neuen Ostpreußens ausersehen. Viel Ehre für mich. Mit dem einen Fuß
schon im Amte, mit dem andern fast noch im akademischen Hörsaale,
heißt seltenes Glück. Das dankte ich der Eroberung oder Schöpfung
eines neuen Ostpreußens und dem Falle Kosciuszkos. Man macht es zwar
dem hochseligen Könige -- wir andere Christen sterben nur schlechtweg
selig, und die Bettler vermutlich nur tiefselig; man sagt, im Tode
sind wir einander alle gleich, ich beweise im Vorbeigehen das
Gegenteil! -- also man macht ihm zwar zum Vorwurf, an einer schreienden
Ungerechtigkeit teilgenommen zu haben, da er ein selbständiges Volk
verschlingen half; aber ohne diese kleine Ungerechtigkeit, ich möchte
sie gar nicht schreiend nennen, wären tausend preußische Musensöhne
ohne Anstellung geblieben. In der Natur wird eines Tod das Leben des
andern; der Hering ist für den Magen des Walfisches, und das gesamte
Tier- und Pflanzenreich, auch das Steinreich, wenn es nicht zuweilen
unverdaulich wäre, für den Magen des Menschen da. Übrigens läßt sich
sehr gut beweisen, daß ein Mädchen, welches seine Ehre, und ein Volk,
welches seine Selbständigkeit überlebt, an ihrem eigenen Unglücke
schuld sind. Denn wer sterben kann, ist unbezwingbar, und eben der Tod
ist der feste Stützpunkt eines großen, ruhmreichen Lebens.
Meine Mutter gab mir ihren besten Segen, nebst Wäsche und Reisegeld;
und so reiste ich meiner glänzenden Bestimmung nach Neu-Ostpreußen
entgegen, von dem die heutigen Geographen nichts mehr wissen,
ungeachtet es doch kein Zauber- und Feenland war, das auf den Wink
eines Oberon entsteht und verschwindet. Ich will meine Leser mit
keiner langen Reisebeschreibung ermüden. Flaches Land, flache Menschen,
schlechte Postwagen, grobe Postbeamte, elende Straßen, elender
Verkehr, und nebenbei jedermann auf seinen Misthaufen stolz, wie ein
Perser-Schah auf seinen Thron. Es ist einer der vortrefflichsten
Gedanken der Natur, daß sie jedem ihrer Wesen ein eigenes Element
anwies, worin es sich mit Behaglichkeit bewegen kann. Der Fisch
verschmachtet in der Luft, der polnische Jude in einem prunkvollen
Damengemache.
Also kurz und gut, ich kam eines Abends vor Sonnenuntergang nach, ich
glaube, es hieß Brczwezmcisl, einem freundlichen Städtchen; freundlich,
obgleich die Häuser rußig, schwarz, die Straßen ungepflastert, kotig,
die Menschen nicht säuberlich waren. Aber ein Kohlenbrenner kann in
seiner Art so freundlich aussehen, wie eine Operntänzerin, deren
Fußtriller von Kennern beklatscht werden.
Ich hatte mir das Brczwezmcisl, meinen Berufsort, viel schrecklicher
vorgestellt; vermutlich fand ich's gerade deswegen freundlicher.
Der Name des Orts, als ich ihn zum ersten Male aussprechen wollte,
hatte mir fast einen Kinnbackenkrampf zugezogen. Daher mochte meine
heimliche Furcht vor der Stadt selbst stammen. Der Name hat immer
bedeutenden Einfluß auf unsere Vorstellung von den Dingen. Und weil
das Gute und Böse in der Welt weniger in den Dingen selbst, als in
unserer Vorstellung von ihnen liegt, ist Veredlung der Namen eine wahre
Verschönerung des Lebens.
Zur Vergrößerung meiner Furcht vor der neuostpreußischen Bühne meiner
Rechtskunst mochte auch nicht wenig der Umstand beigetragen haben, daß
ich bisher im Leben noch nicht weiter von meinem Geburtsorte gekommen
war, als man etwa dessen Turmspitze sehen konnte. Ungeachtet ich wohl
aus den Lehrbüchern der Erdbeschreibung wußte, daß die Menschenfresser
ziemlich entfernt wohnten, erregte es doch zuweilen mein billiges
Erstaunen, daß man mich unterwegs nicht ein paarmal totschlug, wo
Ort und Zeit dazu gelegen waren, und weder Hund noch Hahn um mein
plötzliches Verschwinden vom Erdball gekräht haben würden. Wahrhaftig,
man gewinnt erst Vertrauen auf die Menschheit, wenn man sich ihr, als
Fremdling und Gast, auf Gnade und Ungnade überläßt! Menschenfeinde sind
die vollendetsten, engherzigsten Selbstsüchtlinge; Selbstsucht ist eine
Seelenkrankheit, die aus der Stetigkeit des Aufenthalts entspringt. Wer
Egoisten heilen will, muß sie auf Reisen schicken. Luftveränderung tut
dem Gemüte so wohl als dem Leibe.
Als ich mein Brczwezmcisl vom Postwagen hinab zum ersten Male erblickte
-- es schien in der Ferne ein aus der Ebene steigender Kothaufen zu
sein; aber Berlin und Paris stellen sich mit ihren Palästen dem, der
in den Wolken schifft, wohl auch nicht prächtiger dar -- klopfte mir
das Herz gewaltig. Dort also war das Ziel meiner Reise, der Anfang
meiner öffentlichen Laufbahn, vielleicht auch das Ende derselben,
wenn mich etwa die in Neuostpreußen verwandelten Polacken, als
Söldner ihrer Unterdrücker, bei einem Aufruhr niederzumachen Lust
bekommen haben würden. -- Ich kannte dort keine Seele, als einen
ehemaligen Universitätsfreund namens Burkhardt, der zu Brczwezmcisl als
Obersteuereinnehmer, aber auch erst seit kurzem, angestellt war. Er
wußte von meiner Ankunft; er hatte mir vorläufig eine Wohnung gemietet
und das Nötige zu meinem Empfange angeordnet, weil ich ihn darum
gebeten. Dieser Burkhardt, der mir vorzeiten ein ganz gleichgültiger
Mensch gewesen, mit dem ich auf der Universität wenig Umgang gehabt,
den ich sogar auf Anraten meiner Mutter gemieden hatte, weil er unter
den Studenten als Säufer, Spieler und Raufer berüchtigt war, gewann
in meiner Hochachtung und Freundschaft, je näher ich an Brczwezmcisl
kam. Ich schwor ihm unterwegs Liebe und Treue bis in den Tod. Er war ja
der einzige von meinen Bekannten in der wildfremden polnischen Stadt;
gleichsam der Mitschiffbrüchige, welcher sich auf dem Brette aus den
Wellen an die wüste Insel gerettet hatte.
Ich bin eigentlich gar nicht abergläubisch; aber doch kann ich mich
nicht enthalten, dann und wann auf Vorbedeutungen zu halten. Wenn keine
erscheinen wollen, mache ich mir sie. Ich glaube, man tut dergleichen
im Müßiggang des Geistes; es ist ein Spiel, das für den Augenblick
unterhaltend sein kann. So nahm ich mir vor, auf die erste Person
acht zu haben, die mir aus dem Tore der Stadt entgegenkommen würde.
Ich setzte fest, ein junges Mädchen sollte mir zum glücklichen, ein
Mann zum üblen Vorzeichen dienen. Ich war noch nicht mit der Anordnung
der verschiedenen möglichen Zeichen fertig, als ich schon das Tor
vor mir sah, aus welchem eine, wie es schien, sehr wohlgebaute junge
Brczwezmcislerin hervortrat. Vortrefflich! Ich hätte mit meinen von
dem preußischen Postwagen pflichtmäßig zerstoßenen und zermalmten
Gliedern hinabfliegen und die polnische Grazie anbeten mögen. Ich faßte
sie scharf ins Auge, um mir ihre Züge tief einzuprägen, und wischte
meine Lorgnette -- denn ich bin etwas kurzsichtig -- vom letzten
Sonnenstäubchen rein.
Als wir aber einander näher waren, bemerkte ich bald, die Venus von
Brczwezmcisl sei etwas häßlicher Natur, zwar schlank, aber schlank
wie eine Schwindsüchtige, dürr, eingebogen, mit platter Brust. Auch
das Gesicht war platt, nämlich ohne Nase, die durch irgend einen
traurigen Unfall verloren gegangen sein mochte. Ich hätte geschworen,
es wäre ein Totenkopf, wenn nicht seltsamerweise zwischen den Zähnen
ein Stück Fleisch hervorgehangen hätte. Ich traute meinen Augen kaum.
Als ich's jedoch näher durch die Brille betrachtete, merkte ich wohl,
die patriotische Polin streckte vor mir zum Zeichen des Abscheus die
Zunge heraus. Ich zog geschwind den Hut ab, und dankte höflich für das
Kompliment. Das meinige war der Polin vermutlich so unerwartet, als mir
das ihrige. Sie nahm die Zunge zurück und lachte so unmäßig, daß sie
fast am Husten erstickte.
Unter diesen scherzhaften Umständen kam ich in die Stadt. Der Wagen
hielt vor dem Posthause. Der preußische Adler über der Tür, ganz neu
gemalt, war, vermutlich von patriotischen Gassenbuben, mit frischen
Kotflecken beworfen. Die Klauen des königlichen Vogels lagen ganz
unter Unrat begraben, entweder weil das vielgepriesene Raubtier
mit den Klauen ebensoviel als mit dem Schnabel zu sündigen pflegt;
oder weil die Polen zu verstehen geben wollten, Preußen habe am
Nordostpreußischen so viel erwischt, als der gemalte Adler zwischen den
Pfoten trage.
2.
Die alte Starostei.
Ich fragte den Herrn Postmeister sehr höflich nach der Wohnung des
Herrn Obersteuereinnehmers Burkhardt. Der Mann schien nicht gut zu
hören, denn er gab keine Antwort. Da er sich aber bald darauf doch mit
dem Briefträger unterhielt, so schloß ich aus seiner Stummheit, er
wollte mich durch die weltbekannte Postgrobheit überzeugen, daß ich
in der Tat nirgendwo anders, als an einem der wohleingerichtetsten
Postbureaus sei. Nach der sechsten Anfrage fuhr er mich heftig an, was
ich wolle? Ich fragte zum siebenten Male dasselbe, und zwar mit der
verbindlichsten Berliner oder Leipziger Artigkeit.
»In der alten Starostei!« schnauzte er mich an.
»Um Vergebung, wenn ich fragen darf, wollen Sie mir nicht gefälligst
sagen, wo ich die alte Starostei finde?«
»Ich habe keine Zeit. Peter, führe ihn hin!«
Peter führte mich. Der Postmeister, der zum Antworten keine Zeit
hatte, sah, die Pfeife rauchend, zum Fenster hinaus, auf der Straße
mir nach. Vermutlich Neugier. Bei aller mir angebornen Höflichkeit
war ich doch im Herzen ergrimmt über die unanständige Behandlung.
Ich ballte in meiner Rocktasche drohend die Faust und dachte: »Nur
Geduld, Herr Postmeister, fällt Er einmal der Justiz in die Klauen,
deren wohlbestallter königlicher Kommissar ich zu sein die Ehre habe,
so werde ich Ihm seine Flegelhaftigkeit auf die allerzierlichste Weise
einpfeffern! Der Herr Postmeister sollen zeitlebens meiner Rechtskniffe
gedenken.«
Peter, ein zerlumpter Polack, der mich führte, verstand und sprach
das Deutsche nur sehr gebrochen. Mein Gespräch mit ihm war daher
so verworren und schauderhaft, daß ich es in meinem Leben nicht
vergessen werde. Der Kerl sah dazu abscheulich aus mit seinem gelben,
spitznasigen Gesicht und dem schwarzen, struppigen Haar, ungefähr wie
es unsere nord- und süddeutschen Zierbengel zu tragen pflegten, wenn
sie schön tun wollten. Statt des Tituskopfes zeigten sie uns gewöhnlich
die Nachbildung eines struppigen Weichselzopfes.
»Lieber Freund!« sprach ich, während wir langsam im tiefen Kote
wateten, »will Er mir doch wohl sagen, ob Er den Herrn Burkhardt kennt?«
-- Die alte Starostei! antwortete Peter.
»Ganz recht, bester Freund! Er weiß doch, daß ich zum Herrn
Obereinnehmer will?«
-- Die alte Starostei!
»Gut! Was soll ich aber in Seiner alten Starostei?«
-- Sterben!
»Das hole der Teufel! Das kommt mir nicht in den Sinn.«
-- Mausetot! sterben!
»Warum? Was habe ich verbrochen?«
-- Preuße! Kein Polack!
»Ich bin ein Preuße!«
-- Weiß gut!
»Warum denn sterben? Wie meint Er's?«
-- So und so und so! -- Der Kerl stieß, als hätte er einen Dolch in der
Faust. Dann zeigte er auf sein Herz, ächzte und verdrehte gräßlich die
Augen. Mir ward bei der Unterredung ganz übel. Denn verrückt konnte
Peter nicht sein, er sah mir ziemlich verständig aus, und Wahnsinnige
hat man doch nicht leicht zu Handlangern auf der Post.
»Wir verstehen uns vielleicht nicht vollkommen, scharmanter Freund!«
fing ich endlich wieder an. »Was will Er mit dem Sterben sagen?«
-- Totmachen! Dabei sah er mich wild von der Seite an.
»Was? Tot?«
-- Wenn Nacht ist!
»Nacht? Die nächste Nacht? Er ist wohl nicht bei Trost?«
-- Gar wohl Polak, aber Preuße nicht!
Ich schüttelte den Kopf und schwieg. Offenbar verstanden wir beide
einander nicht! Und doch lag in den Reden des trotzigen Kerls etwas
Fürchterliches. Denn der Haß der Polen gegen die Deutschen, oder was
dasselbe sagen wollte, gegen die Preußen, war mir bekannt. Es hatte
schon hin und wieder Unglück gegeben. Wie, wenn der Kerl mich warnen
wollte? Oder wenn der dumme Tölpel durch seinen Übermut eine allen
Preußen bevorstehende Mordnacht verraten hätte? -- Ich ward nachdenkend
und beschloß, meinem Freunde und Landsmann Burkhardt das Gespräch
mitzuteilen, als wir vor der sogenannten Starostei ankamen. Es war ein
altes, hohes, steinernes Haus in einer stillen, abgelegenen Straße.
Schon ehe wir dahin kamen, bemerkte ich, daß die, welche vor dem Hause
vorübergingen, scheue, verstohlene Blicke auf das grauschwarze Gebäude
warfen. Ebenso tat mein Führer. Der sagte nun kein Wort mehr, sondern
zeigte mit dem Finger auf die Haustür und machte sich ohne Gruß und
Lebewohl davon.
Allerdings war mein Eintritt und Empfang in Brczwezmcisl nicht
gar anmutig und einladend gewesen. Die ersten Personen, welche
mich hier begrüßten, die unhöfliche Dame unter dem Tor, der grobe,
neuostpreußische Postmeister und der kauderwelsche, verpreußete Polack
hatten mir Lust und Liebe sowohl zu meinem neuen Aufenthaltsorte, als
zu meinem Justizkommissariat verbittert. Ich pries mich glücklich,
endlich zu einem Menschen zu gelangen, der wenigstens mit mir schon
einmal dieselbe Luft geatmet. Zwar hatte Herr Burkhardt bei uns zu
Lande nicht des besten Rufes genossen; allein was ändert sich nicht
im Menschen mit dem Wechsel der Umstände? Ist die Gemütsart etwas
anderes, als das Werk der Umgebungen? Der Schwache wird in der Angst
zum Riesen; der Feige in der Schlachtgefahr zum Helden; Herkules unter
Weibern zum Flachsspinner. Und gesetzt, mein Obereinnehmer hätte
bisher für seinen König alles eingenommen, für sich selbst aber keine
bessern Grundsätze angenommen gehabt: noch besser immer ein gutmütiger
Zecher, als das schwindsüchtige, nasenlose Gerippe mit der Zunge;
besser ein leichtsinniger Spieler, als ein grober Postmeister; besser
ein tapferer Raufer und Schläger, als ein mißvergnügter Polacke.
Burkhardts letztgenannte Untugend gereichte ihm vielmehr in meinen
Augen zum größten Verdienst; denn -- unter uns gesagt -- mein sanfter,
bescheidener, schüchterner Charakter, den Mama oft hochgepriesen,
konnte mir unter den Polen beim ersten Aufstande zum schmählichsten
Verderben gereichen. Es gibt Tugenden, die an ihrem Orte zur Sünde,
und Sünden, die zur Tugend werden können. Es ist nicht alles zu allen
Zeiten das gleiche, ungeachtet es das gleiche geblieben.
Als ich durch die hohe Pforte in die sogenannte alte Starostei eintrat,
geriet ich in Verlegenheit, wo mein alter, lieber Freund Burkhardt zu
finden sei. Das Haus war groß. Das Kreischen der verrosteten Türangeln
hallte im ganzen Gebäude wieder; doch veranlaßte das niemanden,
nachzusehen, wer da sei? Ich stieg die breiten Steintreppen mutig
hinauf.
Weil ich links eine Stubentür bemerkte, pochte ich fein höflich an.
Kein Mensch entgegnete mit freundlichem »Herein!« Ich pochte stärker.
Alles stumm. Mein Klopfen weckte den Widerhall im zweiten und dritten
Stocke des Hauses. Ich ward ungeduldig. Ich sehnte mich, endlich dem
lieben Seelenfreunde Burkhardt ans Herz zu sinken, ihn in meine Arme
zu schließen. Ich öffnete die Stubentür, trat hinein und sah mitten im
Zimmer einen Sarg. Der Tote, der darin lag, konnte mir freilich kein
freundliches Herein zurufen.
Ich bin von Natur gegen die Lebendigen sehr höflich, noch weit mehr
gegen die Toten. So leise als möglich wollte ich mich zurückziehen,
als ich plötzlich bemerkte, der Schläfer im Sarge sei kein anderer,
denn der Obersteuereinnehmer Burkhardt, von welchem nun selbst der Tod
die letzte Steuer eingezogen. Da lag er, unbekümmert um Weinglas und
Karten, so ernst und feierlich, daß ich mich kaum unterstand, an seine
Lieblingsfreuden zu denken. In seiner Miene lag etwas dem menschlichen
Leben so Fremdes, als hätte er nie mit demselben zu schaffen gehabt.
Ich glaube wohl, wenn eine unbekannte allmächtige Hand den Schleier
des Jenseits lüpft, das äußere Auge bricht und das innere hellsehend
wird, da mag das irdische Leben winzig genug erscheinen, und alle
Aufmerksamkeit nur dorthin streben.
Betroffen schlich ich aus der Totenstube, in den finstern, einsamen
Hausgang zurück. Jetzt erst überfiel mich ein solches Grausen vor dem
Toten, daß ich kaum begreifen konnte, woher ich den Mut genommen, dem
Leichnam so lange ins Antlitz zu schauen. Zu gleicher Zeit erschrak ich
vor meiner eigenen Verlassenheit, in der ich nun lebte. Denn da stand
ich hundert Meilen weit von meiner teuern Vaterstadt, vom mütterlichen
Hause, in einer Stadt, deren Namen ich nie gehört hatte, bis ich ihr
Justizkommissar werden sollte, um sie zu entpolacken. Mein einziger
Bekannter und kaum erst von mir adoptierter Herzensfreund hatte sich im
vollen Sinne des Wortes aus dem Staube gemacht, und mich ohne Rat und
Trost mir selbst überlassen. Die Frage war: wohin soll ich mein Haupt
legen? wo hat mir der Tote die Wohnung bestellt?
Indem kreischten die rostigen Türangeln der Hauspforte so
durchdringend, daß mir der Klang fast alle Nerven zerriß. Ein windiger,
flüchtiger Kerl in Bedientenlivree sprang die Treppe herauf, gaffte
mich verwundert an und richtete endlich das Wort an mich. Mir zitterten
die Kniee. Ich ließ den Kerl nach Herzenslust reden; aber der Schreck
hatte mir in den ersten Minuten zum Antworten die Sprache genommen.
Ohnehin hatte ich auch schon vorher die Sprache nicht gekonnt, die
dieser Bursche redete, denn es war die polnische.
Als er mich ohne Zeichen der Erwiderung vor sich stehen sah, und sich
nun ins Deutsche übersetzte, welches er so geläufig, wie ein Berliner,
sprach, gewann ich Kraft, nannte meinen Namen, Stand, Beruf und alle
Abenteuer seit meinem Einzuge in die verwünschte Stadt, an deren Namen
ich noch immer erstickte. Plötzlich ward er freundlich, zog den Hut ab
und erzählte mir mit vielen Umständen, was hiernach in löblicher Kürze
folgt:
Nämlich er, der Erzähler, heiße Lebrecht; sei des seligen Herrn
Obersteuereinnehmers Dolmetsch und treuester Diener gewesen bis
gestern Nacht, da es dem Himmel gefallen, den vortrefflichen Herrn
Obersteuereinnehmer aus dieser Zeitlichkeit in ein besseres Sein zu
befördern. Die Beförderung wäre freilich ganz gegen die Neigung des
Seligen gewesen, der lieber bei seinem Einnehmerposten geblieben wäre.
Allein als er sich gestern mit einigen polnischen Edelleuten ins
Spiel eingelassen, und beim Glase Wein in ihm der preußische Stolz
und in den Polen der sarmatische Patriotismus wach geworden, hätte es
anfangs einen lebhaften Wort-, dann Ohrfeigenwechsel gesetzt, worauf
einer der Sarmaten dem seligen Herrn drei bis vier Messerstiche ins
Herz gegeben, ungeachtet schon einer derselben zum Tode hinreichend
gewesen wäre. Um allen Verdrießlichkeiten der neuostpreußischen Justiz
auszuweichen, hätten sich die Sieger noch in derselben Nacht, man wisse
nicht wohin, entfernt. Der Selige habe noch kurz vor seinem Hintritt in
die bessere Welt für den erwarteten Justizkommissar, nämlich für mich,
einige Zimmer gemietet, eingerichtet, Hausrat aller Art gekauft, sogar
eine wohlerfahrene deutsche Köchin gedungen, die jeden Augenblick in
den Dienst eintreten könne, so daß ich wohl versorgt sei. Beiläufig
bemerkte der Erzähler Lebrecht, daß die Polen geschworene Feinde der
Preußen wären, und ich daher an Kleinigkeiten mich gewöhnen müsse, wie
diejenige gewesen, welche mir die stumme Beredsamkeit der Dame unterm
Tor ausgedrückt habe. Er erklärte zwar den Peter für einen albernen
Tropf, der mir ohne Zweifel nur den Tod des Herrn Obersteuereinnehmers
habe anzeigen wollen, wofür ihm ein hinlänglicher Vorrat an Worten
gefehlt; daher möge ein beiderseitiges Mißverständnis entstanden sein:
doch wolle er, der Erzähler, mir nichtsdestoweniger geraten haben,
vorsichtig zu sein, weil die Polen in einer wahrhaft stillen Wut wären.
Er selber, der Lebrecht, sei fest entschlossen, sich sogleich nach
Beerdigung seines unglücklichen Herrn aus der Stadt zu entfernen.
Nach diesem Berichte führte er mich die breite steinerne Treppe hinab,
um mir meine neue Wohnung anzuweisen. Durch eine Reihe großer, hoher,
öder Zimmer brachte er mich in einen geräumigen Saal; darin stand ein
aufgeschlagenes Bett, von gelben damastenen alten Umhängen beschattet;
ein alter Tisch mit halbvergoldeten Füßen; ein halbes Dutzend staubiger
Sessel. Ein ungeheuerer, mit goldenem Schnörkelwerk umzogener,
blinder Spiegel hing an der Wand, deren gewirkte, bunte Tapeten, auf
welchen die schönsten Geschichten des Alten Testamentes prangten,
halbvermodert, an manchen Stellen nur noch in Fetzen herabhingen. König
Salomo auf dem Throne, um zu richten, hatte den Kopf verloren, und dem
lüsternen Greise in Susannens Bade waren die verbrecherischen Hände
abgefault.
Es schien mir in dieser Einöde durchaus nicht heimisch. Ich hätte
lieber ein Wirtshaus zum Aufenthalt gewählt, und -- hätte ich's nur
getan! Aber teils aus Schüchternheit, teils um zu zeigen, daß ich mich
vor der Nähe des Toten nicht fürchtete, schwieg ich. Denn ich zweifelte
nicht daran, daß Lebrecht und wahrscheinlich auch die wohlerfahrene
Köchin mir die Nacht Gesellschaft leisten würden. Lebrecht zündete
behende zwei Kerzen an, die auf dem goldfüßigen Tische bereit standen;
schon fing es an zu dunkeln. Dann empfahl er sich, um mir kalte Küche
zum Nachtessen, Wein und andere Bedürfnisse herbeizuschaffen, meinen
Koffer vom Posthause holen zu lassen und der wohlerfahrnen Köchin von
meiner Ankunft und ihren Pflichten Anzeige zu machen. Der Koffer kam,
das Nachtessen desgleichen. Lebrecht aber, sobald er sein ausgelegtes
Geld von mir empfangen, wünschte mir gute Nacht und ging.
Ich verstand ihn erst, als er verschwunden war, so schnell machte sich
der Kerl, nach eingestrichener Zahlung, davon. Ich sprang erschrocken
auf, ihm nachzugehen, ihn zu bitten, mich nicht zu verlassen. Aber
Scham hielt mich wieder zurück. Sollte ich den elenden Menschen zum
Zeugen meiner Furchtsamkeit machen? Ich zweifelte nicht, daß er in
irgend einem Zimmer seines ermordeten Herrn übernachten werde. Aber
da hörte ich die Angeln der Hauspforte kreischen. Es drang mir durch
Mark und Bein. Ich eilte ans Fenster und sah den Burschen über die
Gasse fliegen, als verfolgte ihn der Tod. Bald war er im Finstern
verschwunden; ich mit dem Leichnam in der alten Starostei allein.
3.
Die Schildwache.
Ich glaube an keine Gespenster; des Nachts aber fürchte ich sie. Sehr
natürlich. Wer wollte auch alles mögliche glauben? Aber man hofft und
fürchtet leicht alles mögliche.
Die Totenstille, die alten, zerlumpten Tapeten in dem großen Saal, das
Unheimliche und Fremde, der Tote über meinem Haupte -- der Nationalhaß
der Polacken -- alles trug dazu bei, mich zu verstimmen. Ich mochte
nicht essen, ungeachtet mich hungerte; ich mochte nicht schlafen,
so ermüdet ich auch war. Ich ging ans Fenster, um zu versuchen, ob
ich im Notfalle auf diesem Wege die Straße gewinnen könne; denn ich
fürchtete, mich in dem gewaltigen Hause und in dem Labyrinth von Gängen
und Zimmern zu verirren, ehe ich den Hausflur erreichte. Allein starke
Eisenstäbe verrammelten den Ausweg.
In dem Augenblicke ward alles in der Starostei lebendig; ich hörte
Türen auf- und zugehen, Tritte nah und fern schallen, Stimmen
dumpf ertönen. Ich begriff nicht, woher plötzlich dies rege Leben
und Treiben. Aber eben das Unbegreifliche versteht man immer am
schnellsten. Eine innere Stimme warnte mich und sprach: »Es gilt dir!
Der dumme Peter hatte die Mordanschläge der Polacken verraten --
rette dich!« Ein kalter Fieberschauer ergoß sich durch meine Nerven.
Ich sah die Blutdürstigen, wie sie untereinander die Art meines Todes
verabredeten. Ich hörte sie näher und näher kommen. Ich hörte sie
schon in den Vorzimmern, die zu meinem Saale führten. Ihre Stimmen
flüsterten leiser. Ich sprang auf, verriegelte die Tür, und in
demselben Augenblicke versuchte man, die Tür von außen zu öffnen. Ich
wagte kaum zu atmen, um mich nicht durch das Geräusch meines Atemzuges
zu verraten. An der Sprache der Flüsternden vernahm ich, daß es Polen
waren. Zum Unglück hatte ich gleich nach Empfang meiner Berufung zum
Justizkommissariat so viel polnische Worte gelernt, daß ich ungefähr
auch verstand, man spreche von Blut, Tod und Preußen. Meine Kniee
bebten; kalter Schweiß rann mir von der Stirn. Noch einmal ward von
außen der Versuch gemacht, die Tür meines Saals zu öffnen, aber es
schien, als fürchte man, Geräusch zu machen. Ich hörte die Menschen
sich wieder entfernen, oder vielmehr davon schleichen.