Ich verzeihe den Schuldigen, indem ich sie als Dämonen betrachte, die
nur ihre Pflicht erfüllen.
Doch ist die Ungnade der Vorsehung gar zu deutlich, und, sobald
ich ins Hotel zurückgekehrt bin, beginne ich mein Kredit und Debet
aufzustellen. Bisher, und das war meine Stärke, habe ich mich nicht
beugen können, den andern recht zu geben, jetzt aber, durch die Hand
des Unsichtbaren zu Boden geschlagen, versuche ich, mir unrecht zu
geben, und wie ich mein Betragen während der letzten Wochen gründlich
untersuche, ergreift mich Furcht. Mein Gewissen sagt mir die Wahrheit,
rückhaltlos und unerbittlich.
Ich habe aus Hochmut, Hybris, gesündigt, dem einzigen Laster, das die
Götter nicht verzeihen. Durch die Freundschaft des Doktor Papus, der
meine Forschungen gelobt hatte, ermutigt, bildete ich mir ein, das
Rätsel der Sphinx gelöst zu haben. Ein Nacheiferer des Orpheus, hielt
ich es für meine Aufgabe, die Natur, die unter den Händen der Gelehrten
gestorben war, wieder zu beleben.
In dem Bewusstsein, dass die Mächte mich beschützen, schmeichelte ich
mir, durch meine Feinde nicht besiegt werden zu können; das ging so
weit, dass ich die einfachsten Begriffe der Bescheidenheit verachtete.
Hier ist der rechte Augenblick, die Geschichte meines geheimnisvollen
Freundes einzuschalten, der eine entscheidende Rolle in meinem Leben
spielte: als Führer, Ratgeber, Tröster, Strafer und ausserdem als
Helfer, der mich in zuweilen eintretenden Zeiten der Not mit neuen
Mitteln versorgte. Schon 1890 schrieb er mir einen Brief auf ein Buch
das ich damals erscheinen liess. Er hatte zwischen meinen Gedanken
und denen der Theosophen Berührungspunkte gefunden und wollte meine
Ansichten über den Okkultismus und über die Priesterin der Isis, Frau
Blawatsky, wissen. Der anmassende Ton seiner Epistel missfiel mir,
und ich verhehlte ihm das in meiner Antwort nicht. Vier Jahre später
veröffentliche ich den "Antibarbarus" und empfange im kritischesten
Augenblick meines Lebens von diesem Unbekannten einen zweiten Brief, in
dem er mir in gehobenem, fast prophetischen Ton, eine schmerzensreiche
und glorreiche Zukunft vorhersagt. In gleicher Weise legt er dar, aus
welchen Gründen er den Briefwechsel wieder aufgenommen habe; ihm habe
dazu eine Ahnung bestimmt, dass ich augenblicklich eine seelische
Krise durchmache und vielleicht ein Wort des Trostes nötig habe.
Schliesslich bietet er mir seine Unterstützung an, die ich jedoch
ablehne, da ich auf meine elende Unabhängigkeit eifersüchtig bin.
Im Herbst 1895 bin ich es, der den Briefwechsel wieder eröffnet, indem
ich ihn bitte, mir bei der Herausgabe meiner naturwissenschaftlichen
Schriften behilflich zu sein. Von diesem Tage an unterhalten wir durch
die Post sehr freundschaftliche, selbst vertrauliche Beziehungen, wenn
ich einen kurzen Bruch ausnehme, den er durch seine verletzende Sprache
verursacht, als er mich über alltägliche Dinge unterrichten will und
mir in hochmütigen Ausdrücken meinen Mangel an Bescheidenheit vorwirft.
Nachdem wir uns jedoch wieder versöhnt hatten, teilte ich ihm alle
meine Beobachtungen mit, lieferte ihm meine Geheimnisse aus; was
vielleicht nicht ganz klug war. Ich beichtete diesem Mann, den ich
nie gesehen hatte, und ich ertrug von seiner Seite die strengsten
Ermahnungen, weil ich ihn eher als eine Idee, denn als eine Person
betrachtete: er war für mich ein Bote der Vorsehung, ein Paraklet.
In zwei Dingen aber waren wir so grundverschiedener Ansicht, dass wir
zu lebhaften Auseinandersetzungen kamen, ohne jedoch in beleidigende
Streitigkeiten zu geraten. Als Theosoph predigte er Karma, das
heisst die abstrakte Summe der menschlichen Schicksale, die einander
ausgleichen, um eine Art Nemesis zu ergeben. Er war also Mechanist
und ein Epigone der sogenannten materialistischen Schule. Ich
dagegen sah in den Mächten eine oder mehrere konkrete, lebendige,
individualistische Personen, die den Lauf der Welt und die Bahnen der
Menschen bewusst lenken; hypostatisch, wie die Theosophen sagen.
Die zweite Meinungsverschiedenheit bezog sich auf die Verleugnung
und Abtötung des Ichs, die mir als eine Torheit erschien und noch
erscheint. Alles, was ich weiss, wenn es auch noch so wenig ist, kommt
vom Ich als dem Mittelpunkt her. Die Kultur, nicht der Kultus, dieses
Ichs erweist sich also als der höchste und letzte Zweck des Daseins.
Meine bestimmte und beständige Antwort auf seine Einwendungen lautete
also: die Abtötung des Ichs ist Selbstmord.
Übrigens, vor wem soll ich mich beugen? Vor den Theosophen? Niemals!
Vor dem Ewigen, den Mächten, der Vorsehung unterdrücke ich meine bösen
Instinkte, stets und ständig, so weit es möglich ist. Kämpfen für die
Erhaltung meines Ichs gegen alle Einflüsse, die der Ehrgeiz einer Sekte
oder einer Partei auf mich ausüben will, das ist meine Pflicht; wie
sie mir das Bewusstsein diktiert, das mir die Gnade meiner göttlichen
Beschützer gegeben hat.
Wenn ich jedoch an die Eigenschaften dieses unsichtbaren Mannes denke,
den ich liebe und bewundere, so dulde ich seine Anmassung, wenn er mich
als inferior behandelt. Ich antworte ihm immer und verhehle ihm nicht,
dass die Theosphie mir widerstrebt.
Schliesslich aber, mitten in dem Abenteuer Popoffsky, spricht er eine
so hochmütige Sprache, wird seine Tyrannei so unerträglich, dass ich
fürchten muss, er hält mich für verrückt. Er nennt mich Simon Magus,
Schwarzmagier und empfiehlt mir Frau Blawatski. Ich antworte sofort,
ich habe Frau B. durchaus nicht nötig und _niemand habe mir etwas zu
lehren_. Und womit droht er mir darauf? Er sagt, erwerde mich mit
Hilfe von Mächten, die stärker als meine seien, auf den rechten Weg
zurückzuführen wissen. Da bitte ich ihn, nicht an mein Schicksal zu
rühren; das sei gut behütet von der Hand der Vorsehung, die mich immer
geleitet habe. Und, um meinen Gedanken durch ein Beispiel zu erläutern,
erzähle ich ihm folgende Geschichte, eine Einzelheit aus meinem an
providentiellen Zwischenfällen so reichen Leben, indem ich jedoch
vorausschicke, dass ich fürchte, durch Auslieferung meines Geheimnisses
mir die Rache der Nemesis selber zuzuziehen.
Es war vor zehn Jahren, mitten in meiner geräuschvollsten literarischen
Epoche, als ich gegen die Frauenbewegung auftrat, die ausser mir jeder
in Skandinavien unterstützte. In der Hitze des Kampfes liess ich mich
hinreissen und überschritt die Grenzen der Schicklichkeit so weit, dass
meine Landsleute mich für verrückt erklärten.
Ich wohnte in Bayern, mit meiner ersten Frau und meinen Kindern, als
ein Jugendfreund mich brieflich einlud, mit meinen Kindern ein Jahr bei
ihm zu verbringen; von meiner Frau war nicht die Rede.
Der Charakter dieses Briefes machte mich misstrauisch: der Stil war
geschraubt, Streichungen und Änderungen zeigten, dass der Schreiber
gezögert hatte, was für Gründe er anführen solle. Ich witterte eine
Falle und lehnte das Anerbieten in unbestimmten und freundlichen
Ausdrücken ab.
Zwei Jahre später, als meine erste Scheidung vollzogen ist, lade ich
mich allein bei meinem Freund ein, der im Stockholmer Inselmeer als
Zollinspektor lebt.
Der Empfang ist herzlich, aber die Luft ist voll von Unwahrheiten
und Doppelsinnigkeiten, die Unterhaltung gleicht einem polizeilichen
Verhör. Nachdem ich eine Nacht über die Sache nachgedacht habe, wird
sie mir klar. Dieser Mann, dessen Eigenliebe ich in einem meiner Romane
verletzt habe, grollt mir, obwohl er Sympathie für mich hat. Ein Despot
ohnegleichen, will er mein Schicksal beeinflussen, meinen Geist zähmen
und seine Überlegenheit zeigen, indem er mich unterwirft.
Nicht sehr gewissenhaft in der Wahl seiner Mittel, peinigt er mich eine
Woche, vergiftet mich mit Verleumdungen, mit eigens erfundenen Fabeln,
benimmt sich aber so ungeschickt, dass ich in meiner Überzeugung
bestärkt werde, die Falle, die er mir früher gestellt hatte, habe
keinen andern Zweck gehabt, als mich als Geisteskranken einzusperren.
Ich lasse ihn gewähren, ohne Widerstand zu leisten, indem ich auf
meinen guten Stern vertraute, um mich zu befreien, wenn die Zeit
gekommen ist.
Meine scheinbare Unterwerfung verschafft mir das Wohlwollen meines
Henkers: mitten im Meer allein hausend, von seinen Nachbarn und
Untergebenen verwünscht, gibt er dem Bedürfnis, sich anzuvertrauen,
nach. Mit einer Naivität, die bei einem Mann von fünfzig Jahren
unbegreiflich ist, erzählt er mir, seine Schwester sei im letzten
Winter verrückt geworden und habe in einen Anfall von Wahnsinn ihre
Ersparnisse verbrannt.
Am nächsten Tag neue vertrauliche Mitteilungen: ich erfahre, dass sein
Bruder als geisteskrank auf dem Lande interniert ist.
Ich frage mich: ist es aus diesem Grunde, um sich am Schicksal zu
rächen, dass er mich einzusperren wünscht?
Ich beklage sein Unglück und gewinne mir seine Zuneigung so
vollständig, dass ich die Insel verlassen kann um mir auf einer
benachbarten Insel, wo ich meine Familie wiederfinde, eine Wohnung zu
mieten.
Einen Monat später ruft mich ein Brief zu meinem "Freund": er ist vor
Schmerz gebrochen, weil sein Bruder sich in einem Anfall von Tobsucht
den Schädel zerschmettert hat. Ich tröste ihn, meinen Henker, und um
das Unglück voll zu machen, vertraut mir seine Frau unter Tränen, sie
befürchte schon lange, dass ihr Gatte das Schicksal der andern teilen
werde.
Ein Jahr vergeht, da berichten die Zeitungen, dass der ältere Bruder
meines Freundes sich unter Umständen, die auf geistige Störung deuten,
getötet hat.
Drei Blitzschläge auf das Haupt dieses Mannes, der mit dem Donner hatte
spielen wollen.
"Welches Zusammentreffen," wird man sagen. Und was noch mehr ist:
welches unglückliche Zusammentreffen, jedes Mal, wenn ich diese
Geschichte erzählt habe, bin ich dafür bestraft worden.
Die grosse Julihitze ist gekommen; das Leben ist unerträglich: alles
stinkt, und die hundert Aborte nicht am wenigsten. Ich erwarte eine
Katastrophe, ohne sagen zu können, was für eine.
Auf einer Strasse finde ich ein Stück Papier auf dem das Wort "Marder"
steht. Auf einer andern Strasse ein ähnliches Stück Papier, das, von
derselben Hand geschrieben, das Wort "Geier" trägt. Popoffsky gleicht
vollkommen einem Marder und seine Frau einem Geier. Sollten sie nach
Paris gekommen sein, um mich zu töten? Er, der Mörder ohne Scham, ist
zu allem fähig, nachdem er Weib und Kind ermordet hat.
Ich lese eine köstliche Arbeit, "Die Freude zu sterben", und der Wunsch
wird in mir wach, diese Welt zu verlassen. Um die Grenze zwischen
Leben und Tod kennen zu lernen, lege ich mich aufs Bett, entkorke das
Fläschchen mit Zyankalium und es verbreitet seinen tödlichen Duft. Er
nähert sich, der Mann mit der Sense: ein mildes Gefühl, eine Wollust
überkommt mich; aber, im letzten Augenblick, tritt immer jemand oder
etwas unvermutet dazwischen: der Diener kommt unter irgendeinem
Vorwand, eine Wespe fliegt zum Fenster herein.
Die Mächte weigern mir die einzige Freude, und ich beuge mich ihrem
Willen.
Anfang Juli gehen die Studenten in die Ferien und lassen das Hotel leer.
Darum erregt ein Fremder, der in das Zimmer neben meinem Arbeitstisch
einzieht, meine Neugier. Der Unbekannte spricht niemals; erscheint sich
hinter der Wand, die uns trennt, mit schreiben zu beschäftigen. Seltsam
ist jedenfalls, dass er seinen Stuhl zurückschiebt, wenn ich meinen
bewege; dass er meine Bewegungen wiederholt, als wolle er mich durch
seine Nachahmung necken.
Das dauert drei Tage. Am vierten mache ich diese Beobachtung: wenn ich
schlafen gehe, legt sich der andere in dem Zimmer neben meinem Zimmer
nieder; bin ich im Bett, so höre ich, wie er sich in das andere Zimmer
begibt und das Bett neben meinem Bett einnimmt. Ich höre ihn, wie er
sich parallel mit mir ausstreckt: er blättert in einem Buch, löscht
dann die Lampe, holt tief Atem, dreht sich auf die Seite und schläft
ein.
Eine vollständige Stille herrscht in dem Zimmer neben meinem Tisch. Er
bewohnt also beide Zimmer. Es ist unangenehm, von zwei Seiten belagert
zu werden.
Allein, ganz allein nehme ich das Mittagessen auf einem Tablett auf
meinem Zimmer ein, und ich esse so wenig, dass der teilnehmende Diener
Mitleid mit mir hat. Seit einer Woche habe ich meine Stimme nicht mehr
gehört, und aus Mangel an Übung beginnt der Laut zu verschwinden. Ich
habe keinen Sou mehr: Tabak und Briefmarken fehlen mir.
Da mache ich eine letzte Anstrengung und sammle meinen Willen. Ich
_will_ Gold machen, auf trocknem Wege durch Feuer. Das Geld findet
sich, Öfen, Tiegel, Löschkohlen, Blasebalg, Zangen.
Die Hitze ist übermässig; nackt bis zum Gürtel wie ein Grobschmied,
schwitze ich vor dem offenen Feuer. Aber die Sperlinge haben ihr Nest
in den Schornstein gebaut, und der Kohlendunst schlägt ins Zimmer.
Nach dem ersten Versuch möchte ich aus der Haut fahren, weil ich
Kopfschmerzen habe und meine Experimente eitel sind, da alles verkehrt
geht. Nachdem ich die Masse drei Male im Schmiedefeuer geschmolzen
habe, betrachte ich das Innere des Tiegels. Der Borax hat einen
Totenkopf gebildet, dessen leuchtende Augen meine Seele wie eine
übernatürliche Ironie durchbohren.
Wieder kein Metallkorn! Und ich verzichte auf einen neuen Versuch.
Im Lehnstuhl sitzend, lese ich in der Bibel, wie der Zufall sie mir
aufschlägt: "Niemand geht in sich und hat weder die Kenntnis noch den
Witz, zu sagen: ich habe die Hälfte hiervon im Feuer verbrannt, und
doch habe ich Brot gebacken auf den Kohlen; ich habe Fleisch geröstet
und davon gegessen; und übrigens sollte ich daraus ein Greuel machen?
sollte ich einen Baumzweig anbeten? Er nährt sich von Asche, und
sein getäuschtes Herz leitet ihn irre; und er wird seine Seele nicht
befreien, und wird nicht sagen, was in meiner rechten Hand ist, ist das
keine Falschheit?... So hat der Ewige, dein Erlöser, gesprochen, der
dich vom Mutterleib bereitet hat, ich bin der Ewige, der alle Dinge
geschaffen hat, der allein die Himmel entworfen, der allein die Erde
geebnet hat; _der die Versicherungen der Lügner zerstreut, der die
Wahrsager zum Unsinn macht, der den Geist der Weisen verkehrt, der ihr
Wissen eine Torheit werden lässt_."
Zum ersten Male zweifle ich an meinen wissenschaftlichen
Untersuchungen! Wenn es eine Torheit ist, ach! dann habe ich das
Glück meines Lebens und das meiner Frau und meiner Kinder für ein
Hirngespinst geopfert!
Wehe mir Toren! Der Abgrund öffnet sich zwischen meiner Familie und
diesem Augenblick! Ein und ein halbes Jahr, so viele Tage und so viele
Nächte, so viele Schmerzen für nichts!
Nein, das kann nicht sein! Das ist nicht so!
Habe ich mich in einem dunklen Walde verirrt? Nein, der Lichtbringer
hat mich auf den rechten Weg geführt, nach der Insel der Seligen, und
es ist der Teufel, der mich versucht! oder mich straft!
Ich sinke auf den Lehnstuhl nieder; eine ungewohnte Schwere bedrückt
meinen Geist, ein magnetisches Fluidum scheint von der Wand
auszuströmen, der Schlaf übermannt meine Glieder. Ich sammle meine
Kräfte und stehe auf, um auszugehen. Als ich durch den Korridor komme,
höre ich Stimmen, die in dem Zimmer neben meinem Tisch flüstern.
Warum flüstern sie? In der Absicht, sich vor mir versteckt zu halten.
Ich gehe die Rue d'Assas hinunter und trete in den Luxemburggarten. Ich
schleppe meine Beine, ich bin von den Hüften bis zu den Füssen gelähmt,
ich sinke hinter dem Adam mit seiner Familie auf eine Bank.
Ich bin vergiftet! Das ist der erste Gedanke, der mir kommt! Und
Popoffsky, der Weib und Kind mit giftigen Gasen getötet hat, ist
hierhergekommen. Er ist es, der nach dem berühmten Experiment von
Pettenkofer einen Gasstrom durch die Wand geleitet hat.
Was ist zu machen? Zur Polizei gehen? Nein! Wenn ich keine Beweise
habe, wird man mich als einen Narren einsperren.
Vae soli! Wehe dem einsamen Menschen, dem Sperling auf dem Dache!
Niemals war das Elend meines Daseins grösser, und ich weine wie ein
verlassenes Kind, das sich im Dunkeln fürchtet.
Abends wage ich aus Furcht vor einem neuen Attentat nicht mehr an
meinem Tisch zu bleiben. Ich lege mich zu Bett, ohne dass ich mich
getraue einzuschlafen. Es ist Nacht, und die Lampe ist angesteckt.
Auf der Mauer, meinem Fenster gegenüber, sehe ich den Schatten einer
menschlichen Gestalt sich abzeichnen. Ob Mann oder Weib, ich wüsste es
nicht zu sagen, aber der Eindruck, der mir geblieben ist, war der eines
Weibes.
Als ich aufstehe, um nachzusehen, wird die Gardine mit einem kurzen
Geräusch herabgelassen. Dann höre ich den Unbekannten in das Zimmer
eintreten, das neben meinem Alkoven liegt, und Stille tritt ein.
Drei Stunden liege ich wach da, ohne den Schlaf zu finden, der sonst
nicht auf sich warten lässt.
Da schleicht sich ein beunruhigendes Gefühl durch meinen Körper: ich
bin das Opfer eines elektrischen Stroms, der zwischen den beiden
benachbarten Zimmern läuft. Die Spannung wächst, und trotzdem ich
Widerstand leiste, verlasse ich das Bett, von diesem Gedanken besessen:
--Man tötet mich! Ich will mich nicht töten lassen!
Ich gehe hinaus, um den Diener in seiner Zelle am Ende des Korridors
zu suchen. Aber, ach, er ist nicht da. Also entfernt, fortgeschickt,
geheimer Mitschuldiger, gekauft.
Ich steige die Treppe hinab und durchschreite den Korridor, um den
Pensionsvorsteher zu wecken.
Mit einer Geistesgegenwart, deren ich mich nicht für fähig gehalten,
schütze ich ein Unwohlsein vor, das von den Ausdünstungen der
Chemikalien komme, und bitte um ein anderes Zimmer für die Nacht.
Infolge eines Zufalls, den die zornige Vorsehung herbeigeführt hat,
liegt das einzige verfügbare Zimmer unter dem meines Feindes.
Sobald ich allein bin, öffne ich das Fenster und atme die frische Luft
einer sternklaren Nacht ein. Über den Dächern der Rue d'Assas und der
Rue Madame leuchten der grosse Bär und der Polarstern.
--Gegen Norden also! Omen accipio!
Als ich die Vorhänge des Alkovens zurückziehe, höre ich über mir
meinen Feind, wie er aus dem Bett steigt und einen schweren Gegenstand
in einen Koffer fallen lässt, dessen Deckel er mit einem Schlüssel
abschliesst.
Er verbirgt also etwas; vielleicht die Elektrisiermaschine.
Am nächsten Tage, es ist ein Sonntag, packe ich meine Sachen unter dem
Vorwand, ich wolle einen Ausflug an die Küste des Meeres machen.
Dem Kutscher rufe ich Bahnhof Saint-Lazare zu. Als ich aber am Odeon
vorbeikomme, lasse ich mich von ihm nach der Rue de la Clef führen, in
die Nähe des Jardin des Plantes. Dort will ich bleiben, inkognito, um
meine Studien zu vollenden, bevor ich nach Schweden reise.
8.
Die Hölle.
Endlich tritt eine Pause in meinen Strafen ein. Auf dem Treppenabsatz
des Gartenhauses in einem Sessel sitzend, verbringe ich Stunden damit,
die Blumen des Gartens zu betrachten und über die Vergangenheit
nachzudenken. Die Ruhe, die nach meiner Flucht eingetreten ist, beweist
mir, dass mich keine Krankheit befallen, sondern dass mich Feinde
verfolgt haben. Am Tage arbeite ich, und in der Nacht schlafe ich ruhig.
Von der Unsauberkeit befreit, fühle ich mich wieder jung werden, wenn
ich die Stockrosen, die Blumen meiner Jugend, betrachte.
Der Jardin des Plantes, dieses den Parisern unbekannte Wunder von
Paris, ist mein Park geworden. Die ganze Schöpfung, in einer Ringmauer
gesammelt, die Arche Noahs, das wiedergefundene Paradies, in dem ich
ohne Gefahr zwischen wilden Tieren lustwandle, es ist zu viel Glück.
Von den Gesteinen ausgehend, komme ich durch das Reich der Pflanzen
und Tiere, um zum Menschen zu gelangen, hinter dem ich den Schöpfer
entdecke. Der Schöpfer, dieser grosse Künstler, der sich entwickelt,
indem er schafft, Skizzen macht, die er wieder verwirft, unreife
Gedanken wieder aufnimmt, einfache Formen vollendet und vervielfacht.
Alles ist das Werk seiner Hand. Oft macht er ungeheuere Fortschritte,
indem er die Arten erfindet, und dann kommt die Wissenschaft, stellt
Lücken, fehlende Glieder fest und bildet sich ein, die Zwischenarten
seien verschwunden.
Da ich nun vor meinen Verfolgern in Sicherheit zu sein glaube, sende
ich meine Adresse ans Hotel Orfila, um wieder in Verbindung mit der
Aussenwelt zu treten, indem ich meine durch die Flucht unterbrochene
Korrespondenz wieder aufnehme.
Kaum aber habe ich mein Inkognito gelüftet, ist der Friede aus. Es
geschehen wieder Dinge, die mich beunruhigen, und das frühere Unbehagen
bedrückt mich. Zunächst werden in dem Zimmer des Erdgeschosses, das
neben meinem liegt und bisher frei war, auch keine Möbel hatte,
Gegenstände aufgestapelt, deren Gebrauch mir unerklärlich bleibt.
Ein alter Herr mit grauen und boshaften Bärenaugen trägt leere
Warenbüchsen, Blechplatten und andere Gegenstände hinein, aus denen man
nicht klug wird.
Zur selben Zeit beginnen wieder die Geräusche von der Rue de la
Grande-Chaumière über meinem Kopfe: man zieht Stricke, schlägt mit
Hämmern, ganz als montiere und aufstelle man eine Höllenmaschine, wie
die Nihilisten sie anwenden.
Dann ändert die Wirtin, die zu Anfang meines Aufenthaltes freundlich
war, ihr Benehmen gegen mich, sucht mich auszukundschaften, grüsst mich
auf herausfordernde Art.
Ferner wechselt die erste Etage über mir den Mieter. Der alte stille
Herr, dessen schwere Schritte mir bekannt waren, ist nicht mehr da. Ein
zurückgezogen lebender Rentier, bewohnt er das Haus seit Jahren, und er
ist nicht verreist sondern hat nur das Zimmer gewechselt. Warum?
Das Mädchen, das mein Zimmer aufräumt und mir die Mahlzeiten bringt,
ist ernst geworden und wirft mir verstohlen mitleidige Blicke zu.
Jetzt ist über mir ein Rad, das sich den ganzen Tag dreht und dreht.
Zum Tode verurteilt! Das ist mein bestimmter Eindruck. Durch wen?
Durch die Russen, die Pietisten, die Katholiken, die Jesuiten, die
Theosophen! Weshalb? Als Zauberer oder Schwarzmagier?
Oder von der Polizei! Als Anarchist? Das ist ja eine sehr gebräuchliche
Anklage, um persönliche Feinde zu beseitigen.
In dem Augenblick, wo ich dieses schreibe, weiss ich nicht, was sich in
jener Julinacht, als sich der Tod auf mich stürzte, ereignet hat, aber
ich weiss wohl und werde nie vergessen, welche Lektion ich für mein
Leben bekam.
Selbst wenn die, welche das Geheimnis kennen, zugeben und eingestehen,
dass es eine Intrige war, die Menschenhände eingefädelt hatten, grolle
ich ihnen nicht, da ich jetzt überzeugt bin, dass eine andere stärkere
Hand ihre in Bewegung setzte, ohne dass sie es wussten, ohne dass sie
es wollten.
Nimmt man andererseits an, es sei keine Intrige gewesen, so hätte
ich selber durch meine Einbildung diese Zuchtgeister geschaffen, um
mich zu strafen. Wir werden im folgenden sehen, wieweit diese Annahme
wahrscheinlich sein mag.
Am Morgen des letzten Tages stehe ich mit einer Resignation auf, die
ich religiös nennen möchte; nichts bindet mich mehr ans Leben. Ich
habe meine Papiere geordnet, die notwendigsten Briefe geschrieben,
verbrannt, was zu vernichten war.
Dann gehe ich in den Jardin des Plantes, um der Schöpfung Lebewohl zu
sagen.
Die schwedischen Magneteisenblöcke, die vor dem mineralogischen Museum
aufgestellt sind, grüssen mich von meinem Vaterland. Die Akazie des
Robin, die Zeder des Libanon, die Denkmäler der grossen Epochen der
noch lebenden Wissenschaft, ich grüsse sie.
Ich kaufe Brot und Kirschen. Mein alter Freund Martin kennt mich
persönlich, weil ich der einzige bin, der ihm beim Aufstehen und
Schlafengehen Kirschen gibt. Das Brot bringe ich dem jungen Elefanten,
der mir ins Gesicht spuckt, nachdem er alles gefressen hat, die
undankbare und treulose Jugend.