»Meine Kammerherrn,« sprach Porphyrio von Ockerodastes lächelnd, und

führte, indem die genannten Kammerherrn voranschritten, Fräulein

Ännchen durch die Doppelreihe, welche die rote englische Karottengarde

bildete, bis in die Mitte des Feldes, wo sich ein hoher prächtiger

Thron erhob. Um diesen Thron waren die Großen des Reichs versammelt,

die Salatprinzen mit den Bohnenprinzessinnen, die Gurkenherzoge

mit dem Melonenfürsten an ihrer Spitze, die Kopfkohlminister, die

Zwiebel- und Rübengeneralität, die Federkohldamen u. s. w., alle in

den glänzendsten Kleidern ihres Ranges und Standes. Und dazwischen

liefen wohl an hundert allerliebste Lavendel- und Fenchelpagen umher

und verbreiteten süße Gerüche. Als Ockerodastes mit Fräulein Ännchen

den Thron bestiegen, winkte der Oberhofmarschall Turneps mit seinem

langen Stabe, und sogleich schwieg die Musik und alles horchte in

stiller Ehrfurcht. Da erhob Ockerodastes seine Stimme und sprach sehr

feierlich: »Meine getreuen und sehr lieben Untertanen! Seht hier an

meiner Seite das edle Fräulein Anna von Zabelthau, das ich zu meiner

Gemahlin erkoren. Reich an Schönheit und Tugend, hat sie euch schon

lange mit mütterlich liebenden Augen betrachtet, ja euch weiche, fette

Lager bereitet und gehegt und gepflegt. Sie wird euch stets eine treue,

würdige Landesmutter sein und bleiben. Bezeigt jetzt den ehrerbietigen

Beifall, sowie ordnungsmäßigen Jubel über die Wohltat, die ich im

Begriff stehe euch huldvoll zufließen zu lassen!« Auf ein zweites

Zeichen des Oberhofmarschalls Turneps ging nun ein tausendstimmiger

Jubel los, die Bollenartillerie feuerte ihr Geschütz ab und die Musiker

der Karottengarde spielten das bekannte Festlied: Salat-Salat und grüne

Petersilie! -- Es war ein großer, erhabener Moment, der den Großen des

Reichs, vorzüglich aber den Federkohldamen Tränen der Wonne entlockte.

Fräulein Ännchen hätte beinahe auch alle Fassung verloren, als sie

gewahrte, daß der Kleine eine von Diamanten funkelnde Krone auf dem

Haupte, in der Hand aber ein goldnes Scepter trug. »Ei,« sprach sie,

indem sie voll Erstaunen die Hände zusammenschlug, »ei du mein Herr

Jemine! Sie sind ja wohl viel mehr, als Sie scheinen, mein lieber Herr

von Corduanspitz?« -- »Angebetete Anna,« erwiderte Ockerodastes sehr

sanft, »die Gestirne zwangen mich, bei Ihrem Herrn Vater unter einem

erborgten Namen zu erscheinen. Erfahren Sie, bestes Kind, daß ich einer

der mächtigsten Könige bin und ein Reich beherrsche, dessen Grenzen

gar nicht zu entdecken sind, da sie auf der Karte zu illuminieren

vergessen worden. Es ist der Gemüsekönig Daucus Carota der Erste, der

Ihnen, o süßeste Anna, seine Hand und seine Krone darreicht. Alle

Gemüsefürsten sind meine Vasallen, und nur einen einzigen Tag im Jahre

regiert nach einem uralten Herkommen der Bohnenkönig.« -- »Also,«

rief Fräulein Ännchen freudig, »also eine Königin soll ich werden und

diesen herrlichen, prächtigen Gemüsegarten besitzen?« König Daucus

Carota versicherte nochmals, daß dies allerdings der Fall sei, und

fügte hinzu, daß seiner und ihrer Herrschaft alles Gemüse unterworfen

sein werde, das nur emporkeime aus der Erde. So was hatte nun

Fräulein Ännchen wohl gar nicht erwartet und sie fand, daß der kleine

Corduanspitz seit dem Augenblick, als er sich in den König Daucus

Carota den Ersten umgesetzt, gar nicht mehr so häßlich war als vorher,

und daß ihm Krone und Scepter sowie der Königsmantel ganz ungemein

artig standen. Rechnete noch Fräulein Ännchen sein artiges Benehmen und

die Reichtümer hinzu, die ihr durch diese Verbindung zu teil wurden,

so mußte sie wohl überzeugt sein, daß kein Landfräulein hienieden eine

bessere Partie zu machen im stande sei als eben sie, die im Umsehn eine

Königsbraut geworden. Fräulein Ännchen war deshalb auch über alle Maßen

vergnügt und fragte den königlichen Bräutigam, ob sie nicht gleich in

dem schönen Palast bleiben, und ob nicht morgenden Tages die Hochzeit

gefeiert werden könne. König Daucus erwiderte indessen, daß, so sehr

ihn die Sehnsucht der angebeteten Braut entzücke, er doch gewisser

Konstellationen halber sein Glück noch verschieben müsse. Der Herr

Dapsul von Zabelthau dürfe nämlich für jetzt den königlichen Stand

seines Eidams durchaus nicht erfahren, da sonst die Operationen, die

die gewünschte Verbindung mit der Sylphide Nehahilah bewirken sollten,

gestört werden könnten. Überdem habe er auch dem Herrn Dapsul von

Zabelthau versprochen, daß beide Vermählungen an einem Tage gefeiert

werden sollten. Fräulein Ännchen mußte feierlich geloben, dem Herrn

Dapsul von Zabelthau auch nicht eine Silbe davon zu verraten, was sich

mit ihr begeben; sie verließ dann den seidnen Palast unter dem lauten,

lärmenden Jubel des durch ihre Schönheit, durch ihr leutseliges,

herablassendes Betragen ganz in Wonne berauschten Volks.

Im Traume sah sie das Reich des allerliebsten Königs Daucus Carota noch

einmal und schwamm in lauter Seligkeit. --

Der Brief, den sie dem Herrn Amandus von Nebelstern gesendet, hatte

auf den armen Jüngling eine fürchterliche Wirkung gemacht. Nicht lange

dauerte es, so erhielt Fräulein Ännchen folgende Antwort:

»Abgott meines Herzens, himmlische Anna!

Dolche, spitze, glühende, giftige, tötende Dolche waren mir die

Worte deines Briefes, die meine Brust durchbohrten. O Anna! Du

sollst mir entrissen werden? Welch ein Gedanke! Ich kann es noch

gar nicht begreifen, daß ich nicht auf der Stelle unsinnig

geworden bin und irgend einen fürchterlichen, grausamen Spektakel

gemacht habe! -- Doch floh ich ergrimmt über mein todbringendes

Verhängnis die Menschen, und lief gleich nach Tische, ohne wie sonst

Billard zu spielen, hinaus in den Wald, wo ich die Hände rang und

tausendmal deinen Namen rief! -- Es fing gewaltig an zu regnen, und

ich hatte gerade eine ganz neue Mütze von rotem Sammt mit einer

prächtigen goldnen Troddel aufgesetzt. Die Leute sagen, daß noch

keine Mütze so mir zu Gesicht gestanden als diese. -- Der Regen

konnte das Prachtstück des Geschmacks verderben, doch was frägt die

Verzweiflung der Liebe nach Mützen, nach Sammt und Gold! -- So lange

lief ich umher, bis ich ganz durchnäßt und durchkältet war und ein

entsetzliches Bauchgrimmen fühlte. Das trieb mich in das nahgelegene

Wirtshaus, wo ich mir excellenten Glühwein machen ließ und dazu

eine Pfeife deines himmlischen Virginiers rauchte. -- Bald fühlte

ich mich von einer göttlichen Begeisterung erhoben, ich riß meine

Brieftasche hervor, warf in aller Schnelle ein Dutzend herrliche

Gedichte hin und, o wunderbare Gabe der Dichtkunst! -- beides war

verschwunden, Liebesverzweiflung und Bauchgrimmen. -- Nur das letzte

dieser Gedichte will ich dir mitteilen, und auch dich, o Zierde der

Jungfrauen, wird wie mich freudige Hoffnung erfüllen!

Winde mich in Schmerzen

Ausgelöscht im Herzen

Sind die Liebeskerzen,

Mag nie wieder scherzen!

Doch der Geist, er neigt sich,

Wort und Reim erzeugt sich,

Schreibe Verslein nieder.

Froh bin ich gleich wieder,

Tröstend in dem Herzen

Flammen Liebeskerzen,

Weg sind alle Schmerzen,

Mag auch freundlich scherzen.

Ja, meine süße Anna! -- bald eile ich, ein schützender Ritter, herbei

und entreiße dich dem Bösewicht, der dich mir rauben will! -- Damit

du indessen bis dahin nicht verzweifelst, schreibe ich dir einige

göttliche trostreiche Kernsprüche aus meines herrlichen Meisters

Schatzkästlein her; du magst dich daran erlaben.

* * * * *

Die Brust wird weit, dem Geiste wachsen Flügel?

Sei Herz, Gemüt, doch lust'ger Eulenspiegel!

* * * * *

Liebe kann die Liebe hassen,

Zeit auch wohl die Zeit verpassen.

* * * * *

Die Lieb ist Blumenduft ein Sein ohn Unterlaß,

O Jüngling, wasch den Pelz, doch mach ihn ja nicht naß!

* * * * *

Sagst du, im Winter weht frostiger Wind?

Warm sind doch Mäntel, wie Mäntel nun sind!

* * * * *

Welche göttliche, erhabene, überschwengliche Maximen! -- Und wie

einfach, wie anspruchslos, wie körnig ausgedrückt! -- Nochmals also,

meine süßeste Maid! Sei getrost, trage mich im Herzen wie sonst. Es

kommt, es rettet dich, es drückt dich an seine im Liebessturm wogende

Brust dein getreuester

Amandus von Nebelstern.

N.S. Herausfordern kann ich den Herrn von Corduanspitz auf keinen

Fall. Denn, o Anna! jeder Tropfen Bluts, der deinem Amandus

entquillen könnte bei dem feindlichen Angriff eines verwegenen

Gegners, ist herrliches Dichterblut, der Ichor der Götter, der

nicht verspritzt werden darf. Die Welt hat den gerechten Anspruch,

daß ein Geist wie ich sich für sie schone, auf alle mögliche Weise

konserviere. -- Des Dichters Schwert ist das Wort, der Gesang.

Ich will meinem Nebenbuhler auf den Leib fahren mit tyrtäischen

Schlachtliedern, ihn niederstoßen mit spitzen Epigrammen, ihn

niederhauen mit Dithyramben voll Liebeswut -- das sind die Waffen

des echten, wahren Dichters, die immerdar siegreich ihn sicher

stellen gegen jeden Angriff, und so gewaffnet und gewappnet werde ich

erscheinen und mir deine Hand erkämpfen, o Anna!

Lebe wohl, nochmals drücke ich dich an meine Brust! -- Hoffe alles

von meiner Liebe und vorzüglich von meinem Heldenmut, der keine

Gefahr scheuen wird, dich zu befreien aus den schändlichen Netzen, in

die dich allem Anschein nach ein dämonischer Unhold verlockt hat!« --

Fräulein Ännchen erhielt diesen Brief, als sie gerade mit dem

bräutigamlichen König Daucus Carota dem Ersten auf der Wiese hinter

dem Garten Haschemännchen spielte und große Freude hatte, wenn sie

sich in vollem Lauf schnell niederduckte und der kleine König über sie

wegschoß. Aber nicht wie sonst, steckte sie das Schreiben des Geliebten

ohne es zu lesen in die Tasche, und wir werden gleich sehen, daß es zu

spät gekommen.

Gar nicht begreifen konnte Herr Dapsul von Zabelthau, wie Fräulein

Ännchen ihren Sinn so plötzlich geändert und den Herrn Porphyrio von

Ockerodastes, den sie erst so abscheulich gefunden, liebgewonnen

hatte. Er befragte darüber die Gestirne; da diese ihm aber auch keine

befriedigende Antwort gaben, so mußte er dafür halten, daß des Menschen

Sinn unerforschlicher sei als alle Geheimnisse des Weltalls und sich

durch keine Konstellation erfassen lasse. -- Daß nämlich bloß die

höhere Natur des Bräutigams auf Ännchen zur Liebe gewirkt haben solle,

konnte er, da es dem Kleinen an Leibesschönheit gänzlich mangelte,

nicht annehmen. War, wie der geneigte Leser schon vernommen, der

Begriff von Schönheit, wie ihn Herr Dapsul von Zabelthau statuierte,

auch himmelweit von dem Begriff verschieden, wie ihn junge Mädchen in

sich tragen, so hatte er doch wenigstens so viel irdische Erfahrung,

um zu wissen, daß besagte Mädchen meinen, Verstand, Witz, Geist, Gemüt

seien gute Mietsleute in einem schönen Hause, und daß ein Mann, dem

ein modischer Frack nicht zum besten steht, und sollte er sonst ein

Shakespeare, ein Goethe, ein Tieck, ein Friedrich Richter sein, Gefahr

läuft, von jedem hinlänglich angenehm gebauten Husarenleutnant in der

Staatsuniform gänzlich aus dem Felde geschlagen zu werden, sobald es

ihm einfällt, einem jungen Mädchen entgegen zu rücken. -- Bei Fräulein

Ännchen hatte sich nun zwar das ganz anders zugetragen, und es handelte

sich weder um Schönheit noch um Verstand; indessen trifft es sich wohl

selten, daß ein armes Landfräulein plötzlich Königin werden soll, und

konnte daher von dem Herrn Dapsul von Zabelthau nicht wohl vermutet

werden, zumal ihn auch hier die Gestirne im Stich ließen.

Man kann denken, daß die drei Leute, Herr Porphyrio von Ockerodastes,

Herr Dapsul von Zabelthau und Fräulein Ännchen, ein Herz und eine Seele

waren. Es ging so weit, daß Herr Dapsul von Zabelthau öfter, als sonst

jemals geschehn, den Turm verließ, um mit dem geschätzten Eidam über

allerlei vergnügliche Dinge zu plaudern, und vorzüglich pflegte er nun

sein Frühstück jedesmal unten im Hause einzunehmen. Um diese Zeit kam

denn auch Herr Porphyrio von Ockerodastes aus seinem seidenen Palast

hervor, und ließ sich von Fräulein Ännchen mit Butterbrot füttern.

»Ach, ach,« kickerte Fräulein Ännchen ihm oft ins Ohr, »ach, ach, wenn

Papa wüßte, daß Sie eigentlich ein König sind, bester Corduanspitz.«

-- »Halt' dich, Herz,« erwiderte Daucus Carota der Erste, »halt' dich,

Herz, und vergeh' nicht in Wonne. -- Nah, nah ist dein Freudentag!« --

Es begab sich, daß der Schulmeister dem Fräulein Ännchen einige Bund

der herrlichsten Radiese aus seinem Garten verehrt hatte. Dem Fräulein

Ännchen war das über alle Maßen lieb, da Herr Dapsul von Zabelthau sehr

gern Radiese aß, Ännchen aber aus dem Gemüsegarten, über den der Palast

erbaut war, nichts entnehmen konnte. Überdem fiel ihr aber auch jetzt

erst ein, daß sie unter den mannigfaltigsten Kräutern und Wurzeln im

Palast nur allein Radiese nicht gewahrt hatte.

Fräulein Ännchen putzte die geschenkten Radiese schnell ab, und trug

sie dem Vater auf zum Frühstück. Schon hatte Herr Dapsul von Zabelthau

mehreren unbarmherzig die Blätterkrone weggeschnitten, sie ins Salzfaß

gestippt und vergnüglich verzehrt, als Corduanspitz hereintrat. »O,

mein Ockerodastes, genießen Sie Radiese!« so rief ihm Herr Dapsul

von Zabelthau entgegen. Es lag noch ein großer, vorzüglich schöner

Radies auf dem Teller. Kaum erblickte Corduanspitz aber diesen, als

seine Augen grimmig zu funkeln begannen und er mit fürchterlich

dröhnender Stimme rief: »Was, unwürdiger Herzog, Ihr wagt es noch, vor

meinen Augen zu erscheinen, ja Euch mit verruchter Unverschämtheit

einzudrängen in ein Haus, das beschirmt ist von meiner Macht? Habe ich

Euch, der mir den rechtmäßigen Thron streitig machen wollte, nicht

verbannt auf ewige Zeiten? -- Fort, fort mit Euch, verräterischer

Vasall!« Dem Radies waren plötzlich zwei Beinchen unter dem dicken

Kopf gewachsen, mit denen er schnell aus dem Teller hinabsprang;

dann stellte er sich dicht hin vor Corduanspitz und ließ sich also

vernehmen: »Grausamer Daucus Carota der Erste, der du vergebens

trachtest, meinen Stamm zu vernichten! Hat je einer deines Geschlechts

einen solchen großen Kopf gehabt als ich und meine Verwandten? --

Verstand, Weisheit, Scharfsinn, Courtoisie, mit allem dem sind wir

begabt, und während Ihr Euch herumtreibt in Küchen und in Ställen und

nur in hoher Jugend etwas geltet, so daß recht eigentlich der +diable

de la jeunesse+ nur Euer schnell vorüberfliehendes Glück macht, so

genießen wir des Umgangs hoher Personen, und mit Jubel werden wir

begrüßt, sowie wir nur unsere grünen Häupter erheben! -- Aber ich

trotze dir, o Daucus Carota, bist du auch gleich ein ungeschlachter

Schlingel wie alle deinesgleichen! Laß sehen, wer hier der Stärkste

ist!« -- Damit schwang der Radiesherzog eine lange Peitsche und ging

ohne weiteres dem König Daucus Carota dem Ersten zu Leibe. Dieser

zog aber schnell seinen kleinen Degen und verteidigte sich auf die

tapferste Weise. In den seltsamsten, tollsten Sprüngen balgten sich nun

die beiden Kleinen im Zimmer umher, bis Daucus Carota den Radiesherzog

so in die Enge trieb, daß er genötigt wurde, mit einem kühnen Sprung

durchs offne Fenster das Weite zu suchen. König Daucus Carota,

dessen ganz ungemeine Behendigkeit dem geneigten Leser schon bekannt

ist, schwang sich aber nach und verfolgte den Radiesherzog über den

Acker. -- Herr Dapsul von Zabelthau hatte dem schrecklichen Zweikampf

zugeschaut in dumpfer, lautloser Erstarrung. Nun brach er aber heulend

und schreiend los: »O Tochter Anna! -- o meine arme, unglückselige

Tochter Anna! -- verloren -- ich -- du -- beide sind wir verloren,

verloren.« -- Und damit lief er aus der Stube und bestieg so schnell,

als er es nur vermochte, den astronomischen Turm. --

Fräulein Ännchen konnte gar nicht begreifen, gar nicht vermuten, was

in aller Welt den Vater auf einmal in solch grenzenlose Betrübnis

versetzt. Ihr hatte der ganze Auftritt ungemeines Vergnügen verursacht,

und sie war noch in ihrem Herzen froh, bemerkt zu haben, daß der

Bräutigam nicht allein Stand und Reichtum, sondern auch Tapferkeit

besaß, wie es denn wohl nicht leicht ein Mädchen auf Erden geben mag,

die einen Feigling zu lieben im stande. Nun sie eben von der Tapferkeit

des Königs Daucus Carota des Ersten überzeugt worden, fiel es ihr erst

recht empfindlich auf, daß Herr Amandus von Nebelstern sich nicht mit

ihm schlagen wollen.

Hätte sie noch geschwankt, den Herrn Amandus dem Könige Daucus dem

Ersten aufzuopfern, sie würde sich jetzt dazu entschlossen haben, da

ihr die ganze Herrlichkeit ihres neuen Brautstandes einleuchtete. Sie

setzte sich flugs hin und schrieb folgenden Brief:

»Mein lieber Amandus!

Alles in der Welt kann sich ändern, alles ist vergänglich, sagt

der Herr Schulmeister, und er hat vollkommen Recht. Auch du, mein

lieber Amandus, bist ein viel zu weiser und gelehrter Student, als

daß du dem Herrn Schulmeister nicht beipflichten und dich nur im

Mindesten verwundern solltest, wenn ich dir sage, daß auch in meinem

Sinn und Herzen sich eine kleine Veränderung zugetragen hat. -- Du

kannst es mir glauben, ich bin dir noch recht sehr gut, und kann

es mir recht vorstellen, wie hübsch du aussehen mußt in der roten

Sammtmütze mit Gold, aber was das Heiraten betrifft -- sieh, lieber

Amandus, so gescheit du auch bist und so hübsche Verslein du auch

zu machen verstehst, König wirst du doch nun und nimmermehr werden,

und -- erschrick nicht, Liebster -- der kleine Herr von Corduanspitz

ist nicht der Herr von Corduanspitz, sondern ein mächtiger König,

namens Daucus Carota der Erste, der da herrscht über das ganze

Gemüsreich und mich erkoren hat zu seiner Königin! -- Seit der Zeit,

daß mein lieber kleiner König das Inkognito abgeworfen, ist er auch

viel hübscher geworden, und ich sehe jetzt erst recht ein, daß der

Papa recht hatte, wenn er behauptete, daß der Kopf die Zierde des

Mannes sei und daher nicht groß genug sein könne. Dabei hat aber

Daucus Carota der Erste -- du siehst, wie gut ich den schönen Namen

behalten und nachschreiben kann, da er mir ganz bekannt vorkommt --

ja, ich wollte sagen, dabei hat mein kleiner königlicher Bräutigam

ein so angenehmes, allerliebstes Betragen, daß es gar nicht

auszusprechen. Und welch einen Mut, welche Tapferkeit besitzt der

Mann! Vor meinen Augen hat er den Radiesherzog, der ein unartiger,

aufsässiger Mensch zu sein scheint, in die Flucht geschlagen, und

hei! wie er ihm nachsprang durchs Fenster! du hättest das nur sehen

sollen! -- Ich glaube auch nicht, daß mein Daucus Carota sich aus

deinen Waffen etwas machen wird, er scheint ein fester Mann, dem

Verse, sind sie auch noch so fein und spitzig, nicht viel anhaben

können. -- Nun also, lieber Amandus, füge dich in dein Schicksal

wie ein frommer Mensch, und nimm es nicht übel, daß ich nicht deine

Frau, sondern vielmehr Königin werde. Sei aber getrost, ich werde

immer deine wohlaffektionierte Freundin bleiben, und willst du

künftig bei der Karottengarde, oder da du nicht sowohl die Waffen

als die Wissenschaften liebst, bei der Pastinakakademie oder bei dem

Kürbisministerium angestellt sein, so kostet dich's nur ein Wort,

und dein Glück ist gemacht. Lebe wohl und sei nicht böse auf deine

sonstige Braut, jetzt aber wohlmeinende Freundin und künftige Königin

Anna von Zabelthau

(bald aber nicht mehr von Zabelthau, sondern bloß Anna).

N.S. Auch mit den schönsten virginischen Blättern sollst du gehörig

versorgt werden, du kannst dich darauf festiglich verlassen. So wie

ich beinahe vermuten muß, wird zwar an meinem Hofe gar nicht geraucht

werden, deshalb sollen aber doch sogleich nicht weit vom Thron

unter meiner besondern Aufsicht einige Beete mit virginischem Tabak

angepflanzt werden. Das erfordert die Kultur und die Moral, und mein

Daucuschen soll darüber ein besonderes Gesetz schreiben lassen.«

Fünftes Kapitel.

In welchem von einer fürchterlichen Katastrophe Nachricht gegeben,

und mit dem weitern Verlauf der Dinge fortgefahren wird.

Fräulein Ännchen hatte gerade ihr Schreiben an den Herrn Amandus von

Nebelstern fortgesendet, als Herr Dapsul von Zabelthau hereintrat und

mit dem weinerlichsten Ton des tiefsten Schmerzes begann: »O meine

Tochter Anna! auf welche schändliche Weise sind wir beide betrogen!

Dieser Verruchte, der dich in seine Schlingen verlockte, der mir weiß

machte, er sei Baron Porphyrio Ockerodastes, genannt Corduanspitz,

Sprößling jenes illüstren Stammes, den der überherrliche Gnome

Tsilmenech im Bündnis schuf mit der edlen corduanischen Äbtissin,

dieser Verruchte -- erfahr' es und sinke ohnmächtig nieder! -- er ist

selbst ein Gnome, aber jenes niedrigsten Geschlechts, das die Gemüse

bereitet! -- Jener Gnome Tsilmenech war von dem edelsten Geschlecht,

nämlich von dem, dem die Pflege der Diamanten anvertraut ist. Dann

kommt das Geschlecht derer, die im Reich des Metallkönigs die Metalle

bereiten, dann folgen die Blumisten, die deshalb nicht so vornehm sind,

weil sie von den Sylphen abhängen. Die schlechtesten und unedelsten

sind aber die Gemüsegnomen, und nicht allein, daß der betrügerische

Corduanspitz ein solcher Gnome ist, nein, er ist König dieses

Geschlechts, und heißt Daucus Carota!« --

Fräulein Ännchen sank keineswegs in Ohnmacht, erschrak auch nicht

im allermindesten, sondern lächelte den lamentierenden Papa ganz

freundlich an; der geneigte Leser weiß schon warum! -- Als nun aber

der Herr Dapsul von Zabelthau sich darüber höchlich verwunderte und

immer mehr in Fräulein Ännchen drang, doch nur um des Himmels Willen

ihr fürchterliches Geschick einzusehen und sich zu grämen, da glaubte

Fräulein Ännchen nicht länger das ihr anvertraute Geheimnis bewahren zu

dürfen. Sie erzählte dem Herrn Dapsul von Zabelthau, wie der sogenannte

Herr Baron von Corduanspitz ihr längst selbst seinen eigentlichen

Stand entdeckt, und seit der Zeit ihr so liebenswürdig vorgekommen

sei, daß sie durchaus gar keinen andern Gemahl wünsche. Sie beschrieb

dann ferner all die wunderbaren Schönheiten des Gemüsreichs, in das

sie König Daucus Carota der Erste eingeführt, und vergaß nicht, die

seltsame Anmut der mannigfachen Bewohner dieses großen Reichs gehörig

zu rühmen.

Herr Dapsul von Zabelthau schlug einmal über das andere die Hände

zusammen, und weinte sehr über die tückische Bosheit des Gnomenkönigs,

der die künstlichsten, ja für ihn selbst gefährlichsten Mittel

angewandt, die unglückselige Anna hinabzuziehen in sein finstres,

dämonisches Reich. --

So herrlich, erklärte jetzt Herr Dapsul von Zabelthau der aufhorchenden

Tochter, so herrlich, so ersprießlich die Verbindung irgend eines

Elementargeistes mit einem menschlichen Prinzip sein könne, so sehr

die Ehe des Gnomen Tsilmenech mit der Magdalena de la Croix davon ein

Beispiel gebe, weshalb denn auch der verräterische Daucus Carota ein

Sprößling dieses Stammes zu sein behaupte, so ganz anders verhalte es

sich doch mit den Königen und Fürsten dieser Geistervölkerschaften.

Wären die Salamanderkönige bloß zornig, die Sylphenkönige bloß

hoffärtig, die Undinenköniginnen bloß sehr verliebt und eifersüchtig,

so wären dagegen die Gnomenkönige tückisch, boshaft und grausam; bloß

um sich an den Erdenkindern zu rächen, die ihnen Vasallen entführt,

trachteten sie darnach, irgend eines zu verlocken, das dann die

menschliche Natur ganz ablege und, ebenso mißgestaltet wie die Gnomen

selbst, hinunter müsse in die Erde und nie wieder zum Vorschein komme.

Fräulein Ännchen schien all das Nachteilige, dessen Herr Dapsul von

Zabelthau ihren lieben Daucus beschuldigte, gar nicht recht glauben zu

wollen, vielmehr begann sie noch einmal von den Wundern des schönen

Gemüsreichs zu sprechen, über das sie nun bald zu herrschen gedenke.

»Verblendetes,« rief aber nun Herr Dapsul von Zabelthau voller Zorn,

»verblendetes, törichtes Kind! -- Trauest du deinem Vater nicht so viel

kabbalistische Weisheit zu, daß er nicht wissen sollte, wie alles, was

der verruchte Daucus Carota dir vorgegaukelt hat, nichts ist als Lug

und Trug? -- Doch du glaubst mir nicht; um dich, mein einziges Kind, zu

retten, muß ich dich überzeugen, diese Überzeugung verschaffe ich dir

aber durch die verzweifeltsten Mittel. -- Komm mit mir!« --

Zum zweitenmale mußte nun Fräulein Ännchen mit dem Papa den

astronomischen Turm besteigen. Aus einer großen Schachtel holte Herr

Dapsul von Zabelthau eine Menge gelbes, rotes, weißes und grünes Band

hervor, und umwickelte damit unter seltsamen Ceremonien Fräulein

Ännchen von Kopf bis zu Fuß. Mit sich selbst tat er ein gleiches, und

nun nahten beide, Fräulein Ännchen und der Herr Dapsul von Zabelthau,

sich behutsam dem seidnen Palast des Königs Daucus Carota des Ersten.

Fräulein Ännchen mußte auf Geheiß des Papas mit der mitgebrachten

feinen Schere eine Naht auftrennen und durch die Öffnung hineingucken.

Hilf Himmel! was erblickte sie statt des schönen Gemüsegartens,

statt der Karottengarde, der Plümagedamen, der Lavendelpagen, der

Salatprinzen und alles dessen, was ihr so wunderbar herrlich erschienen

war? -- In einen tiefen Pfuhl sah sie hinab, der mit einem farblosen

ekelhaften Schlamm gefüllt schien. Und in diesem Schlamm regte und

bewegte sich allerlei häßliches Volk aus dem Schoß der Erde. Dicke

Regenwürmer ringelten sich langsam durcheinander, während käferartige

Tiere, ihre kurzen Beine ausstreckend, schwerfällig fortkrochen. Auf

ihrem Rücken trugen sie große Zwiebeln, die hatten aber häßliche

menschliche Gesichter, und grinsten und schielten sich an mit trüben

gelben Augen, und suchten sich mit den kleinen Krallen, die ihnen dicht

an die Ohren gewachsen waren, bei den langen krummen Nasen zu packen

und hinunter zu ziehen in den Schlamm, während lange nackte Schnecken

in ekelhafter Trägheit sich durcheinander wälzten und ihre langen

Hörner emporstreckten aus der Tiefe. -- Fräulein Ännchen wäre bei dem

scheußlichen Anblick vor Grauen bald in Ohnmacht gesunken. Sie hielt

beide Hände vors Gesicht und rannte schnell davon. --

»Siehst du nun wohl,« sprach darauf der Herr Dapsul von Zabelthau

zu ihr, »siehst du nun wohl, wie schändlich dich der abscheuliche

Daucus Carota betrogen hat, da er dir eine Herrlichkeit zeigte, die

nur ganz kurze Zeit dauert? -- O! Festkleider ließ er seine Vasallen

anziehen und Staatsuniformen seine Garden, um dich zu verlocken mit

blendender Pracht! Aber nun hast du das Reich in Negligé geschaut,

das du beherrschen wirst, und bist du nun einmal die Gemahlin des

entsetzlichen Daucus Carota, so mußt du in dem unterirdischen Reiche

bleiben und kommst nie mehr auf die Oberfläche der Erde! -- Und wenn --

ach -- ach! was muß ich erblicken, ich unglücklichster der Väter!« --

Der Herr Dapsul von Zabelthau geriet nun plötzlich so außer sich, daß

Fräulein Ännchen wohl erraten konnte, es müsse noch ein neues Unglück

im Augenblick hereingebrochen sein. Sie fragte ängstlich, worüber

denn der Papa so entsetzlich lamentiere; der konnte aber vor lauter

Schluchzen nichts als stammeln: -- O -- o -- To--ch--ter -- wie --

si--ehst -- d--u a--u--s! Fräulein Ännchen rannte ins Zimmer, sah in

den Spiegel und fuhr zurück, von jähem Todesschreck erfaßt. --

Deutsche Humoristen, 2. Band (von 8) · 第 8 / 11 段