INFERNO
LEGENDEN
AUGUST STRINDBERG
VERDEUTSCHT VON EMIL SCHERING
FÜNFTE AUFLAGE
MÜNCHEN UND LEIPZIG
BEI GEORG MÜLLER
1914
Die grosse Krisis mit fünfzig Jahren Revolutionen im
Seelenleben, Wüsten-Wandrungen, Verödung, Swedenborgs
Höllen und Himmel.
Deutsche Original-Ausgabe gleichzeitig mit der
schwedischen Ausgabe unter Mitwirkung von Emil
Schering als Übersetzer vom Dichter selbst
veranstaltet.
CORAM POPULO!
DE CREATIONE ET SENTENTIA VERA
MUNDI
MYSTERIUM
Personen:
DER EWIGE, unsichtbar.
GOTT, der böse Geist, der Usurpator, der Fürst dieser Welt.
LUCIFER, der Lichtbringer, entthront.
Erzengel.
Engel.
Adam und Eva.
Erster Akt
DER HIMMEL
Gott und Lucifer, jeder auf seinem Thron. Sie sind von Engeln umgeben.
Gott ist ein Greis, dessen Gesichtsausdruck streng, fast böse ist;
er hat einen langen weissen Bart und kleine Hörner, wie der Moses
Michelangelos.
Lucifer ist jung und schön, hat etwas von Prometheus, Apollo, Christus;
die Farbe des Gesichts ist weiss, leuchtend, die Augen blitzen, die
Zähne glänzen; hat einen Heiligenschein über dem Kopf.
GOTT:
Es sei Bewegung, denn die Ruhe hat uns verdorben! Ich will noch eine
Offenbarung wagen, auf die Gefahr hin, mich zu zerteilen und in der
rohen Menge zu verlieren.
Seht, dort unten zwischen Mars und Venus sind noch einige Myriameter
frei in meinem Sonnensystem. Dort will ich eine neue Welt schaffen: aus
Nichts soll sie geboren werden, und ins Nichts soll sie einst wieder
zurückkehren. Die Geschöpfe, die dort leben werden, sollen sich für
Götter halten wie wir, und unsere Freude soll sein, sie kämpfen und
prahlen zu sehen. Die Welt der Torheit soll sie darum auch heissen.
Was sagt mein Bruder Lucifer, der mit mir die Macht über diese Reiche
südlich der Milchstrasse teilt?
LUCIFER:
Herr und Bruder, dein böser Wille heischt Leid und Verderben; ich liebe
deinen Gedanken nicht.
GOTT:
Was sagen die Engel zu meinem Vorschlag?
DIE ENGEL:
Der Wille des Herrn geschehe!
GOTT:
Es werde, wie ich gesagt! Und wehe denen, welche die Tröpfe in der Welt
der Torheit über ihren Ursprung und ihre Aufgabe aufklären.
LUCIFER:
Wehe denen, die böse gut und gut böse nennen, die aus Finsternis Licht
und aus Licht Finsternis machen, die aus bitter süss und aus süss
bitter machen! Ich lade dich vor das Gericht des Ewigen!
GOTT:
Das warte ich ab! Denn begegnest du dem Ewigen öfter als alle zehn mal
zehntausend Jahre, wenn er diese Gebiete besucht?
LUCIFER:
Ich werde den Menschen die Wahrheit sagen, auf dass deine Anschläge zu
nichte werden.
GOTT:
Verflucht seist du Lucifer! Und dein Platz sei in der Welt der Torheit,
damit du ihre Qualen siehst; und die Toren sollen dich den Bösen nennen!
LUCIFER:
Du wirst siegen, weil du stark bist wie das Böse! Für die Menschen
wirst du Gott sein, Du, der Verleumder, der Satan!
GOTT:
Hinunter mit dem Empörer! Vorwärts, Michael, Raphael, Gabriel, Uriel!
Stosst: Samael, Azarël, Mehazaël! Blast: Oriens, Paymon, Egyn, Amaimon!
(Lucifer wird von einem Wirbelwind erfasst und in die Abgründe
gestürzt.)
Zweiter Akt
AUF ERDEN
Adam und Eva unter dem Baum der Erkenntnis. Dann Lucifer in der Gestalt
einer Schlange.
EVA:
Diesen Baum habe ich noch nie gesehen.
ADAM:
Diesen Baum dürfen wir nicht berühren.
EVA:
Wer hat das gesagt?
ADAM:
Gott.
LUCIFER: (erscheint). Welcher Gott? Es gibt mehrere!
ADAM:
Wer spricht da?
LUCIFER:
Ich, Lucifer, der Lichtbringer, der euer Glück wünscht, der unter euren
Leiden leidet. Seht den neuen Morgenstern, der die Rückkehr der Sonne
verkündet! Das ist mein Stern, und darüber befindet sich ein Spiegel,
der das Licht der Wahrheit zurückstrahlt. Wenn die Zeit erfüllt ist,
wird der Stern aus einer Wüste Hirten an eine Krippe führen, in der
mein Sohn geboren werden wird, der Erlöser der Welt.
Sobald ihr von diesem Baum esset, werdet ihr wissen, was gut und was
böse ist. Ihr werdet wissen, dass das Leben ein Übel ist, dass ihr
keine Götter seit, dass der Böse euch mit Blindheit geschlagen hat,
dass euer Dasein sich nur abrollt, um die Götter zum Lachen zu bringen.
Esset davon und ihr werdet die Befreiung von den Schmerzen, die Freude
des Todes, besitzen!
EVA:
Ich möchte wissen und befreit werden! Iss auch, Adam. (Sie essen die
verbotene Frucht.)
Dritter Akt
DER HIMMEL
Gott und Uriel.
URIEL:
Wehe uns, unsere Freude ist aus.
GOTT:
Was ist geschehen?
URIEL:
Lucifer hat den Bewohnern der Erde unsere Handlungsweise enthüllt; sie
wissen alles und sind glücklich.
GOTT:
Glücklich! Wehe uns!
URIEL:
Noch mehr, er hat ihnen das Geschenk der Befreiung gegeben: sie können
also ins Nichts zurückkehren.
GOTT:
Sterben!... Gut! Dann sollen sie sich vermehren, ehe sie sterben. Es
werde die Liebe!
Vierter Akt
IN DER HÖLLE
LUCIFER:
(gebunden). Seit die Liebe in die Welt gekommen ist, ist meine Macht
tot. Abel wurde durch Kain befreit, aber erst, nachdem er sich mit
seiner Schwester fortgepflanzt hatte. Ich will euch alle befreien!
Wasser, Meere, Quellen, Flüsse, ihr wisst die Flamme des Lebens zu
erlöschen, steigt! vernichtet!
Fünfter Akt
DER HIMMEL
Gott und Uriel.
URIEL:
Wehe uns, unsere Freude ist aus.
GOTT:
Was ist geschehen?
URIEL:
Lucifer hat auf das Wasser geblasen: es steigt und befreit die
Sterblichen!
GOTT:
Ich weiss! Aber ich habe ein Paar von den am wenigsten Aufgeklärten
gerettet, das niemals das Wort des Rätsels erfahren wird. Die Arche der
beiden ist schon auf dem Berg zwischen den drei Wassern gelandet, und
sie haben Dankopfer dargebracht.
URIEL:
Aber Lucifer hat ihnen eine Pflanze gegeben, die sie Weinrebe nennen
und deren Säfte die Torheit heilt. Ein Trunk Wein, und sie werden
sehend.
GOTT:
Die Vorwitzigen! Sie wissen nicht, dass ich ihre Pflanze mit seltsamen
Tugenden begabt habe: Wahnsinn, Schlaf, Vergessen. Sie werden nicht
mehr wissen, was ihre Augen gesehen haben.
URIEL:
Wehe uns! Was machen sie dort unten, die törichten Bewohner der Erde?
Sie bauen einen Turm. Sie wollen den Himmel stürmen. Lucifer hat sie
fragen gelehrt. Gut! Ich werde ihre Zungen berühren, dass sie Fragen
fragen, ohne Antwort zu erhalten; und mein Bruder Lucifer verstumme.
Sechster Akt
DER HIMMEL
Gott und Uriel.
URIEL:
Wehe uns, Lucifer hat seinen Sohn gesandt, der den Menschen die
Wahrheit lehrt....
GOTT:
Was sagt er?
URIEL:
Geboren von einer Jungfrau, will dieser Sohn gekommen sein, um die
Menschen zu befreien, und durch seinen eigenen Tod will er den
Schrecken des Todes aufheben.
GOTT:
Was sagen die Menschen?
URIEL:
Die einen sagen, der Sohn sei Gott, die andern, er sein der Teufel.
GOTT:
Was verstehen sie unter dem Teufel?
URIEL:
Lucifer!
GOTT:
(zornig). Mich reut, den Menschen auf Erden geschaffen zu haben; er
ist stärker geworden als ich, und ich weiss nicht mehr, wie ich diese
Menge von Toren und Dummen lenken soll. Amaimon, Egyn, Paymon, Oriens,
nehmt mir diese Last ab; stürzt den Ball in die Abgründe. Fluch auf das
Haupt der Rebellen! Pflanzt auf der Stirn des verwünschten Planeten den
Galgen auf, das Zeichen des Verbrechens, der Züchtigung und des Leidens.
(Egyn und Amaimon erscheinen.)
EGYN:
Herr! Euer grausamer Wille und das ausgesprochene Wort haben ihre
Wirkung getan! Die Erde stürmt auf ihrer Bahn dahin; die Berge stürzen
ein, die Wasser überschwemmen das Land; die Achse zielt nach Norden;
Kälte und Finsternis, Pest und Hunger verheeren die Völker; die Liebe
ist in tödlichen Hass verwandelt, die kindliche Ehrerbietung in
Elternmord. Die Menschen glauben in der Hölle zu sein, und Ihr, Herr,
Ihr seid entthront!
GOTT:
Zu Hilfe! Ich bereue meine Reue!
AMAIMON:
Zu spät! Alles geht seinen Gang, seit Ihr die Kräfte entfesselt habt....
GOTT:
Ich bereue! Ich habe Funken meiner Seele in unreine Geschöpfe gelegt,
deren Hurerei mich erniedrigt, wie die Gattin ihren Gatten besudelt,
wenn sie ihren Körper besudelt.
EGYN (zu Amaimon):
Der Alte redet irre!
GOTT:
Meine Tatkraft erschöpft sich, wenn sie sich von mir entfernen; ihre
Verderbnis ergreift mich; die Torheit meiner Nachkommenschaft steckt
mich an. Was habe ich begangen, Ewiger? Habe Erbarmen mit mir! Weil er
den Fluch geliebt hat, falle der Fluch auf ihn zurück; und weil er kein
Wohlgefallen am Segen gehabt hat, weiche der Segen von ihm.
EGYN:
Welcher Wahnsinn!
GOTT:
(wirft sich nieder). Herr, Ewiger, es gibt unter den Göttern keinen,
der dir ähnlich ist! Deine Werke sind unvergleichlich. Denn du bist
gross und du tust Wunder; und du allein bist Gott, du allein!
AMAIMON:
Wahnsinn!
EGYN:
Das ist der Lauf der Welt: wenn die Götter sich vergnügen, die
Sterblichen sie drum betrügen!...
INFERNO
1894--1897
Motto
Beuge dein Haupt, stolzer Recke
Bete an, was du verbrannt hast;
Verbrenne, was du angebetet hast!
Und will mein Angesicht wider ihn setzen
und ihn mit Schauder schlagen,
dass er zum Zeichen und Sprichwort wird.
Hesekiel 14,8.
Unter welchen ist Hymenäus und Alexander,
welche ich habe dem Satan übergeben,
dass sie gezüchtigt werden, nicht mehr zu lästern.
1. Timotheus I,20.
1.
Die Hand des Unsichtbaren.
Mit einem Gefühl wilder Freude kehrte ich vom Nordbahnhof zurück, wo
ich meine liebe Frau verlassen hatte; sie fuhr zu unserm Kind, das in
fernem Land erkrankt war. Vollbracht war also das Opfer meines Herzens!
Die letzten Worte: "Wann sehen wir uns wieder?--Bald!" klangen mir
noch im Ohr, wie Lügen, die man sich nicht eingestehen will; eine
Ahnung sagte mir: "Niemals!" Und wirklich, diese Abschiedsworte, die
wir in November 1894 wechselten, waren unsere letzten, denn bis zu
diesem Augenblick, im Mai 1897, habe ich meine geliebte Gattin nicht
wiedergesehen.
Als ich ins Café de la Régence kam, setzte ich mich an den Tisch,
an dem ich mit meiner Frau zu sitzen pflegte, meiner schönen
Gefangenenwärterin, die Tag und Nacht meine Seele belauerte, meine
geheimen Gedanken ahnte, den Flug meiner Ideen bewachte, auf mein
Forschen im Unbekannten eifersüchtig war....
Durch die wiedergewonnene Freiheit dehnt sich mein Ich aus und ich
werde hinausgehoben über die kleinen Sorgen der grossen Stadt.
Auf diesem Schauplatz geistiger Kämpfe hatte ich eben einen Sieg
davongetragen, der an sich wertlos, für mich aber über die Massen gross
war, da er die Erfüllung meines Jugendtraumes ausmachte, von allen
meinen Landsleuten geträumt, aber allein von mir verwirklicht: auf
einer Pariser Bühne gespielt zu sein. Das Theater stiess mich ab, wie
alles, was man erreicht hat, und die Wissenschaft zog mich an. Zwischen
Liebe und Wissen wählen müssend, hatte ich mich dafür entschieden,
nach der höchsten Erkenntnis zu streben; und da ich selber meine Liebe
opferte, vergass ich das unschuldige Opfer, das ich meinem Ehrgeiz oder
meinem Beruf brachte.
Sobald ich in mein schlechtes Studentenzimmer im lateinischen Viertel
zurückkehre, durchsuche ich meinen Koffer und ziehe aus ihrem Versteck
sechs Tiegel aus feinem Porzellan hervor; die habe ich längst gekauft,
obwohl sie mir für meine Verhältnisse zu teuer waren. Eine Zange und
ein Paket reinen Schwefels vollenden die Einrichtung des Laboratoriums.
Ein Schmelzofenfeuer ist im Kamin angezündet, die Tür geschlossen und
die Vorhänge heruntergelassen; denn drei Monate nach der Hinrichtung
Caserios ist es nicht klug, in Paris chemische Werkzeuge in die Hand zu
nehmen.
Die Nacht sinkt herab, der Schwefel brennt wie höllische Flammen,
und gegen Morgen habe ich Kohlenstoff in diesem für ein Element
gehaltenen Körper festgestellt. Damit glaube ich das grosse Problem
gelöst, die herrschende Chemie gestürzt und die Sterblichen vergönnte
Unsterblichkeit erworben zu haben.
Aber die Haut meiner Hände, die von dem starken Feuer fast gebraten
ist, schält sich in Schuppen ab, und der Schmerz, den ich beim
Auskleiden an den Händen leide, zeigt mir, welchen Preis ich für meinen
Sieg gezahlt habe. Doch als ich allein im Bette liege, das noch nach
der Frau duftet, fühle ich mich selig. Ein Gefühl seelischer Reinheit,
männlicher Jungfräulichkeit empfindet das vergangene Eheleben als etwas
Unreines; und ich bedaure nur, niemand zu haben, dem ich für meine
Befreiung aus seinen schmutzigen, nun ohne viel Worte zerrissenen
Fesseln danken könnte. Ich bin nämlich im Lauf der Jahre Atheist
geworden, da die unbekannten Mächte die Welt sich selber überlassen
haben, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben.
Jemand, dem ich danken könnte! Es ist niemand da, und meine mir
aufgedrängte Undankbarkeit bedrückt mich!
Auf meine Entdeckung eifersüchtig, tue ich keine Schritte, um sie
bekannt zu machen. In meiner Schüchternheit wende ich mich weder
an Autoritäten noch an Akademien. Während ich meine Experimente
fortsetze, verschlimmern sich meine aufgesprungenen Hände, die
Schrunden brechen auf und füllen sich mit Kohlenstaub; das Blut sickert
hervor und die Schmerzen werden so unerträglich, dass ich nichts mehr
anfassen kann. Diese Qualen, die mich rasend machen, möchte ich den
unbekannten Mächten zuschreiben, die mich seit Jahren verfolgen und
meine Anstrengungen vereiteln. Ich meide die Menschen, versäume die
Gesellschaften, lehne Einladungen ab, entfremde mich den Freunden.
Schweigen und Einsamkeit breiten sich um mich. Es ist die feierliche
und furchtbare Stille der Wüste, in der ich aus Trotz den Unbekannte
herausfordere, um mit ihm zu ringen Leib an Leib, Seele an Seele.
Dass der Schwefel Kohlenstoff enthält, habe ich nachgewiesen; jetzt
will ich Wasserstoff und Sauerstoff entdecken, denn die müssen
ebenfalls darin vorhanden sein. Doch meine Apparate reichen dazu nicht,
mir fehlt Geld, meine Hände sind schwarz und blutend, schwarz wie das
Elend, blutig wie mein Herz. Denn während dieser Zeit stand ich im
Briefwechsel mit meiner Frau. Ich erzählte ihr von meinen Erfolgen in
der Chemie; sie antwortet mit Berichten über die Krankheit unseres
Kindes, in die sie hier und dort einstreut, dass meine Wissenschaft
eitel sei, und dass es töricht sei, dafür Geld fortzuwerfen.
In einer Anwandlung gerechten Stolzes, in dem leidenschaftliches
Verlangen, mir selber ein Leid anzutun, begehe ich den Selbstmord, in
einem nichtswürdigen, unverzeihlichen Briefe Weib und Kind von mir zu
stossen, indem ich zu verstehen gebe, dass ein neues Liebesverhältnis
meine Gedanken beschäftige.
Der Hieb sitzt. Meine Frau antwortet mit einer Klage auf Scheidung.
Allein, des Selbstmordes und Meuchelmordes schuldig, vergesse ich das
Verbrechen über den Kummer und die Sorgen. Niemand besucht mich, und
ich kann niemand sehen, da ich alle gekränkt habe.
Über die Fläche eines Meeres treibe ich allein dahin; den Anker habe
ich gelichtet, doch ich habe keine Segel.
Aber die Not, in der Form einer unbezahlten Rechnung, unterbricht meine
wissenschaftlichen Arbeiten und meine metaphysischen Spekulationen und
ruft mich auf die Erde zurück.
Weihnachten nähert sich. Die Einladung einer skandinavischen Familie,
deren Atmosphäre mir wegen ihrer peinlichen Unregelmässigkeiten
missfällt, habe ich schroff abgelehnt. Als aber der Abend da ist und
ich allein bin, reut es mich und ich gehe doch hin.
Man setzt sich zu Tisch, und das Nachtmahl beginnt mit grossem Lärm und
ausgelassener Freude, denn die jungen Künstler fühlen sich hier wie zu
Hause. Eine mich abstossende Vertraulichkeit der Gebärden und Mienen,
ein Ton, der nicht nach Familie klingt, drückt mich in einer Weise
nieder, wie ich sie nicht beschreiben kann. Mitten in den Saturnalien
lässt meine Traurigkeit vor meinem Innern das friedliche Haus meiner
Frau erscheinen. Der Salon ruft eine plötzliche Vision in mir hervor:
der Weihnachtsbaum, die Mistel, mein Töchterchen, ihre verlassene
Mutter.... Gewissensqual packt mich; ich stehe auf, schütze ein
Unwohlsein vor und gehe.
Ich gehe die schreckliche Rue de la Gaieté hinunter, auf der die
gekünstelte Fröhlichkeit der Menge mich verletzt; dann die düstere und
stille Rue Delambre, die mehr als eine andere Strasse des Viertels
einen zur Verzweiflung bringen kann. Ich biege in den Boulevard
Montparnasse ein und lasse mich auf der Terrasse der Brasserie de Lilas
auf einen Stuhl fallen.
Ein guter Absinth tröstet mich einige Minuten lang. Dann überfällt
mich eine Bande Kokotten und Studenten, die mich mit Ruten ins Gesicht
schlagen. Wie von Furien gejagt, lasse ich meinen Absinth stehen und
beeile mich einen andern zu suchen, im Café François Premier, auf dem
Boulevard Saint-Michel.
Von der Asche ins Feuer! Ein zweiter Trupp schreit mich an: Heda,
der Einsiedler! Von den Eumeniden gepeitscht, fliehe ich nach Haus,
geleitet von den entnervenden Fanfaren der Zwiebelflöten.
Der Gedanke, dass es eine Züchtigung sein könne, die Folge eines
Verbrechens, kommt mir nicht. Vor mir selber fühle ich mich unschuldig,
halte mich für den Gegenstand einer ungerechten Verfolgung.
Die unbekannten Mächte haben mich gehindert, mein grosses Werk
fortzusetzen; die Hindernisse mussten durchbrochen werden, ehe ich die
Krone des Siegers davontragen konnte.
Ich habe unrecht gehabt, und zugleich habe ich recht und werde recht
behalten!
Diese Weihnacht schlief ich schlecht. Ein kalter Luftzug schnitt
mehrere Male mein Gesicht, und von Zeit zu Zeit weckte mich der Ton
einer Maultrommel.
Eine zunehmende Hinfälligkeit kommt über mich. Meine schwarzen und
blutenden Hände hindern mich daran mich anzukleiden und mein Äusseres
zu pflegen. Die Furcht vor der Hotelrechnung lässt mir keine Ruhe mehr,
und ich gehe in meinem Zimmer hin und her, wie ein wildes Tier in
seinem Käfig.
Ich esse nicht mehr, und der Wirt rät mir, ins Krankenhaus zu gehen.
Damit ist mir nicht geholfen, denn es ist teuer, auch muss man vorher
bezahlen.
Da macht sich eine Anschwellung der Armadern bemerkbar, das ist das
Zeichen für eine Blutvergiftung. Das ist der Gnadenstoss.
Die Neuigkeit verbreitet sich unter meinen Landsleuten und eines Abends
kommt die barmherzige Frau, von deren Weihnachtsessen ich so brüsk
aufgebrochen, die mir antipathisch war, die ich beinahe verachtete,
sucht mich auf, erkundigt sich nach meinem Befinden, erfährt mein Elend
und bezeichnet mir unter Tränen das Krankenhaus als einzige Rettung.
Man wird begreifen, wie hilflos und zerknirscht ich dastehe, als
mein beredtes Schweigen ihr klar macht, dass ich ohne Mittel bin.
Als sie mich so gefallen sieht, wird sie von Mitleid erfasst. Selber
arm und von der Sorge ums tägliche Leben bedrückt, will sie in der
skandinavischen Kolonie Almosen sammeln und zum Geistlichen der
Gemeinde gehen.
Die sündige Frau hat Erbarmen mit dem Mann, der eben sein rechtmässiges
Weib verlassen hat.
Noch einmal Bettler, durch die Vermittlung einer Frau um Barmherzigkeit
bittend, beginne ich zu ahnen, dass es eine unsichtbare Hand gibt,
welche die unwiderstehliche Logik der Ereignisse lenkt. Ich beuge mich
unter dem Sturm, entschlossen, mich bei der ersten Gelegenheit wieder
zu erheben.
Der Wagen bringt mich nach dem Krankenhaus des heiligen Ludwig.
Unterwegs, in der Rue de Rennes, steige ich aus, um zwei weisse Hemden
zu kaufen.
--Das Totenhemd für die letzte Stunde.
Ich denke wirklich an den nahen Tod, ohne dass ich sagen kann, warum.
Im Krankenhaus wird mir verboten, ohne Erlaubnis auszugehen; dazu sind
meine Hände so umwickelt, dass mir jede Beschäftigung unmöglich wird;
ich fühle mich daher als Gefangener.
Mein Zimmer ist abstrakt, nackt, enthält nur das Nötigste, zeigt keine
Spur von Schönheit; es liegt neben dem Gesellschaftssaal, wo man vom
Morgen bis zum Abend raucht und Karten spielt.
Es läutet zum Frühstück. Als ich mich zu Tisch setze, finde ich mich in
einer furchtbaren Gesellschaft. Köpfe von Toten und Sterbenden: hier
fehlt die Nase, dort ein Auge; dort hängt die Lippe herab, hier ist
die Wange angefault. Zwei sehen nicht krank aus, zeigen dafür aber in
ihrem Gesicht Gram und Verzweiflung. Das sind grosse Diebe der feinen
Gesellschaft, die infolge mächtiger Verbindungen als "Kranke" dem
Gefängnis entronnen sind.
Ein widerwärtiger Geruch nach Jodoform nimmt mir den Appetit. Und da
meine Hände gebunden sind, muss ich beim Brotschneiden und Einschenken
die Hilfe meiner Nachbarn in Anspruch nehmen. Um dieses Gastmahl der
Verbrecher und zum Tode Verurteilten geht die grosse Mutter, die
Vorsteherin, mit ihrer ernsten Tracht in schwarz und weiss und gibt
einem jeden von uns seine giftige Arznei. Mit einem Arsenikbecher
trinke ich einem Totenkopf zu, der mir mit Digitalin nachkommt. Das ist
grausig, und dabei muss man noch dankbar sein: das macht mich rasend!
Für etwas so Geringes und Unangenehmes auch noch dankbar sein zu müssen!
Man kleidet mich an, man kleidet mich aus, man pflegt mich wie ein
Kind, die barmherzige Schwester fasst Zuneigung zu mir, behandelt mich
wie ein Baby, nennt mich "mein Kind", während ich "meine Mutter" zu ihr
sage.
Wie wohl tut es, dieses Wort Mutter aussprechen zu können, das seit
dreissig Jahren nicht mehr über meine Lippen gekommen ist! Die Alte,
eine Augustinerin, die das Kleid der Toten trägt, weil sie nie das
Leben gelebt hat, ist sanft wie die Resignation und lehrt uns, über
unsere Leiden wie über ebenso viele Freuden lächeln, denn sie kennt die
Wohltaten des Schmerzes. Nicht ein Wort des Vorwurfs, weder Ermahnungen
noch Predigten.
Sie kennt die Bestimmungen der weltlich gemachten Krankenhäuser so
gut, dass sie den Kranken, nicht sich selber, kleine Freiheiten
gewähren kann. So erlaubt sie mir, in meinem Zimmer zu rauchen, und
erbietet sich, selber mir Zigaretten zu drehen; das lehne ich jedoch
ab. Sie verschafft mir die Erlaubnis, ausser den gewöhnlichen Stunden
auszugehen. Als sie entdeckt, dass ich mich mit Chemie beschäftige,
führt sie mich bei dem gelehrten Apotheker des Krankenhauses ein.
Der leiht mir Bücher und fordert mich, als ich ihm meine Lehre von
der Zusammensetzung der einfachen Körper darlege, auf, in seinem
Laboratorium zu arbeiten. Diese Nonne hat eine Rolle in meinem Leben
gespielt. Ich fange an, mich mit meinem Los wieder auszusöhnen und
preise das gute Unglück, das mich unter dieses gesegnete Dach geführt
hat.
Das erste Buch, das ich mir aus der Bibliothek des Apothekers hole,
öffnet sich von selbst, und mein Blick schiesst wie ein Falke auf eine
Zeile des Kapitels: Phosphor.
In zwei Worten erzählt der Autor, der Chemiker Lockyer habe durch die
Spektralanalyse gezeigt, dass der Phosphor kein einfacher Körper ist;
Lockyers Bericht über seine Versuche sei der Pariser Akademie der
Wissenschaften vorgelegt worden, die den Tatbestand nicht habe leugnen
können.
Durch diesen unerwarteten Beistand gestärkt, nehme ich meine Tiegel mit
den Rückstanden des nicht völlig verbrannten Schwefels und übergebe
sie einem Bureau für chemische Analysen, das mir den Schein für den
nächsten Morgen verspricht.
Es war mein Geburtstag. Als ich ins Krankenhaus zurückkehre, finde ich
einen Brief von meiner Frau. Sie beweint mein Unglück, will sich wieder
mit mir vereinigen, mich pflegen, mich lieben.
Das Glück, trotz allem geliebt zu sein, erzeugt in mir das Bedürfnis zu
danken. Aber wem! Dem Unbekannten, der sich so viele Jahre verborgen
hatte?
Das Herz schlägt mir, ich bekenne die nichtswürdige Lüge über meine
angebliche Untreue, ich bitte um Verzeihung, und ehe ich mich dessen
versehe, schreibe ich wieder einen Liebesbrief an meine Ehegattin.
Doch verschiebe ich unsere Wiedervereinigung auf einen günstigeren
Zeitpunkt.
Am nächsten Morgen eile ich zu meinem Chemiker nach dem Boulevard
Magenta.
Im geschlossenen Umschlag bringe ich den Schein der Analyse ins
Krankenhaus. Als ich auf dem innern Hof am Standbild des heiligen
Ludwig vorbeigehe, erinnere ich mich an die drei Werke des Heiligen:
die Blindenanstalt, die Universität, die Kapelle; die kann man
übersetzen: "Vom Leiden durch Wissen zur Busse."
In meinem Zimmer eingeschlossen, öffne ich den Umschlag, der meine
Zukunft entscheiden soll. Ich lese:
"Das uns zur Untersuchung übergebene Pulver zeigt diese Eigenschaften.
Farbe: grauschwarz; hinterlässt Spuren auf Papier. Dichtigkeit: sehr
gross, grösser als die mittlere Dichtigkeit des Graphit; es scheint ein
harter Graphit zu sein. Chemische Untersuchung: dieses Pulver brennt
leicht und entwickelt dabei Kohlenoxyd und Kohlensäure; es enthält also
Kohle."
Reiner Schwefel enthält Kohle!
Ich bin gerettet. Ich kann in Zukunft meinen Freunden und Verwandten
beweisen, dass ich kein Tor bin. Bestätigt sind die Lehren, die
ich in meiner Arbeit "Antibarbarus" aussprach. Als ich die vor
einem Jahr veröffentlichte, behandelte die Presse sie wie das Werk
eines Charlatans oder Toren, und meine Familie jagte mich davon als
Taugenichts, als ein Cagliostro.
Jetzt, meine Gegner, seid ihr zu Boden geschlagen! Mein Ich schwillt
von gerechtem Stolz, ich will das Krankenhaus verlassen, auf den
Strassen schreien, vor dem Institut brüllen, die Universität
niederreissen ... aber meine Hände sind mir gebunden, und als ich auf
den Hof hinauskomme, rät mir die hohe Einfriedung: Geduld.
Als ich dem Apotheker das Ergebnis der Analyse mitteile, schlägt er mir
vor, eine Kommission zusammenzubringen, vor der ich meine Behauptung
durch versuche beweise.
Da ich aber nicht warten will und meine Scheu vor öffentlichen
Auftritten kenne, schreibe ich einen Aufsatz über den Gegenstand und
schicke den an die Temps.
Nach zwei Tagen erscheint der Artikel.
Die Losung ist gegeben. Man antwortet mir von verschiedenen Seiten,
ohne die Tatsache zu leugnen. Ich habe Anhänger gefunden, ich bin
Mitarbeiter einer chemischen Zeitschrift geworden, beginne einen
Briefwechsel, der meine weiteren Untersuchungen fördert.
An einem Sonntag, dem letzten, den ich im Fegefeuer des heiligen Ludwig
verbringe, sitze ich am Fenster und beobachte, was auf dem Hof vorgeht.
Die beiden Diebe gehen mit ihren Frauen und ihren Kindern spazieren,
küssen sie von Zeit zu Zeit und sehen glücklich aus, wie sie sich an
der Liebe wärmen, die das Unglück schürt.
Meine Einsamkeit bedrückt mich, und ich verwünsche mein Schicksal, das
ich ungerecht finde, indem ich vergesse, dass mein Verbrechen ihre an
Nichtswürdigkeit übertrifft.
Der Briefträger bringt einen Brief von meiner Frau. Der Brief ist von
eisiger Kälte. Mein Erfolg hat sie verletzt, und sie gibt vor, ihr
Zweifel stütze sich auf die Ansicht eines Chemikers von Fach. Dann fügt
sie hinzu, Illusionen seien gefährlich und könnten zu Gehirnkrisen
führen. Übrigens, was erreichte ich mit all dem? Könnte ich mit der
Chemie eine Familie ernähren?...
Noch einmal die Alternative: Liebe oder Wissenschaft! Ohne zu zögern,
schlage ich sie mit einem letzten Abschiedsbrief zu Boden, mit mir
zufrieden, wie ein Mörder, der seinen Anschlag ausgeführt hat.
Am Abend gehe ich in dem düsteren Viertel spazieren. Ich überschreite
den St. Martins-Kanal, der schwarz wie ein Grab ist und eigens dazu
gemacht zu sein scheint, damit man sich darin ertränkt. Ich bleibe
an der Ecke der Rue Alibert stehen. Warum Alibert? Wer ist das?
Hiess nicht der Graphit, den der Chemiker in meinem Schwefel fand,
Alibert-Graphit? Was folgt daraus? Es ist eine Grille, aber der
Eindruck von etwas unerklärlichem bleibt mir. Dann Rue Dieu. Warum
Gott, wenn er von der Republik abgeschafft ist? Hat sie doch das
Pantheon seiner ursprünglichen Bestimmung entzogen!--Rue Beaurepaire.
Ein "schöner Aufenthalt" für Missetäter ... Rue de Bondy. Führt mich
der Dämon? ... Ich lese die Strassennamen nicht mehr, gehe irre, kehre
um auf meinen Spuren, ohne jedoch den Weg wiederzufinden. Ich fahre vor
einem ungeheuren Schuppen zurück, der nach rohem Fleisch und verfaultem
Gemüse, besonders nach Sauerkraut, stinkt.... Verdächtige Gestalten
streifen an mir vorbei und lassen grobe Worte fallen.... Ich habe
Furcht vor dem Unbekannten; wende mich rechts, dann links und gerate in
eine schmutzige Sackgasse, wo Unrat, Laster und Verbrechen zu hausen
scheinen. Dirnen versperren mir den Weg, Strassenjungen lachen mich
aus.... Die Szene der Weihnacht wiederholt sich: Vae soli!
Wer legt mir diesen Hinterhalt, sobald ich mich von der Welt und
Menschen trenne? Irgendjemand hat mich in diese Falle gehen lassen! Wo
ist er? Dass ich mit ihm kämpfe!...
Ein mit schmutzigem Schnee gemischter Regen fällt, gerade wie ich zu
laufen anfange.... Im Hintergrund einer kleinen Strasse zeichnet sich
vom Himmelsgewölbe in Russschwarz ein ungeheures Tor ab, ein Werk von
Cyklopen, ein Tor ohne Palast dahinter, das sich auf ein Meer von Licht
öffnet....
Ich frage einen Polizisten, wo ich bin.
--Am St. Martins-Tor, mein Herr.
Zwei Schritte führen mich auf die grossen Boulevards, die ich
hinuntergehe. Die Uhr des Theaters zeigt sechs ein Viertel. Es
ist gerade die Absinthstunde, und meine Freunde erwarten mich aus
Gewohnheit im Café Napolitain. Ich gehe eilig weiter und vergesse
Krankenhaus, Kummer und Armut. Als ich aber am Café du Cardinal
vorbeikomme stosse ich an einen Tisch, hinter dem ein Herr sitzt. Ich
kenne ihn nur dem Namen nach, aber er kennt mich, und in einer Sekunde
sagen mir seine Augen:
--Sie hier? Sie sind also nicht im Krankenhaus? Schwindel das
Liebeswerk!
Ich fühle, dass dieser Mann einer meiner unbekannten Wohltäter ist,
dass er mir Almosen gegeben hat, dass ich für ihn ein Bettler bin, der
nicht das Recht hat, ins Café zu gehen.
Bettler! Das ist das rechte Wort, das mir in den Ohren klingt und mir
die brennende Röte der Scham, der Demütigung, der Wut in die Wangen
treibt.
Vor sechs Wochen sass ich hier; mein Theaterdirektor liess sich von
mir einladen und nannte mich "lieber Meister", die Journalisten baten
mich um Interviews; der Photograph bat mich um die Ehre, meine Bilder
verkaufen zu dürfen.... Und jetzt: Bettler, gebrandmarkt, aus der
Gesellschaft verbannt!
Gestäupt, gehetzt, zum äussersten getrieben, streife ich den
Boulevard hinunter wie ein Nachtschwärmer und ziehe mich zurück in
meinen Zufluchtsort bei den Pestkranken. Dort, im meinem Zimmer
eingeschlossen, bin ich zu Hause.
Wenn ich über mein Schicksal nachdenke, erkenne ich wieder die
unsichtbare Hand, die mich straft und mich auf ein Ziel hintreibt, das
ich noch nicht ahne. Sie gibt mir den Ruhm, während sie mir zugleich
die Ehren der Welt verweigert; sie demütigt mich, indem sie mich
erhöht; sie erniedrigt mich, um mich zu erheben.
Wieder kommt mir der Gedanke, die Vorsehung habe mich zu einer Mission
bestimmt, und dies sei der Anfang meiner Erziehung.
Im Februar verlasse ich das Krankenhaus, nicht geheilt, aber genesen
von den Versuchungen dieser Welt. Als ich ging, habe ich die Hand der
guten Mutter, die mir, ohne zu predigen, den Weg des Kreuzes gezeigt
hat, küssen wollen, aber ein Gefühl der Ehrfurcht, wie vor etwas
Heiligem hat mich zurückgehalten.
Möge sie nun im Geist diese Danksagung eines verirrten Fremdlings
empfangen, der sich jetzt in einem fernen Lande verborgen hat.
2.
Der heilige Ludwig führt mich bei dem seligen Herrn Orfila ein.
In einem bescheidenen möblierten Zimmer, das ich mir gemietet habe,
setze ich den ganzen Winter hindurch meine chemischen Arbeiten fort.
Bis gegen Abend bleibe ich zu Hause, dann gehe ich aus, um in einer
Cremerie, wo Künstler aus verschiedenen Länder einen Kreis gebildet
haben, zu Mittag zu essen. Nach dem Essen besuche ich die Familie, die
ich in einem Augenblick der Sittenstrenge verlassen hatte. Die ganze
Gesellschaft von anarchistischen Künstlern ist dort, und ich bin zu
ertragen verurteilt, was ich hatte vermeiden wollen: leichte Sitten,
lockere Moral, absichtliche Gottlosigkeit. Aber sie haben viel Talent
und sehr viel Geist; ein einziger hat Genie, ein wildes Genie, das sich
einen Namen gemacht hat.
Jedenfalls ist es eine Familie, in der man mich liebt, und ich bin
ihnen Dank schuldig; daher mache ich mich blind und taub gegen alles,
was zu ihren kleinen Angelegenheiten gehört und mich nichts angeht.
Wenn ich diese Leute aus einem nicht gerechtfertigten Stolz geflohen
hätte, so wäre die Strafe logisch gewesen; da aber der Grund meiner
Flucht die Sehnsucht war, meine Persönlichkeit zu läutern und meine
Seele zu bebauen, indem ich mich in der Einsamkeit sammelte, begreife
ich in diesem Fall die Methode der Vorsehung nicht; ich bin nämlich von
so weichem Charakter, dass ich mich aus reiner Umgänglichkeit und aus
Furcht, undankbar zu sein, der Umgebung anpasse.
Durch meine klägliche und anstössige Armut aus der Gesellschaft
verbannt, war ich glücklich, für die langen Winterabende eine Zuflucht
zu finden, wenn ich auch unter der schlüpfrigen Unterhaltung sehr litt.
Nachdem ich entdeckt habe, dass die unsichtbare Hand meine Schritte auf
dem holperigen Wege lenkt, fühle ich mich nicht mehr einsam, und ich
beobachte mich streng in Handlungen und Worten, wenn es mir auch nicht
immer gelingt. Sobald ich aber gesündigt habe, ertappt mich jemand
auf frischer Tat, und die Strafe stellt sich mit einer Pünktlichkeit
und einer Spitzfindigkeit ein, die keine Zweifel lassen, dass hier
eine Macht eingreift, die verbessern will. Der Unbekannte ist mir eine
persönliche Bekanntschaft geworden: ich spreche zu ihm, ich danke ihm,
ich frage ihn um Rat. Manchmal stelle ich mir ihn als meinen Diener
vor, dem Daimon des Sokrates ähnlich, und das Bewusstsein, durch den
Unbekannten unterstützt zu werden, gibt mir eine Energie und eine
Sicherheit, dass ich eine Kraft zeige, die ich mir nie zugetraut hätte.
Mit den Menschen zerfallen, werde ich in einer anderen Welt
wiedergeboren, in die mir niemand folgen kann. Nichtssagende
Geschehnisse ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich; die Träume der Nacht
kleiden sich in die Form von Vorahnungen; ich denke, ich bin gestorben
und mein Leben verläuft in einer anderen Sphäre.
Nachdem ich nachgewiesen habe, dass Schwefel Kohlenstoff enthält, habe
ich noch Wasserstoff und Sauerstoff zu entdecken, auf die aus Analogie
geschlossen werden kann.
Zwei Monate vergehen unter Berechnungen und Grübeleien, aber ich
habe nicht die nötigen Werkzeuge, um Versuche zu machen. Ein Freund
rät mir, in das Laboratorium der Sorbonne zu gehen, das auch Fremden
offen steht. Da ich scheu bin und die Menge fürchte, wage ich nicht,
mich dazu zu entschliessen. So stehen meine Arbeiten still, und ein
Augenblick der Abspannung tritt ein.
An einem schönen Frühlingsmorgen erhebe ich mich bei guter Laune,
gehe die Rue de la Grande Chaumière hinunter und komme in die Rue de
Fleurus, die sich auf den Luxemburg-Garten öffnet. Die hübsche kleine
Strasse ist ruhig, die grosse Kastanienallee ist grün, leuchtend,
breit und gerade wie eine Rennbahn, und ganz im Hintergrund erhebt
sich wie ein Grenzstein die David-Säule, und in der Ferne, über allem,
die Kuppel des Pantheon, dessen goldenes Kreuz sich fast in den Wolken
verliert.
Über das symbolische Schauspiel entzückt, bleibe ich stehen. Als
ich aber die Augen abwende, bemerke ich zu meiner Rechten in der
Fleurusstrasse das Schild eines Färbers. Ah! eine Vision von
unleugbarer Wirklichkeit. Auf das Schaufenster des Ladens sind die
Anfangsbuchstaben meines Namens gemalt: A. S. Sie schweben auf einer
silberweissen Wolke, und über ihnen wölbt sich ein Regenbogen.
Ich nehme das Omen an, indem ich mich an die Genesis erinnere: "Meinen
Bogen habe ich in die Wolke gesetzt, und er soll das Zeichen sein des
Bundes zwischen mir und er Erde."
Ich berühre den Boden nicht mehr, mit beflügeltem Schritt trete ich in
den Garen ein, in dem sich niemand aufhält. Zu dieser frühen Stunde
gehört der Park mir, gehört mir der Rosengarten, und ich besuche alle
meine Blumen auf den langen, schmalen Beeten, die Chrysanthemen, die
Verbenen, die Begonien.
Ich komme über die Rennbahn, erreiche den Grenzstein, gehe durch
das Gittertor der Rue Soufflot und wende mich nach dem Boulevard
Saint-Michel. Vor der Auslage der Buchhandlung von Blanchard bleibe ich
stehen, nehme, ohne erst zu überlegen, einen alten Band der Chemie von
Orfila in die Hand, öffne ihn auf gut Glück und lese: "Den Schwefel
hat man unter die einfachen Körper eingereiht. Die scharfsinnigen
Untersuchungen von H. Davy und dem jüngeren Berthollet gehen jedoch
darauf aus zu beweisen, dass er Wasserstoff, Sauerstoff und eine
besondere Base enthält, deren Ausscheidung bisher nicht möglich gewesen
ist."
Man wird sich meine, ich möchte sagen religiöse, Ekstase vorstellen,
als mir diese an ein Wunder grenzende Offenbarung wird. Davy
und Berthollet hatten Wasserstoff und Sauerstoff nachgewiesen,
ich Kohlenstoff. Mir kommt es also zu, die Formel des Schwefels
aufzustellen.
Zwei Tage später liess ich mich in die naturwissenschaftliche Fakultät
der Sorbonne (des heiligen Ludwig!) einschreiben, mit dem Recht, im
Laboratorium Untersuchungen anzustellen.
Der Morgen, an dem ich mich nach der Sorbonne begab, war für mich
ein feierliches Fest. Wenn ich mir auch keine Illusion machte, die
Professoren, die mich mit der kalten Höflichkeit, die man dem Fremden,
dem Eindringling zeigt, empfangen hatten, überzeugen zu können, so gab
mir doch eine milde und ruhige Freude den Mut des Märtyrers, der eine
Schar von Feinden angreift. Denn für mich ist bei meinem Alter die
Jugend der natürliche Feind.
Als ich auf den Platz komme, wo die kleine Kirche der Sorbonne liegt,
finde ich die Tür offen und trete ein, ohne eigentlich zu wissen,
warum. Die jungfräuliche Mutter und das Kind grüssen mich mit einem
milden Lächeln; der Gekreuzigte lässt mich kalt, erscheint mir wie
immer unbegreiflich. Der heilige Ludwig, meine neue Bekanntschaft,
der Freund der Elenden und Aussätzigen, lässt sich junge Theologen
vorstellen. Ist der heilige Ludwig mein Schutzheiliger, mein guter
Engel, der mich ins Krankenhaus getrieben, damit ich das Feuer der
höchsten Not durchmache, bevor ich den Ruhm wiedererlange, der zu
Unehre und Verachtung führt? Hat er mich nach der Buchhandlung von
Blanchard geschickt? Hat er mich hierher gezogen?
Vom Atheismus bin ich in den vollständigen Aberglauben gefallen.
Als ich die Votivbilder betrachte, die vom glücklichen Ausgang der
Prüfungen Zeugnis ablegen, tue ich das Gelübde, niemals die weltlichen
Zeichen des Verdienstes anzunehmen, falls ich Erfolg habe.
Die Stunde hat geschlagen. Ich laufe Spiessruten durch die
unbarmherzige Jugend; sie weiss, welche chimärische Aufgabe ich mir
gestellt habe, und verhöhnt mich.
Als zwei Wochen vergangen sind, habe ich unbestreitbare Beweise
erhalten, dass der Schwefel eine dreistoffige Verbindung von
Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff ist.
Ich danke dem Leiter des Laboratorium, der sich stellt, als
interessiere er sich nicht für meine Angelegenheiten, und verlasse
dieses neue Fegefeuer mit einer unsagbaren inneren Freude.
Ich gehe morgens auf dem Friedhof Montparnasse spazieren, wenn ich
nicht den Luxemburggarten besuche. Einige Tage nach meinem Auszug aus
der Sorbonne entdecke ich bei dem Stern des Friedhofs eine Grabdenkmal
von klassischer Schönheit. Ein Medaillon aus weissem Marmor zeigt die
edlen Züge eines alten Weisen, den die Inschrift des Sockels mir als
den Chemiker und Toxikologen Orfila verstellt. Es ist mein Freund
und Beschützer, der mich später so manchesmal durch das Labyrinth
chemischer Versuche geführt hat.
Eine Woche später, als ich die Rue d'Assas hinuntergehe, mache ich vor
einem Haus von klösterlichem Aussehen Halt. Ein grosses Schild klärt
mich über die Bestimmung des Gebäudes auf: Hotel Orfila.
Immer Orfila!
In den folgenden Kapiteln werde ich alles erzählen, was sich in diesem
alten Haus zugetragen hat; in das mich die unsichtbare Hand getrieben,
damit ich dort gezüchtigt, belehrt und, warum nicht, erleuchtet werde!
3.
Die Versuchungen des Teufels.
Der Scheidungsprozess wickelt sich sehr langsam ab, wurde von Zeit
zu Zeit durch einen Liebesbrief, einen Aufschrei der Sehnsucht,
Versprechungen der Versöhnung unterbrochen. Und schliesslich ein
schroffes Lebewohl auf immer.
Ich liebe sie, sie liebt mich, und wir hassen einander mit dem wilden
Hass der Liebe, die sich durch die Trennung steigert.
Um das unglückliche Band zu zerreissen, suche ich nach einer
Gelegenheit, diese Leidenschaft durch eine andere zu ersetzen, und bald
werden meine unredlichen Wünsche erhört.
Beim Mittagessen der Cremerie erscheint eine englische Dame, die sich
der Bildhauerkunst widmet. Sie redet mich zuerst and und gefällt mir
auf der Stelle. Sie ist schön, reizend, vornehm, gut gekleidet, und
verführt durch eine künstlerische Ungezwungenheit. Mit einem Wort, eine
Luxusausgabe meiner Frau, deren Bild sie verfeinert und vergrössert
wiedergibt.
Um sich mir angenehm zu machen, ladet der angesehene Künstler, der
Doyen der Cremerie, diese Dame zu den Donnerstagabenden ein, die er auf
seinem Atelier gibt. Ich gehe hin, halte mich aber abseits, weil ich
nur widerwillig einem Publikum, das sich über einen lustig macht, meine
Gefühle zeige.
Gegen elf Uhr erhebt sich die Dame und gibt mir ein Zeichen geheimen
Einverständnisses. Ziemlich linkisch stehe ich auf, verabschiede mich,
biete dem jungen Weibe meine Begleitung an und führe sie hinaus,
während die schamlosen jungen Leute lachen.
Vor einander lächerlich gemacht, gehen wir davon, ohne ein Wort sagen
zu können; wir verachten uns, als hätten wir uns vor der spottenden
Menge nackt ausgezogen.
Nun müssen wir auch noch durch die Rue de la Gaieté, wo Zuhälter und
Dirnen uns mit ihren gemeinen Schimpfworten ohrfeigen, als seien wir
Eindringlinge in ihr Gewerbe.
Man ist nicht liebeswürdig, wenn man ingrimmig am Pranger steht; und
unter Geisselschlägen gebeugt, kann ich mich nicht wieder aufrichten.
Als wir den Boulevard de Raspail erreichen, werden wir von einem feinem
Regen überfallen, der uns wie mit Ruten peitscht. Da wir keinen Schirm
haben, ist es das Verständigste, in einem warmen und erleuchteten Café
Schutz zu suchen; mir der Gebärde eines Grandseigneurs zeige ich auf
das reichste Restaurant von allen. Leichten Fusses überschreiten wir
den Boulevard ... pardauz, pardauz! Der Gedanke, dass ich keinen Sou
bei mir habe, trifft mich wie ein Hammerschlag vor den Schädel.
Ich habe vergessen, wie ich mich aus der Verlegenheit gezogen, aber
ich werde niemals die Empfindungen vergessen, die mich diese Nacht
überfielen, als ich die Dame an ihrer Haustür verliess.
Diese Strafe, obwohl streng und unmittelbar, und erteilt von einer
geschickten Hand, die ich nicht verkennen konnte, genügte mir noch
nicht. Ein Bettler, der die Verpflichtungen gegen seine Familie nicht
erfüllt, hatte eine Verbindung knüpfen wollen, die ein anständiges
Mädchen blossstellen musste. Das war ganz einfach ein Verbrechen,
und ich legte mir die regelrechte Busse auf. Ich verzichte auf die
Gesellschaft der Cremerie, ich faste, ich vermeide alles, was die
verhängnisvolle Leidenschaft hervorrufen kann.
Aber der Versucher wacht. An einem Atelierabend finde ich die Schöne
wieder, und zwar in einer morgenländischen Tracht, die ihre Schönheit
so hebt, dass sie mich betört. Ihr gegenüber aber weiss ich nichts zu
sagen, benehme mich linkisch; obwohl ich entdecke, dass dieses Weib nur
eine ehrliche und aufrichtige Erklärung verdient: "ich begehre Sie,"
gehe ich meiner Wege, bis auf die Knochen von einer unreinen Flamme
verzehrt.
Am nächsten Tage komme ich wieder in die Cremerie. Sie sitzt da, ist
reizend, liebkost mich mit ihrer einschmeichelnden Stimme, kitzelt mich
mit ihren Katzenaugen. Das Gespräch kommt in Gang, alles geht aufs
beste, als im kritischen Augenblick die junge Minna lärmend eintritt.
Das war ein Künstlerkind, halb Modell, halb Geliebte, das sich für die
Literatur interessierte, eine gutes Wesen hatte und überall willkommen
war. Ich kannte sie auch, und eines Abends waren wir gute Freunde
geworden, jedoch ohne die Grenzen des Erlaubten zu überschreiten.
Genug, sie tritt ein, wirft sich mir in die Arme, denn sie war etwas
berauscht, küsst mich auf die Wangen, duzt mich.
Die englische Dame erhebt sich, bezahlt und geht.
Damit ist es aus. Sie ist nicht wiedergekommen! Dank sei Minna, die
mich übrigens vor dieser Dame gewarnt hatte, aus Gründen, die ich auf
sich beruhen lasse.
Keine Liebe mehr! das ist die Losung, welche die Mächte mir gegeben
haben, und ich bescheide mich, in der Gewissheit, dass ein höherer
Zweck sich auch dahinter verbirgt.
Durch den Erfolg, den ich mit Schwefel gehabt habe, ermutigt, mache
ich die Fortsetzung mit Jod. Nachdem ich im Temps einen Aufsatz über
eine der Synthesen des Jod habe erscheinen lassen, sucht mich ein
unbekannter Herr im Hotel auf. Er stellt sich als Vertreter aller
europäischen Jodfabriken vor und sagt mir, er habe soeben meinen
Artikel gelesen; in dem Augenblick, in dem die Sache sich bestätige,
könnten wir einen Börsenkrach herbeiführen, der uns Millionen
einbringen würde, falls wir nur ein Patent in Händen hätten.
Ich antworte ihm, ich hätte keine industrielle Erfindung gemacht,
sondern eine wissenschaftliche Entdeckung, die noch nicht einmal reif
sei; und die geschäftliche Seite interessiere mich nicht genug, um sie
weiter zu verfolgen.
Er ging. Die Wirtin des Hotels, die einmal mit dem unbekannten Herrn in
Verbindung gestanden hatte, erfuhr von ihm die grosse Neuigkeit, und
zwei Tage lang wurde ich für einen zukünftigen Millionär gehalten.
Der Kaufmann kam wieder, diese Mal noch mehr begeistert. Er hatte
Erkundigungen eingezogen und, überzeugt, dass mit der Entdeckung etwas
zu verdienen sei, lud er mich ein, unverzüglich mit ihm nach Berlin zu
fahren, um die nötigen Schritte zu tun.
Ich dankte ihm und riet ihm, erst die notwendigen Analysen vornehmen zu
lassen, ehe er sich weiter engagiere.
Er bot mir hunderttausend Francs, vor Abend zahlbar, wenn ich ihm
folgen wolle....
Ich hiess ihn gehen, da ich irgendeinen Schwindler witterte.
Bei der Wirtin unten nannte er mich einen Toren.
Die nächsten Tage waren ruhig, und ich hatte Zeit, um nachzudenken.
Drohende Not, unbezahlte Schulden, eine unsichere Zukunft auf der
einen Seite; auf der andern Unabhängigkeit, Freiheit, meine Studien
fortzusetzen, ein sorgenfreies Leben. Und ausserdem, eine gute Idee ist
ihren Preis wert.
Reue ergriff mich, aber ich hatte nicht den Mut, die Verbindung wieder
anzuknüpfen. Da teilte mir eine Depesche des Kaufmanns mit, das ein
Chemiker, Assistent an der Ecole de médicine, und ein Abgeordneter, der
damals schon bekannt war und jetzt nur zu bekannt ist, sich für das
Jodproblem interessierten.
Ich beginne also eine Reihe regelmässiger Versuche, die alle dasselbe
Ergebnis haben: zu beweisen, dass Jod von Benzin abgeleitet werden kann.
Mittlerweile habe ich eine Unterredung mit dem Chemiker, und ein Tag
wird bestimmt für eine Zusammenkunft, bei der die entscheidenden
Versuche gemacht werden sollen.
An dem Morgen, der diese Sache entscheiden soll, nehme ich einen Wagen
und bringe meine Retorten und Reagentien zu dem Kaufmann, der im
Quartier du Marais wohnt. Der gute Mann war da; aber der Chemiker, der
entdeckt hatte, dass es ein Feiertag war, hatte sich entschuldigt und
die Sitzung auf den folgenden Tag verschoben.
Es war Pfingsten, was ich nicht gewusst hatte. Das schmutzige Kontor,
das auf die finstere und unsaubere Strasse sah, bedrückte mir das Herz.
Erinnerungen an die Kindheit erwachten: Pfingsten, das selige Fest,
an dem die kleine Kirche mit grünen Zweigen, mit Tulpen, Lilien und
Maiblumen geschmückt, sich für die Abendmahlskinder auftat; die jungen
Mädchen weissgekleidet wie die Engel ... die Orgel ... die Glocken....
Ein Gefühl der Scham bemächtigte sich meiner Seele, und ich kehrte
tief bewegt nach Hause zurück, fest entschlossen, jeder Versuchung,
aus meiner Wissenschaft ein Geschäft zu machen, zu widerstehen. Ich
säuberte mein Zimmer von den herumstehenden Apparaten und Reagentien;
ich kehrte es aus; staubte ab, räumte auf; ich liess Blumen holen,
besonders Narzissen. Nachdem ich dann ein Bad genommen und das Hemd
gewechselt hatte, glaubte ich von dem Schmutz gereinigt zu sein. Darauf
ging ich aus, um auf dem Kirchhof Montparnasse spazieren zu gehen; dort
führte eine Heiterkeit der Seele mich zu milden Gedanken und einer
ungewöhnlichen Zerknirschung.