Dem Fräulein Ännchen war eine schwere Last entnommen, als sie diesen

Brief fertig hatte, der ihr nicht wenig sauer geworden. Ganz leicht

und froh wurde ihr aber zu Mute, als sie auch das Couvert zu stande

gebracht, es gesiegelt, ohne das Papier oder die Finger zu verbrennen,

und den Brief nebst der Tabaksschachtel, auf die sie ein ziemlich

deutliches M. v. N. gepinselt, dem Gottlieb eingehändigt, um beides

nach der Stadt auf die Post zu tragen. -- Nachdem das Federvieh auf

dem Hofe gehörig besorgt, lief Fräulein Ännchen geschwind nach ihrem

Lieblingsplatz, dem Küchengarten. Als sie nach dem Mohrrübenacker

kam, dachte sie daran, daß es nun offenbar an der Zeit sei, für

die Leckermäuler in der Stadt zu sorgen und die ersten Mohrrüben

auszuziehen. Die Magd wurde herbeigerufen, um bei der Arbeit zu

helfen. Fräulein Ännchen schritt behutsam bis in die Mitte des Ackers,

faßte einen stattlichen Krautbusch. Doch sowie sie zog, ließ sich ein

seltsamer Ton vernehmen. -- Man denke ja nicht an die Alraunwurzel und

an das entsetzliche Gewinsel und Geheul, das, wenn man sie herauszieht

aus der Erde, das menschliche Herz durchschneidet. Nein, der Ton, der

aus der Erde zu kommen schien, glich einem feinen, freudigen Lachen.

Doch aber ließ Fräulein Ännchen den Krautbusch wieder fahren und rief

etwas erschreckt: »I! -- wer lacht denn da mich aus?« Als sich aber

weiter nichts vernehmen ließ, faßte sie noch einmal den Krautbusch,

der höher und stattlicher emporgeschossen schien als alle anderen,

und zog beherzt, das Gelächter, das sich wieder hören ließ, gar nicht

achtend, die schönste, die zarteste der Mohrrüben aus der Erde. Doch

sowie Fräulein Ännchen die Mohrrübe betrachtete, schrie sie laut auf

vor freudigem Schreck, so daß die Magd herbeisprang und ebenso wie

Fräulein Ännchen laut aufschrie über das hübsche Wunder, das sie

gewahrte. Fest der Mohrrübe aufgestreift saß nämlich ein herrlicher

goldner Ring mit einem feuerfunkelnden Topas. »Ei,« rief die Magd, »der

ist für Sie bestimmt, Fräulein Ännchen, das ist der Hochzeitsring, den

müssen Sie nur gleich anstecken!« -- »Was sprichst du für dummes Zeug,«

erwiderte Fräulein Ännchen, »den Trauring, den muß ich ja von dem Herrn

Amandus von Nebelstern empfangen, aber nicht von einer Mohrrübe!« --

Je länger Fräulein Ännchen den Ring betrachtete, desto mehr gefiel er

ihr. Der Ring war aber auch wirklich von so feiner zierlicher Arbeit,

daß er alles zu übertreffen schien, was jemals menschliche Kunst zu

stande gebracht. Den Reif bildeten hundert und hundert winzig kleine

Figürchen in den mannigfaltigsten Gruppen verschlungen, die man auf den

ersten Blick kaum mit dem bloßen Auge zu unterscheiden vermochte, die

aber, sahe man den Ring länger und schärfer an, ordentlich zu wachsen,

lebendig zu werden, in anmutigen Reihen zu tanzen schienen. Dann aber

war das Feuer des Edelsteins von solch ganz besonderer Art, daß selbst

unter den Topasen im grünen Gewölbe zu Dresden schwerlich ein solcher

aufgefunden werden möchte. »Wer weiß,« sprach die Magd, »wie lange der

schöne Ring tief in der Erde gelegen haben mag, und da ist er denn

heraufgespatelt worden, und die Mohrrübe ist durchgewachsen.« Fräulein

Ännchen zog nun den Ring von der Mohrrübe ab, und seltsam genug war es,

daß diese ihr zwischen den Fingern durchglitschte und in dem Erdboden

verschwand. Beide, die Magd und Fräulein Ännchen, achteten aber nicht

sonderlich darauf, sie waren zu sehr versunken in den Anblick des

prächtigen Ringes, den Fräulein Ännchen nun ohne weiteres ansteckte

an den kleinen Finger der rechten Hand. Sowie sie dies tat, empfand

sie von der Grundwurzel des Fingers bis in die Spitze hinein einen

stechenden Schmerz, der aber in demselben Augenblick wieder nachließ,

als sie ihn fühlte.

Natürlicherweise erzählte sie mittags dem Herrn von Zabelthau, was ihr

Seltsames auf dem Mohrrübenfelde begegnet, und zeigte ihm den schönen

Ring, den die Mohrrübe aufgesteckt gehabt. Sie wollte den Ring, damit

ihn der Papa besser betrachten könne, vom Finger herabziehen. Aber

einen stechenden Schmerz empfand sie wie damals, als sie den Ring

aufsteckte, und dieser Schmerz hielt an, solange sie am Ringe zog, bis

er zuletzt so unerträglich wurde, daß sie davon abstehen mußte. Herr

Dapsul betrachtete den Ring an Ännchens Finger mit der gespanntesten

Aufmerksamkeit, ließ Ännchen mit dem ausgestreckten Finger allerlei

Kreise nach allen Weltgegenden beschreiben, versank dann in tiefes

Nachdenken und bestieg, ohne nur ein einziges Wort weiter zu sprechen,

den Turm. Fräulein Ännchen vernahm, wie der Papa im Hinaufsteigen

beträchtlich seufzte und stöhnte.

Andern Morgens, als Fräulein Ännchen sich gerade auf dem Hofe mit dem

großen Hahn herumjagte, der allerlei Unfug trieb und hauptsächlich

mit den Täubern krakeelte, weinte der Herr Dapsul von Zabelthau so

erschrecklich durch das Sprachrohr herab, daß Ännchen ganz bewegt

wurde und durch die hohle Hand hinauf rief: »Warum heulen Sie denn so

unbarmherzig, bester Papa, das Federvieh wird ja ganz wild!« -- Da

schrie der Herr Dapsul durch das Sprachrohr herab: »Anna, meine Tochter

Anna, steige sogleich zu mir herauf.« Fräulein Ännchen verwunderte

sich höchlich über dieses Gebot, denn noch nie hatte sie der Papa auf

den Turm beschieden, vielmehr dessen Pforte sorgfältig verschlossen

gehalten. Es überfiel sie ordentlich eine gewisse Bangigkeit, als sie

die schmale Wendeltreppe hinaufstieg und die schwere Tür öffnete, die

in das einzige Gemach des Turmes führte. Herr Dapsul von Zabelthau

saß, von allerlei wunderlichen Instrumenten und bestaubten Büchern

umgeben, auf einem großen Lehnstuhl von seltsamer Form. Vor ihm stand

ein Gestell, das ein in einen Rahmen gespanntes Papier trug, auf dem

verschiedene Linien gezeichnet. Er hatte eine hohe, spitze, graue Mütze

auf dem Kopfe, trug einen weiten Mantel von grauem Kalmank und hatte

einen langen weißen Bart am Kinn, so daß er wirklich aussah wie ein

Zauberer. Eben wegen des falschen Bartes kannte Fräulein Ännchen den

Papa anfangs gar nicht und blickte ängstlich umher, ob er etwa in einer

Ecke des Gemaches vorhanden; nachher, als sie aber gewahrte, daß der

Mann mit dem Barte wirklich Papachen sei, lachte Fräulein Ännchen recht

herzlich und fragte: ob's denn schon Weihnachten sei, und ob Papachen

den Knecht Ruprecht spielen wolle?

Ohne auf Ännchens Rede zu achten, nahm Herr Dapsul von Zabelthau ein

kleines Eisen zur Hand, berührte damit Ännchens Stirne und bestrich

dann einigemal ihren rechten Arm von der Achsel bis in die Spitze des

kleinen Ringefingers herab. Hierauf mußte sie sich auf den Lehnstuhl

setzen, den Herr Dapsul verlassen, und den kleinen beringten Finger

auf das in den Rahmen gespannte Papier in der Art stellen, daß der

Topas den Zentralpunkt, in den alle Linien zusammenliefen, berührte.

Alsbald schossen aus dem Edelstein gelbe Strahlen rings umher, bis das

ganze Papier dunkelgelb gefärbt war. Nun knisterten die Linien auf und

nieder, und es war, als sprängen die kleinen Männlein aus des Ringes

Reif lustig umher auf dem ganzen Blatt. Der Herr Dapsul, den Blick von

dem Papier nicht wegwendend, hatte indessen eine dünne Metallplatte

ergriffen, hielt sie mit beiden Händen hoch in die Höhe und wollte sie

niederdrücken auf das Papier; doch in demselben Augenblick glitschte

er auf dem glatten Steinboden aus und fiel sehr unsanft auf den

Hintern, während die Metallplatte, die er instinktmäßig losgelassen,

um womöglich den Fall zu brechen und das Steißbein zu konservieren,

klirrend zur Erde fiel. Fräulein Ännchen erwachte mit einem leisen Ach!

aus dem seltsamen träumerischen Zustande, in den sie versunken. Herr

Dapsul richtete sich mühsam in die Höhe, setzte den grauen Zuckerhut

wieder auf, der ihm entfallen, brachte den falschen Bart in Ordnung und

setzte sich dem Fräulein Ännchen gegenüber auf einige Folianten, die

übereinander getürmt. »Meine Tochter,« sprach er dann, »meine Tochter

Anna, wie war dir so eben zu Mute? was dachtest, was empfandest du?

welche Gestaltungen erblicktest du mit den Augen des Geistes in deinem

Innern?« --

»Ach,« erwiderte Fräulein Ännchen, »mir war so wohl zu Mute, so wohl,

wie mir noch niemals gewesen. Dann dachte ich an den Herrn Amandus

von Nebelstern. Ich sah ihn ordentlich vor Augen, aber er war noch

viel hübscher als sonst und rauchte eine Pfeife von den virginischen

Blättern, die ich ihm geschickt, welches ihm ungemein wohl stand. Dann

bekam ich plötzlich einen ungemeinen Appetit nach jungen Mohrrüben und

Bratwürstlein, und war ganz entzückt, als das Gericht vor mir stand.

Eben wollte ich zulangen, als ich wie mit einem jähen, schmerzhaften

Ruck aus dem Traum erwachte.«

-- »Amandus von Nebelstern -- virginischer Kanaster -- Mohrrüben --

Bratwürste!« -- So sprach Herr Dapsul von Zabelthau sehr nachdenklich

und winkte der Tochter, die sich entfernen wollte, zu bleiben.

»Glückliches, unbefangenes Kind,« begann er dann mit einem Ton, der

noch viel weinerlicher war als sonst jemals, »daß du nicht eingeweiht

bist in die tiefen Mysterien des Weltalls, die bedrohlichen Gefahren

nicht kennst, die dich umgeben. Du weißt nichts von jener überirdischen

Wissenschaft der heiligen Kabbala. Zwar wirst du auch deshalb niemals

der himmlischen Lust der Weisen teilhaftig werden, die, zur höchsten

Stufe gelangt, weder essen noch trinken dürfen als nur zur Lust, und

denen niemals Menschliches begegnet; du stehst aber auch dafür nicht

die Angst des Ersteigens jener Stufe aus, wie dein unglücklicher Vater,

den noch viel zu sehr menschlicher Schwindel anwandelt, und dem das,

was er mühsam erforscht, nur Grauen und Entsetzen erregt, und der noch

immer aus purem irdischem Bedürfnis essen und trinken und -- überhaupt

Menschliches tun muß. -- Erfahre, mein holdes, mit Unwissenheit

beglücktes Kind, daß die tiefe Erde, die Luft, das Wasser, das Feuer

erfüllt ist mit geistigen Wesen höherer und doch wieder beschränkterer

Natur als die Menschen. Es scheint unnötig, dir, mein Dümmchen,

die besondere Natur der Gnomen, Salamander, Sylphen und Undinen

zu erklären, du würdest es nicht fassen können. Um dir die Gefahr

anzudeuten, in der du vielleicht schwebst, ist es genug, dir zu sagen,

daß diese Geister nach der Verbindung mit den Menschen trachten; und da

sie wohl wissen, daß die Menschen in der Regel solch eine Verbindung

sehr scheuen, so bedienen sich die erwähnten Geister allerlei lustiger

Mittel, um den Menschen, dem sie ihre Gunst geschenkt, zu verlocken.

Bald ist es ein Zweig, eine Blume, ein Glas Wasser, ein Feuerstahl oder

sonst etwas ganz geringfügig Scheinendes, was sie zum Mittel brauchen,

um ihren Zweck zu erreichen. Richtig ist es, daß eine solche Verbindung

oft sehr ersprießlich ausschlägt, wie denn einst zwei Priester, von

denen der Fürst von Mirandola erzählt, vierzig Jahre hindurch mit

einem solchen Geist in der glücklichsten Ehe lebten. Richtig ist es

ferner, daß die größten Weisen einer solchen Verbindung eines Menschen

mit einem Elementargeist entsprossen. So war der große Zoroaster ein

Sohn des Salamanders Oromasis, so waren der große Appollonius, der

weise Merlin, der tapfre Graf von Cleve, der große Kabbalist Bensyra

herrliche Früchte solcher Ehen, und auch die schöne Melusine war nach

dem Ausspruch des Parazelsus nichts anders als eine Sylphide. Doch

demunerachtet ist die Gefahr einer solchen Verbindung nur zu groß,

denn abgesehen davon, daß die Elementargeister von dem, dem sie ihre

Gunst geschenkt, verlangen, daß ihm das hellste Licht der profundesten

Weisheit aufgehe, so sind sie auch äußerst empfindlich, und rächen

jede Beleidigung sehr schwer. So geschah es einmal, daß eine Sylphide,

die mit einem Philosophen verbunden, als er mit seinen Freunden von

einem schönen Frauenzimmer sprach, und sich vielleicht dabei zu sehr

erhitzte, sofort in der Luft ihr schneeweißes, schön geformtes Bein

sehen ließ, gleichsam um die Freunde von ihrer Schönheit zu überzeugen,

und dann den armen Philosophen auf der Stelle tötete. Doch ach --

was spreche ich von anderen? warum spreche ich nicht von mir selbst?

-- Ich weiß, daß schon seit zwölf Jahren mich eine Sylphide liebt,

aber ist sie scheu und schüchtern, so quält mich der Gedanke an die

Gefahr, durch kabbalistische Mittel sie zu fesseln, da ich noch immer

viel zu sehr an irdischen Bedürfnissen hänge, und daher der gehörigen

Weisheit ermangle. Jeden Morgen nehme ich mir vor zu fasten, lasse

auch das Frühstück glücklich vorübergehen, aber wenn dann der Mittag

kommt -- o Anna, meine Tochter Anna -- du weißt es ja -- ich fresse

erschrecklich!« -- Diese letzten Worte sprach der Herr Dapsul von

Zabelthau mit beinahe heulendem Ton, indem ihm die bittersten Tränen

über die hagern, eingefallenen Backen liefen; dann fuhr er beruhigter

fort: »Doch bemühe ich mich gegen den mir gewogenen Elementargeist

des feinsten Betragens, der ausgesuchtesten Galanterie. Niemals

wage ich es, eine Pfeife Tabak ohne die gehörigen kabbalistischen

Vorsichtsmaßregeln zu rauchen, denn ich weiß ja nicht, ob mein zarter

Luftgeist die Sorte liebet und nicht empfindlich werden könnte über

die Verunreinigung seines Elements, weshalb denn auch alle diejenigen,

die Jagdkanaster rauchen, oder »Es blühe Sachsen«, niemals weise und

der Liebe einer Sylphide teilhaftig werden können. Ebenso verfahre

ich, wenn ich mir einen Haselstock schneide, eine Blume pflücke, eine

Frucht esse oder Feuer anschlage, da all mein Trachten dahin geht, es

durchaus mit keinem Elementargeist zu verderben. Und doch -- siehst du

wohl jene Nußschale, über die ich ausglitschte und rücklings umstülpend

das ganze Experiment verdarb, das mir das Geheimnis des Ringes ganz

erschlossen haben würde? Ich erinnere mich nicht, jemals in diesem nur

der Wissenschaft geweihten Gemach (du weißt nun, weshalb ich auf der

Treppe frühstücke) Nüsse genossen zu haben, und um so klarer ist es,

daß in diesen Schalen ein kleiner Gnome versteckt war, vielleicht um

bei mir zu hospitieren und meinen Experimenten zuzulauschen. Denn die

Elementargeister lieben die menschlichen Wissenschaften, vorzüglich

solche, die das uneingeweihte Volk wo nicht albern und aberwitzig,

so doch die Kraft des menschlichen Geistes übersteigend, und eben

deshalb gefährlich nennt. Deshalb finden sie sich auch häufig ein bei

den göttlichen magnetischen Operationen. Vorzüglich sind es aber die

Gnomen, die ihre Fopperei nicht lassen können und dem Magnetiseur,

der noch nicht zu der Stufe der Weisheit gelangt ist, die ich erst

beschrieben, und zu sehr hängt an irdischem Bedürfnis, ein verliebtes

Erdenkind unterschieben in dem Augenblick, da er glaubte, in völlig

reiner, abgeklärter Lust eine Sylphide zu umarmen. -- Als ich nun dem

kleinen Studenten auf den Kopf trat, wurde er böse und warf mich um.

Aber einen tiefern Grund hatte wohl der Gnome, mir die Entzifferung

des Geheimnisses mit dem Ringe zu verderben. -- Anna! -- meine Tochter

Anna! -- vernimm es -- herausgebracht hatte ich, daß ein Gnome dir

seine Gunst zugewandt, der, nach der Beschaffenheit des Ringes zu

urteilen, ein reicher, vornehmer, und dabei vorzüglich fein gebildeter

Mann sein muß. Aber, meine teure Anna, mein vielgeliebtes, herziges

Dümmchen, wie willst du es anfangen, dich ohne die entsetzlichste

Gefahr mit einem solchen Elementargeist in irgend eine Verbindung

einzulassen? Hättest du den Cassiodorus Remus gelesen, so könntest du

mir zwar entgegnen, daß nach dessen wahrhaftigem Bericht die berühmte

Magdalena de la Croix, Äbtissin eines Klosters zu Cordua in Spanien,

dreißig Jahre mit einem kleinen Gnomen in vergnügter Ehe lebte, daß

ein gleiches sich mit einem Sylphen und der jungen Gertrud, die Nonne

war im Kloster Nazareth bei Köln, zutrug; aber denke an die gelehrten

Beschäftigungen jener geistlichen Damen und an die deinigen. Welch

ein Unterschied! Statt in weisen Büchern zu lesen, fütterst du sehr

oft Hühner, Gänse, Enten und andere jeden Kabbalisten molestierende

Tiere; statt den Himmel, den Lauf der Gestirne zu beobachten, gräbst

du in der Erde; statt in künstlichen horoskopischen Entwürfen die Spur

der Zukunft zu verfolgen, stampfest du Milch zu Butter und machest

Sauerkraut ein zu schnödem winterlichem Bedürfnis, wiewohl ich selbst

dergleichen Speisung ungern vermisse. Sage! kann das alles einem

feinfühlenden philosophischen Elementargeist auf die Länge gefallen? --

Denn, o Anna! durch dich blüht Dapsulheim, und diesem irdischen Beruf

mag und kann dein Geist sich nimmer entziehen. Und doch empfandest

du über den Ring, selbst da er dir jähen, bösen Schmerz erregte,

eine ausgelassene, unbesonnene Freude! -- Zu deinem Heil wollt' ich

durch jene Operation die Kraft des Ringes brechen, dich ganz von dem

Gnomen befreien, der dir nachstellt. Sie mißlang durch die Tücke des

kleinen Studenten in der Nußschale. Und doch! -- mir kommt ein Mut,

den Elementargeist zu bekämpfen, wie ich ihn noch nie gespürt! -- Du

bist mein Kind -- das ich zwar nicht mit einer Sylphide, Salamandrin

oder sonst einem Elementargeist erzeugt, sondern mit jenem armen

Landfräulein aus der besten Familie, die die gottvergessenen Nachbarn

mit dem Spottnamen »Ziegenfräulein« verhöhnten, ihrer idyllischen

Natur halber, die sie vermochte, jeden Tages eine kleine Herde weißer,

schmucker Ziegen selbst zu weiden auf grünen Hügeln, wozu ich, damals

ein verliebter Narr, auf meinem Turm die Schalmei blies. -- Doch du

bist und bleibst mein Kind, mein Blut! -- Ich rette dich; hier diese

mystische Feile soll dich befreien von dem verderblichen Ringe!«

Damit nahm Herr Dapsul von Zabelthau eine kleine Feile zur Hand und

begann an dem Ringe zu feilen. Kaum hatte er aber einigemal hin und her

gestrichen, als Fräulein Ännchen vor Schmerz laut aufschrie: »Papa --

Papa, Sie feilen mir ja den Finger ab!« So rief sie, und wirklich quoll

dunkles dickes Blut unter dem Ringe hervor. Da ließ Herr Dapsul die

Feile aus der Hand fallen, sank halb ohnmächtig in den Lehnstuhl und

rief in aller Verzweiflung: »O! -- o! -- o! -- es ist um mich geschehn!

Vielleicht noch in dieser Stunde kommt der erzürnte Gnome und beißt mir

die Kehle ab, wenn mich die Sylphide nicht rettet. -- O Anna -- Anna!

-- geh -- flieh!« --

Fräulein Ännchen, die sich bei des Papas wunderlichen Reden schon

längst weit weg gewünscht hatte, sprang hinab mit der Schnelle des

Windes. --

Drittes Kapitel.

Es wird von der Ankunft eines merkwürdigen Mannes in Dapsulheim

berichtet und erzählt, was sich dann ferner begeben. --

Der Herr Dapsul von Zabelthau hatte eben seine Tochter unter vielen

Tränen umarmt und wollte den Turm besteigen, wo er jeden Augenblick

den bedrohlichen Besuch des erzürnten Gnomen befürchtete. Da ließ sich

heller, lustiger Hörnerklang vernehmen, und hinein in den Hof sprengte

ein kleiner Reiter von ziemlich sonderbarem, possierlichem Ansehen. Das

gelbe Pferd war gar nicht groß und von feinem zierlichen Bau, deshalb

nahm sich auch der Kleine trotz seines unförmlich dicken Kopfs gar

nicht so zwergartig aus, sondern ragte hoch genug über den Kopf des

Pferdes empor. Das war aber bloß dem langen Leibe zuzuschreiben, denn

was an Beinen und Füßen über den Sattel hing, war so wenig, daß es

kaum zu rechnen. Übrigens trug der Kleine einen sehr angenehmen Habit

von goldgelbem Atlas, eine ebensolche hohe Mütze mit einem tüchtigen

grasgrünen Federbusch und Reitstiefel von schön poliertem Mahagoniholz.

Mit einem durchdringenden Prrrrrr! hielt der Reiter dicht vor dem Herrn

von Zabelthau. Er schien absteigen zu wollen, plötzlich fuhr er aber

mit der Schnelligkeit des Blitzes unter dem Bauch des Pferdes hinweg,

schleuderte sich auf der andern Seite zwei-, dreimal hintereinander

zwölf Ellen hoch in die Lüfte, so daß er sich auf jeder Elle sechsmal

überschlug, bis er mit dem Kopf auf dem Sattelknopf zu stehen kam. So

galoppierte er, indem die Füßchen in den Lüften Trochäen, Pyrrhichien,

Daktylen u. s. w. spielten, vorwärts, rückwärts, seitwärts in allerlei

wunderlichen Wendungen und Krümmungen. Als der zierliche Gymnastiker

und Reitkünstler endlich still stand und höflich grüßte, erblickte man

auf dem Boden des Hofes die Worte: »Sein Sie mir schönstens gegrüßt

samt Ihrem Fräulein Tochter, mein hochverehrtester Herr Dapsul von

Zabelthau!« Er hatte diese Worte mit schönen römischen Unzialbuchstaben

in das Erdreich geritten. Hierauf sprang der Kleine vom Pferde, schlug

dreimal Rad und sagte dann, daß er ein schönes Kompliment auszurichten

habe an den Herrn Dapsul von Zabelthau von seinem gnädigen Herrn, dem

Herrn Baron von Porphyrio von Ockerodastes, genannt Corduanspitz, und

wenn es dem Herrn Dapsul von Zabelthau nicht unangenehm wäre, so wolle

der Herr Baron auf einige Tage freundlich bei ihm einsprechen, da er

künftig sein nächster Nachbar zu werden hoffe. --

Herr Dapsul von Zabelthau glich mehr einem Toten als einem Lebendigen,

so bleich und starr stand er da an seine Tochter gelehnt. Kaum war ein

»Wird -- mir -- sehr erfreulich sein« mühsam seinen bebenden Lippen

entflohen, als der kleine Reiter sich mit denselben Zeremonieen, wie er

gekommen, blitzschnell entfernte. --

»Ach, meine Tochter,« rief nun Herr Dapsul von Zabelthau heulend und

schluchzend, »ach, meine Tochter, meine arme unglückselige Tochter, es

ist nur zu gewiß, es ist der Gnome, welcher kommt, dich zu entführen

und mir den Hals umzudrehen! -- Doch wir wollen den letzten Mut

aufbieten, den wir etwa noch besitzen möchten! Vielleicht ist es

möglich, den erzürnten Elementargeist zu versöhnen, wir müssen uns

nur so schicklich gegen ihn benehmen, als es irgend in unserer Macht

steht. -- Sogleich werde ich dir, mein teures Kind, einige Kapitel aus

dem Laktanz oder aus dem Thomas Aquinas vorlesen über den Umgang mit

Elementargeistern, damit du keinen garstigen Schnitzer machst.« -- Noch

ehe aber der Herr Dapsul von Zabelthau den Laktanz, den Thomas Aquinas

oder einen andern elementarischen Knigge herbeischaffen konnte, hörte

man schon ganz in der Nähe eine Musik erschallen, die beinahe der zu

vergleichen, die hinlänglich musikalische Kinder zum lieben Weihnachten

aufzuführen pflegen. Ein schöner, langer Zug kam die Straße herauf.

Voran ritten wohl an sechzig, siebzig kleine Reiter auf kleinen gelben

Pferden, sämtlich gekleidet wie der Abgesandte in gelben Habiten,

spitzen Mützen und Stiefeln von poliertem Mahagoni. Ihnen folgte eine

mit acht gelben Pferden bespannte Kutsche von dem reinsten Kristall,

der noch ungefähr vierzig andere minder prächtige, teils mit sechs,

teils mit vier Pferden bespannte Kutschen folgten. Noch eine Menge

Pagen, Läufer und andere Diener schwärmten nebenher auf und nieder, in

glänzenden Kleidern angetan, so daß das Ganze einen ebenso lustigen als

seltsamen Anblick gewährte. Herr Dapsul von Zabelthau blieb versunken

in trübes Staunen. Fräulein Ännchen, die bisher nicht geahnt, daß es

auf der ganzen Erde solch niedliche schmucke Dinge geben könne als

diese Pferdchen und Leutchen, geriet ganz außer sich und vergaß alles,

sogar den Mund, den sie zum freudigen Ausruf weit genug geöffnet,

wieder zuzumachen. --

Deutsche Humoristen, 2. Band (von 8) · 第 6 / 11 段