Sie hatte Ursache dazu, die Sache war diese: eben als Herr Dapsul von

Zabelthau der Braut des Königs Daucus Carota die Augen öffnen wollte

über die Gefahr, in der sie schwebe, nach und nach ihr Ansehen, ihre

Gestalt zu verlieren und sich allmählich umzuwandeln in das wahrhafte

Bild einer Gnomenkönigin, da gewahrte er, was schon Entsetzliches

geschehen. Viel dicker war Ännchens Kopf geworden und safrangelb ihre

Haut, so daß sie jetzt schon hinlänglich garstig erschien. War nun auch

Fräulein Ännchen nicht gar besonders eitel, so fühlte sie sich doch

Mädchen genug, um einzusehen, daß Häßlichwerden das allergrößeste,

entsetzlichste Unglück sei, das einen hienieden treffen könne. Wie oft

hatte sie an die Herrlichkeit gedacht, wenn sie künftig als Königin mit

der Krone auf dem Haupte in atlassenen Kleidern, mit diamantnen und

goldnen Ketten und Ringen geschmückt, in der achtspännigen Karosse an

der Seite des königlichen Gemahls Sonntag nach der Kirche fahren und

alle Weiber, des Schulmeisters Frau nicht ausgenommen, in Erstaunen

setzen, ja auch wohl der stolzen Gutsherrschaft des Dorfs, zu dessen

Kirchsprengel Dapsulheim gehörte, Respekt einflößen werde; ja! -- wie

oft hatte sie sich in solchen und andern exzentrischen Träumen gewiegt!

-- Fräulein Ännchen zerfloß in Tränen! --

»Anna -- meine Tochter Anna, komme sogleich zu mir herauf!« so rief

Herr Dapsul von Zabelthau durch das Sprachrohr herab. --

Fräulein Ännchen fand den Papa angetan in einer Art von

Bergmannstracht. Er sprach mit Fassung: »Gerade wenn die Not am

größten, ist die Hilfe oft am nächsten. Daucus Carota wird, wie ich

soeben ermittelt, heute, ja wohl bis morgen Mittag nicht seinen Palast

verlassen. Er hat die Prinzen des Hauses, die Minister und andere Große

des Reichs versammelt, um Rat zu halten über den künftigen Winterkohl.

Die Sitzung ist wichtig und wird vielleicht so lange dauern, daß wir

dieses Jahr gar keinen Winterkohl bekommen werden. Diese Zeit, wenn

Daucus Carota, in seine Regierungsarbeit vertieft, auf mich und meine

Arbeit nicht zu merken vermag, will ich benutzen, um eine Waffe zu

bereiten, mit der ich vielleicht den schändlichen Gnomen bekämpfe und

besiege, so daß er entweichen und dir die Freiheit lassen muß. Blicke,

während ich hier arbeite, unverwandt durch jenen Tubus nach dem Gezelt

und meld' es mir ungesäumt, wenn du bemerkst, daß jemand hinausschaut

oder gar hinausschreitet.« -- Fräulein Ännchen tat, wie ihr geboten,

das Gezelt blieb aber verschlossen; nur vernahm sie, unerachtet Herr

Dapsul von Zabelthau wenige Schritte hinter ihr stark auf Metallplatten

hämmerte, oft ein wildes verwirrtes Geschrei, das aus dem Gezelt

zu kommen schien, dann helle, klatschende Töne, gerade als würden

Ohrfeigen ausgeteilt. Sie sagte das dem Herrn Dapsul von Zabelthau, der

war damit sehr zufrieden und meinte, je toller sie sich dort drinnen

untereinander zankten, desto weniger könnten sie bemerken, was draußen

geschmiedet würde zu ihrem Verderben. --

Nicht wenig verwunderte sich Fräulein Ännchen, als sie gewahrte, daß

der Herr Dapsul von Zabelthau ein Paar ganz allerliebste Kochtöpfe

und ebensolche Schmorpfannen aus Kupfer gehämmert hatte. Als Kennerin

überzeugte sie sich, daß die Verzinnung außerordentlich gut geraten,

daß der Papa daher die den Kupferschmieden durch die Gesetze auferlegte

Pflicht gehörig beobachtet habe, und fragte, ob sie das feine Geschirr

nicht mitnehmen könne zum Gebrauch in der Küche? Da lächelte aber

Herr Dapsul von Zabelthau geheimnisvoll und erwiderte weiter nichts

als: »Zur Zeit, zur Zeit, meine Tochter Anna; gehe jetzt herab, mein

geliebtes Kind! und erwarte ruhig, was sich morgen weiteres in unserm

Hause begeben wird.« --

Herr Dapsul von Zabelthau hatte gelächelt, und =das= war es, was dem

unglückseligen Ännchen Hoffnung einflößte und Vertrauen.

Andern Tages, als die Mittagszeit nahte, kam Herr Dapsul von Zabelthau

herab mit seinen Kochtöpfen und Schmorpfannen, begab sich in die Küche

und gebot dem Fräulein Ännchen nebst der Magd hinauszugehen, da er

allein heute das Mittagsmahl bereiten wolle. Dem Fräulein Ännchen legte

er es besonders ans Herz, gegen den Corduanspitz, der sich wohl bald

einstellen werde, so artig und liebevoll zu sein als nur möglich.

Corduanspitz oder vielmehr König Daucus Carota der Erste kam auch

wirklich bald, und hatte er sonst schon verliebt genug getan, so

schien er heute ganz Entzücken und Wonne. Zu ihrem Entsetzen bemerkte

Fräulein Ännchen, wie sie schon so klein geworden, daß Daucus sich ohne

große Mühe auf ihren Schoß schwingen und sie herzen und küssen konnte,

welches die Unglückliche dulden mußte trotz ihres tiefen Abscheus gegen

den kleinen abscheulichen Unhold.

Endlich trat Herr Dapsul von Zabelthau ins Zimmer und sprach: »O mein

vortrefflichster Porphyrio von Ockerodastes, möchten Sie sich nicht

mit mir und meiner Tochter in die Küche begeben, um zu beobachten, wie

schön und wirtlich Ihre künftige Gemahlin alles darin eingerichtet hat?«

Noch niemals hatte Fräulein Ännchen in des Papas Antlitz den hämischen,

schadenfrohen Blick bemerkt, mit dem er den kleinen Daucus beim Arm

faßte und beinahe mit Gewalt hinauszog aus der Stube in die Küche.

Fräulein Ännchen folgte auf den Wink des Vaters.

Das Herz kochte dem Fräulein Ännchen im Leibe, als sie das herrlich

knisternde Feuer, die glühenden Kohlen, die schmucken kupfernen

Kochtöpfe und Schmorpfannen auf dem Herde bemerkte. Sowie der Herr

Dapsul von Zabelthau den Corduanspitz dicht heranführte an den Herd, da

begann es stärker und stärker in den Töpfen und Pfannen zu zischen und

zu brodeln, und das Zischen und Brodeln wurde zu ängstlichem Winseln

und Stöhnen. Und aus einem Kochtopfe heulte es heraus: »O Daucus

Carota! o mein König, rette deine getreuen Vasallen, rette uns arme

Mohrrüben! -- Zerschnitten, in schnödes Wasser geworfen, mit Butter und

Salz gefüttert zu unserer Qual, schmachten wir in unnennbarem Leid, das

edle Petersilienjünglinge mit uns teilen!« Und aus der Schmorpfanne

klagte es: »O Daucus Carota! o mein König! rette deine getreuen

Vasallen, rette uns arme Mohrrüben! -- In der Hölle braten wir, und so

wenig Wasser gab man uns, daß der fürchterliche Durst uns zwingt, unser

eignes Herzblut zu trinken.« Und aus einem andern Kochtopf wimmerte es

wieder: »O Daucus Carota! o mein König! rette deine getreuen Vasallen,

rette uns arme Mohrrüben! -- Ausgehöhlt hat uns ein grausamer Koch,

unser Innerstes zerhackt und es mit allerlei fremdartigem Zeug von

Eiern, Sahne und Butter wieder hineingestopft, so daß alle unsere

Gesinnungen und sonstige Verstandeskräfte in Konfusion geraten, und wir

selbst nicht mehr wissen, was wir denken!« Und nun heulte und schrie

es aus allen Kochtöpfen und Schmorpfannen durcheinander: »O Daucus

Carota, mächtiger König, rette, o rette deine getreuen Vasallen, rette

uns arme Mohrrüben!« Da kreischte Corduanspitz laut auf: »Verfluchtes

dummes Narrenspiel!« schwang sich mit seiner gewöhnlichen Behendigkeit

auf den Herd, schaute in einen der Kochtöpfe und plumpte plötzlich

hinein. Rasch sprang Herr Dapsul von Zabelthau hinzu und wollte den

Deckel des Topfs schließen, indem er aufjauchzte: »Gefangen!« Doch mit

der Schnellkraft einer Spiralfeder fuhr Corduanspitz aus dem Topfe in

die Höhe und gab dem Herrn Dapsul von Zabelthau ein paar Maulschellen,

daß es krachte, indem er rief: »Einfältiger, naseweiser Kabbalist,

dafür sollst du büßen! -- Heraus, heraus, Ihr Jungen allzumal!«

Und da brauste es aus allen Töpfen, Tiegeln und Pfannen heraus wie

das wilde Heer, und hundert und hundert kleine fingerlange garstige

Kerlchen hakten sich fest an dem ganzen Leibe des Herrn Dapsul von

Zabelthau und warfen ihn rücklings nieder in eine große Schüssel und

richteten ihn an, indem sie aus allen Geschirren die Brühen über ihn

ausgossen und ihn mit gehackten Eiern, Muskatenblüten und geriebener

Semmel bestreuten. Dann schwang sich Daucus Carota zum Fenster hinaus,

und seine Vasallen taten ein gleiches.

Entsetzt sank Fräulein Ännchen bei der Schüssel nieder, auf der der

arme Papa angerichtet lag; sie hielt ihn für tot, da er durchaus nicht

das mindeste Lebenszeichen von sich gab. Sie begann zu klagen: »Ach,

mein armer Papa -- ach, nun bist du tot, und nichts rettet mich mehr

vom höllischen Daucus!« Da schlug aber Herr Dapsul von Zabelthau die

Augen auf, sprang mit verjüngter Kraft aus der Schüssel und schrie

mit einer entsetzlichen Stimme, wie sie Fräulein Ännchen noch niemals

von ihm vernommen: »Ha, verruchter Daucus Carota, noch sind meine

Kräfte nicht erschöpft! Bald sollst du fühlen, was der einfältige,

naseweise Kabbalist vermag!« -- Schnell mußte Fräulein Ännchen ihm

mit dem Küchenbesen die gehackten Eier, die Muskatenblüten, die

geriebene Semmel abkehren, dann ergriff er einen kupfernen Kochtopf,

stülpte ihn wie einen Helm auf den Kopf, nahm eine Schmorpfanne in die

linke, in die rechte Hand aber einen großen eisernen Küchenlöffel und

sprang so gewaffnet und gewappnet hinaus ins Freie. Fräulein Ännchen

gewahrte, wie Herr Dapsul von Zabelthau im gestrecktesten Laufe nach

Corduanspitzes Gezelt rannte und doch nicht von der Stelle kam. Darüber

vergingen ihr die Sinne.

Als sie sich erholte, war Herr Dapsul von Zabelthau verschwunden, und

sie geriet in entsetzliche Angst, als er den Abend, die Nacht, ja

den andern Morgen nicht wiederkehrte. Sie mußte den noch schlimmern

Ausgang eines neuen Unternehmens vermuten.

Sechstes Kapitel.

Welches das letzte und zugleich das erbaulichste ist von allen.

In tiefes Leid versenkt saß Fräulein Ännchen einsam in ihrem Zimmer,

als die Tür aufging und niemand anders hineintrat als der Herr Amandus

von Nebelstern. Ganz Reue und Scham, vergoß Fräulein Ännchen einen

Tränenstrom und bat in den kläglichsten Tönen: »O mein herzlieber

Amandus, verzeihe doch nur, was ich dir in meiner Verblendung

geschrieben! Aber ich war ja verhext und bin es wohl noch. Rette mich,

rette mich, mein Amandus! Gelb seh' ich aus und garstig, das ist Gott

zu klagen, aber mein treues Herz habe ich bewahrt und will keine

Königsbraut sein!« --

»Ich weiß nicht,« erwiderte Amandus von Nebelstern, »ich weiß nicht,

worüber Sie so klagen, mein bestes Fräulein, da Ihnen das schönste,

herrlichste Los beschieden.« -- »O spotte nicht,« rief Fräulein

Ännchen, »ich bin für meinen einfältigen Stolz, eine Königin werden zu

wollen, hart genug bestraft!« --

»In der Tat,« sprach Herr Amandus von Nebelstern weiter, »ich verstehe

Sie nicht, mein teures Fräulein! Soll ich aufrichtig sein, so muß

ich bekennen, daß ich über Ihren letzten Brief in Wut geriet und

Verzweiflung. Ich prügelte den Burschen, dann den Pudel, zerschmiß

einige Gläser -- und Sie wissen, mit einem racheschnaubenden Studenten

treibt man keinen Spaß! Nachdem ich mich aber ausgetobt, beschloß ich,

hierher zu eilen und mit eignen Augen zu sehen, wie, warum und an wen

ich die geliebte Braut verloren. -- Die Liebe kennt nicht Stand, nicht

Rang, ich wollte selbst den König Daucus Carota zur Rede stellen und

ihn fragen, ob das Tusch sein solle oder nicht, wenn er meine Braut

heirate. -- Alles gestaltete sich hier indessen anders. Als ich nämlich

bei dem schönen Gezelt vorüberging, das draußen aufgeschlagen, trat

König Daucus Carota aus demselben heraus, und bald gewahrte ich, daß

ich den liebenswürdigsten Fürsten vor mir hatte, den es geben mag; denn

denken Sie sich, mein Fräulein, er spürte gleich in mir den sublimen

Poeten, rühmte meine Gedichte, die er noch nicht gelesen, über alle

Maßen und machte mir den Antrag, als Hofpoet in seine Dienste zu gehen.

Ein solches Unterkommen war seit langer Zeit meiner feurigsten Wünsche

schönstes Ziel; mit tausend Freuden nahm ich daher den Vorschlag an. O

mein teures Fräulein! mit welcher Begeisterung werde ich Sie besingen!

Ein Dichter kann verliebt sein in Königinnen und Fürstinnen, oder

vielmehr es gehört zu seinen Pflichten, eine solche hohe Person zur

Dame seines Herzens zu erkiesen, und verfällt er darüber in einigen

Aberwitz, so ergibt sich eben daraus das göttliche Delirium, ohne das

keine Poesie bestehen mag, und niemand darf sich über die vielleicht

etwas seltsamen Geberden des Dichters wundern, sondern vielmehr an

den großen Tasso denken, der auch etwas am gemeinen Menschenverstande

gelitten haben soll, da er sich verliebt hatte in die Prinzessin

Leonore d'Este. -- Ja, mein teures Fräulein, sind Sie auch bald eine

Königin, so sollen Sie doch die Dame meines Herzens bleiben, die ich

bis zu den hohen Sternen erheben werde in den sublimsten göttlichsten

Versen.« --

»Wie, du hast ihn gesehen, den hämischen Kobold, und er hat« --

so brach Fräulein Ännchen los im tiefsten Erstaunen, doch in dem

Augenblick trat er selbst, der kleine gnomische König, hinein

und sprach mit dem zärtlichsten Ton: »O meine süße, liebe Braut,

Abgott meines Herzens, fürchten Sie ja nicht, daß ich der kleinen

Unschicklichkeit halber, die Herr Dapsul von Zabelthau begangen,

zürne. Nein! -- schon deshalb nicht, weil eben dadurch mein Glück

befördert worden, so daß, wie ich gar nicht gehofft, schon morgen

meine feierliche Vermählung mit Ihnen, Holdeste! erfolgen wird. Gern

werden Sie es sehen, daß ich den Herrn Amandus von Nebelstern zu

unserm Hofpoeten erkoren, und ich wünsche, daß er gleich eine Probe

seines Talents ablegen und uns eins vorsingen möge. Wir wollen aber in

die Laube gehen, denn ich liebe die freie Natur, ich werde mich auf

Ihren Schoß setzen, und Sie können mich, geliebteste Braut, während

des Gesanges etwas im Kopfe krauen, welches ich gern habe bei solcher

Gelegenheit.«

Fräulein Ännchen ließ, erstarrt vor Angst und Entsetzen, alles

geschehen. Daucus Carota setzte sich draußen in der Laube auf ihren

Schoß, sie kratzte ihn im Kopfe, und Herr Amandus von Nebelstern

begann, sich auf der Guitarre begleitend, das erste der zwölf Dutzend

Lieder, die er sämtlich selbst gedichtet und komponiert und in ein

dickes Buch zusammengeschrieben hatte.

Schade ist es, daß in der Chronik von Dapsulheim, aus der diese ganze

Geschichte geschöpft, diese Lieder nicht aufgeschrieben, sondern

nur bemerkt worden, daß vorübergehende Bauern stehen geblieben und

neugierig gefragt, was für ein Mensch denn in der Laube des Herrn

Dapsul von Zabelthau solche Qualen litte, daß er solch entsetzliche

Schmerzenslaute von sich geben müsse.

Daucus Carota wand und krümmte sich auf Fräulein Ännchens Schoß und

stöhnte und winselte immer jämmerlicher, als litte er an fürchterlichem

Bauchgrimmen. Auch glaubte Fräulein Ännchen zu ihrem nicht geringen

Erstaunen zu bemerken, daß Corduanspitz während des Gesanges immer

kleiner und kleiner wurde. Endlich sang Herr Amandus von Nebelstern

(das einzige Lied steht wirklich in der Chronik) folgende sublime Verse:

Ha! wie singt der Sänger froh!

Blütendüfte, blanke Träume,

Zieh'n durch ros'ge Himmelsräume,

Selig, himmlisch Irgendwo!

Ja du gold'nes Irgendwo,

Schwebst im holden Regenbogen,

Hausest dort auf Blumenwogen,

Bist ein kindliches So So!

Hell Gemüt, ein Herz so so,

Mag nur lieben, mag nur glauben,

Tändeln, girren mit den Tauben,

Und das singt der Sänger froh.

Sel'gem fernem Irgendwo

Zieht er nach durch gold'ne Räume,

Ihn umschweben süße Träume

Und er wird ein ew'ges So!

Geht ihm auf der Sehnsucht Wo,

Lodern bald die Liebesflammen,

Gruß und Kuß, ein traut Zusammen

Und die Blüten, Düfte, Träume

Lebens, Liebens, Hoffens Keime

Und --

Laut kreischte Daucus Carota auf, schlüpfte, zum kleinen, kleinen

Mohrrübchen geworden, herab von Ännchens Schoß und in die Erde hinein,

so daß er in einem Moment spurlos verschwunden. Da stieg auch der graue

Pilz, der dicht neben der Rasenbank in der Nacht gewachsen schien, in

die Höhe; der Pilz war aber nichts anders als die graue Filzmütze des

Herrn Dapsul von Zabelthau, und er selbst steckte darunter und fiel dem

Herrn Amandus von Nebelstern stürmisch an die Brust und rief in der

höchsten Ekstase: »O mein teuerster, bester, geliebtester Herr Amandus

von Nebelstern! Sie haben mit Ihrem kräftigen Beschwörungsgedicht meine

ganze kabbalistische Weisheit zu Boden geschlagen. Was die tiefste

magische Kunst, was der kühnste Mut des verzweifelnden Philosophen

nicht vermochte, das gelang Ihren Versen, die wie das stärkste Gift dem

verräterischen Daucus Carota in den Leib fuhren, so daß er trotz seiner

gnomischen Natur vor Bauchgrimmen elendiglich umkommen müssen, wenn

er sich nicht schnell gerettet hätte in sein Reich! Befreit ist meine

Tochter Anna, befreit bin ich von dem schrecklichen Zauber, der mich

hier gebannt hielt, so daß ich ein schnöder Pilz scheinen und Gefahr

laufen mußte, von den Händen meiner eigenen Tochter geschlachtet zu

werden! Denn die Gute vertilgt schonungslos mit scharfem Spaten alle

Pilze in Garten und Feld, wenn sie nicht gleich ihren edlen Charakter

an den Tag legen wie die Champignons. Dank, meinen innigsten heißesten

Dank, und -- nicht wahr, mein verehrtester Herr Amandus von Nebelstern,

es bleibt alles beim alten rücksichts meiner Tochter? -- Zwar ist sie,

dem Himmel sei es geklagt, um ihr hübsches Ansehen durch die Schelmerei

des feindseligen Gnomen betrogen worden, Sie sind indessen viel zu

sehr Philosoph, um« -- »O Papa, mein bester Papa,« jauchzte Fräulein

Ännchen, »schauen Sie doch nur hin, schauen Sie doch nur hin, der

seidne Palast ist ja verschwunden. Er ist fort, der häßliche Unhold

mitsamt seinem Gefolge von Salatprinzen und Kürbisministern und was

weiß ich sonst alles!« -- Und damit sprang Fräulein Ännchen fort nach

dem Gemüsegarten. Herr Dapsul von Zabelthau lief der Tochter nach, so

schnell es gehen wollte, und Herr Amandus von Nebelstern folgte, indem

er für sich in den Bart hineinbrummte: »Ich weiß gar nicht, was ich von

dem allen denken soll; aber so viel will ich fest behaupten, daß der

kleine garstige Mohrrübenkerl ein unverschämter prosaischer Schlingel

ist, aber kein dichterischer König, denn sonst würde er bei meinem

sublimsten Liede nicht Bauchgrimmen bekommen und sich in die Erde

verkrochen haben.«

-- Fräulein Ännchen fühlte, als sie in dem Gemüsegarten stand, wo keine

Spur eines grünenden Hälmchens zu finden, einen entsetzlichen Schmerz

in dem Finger, der den verhängnisvollen Ring trug. Zu gleicher Zeit

ließ sich ein herzzerschneidender Klagelaut aus der Tiefe vernehmen,

und es guckte die Spitze einer Mohrrübe hervor. Schnell streifte

Fräulein Ännchen, von ihrer Ahnung richtig geleitet, den Ring, den sie

sonst nicht vom Finger bringen können, mit Leichtigkeit ab, steckte

ihn der Mohrrübe an, diese verschwand, und der Klagelaut schwieg.

Aber o Wunder! sogleich war auch Fräulein Ännchen hübsch wie vorher,

wohlproportioniert und so weiß, als man es nur von einem wirtlichen

Landfräulein verlangen kann. Beide, Fräulein Ännchen und Herr Dapsul

von Zabelthau, jauchzten sehr, während Herr Amandus von Nebelstern ganz

verdutzt dastand, und immer noch nicht wußte, was er von allem denken

sollte. --

Fräulein Ännchen nahm der herbeigelaufenen Großmagd den Spaten aus

der Hand und schwang ihn mit dem jauchzenden Ausruf: »Nun laßt uns

arbeiten!« in den Lüften, aber so unglücklich, daß sie den Herrn

Amandus von Nebelstern hart vor den Kopf (gerade da, wo das +Sensorium

commune+ sitzen soll) traf, so daß er wie tot niederfiel. Fräulein

Ännchen schleuderte das Mordinstrument weit weg, warf sich neben dem

Geliebten nieder, und brach aus in verzweifelnden Schmerzenslauten,

während die Großmagd eine ganze Gießkanne voll Wasser über ihn

ausgoß, und Herr Dapsul von Zabelthau schnell den astronomischen Turm

bestieg, um in aller Eile die Gestirne zu befragen, ob Herr Amandus von

Nebelstern wirklich tot sei. Nicht lange dauerte es, als Herr Amandus

von Nebelstern die Augen wieder aufschlug, aufsprang, so durchnäßt, wie

er war, Fräulein Ännchen in seine Arme schloß, und mit allem Entzücken

der Liebe rief: »O mein bestes, teuerstes Ännchen! nun haben wir uns ja

wieder!« --

Die sehr merkwürdige, kaum glaubliche Wirkung dieses Vorfalls auf das

Liebespaar zeigte sich sehr bald. Beider Sinn war auf eine seltsame

Weise geändert.

Fräulein Ännchen hatte einen Abscheu gegen das Handhaben des Spatens

bekommen, und herrschte wirklich wie eine echte Königin über das

Gemüsreich, da sie dafür mit Liebe sorgte, daß ihre Vasallen gehörig

gehegt und gepflegt wurden, ohne dabei selbst Hand anzulegen, welches

sie treuen Mägden überließ. Dem Herrn Amandus von Nebelstern kam

dagegen alles, was er gedichtet, sein ganzes poetisches Streben

höchst albern und aberwitzig vor; und vertiefte er sich in die Werke

der großen, wahren Dichter der ältern und neuen Zeit, so erfüllte

wohltuende Begeisterung so sein Inneres ganz und gar, daß kein Platz

übrig blieb für einen Gedanken an sein eignes Ich. Er gelangte zu

der Überzeugung, daß ein Gedicht etwas anderes sein müsse als der

verwirrte Wortkram, den ein nüchternes Delirium zu Tage fördert, und

wurde, nachdem er alle Dichtereien, mit denen er sonst, sich selbst

belächelnd und verehrend, vornehm getan, ins Feuer geworfen, wieder

ein besonnener, in Herz und Gemüt klarer Jüngling, wie er es vorher

gewesen. --

Eines Morgens stieg Herr Dapsul von Zabelthau wirklich von seinem

astronomischen Turm herab, um Fräulein Ännchen mit Herrn Amandus von

Nebelstern nach der Kirche zur Trauung zu geleiten.

Sie führten nächstdem eine glückliche, vergnügte Ehe; ob aber später

aus Herrn Dapsuls ehelicher Verbindung mit der Sylphide Nehahilah noch

wirklich etwas geworden, darüber schweigt die Chronik von Dapsulheim.

-- -- --

J. H. D. Zschokke:

Die Nacht in Brczwezmcisl.

=Johann Heinrich Daniel Zschokke= wurde am 22. März 1771 als Sohn

eines wohlhabenden Tuchmachers in Magdeburg geboren, ging nach kurzer

Hauslehrer- und Theater-Tätigkeit und nach dem Besuch der Universität

Frankfurt a. O. 1796 nach der Schweiz, wo er bald ein zweites Vaterland

fand. Die wechselvollen politischen Umbildungen der damaligen Zeit

stellten ihm, der von gemeinnützigem Sinne beseelt war, mannigfache

bedeutende Aufgaben, denen er sich mit größtem Eifer unterzog. Seine

großen Verdienste um die Schweiz und namentlich um den Kanton Aargau,

in dem er sich niedergelassen hatte, wurden durch Übertragung vieler

Ämter und Würden an ihn geehrt. Nachdem er seine letzten Lebensjahre

den stets mit Eifer betriebenen schriftstellerischen Arbeiten gewidmet

hatte, starb er am 27. Juni 1848 auf seinem Landsitz Blumenhalde an der

Aar.

Zschokke ist ein Volksschriftsteller ersten Ranges: klar, gediegen, von

energischem und lebendigem Vortrag. »Die Abenteuer der Neujahrsnacht«,

»Addrich im Moos«, »Die Branntweinpest«, »Das Goldmacherdorf« sind

einige seiner bekanntesten Erzählungen, neben denen eine große Zahl

volkstümlicher Geschichtswerke und die bekannten »Stunden der Andacht«

stehen. Auch durch Herausgabe allgemeinverständlicher Zeitschriften

(namentlich des trefflichen »Schweizerboten«) hat sich Zschokke

verdient gemacht. Daß er bei der von ihm entwickelten gemeinnützigen

Tätigkeit großen Stils auch durch seine Dichtungen wirken wollte,

kann nicht wunder nehmen; tatsächlich haben auch nicht nur die beiden

letzten der obengenannten Erzählungen tiefgreifenden Einfluß geübt.

Aber er moralisiert nicht nur. Wenn er ernste Mahnungen geben will,

wie das häufig geschieht, weiß er sie dem Leser freundlich ans Herz

zu legen, und er ist der Erzählung schwankhafter Ereignisse, wie »Die

Nacht in Brczwezmcisl« zeigt, durchaus nicht abgeneigt.

E. S.

Die Nacht in Brczwezmcisl.

1.

Fahrt nach Brczwezmcisl.

Ich zweifle gar nicht, das Jahr 1796 mag wohl manche schreckliche Nacht

gehabt haben, zumal für die Italiener und Deutschen. Es war das erste

Siegesjahr Napoléon Bonapartes und die Zeit von Moreaus Rückzug. Damals

hatte ich in meiner Vaterstadt auf der Universität die akademischen

Studien beendigt; war Doktor beider Rechte, und hätte mich wohl

unterstanden, den Prozeß sämtlicher europäischer Kaiser und Könige mit

der damaligen französischen Republik zu schlichten, wenn man mich nur

zum Schiedsrichter verlangt hätte.

Deutsche Humoristen, 2. Band (von 8) · 第 9 / 11 段