O crux ave spes unica: so weissagten die Grabhügel mir mein Schicksal.

Nichts mehr von Liebe! Nichts mehr von Geld! Nichts mehr von Ehre! Der

Weg des Kreuzes, der einzige, der zur Weisheit führt.

4.

Das wiedergewonnene Paradies.

Den Sommer und den Herbst des Jahres 1895 zähle ich, trotz allem, zu

den glücklichsten Etappen meines so bewegten Lebens. Alles, was ich

angreife, gelingt mir; unbekannte Freunde bringen mir die Nahrung

wie die Raben dem Elias; Geld fliegt mir zu: ich kann Bücher kaufen,

naturwissenschaftliche Gegenstände, darunter ein Mikroskop, das mir die

Geheimnisse des Lebens entschleiert.

Tot für die Welt, da ich auf die eitlen Freuden von Paris verzichte,

bleibe ich in meinem Viertel, wo ich jeden Morgen die Toten des

Kirchhofs Montparnasse besuche, um dann in den Luxemburggarten

hinabzusteigen und meine Blumen zu begrüssen. Zuweilen besucht mich ein

durchreitender Landsmann, um mich einzuladen, auf der andern Seite des

Wassers zu frühstücken und ins Theater zu gehen. Ich versage es mir,

weil das rechte Ufer mir verboten ist: das ist die sogenannte "Welt",

die Welt der Lebenden und der Eitelkeit.

Obwohl ich sie nicht formulieren kann, hat sich eine Art Religion in

mir gebildet. Eher ein Zustand der Seele als eine auf Lehren gegründete

Ansicht; ein Wirrwarr von Empfindungen, die sich mehr oder weniger zu

Gedanken verdichten.

Ich habe mir ein römisches Gebetbuch gekauft und lese es mit Sammlung;

das Alte Testament tröstet und züchtigt mich in einer etwas dunklen

Weise, während das Neue mich kalt lässt. Das hindert mich nicht, dass

ein buddhistisches Buch auf mich einen stärkeren Einfluss als alle

andern heiligen Bücher übt, weil es das positive Leiden über die

Enthaltsamkeit stellt. Buddha zeigt den Mut, im vollen Besitz seiner

Lebenskraft und im Genuss seines ehelichen Glücks auf Weib und Kind

zu verzichten, während Christus jede Gemeinschaft mit den erlaubten

Freunde dieser Welt vermeidet.

Übrigens grüble ich nicht über die Empfindungen, die in mir auftauchen;

ich halte mich indifferent, lasse sie gewähren, indem ich mir dieselbe

Freiheit bewillige, die ich andern schulde.

Das grosse Ereignis der Pariser Saison war Brunetières Feldgeschrei

über den Bankerott der Wissenschaft. Seit meiner Kindheit in die

Naturwissenschaften eingeweiht, später Anhänger Darwins, hatte ich

entdeckt, wie ungenügend diese wissenschaftliche Methode ist, die den

Mechanismus des Weltalls bekennt, ohne einen Mechanismus anzunehmen.

Die Schwäche des Systems zeigte sich in einer allgemeinen Entartung

der Wissenschaft: die hatte eine Grenze abgesteckt, über die man

nicht hinausgehen sollte. Wir haben alle Probleme gelöst: die Welt

hat keine Rätsel mehr. Diese dünkelhafte Lüge hatte mich schon um

1880 gereizt, und während der folgenden fünfzehn Jahre hatte ich

eine Revision der Naturwissenschaften vorgenommen. So hatte ich

1884 die Zusammensetzung der Atmosphäre in Zweifel gezogen: der

Stickstoff der Luft ist nicht identisch mit dem Stickstoff, der

durch Zerlegung eines stickstoffhaltigen Salzes gewonnen wird. 1891

besuchte ich das physikalische Institut in Lund, um die Spektren dieser

beiden Stickstoffarten, deren Verschiedenheit ich entdeckt hatte,

zu vergleichen. Brauche ich den Empfang zu schildern, den mir die

gelehrten Mechanisten bereiteten?

Nun, in diesem Jahr 1895 hat die Entdeckung des Argon frühere

Vermutungen bestätigt und meinen durch eine unbesonnene Heirat

unterbrochenen Untersuchungen einen neuen Aufschwung gegeben.

Nicht die Wissenschaft hat Bankerott gemacht, sondern nur die

veraltete, entartete Wissenschaft, und Brunetière hatte recht, obwohl

er unrecht hatte.

Während alle die Einheit der Materie anerkannten und sich Monisten

nannten, ohne es zu sein, ging ich weiter und zog die letzten

Konsequenzen der Lehre, indem ich die Grenzen aufhob, die Materie und

sogenannten Geist zu trennen. So hatte ich 1894 im "Antibarbarus" die

Psychologie des Schwefels behandelt, indem ich sie durch die Ontologie,

das heisst die embryonale Entwicklung des Schwefels, erklärte.

Wer sich dafür interessiert, sei auf meine im Sommer und Herbst 1895

niedergeschriebene Arbeit "Sylva Sylvarum" verwiesen, in der ich im

stolzen Gefühl hellseherischer Kraft die Geheimnisse der Schöpfung

besonders im Pflanzen- und Tierreich durchschaut zu haben glaubte;

ferner auf meine "Kirchhofstudien", die zeigen, wie ich in Einsamkeit

und Leiden zu einem schwankenden Begriff von Gott und Unsterblichkeit

zurückgeführt wurde.

5.

Der Fall und das verlorene Paradies.

In diese neue Welt eingeführt, in die niemand mir folgen kann, fasse

ich einen Widerwillen gegen die andern und habe einen unbesiegbaren

Wunsch, mich von meiner Umgebung freizumachen. Ich benachrichtige

also meine Freunde, dass ich nach Meudon gehen wolle, um ein Buch zu

schreiben, das Einsamkeit und Stille verlange.

Zur selben Zeit führten unbedeutende Zwistigkeiten zu einem Bruch

mit dem Kreis der Cremerie, so dass ich mich eines Tages recht rauh

vereinsamt fand. Die erste Folge war eine unerhörte Ausdehnung meiner

inneren Sinne: eine seelische Kraft, die sich zu betätigen verlangte.

Ich glaubte mich im Besitz grenzenloser Kräfte, und der Hochmut flösste

mir die tolle Idee ein, zu versuchen, ob ich ein Wunder tun könne.

In einer früheren Epoche, in der grossen Krisis meines Lebens, hatte

ich bemerkt, dass ich eine Fernwirkung auf abwesende Freunde auszuüben

vermochte. In den Volkssagen hat man sich mit der Frage der Telepathie

und der Behexung beschäftigt. Ich möchte mir nun weder unrecht tun,

noch mich von einer verbrecherischen Handlung ganz weiss waschen, aber

ich glaube zu wissen, dass mein böser Wille nicht so böse war wie

der Rückschlag, den ich davon empfing. Eine ungesunde Neugier, ein

Ausbruch verkehrter Liebe, veranlasst durch die furchtbare Einsamkeit,

flösst mir eine übermässige Sehnsucht ein, wieder mit meiner Frau

und meinem Kind anzuknüpfen, da ich sie alle beide liebte. Aber wie,

da der Scheidungsprozess schon im Gang war? Ein ausserordentliches

Ereignis, ein gemeinsames Unglück, ein Blitzschlag, eine Feuersbrunst,

eine Überschwemmung ... kurz eine Katastrophe, die zwei Herzen wieder

vereinigt, wie sich in den Romanen feindliche Hände am Bette eines

Kranken treffen. Da habe ich es! Eines Kranken! Die Kinder sind immer

etwas krank; die Empfindlichkeit einer Mutter übertreibt die Gefahr;

ein Telegramm, und alles ist gesagt.

Ich kannte nicht die einfachsten Begriffe der Magie, aber ein

unheilvoller Instinkt flüsterte mir ins Ohr, was ich mit dem Porträt

meines geliebten Töchterchens vornehmen müsse, meines geliebten

Töchterchens, das später mein einziger Trost in einem verfluchten

Dasein werden sollte.

Ich werde die Folgen einer Handlung erzählen; wie die böse Absicht

durch die Vermittlung des symbolischen Verfahrens zu wirken schien.

Indessen liessen die Konsequenzen auf sie warten, und ich setzte meine

Arbeiten fort, hatte aber das Gefühl eines unerklärlichen Unbehagens,

das von der Ahnung neuen Unglücks begleitet war.

Als ich abends allein vor dem Mikroskop sass, begegnete mir ein

Zwischenfall, den ich damals nicht verstand, der aber doch einen

starken Eindruck auf mich machte.

Ich hatte seit vier Tagen eine Walnuss keimen lassen und löste jetzt

den Keim der, herzförmig und nicht grösser als ein Birnenkern,

zwischen zwei Samenblättchen eingepflanzt ist, deren Aussehen an das

menschliche Gehirn erinnert. Man stelle sich meine Erregung vor, als

ich auf der Platte des Mikroskops zwei Händchen erblickte, weiss wie

Alabaster, erhoben und gefaltet wie zum Gebet. Ist es eine Vision? eine

Halluzination? Oh nein! Eine niederschmetternde Wirklichkeit, die mir

Schrecken einflösst! Unbeweglich sind sie gegen mich wie in Beschwörung

ausgestreckt, ich kann ihr fünf Finger zählen, der Daumen ist kürzer,

richtige Frauen- oder Kinderhände.

Ein Freund, der mich vor diesem mich bestürzenden Schauspiel

überraschte, wurde aufgefordert, die Erscheinung zu bestätigen; und er

brauchte kein Hellseher zu sein, um zwei gefaltete Hände zu sehen, die

den Beobachter um Barmherzigkeit anrufen.

Was war das? Die beiden ersten unausgebildeten Blätter eines

Walnussbaumes, der Juglans regia, der Eichel des Jupiter. Weiter

nichts! Und dennoch die unleugbare Tatsache, dass sich zehn Finger von

menschlicher Form zu einer Gebärde des Flehens falteten: de profundis

clamavi ad te!

Noch zu kleingläubig und durch eine empirische Erziehung verdummt, gehe

ich darüber hinweg.

Der Fall ist getan! Ich fühle die Ungnade der unbekannten Mächte schwer

auf mir ruhen. Die Hand des Unsichtbaren ist erhoben, und die Schläge

fallen dicht auf mein Haupt.

Zuerst zieht sich mein anonymer Freund, der mich bisher unterstützt

hat, zurück, von einem anmassenden Brief verletzt; und ich stehe ohne

Hilfsmittel da.

Und als ich die Korrekturbogen von "Sylva Sylvarum" erhalte, entdecke

ich, dass der Text wie ein gut gemischtes Spiel Karten umgebrochen ist.

Nicht nur die Seiten sind umgestellt und falsch numeriert, auch die

verschiedenen Abteilungen sind so durcheinandergeworfen, dass sie auf

ironische Weise die Lehre von der "grossen Unordnung", die in der Natur

herrscht, symbolisieren.

Nach endlosen Verzögerungen und Verschiebungen ist die Broschüre

gedruckt; da aber präsentiert mir der Drucker eine Rechnung, deren

Belauf die vereinbarte Summe ums Doppelte übersteigt. Mit Bedauern

trage ich mein Mikroskop, den schwarzen Anzug und die wenigen

Kostbarkeiten, die mir geblieben sind, zum Leihamt, aber ich bin

schliesslich gedruckt, und zum erstenmal in meinem Leben bin ich

sicher, etwas Neues, Grosses und Schönes gesagt zu haben.

Der Übermut, mit dem ich die Exemplare zur Post trage, ist leicht zu

verstehen. Mit einer höhnisch-stolzen Gebärde werfe ich die Drucksachen

in den Kasten, und trotzig gegen die feindlichen Mächte denke ich:

--Hörst du, Sphinx, ich habe dein Rätsel gelöst, und ich fordere dich

heraus!

Als ich ins Hotel zurückkehre, wurde ich von der Rechnung überfallen,

die von einem Brief begleitet war.

Gereizt von diesem Schlag, der mir unerwartet kam, weil ich seit einem

Jahr der Gast des Hauses war, achte ich von jetzt an auf Kleinigkeiten,

die ich bisher übersehen habe. So werden in den benachbarten Zimmern

drei Klaviere auf einmal gespielt.

Ich sage mir, das ist ein Komplott dieser skandinavischen Damen, von

deren Verkehr ich mich zurückgezogen habe.

Drei Klaviere! Und ich kann das Hotel nicht wechseln, weil ich kein

Geld habe.

Ich schlafe ein, zornig auf diese Damen und das Schicksal, den Himmel

verwünschend.

Am nächsten Morgen werde ich durch einen unerwarteten Lärm geweckt.

Man hämmert im Nebenzimmer einen Nagel ein, gerade dort, wo mein Bett

steht. Dann hämmert es auf der andern Seite.

Eine Kabale, ebenso dumm wie diese Künstlerinnen; ich lasse sie

vorübergehen, ohne mich daran zu kehren.

Als ich mir aber nach dem Essen wie gewöhnlich ein Schläfchen auf

meinem Bett leisten will, ist ein solcher Lärm über meinem Alkoven zu

hören, dass mir der Gips der Decke auf den Kopf fällt.

Ich gehe zur Wirtin hinunter und beklage mich über das Betragen der

Gäste. Sie behauptet, übrigens sehr höflich, nichts gehört zu haben,

und verspricht mir, jeden, der es wagen würde, mich zu beunruhigen,

fortzujagen. Es lag ihr nämlich viel daran, mich in ihrem Hotel, das

nicht besonders ging, zu behalten.

Ohne den Worten einer Frau ganz zu glauben, verliess ich mich doch auf

ihr Interesse, das sie zwang, mich gut zu behandeln.

Doch hört der Lärm nicht auf, und ich verstehe, dass diese Damen mich

glauben machen wollen, es seien Klopfgeister. Wie einfältig!

Gleichzeitig ändern auch die Kameraden der Cremerie ihr Benehmen gegen

mich, und eine geheime Feindseligkeit äussert sich in versteckten

Blicken und tückischen Worten.

Des Haders müde, verlasse ich Hotel und Cremerie, ausgeplündert, Bücher

und Bibelots zurücklassend, nackt wie ein kleiner Johannes. Und ziehe

am 21. Februar 1896 ins Hotel Orfila ein.

6.

Das Fegefeuer.

Hotel Orfila, das wie ein Kloster aussieht, ist ein Pensionat für die

Studierenden der katholischen Gesellschaft. Ein liebenswürdiger und

milder Abbe hat die Aufsicht. Ruhe, Ordnung und gute Sitten herrschen

hier. Was mich aber besonders nach so vielen Verdriesslichkeiten

tröstet, ist, dass Frauen hier nicht zugelassen werden.

Das Haus ist alt; die Zimmer niedrig, die Korridore dunkel, und die

hölzernen Treppen schlängeln sich wie in einem Labyrinth. In diesem

Gebäude ist eine Atmosphäre von Mystik, die mich lange angezogen hat.

Mein Zimmer geht auf eine Sackgasse hinaus; von der Mitte aus sieht man

nur eine moosbewachsene Mauer mit zwei runden Fensterchen; sitze ich

aber an meinem Tisch vorm Fenster, so blicke ich auf eine entzückende

Landschaft, die ich nicht erwartet hätte.

Hinter einer Ringmauer, die mit Efeu bedeckt ist, liegt der Hof eines

Klosters für junge Mädchen unter Platanen, Paulownien, Robinien. Eine

köstliche Kapelle im Spitzbogenstil. Etwas weiter sind hohe Mauern

mit unzähligen vergitterten Fensterchen zu sehen, die mich an ein

Kloster denken lassen; dahinter im Tal ein Wald von Schornsteinen, die

halbverborgene alte Häuser krönen; und in der Ferne der Turm der Kirche

Notre-Dame-des-Champs, mit dem Kreuz und, ganz oben, dem Hahn.

In meinem Zimmer hängt ein Kupferstich mit dem heiligen Vincenz de

Paul, ein zweiter, mit Sankt Peter, hängt im Alkoven über dem Bett. Der

Pförtner des Himmels! Welche beissende Ironie für mich, der vor einigen

Jahren den Apostel in einem phantastischen Drama lächerlich gemacht hat.

Mit meinem Zimmer sehr zufrieden, schlafe ich die erste Nacht gut.

Am nächsten Morgen entdecke ich, dass der Abtritt in dem Gässchen unter

meinem Fenster liegt, und zwar so nahe, dass man das Auf- und Zuklappen

des eisernen Deckels hört. Weiter erfahre ich, dass die beiden runden

Fensterchen gegenüber ebenfalls zu Abtritten gehören. Schliesslich

vergewissere ich mich, dass die hundert Fensterchen im Hintergrund des

Tals zu ebenso viel Abtritten gehören, die auf der Hofseite einer Reihe

Häuser liegen.

Ich wüte zuerst, da ich aber nicht die Mittel habe, mich zu rühren,

beruhige ich mich, indem ich das Schicksal verwünsche.

Gegen ein Uhr bringt mir der Diener das Frühstück, und da ich meinen

Arbeitstisch nicht in Unordnung bringen will, stellt er das Tablett auf

den Nachttisch, in dem das Nachtgeschirr steht.

Ich machte ihn darauf aufmerksam, und der Diener entschuldigte sich

damit, dass er keinen andern Tisch zur Verfügung habe. Er sah ehrlich

und nicht boshaft aus, so dass ich ihm verzieh; und das Nachtgeschirr

wurde fortgenommen.

Wenn ich zu dieser Zeit schon Swedenborg gekannt hätte, würde ich

begriffen haben, dass ich von den Mächten zur Kothölle verurteilt

sei. Jetzt aber tobte ich gegen das fortwährende Unglück, das mich

seit so vielen Jahren verfolgte; dann beruhigte ich mich mit düsterer

Resignation, die sich vor dem Schicksal beugt. Ich erbaute mich,

indem ich das Buch Hiob las, überzeugt, der Ewige habe mich dem Satan

überliefert, um mich zu prüfen. Dieser Gedanke tröstete mich, und

das Leiden erfreute mich als Zeichen des Vertrauens von seiten des

Allmächtigen.

Nun beginnt eine Reihe von Offenbarungen, die ich nicht erklären kann,

ohne die Mitwirkung der unbekannten Mächte anzunehmen; und von diesem

Augenblick an mache ich Aufzeichnungen, die sich allmählich anhäufen

und ein Tagebuch bilden, aus dem ich hier Auszüge gebe.

Eine unangenehme Stille hat sich um meine chemische Untersuchungen

gelegt. Um mich wieder aufzurichten und einen entscheidenden Schlag

zu führen, nehme ich das Problem Gold zu machen, vor. Ich ging von

der Frage aus: warum fällt schwefelsaures Eisen in einer Lösung von

Goldsalz metallisches Gold? Antwort: weil Eisen und Schwefel in

der Konstitution des Goldes auftreten. In der Tat enthalten alle

Schwefeleisen der Natur mehr oder weniger Gold. Ich begann also mit

Lösungen von schwefelsaurem Eisen zu bearbeiten.

Eines Morgens erwachte ich mit der unbestimmten Lust, einen Ausflug

aufs Land zu machen, obwohl das gegen meinen Geschmack und meine

Gewohnheiten war. Ohne dahin zu wollen, kam ich nach dem Bahnhof

Montparnasse und bestieg den Zug nach Meudon. Ich gehe ins Dorf

hinunter, das ich zum ersten Mal besuche. Gehe die grosse Strasse

hinauf und biege rechts ab in eine Gasse, die zwischen zwei Mauern

läuft. Zwanzig Schritte vor mir, zur Hälfte in der Erde vergraben,

erhebt sich ein römischer Ritter in eisengrauer Rüstung aus dem Boden.

Obwohl recht sauber modelliert, wenn auch im kleinen, täuscht mich die

Figur nicht darüber, dass sie nur aus rohem Stein ist. Tritt man näher,

sieht man, dass es eine Augentäuschung ist, und ich bleibe stehen, mir

geflissentlich die Illusion erhaltend, die mir Vergnügen macht. Der

Ritter betrachtet die nahe Mauer, ich folge seinen Augen und bemerke

auf dem Kalk eine Kohlenschrift. Die verschlungenen Buchstaben F und

S lassen mich an die Initialen des Namens meiner Frau denken. Sie

liebt mich noch immer!--In der nächsten Sekunde erscheinen mir, die

chemischen Zeichen des Eisens und Schwefels, Fe und S, die sich trennen

und meinen Augen das Geheimnis des Goldes zeigen.

Ich untersuche den Boden und finde zwei Bleistempel, die durch

Bindfaden vereinigt sind. Der eine trägt die Buchstaben V. P., der

andere eine Königskrone.

Ohne dieses Abenteuer näher deuten zu wollen, kehre ich nach Paris

zurück, unter dem lebhaften Eindruck, etwas Wunderbares erlebt zu haben.

In meinem Kamin brenne ich Kohlen, die man wegen ihrer runden und

gleichartigen Form Spatzenköpfe nennt. Als eines Tages das Feuer

erlosch, ehe es ausgebrannt war, nehme ich ein Kohlenkonglomerat

heraus, das die Züge einer phantastischen Gestalt zeigt. Ein Hahnenkopf

mit prächtigem Kamm, der Rumpf eher menschlich und die Glieder

gewunden. Man hätte sagen können, es sei ein Teufel, wie man sie auf

den Hexensabbathen des Mittelalters darstellte.

Am andern Tage nehme ich wieder eine prächtige Gruppe zweier berauchter

Gnomen oder Kobolde heraus, die sich umarmen, während die Kleider

flattern. Es ist ein Meisterwerk primitiver Skulptur.

Am dritten Tag ist es eine Madonna mit dem Kinde, in byzantinischem

Stil, von einer unvergleichlichen Linie.

Ich lasse alle drei auf meinem Tisch liegen, nachdem ich sie mit

schwarzer Kreide abgezeichnet habe.

Ein befreundeter Maler besucht mich; er betrachtet die drei Statuetten

mit wachsender Neugier und fragt mich:

--Wer hat das gemacht?

--Gemacht?

Um ihn auf die Probe zu stellen, nenne ich den Namen eines norwegischen

Bildhauers.

--Wirklich? Ich hätte sie Kittelsen, dem berühmten Illustrator der

skandinavischen Sagen, zugeschrieben.

Ich glaube nicht an die Existenz von Teufeln, aber ich bin begierig,

zu sehen, welchen Eindruck meine Statuetten auf die Spatzen machen,

die gewohnt sind, vor meinem Fenster Brot zu bekommen; ich stelle die

Figuren also aufs Dach.

Die Spatzen erschrecken und halten sich fern. Es ist also eine

Ähnlichkeit vorhanden, welche selbst die Tiere wahrnehmen können; es

liegt eine Wirklichkeit hinter diesem Spiel der trägen Materie und des

Feuers.

Die Sonne wärmt meine Figuren so, dass der Teufel mit dem Hahnenkamm

platzt; das erinnert mich an die Volkssage, dass die Kobolde sterben,

wenn sie warten, bis die Sonne aufgeht.

Es geschehen Dinge im Hotel, die mich beunruhigen.

Am Tage nach meiner Ankunft finde ich an der Tafel im Flur, an der

die Zimmerschlüssel hängen, einen Brief, der an einen Herrn X., einen

Studenten adressiert ist, der denselben Namen wie die Familie meiner

Frau trägt. Der Poststempel ist Dornach, der Name des österreichischen

Dorfes, wo meine Frau und mein Kind wohnen. Da ich aber sicher bin,

dass es kein Postamt in Dornach gibt, bleibt die Sache rätselhaft.

Diesem Brief, der in so herausfordernder Art dahin gelegt ist, als habe

man die Absicht, ihn zu zeigen, folgen andere.

Der zweite ist an Herrn Dr. Bitter adressiert und Wien abgestempelt;

ein dritter trägt das polnische Pseudonym Schmulachowsky.

Jetzt mischt sich der Teufel ein. Denn dieser Name ist verstellt, und

ich verstehe, an wen er erinnern will: es ist ein Todfeind von mir, der

in Berlin wohnt.

Ein anderes Mal ist es ein schwedischer Name, der mich an einen Feind

in meiner Heimat erinnert.

Schliesslich trägt ein in Wien abgestempelter Brief den Aufdruck:

Bureau für Chemische Analyse von Dr. Eder. Das heisst, man spioniert

nach meiner Goldsynthese.

Kein Zweifel mehr, hier wird eine Intrige gesponnen; aber der Teufel

hat diesen Falschspielern die Karten gemischt. Meinen Argwohn nach vier

Richtungen der Welt irren zu lassen, das ist zu erfinderisch für die

einfältigen Sterblichen.

Als ich mich beim Diener nach diesem Herrn X. erkundige, gibt er mir

die dumme Antwort, es sei ein Elsässer. Das ist alles.

Als ich eines Morgens von meinem Spaziergang zurückkehre, finde ich

eine Postkarte in dem Fach neben meinem Schlüssel. Einen Augenblick

ergreift mich die Versuchung, das Rätsel durch einen Blick auf die

Karte zu lösen, aber mein Schutzengel lähmte meine Hand gerade in der

Sekunde, in welcher der junge Mann aus seinem Versteck hinter der Tür

hervortritt.

Ich sehe ihm ins Gesicht: er gleicht meiner Frau. Schweigend grüssen

wir uns, und jeder geht seines Weges.

Ich habe die Intrige niemals erklären können, deren Personen ich noch

nicht kenne, da meine Frau weder einen Bruder noch einen Vetter hat.

Die Ungewissheit, die beständige Drohung einer Rache waren mir sechs

Monate lang genügende Tortur. Ich ertrug sie wie das andere als eine

Strafe für bekannte und unbekannte Sünden.

Mit dem neuen Jahr gesellte sich ein neuer Mann dem Kreis der Cremerie.

Maler und Amerikaner, kam er zur rechten Zeit, um unsere schläfrige

Gesellschaft zu beleben. Ein lebhafter Geist, ein Kosmopolit, ein

kühner Mensch, guter Kamerad, flösste er mir doch ein unbestimmtes

Misstrauen ein. Trotz seinem sichern Auftreten witterte ich, dass seine

Lage durchaus nicht gesichert sei.

Der Krach brach schneller aus, als man erwartet hätte. Eines Abends

trat der Unglückliche in mein Zimmer und bat um die Erlaubnis, einen

Augenblick bleiben zu dürfen. Er sah aus wie ein verlorener Mann, und

er war es.

Der Hauswirt hatte ihn aus seinem Atelier gejagt, seine Geliebte

hatte ihn verlassen, seine Gläubiger bedrängten ihn; auf der Strasse

beschimpften ihn die Zuhälter seiner nicht bezahlten Modelle; was

ihn aber vollständig vernichtete, war die Grausamkeit des Hauswirts,

sein für die Ausstellung bestimmtes Gemälde mit Beschlag zu belegen;

er hatte nämlich auf einen Erfolg gerechnet, weil er das Sujet für

originell und stark hielt. Es war eine schwangere Emanzipierte, die von

der Menge ans Kreuz geschlagen und ausgepfiffen wird.

Da er auch in der Cremerie überschuldet war, stand er mit leerem Magen

auf der Strasse.

Nach der ersten Beichte vervollständigte er seine Aussage, indem er

eingestand, er habe eine doppelte Dosis Morphium genommen, aber der Tod

wolle ihn noch nicht.

Nachdem wir ernst und reiflich überlegt hatten, kamen wir schliesslich

dahin, dass er das Viertel verlassen müsse. Ich wollte mit ihm in einer

andern unbekannten Garküche zu Mittag essen, damit nicht der Mangel

an Freunden ihm den Mut nähme, ein anderes Bild für den Salon der

Unabhängigen fertig zu machen.

Das Unglück dieses Mannes, der mein einziger Kamerad geworden ist,

vergrössert mein Leiden, weil ich auch noch seine Pein auf mich nehme.

Es ist eine Herausforderung von mir, die mir eine Erfahrung von

grossem Wert einbringt. Er enthüllt mir seine ganze Vergangenheit:

Deutscher von Geburt, hat er sieben Jahre in Amerika gelebt, infolge

eines Unglücks, das über seine Familie hereinbrach, und wegen eines

Jugendstreiches: er hatte eine gottlose Schmähschrift herausgegeben,

die von der Polizei beschlagnahme wurde.

Inferno; Legenden · 第 2 / 25 段