Die achtspännige Kutsche hielt dicht vor dem Herrn Dapsul von

Zabelthau. Reiter sprangen von den Pferden, Pagen, Diener eilten

herbei, der Kutschenschlag wurde geöffnet, und wer nun aus den Armen

der Dienerschaft herausschwebte aus der Kutsche, war niemand anders als

der Herr Baron Porphyrio von Ockerodastes, genannt Corduanspitz. -- Was

seinen Wuchs betraf, so war der Herr Baron bei weitem nicht dem Apollo

von Belvedere, ja nicht einmal dem sterbenden Fechter zu vergleichen.

Denn außerdem, daß er keine volle drei Fuß maß, so bestand auch der

dritte Teil dieses kleinen Körpers aus dem offenbar zu großen, dicken

Kopfe, dem übrigens eine tüchtige, lang gebogene Nase sowie ein Paar

große, kugelrund hervorquellende Augen keine üble Zierde waren. Da der

Leib auch etwas lang, so blieben für die Füßchen nur etwa vier Zoll

übrig. Dieser kleine Spielraum war aber gut genutzt, denn an und für

sich selbst waren die freiherrlichen Füßchen die zierlichsten, die man

nur sehen konnte. Freilich schienen sie aber zu schwach, das würdige

Haupt zu tragen; der Baron hatte einen schwankenden Gang, stülpte auch

wohl manchmal um, stand aber gleich wieder wie ein Stehaufmännchen

auf den Füßen, so daß jenes Umstülpen mehr der angenehme Schnörkel

eines Tanzes schien. Der Baron trug einen enge anschließenden Habit

von gleißendem Goldstoff und ein Mützchen, das beinahe einer Krone zu

vergleichen, mit einem ungeheuren Busch von vielen krautgrünen Federn.

Sowie der Baron nun auf der Erde stand, stürzte er auf den Herrn Dapsul

von Zabelthau los, faßte ihn bei beiden Händen, schwang sich empor bis

an seinen Hals, hing sich an diesen, und rief mit einer Stimme, die

viel stärker dröhnte, als man es hätte der kleinen Statur zutrauen

sollen: »O mein Dapsul von Zabelthau -- mein teurer, innigst geliebter

Vater!« Darauf schwang der Baron sich ebenso behende und geschickt

wieder herab von des Herrn von Dapsuls Halse, sprang oder schleuderte

sich vielmehr auf Fräulein Ännchen los, faßte die Hand mit dem

beringten Finger, bedeckte sie mit laut schmatzenden Küssen, und rief

ebenso dröhnend als zuvor: »O mein allerschönstes Fräulein Anna von

Zabelthau, meine geliebteste Braut!« Darauf klatschte der Baron in die

Händchen, und alsbald ging die gellende, lärmende Kindermusik los, und

über hundert kleine Herrlein, die den Kutschen und Pferden entstiegen,

tanzten wie erst der Kurier zum Teil auf den Köpfen, dann wieder auf

den Füßen, in den zierlichsten Trochäen, Spondäen, Jamben, Pyrrhichien,

Anapästen, Tribrachen, Bachien, Antibachien, Choriamben und Daktylen,

daß es eine Lust war. Während dieser Lust erholte sich aber Fräulein

Ännchen von dem großen Schreck, den ihr des kleinen Barons Anrede

verursacht, und geriet in allerlei wohlgegründete ökonomische Bedenken.

»Wie,« dachte sie, »ist es möglich, daß das kleine Volk Platz hat in

diesem kleinen Hause? -- Wäre es auch mit der Not entschuldigt, wenn

ich wenigstens die Dienerschaft in die große Scheune bettete, hätten

sie auch da wohl Platz? Und was fange ich mit den Edelleuten an, die in

den Kutschen gekommen und gewiß gewohnt sind, in schönen Zimmern sanft

und weich gebettet zu schlafen? -- Sollten auch die beiden Ackerpferde

heraus aus dem Stall, ja wäre ich unbarmherzig genug, auch den alten

lahmen Fuchs herauszujagen ins Gras, ist dennoch wohl Platz genug

für alle diese kleinen Bestien von Pferden, die der häßliche Baron

mitgebracht? Und ebenso geht es ja mit den einundvierzig Kutschen!

-- Aber nun noch das Ärgste! -- Ach du lieber Gott, reicht denn der

ganze Jahresvorrat wohl hin, all diese kleinen Kreaturen auch nur

zwei Tage hindurch zu sättigen?« Dies letzte Bedenken war nun wohl

das allerschlimmste. Fräulein Ännchen sah schon alles aufgezehrt,

alles neue Gemüse, die Hammelherde, das Federvieh, das eingesalzene

Fleisch, ja selbst den Runkelrübenspiritus, und das trieb ihr die

hellen Tränen in die Augen. Es kam ihr vor, als schnitte ihr eben der

Baron Corduanspitz ein rechtes freches, schadenfrohes Gesicht, und das

gab ihr den Mut, ihm, als seine Leute noch im besten Tanzen begriffen

waren, in dürren Worten zu erklären, daß, so lieb dem Vater auch sein

Besuch sein möge, an einen längern als zweistündigen Aufenthalt in

Dapsulheim doch gar nicht zu denken, da es an Raum und allen übrigen

Dingen, die zur Aufnahme und zur standesmäßigen Bewirtung eines solchen

vornehmen, reichen Herrn nebst seiner zahlreichen Dienerschaft nötig,

gänzlich mangle. Da sah aber der kleine Corduanspitz plötzlich so

ungemein süß und zart aus wie ein Marzipanbrötchen und versicherte,

indem er mit zugedrückten Augen Fräulein Ännchens etwas rauhe und

nicht zu weiße Hand an die Lippen drückte, daß er weit entfernt sei,

dem lieben Papa und der schönsten Tochter auch nur die mindeste

Ungelegenheit zu verursachen. Er führe alles mit sich, was Küche und

Keller zu leisten habe; was aber die Wohnung betreffe, so verlange er

nichts als ein Stückchen Erde und den freien Himmel darüber, damit

seine Leute den gewöhnlichen Reisepalast bauen könnten, in dem er

mitsamt seiner ganzen Dienerschaft, und was derselben noch an Vieh

anhängig, hausen werde.

Über diese Worte des Baron Porphyrio von Ockerodastes wurde Fräulein

Ännchen so vergnügt, daß sie, um zu zeigen, es käme ihr auch eben

nicht darauf an, ihre Leckerbissen Preis zu geben, im Begriff stand,

dem Kleinen Krapfkuchen, den sie von der letzten Kirchweih aufgehoben,

und ein Gläschen Runkelrübengeist anzubieten, wenn er nicht doppelten

Bitter vorziehe, den die Großmagd aus der Stadt mitgebracht und als

magenstärkend empfohlen. Doch in dem Augenblick setzte Corduanspitz

hinzu, daß er zum Aufbau des Palastes den Gemüsegarten erkoren, und hin

war Ännchens Freude! -- Während aber die Dienerschaft, um des Herrn

Ankunft auf Dapsulheim zu feiern, ihre olympischen Spiele fortsetzte,

indem sie bald mit den dicken Köpfen sich in die spitzen Bäuche rannten

und rückwärts überschlugen, bald sich in die Lüfte schleuderten, bald

unter sich kegelten, selbst Kegel, Kugel und Kegler vorstellend u. s.

w., vertiefte sich der kleine Baron Porphyrio von Ockerodastes mit

dem Herrn Dapsul von Zabelthau in ein Gespräch, das immer wichtiger

zu werden schien, bis beide Hand in Hand sich fortbegaben und den

astronomischen Turm bestiegen.

Voller Angst und Schreck lief nun Fräulein Ännchen eiligst nach dem

Gemüsegarten, um zu retten, was noch zu retten möglich. Die Großmagd

stand schon auf dem Felde und starrte mit offnem Munde vor sich her,

regungslos, als sei sie verwandelt in eine Salzsäule wie Loths Weib.

Fräulein Ännchen neben ihr erstarrte gleichermaßen. Endlich schrieen

aber beide, daß es weit in den Lüften umherschallte: »Ach mein Herr

Jemine, was ist denn das für ein Unglück!« -- Den ganzen, schönen

Gemüsegarten fanden sie verwandelt in eine Wüstenei. Da grünte kein

Kraut, blühte keine Staude; es schien ein ödes, verwüstetes Feld.

»Nein,« schrie die Magd ganz erbost, »es ist nicht anders möglich, das

haben die verfluchten kleinen Kreaturen getan, die soeben angekommen

sind -- in Kutschen sind sie gefahren? Wollen wohl vornehme Leute

vorstellen? -- Ha ha! -- Kobolde sind es, glauben Sie mir, Fräulein

Ännchen, nichts als unchristliche Hexenkerls, und hätt' ich nur ein

Stückchen Kreuzwurzel bei der Hand, so sollten sie ihre Wunder sehen.

-- Doch sie sollen nur kommen, die kleinen Bestien, mit diesem Spaten

schlage ich sie tot!« Damit schwang die Großmagd ihre bedrohliche Waffe

hoch in den Lüften, indem Fräulein Ännchen laut weinte.

Es nahten sich indessen jetzt vier Herren aus Corduanspitzes Gefolge

mit solchen angenehmen, zierlichen Mienen und höflichen Verbeugungen,

sahen auch dabei so höchst wunderbar aus, daß die Großmagd, statt, wie

sie gewollt, gleich zuzuschlagen, den Spaten langsam sinken ließ, und

Fräulein Ännchen einhielt mit Weinen.

Die Herren kündigten sich als die den Herrn Baron Porphyrio von

Ockerodastes, genannt Corduanspitz, zunächst umgebenden Freunde an,

waren, wie es auch ihre Kleidung wenigstens symbolisch andeutete, von

vier verschiedenen Nationen, und nannten sich: Pan Kapustowicz aus

Polen, Herr von Schwarzrettig aus Pommern, Signor di Broccoli aus

Italien, Monsieur de Roccambolle aus Frankreich. Sie versicherten in

sehr wohlklingenden Redensarten, daß sogleich die Bauleute kommen und

dem allerschönsten Fräulein das hohe Vergnügen bereiten würden, in

möglichster Schnelle einen hübschen Palast aus lauter Seide aufbauen zu

sehen.

»Was kann mir der Palast aus Seide helfen,« rief Fräulein Ännchen

laut weinend im tiefsten Schmerz, »was geht mich überhaupt euer Baron

Corduanspitz an, da ihr mich um alles schöne Gemüse gebracht habt, ihr

schlechten Leute, und alle meine Freude dahin ist.« Die höflichen Leute

trösteten aber Fräulein Ännchen und versicherten, daß sie durchaus gar

nicht Schuld wären an der Verwüstung des Gemüsegartens, daß derselbe im

Gegenteil bald wieder in einem solchen Flor grünen und blühen werde,

wie ihn Fräulein Ännchen noch niemals und überhaupt noch keinen in der

Welt gesehen.

Die kleinen Bauleute kamen wirklich, und nun ging ein solches tolles,

wirres Durcheinandertreiben auf dem Acker los, daß Fräulein Ännchen

sowohl als die Großmagd ganz erschrocken davon rannten bis an die Ecke

eines Busches, wo sie stehen blieben und zuschauen wollten, wie sich

dann alles begeben würde.

Ohne daß sie aber auch nur im mindesten begriffen, wie das mit rechten

Dingen zugehen konnte, formte sich vor ihren Augen in wenigen Minuten

ein hohes prächtiges Gezelt aus goldgelbem Stoff mit bunten Kränzen

und Federn geschmückt, das den ganzen Raum des großen Gemüsegartens

einnahm, so daß die Zeltschnüre über das Dorf weg bis in den

nahgelegenen Wald gingen und dort an starken Bäumen befestigt waren.

Kaum war das Gezelt fertig, als der Baron Porphyrio von Ockerodastes

mit dem Herrn Dapsul von Zabelthau hinabkam von dem astronomischen

Turm, nach mehreren Umarmungen in die achtspännige Kutsche stieg,

und nebst seinem Gefolge in derselben Ordnung wie er nach Dapsulheim

gekommen, hineinzog in den seidenen Palast, der sich hinter dem letzten

Mann zuschloß.

Nie hatte Fräulein Ännchen den Papa so gesehen. Auch die leiseste Spur

der Betrübnis, von der er sonst stets heimgesucht, war weggetilgt

von seinem Antlitz; es war beinahe, als wenn er lächelte, und dabei

hatte sein Blick in der Tat etwas Verklärtes, das denn wohl auf ein

großes Glück zu deuten pflegt, das jemandem ganz unvermutet über

den Hals gekommen. -- Schweigend nahm Herr Dapsul von Zabelthau

Fräulein Ännchens Hand, führte sie hinein in das Haus, umarmte sie

dreimal hintereinander und brach dann endlich los: »Glückliche Anna

-- überglückliches Kind! -- glücklicher Vater! -- O Tochter, alle

Besorgnis, aller Gram, alles Herzeleid ist nun vorüber! -- Dich trifft

ein Los, wie es nicht so leicht einer Sterblichen vergönnt ist!

Wisse, dieser Baron Porphyrio von Ockerodastes, genannt Corduanspitz,

ist keinesweges ein feindseliger Gnome, wiewohl er von einem dieser

Elementargeister abstammt, dem es aber gelang, seine höhere Natur

durch den Unterricht des Salamanders Oromasis zu reinigen. Aus dem

geläuterten Feuer ging aber die Liebe zu einer Sterblichen hervor,

mit der er sich verband und Ahnherr der illüstersten Familie wurde,

durch deren Namen jemals ein Pergament geziert wurde. -- Ich glaube

dir, geliebte Tochter Anna, schon gesagt zu haben, daß der Schüler

des großen Salamanders Oromasis, der edle Gnome Tsilmenech -- ein

chaldäischer Name, der in echtem reinen Deutsch so viel heißt als

Grützkopf -- sich in die berühmte Magdalena de la Croix, Äbtissin eines

Klosters zu Cordua in Spanien, verliebte, und wohl an die dreißig Jahre

mit ihr in einer glücklichen, vergnügten Ehe lebte. Ein Sprößling

der sublimen Familie höherer Naturen, die aus dieser Verbindung sich

fortpflanzte, ist nun der liebe Baron Porphyrio von Ockerodastes, der

den Zunamen Corduanspitz angenommen, zur Bezeichnung seiner Abstammung

aus Cordua in Spanien, und um sich von einer mehr stolzen, im Grunde

aber weniger würdigen Seitenlinie zu unterscheiden, die den Beinamen

Saffian trägt. Daß dem Corduan ein Spitz zugesetzt worden, muß seine

besonderen elementarisch-astrologischen Ursachen haben; ich dachte noch

nicht darüber nach. Dem Beispiel seines großen Ahnherrn folgend, des

Gnomen Tsilmenech, der die Magdalena de la Croix auch schon seit ihrem

zwölften Jahre liebte, hat dir auch der vortreffliche Ockerodastes

seine Liebe zugewandt, als du erst zwölf Jahre zähltest. Er war so

glücklich, von dir einen kleinen goldnen Fingerreif zu erhalten, und

nun hast du auch seinen Ring angesteckt, so daß du unwiderruflich

seine Braut geworden.« -- »Wie,« rief Fräulein Ännchen voll Schreck

und Bestürzung, »wie? -- seine Braut? -- den abscheulichen kleinen

Kobold soll ich heiraten? Bin ich denn nicht längst die Braut des Herrn

Amandus von Nebelstern? -- Nein! -- nimmermehr nehme ich den häßlichen

Hexenmeister zum Mann, und mag er tausendmal aus Corduan sein oder aus

Saffian!« -- »Da,« erwiderte Herr Dapsul von Zabelthau ernster werdend,

»da sehe ich denn zu meinem Leidwesen, wie wenig die himmlische

Weisheit deinen verstockten irdischen Sinn zu durchdringen vermag!

Häßlich, abscheulich nennst du den edlen elementarischen Porphyrio von

Ockerodastes, vielleicht weil er nur drei Fuß hoch ist, und außer dem

Kopf an Leib, Arm und Bein und anderen Nebensachen nichts Erkleckliches

mit sich trägt, statt daß ein solcher irdischer Geck, wie du ihn dir

wohl denken magst, die Beine nicht lang genug haben kann der Rockschöße

wegen? O meine Tochter, in welchem heillosen Zustande bist du befangen!

-- Alle Schönheit liegt in der Weisheit, alle Weisheit in dem Gedanken,

und das physische Symbol des Gedankens ist der Kopf! -- Je mehr

Kopf, desto mehr Schönheit und Weisheit, und könnte der Mensch alle

übrigen Glieder als schädliche Luxusartikel, die vom Übel, wegwerfen,

er stände da als höchstes Ideal! Woraus entsteht alle Beschwerde,

alles Ungemach, alle Zwietracht, aller Hader, kurz alles Verderben des

Irdischen, als aus der verdammten Üppigkeit der Glieder? -- O welcher

Friede, welche Ruhe, welche Seligkeit auf Erden, wenn die Menschheit

existierte ohne Leib, Steiß, Arm und Bein! -- wenn sie aus lauter

Büsten bestünde! -- Glücklich ist daher der Gedanke der Künstler, wenn

sie große Staatsmänner oder große Gelehrte als Büste darstellen, um

symbolisch die höhere Natur anzudeuten, die ihnen inwohnen muß vermöge

ihrer Charge oder ihrer Bücher! -- Also! meine Tochter Anna, nichts

von Häßlichkeit, Abscheulichkeit oder sonstigem Tadel des edelsten der

Geister, des herrlichen Porphyrio von Ockerodastes, dessen Braut du

bist und bleibst! -- Wisse, daß durch ihn auch dein Vater in kurzem die

höchste Stufe des Glücks, dem er so lange vergebens nachgetrachtet,

ersteigen wird. Porphyrio von Ockerodastes ist davon unterrichtet, daß

mich die Sylphide Nehahilah (syrisch, so viel als Spitznase) liebt, und

will mir mit allen Kräften beistehen, daß ich der Verbindung mit dieser

höheren geistigen Natur ganz würdig werde. -- Du wirst, mein liebes

Kind, mit deiner künftigen Stiefmutter wohl zufrieden sein. -- Möge ein

günstiges Verhängnis es so fügen, daß unsere beiden Hochzeiten zu einer

und derselben glücklichen Stunde gefeiert werden könnten!« -- Damit

verließ der Herr Dapsul von Zabelthau, indem er der Tochter noch einen

bedeutenden Blick zugeworfen, pathetisch das Zimmer. --

Dem Fräulein Ännchen fiel es schwer aufs Herz, als sie sich erinnerte,

daß ihr wirklich vor langer Zeit, da sie noch ein Kind, ein kleiner

Goldreif vom Finger abhanden gekommen auf unbegreifliche Weise. Nun war

es ihr gewiß, daß der kleine abscheuliche Hexenmeister sie wirklich in

sein Garn verlockt, so daß sie kaum mehr entrinnen könne, und darüber

geriet sie in die alleräußerste Betrübnis. Sie mußte ihrem gepreßten

Herzen Luft machen, und das geschah mittels eines Gänsekiels, den

sie ergriff und flugs an den Herrn Amandus von Nebelstern schrieb in

folgender Weise:

»Mein herzliebster Amandus!

Es ist alles rein aus, ich bin die unglücklichste Person auf der

ganzen Erde und schluchze und heule vor lauter Betrübnis so sehr,

daß das liebe Vieh sogar Mitleid und Erbarmen mit mir hat, viel mehr

wirst du davon gerührt werden; eigentlich geht das Unglück auch dich

ebensogut an als mich, und du wirst dich ebenso betrüben müssen!

Du weißt doch, daß wir uns so herzlich lieben, als nur irgend ein

Liebespaar sich lieben kann, und daß ich deine Braut bin, und daß

uns der Papa zur Kirche geleiten wollte? -- Nun! da kommt plötzlich

ein kleiner garstiger gelber Mensch in einer achtspännigen Kutsche,

von vielen Herrn und Dienern begleitet, angezogen und behauptet, ich

hätte mit ihm Ringe gewechselt und wir wären Braut und Bräutigam!

-- Und denke einmal, wie schrecklich! der Papa sagt auch, daß ich

den kleinen Unhold heiraten müsse, weil er aus einer sehr vornehmen

Familie sei. Das mag sein, nach dem Gefolge zu urteilen und den

glänzenden Kleidern, die sie tragen, aber einen solchen greulichen

Namen hat der Mensch, daß ich schon deshalb niemals seine Frau

werden mag. Ich kann die unchristlichen Wörter, aus denen der Name

besteht, gar nicht einmal nachsprechen. Übrigens heißt er aber auch

Corduanspitz, und das ist eben der Familienname. Schreib' mir doch,

ob die Corduanspitze wirklich so erlaucht und vornehm sind, man wird

das wohl in der Stadt wissen. Ich kann gar nicht begreifen, was dem

Papa einfällt in seinen alten Tagen, er will auch noch heiraten,

und der häßliche Corduanspitz soll ihn verkuppeln an eine Frau, die

in den Lüften schwebt. -- Gott schütze uns! -- Die Großmagd zuckt

die Achseln und meint, von solchen gnädigen Frauen, die in der

Luft flögen und auf dem Wasser schwämmen, halte sie nicht viel, sie

würde gleich aus dem Dienst gehen und wünsche meinetwegen, daß die

Stiefmama womöglich den Hals brechen möge bei dem ersten Luftritt zu

St. Walpurgis. -- Das sind schöne Dinge! -- Aber auf dich steht meine

ganze Hoffnung! -- Ich weiß ja, daß du derjenige bist, der da soll

und muß, und mich retten wirst aus großer Gefahr. Die Gefahr ist da,

komm, eile, rette

deine bis in den Tod betrübte, aber getreueste Braut

Anna von Zabelthau.

N.S. könntest du den kleinen gelben Corduanspitz nicht herausfordern?

Du wirst gewiß gewinnen, denn er ist etwas schwach auf den Beinen.

N.S. Ich bitte dich nochmals, ziehe dich nur gleich an und eile zu

deiner unglückseligsten, so wie oben, aber getreuesten Braut Anna von

Zabelthau.«

Viertes Kapitel.

In welchem die Hofhaltung eines mächtigen Königs beschrieben,

nächstdem aber von einem blutigen Zweikampf und andern seltsamen

Vorfällen Nachricht gegeben wird.

Fräulein Ännchen fühlte sich vor lauter Betrübnis wie gelähmt an allen

Gliedern. Am Fenster saß sie mit übereinander geschlagenen Armen und

starrte hinaus, ohne des Gackerns, Krähens, Mauzens und Piepens des

Federviehs zu achten, das, da es zu dämmern begann, wie gewöhnlich von

ihr zur Ruhe gebracht werden wollte. Ja, sie ließ es mit der größten

Gleichgültigkeit geschehen, daß die Magd dies Geschäft besorgte und

dem Haushahn, der sich in die Ordnung der Dinge nicht fügen, ja sich

gegen die Stellvertreterin auflehnen wollte, mit der Peitsche einen

ziemlich derben Schlag versetzte. Der eigne Liebesschmerz, der ihre

Brust zerriß, raubte ihr alles Gefühl für das Leid des liebsten

Zöglings ihrer süßesten Stunden, die sie der Erziehung gewidmet, ohne

den Chesterfield oder den Knigge zu lesen, ja ohne die Frau von Genlis

oder andere seelenkennerische Damen zu Rate zu ziehen, die auf ein Haar

wissen, wie junge Gemüter in die rechte Form zu kneten. -- Man hätte

ihr das als Leichtsinn anrechnen können. --

Den ganzen Tag hatte sich Corduanspitz nicht sehen lassen, sondern war

bei dem Herrn Dapsul von Zabelthau auf dem Turm geblieben, wo sehr

wahrscheinlich wichtige Operationen vorgenommen sein mußten. Jetzt

aber bemerkte Fräulein Ännchen den Kleinen, wie er im glühenden Schein

der Abendsonne über den Hof wankte. Er kam ihr in seinem hochgelben

Habit garstiger vor als jemals, und die possierliche Art, wie er

hin und her hüpfte, jeden Augenblick umzustülpen schien, sich wieder

empor schleuderte, worüber ein anderer sich krank gelacht haben

würde, verursachte ihr nur noch mehr Gram. Ja sie hielt endlich beide

Hände vors Gesicht, um den widerwärtigen Popanz nur nicht ferner

zu schauen. Da fühlte sie plötzlich, daß jemand sie an der Schürze

zupfe. »Kusch, Feldmann!« rief sie, meinend, es sei der Hund, der

sie zupfe. Es war aber nicht der Hund, vielmehr erblickte Fräulein

Ännchen, als sie die Hände vom Gesicht nahm, den Herrn Baron Porphyrio

von Ockerodastes, der sich mit einer beispiellosen Behendigkeit auf

ihren Schoß schwang und sie mit beiden Armen umklammerte. Vor Schreck

und Abscheu schrie Fräulein Ännchen laut auf und fuhr von dem Stuhl

in die Höhe. Corduanspitz blieb aber an ihrem Halse hängen und wurde

in dem Augenblick so fürchterlich schwer, daß er mit einem Gewicht

von wenigstens zwanzig Zentnern das arme Ännchen pfeilschnell wieder

herabzog auf den Stuhl, wo sie gesessen. Jetzt rutschte Corduanspitz

aber auch sogleich herab von Ännchens Schoß, ließ sich so zierlich und

manierlich, als es bei einigem Mangel an Gleichgewicht nur in seinen

Kräften stand, nieder auf sein rechtes kleines Knie und sprach dann mit

einem klaren, etwas besonders, aber nicht eben widerlich klingenden

Ton: »Angebetetes Fräulein Anna von Zabelthau, vortrefflichste Dame,

auserwählteste Braut, nur keinen Zorn, ich bitte, ich flehe! -- nur

keinen Zorn, keinen Zorn! -- Ich weiß, Sie glauben, meine Leute hätten

Ihren schönen Gemüsegarten verwüstet, um meinen Palast zu bauen? O

Mächte des Alls! -- Könnten Sie doch nur hineinschauen in meinen

geringen Leib und mein in lauter Liebe und Edelmut hüpfendes Herz

erblicken! -- Könnten Sie doch nur alle Kardinaltugenden entdecken,

die unter diesem gelben Atlas in meiner Brust versammelt sind! -- O

wie weit bin ich von jener schmachvollen Grausamkeit entfernt, die

Sie mir zutrauen! -- Wie wäre es möglich, daß ein milder Fürst seine

eignen Unterta -- doch halt! -- halt! -- Was sind Worte, Redensarten!

-- Schauen müssen sie selbst, o Braut! ja schauen selbst die

Herrlichkeiten, die Ihrer warten! Sie müssen mit mir gehen, ja mit mir

gehen auf der Stelle; ich führe Sie in meinen Palast, wo ein freudiges

Volk lauert auf die angebetete Geliebte des Herrn!«

Man kann denken, wie Fräulein Ännchen sich vor Corduanspitzes

Zumutung entsetzte, wie sie sich sträubte, dem bedrohlichen Popanz

auch nur einen Schritt zu folgen. Corduanspitz ließ aber nicht

nach, ihr die außerordentliche Schönheit, den grenzenlosen Reichtum

des Gemüsegartens, der eigentlich sein Palast sei, mit solchen

eindringlichen Worten zu beschreiben, daß sie endlich sich entschloß,

wenigstens etwas hineinzugucken in das Gezelt, welches ihr denn doch

ganz und gar nicht schaden könne. -- Der Kleine schlug vor lauter

Freude und Entzücken wenigstens zwölfmal hintereinander Rad, faßte dann

aber sehr zierlich Fräulein Ännchens Hand und führte sie durch den

Garten nach dem seidnen Palast.

Mit einem lauten »Ach!« blieb Fräulein Ännchen wie in den Boden

gewurzelt stehen, als die Vorhänge des Einganges aufrollten und sich

ihr die Aussicht eines unabsehbaren Gemüsegartens erschloß von solcher

Herrlichkeit, wie sie auch in den schönsten Träumen von blühendem Kohl

und Kraut keinen jemals erblickt. Da grünte und blühte alles, was nur

Kraut und Kohl und Rübe und Salat und Erbse und Bohne heißen mag, in

funkelndem Schimmer und solcher Pracht, daß es gar nicht zu sagen. --

Die Musik von Pfeifen und Trommeln und Cymbeln ertönte stärker, und die

vier artigen Herrn, die Fräulein Ännchen schon kennen gelernt, nämlich

der Herr von Schwarzrettig, der Monsieur de Roccambolle, der Signor di

Broccoli und der Pan Kapustowicz, nahten sich unter vielen ceremoniösen

Bücklingen.

Deutsche Humoristen, 2. Band (von 8) · 第 7 / 11 段