Um mir die Sache vom Herzen zu schaffen, begebe ich mich in die Rue de

la Santé hinter Val-de-Grâce, um einen dänischen Maler, einen intimen

Freund Popoffskys, zu besuchen. Dieser Mann, einst mein Freund, war

vor sechs Wochen nach Paris gekommen und hatte mich, als ich ihn auf

der Strasse traf, wie einen Fremden, fast wie einen Feind begrüsst.

Am nächsten Tage dagegen machte er mir einen Besuch, lud mich in sein

Atelier ein und sagte mir zu viele Artigkeiten, um nicht den Eindruck

eines falschen Freundes auf mich zu machen. Als ich ihn fragte, ob

er etwas Neues von Popoffsky gehört habe, verschanzte er sich hinter

Ausflüchten, bestätigte aber die Neuigkeit, dass er bald nach Paris

kommen werde.

--Um mich zu ermorden! ergänzte ich.

--Gewiss! Nehmen Sie sich in acht!

Als ich eines Morgens die Tür zu dem Hause meines Dänen öffnete, um

seinen Besuch zu erwidern, lag--welcher Zufall!--eine dänische Dogge

von riesiger Grösse und ungeheuerlichem Aussehen auf dem Pflaster

des Hofes und versperrte mir den Weg. Mit einer instinktiven, aber

entschiedenen Bewegung ging ich augenblicklich wieder auf die Strasse

hinaus und kehrte auf meinen Spuren um, den Mächten dankend, dass sie

mich gewarnt hatte; so überzeugt war ich, dass ich einer unbekannten

Gefahr entronnen sei.

Als ich einige Tage später meinen Besuch wiederholen wollte, sass auf

der Schwelle der offenen Tür ein Kind, das eine Spielkarte in der Hand

hatte. Mit hellseherischem Aberglauben warf ich einen Blick auf die

Karte. Es war die Pik zehn!

--Man treib ein hässliches Spiel in diesem Hause. Und ich zog mich

zurück, ohne einzutreten.

Aber heute abend nach der Szene in der Cremerie war ich fest

entschlossen, Cerberus und Pik zu trotzen; doch das Schicksal

widersetzte sich dem: ich traf meinen Mann in der Brasserie des Lilas.

Er war entzückt mich zu sehen, und wir setzten uns auf der Terrasse an

einen Tisch.

Indem er unsere gemeinsame Berliner Erinnerungen durchging, fiel er in

seine alte Rolle des guten Kameraden zurück, begeisterte sich an seinen

eigenen Erzählungen, vergass die kleinen Uneinigkeiten und gestand

Tatsachen ein, die er öffentlich geleugnet hätte.

Plötzlich schien er sich an seine Pflicht oder an gegebene

Versprechungen zu erinnern: er wird stumm, kalt, feindlich, als ärgere

er sich, dass er sich habe aushorchen lassen.

Als ich direkt frage, ob Popoffsky in Paris sei, antwortete er ein so

schroffes Nein, dass die Lüge mir offenbar erschien, und wir trennten

uns.

Hier ist zu beachten, dass dieser Däne vor mir der Geliebte der

Frau Popoffsky gewesen war und mir noch immer grollte, dass seine

Geliebte ihn für mich verlassen hatte. Jetzt spiele er die Rolle eines

Hausfreundes, obwohl Popoffsky genau wusste, in welchen Beziehungen

seine Frau zu dem schönen Heinrich gestanden hatte.

Der "Aufschwung" von Schumann klingt über die dicht belaubten Bäume,

aber der Musiker bleibt unsichtbar, und ich weiss nicht, wo er sich

befindet. Einen ganzen Monat dauert die Musik, jeden Abend von vier bis

fünf Uhr.

Als ich eines Morgens die Rue de Fleurus hinuntergehe, um mich am

Anblick meines Regenbogens beim Färber zu stärken, trete ich in den

Luxemburggarten ein, der jetzt in voller Blüte steht und schön wie ein

Feenmärchen ist, und finde auf der Erde zwei trockene Zweige, die der

Wind abgebrochen hat. Sie bilden zwei griechische Buchstaben P und y.

Ich hob sie auf und die Verbindung P--y, die Abkürzung von Popoffsky,

entstand in meinem Hirn. Er verfolgte mich also, und die Mächte wollten

mich gegen die Gefahr sichern. Unruhe erfasste mich, trotzdem der

Unsichtbar mir dieses günstige Zeichen gab. Ich rufe den Schutz der

Vorsehung an, ich lese die Psalmen Davids gegen seine Feinde; ich hasse

meinen Feind mit dem religiösen Hass des Alten Testaments, habe aber

zugleich nicht mehr den Mut, mich der Mittel der schwarzen Magie zu

bedienen, die ich eben studiert habe.

"Ewiger, mach dich auf, mir zu helfen! Sprich zu meiner Seele: ich

bin deine Hilfe. Es müssen sich schämen und gehöhnet werden, die nach

meiner Seele stehen; es müssen zurückkehren und zu Schanden werden,

die mir übel wollen.... Sie müssen sich schämen und zu Schanden werden

alle, die sich meines Übels freuen."

Dieses Gebet schien mir damals gerecht zu sein, und die Barmherzigkeit

des Neuen Testaments kam mir wie eine Feigheit vor.

Zu welchem Unbekannten nahm meine ruchlose Anrufung ihren Flug? Ich

wüsste es nicht zu sagen; aber der Verlauf dieses Abenteuers wird

wenigstens zeigen, dass der Wunsch erfüllt wurde.

7.

Auszug aus meinem Tagebuch 1896.

13. Mai.--Ein Brief von meiner Frau. Durch die Zeitungen hat sie

erfahren, dass ein Herr S. im Ballon zum Nordpol fahren will: sie

stösst einen Schrei der Angst aus, gesteht mir ihre unveränderliche

Liebe und fleht mich an, auf einen Plan zu verzichten, der Selbstmord

bedeute.

Ich kläre sie über ihren Irrtum auf: es ist der Sohn eines Vetters von

mir, der sein Leben für eine grosse wissenschaftliche Entdeckung wagt.

14. Mai.--In der letzten Nacht habe ich einen Traum gehabt. Ein

abgehauener Kopf war dem Rumpf eines Menschen angepasst, der wie ein

durch Trunksucht heruntergekommener Schauspieler aussah. Der Kopf fing

an zu sprechen: ich hatte Furcht und stiess meinen Bettschirm um, einen

Russen vor mir herschiebend, um mich gegen den Angriff des rasenden

Mannes zu schützen.

In dieser selben Nacht sticht eine Mücke mich, und ich töte sie. Am

Morgen ist die Fläche der rechten Hand mit Blut bespritzt.

Als ich auf dem Boulevard Port-Royal spazieren gehe, sehe ich eine

Blutlache auf dem Trottoir.

Sperlinge haben ihr Nest im Rauchfang gebaut. Sie zwitschern artig, als

bewohnten sie mein Zimmer.

17. Mai und folgende Tage.--Der Absinth um sechs Uhr auf der Terrasse

der Brasserie des Lilas, hinter dem Marschall Ney, ist mein einziges

Laster, meine letzte Freude geworden. Wenn die Arbeit des Tages beendet

ist, wenn Seele und Körper erschöpft sind, erhole ich mich am Busen des

grünen Getränks, mit einer Zigarette, dem Temps und den Debats.

Wie lieblich ist das Leben, wenn der Nebel eines gelinden Rausches

seinen Schleier über das Elend des Daseins zieht. Wahrscheinlich neiden

mir die Mächte diese Stunde eingebildeter Seligkeit zwischen sechs und

sieben Uhr, denn von diesem Abend an wird das Glück von einer Reihe

Verdriesslichkeiten gestört, die ich nicht dem Zufall zuschreiben kann.

Am 17. Mai also ist mein Platz, den ich seit zwei Jahren einnehme,

besetzt; und alle andern ebenfalls. Ich muss in ein anderes Café gehen,

was mich mehr betrübt, als ich sagen kann.

18. Mai.--Meine schöne Ecke in den Lilas ist frei; ich bin zufrieden,

selbst glücklich, unter meiner Kastanie hinter dem Marschall Ney.

Der Absinth ist da, richtig mit Wasser gemischt, die Zigarette ist

angesteckt, der Temps entfaltet....

Da geht ein Betrunkener vorbei, dessen widriges und hässliches Aussehen

mich quält, da er mich mit einem tückischen und verächtlichen Blick

ausforscht. Das Gesicht ist weinrot, die Nase preussischblau, die Augen

boshaft. Ich will meinen Absinth kosten, glücklich, dass ich nicht so

aussehe wie dieser Trinker ... aber, ich weiss noch heute nicht wie,

mein Glas ist umgekehrt und leer. Da ich wenig Geld habe, kann ich

keinen andern bestellen; ich zahle, stehe auf und verlasse das Café,

überzeugt, dass der böse Geist mich behext hat.

19. Mai.--Ich wage es nicht ins Café zu gehen.

20. Mai.--Wie ich das Café umschleiche, finde ich meine Ecke frei.

Man muss gegen den bösen Geist kämpfen, und ich nehme den Kampf auf.

Der Absinth ist bereitet, die Zigarette hat Zug, der Temps berichtet

grosse Neuigkeiten. In diesem Augenblick--glaube mir, Leser, es ist

wahr--bricht im Hause des Cafés, über mir ein Schornsteinbrand aus.

Allgemeine Panik. Ich bleibe sitzen, aber ein Wille, der stärker ist

als ich, lässt eine Wolke Russ fallen und lenkt sie so gut, dass zwei

Flocken sich in mein Glas legen. Aus der Fassung gebracht, gehe ich,

immer aber noch ungläubig und zweifelnd.

1. Juni.--Nach einer langen Enthaltsamkeit werde ich von neuem durch

den Wunsch erfasst, mich unter der Kastanie zu trösten. Mein Tisch

ist besetzt, und ich nehme einen andern, der allein steht und ruhig

ist. Man muss gegen den bösen Geist kämpfen.... Da kommt eine Familie

Kleinbürger und setzt sich an den Nebentisch; die Mitglieder dieser

Familie sind nicht zu zählen, und immer neue Verstärkungen langen

an. Frauen stossen an meinen Stuhl, Kinder verrichten ihre kleinen

Geschäfte vor meinen Augen, junge Leute nehmen mir die Streichhölzchen,

ohne um Entschuldigung zu bitten. Umringt von dieser lärmenden,

unverschämten Menge, will ich doch nicht vom Platze weichen. Da folgt

ein Auftritt, der ohne Zweifel durch geschickte und unsichtbare Hände

in Szene gesetzt ist, denn er gelang zu gut, als dass ich ihn einer

Intrige dieser Leute zuschreiben könnte, die mich gar nicht kennen.

Ein junger Mann legt mit einer Gebärde, die ich nicht begreife, einen

Sou auf meinen Tisch, Fremd und allein unter so vielen Leuten, wage ich

mich nicht zu sträuben. Aber von Zorn geblendet, suche ich mir klar zu

machen, was sich zugetragen hat.

--Er gibt mir einen Sou wie einem Bettler. Bettler! Das ist der Dolch,

den ich mir in die Brust stosse. Bettler! Ja, denn du verdienst nichts

und du....

Der Kellner kommt und bietet mir einen bequemeren Platz an. Den Sou

lasse ich auf dem Tisch liegen. Der Kellner bringt ihn mir nach--welche

Beschimpfung!--und sagt mir höflich, der junge Mann habe ihn unter

meinem Tisch gefunden und glaube, er gehört mir.

Ich schämte mich und um meinen Zorn zu dämpfen, bestelle ich einen

zweiten Absinth.

Der Absinth ist serviert, und alles ist gut, als ein ekelhafter Geruch

nach Schwefelammonium mich erstickt.

Was war das wieder? Etwas ganz Natürliches, durchaus kein Wunder, nicht

die Spur einer bösen Absicht ... die Öffnung einer Kloake klafft am

Rande des Trottoirs, wo mein Stuhl steht.

Jetzt erst fange ich an zu begreifen, dass gute Geister mich von einem

Laster befreien wollen, das mich ins Irrenhaus bringen kann! Gesegnet

sei die Vorsehung, dass sie mich gerettet hat.

25. Mai.--Trotz der Hausordnung des Hotels, die Frauen ausschliesst,

ist eine Familie auf der Seite meines Zimmers eingezogen. Ein Säugling,

der Tag und Nacht schreit, macht mir wirklich Vergnügen, denn er

erinnert mich an die gute alte Zeit, an das blühende Leben zwischen

dreissig und vierzig.

26. Mai.--Die Familie zankt sich! Das Kind heult! Wie sich doch alles

gleich ist! Und wie süss dies--jetzt--für mich ist.

Heute abend habe ich die englische Dame wieder gesehen. Sie war reizend

und lächelte mich mit einem guten mütterlichen Lächeln an. Sie hat eine

Serpentinentänzerin gemalt, die einer Nuss oder einem Gehirn gleicht.

Das Bild hängt, ziemlich versteckt, hinter dem Büffet der Madame

Charlotte in der Cremerie.

29. Mai.--Ein Brief meiner Kinder aus erster Ehe meldet mir, eine

Depesche habe sie eingeladen, nach Stockholm zu kommen, um dort dem

Abschiedsfest beizuwohnen, das mir gegeben werde, bevor ich im Ballon

zum Nordpol aufsteige. Sie können das nicht begreifen, und ich auch

nicht. Welch unseliger Irrtum!

Die Zeitungen berichten das Unglück von Saint-Louis (Saint-Louis!) in

Amerika, wo ein Zyklon tausend Menschen getötet hat.

2. Juni.--In der Strasse der Sternwarte fand ich zwei Kieselsteine,

die genau die Form von Herzen haben. Abends fand ich im Garten eines

russischen Malers den dritten, von derselben Grösse wie die andern und

ihnen ganz gleich.

Der "Aufschwung" von Schumann hat aufgehört, und ich bin wieder ruhig.

7. Juni.--Ich besuche den dänischen Maler in der Rue de la Santé. Der

grosse Hund ist verschwunden, der Eintritt ist frei. Wir speisen auf

einer Terrasse des Boulevard Port-Royal. Mein Freund friert und fühlt

sich nicht wohl; da er seinen Überzieher vergessen hat, lege ich ihm

meinen über die Schultern. Zuerst beruhigt ihn das: er fügt sich mir

und ich beherrsche ihn. Er wagt sich nicht mehr zu empören: wir sind

in allen Punkten einig; er gesteht mir, dass Popoffsky ein Übeltäter

sei, und das ich ihm mein Unglück zu verdanken habe. Auf einmal wird

er nervös, zittert wie ein Medium unter dem Einfluss des Hypnotiseurs:

wird aufgeregt, schüttelt den Überzieher ab; hört auf zu essen, wirft

seine Gabel hin, erhebt sich gibt mir meinen Überzieher wieder und sagt

mir adieu.

Was war das? Das Nessusgewand! Hat sich mein Nervenfluidum in dem

Mantel aufgespeichert und durch seine fremdartige Polarität ihn

unterjocht? Das muss es sein, was Hesekiel Kapitel 13 Vers 18 sagen

will:

"So spricht der Herr, HErr: Weh euch, die ihr Kissen machet den Leuten

unter die Arme und Pfühle zu den Häuptern, beide, Jungen und Alten, die

Seelen zu fahen ... ich will die Kissen von euern Armen wegreissen, und

die Seelen, so ihr fahet und vertröstet, losmachen."

Bin ich ein Zauberer geworden, ohne dass ich es weiss?

9. Juni.--Ich besuchte meinen dänischen Freund, um mir seine Bilder

anzusehen. Als ich kam, war er gesund und munter, nach einer halben

Stunde aber bekam er einen solchen Nervenanfall, dass er sich ausziehen

und zu Bett legen musste.

Was hatte er? War es das schlechte Gewissen?

14. Juni. Sonntag.--Ich finde einen vierten Kiesel in Herzform, dieses

Mal im Luxemburggarten, aber von derselben Art wie die früheren. Am

Stein klebt etwas goldgelber Flitter. Ich begreife das Rätsel nicht,

ahne aber eine Voraussage. Ich vergleiche die vier Kiesel vor dem

offenen Fenster, als die Glocken von Saint-Sulpice zu läuten beginnen;

dann kommt der grobe Brummbass von Notre-Dame, und durch dieses

gewöhnliche Läuten dringt ein dumpfes feierliches Rollen, als komme es

aus den Eingeweiden der Erde.

Den Diener, der mir die Post bringt, frage ich, was das bedeutet.

--Das ist die grosse Savoyade von Sacre Coeur de Montmartre.

--Es ist also das Fest des heiligen Herzens?

Und ich betrachte meine vier Herzen aus hartem Stein, ein wenig gepackt

von diesem auffallenden Zusammentreffen.

Ich höre dem Kuckuck aus der Richtung der Kirche Notre-Dame-des-Champs,

und das ist doch unmöglich; meine Ohren müssten denn so überempfindlich

geworden sein, dass sie Töne aus dem Wald von Medon wahrnehmen.

15. Juni.--Ich steige nach Paris hinab, um einen Scheck in Papier und

Gold zu verwandeln. Der Quai Voltaire schwankt unter meinen Füssen;

das setzt mich in Erstaunen, obwohl ich sehr wohl weiss, dass die

Brücke du Caroussel unter dem Gewicht der Wagen erzittert. Aber heute

morgen setzt sich die Bewegung bis in den Hof der Tuilerien und in die

Opernstrasse fort. Eine Stadt zittert wohl immer, um es aber zu fühlen,

muss man geschärfte Nerven haben.

Die andere Seite des Flusses ist für uns andere vom Montparnasse ein

fremdes Land. Ein Jahr fast ist vergangen, seit ich dem Credit Lyonnais

oder dem Café de la Régence meinen letzten Besuch machte. Auf dem

Boulevard des Italiens erfasst mich Heimweh, und ich eile zum andern

Ufer zurück, wo der Anblick der Rue des Saint-Pères mich tröstet.

In der Nähe der Kirche Saint-Germain-des-Pres treffe ich einen

Leichenwagen, dann zwei kolossale Madonnen, die auf einem Wagen

fortgeschafft werden. Die eine von ihnen, die auf den Knien liegt, die

Hände faltet und die Blicke zum Himmel erhebt, macht einen starken

Eindruck auf mich.

16. Juni.--Auf dem Boulevard Saint-Michel kaufe ich einen

Briefbeschwerer aus Marmor; er ist mit einer Glaskugel geschmückt,

welche die Madonna von Lourdes enthält, im Rahmen ihrer berühmten

Grotte; vor ihr liegt eine verschleierte Dame auf den Knien. Ich stelle

das Bild in die Sonne, und die wirft wunderbare Schatten auf die Wand.

Auf der Rückseite der Grotte hat der Gips durch einen Zufall, den der

Künstler nicht vorausgesehen hat, einen Christuskopf geformt.

18. Juni.--Der dänische Freund tritt bestürzt und am ganzen Körper

zitternd in mein Zimmer. Popoffsky ist unter dem Verdacht, eine

Frau und zwei Kinder, seine Geliebte und seine beiden ehelichen

Kinder, ermordet zu haben, in Berlin verhaftet worden. Als die erste

Überraschung vergangen ist und das aufrichtige Mitleid mit einem

Freund, der mir, trotz allem, soviel Eifer erwiesen hat, sich legt,

breitet sich eine tiefe Ruhe über meinen Geist, den seit mehreren

Monaten bevorstehende Drohungen gefoltert haben.

Unfähig, meinen gerechten Egoismus zu verheimlichen, lasse ich meinen

Gefühlen freien Lauf:

--Es ist schrecklich, und doch erleichtert es mich, wenn ich an die

Gefahr denke, der ich eben entgangen bin.

--Was hat ihn zu dem Verbrechen getrieben?

--Vielleicht war die legitime Gattin auf die illegitime Geliebte

eifersüchtig; auch die Kosten, die diese verursachte, können mitgewirkt

haben. Vielleicht auch....

--Was?

--Vielleicht haben seine blutdürstigen Triebe, die neulich hier

in Paris keine Befriedigung fanden, einen andern Ausweg gesucht,

gleichviel welchen.

In mir selber frage ich: ist es möglich, dass meine glühenden Gebete

den Dolch abgelenkt haben, der nun durch meinen Gegenstoss den Mörder

mitten ins Herz getroffen hat?

Ich forsche nicht weiter, sondern schlage, edelmütig wie ein Sieger vor:

--Retten wir unsern Freund wenigstens literarisch. Ich werde einen

Aufsatz über seine schriftstellerischen Verdienste schreiben: Sie

zeichnen ein sympathisches Porträt, und beides bieten wir der "Revue

blanche" an.

Im Atelier des Dänen--der Hund bewacht es nicht mehr!--betrachten

wir ein Porträt Popoffskys, das vor mehr als zwei Jahren gemalt ist.

Es ist nur der Kopf, durch eine Wolke abgeschnitten, und darunter

Totenknochen, wie man sie auf Grabtafeln sieht. Der abgeschnittene Kopf

macht uns schaudern, und mein Traum vom dreizehnten Mai bedrückt mich

wie ein Gespenst.

--Wie sind sie auf den Gedanken dieser Enthauptung gekommen?

--Schwer zu sagen, aber es ruhte ein Verhängnis auf diesem feinen

Geist: er besass Spuren von entschiedenem Genie und trachtete nach dem

höchsten Ruhm, ohne aber den Preis dafür zahlen zu wollen. Das Leben

lässt uns nur die Wahl: entweder der Lorbeer oder die Sinnenlust.

--Sie haben das endlich auch entdeckt?

23. Juni.--Ich habe eine Nadel aus unechtem Gold mit einer falschen

Perle gefunden. Aus dem Bad der Goldsynthese habe ich ein Herz aus Gold

gefischt.

Als ich am Abend durch die Rue du Luxembourg gehe, sehe ich im

Hintergrund der ersten Allee rechts, über den Bäumen, eine Hirschkuh

am Himmel gezeichnet. Ich bewundere sie, so schön ist sie in der Form

wie in der Farbe, und sie gibt mir ein Zeichen mit dem Kopf, in der

Richtung nach Südost (Donau)!

Diese letzten Tage nach der Katastrophe des Russen hat mich eine neue

Unruhe ergriffen. Es kommt mir vor, als beschäftige man sich irgendwo

mit mir, und ich vertraue dem dänischen Maler an, dass der Hass des

gefangenen Russen mich wie unter dem Fluidum einer Elektrisiermaschine

leiden lässt.

Es gibt Augenblicke, in denen ich ahne, dass mein Aufenthalt in Paris

bald ein Ende nehmen wird und eine neue Peripetie mich erwartet.

Der Hahn auf dem Kreuz von Notre-Dame-des-Champs scheint mir mit den

Flügeln zu schlagen, als wolle er in nördlicher Richtung davonfliegen.

Im Vorgefühl meiner bevorstehenden Abreise beeile ich mich meine

Studien im Jardin des Plantes zu vollenden.

Eine Zinkwanne, in der ich Goldsynthesen auf feuchtem Wege vornehme,

zeigt an den innern Seiten eine Landschaft, die durch die verdunsteten

Eisensalze gebildet ist. Ich deute sie als ein Vorzeichen, aber ich

bemühe mich vergeblich zu ahnen wo diese ausserordentliche Landschaft

liegen wird. Mit Nadelbäumen, vor allem mit Fichten, bewaldete Hügel;

zwischen den Höhen Ebenen mit Obstbäumen, Kornfeldern; alles weist

auf die Nachbarschaft eines Flusses. Ein Hügel, mit Abgründen von

schlichtenförmiger Formation, ist mit den Ruinen einer starken Burg

gekrönt.

Ich finde mich noch nicht zurecht, aber ich werde es über ein Kleines

tun.

25. Juni.--Bei dem Haupt des wissenschaftlichen Okkultismus, dem

Herausgeber der "Initiation", eingeladen. Als wir, der Doktor und

ich, in Marcolles en Brie ankommen, werden wir von drei schlechten

Neuigkeiten empfangen. Ein Wiesel hat die Enten getötet, ein

Kindermädchen ist erkrankt, die dritte ist mir entfallen.

Als ich am Abend nach Paris zurückkehre, lese ich in einer Zeitung die

so berühmt gewordene Geschichte von dem Gespensterhaus in Valence en

Brie.

Brie? Sehr argwöhnisch fürchte ich, dass bei den Bewohnern des Hotels

mein Ausflug nach Brie Verdacht erregt; dass man mich beschuldigt,

diesen Schwindel oder besser diese Hexerei durch meine alchemistischen

Kenntnisse vorbereitet zu haben.

Ich habe mir einen Rosenkranz gekauft. Warum? Er ist schön und der

böse Geist fürchtet das Kreuz. Übrigens erkläre ich mir nicht mehr

die Gründe meiner Handlungen. Ich handle, wie es kommt: das Leben ist

lustiger auf diese Weise!

In der Sache Popoffsky zeigt sich ein Umschwung. Sein Freund, der Däne,

beginnt die Wahrscheinlichkeit des Verbrechens zu widerlegen, unter dem

Vorwand, die Untersuchung habe den Verdacht als falsch erwiesen. Auch

unser Artikel ist aufgeschoben, und die alte Kälte tritt wieder ein.

Gleichzeitig erscheint auch das Untier von Hund wieder: ein Wink für

mich, auf meiner Hut zu sein.

Als ich am Nachmittag an meinem Tisch, der vor dem Fenster steht,

schreibe, bricht ein Gewitter aus. Die ersten Regentropfen fallen

auf mein Manuskript und besudeln es so, dass die Buchstaben, die das

Wort "Alp" bilden, auslaufen und einen Tintenklecks zeichnen, der dem

Gesicht eines Riesen gleicht. Ich hebe diese Zeichnung auf; sie ist dem

Donnergott der Japaner ähnlich, wie er in Flammarions "Athmosphäre"

abgebildet ist.

28. Juni.--Ich habe meine Frau im Traum gesehen; es fehlten ihr die

Vorderzähne; sie gab mir eine Guitarre, die den Donaubooten glich.

Derselbe Traum drohte mir mit Gefängnis.

Heute morgen fand ich in der Rue d'Assas ein Stück Papier in den Farben

des Regenbogens.

Heute nachmittag zerrieb ich Quecksilber, Zinn, Schwefel, Chlorammonium

auf einer Pappe. Als ich die Masse ablöste, behielt die Pappe den

Abdruck eines Gesichts, das dem meiner Frau gleich war, wie ich es in

der vergangenen Nacht im Traum gesehen hatte.

1. Juli.--Ich erwarte einen Ausbruch, ein Erdbeben, einen Blitzschlag,

ohne zu wissen, von welcher Seite. Nervös wie ein Pferd beim Nahen der

Wölfe, wittere ich die Gefahr, packe meine Koffer für die Flucht, ohne

mich indessen rühren zu können.

Der Russe ist aus Mangel an Beweisen aus dem Gefängnis entlassen:

sein Freund, der Däne, ist mein Feind geworden. Die Gesellschaft der

Cremerie plagt mich. Das letzte Mittagessen wurde wegen der Hitze

im Hof aufgetragen: der Tisch war zwischen dem Müllkasten und den

Abtritten aufgestellt. Über dem Müllkasten ist das Bild meines alten

Freundes, des Amerikaners, aufgehängt, aus Rache, weil der Künstler

auf und davon gegangen ist, ohne zu bezahlen, was er schuldig war.

Neben dem Tisch haben die Russen eine Statuette aufgestellt: einen

Krieger, der mit der traditionellen Sense bewaffnet ist. Um mir Furcht

zu machen! Ein junger Bursche des Hauses geht hinter meinem Rücken

in der deutlichen Absicht mich zu ärgern, auf den Abtritt. Der Hof,

eng wie ein Schacht, erlaubt der Sonne nicht, die hohen Wände zu

überschreiten. Die fast in allen Etagen wohnenden Kokotten haben ihre

Fenster geöffnet und lassen einen Hagel von Zoten auf unsere Köpfe

niederprasseln; die Hausmädchen kommen mit den Mülleimern und leeren

sie in den Müllkasten.--Das ist die Hölle! Und meine beiden Nachbarn,

notorische Päderasten, unterhalten ein widerwärtiges Gespräch, um mit

mir Händel zu suchen.

Warum bin ich hier? Die Einsamkeit zwingt mich, menschliche Wesen

aufzusuchen, menschliche Stimmen zu hören.

Da, als meine seelischen Qualen den höchsten Grad erreichen, entdecke

ich einige Stiefmütterchen, die auf einer schmalen Rabatte blühen.

Sie schütteln die Köpfchen, als wollten sie mir eine Gefahr anzeigen,

und eins von ihnen, mit einem Kindergesicht mit grossen, tiefen,

leuchtenden Augen, gibt mir ein Zeichen:

--Geh fort!

Ich erhebe mich und zahle; als ich hinausgehe, grüsst mich der Bursche

mit versteckten Beschimpfungen, die mein Herz in Wallung bringen, ohne

meinen Zorn zu erregen.

Inferno; Legenden · 第 4 / 25 段