Temperament, eine zügellose Sinnlichkeit. Aber hinter dieser
menschlichen Maske, die durch eine kosmopolitische Erziehung erweitert
ist, ahne ich ein Geheimnis, das mich neugierig macht und das ich eines
Tages aufdecken werde.
Ich warte zwei Monate, während deren ich mein Dasein mit dem dieses
Freundes vereinige. All das Elend eines Künstlers, der nicht
durchgedrungen ist, mache ich durch, indem ich vergesse, dass ich meine
Laufbahn schon hinter mir habe, dass mein Name etwas im Tout-Paris und
in der Gesellschaft der Dramatiker zu bedeuten hat, wenn das mich als
Chemiker auch nicht mehr interessiert. Übrigens liebt mich mein Kamerad
nur, solange ich meine wirklichen Erfolge verberge; muss ich sie aber
im Vorübergehen erwähnen, ist er verletzt, macht sich so unglücklich,
so unbedeutend, dass ich aus Barmherzigkeit mich selber wie einen alten
Lumpen behandele. Dadurch erniedrige ich mich allmählich, während er,
der seine Zukunft noch vor sich hat, sich auf meine Kosten erhebt.
Ich mache mich zu einem Leichnam, der an den Wurzeln eines Baumes
begraben ist, während der Baum, der seine Nahrung aus dem in Zersetzung
begriffenen Leben zieht, hoch in die Luft wächst.
Da ich zu dieser Zeit buddhistische Bücher studiere, bewundere ich die
Verleugnung, mit der ich mich für einen andern opfere. Einer guten Tat
wird ihr Lohn, und dies gewann ich dabei.
Eines Tages liefert mir die Revue des Revues ein Bildnis des
amerikanischen Propheten und Arztes Francis Schlatter, der 1895
fünftausend Kranke heilte und dann für immer von dieser Erde verschwand.
Nun, die Züge dieses Mannes glichen in wunderbarer Weise denen meines
Kameraden. Um die Probe zu machen, nehme ich die Zeitschrift ins Café
de Versailles, wo mich ein schwedischer Bildhauer erwartete. Er bemerkt
die Ähnlichkeit und erinnert mich an ein seltsames Zusammentreffen:
dass alle beide von deutscher Herkunft waren und in Amerika wirkten.
Noch mehr, Schlatter verschwand zur selben Zeit, als unser Freund
in Paris auftauchte. Da ich jetzt schon etwas in den Ausdrücken des
Okkultismus bewandert bin, äussere ich die Ansicht, dieser Francis
Schlatter sei der "Doppelgänger" unseres Mannes, der, ohne es zu
wissen, ein unabhängiges Dasein führe.
Als ich das Wort Doppelgänger aussprach, machte mein Bildhauer grosse
Augen und lenkte meine Aufmerksamkeit darauf, dass unser Mann immer
zwei Wohnungen habe, die eine auf dem rechten Ufer, die andere auf
dem linken. Ausserdem erfahre ich, dass mein geheimnisvoller Freund
ein doppeltes Dasein in dem Sinn führt, dass er den Abend mit mir in
philosophischen und religiösen Betrachtungen verbringt, während man ihn
in der Nacht immer noch auf dem Ball Bullier trifft.
Es gab ein sicheres Mittel, die Identität dieser beiden Doppelgänger zu
bewiesen, da Francis Schlatter letzter Brief im Faksimile von der Revue
gedruckt war.
--Kommen Sie heute abend zum Essen, schlug ich vor; ich werde ihm
Schlatters Brief diktieren. Wenn sich die beiden Handschriften, und
besonders die Unterschriften, gleichen, ist das ein Beweis.
Des Abends beim Essen bestätigt sich alles: die Handschrift ist
dieselbe, die Unterschrift, der Schnörkel, alles ist da. Etwas
überrascht, unterwirft sich der Maler unserm Examen; schliesslich fragt
er:
--Und was wollen Sie damit?
--Kennen Sie Francis Schlatter?
--Ich habe nie von ihm sprechen hören.
--Erinnern Sie sich nicht an jenen Arzt in Amerika, voriges Jahr?
--Ach ja, der Scharlatan!
Er erinnert sich: ich zeige ihm Bildnis und Faksimile.
Er lächelt skeptisch, ruhig, gleichgültig.
Einige Tage darauf sitzen mein geheimnisvoller Freund und ich auf der
Terrasse des Café de Versailles vor einem Absinth, als ein Mann, der
wie ein Arbeiter gekleidet ist und bösartig aussieht, vor dem Tisch
stehen bleibt und, ohne "Achtung" zu rufen, sich mitten unter den
Gästen wie ein Wahnsinniger gebärdet. Gegen meinen Kameraden gewandt,
schreit er aus vollem Hals:
--Da hab ich Sie doch gefasst, Sie Gauner, der Sie mich geprellt
haben! Was soll denn das bedeuten? Sie bestellen bei mir ein Kreuz
für dreissig Francs, ich bringe es Ihnen, und dann kneifen Sie aus!
Potztausend, glauben Sie etwa, so ein Kreuz macht sich von allein?...
Er fuhr fort, ohne aufzuhören, und als die Kellner ihn entfernen
wollten, drohte er, die Polizei zu holen. Währenddessen sass der arme
Verschuldete stumm und unbeweglich da, vernichtet wie ein Verurteilter,
vor einem Publikum von Künstlern, die ihn mehr oder weniger kannten.
Als der Auftritt vorüber war, frage ich ihn, verwirrt wie von einer
Szene aus der Hölle:
--Das Kreuz? Welches Kreuz für dreissig Francs? Ich begreife diese
Geschichte nicht....
--Es war das Modell des Kreuzes der Jeanne d'Arc, wissen Sie, diese
Maschine für mein Gemälde "Das gekreuzigte Weib".
--Aber das war ja der Teufel selbst, dieser Arbeiter! Und nach einer
Pause des Schweigens fuhr ich fort:
--Seltsam ist es, aber man spielt nicht mit dem Kreuz noch mit der
Jeanne d'Arc.
--Glauben Sie daran?
--Ich weiss nicht! Ich weiss nichts mehr! Aber die dreissig Silberlinge!
--Genug! genug! rief er gekränkt.
Als ich am Stillfreitag in die Garküche kam, fand ich meinen
Leidensgenossen am Tisch eingeschlafen.
In einer Anwandlung von Heiterkeit weckte ich ihn mit dem Anruf:
--Sie hier?
--Wieso?
-Ich glaubte, am Stillfreitag blieben Sie wenigstens bis sechs Uhr am
Kreuz.
--Bis sechs Uhr? Ich habe wirklich den ganzen Tag bis sechs Uhr abends
geschlafen, ohne sagen zu können warum.
--Ich könnte es.
--Natürlich: der Astralleib geht spazieren, nicht wahr, in Amerika ...
und so weiter.
Seit diesem Abend legt sich eine gewisse Kälte zwischen uns. Unser
Verkehr hat jetzt vier schreckliche Monate gedauert. Mein Kamerad hat
seine Erziehung noch einmal durchgemacht und Zeit gehabt, die Methode
der Malerei zu wechseln, so dass er jetzt sein gekreuzigtes Weib als
altes Spiel verwirft. Er hat das Leiden als die einzige Lebensfreude,
die einem frommt, auf sich genommen, und die Resignation ergab sich
daraus. Ein Held im Elend! Ich bewunderte ihn, wenn er an einem
Tage den Weg von Montrouge nach den Hallen hin und zurück ging, mit
abgetretenen Stiefeln, ohne etwas zu sich genommen zu haben. Nachdem
er den Redaktionen illustrierter Blätter siebzehn Besuche gemacht,
hatte er drei Zeichnungen untergebracht, ohne jedoch gleich bar bezahlt
worden zu sein; dann ass er abends für zwei Sous Brot und ging dann zu
Bullier.
Schliesslich lösten wir in stillschweigender Übereinstimmung diese zu
gegenseitiger Hilfe eingegangene Verbindung. Ein eigentümliches Gefühl
sagte uns beiden, es sei genug, unsere Schicksale müssten sich getrennt
erfüllen. Als die Lebewohls gewechselt waren, wusste ich, dass es die
letzten waren.
Ich habe diesen Mann nicht wieder gesehen, auch nichts von seinem
Schicksal erfahren.
Im Frühling, als ich von meinem eigenen widrigen Geschick und dem
meines Kameraden bedrückt wurde, empfing ich von meinen Kindern aus
erster Ehe einen Brief, in dem sie mir erzählten, sie seien so krank
gewesen, dass man sie ins Krankenhaus habe bringen müssen. Als ich den
Zeitpunkt dieses Ereignisses mit dem meines verhängnisvollen Versuchs
verglich, erschrak ich. Leichtfertig hatte ich mit den geheimen Kräften
gespielt, und der schlimme Wille hatte seinen Weg gemacht, um aber, von
der unsichtbaren Hand geleitet, mich selber in die Brust zu treffen.
Ich entschuldige mich nicht, ich bitte nur den Leser, diese Tatsache zu
behalten, falls es ihm einfallen, sollte, Magie auszuüben, besonders
die Wirkung, die Bezauberung oder Behexung in eigentlichem Sinn
heisst und deren Existenz de Rochas in seiner "Extériorisation de la
sensibilité" festgestellt hat.
Ich erwachte an einem Sonntag vor Ostern, gehe in den Luxemburggarten,
durchwandere ihn und überschreite die Strasse. Als ich unter die
Arkaden des Odeon komme, bleibe ich unbeweglich vor den blauen
Balzacbänden stehen, und durch einen Zufall greife ich "Seraphita"
heraus. Warum gerade diesen Band?
Vielleicht eine halbbewusste Erinnerung, welche die Lektüre, der
Zeitschrift "l'Initiation" hinterlassen hat, der Besprechung von "Sylva
Sylvarum" mich einen Landmann Swedenborgs nannte.
Sobald ich nach Hause kam öffnete ich das Buch, das mir beinahe
unbekannt war, so viele Jahre lagen zwischen der ersten Lektüre und
dieser zweiten.
Es war völlig neu für mich, und jetzt, da mein Geist bereitet war,
verschlang ich den Inhalt dieses ausserordentlichen Buches. Ich hatte
noch nie etwas von Swedenborg gelesen, der in seinem und meinem Lande
für einen Scharlatan, einen Narren, für unzüchtig galt, und wurde von
Bewunderung und Entzücken ergriffen, als ich diesen himmlischen Riesen
des vorigen Jahrhunderts durch den Mund des tiefsten der französischen
Geister sprechen hörte.
Indem ich mit religiöser Andacht lese, komme ich zu Seite 16, wo der
29. März als Swedenborgs Todestag angegeben ist. Ich halte inne, denke
nach und schlage den Kalender auf. Heute ist gerade der 29. März, und
ausserdem ist es Palmsonntag.
So offenbarte sich Swedenborg als Zuchtgeist in meinem Leben, in dem er
eine grosse Rolle spielen sollte, und brachte mir am Jahrestage seines
Todes die Palmen des Siegers oder des Märtyrers!
"Seraphita" wird mein Evangelium und bringt mich wieder in so nahe
Verbindung mit dem Jenseits, dass das Leben mich anekelt und ein
unwiderstehliches Heimweh mich zum Himmel zieht. Kein Zweifel, ich
werde für ein höheres Dasein vorbereitet! Ich verachte die Erde, diese
weltliche Welt, diese Menschen und ihre Werke. Ich sehe in mir den
Gerechten ohne Schuld, den der Ewige auf die Probe gestellt hat, und
den das Fegefeuer dieser Welt einer baldigen Erlösung würdig machen
wird.
Dieser Hochmut, den die vertrauliche Stellung zu den Mächten
hervorruft, wächst immer dann, wenn meine wissenschaftlichen
Untersuchungen gut fortschreiten. So gelingt es mir, Gold zu machen,
nach meinen Berechnungen und den Beobachtungen der Metallurgen, und ich
glaube es beweisen zu können. Ich sende Proben an einen befreundeten
Chemiker nach Rouen.
Er beweist mir das Gegenteil meiner Versicherungen, und ich kann eine
Woche nichts darauf antworten. Da blättere ich in der Chemie meines
Schutzpatrons Orfila und finde das Geheimnis der Frage.
Diese alte vergessene und verachtete Chemie von 1830 ist das Orakel
geworden, das mir im kritischen Augenblick Hilfe bringt. Meine Freunde
Orfila und Swedenborg beschützen mich, ermutigen mich, bestrafen mich.
Ich sehe sie nicht, aber ich fühle ihre Gegenwart; sie zeigen sich
nicht meinem Geist, weder durch Visionen noch durch Halluzinationen,
aber die kleinen Ereignisse des Tages, die ich sammle, zeigen, dass sie
in die Wechselfälle meines Daseins eingreifen.
Die Geister sind positivistisch geworden wie die gegenwärtige Epoche
und begnügen sich nicht mit Visionen. Als Beispiel führe ich dieses
Zusammentreffen an, das durch das Wort Koinzidenz nicht zu erklären ist.
Nachdem es mir gelungen war, Goldflecke auf Papier hervorzubringen,
suchte ich das Ergebnis im grossen auf trockenem Wege und durch
das Feuer zu erzielen. Zweihundert Versuche führten zu nichts, und
verzweifelt lege ich das Lötrohr nieder.
Mein Morgenspaziergang führte mich in die Strasse der Sternwarte, wo
ich oft die vier Weltteile bewundere, aus dem heimlichen Grunde, weil
die lieblichste der Carpeauxschen Frauen meiner Frau gleicht. Sie steht
auf der Höhe des Zeichens der Fische unter der Ringkugel, und Sperlinge
haben hinter ihrem Rücken ihr Nest gebaut.
Zu Füssen des Denkmals finde ich zwei oval geschnittene Pappstücke:
das eine trägt die gedruckte Zahl 207, das andere die Nummer 28. Das
bedeutet Blei (Atomgewicht 207) und Silizium (Atomgewicht 28). Ich hebe
den glücklichen Fund auf, um ihn für meine chemischen Aufzeichnungen zu
bewahren.
Zu Hause beginne ich eine Reihe Versuche mit Blei, indem ich Silizium
vorläufig lasse. Da ich aus der Metallurige weiss, dass Blei, in
einem mit Knochenasche gefütterten Tiegel, immer etwas Silber gibt,
und dieses Silber beständig etwas Gold enthält, sage ich mir, dass
der phosphorsaure Kalk, der Hauptbestandteil der Knochenasche, in der
Gewinnung des Goldes aus Blei den wesentlichen Faktor ausmachen müsse.
In der Tat färbte sich das Blei, auf einem Bett von phosphorsaurem Kalk
geschmolzen, immer goldgelb auf seiner unteren Fläche. Aber der böse
Wille der Mächte unterbrach die Vollendung des Versuchs.
Ein Jahr später, als ich zu Lund in Schweden weilte, gab mir ein
Bildhauer, der in feineren Töpferwaren arbeitete, eine aus Blei und
Silizium zusammengesetzte Glasur, mit deren Hilfe ich zum ersten Mal
ein vererztes Gold von vollkommener Schönheit erhalte.
Als ich ihm dankte, zeige ich ihm die beiden Pappstücke mit den Zahlen
207 und 28.
Zufall oder Zusammentreffen in dieser Begebenheit, die sich durch eine
unerschütterliche Logik auszeichnet?
Ich wiederhole, von Visionen wurde ich niemals heimgesucht, wohl aber
erschienen mir wirkliche Gegenstände unter menschlichen Formen und
hatten eine Wirkung, die oft grossartig war.
So fand ich mein Kopfkissen, das durch den Mittagschlaf aus der Form
gekommen war, wie ein Marmorkopf im Stil des Michaelangelo modelliert.
Eines Abends, als ich mit dem Doppelgänger des amerikanischen Arztes
nach Hause komme, entdecke ich im Halbschatten des Alkoven einen
riesenhaften Zeus, der auf meinem Bett ruht. Vor diesem unerwarteten
Schauspiel bleibt mein Kamerad stehen, von einem fast religiösen
Schrecken erfasst. Als Künstler begreift er sofort die Schönheit der
Linien:
--Da ist ja die grosse verschwundene Kunst wiedergeboren! Das ist eine
plastische Darstellung zum Zeichen.
Je mehr man sie betrachtet, desto mehr verkörpert sich die lebendige
und furchtbare Erscheinung.
Es ist entschieden kein Zufall, da an gewissen Tagen das Kopfkissen
hässliche Ungeheuer, gotische Drachen zeigt; eines Nachts, als ich
von einem Gelage heimkehre, begrüsst mich der Dämon, der wahrhafte
Teufel im Stil des Mittelalters, mit dem Bockskopf. Nie ergriff mich
Furcht, es war zu natürlich, aber der Eindruck von etwas Regelwidrigem,
gleichsam Übernatürlichem blieb in meiner Seele haften.
Mein Freund, der Bildhauer, den ich als Zeuge herbeirief, zeigte keine
Überraschung, sondern lud mich ein, in sein Atelier zu kommen. Dort
setzte mich eine Bleistiftzeichnung, die an der Wand hing, durch die
Schönheit ihrer Linien in Erstaunen.
--Wo haben Sie das gefunden? Eine Madonna, nicht wahr?
--Eine Madonna von Versailles, nach den Gewächsen gezeichnet, die dort
im See der Schweizer schwimmen.
Die Offenbarung einer neuen Kunst nach der Natur! Natürliche Hellsicht!
Warum den Naturalismus anspeien, wenn er eine neue Kunst einweiht,
die reich an Jugend und Hoffnung ist? Die Götter kehren zurück, und
der Alarmruf "Zum Pan!", den Schriftsteller und Künstler ausgestossen
haben, hat ein so starkes Echo gefunden, dass die Natur nach einem
Schlaf von mehreren Jahrhunderten erwacht ist! Nichts geschieht hier
auf Erden, ohne dass die Mächte zustimmen: wenn der Naturalismus war,
so sei der Naturalismus und gebäre wieder die Harmonie von Stoff und
Geist.
Mein Bildhauer ist ein Seher. Er erzählt mir, dass er Orpheus und
Christus in einem Felsen der Bretagne zusammen modelliert gesehen habe,
und er fügt hinzu, er beabsichtige dorthin zurückzukehren, um sie als
Modelle zu einer Gruppe für den Salon zu benutzen.
Als ich eines Abends die Rue de Rennes hinunterging, mit demselben
Seher, blieb er vor dem Schaufenster einer Buchhandlung stehen, in
dem kolorierte Lithographien ausgestellt waren. Es waren eine Reihe
von Szenen, in denen menschliche Figuren eine Rolle spielten, deren
Köpfe durch Stiefmütterchen ersetzt waren. Obwohl Beobachter der
Pflanzenwelt, hatte ich noch nie bemerkt, dass das Stiefmütterchen dem
Gesicht des Menschen ähnlich ist. Mein Kamerad kann sich von seinem
doppelten Erstaunen kaum erholen.
--Stellen Sie sich vor; als ich gestern abend nach Hause komme,
blickten mich die Stiefmütterchen in meinem Fenster auf eine Art an,
die mich entnervte, und plötzlich sah ich ebenso viel menschliche
Gesichter. Ich hielt es für eine Illusion, die von meiner Nervosität
kam. Und heute finde ich dasselbe im Druck auf einem alten Stich
wieder: es ist also keine Illusion, sondern eine Wirklichkeit, da ein
unbekannter Künstler dieselbe Entdeckung vor mir gemacht hat.
Wir machen Fortschritte in unserm Sehen, und nun sehe ich Napoleon und
seine Marschälle auf der Kuppel des Invalidendoms.
Wenn man von Montparnasse in den Boulevard des Invalides kommt,
erscheint über der Rue Oudinot die Kuppel, beim Untergang der Sonne
in ihrem ganzen Glanz, und die Konsolen und andern Ausladungen des
Treppenhauses, der den Dom trägt, nehmen die Form menschlicher Figuren
an, die wechseln, je nachdem der Gesichtspunkt näher oder entfernter
ist. Napoleon ist dort, Bernadotte, Berthier, und mein Freund zeichnet
sie "nach der Natur".
--Wie wollen Sie diese Erscheinung erklären?
--Erklären? Hat man jemals etwas anders erklärt, als indem man eine
Menge Worte durch eine andere Menge Worte umschreibt?
--Sie glauben als nicht, dass der Baumeister nach einer halbbewussten
Leitung seines Geistes gearbeitet hat?
--Hören Sie, lieber Freund: Jules Mansard, der den Dom 1706 baute,
konnte doch unmöglich die Silhouette des Napoleon voraussehen, der 1769
geboren wurde.... Genügt das?
Zuweilen habe ich in der Nacht Träume, die mir die Zukunft voraussagen,
mich gegen Gefahren sichern, mir Geheimnisse enthüllen. So erscheint
mir ein längst verstorbener Freund im Traum und bringt ein Geldstück
von ungewöhnlicher Grösse. Ich frage ihn nach dem Ursprung dieses
ausserordentlichen Geldstücks; er antwortet: Amerika, und verschwindet
mit dem Schatz.
Am nächsten Tage erhalte ich einen Brief mit amerikanischer Marke; er
ist von einem Freund, den ich seit zwanzig Jahren nicht gesehen habe,
und teilt mir mit, der Auftrag, eine Schrift für die Ausstellung von
Chikago zu verfassen, habe mich vergeblich in ganz Europa gesucht. Es
handelt sich um ein Honorar von 12 000 Francs, eine ungeheure Summe für
meine damalige verzweifelte Lage, das mir entgangen war. Dies 12 000
Francs hätten meine Zukunft gesichert! Aber kein anderer als ich hat
gewusst, dass der Verlust dieses Geldes mir als Züchtigung auferlegt
war für eine schlechte Handlung, die ich im Zorn über die Treulosigkeit
eines literarischen Mitbewerbers begangen hatte.
Ein anderer Traum von weiterer Tragweite liess mich Jonas Lie sehen,
wie er eine Pendeluhr aus vergoldeter Bronze mit ungewöhnlichen
Verziehrungen trägt.
Als ich einige Tage später den Boulevard Saint-Michel hinunterging, zog
das Schaufenster eines Uhrmachers meine Aufmerksamkeit auf sich.
--Da ist die Uhr des Jonas Lie, rief ich aus. Wahrhaftig, es war
dieselbe. Von einer Himmelskugel, an die sich zwei Frauen lehnen,
gekrönt, ruht das Räderwerk auf vier Säulen. In der Kugel war ein
Datumzeiger angebracht, der den dreizehnten August anzeigte.
In einem nächsten Kapitel werde ich erzählen, wie verhängnisvoll dieses
Datum des dreizehnten August für mich wurde.
Diese kleinen Vorfälle und viele andere ereigneten sich während meines
Aufenthaltes im Hotel Orfila zwischen dem 6. Februar und dem 19. Juli
1896.
Parallel mit diesen Vorfällen und mitten in ihnen rollte sich in
Abständen das folgende Abenteuer ab, das auf meine Austreibung aus dem
Hotel hinauslief und eine neue Epoche meines Lebens einleitete.
Der Frühling ist gekommen; das Tal der Tränen, das sich unter meinem
Fenster ausbreitet, grünt und blüht. Der grüne Rasen bedeckt den Boden
und verbirgt den Schmutz: die Gehenna hat sich in das Tal von Saron
verwandelt, wo ausser den Lilien, Flieder, Robinien, Paulownien blühen.
Ich bin betrübt, bis zum Tode, aber das heitere Lachen der jungen
Mädchen, die dort unten unsichtbar unter den Bäumen spielen, trifft
mich ins Herz und erweckt mich wieder zum Leben. Das Leben verrinnt
und das Alter naht: Weib, Kinder, Häuslichkeit, alles verheert; Herbst
innen, Frühling draussen.
Das Buch Hiob und die Klagelieder Jeremiae trösten mich, weil eine
Übereinstimmung zwischen dem Lose Hiobs und meinem vorhanden ist. Bin
ich nicht mit bösen Schwären geschlagen; drückt mich die Armut nicht
zu Boden; haben meine Freunde mich nicht verlassen?
"Ich gehe schwarz einher, und brennet mich doch keine Sonne nicht, ich
bin ein Bruder der Schakale und ein Geselle der Strausse. Meine Haut
über mir ist schwarz geworden, und meine Gebeine sind verdorret vor
Hitze. Meine Harfe ist eine Klage geworden, und meine Flöte ein Weinen."
So Hiob. Und Jeremias drückt in zwei Worten den Abgrund meiner
Traurigkeit aus: "Ich habe fast vergessen, was Glück ist."
In dieser Gemütsverfassung sitze ich an einem drückenden Nachmittag
bei meiner Arbeit, als ich unter meinem Fenster hinter den Laubbäumen
des Tales die Töne eines Klaviers höre. Ich spitze die Ohren, wie das
Streitross beim Klang der Trompete; ich richte mich auf und sammle
mich; ich atme tief. Das ist der "Aufschwung" von Schumann. Und noch
mehr, er spielt! Es ist mein Freund, der Russe, mein Schüler, der mich
"Vater" nannte, weil er alles von mir gelernt hatte; mein Famulus, der
mich Meister nannte und mir die Hände küsste, weil sein Leben begann,
wo das meine endete. Er ist von Berlin nach Paris gekommen, um mich
zu töten, wie er mich in Berlin getötet hat. Und warum?... Weil das
Schicksal gewollt hat, dass seine jetzige Gattin, bevor er sie kennen
lernte, meine Geliebte gewesen ist. War es meine Schuld, dass es sich
so gefügt hatte? Sicher nicht, und dennoch fasste er einen tödlichen
Hass auf mich, verleumdete mich, verhinderte die Annahme meiner Dramen,
zettelte Intrigen an, die mir die für meine Existenz notwendigen
Einkünfte raubten. In einem Anfall von Wut traf ich ihn damals mitten
in die Brust, freilich auf eine so rohe und feige Art, dass ich
darunter litt, als hätte ich einen Meuchelmord begangen. Dass er jetzt
gekommen ist, um mich zu töten, tröstet mich, denn der Tod allein kann
mich von der Gewissenqual befreien.
Es war wohl auch er, der mich durch die falsch adressierten Briefe
beunruhigte, die ich dort unten beim Portier sah. Er schlage zu! Ich
wird mich nicht verteidigen, wie er recht hat und mir das Leben nichts
mehr gilt.
Er spielt immer den "Aufschwung", wie nur er ihn zu spielen versteht,
unsichtbar hinter der Mauer aus Grün. Er sendet die magischen
Harmonien über blühende Firste empor, dass ich sie zu sehen glaube wie
Schmetterlinge, die in der Sonne flattern.
Warum spielt er? Um mir seine Ankunft zu melden, um ich zu erschrecken
und mich in die Flucht zu jagen!
Vielleicht erfahre ich es in der Cremerie, wo die andern Russen schon
lange die Ankunft ihres Landsmannes angekündigt haben. Ich begebe
mich am Abend dorthin, um zu essen, und schon in der Tür zerkratzen
mir feindliche Blicke das Gesicht. Von meinem Streit mit dem Russen
unterrichtet, haben alle Tischgenossen sich gegen mich verbunden. Um
sie zu entwaffnen eröffne ich selbst das Feuer:
--Popoffsky ist in Paris? sage ich fragend.
--Nein, noch nicht! Antwortet mir einer.
--Doch, bestätigt ein andrer, man hat ihn beim Mercure de France
gesehen.
Einer widerspricht dem Andern, und ich bin schliesslich ebenso klug
wie vorher, stelle mich jedoch so, als glaube ich alles, was man mir
erzählt. Die allzu deutliche Feindseligkeit liess mich den Schwur tun,
die Cremerie zu meiden; zu meinem Bedauern, denn einige Menschen waren
mir wirklich sympathisch geworden. Von neuem durch diesen verwünschten
Feind in die Einsamkeit getrieben, werde ich gegen ihn eingenommen und
der Hass setzt mir zu und macht mich böse. Ich verzichte auf den Tod!
Ich will nicht von der Hand des Mannes fallen, der meiner nicht wert
ist: die Demütigung wäre zu tief für mich, die Ehre zu gross für ihn.
Ich will kämpfen, mich verteidigen.