtlichen Stunde werden die Erinnerungen wieder lebendig
wie Gespenster. Ich kann nicht erklären, warum er gerade diese Gasse
fährt, in der unsere Weinstube "Das schwarze Ferkel" liegt, einst
berühmt als Lieblingslokal von Heine und E. T. A. Hoffmann. Der Wirt
steht selber auf der Treppe unter dem Ungetüm, das als Firmenschild in
der Luft hängt. Er sieht mich ohne mich zu erkennen! Eine Sekunde lang
wirft der Kronleuchter von drinnen seine durch die hundert Flaschen der
Auslage gefärbten Strahlen und lässt mich ein Jahr meines Lebens, das
reichste an Kummer und Freude, Freundschaft und Liebe, wieder erleben.
Zugleich aber fühle ich lebhaft, dass dies alles zu Ende ist und
begraben bleiben muss, um Neuem Platz zu machen.
Ich schlafe diese Nacht in Berlin. Als ich am nächsten Tag erwache,
grüsst mich über den Dächern vom östlichen Himmel ein rosiger,
hochrosenroter Schein. Da erinnere ich mich, diese Rosenfarbe in Malmö,
am Abend meiner Abreise gesehen zu haben. Ich verlasse dieses Berlin,
das meine zweite Heimat geworden ist, wo ich meine seconda primavera
und zugleich den letzten Frühling erlebt habe. Auf dem Anhalter Bahnhuf
lasse ich mit diesen Erinnerungen jede Hoffnung auf einen neuen
Frühling und eine neue Liebe, die niemals, niemals wiederkehren werden.
Nachdem ich eine Nacht in Tabor, wohin mir der rosige Schein gefolgt
ist, verbracht habe, steige ich durch den Böhmerwald nach der Donau
hinab. Dort hört die Bahn auf, und im Wagen dringe ich in diese
Tiefebene ein, welche die Donau bis nach Grein begleitet; zwischen
Apfel- und Birnbäumen, Getreidefeldern und grünen Wiesen fahre ich
dahin. DA entdecke ich in der Ferne, auf einem Hügel jenseits des
Flusses, die kleine Kirche, die ich nie besucht habe, die aber den
höchsten Punkt der Landschaft bildet; diese Landschaft breitet sich
vor dem Häuschen aus, in dem mein Töchterchen geboren wurde, in jenem
unvergesslichen Mai vor zwei Jahren.
Ich fahre durch Dörfer, komme durch Marktflecken und Klöster. Den
Weg begleiten unzählige Sühnkapellen, Kalvarienberge, Weihbilder;
Denksteine über Unglücksfälle, Blitzschläge, plötzlichen Tod. Und
am Ende dieser Pilgerfahrt, dort unten in der Ferne, erwarten mich
sicherlich die zwölf Stationen von Golgatha.
Der Gekreuzigte mit der Dornenkrone grüsst mich jede hundert Schritte,
ermutigt mich und fordert mich auf, Kreuz und Leiden auf mich zu nehmen.
Jetzt töte ich mein Fleisch ab, indem ich mir von vornherein sage, dass
sie, wie ich schon wusste nicht da sein wird.
Da meine Frau das Familiengewitter nicht mehr abwendet, muss ich mir
von den alten Eltern, die ich tief verletzt habe, weil ich nicht einmal
Abschied von ihnen hatte nehmen wollen, Gleiches mit Gleichem vergelten
lassen. Ich lange also an, in dem ich mich darein finde, dass ich
bestraft werde, um Frieden zu gewinnen; als ich das letzte Dorf und das
letzte Kruzifix hinter mir gelassen habe, ahne ich die Todesqualen es
Verurteilten.
Einen Säugling von sechs Wochen hatte ich verlassen, und ein
kleines Mädchen von zweieinhalb Jahren finde ich wieder. Bei der
ersten Begegnung prüft sie mich bis auf den Grund der Seele, mit
einer ernsten, aber nicht strengen Miene, deutlich um zu sehen, ob
ich ihretwegen oder um ihre Mutter gekommen sei. Nachdem sie sich
vergewissert hat, lässt sie sich küssen und schlingt ihre Ärmchen um
meinen Hals.
Das ist Fausts Erwachen zum irdischen Leben, aber lieblicher und
reiner: ich nehme die Kleine immer wieder in meine Arme und fühle ihr
Herzchen gegen meines schlagen. Ein Kind lieben, heisst für den Mann
zum Weibe werden, das Männliche ablegen, die geschlechtslose Liebe der
Himmlischen empfinden, wie Swedenborg sie nennt. Dadurch beginnt meine
Erziehung für den Himmel. Aber zuerst die Sühne!
Die Situation ist in wenigen Worten diese: meine Frau wohnt bei ihrer
verheirateten Schwester, weil die Grossmutter, die im Besitz der
Erbschaft ist, geschworen hat, unsere Ehe auflösen zu lassen; so hasst
sie mich wegen meiner Undankbarkeit und noch anderer Dinge. Ich bin
willkommen bei dem Kinde, das niemals aufhören wird, mein zu sein,
und ich bin der Gast meiner Schweigermutter für unbestimmte Zeit. Ich
nehme die Situation hin, wie sie ist, und zwar mit Vergnügen. Meine
Schwiegermutter hat mir mit dem versöhnlichen und ergebenen Geist einer
tief religiösen Frau alles verziehen.
1. September 1896.--Ich bewohne das Zimmer, in dem meine Frau diese
beiden Jahre der Trennung zugebracht hat. Hier hat sie gelitten,
während ich meine Qualen in Paris durchmachte. Arme, arme Frau! Ist es
die Strafe für das Verbrechen, das wir begingen, als wir mit der Liebe
spielten?
Am Abend fällt beim Essen dies vor. Um meinem Töchterchen, das sich
nicht ganz allein bedienen kann, zu helfen, nehme ich ihre Hand, ganz
sanft und in der freundlichsten Absicht. Sie stösst einen Schrei aus,
zieht ihre Hand zurück und wirft mir einen Blick voll Schrecken zu. Als
die Grossmutter fragt, was sie hat, antwortet sie:
--Er tut mir weh!
Ich bin bestürzt und kann kein Wort hervorbringen. Wie oft habe ich mit
Willen weg getan: sollte ich jetzt weh tun, ohne es zu wollen?
In der Nacht träume ich von einem Adler, der mir die Hand zerreisst,
zur Züchtigung für ein unbekanntes Vergehen.
Am Morgen besucht mich mein Töchterchen; sie ist zärtlich, liebevoll,
freundlich. Sie nimmt den Kaffee mit mir und macht es sich an meinem
Schreibtisch bequem, wo ich ihr Bilderbücher zeige.
Wir sind schon gute Freunde, und meine Schwiegermutter ist entzückt,
dass ihr jemand die Kleine erziehen hilft.
Am Abend muss ich dem Schlafengehen meines Engels beiwohnen und ihm
seine Gebete sprechen hören. Sie ist katholisch, und wenn sie mich
auffordert, zu beten und das Zeichen des Kreuzes zu machen, kann ich
nicht antworten, denn ich bin Protestant.
2. September.--Allgemeine Aufregung. Die Mutter meiner Schwiegermutter,
die einige Kilometer weit am Ufer des Flusses wohnt, will einen
Ausweisungsbefehl gegen mich erlassen. Sie verlangt, dass ich sofort
abreise, und droht ihre Tochter zu enterben, falls ich nicht gehorche.
Die Schwester meiner Schwiegermutter, eine gute Frau, die auch getrennt
von ihrem Manne lebt, ladet mich ein, bei ihr im benachbarten Dorf zu
wohnen, bis der Sturm sich gelegt habe. Zu diesem Zweck kommt sie, um
mich abzuholen.
Wir steigen auf einen zwei Kilometer langen Hügel; als wir auf dem
Gipfel angekommen sind, entdecken wir unten einen runden Talkessel,
aus dem sich unzählige mit Fichten bestandene Hügel wie Krater eines
Vulkans erheben. In der Mitte dieses Trichters liegt das Dorf mit
seiner Kirche, und auf der Höhe des steilen Berges das Schloss mit dem
Stiel einer mittelalterlichen Burg; eingeschlossen sind hier und dort
Felder und Wiesen, und ein Bach bewässert sie, der sich unterhalb der
Burg in eine Schlucht stürzt.
Der Anblick dieser seltsamen, einzigartigen Landschaft überrascht mich,
und der Gedanke kommt mir: ich habe sie schon gesehen; aber wo? wo?
Auf der Zinkschale im Hotel Orfila! In Eisenoxid gezeichnet. Es ist
dieselbe Landschaft, ohne Zweifel!
Meine Tante steigt mit mir ins Dorf hinunter, wo sie über eine
Wohnung von drei Zimmer verfügt, in einem grossen Gebäude, das eine
Bäckerei, eine Schlächterei, eine Schenke enthält. Das Haus ist mit
einem Blitzableiter versehen, weil der Blitz vor einem Jahr den Boden
eingeäschert hat.
Als meine gute Tante, die ebenso aufrichtig fromm wie ihre Schwester
ist, mich in das für mich bestimmte Zimmer führt, bleibe ich, wie
von einer Vision erregt, auf der Schwelle stehen. Die Wände sind
rosa gestrichen, rosa wie die Morgenröte, die mich auf meiner Reise
nicht verliess. Die Vorhänge sind rosa, und die mit Blumen besetzten
Fenster lassen das Tageslicht gefärbt ins Zimmer fallen. Eine peinliche
Sauberkeit waltet hier, und das altertümliche Bett mit seinem von
vier Säulen getragenen Himmel ist das Lager einer Jungfrau. Das ganze
Zimmer, mit der Art seiner Einrichtung, ist ein Gedicht, die Eingebung
einer Seele, die nur halb auf dieser Erde lebt. Das Kruzifix ist nicht
da; aber die Jungfrau Maria; und der Weihkessel behütet den Eingang
gegen die bösen Geister.
Ein Gefühl von Scham erfasst mich, ich fürchte diese Phantasie eines
reinen Herzens zu besudeln, das diesen Tempel der jungfräulichen Mutter
auf dem Grabe ihrer einzigen, seit mehr als zehn Jahren begrabenen
Liebe errichtet hat. Und ich versuche in schlecht gesetzten Worten das
hochherzige Angebot abzulehnen.
Aber die gute Alte gibt nicht nach:
--Es wird dir gut tun, deine irdische Liebe der Liebe zu Gott zu
opfern und der Zärtlichkeit, die du für dein Kind hegst. Glaube meinem
Wort: diese Liebe ohne Dornen wird dir den Frieden des Herzens, die
Heiterkeit des Gemüts wiedergeben, und unter dem Schutz der Jungfrau
wirst du nachts ruhig schlafen.
Ich küsse ihr die Hand, zum Zeichen der Dankbarkeit für das Opfer, das
sie mir bringt, und mit einer Zerknirschung, der ich mich nicht für
fähig gehalten hätte, nehme ich im Ernst an. Ich bin überzeugt, dass
ich von den Mächten begnadigt werde, da sie die zu meiner Bestrafung
bestimmten Züchtigungen eingestellt haben.