eingeschlossen; leb wohl, Bison, Behemoth, gefesselter Dämon; leb
wohl, Robbenpärchen, das die eheliche Liebe über den Verlust des
Ozeans und der grossen Horizonte tröstet. Lebt wohl, Steine, Pflanzen,
Blumen, Bäume, Schmetterlinge, Vögel, Schlangen, ihr alle geschaffen
von der Hand eines guten Gottes! Und ihr, grosse Männer, Bernardin
de Saint-Pierre, Linne, Geoffroy, Saint-Hilaire, Haüy, deren Namen
in goldenen Buchstaben am Giebel des Tempels stehen--lebt wohl! oder
vielmehr: auf Wiedersehen!
Ich verlasse das irdische Paradies in dem ich an Seraphites erhabene
Worte denke: "Leb wohl, arme Erde! Leb wohl!"
Als ich den Garten des Hotels wieder betrete, wittere ich die Gegenwart
eines Menschen, der, während ich fort war, gekommen ist. Ich sehe ihn
nicht, aber ich fühle ihn.
Was meine Unruhe noch vermehrt, ist die augenscheinliche Veränderung,
die mit dem benachbarten Zimmer vorgegangen ist. Zunächst ist
eine Decke über einen Strick gehängt, augenscheinlich um etwas zu
verbergen. Auf dem Mantels des Kamins sind in Stapeln Metallplatten
aufgehäuft, die durch Querhölzer voneinander getrennt sind. Auf jedem
Stapel liegt ein Photographiealbum oder irgendein Buch, offenbar, um
diesen Höllenmaschinen, die ich für Akkumulatoren halten möchte, ein
unschuldiges Aussehen zu geben.
Dazu kommt, dass ich auf einem Dach der Rue Censier, gerade dem
Pavillon, in dem ich wohne gegenüber, zwei Arbeiter bemerke. Was sie
dort oben machen, kann ich nicht unterscheiden, aber sie zielen nach
meiner Glastür, während sie mit Gegenständen hantieren, die ich nicht
erkennen kann.
Warum entschliesse ich mich nicht zum Fliehen? Weil ich zu stolz bin
und das Unvermeidbare ertragen muss.
Ich bereite mich also auf die Nacht vor. Ich nehme ein Bad und achte
sorgfältig darauf, dass meine Füsse weiss werden, denn meine Mutter
hatte mir als Kind eingeprägt, dass schwarze Füsse ein Zeichen der
Schande sind. Ich rasiere mich und parfümiere mein Hochzeitshemd,
das ich vor drei Jahren in Wein kaufte.... Die Toilette des zum Tode
Verurteilten.
Ich lese in der Bibel die Psalmen, in denen David die Rache des Ewigen
auf seine Feinde herabruft.
Aber die Busspsalmen? Nein, ich habe nicht das Recht, zu bereuen,
denn nicht ich habe mein Schicksal gelenkt; ich habe niemals das Böse
um des Bösen willen getan, ich habe es nur getan, um meine Person zu
verteidigen. Bereuen, das heisst, die Vorsehung kritisieren, die uns
die Sünde als ein Leiden auferlegt, um uns durch den Ekel, den die
schlechte Handlung einflösst, zu läutern.
Meine Rechnung mit dem Leben schliesst so ab: die Posten heben sich
auf! Wenn ich gesündigt habe, auf mein Wort, ich habe genug Strafe
dafür gelitten; ganz sicher! Die Hölle fürchten? Ich habe, ohne zu
straucheln, hier auf Erden tausend Höllen durchwandert, und das hat den
brennenden Wunsch in mir entfacht, die Eitelkeiten und falschen Freuden
dieser Welt, die ich immer verabscheut habe, zu verlassen. Mit Heimweh
nach dem Himmel geboren, weinte ich schon als Kind über den Schmutz des
Daseins, fühlte mich fremd und heimatlos unter meinen Verwandten und in
der Gesellschaft.
Seit meiner Kindheit habe ich Gott gesucht, und ich habe den Teufel
gefunden. In meiner Kindheit habe ich das Kreuz Christi getragen, und
ich habe einen Gott verleugnet, der sich begnügt, über Sklaven, die
ihren Peinigern dienen, zu herrschen.
Als ich die Vorhänge meiner Glastür niederlasse, bemerkt ich im
Privatsalon eine Gesellschaft von Damen und Herren, die Champagner
trinken. Offenbar Fremde, die heute abend angekommen sind. Aber es ist
keine Lustpartie, denn sie sehen alle ernst aus, diskutieren, machen
Pläne, sprechen mit leiser Stimme wie Verschwörer. Um meine Marter
vollständig zu machen, drehen sie sich auf ihren Stühlen um und zeigen
mit den Fingern nach meinem Zimmer.
Um zehn Uhr ist meine Lampe gelöscht, und ich schlafe ruhig ein,
resigniert wie ein Sterbender.
Ich erwache; eine Uhr schlägt zwei, eine Tür wird zugemacht, und ...
ich bin aus dem Bett wie gehoben durch eine Saugpumpe, die mir das Herz
aussaugt. Als ich auf den Füssen bin, trifft eine elektrische Dusche
meinen Nacken und drückt mich zu Boden.
Ich erhebe mich wieder, fasse meine Kleider und stürze in den Garten
hinaus, ein Raub des furchtbarsten Herzklopfens.
Als ich mich angekleidet habe, ist mein erster klarer Gedanke, die
Polizei zu rufen, um eine Haussuchung vornehmen zu lassen.
Aber die Haustür ist verschlossen, ebenso die Portierloge; ich tappe
mich im Finstern vorwärts, öffne eine Tür rechts und trete in die
Küche, wo ein Nachtlicht brennt. Ich stosse es um und stehe in tiefster
Dunkelheit.
Die Furcht bringt mich wieder zur Besinnung, und von dem Gedanken, wenn
ich mich täusche, bin ich verloren, geleitet, kehre ich in mein Zimmer
zurück.
Ich schleppe einen Sessel in den Garten und, unter dem Sterngewölbe
sitzend, denke ich an das, was sich zugetragen hat.
Eine Krankheit? Unmöglich, da es mir gut ging, bis ich mein Inkognito
lüftete. Ein Attentat! Offenbar, da ich selber die Vorbereitungen
gesehen habe. Übrigens, hier in diesem Garten, ausser Bereich meiner
Feinde, bin ich wieder hergestellt, und mein Herz funktioniert
vollkommen normal.
Während ich diese Überlegungen anstelle, höre ich in dem Zimmer, das an
meines stösst, jemand husten. Kurz darauf antwortet ein leises Husten
im Zimmer, das darüber liegt.
Wahrscheinlich sind es Zeichen, und sie gleichen genau denen, die ich
der letzten Nacht im Hotel Orfila gehört hatte.
Ich mache mich an die Glastür des Zimmers im Erdgeschoss, um das
Schloss aufzubrechen, aber es ist vergebens.
Vom nutzlosen Kampf gegen die Unsichtbaren ermüdet, sinke ich in den
Sessel nieder; der Schlaf erbarmt sich meiner, ich schlummere ein,
unter den Sternen einer schönen Sommernacht, während die Stockrosen
sich im lauen Juliwind wiegen.
Die Sonne weckt mich. Ich danke der Vorsehung, dass sie mich vom Tode
errettet hat, und packe meine wenigen Sachen, um nach Dieppe zu fahren.
Dort werde ich Schutz bei Freunden finden, die ich zwar wie alle
andern vernachlässigt habe, die aber nachsichtig und grossmütig gegen
Unglückliche und Schiffbrüchige sind.
Als ich das Hotel verlasse, schleudere ich einen Fluch auf das Haupt
der Übeltäter und rufe das Feuer des Himmels auf diese Räuberhöhle
herab; ob mit Recht oder Unrecht, wer kann es wissen?
Meine guten Freunde in Dieppe erschrecken als sie mich mit meiner
von Manuskripten beschwerten Reisetasche den kleinen Hügel der
Orchideenstadt hinaufsteigen sehen.
--Woher kommen Sie, Unglücklicher?
--Ich komme vom Tode.
--Ich ahnte es, denn Sie sehen aus wie eine Leiche.
Die gute und reizende Dame des Hauses fasst mich bei der Hand und
führt mich vor einen Spiegel, in dem ich mich betrachten kann. Das
Gesicht von Rauch des Zuges geschwärzt, die Backen hohl, die Haare voll
Schweiss und angegraut, die Augen verstört, die Wäsche schmutzig: es
war ein Anblick zum Erbarmen.
Als die liebenswürdige Dame, die mich wie ein krankes und verlassenes
Kind behandelte, mich vor der Toilette allein liess, musterte ich
mein Gesicht genauer. Es war ein Ausdruck in den Zügen, der mich
erschreckte. Das war weder der Tod, noch das Laster, das war etwas
anderes. Und wenn ich Swedenborg gekannt hätte, hätte ich die vom bösen
Geist hinterlassene Spur mich über den Zustand meiner Seele und die
Begebenheiten der letzten Wochen aufgeklärt.
Jetzt dagegen schämte ich mich und entsetzte ich mich vor mir selber,
und ich bereute es, gegen diese Familie undankbar gewesen zu sein, die
mir einst diesen rettenden Hafen angeboten hatte, mir und so vielen
andern Schiffbrüchigen.
Zur Busse bin ich von den Furien hierher gejagt worden. Es ist ein
schönes Künstlerheim, ein guter Haushalt, eheliches Glück, reizende
Kinder, Luxus und Sauberkeit, eine Gastfreundschaft ohne Grenzen,
Hochherzigkeit im Urteil, eine Atmosphäre der Schönheit und Güte,
die mir in die Seele brennt. Und unter all diesem fühle ich mich
nicht glücklich, wie im Paradies ein Verdammter. Hier beginne ich zu
entdecken, dass ich verdammt bin.
Vor meinen Augen breitete sich alles aus, was das Leben an Glück bieten
kann, alles, was ich verloren habe.
Ich bewohne eine Dachstube, von der ich den Gipfel des Hügels sehe, wo
ein Hospiz für alte Leute liegt. Am Abend entdecke ich zwei Männer,
die sich gegen die Ringmauer lehnen, nach unserer Villa spähen und mit
Gebärden die Stelle meines Fensters bezeichnen. Die Idee, durch Feinde,
die Elektriker sind, verfolgt zu sein, nimmt mich von neuem in Besitz.
Es ist die Nacht vom 25. auf den 26. Juli 1896. Meine Freunde habe
ihr Möglichstes getan, um mich zu beruhigen; wir haben zusammen
alle Dachkammern, die neben meinem Zimmer liegen, sogar den Boden
untersucht, damit ich sicher sei, dass sich niemand in strafbarer
Absicht dort versteckt habe. Als man aber die Tür einer Rumpelkammer
öffnet, macht ein an sich gleichgültiger Gegenstand einen entmutigenden
Eindruck auf mich. Es ist ein Eisbär, der als Teppich dient; aber der
gähnende Rachen, die drohenden Eckzähne, die funkelnden Augen reizen
mich. Warum muss dieses Tier gerade in diesem Augenblick dort liegen?
Ohne mich auszuziehen, lege ich mich aufs Bett, entschlossen, den
verhängnisvollen Glockenschlag der zweiten Stunde abzuwarten.
Ich warte bis Mitternacht, mit Lesen beschäftigt.
Ein Uhr ist vorbei, und das ganze Haus schläft ruhig.
Endlich schlägt es zwei Uhr! Nichts geschieht! Da, in einem Anfall von
Anmassung, und um die Unsichtbaren herauszufordern, vielleicht auch in
der Absicht, ein physikalisches Experiment zu machen, stehe ich auf,
öffne die beiden Fenster, stecke zwei Kerzen an. Ich setze mich an den
Tisch hinter die Leuchter und biete mich mit unbedeckter Brust als
Zielscheibe dar und fordere die Unbekannten heraus.
--Hier bin ich, ihr Einfältigen!
Da macht sich ein Fluidum, wie ein elektrisches, fühlbar, zuerst
schwach. Ich blicke auf meine Magnetnadel, die ich als Zeuge
aufgestellt habe; aber keine Spur der Abweichung: also keine
Elektrizität.
Aber die Spannung nimmt zu, mein Herz schlägt kräftig; ich wiederstehe,
aber schnell wie ein Blitz erfüllt ein Fluidum meinen Körper, erstickt
mich und saugt an meinem Herzen....
Ich stürze die Treppe hinunter, um den Salon im Erdgeschoss zu
erreichen, wo man mir, für den Fall der Not ein provisorisches Bett
bereitet hat. Da liege ich fünf Minuten und denke nach. Ist es
strahlende Elektrizität? Nein, da die Magnetnadel nichts angezeigt hat.
Eine Krankheit, veranlasst durch die Furcht vor der zweiten Stunde?
Auch nicht, da mir nicht der Mut fehlt, den Angriffen zu trotzen. Warum
musste ich denn die Kerzen anstecken, die das unbekannte Fluidum,
dessen Opfer ich war, anzogen?
Ohne Antwort zu erhalten, in einem endlosen Labyrinth verirrt, zwinge
ich mich, einzuschlafen; da aber greift mich eine neue Entladung an,
die Jagd beginnt wieder. Ich ducke mich hinter der Wand, ich lege mich
unter das Gesims der Türen, vor die Kamine. Überall, überall finden
mich die Furien. Die Seelenangst nimmt überhand, der panische Schrecken
vor allem und nichts ergreift mich so, dass ich von Zimmer zu Zimmer
fliehe; schliesslich flüchte ich mich auf den Balkon, wo ich mich
zusammenkauere.
Der Morgen ist graugelb, und die sepiafarbigen Wolken zeigen seltsame,
ungeheuerliche Formen, die meine Verzweiflung vermehren. Ich suche das
Atelier meines Freundes, des Malers, auf, lege mich auf den Teppich und
schliesse die Augen. Fünf Minuten später werde ich von einem störenden
Geräusch geweckt. Eine Maus äugt nach mir, mit der deutlichen Absicht,
sich zu nähern. Ich verjage sie: sie kommt mit einer zweiten zurück.
Mein Gott, habe ich das Delirium? Ich habe doch diese letzten drei
Jahre den Wein nicht missbraucht! (Am nächsten Tag überzeugte ich mich,
dass es wirklich Mäuse im Atelier gab, aber durch wen vorbereitet, und
zu welchem Zweck?)
Ich wechsle den Platz und lege mich auf den Teppich des Flurs. Der
barmherzige Schlaf senkt sich auf meinen gefolterten Geist, und ich
verliere das Bewusstsein des Schmerzes, vielleicht eine halbe Stunde
lang.
Ein deutlich artikulierter Schrei "Alp!" lässt mich plötzlich auffahren.
Alp! das ist der deutsche Name für einen quälenden, bedrückenden Traum.
Alp! das ist das Wort, das die Tropfen des Gewitterregens im Hotel
Orfila auf mein Papier zeichneten.
Wer hat es ausgerufen? Niemand, da alle Bewohner des Hauses schlafen.
Ein Spiel von Dämonen. Ein poetisches Bild, das vielleicht die ganze
Wahrheit enthält.
Ich steige die Treppe hinauf und trete in meine Dachstube: die Lichter
sind niedergebrannt, tiefes Schweigen herrscht.
Da läutet das Angelus: es ist der Tag des Herrn.
Ich nehme das römische Gebetbuch und ich lese: De profundis clamavi ad
te, Domine! Getröstet, sinke ich auf das Bett wie ein Toter.
Sonntag, den 26. Juli 1896. Ein Zyklon verwüstet den Jardin des
Plantes. Die Zeitungen bringen die Einzelheiten, die mich seltsam
interessieren; warum, kann ich nicht sagen. Heute soll Andrées
Ballon zu seiner Nordpolfahrt aufsteigen; aber die Vorzeichen
verkünden Unheil. Der Zyklon hat mehrere Ballons, die an verschiedenen
Stellen aufgestiegen sind, zu Boden geschleudert, und mehrere
Luftschiffer sind dabei umgekommen. Elisée Reclus hat sich das Bein
gebrochen. Gleichzeitig hat sich in Berlin ein Mann namens Pieska auf
ungewöhnliche Weise getötet; er schlitzte sich nach Art der Japaner den
Bauch auf. Ein blutiges Drama.
Am nächsten Morgen verlasse ich Dieppe. Dieses Mal segne ich das Haus,
dessen berechtigte Freuden ich durch meine Qualen verdüstert habe.
Da ich den Gedanken, dass übersinnliche Mächte in mein Schicksal
eingreifen, noch immer zurückweise, bilde ich mir ein, eine
Nervenkrankheit zu haben. Darum will ich nach Schweden fahren, um einen
befreundeten Arzt aufzusuchen.
Als Andenken an Dieppe nehme ich einen Stein mit, der eine Art Eisenerz
ist, die Form eines Dreiblatts hat, einem Spitzbogenfenster gleich, und
das Zeichen des Malteserkreuzes trägt. Ich habe den Stein von einem
Kind erhalten, das ihn am Strande gefunden hat. Es erzählte mir auch,
diese Art Steine fielen vom Himmel, und würden dann von den Wellen ans
Land geworfen.
Ich möchte gern an seine Deutung glauben und behalte das Geschenk als
einen Talisman, dessen Bedeutung mir noch verborgen ist.
(An der Küste der Bretagne sammeln die Strandbewohner nach einem Sturme
Steine in der Form eines Kreuzes, die wie Gold aussehen. Das ist ein
Erz, das Staurolith heisst.)
Ganz im Süden Schwedens, an der Küste des Meeres, liegt die kleine
Stadt: ein altes Seeräuber- und Schmugglernest, in dem Weltumsegler
exotische Spuren aus vier Weltteilen hinterlassen haben.
So sieht die Wohnung meines Arztes wie ein buddhistisches Kloster aus.
Die vier Flügel des einstöckigen Gebäudes schliessen einen viereckigen
Hof ein, in dessen Mitte ein kuppelförmiger Bau an das Grabmal des
Tamerlan zu Samarkand erinnert. Die Struktur und die Bekleidung des
Dachstuhls mit chinesischen Ziegeln erinnern an den äussersten Orient.
Eine apathische Schildkröte kriecht über das Pflaster und versinkt
mitten im Gras in ein Nirvana der Betrachtung, das sich bis in
Unendlichkeit ausdehnt.
Ein dichtes Gesträuch bengalischer Rosen schmückt die äussere Mauer des
westlichen Flügels, wo ich allein wohne. Zwischen diesem Hof und den
beiden Gärten liegt ein Wirtschaftshof, auf dem eine Kastanie steht und
schwarze Hühner zanken; es ist eine Art Gang, dunkel und feucht.
Im Lustgarten steht ein Pavillon im Stil der Pagode, von Pfeifenstrauch
überwachsen.
Dieses Kloster, das unzählige Zimmer hat, wird von einem einzigen
Menschen bewohnt, dem Leiter des Kreiskrankenhauses. Witwer,
Einsiedler, unabhängig, hat er die harte Schule des Lebens und der
Menschen durchgemacht und verachtet die Menschen mit dieser starken und
edlen Verachtung, die zur tiefen Erkenntnis der relativen Nichtigkeit
aller Dinge führt, das eigene Ich einbegriffen.
Dieser Mann trat so unerwartet auf die Bühne meines Lebens, dass ich
sein Auftreten zu den Theatercoups ex machina zählen möchte.
Als ich jetzt, von Dieppe kommend, im gegenüberstehe, sieht er mich
fest und prüfend an und ruft aus:
--Was fehlt dir? Nervenkrank! Gut! Aber da ist auch noch etwas anderes.
Du hast böse Augen, und das habe ich noch nicht bei dir gesehen.
Was hast du gemacht? Ausschweifungen, Laser, verlorenen Illusionen,
Religion? Erzähle mir, alter Junge!
Aber ich erzähle nichts, da der erste Gedanke, der meinem argwöhnischen
Geist kommt, der ist, dass er gegen mich voreingenommen sei, dass er
Erkundigungen eingezogen habe, dass ich interniert bin.
Ich schütze Nervosität, Schlaflosigkeit, Alpdrücken vor, und dann
sprechen wir von anderen Dingen.
Als ich mich in meiner kleinen Wohnung einrichte, bemerke ich alsbald
das amerikanische eiserne Bett, dessen vier in Messingkugeln endende
Pfeiler den Leitern einer Elektrisiermaschine gleichen. Fügt man dazu
die elastische Matratze, deren kupferne Sprungfedern wie die Spiralen
der Rühmkorffschen Induktionsrolle aussehen, so kann man sich denken,
wie wütend ich über diesen teuflischen Zufall bin. Unmöglich kann ich
bitten, das Bett zu wechseln, weil dann der Verdacht aufkommen könnte,
ich sei wahnsinnig.
Ich will mich vergewissern, dass nichts über meinem Bett verborgen
ist, und steige auf den Boden hinauf. Um das Unglück voll zu machen,
liegt dort oben nur ein einziger Gegenstand, und zwar ein ungeheures,
zusammengerolltes Netz aus Eisendraht, gerade über meinem Bett. Das ist
ein Akkumulator, sage ich mir. Wenn ein Gewitter, das hier sehr häufig
ist, ausbricht, wird das Eisennetz den Blitz anziehen, und ich werde
auf dem Konduktor liegen. Aber ich wage nichts zu sagen.
Zugleich beunruhigt mich der Lärm, den eine Maschine macht. Ein
Ohrensausen verfolgt mich, seit ich das Hotel Orfila verlassen habe,
wie das Stampfen eines Wasserrades. Da ich zweifle, ob dieses Geräusch
tatsächlich vorhanden ist, frage ich, was es ist.
--Die Presse der Druckerei nebenan.
Alles erklärt sich wunderschön und doch macht mich diese Einfachheit
der Mittel verrückt, erschreckt mich.
Die gefürchtete Nacht kommt. Der Himmel ist bedeckt, die Luft ist
schwer; man erwartet ein Gewitter. Ich wage nicht, zu Bett zu gehen,
und bringe zwei Stunden damit zu, dass ich Briefe schreibe. Von
Müdigkeit überwältigt, entkleide ich mich und schlüpfe zwischen die
Laken. Ein furchtbares Schweigen herrscht im Haus, als ich die Lampe
lösche. Ich fühle, dass jemand im Dunkeln auf mich lauert, mich
berührt, nach meinem Herzen tastet, saugt.
Ohne zu warten, springe ich aus dem Bett, öffne das Fenster uns
stürze mich auf den Hof; aber die Rosensträucher stehen dort, und
mein Hemd schützt mich nicht im geringsten gegen das Geisseln der
Dornen. Zerrissen, blutend überschreite ich den Hof. Meine nackten
Füsse werden von Kieselsteinen geschunden, von Disteln zerstochen, von
Nesseln verbrannt; über unbekannt Gegenstände strauchelnd, erreiche
ich die Küchentür, die zur Wohnung des Arztes führt. Ich klopfe. Keine
Antwort!--Da erst entdecke ich, dass es regnet. Oh, Elend über Elend!
Was habe ich getan, um diese Qualen zu verdienen? Sicher ist das die
Hölle! Miserere! Miserere!
Ich klopfe immerzu!
Es ist seltsam, dass nie jemand da ist, wenn man mich angreift. Immer
diese Alibis: es ist also ein Komplott, an dem alle teilnehmen! Endlich
die Stimme des Arztes:
--Wer da?
--Ich bin es! Ich bin krank! Öffne, oder ich sterbe! Er öffnet.
--Was ist dir geschehen?
Ich beginne meine Erzählung mit dem Attentat in der Rue de la Clef, das
ich feindlichen Elektrikern zuschreibe....
--Schweig, Unglücklicher! Du leidest an einer Geisteskrankheit.
--Verflucht! Untersuche doch meinen Verstand; lies, was ich täglich
schreibe und was man druckt....
--Schweig! Kein Wort zu irgendwem! Die Bücher der Irrenhäuser kennen
diese elektrischen Geschichten aus dem Grunde.
--Das wäre noch schöner! Ich kehre mich so wenig an eure
Irrenhausbücher, dass ich, um mir Klarheit zu verschaffen, morgen nach
Lund fahren werde, um mich im dortigen Irrenhaus untersuchen zu lassen!
--Dann bist du verloren! Kein Wort mehr davon, und leg dich hier im
Nebenzimmer schlafen!
Ich gebe nicht nach und verlange, dass er mich anhört. Er lehnt es ab
und will nichts hören.
Wieder allein, frage ich mich: ist es möglich, dass ein Freund,
ein Ehrenmann, der sich von schmutzigen Händeln rein erhalten hat,
seine ehrenwerte Laufbahn damit beschliesst, dass er der Versuchung
unterliegt? Wessen Versuchung? Die Antwort fehlt mir; aber die
Vermutungen fliessen über.
Every man his price, jeder Mann hat seinen Preis! Hier war allerdings
eine bedeutende Summe notwendig, im Verhältnis zu seiner Tugend.--Aber
zu welchem Zweck? Eine gewöhnliche Rache bezahlt man nicht übermässig!
Es muss sich um ein ausserordentliches Interesse handeln! Halt, ich
habe es! Ich habe Gold gemacht, der Doktor hat es halb erkannt, aber
heute hat er es abgeleugnet, dass er meine Versuche, die ich ihm
brieflich mitgeteilt hatte, wiederholt habe. Er hat es abgeleugnet, und
doch habe ich heute abend Proben von seiner Hand gefunden; sie lagen
auf dem Pflaster des Hofes. Also hat er gelogen!
Übrigens hat er sich am selben Abend darüber ausgesprochen, was für
traurige Folgen es für die Menschheit haben würde, wenn die Herstellung
des Goldes sich bestätigte. Allgemeiner Zusammenbruch, überall
Verwirrung, Anarchie, Ende der Welt.
Man müsste den Erfinder töten! das war sein letztes Wort.
Ferner, als wir über die wirtschaftliche Lage meines Freundes sprechen,
die recht bescheiden ist, war ich erstaunt, ihn sagen zu hören, dass er
den Hof, den er bewohnt, demnächst kaufen werde. Er hat Schulden, ist
beinahe in Verlegenheit, und träumt davon Grundbesitzer zu werden.
Alles vereinigt sich, um mir meinen guten Freund verdächtig zu machen.
Verfolgungswahn! Mag sein; aber der Künstler, der die Glieder dieser
höllischen Syllogismen schmiedet, wo ist er?
--Man müsste ihn töten! Das ist der letzte Gedanke, den ich in meiner
Qual festhalten kann, bevor ich gegen Sonnenaufgang einschlafe.
Wir haben eine Kaltwasserkur begonnen, und ich habe das Zimmer für die
Nächte gewechselt, die jetzt ziemlich ruhig sind, wenn auch einige
Rückfälle eintreten.
Eines Abends bemerkt der Doktor das Gebetbuch auf meinem Nachttisch und
gebärdet sich wie ein Rasender.
--Immer noch diese Religion! Das ist ein Symptom begreifst du das?
--Oder ein Bedürfnis wie andere!
--Ich bin kein Atheist; aber ich denke, dass der Allmächtige die
frühere Vertraulichkeit nicht mehr will. Man macht dem Ewigen nicht
mehr den Hof, damit ist es aus! Ich halte mich an den Grundsatz des
Mohammedaners, der um nichts als Gelassenheit bittet, damit er die Last
des Daseins ertragen kann.
Grosse Worte, aus denen ich mir eigene Goldkörner heraushole. Er nimmt
mir Gebetbuch und Bibel fort.
--Lies gleichgültige Sachen, von sekundärem Interesse, Weltgeschichte,
Mythologie, und lass die Grübeleien. Vor allem: hüte dich vor dem
Okkultismus, dieser Pseudowissenschaft. Es ist uns verboten, die
Geheimnisse des Schöpfers zu erspähen, und wehe denen, die sie sich
erlisten.
Als ich einwende, dass sich in Paris eine ganze Schule von Okkultisten
gebildet habe, heult er:
--Wehe ihnen!
Am Abend bringt er mir Viktor Rydbergs "Germanische Mythologie", und
zwar ohne Hintergedanken; ich bin wenigstens davon überzeugt.
--Hier sind Geschichten, bei denen man im Stehen einschlafen kann. Das
wirkt besser als Sulfonal.
Wenn mein guter Freund gewusst hätte, welchen Zündfaden er da
anzündete, er hätte lieber....
Die Mythologie in zwei Bänden, von zusammen tausend Seiten, öffnet sich
unter meinen Händen wie von selber und meine Blicke heften sich alsbald
auf diese Reihen, die sich meinem Gedächtnis in Feuerschrift einprägen:
"Nach der Legende blähte sich der durch seinen Vater unterrichtete
Bhrigu vor Hochmut und bildete sich ein, seinen Meister zu übertreffen.
Der sandte ihn in die Unterwelt, wo er zu seiner Demütigung tausend
Schrecken beiwohnen muss, von denen er nie etwas geahnt hatte."
Das hiess also: der Hochmut, die Anmassung, die Hybris, bestraft durch
meinen Vater und Meister. Und ich befand mich in der Hölle, von den
Mächten dahingejagt. Wer war denn mein Meister? Swedenborg?
Ich blätterte in dem wunderbaren Buch weiter.