Es war ein gesegnetes Jahr. Auf den Feldern grünte und blühte gar

herrlich Korn und Weizen und Gerste und Hafer; die Bauerjungen gingen

in die Schoten, und das liebe Vieh in den Klee; die Bäume hingen so

voller Kirschen, daß das ganze Heer der Sperlinge, trotz dem besten

Willen, alles kahl zu picken, die Hälfte übrig lassen mußte zu

sonstiger Verspeisung. Alles schmauste sich satt tagtäglich an der

großen, offnen Gasttafel der Natur. -- Vor allen Dingen stand aber in

dem Küchengarten des Herrn Dapsul von Zabelthau das Gemüse so über die

Maßen schön, daß es kein Wunder zu nennen, wenn Fräulein Ännchen vor

Freude darüber ganz außer sich geriet. --

Nötig scheint es, gleich zu sagen, wer Beide waren, Herr Dapsul von

Zabelthau und Fräulein Ännchen.

Es ist möglich, daß du, geliebter Leser, auf irgend einer Reise

begriffen, einmal in den schönen Grund kamst, den der freundliche

Main durchströmt. Laue Morgenwinde hauchen ihren duftigen Atem hin

über die Flur, die in dem Goldglanz schimmert der emporgestiegenen

Sonne. Du vermagst es nicht, auszuharren in dem engen Wagen, du

steigst aus und wandelst durch das Wäldchen, hinter dem du erst, als

du hinabfuhrst in das Tal, ein kleines Dorf erblicktest. Plötzlich

kommt dir aber in diesem Wäldchen ein langer, hagerer Mann entgegen,

dessen seltsamer Aufzug dich festbannt. Er trägt einen kleinen grauen

Filzhut, aufgestülpt auf eine pechschwarze Perücke, eine durchaus graue

Kleidung, Rock, Weste und Hose, graue Strümpfe und Schuhe, ja selbst

der sehr hohe Stock ist grau lackiert. So kommt der Mann mit weit

ausgespreizten Schritten auf dich los, und indem er dich mit großen,

tief liegenden Augen anstarrt, scheint er dich doch gar nicht zu

bemerken. »Guten Morgen, mein Herr!« rufst du ihm entgegen, als er dich

beinahe umrennt. Da fährt er zusammen, als würde er plötzlich geweckt

aus tiefem Traum, rückt dann sein Mützchen und spricht mit hohler,

weinerlicher Stimme: »Guten Morgen? O mein Herr! wie froh können wir

sein, daß wir einen guten Morgen haben -- die armen Bewohner von

Santa Cruz -- soeben zwei Erdstöße, und nun gießt der Regen in Strömen

herab!« -- Du weißt, geliebter Leser, nicht recht, was du dem seltsamen

Manne antworten sollst, aber indem du darüber sinnest, hat er schon

mit einem: »Mit Verlaub, mein Herr!« deine Stirn sanft berührt und in

deinen Handteller geguckt. »Der Himmel segne Sie, mein Herr, Sie haben

eine gute Konstellation,« spricht er nun ebenso hohl und weinerlich

als zuvor und schreitet weiter fort. -- Dieser absonderliche Mann war

eben niemand anders als der Herr Dapsul von Zabelthau, dessen einziges

ererbtes ärmliches Besitztum das kleine Dorf Dapsulheim ist, das in

der anmutigsten, lachendsten Gegend vor dir liegt und in das du soeben

eintrittst. Du willst frühstücken, aber in der Schenke sieht es traurig

aus. In der Kirchweih ist aller Vorrat aufgezehrt, und da du dich

nicht mit bloßer Milch begnügen willst, so weiset man dich nach dem

Herrenhause, wo das gnädige Fräulein Anna dir gastfreundlich darbieten

werde, was eben vorrätig. Du nimmst keinen Anstand, dich dorthin zu

begeben. -- Von diesem Herrenhause ist nun eben nichts mehr zu sagen,

als daß es wirklich Fenster und Türen hat, wie weiland das Schloß des

Herrn Baron von Tondertonktonk in Westfalen. Doch prangt über der

Haustür das mit neuseeländischer Kunst in Holz geschnittene Wappen

der Familie von Zabelthau. Ein seltsames Ansehen gewinnt aber dieses

Haus dadurch, daß seine Nordseite sich an die Ringmauer einer alten

verfallenen Burg lehnt, so daß die Hintertüre die ehemalige Burgpforte

ist, durch die man unmittelbar in den Burghof tritt, in dessen Mitte

der hohe, runde Wachtturm noch ganz unversehrt dasteht. Aus jener

Haustür mit dem Familienwappen tritt dir ein junges, rotwangiges

Mädchen entgegen, die mit ihren klaren blauen Augen und blondem Haar

ganz hübsch zu nennen, und deren Bau vielleicht nur ein wenig zu

rundlich derb geraten. Die Freundlichkeit selbst, nötigt sie dich ins

Haus, und bald, sowie sie nur dein Bedürfnis merkt, bewirtet sie dich

mit der trefflichsten Milch, einem tüchtigen Butterbrot und dann mit

rohem Schinken, der dir in Bayonne bereitet scheint, und einem Gläschen

aus Runkelrüben gezogenen Branntweins. Dabei spricht das Mädchen,

die nun eben keine andere ist als das Fräulein Anna von Zabelthau,

ganz munter und frei von allem, was die Landwirtschaft betrifft, und

zeigt dabei gar keine unebenen Kenntnisse. Doch plötzlich erschallt

wie aus den Lüften eine starke, fürchterliche Stimme: »Anna -- Anna!

Anna!« -- Du erschrickst, aber Fräulein Anna spricht ganz freundlich:

»Papa ist zurückgekommen von seinem Spaziergange und ruft aus seiner

Studierstube nach dem Frühstück!« -- »Ruft -- aus seiner Studierstube?«

frägst du erstaunt. »Ja,« erwidert Fräulein Anna oder Fräulein Ännchen,

wie sie die Leute nennen, »ja, Papas Studierstube ist dort oben auf

dem Turm, und er ruft durch das Rohr!« -- Und du siehst, geliebter

Leser! wie nun Ännchen des Turmes enge Pforte öffnet und mit demselben

Gabelfrühstück, wie du es soeben genossen, nämlich mit einer tüchtigen

Portion Schinken und Brot nebst dem Runkelrübengeist hinaufspringt.

Ebensoschnell ist sie aber wieder bei dir, und dich durch den schönen

Küchengarten geleitend, spricht sie so viel von bunter Plümage,

Rapuntika, englischem Turneps, kleinem Grünkopf, Montrue, großem Mogul,

gelbem Prinzenkopf und so fort, daß du in das größte Erstaunen geraten

mußt, zumal, wenn du nicht weißt, daß mit jenen vornehmen Namen nichts

anderes gemeint ist als Kohl und Salat. --

Ich meine, daß der kurze Besuch, den du, geliebter Leser, in Dapsulheim

abgestattet, hinreichen wird, dich die Verhältnisse des Hauses, von

dem allerlei seltsames, kaum glaubliches Zeug ich dir zu erzählen im

Begriff stehe, ganz erraten zu lassen. Der Herr Dapsul von Zabelthau

war in seiner Jugend nicht viel aus dem Schlosse seiner Eltern

gekommen, die ansehnliche Güter besaßen. Sein Hofmeister, ein alter

wunderlicher Mann, nährte nächstdem, daß er ihn in fremden, vorzüglich

orientalischen Sprachen unterrichtete, seinen Hang zur Mystik, oder

vielmehr besser gesagt, zur Geheimniskrämerei. Der Hofmeister starb

und hinterließ dem jungen Dapsul eine ganze Bibliothek der geheimen

Wissenschaften, in die er sich vertiefte. Die Eltern starben auch,

und nun begab sich der junge Dapsul auf weite Reisen, und zwar, wie

es der Hofmeister ihm in die Seele gelegt, nach Ägypten und Indien.

Als er endlich nach vielen Jahren zurückkehrte, hatte ein Vetter

unterdessen sein Vermögen mit so großem Eifer verwaltet, daß ihm

nichts übrig geblieben, als das kleine Dörfchen Dapsulheim. Herr

Dapsul von Zabelthau strebte zu sehr nach dem sonnegebornen Golde

einer höheren Welt, als daß er sich hätte aus irdischem viel machen

sollen; er dankte vielmehr dem Vetter mit gerührtem Herzen dafür,

daß er ihm das freundliche Dapsulheim erhalten mit dem schönen,

hohen Wartturm, der zu astrologischen Operationen erbaut schien,

und in dessen höchster Höhe Herr Dapsul von Zabelthau auch sofort

sein Studierzimmer einrichten ließ. Der sorgsame Vetter bewies nun

auch, daß Herr Dapsul von Zabelthau heiraten müsse. Dapsul sah die

Notwendigkeit ein und heiratete sofort das Fräulein, das der Vetter

für ihn erwählt. Die Frau kam ebensoschnell ins Haus, als sie es

wieder verließ. Sie starb, nachdem sie ihm eine Tochter geboren.

Der Vetter besorgte Hochzeit, Taufe und Begräbnis, so daß Dapsul auf

seinem Turm von alle dem nicht sonderlich viel merkte, zumal die Zeit

über gerade ein sehr merkwürdiger Schwanzstern am Himmel stand, in

dessen Konstellation sich der melancholische, immer Unheil ahnende

Dapsul verflochten glaubte. Das Töchterlein entwickelte unter der Zucht

einer alten Großtante, zu deren großer Freude, einen entschiedenen

Hang zur Landwirtschaft. Fräulein Ännchen mußte, wie man zu sagen

pflegt, von der Pike an dienen. Erst als Gänsemädchen, dann als Magd,

Großmagd, Haushälterin, bis zur Hauswirtin herauf, so daß die Theorie

erläutert und festgestellt wurde durch eine wohltätige Praxis. Sie

liebte Gänse und Enten, und Hühner und Tauben, Rindvieh und Schafe ganz

ungemein; ja selbst die zarte Zucht wohlgestalteter Schweinlein war ihr

keineswegs gleichgültig, wiewohl sie nicht wie einmal ein Fräulein in

irgend einem Lande ein kleines weißes Ferkelchen mit Band und Schelle

versehen und erkieset hatte zum Schoßtierchen. Über alles und auch weit

über den Obstbau ging ihr aber der Gemüsegarten. Durch der Großtante

landwirtschaftliche Gelehrsamkeit hatte Fräulein Ännchen, wie der

geneigte Leser in dem Gespräch mit ihr bemerkt haben wird, in der Tat

ganz hübsche theoretische Kenntnisse vom Gemüsebau erhalten; beim

Umgraben des Ackers, beim Einstreuen des Samens, Einlegung der Pflanzen

stand Fräulein Ännchen nicht allein der ganzen Arbeit vor, sondern

leistete auch selbst tätige Hilfe. Fräulein Ännchen führte einen

tüchtigen Spaten, das mußte ihr der hämische Neid lassen. Während nun

Herr Dapsul von Zabelthau sich in seine astrologischen Beobachtungen

und in andere mystische Dinge vertiefte, führte Fräulein Ännchen, da

die alte Großtante gestorben, die Wirtschaft auf das beste, so daß,

wenn Dapsul dem Himmlischen nachtrachtete, Ännchen mit Fleiß und

Geschick das Irdische besorgte.

Wie gesagt, kein Wunder war es zu nennen, wenn Ännchen vor Freude über

den diesjährigen, ganz vorzüglichen Flor des Küchengartens beinahe

außer sich geriet. An üppiger Fülle des Wachstums übertraf aber

alles andere ein Mohrrübenfeld, das eine ganz ungewöhnliche Ausbeute

versprach.

»Ei, meine schönen, lieben Mohrrüben!« so rief Fräulein Ännchen ein

Mal über das andere, klatschte in die Hände, sprang, tanzte umher,

geberdete sich wie ein zum heiligen Christ reich beschenktes Kind.

Es war auch wirklich, als wenn die Möhrenkinder sich in der Erde

über Ännchens Lust mitfreuten, denn das feine Gelächter, das sich

vernehmen ließ, stieg offenbar aus dem Acker empor. Ännchen achtete

nicht sonderlich darauf, sondern sprang dem Knecht entgegen, der,

einen Brief hoch emporhaltend, ihr zurief: »An Sie, Fräulein Ännchen,

Gottlieb hat ihn mitgebracht aus der Stadt.« Ännchen erkannte gleich

an der Aufschrift, daß der Brief von niemandem anders war als von

dem jungen Herrn Amandus von Nebelstern, dem einzigen Sohn eines

benachbarten Gutsbesitzers, der sich auf der Universität befand.

Amandus hatte sich, als er noch auf dem Dorfe des Vaters hauste und

täglich hinüberlief nach Dapsulheim, überzeugt, daß er in seinem ganzen

Leben keine andere lieben könne als Fräulein Ännchen. Ebenso wußte

Fräulein Ännchen ganz genau, daß es ihr ganz unmöglich sein werde,

jemals einem andern als dem braunlockigten Amandus auch nur was weniges

gut zu sein. Beide, Ännchen und Amandus, waren daher übereingekommen,

sich je eher desto lieber zu heiraten und das glücklichste Ehepaar

zu werden auf der ganzen weiten Erde. -- Amandus war sonst ein

heiterer, unbefangner Jüngling; auf der Universität geriet er aber

Gott weiß wem in die Hände, der ihm nicht nur einbildete, er sei ein

ungeheures poetisches Genie, sondern ihn auch verleitete, sich auf

die Überschwenglichkeit zu legen. Das gelang ihm auch so gut, daß er

sich in kurzer Zeit hinweggeschwungen hatte über alles, was schnöde

Prosaiker Verstand und Vernunft nennen, und noch dazu irriger Weise

behaupten, daß beides mit der regsten Phantasie sehr wohl bestehen

könne. -- Also von dem jungen Herrn Amandus von Nebelstern war der

Brief, den Fräulein Ännchen voller Freude öffnete und also las:

»Himmlische Maid!

Siehest du -- empfindest du -- ahnest du deinen Amandus -- wie er

selbst Blum' und Blüte vom Orangenblüthauch des duftigen Abends

umflossen, im Grase auf dem Rücken liegt und hinaufschaut mit Augen

voll frommer Liebe und sehnender Andacht! -- Thymian und Lavendel,

Rosen und Nelken, wie auch gelbäugigte Narzissen und schamhafte

Veilchen flicht er zum Kranz. Und die Blumen sind Liebesgedanken,

Gedanken an dich, o Anna! -- Doch geziemt begeisterten Lippen die

nüchterne Prose? -- Hör', o höre, wie ich nur sonettisch zu lieben,

von meiner Liebe zu sprechen vermag.

Flammt Liebe auf in tausend durst'gen Sonnen,

Buhlt Lust um Lust im Herzen ach so gerne,

Hinab aus dunklem Himmel strahlen Sterne

Und spiegeln sich im Liebestränenbronnen.

Entzücken, ach! zermalmen starke Wonnen

Die süße Frucht, entsprossen bittrem Kerne,

Und Sehnsucht winkt aus violetter Ferne,

In Liebesschmerz mein Wesen ist zerronnen.

In Feuerwellen tost die stürm'sche Brandung,

Dem kühnen Schwimmer will es keck gemuten,

Im jähen, mächtgen Sturz hinabzupurzeln.

Es blüht die Hyacinth' der nahen Landung;

Das treue Herz keimt auf, will es verbluten,

Und Herzensblut ist selbst die schönst' der Wurzeln!

Möchte, o Anna, dich, wenn du dieses Sonett aller Sonette liesest,

all' das himmlische Entzücken durchströmen, in das mein ganzes Wesen

sich auflöste, als ich es niederschrieb und es nachher mit göttlicher

Begeisterung vorlas gleichgestimmten, des Lebens Höchstes ahnenden

Gemütern. Denke, o denke, süßeste Maid, an deinen getreuen, höchst

entzückten Amandus von Nebelstern.

N.S. Vergiß nicht, o hohe Jungfrau, wenn du mir antwortest, einige

Pfund von dem virginischen Tabak beizupacken, den du selbst ziehest.

Er brennt gut und schmeckt besser als der Portoriko, den hier die

Bursche dampfen, wenn sie kneipen gehn.« --

Fräulein Anna drückte den Brief an die Lippen und sprach dann: »Ach wie

lieb, wie schön! -- Und die allerliebsten Verschen, alles so hübsch

gereimt. Ach wenn ich nur so klug wäre, alles zu verstehen, aber das

kann wohl nur ein Student. -- Was das nur zu bedeuten haben mag mit den

Wurzeln. Ach gewiß meint er die langen roten englischen Karotten, oder

am Ende gar die Rapuntika, der liebe Mensch!«

Noch denselben Tag ließ es sich Fräulein Ännchen angelegen sein, den

Tabak einzupacken und dem Schulmeister zwölf der schönsten Gänsefedern

einzuhändigen, damit er sie sorglich schneide. Fräulein Ännchen wollte

sich noch heute hinsetzen, um die Antwort auf den köstlichen Brief zu

beginnen. -- Übrigens lachte es dem Fräulein Ännchen, als sie aus dem

Küchengarten lief, wieder sehr vernehmlich nach, und wäre Ännchen nur

was weniges achtsam gewesen, sie hätte durchaus das feine Stimmchen

hören müssen, welches rief: »Zieh' mich heraus, zieh' mich heraus --

ich bin reif -- reif -- reif!« Aber wie gesagt, sie achtete nicht

darauf. --

Zweites Kapitel.

Welches das erste wunderbare Ereignis und andere lesenswerte Dinge

enthält, ohne die das versprochene Märchen nicht bestehen kann.

Der Herr Dapsul von Zabelthau stieg gewöhnlich mittags hinab von seinem

astronomischen Turm, um mit der Tochter ein frugales Mahl einzunehmen,

das sehr kurz zu dauern und wobei es sehr still herzugehen pflegte, da

Dapsul das Sprechen gar nicht liebte. Ännchen fiel ihm auch gar nicht

mit vielem Reden beschwerlich, und das um so weniger, da sie wohl

wußte, daß, kam der Papa wirklich zum Sprechen, er allerlei seltsames,

unverständliches Zeug vorbrachte, wovon ihr der Kopf schwindelte. Heute

war ihr ganzer Sinn aber so aufgeregt durch den Flor des Küchengartens

und durch den Brief des geliebten Amandus, daß sie von beiden

durcheinander sprach ohne Aufhören. Messer und Gabel ließ endlich Herr

Dapsul von Zabelthau fallen, hielt sich beide Ohren zu und rief: »O des

leeren, wüsten, verwirrten Geschwätzes!« Als nun aber Fräulein Ännchen

ganz erschrocken schwieg, sprach er mit dem gedehnten weinerlichen

Tone, der ihm eigen: »Was das Gemüse betrifft, meine liebe Tochter,

so weiß ich längst, daß die diesjährige Zusammenwirkung der Gestirne

solchen Früchten besonders günstig ist, und der irdische Mensch wird

Kohl und Radiese und Kopfsalat genießen, damit der Erdstoff sich mehre

und er das Feuer des Weltgeistes aushalte wie ein gut gekneteter Topf.

Das gnomische Prinzip wird widerstehen dem ankämpfenden Salamander,

und ich freue mich darauf, Pastinak zu essen, den du vorzüglich

bereitest. Anlangend den jungen Herrn Amandus von Nebelstern, so habe

ich nicht das mindeste dagegen, daß du ihn heiratest, sobald er von der

Universität zurückgekehret. Laß es mir nur durch Gottlieb hinaufsagen,

wenn du zur Trauung gehest mit deinem Bräutigam, damit ich euch

geleite nach der Kirche.« -- Herr Dapsul schwieg einige Augenblicke

und fuhr dann, ohne Ännchen, deren Gesicht vor Freude glühte über und

über, anzublicken, lächelnd und mit der Gabel an sein Glas schlagend

-- beides pflegte er stets zu verbinden, es kam aber gar selten vor

-- also fort: »Dein Amandus ist einer, der da soll und muß, ich meine

ein Gerundium, und ich will es dir nur gestehen, mein liebes Ännchen,

daß ich diesem Gerundio schon sehr früh das Horoskop gestellt habe.

Die Konstellationen sind sonst alle ziemlich günstig. Er hat den

Jupiter im aufsteigenden Knoten, den die Venus im Gesechstschein

ansiehet. Nur schneidet die Bahn des Sirius durch, und gerade auf dem

Durchschneidungspunkt steht eine große Gefahr, aus der er seine Braut

rettet. Die Gefahr selbst ist unergründlich, da ein fremdartiges Wesen

dazwischen tritt, das jeder astrologischen Wissenschaft Trotz zu bieten

scheint. Gewiß ist es übrigens, daß nur der absonderliche psychische

Zustand, den die Menschen Narrheit oder Verrücktheit zu nennen pflegen,

dem Amandus jene Rettung möglich machen wird. O meine Tochter (hier

fiel Herr Dapsul wieder in seinen gewöhnlichen weinerlichen Ton), o

meine Tochter, daß doch keine unheimliche Macht, die sich hämisch

verbirgt vor meinen Seheraugen, dir plötzlich in den Weg treten, daß

der junge Herr Amandus von Nebelstern doch nicht nötig haben möge, dich

aus einer andern Gefahr zu retten als aus der, eine alte Jungfer zu

werden!« -- Dapsul seufzte einigemal hintereinander tief auf, dann fuhr

er fort: »Plötzlich bricht aber nach dieser Gefahr die Bahn des Sirius

ab, und Venus und Jupiter, sonst getrennt, treten versöhnt wieder

zusammen.« --

So viel als heute sprach der Herr Dapsul von Zabelthau schon seit

Jahren nicht. Ganz erschöpft stand er auf und bestieg wieder seinen

Turm.

Ännchen wurde andern Tages ganz frühe mit der Antwort an den Herrn von

Nebelstern fertig. Sie lautete also:

»Mein herzlieber Amandus!

Du glaubst gar nicht, was dein Brief mir wieder Freude gemacht

hat. Ich habe dem Papa davon gesagt, und der hat mir versprochen,

uns in die Kirche zur Trauung zu geleiten. Mache nur, daß du

bald zurückkehrst von der Universität. Ach, wenn ich nur deine

allerliebsten Verschen, die sich so hübsch reimen, ganz verstünde!

-- Wenn ich sie so mir selbst laut vorlese, dann klingt mir alles so

wunderbar, und ich glaube dabei, daß ich alles verstehe, und dann ist

alles wieder aus, und verstoben und verflogen, und mich dünkt's, als

hätt' ich bloß Worte gelesen, die gar nicht zusammen gehörten. Der

Schulmeister meint, das müsse so sein, das sei eben die neue vornehme

Sprache, aber ich -- ach! -- ich bin ein dummes, einfältiges Ding! --

Schreibe mir doch, ob ich nicht vielleicht Student werden kann auf

einige Zeit, ohne meine Wirtschaft zu vernachlässigen? Das wird wohl

nicht gehen? Nun, sind wir nur erst Mann und Frau, da kriege ich wohl

was ab von deiner Gelehrsamkeit und von der neuen vornehmen Sprache.

Den virginischen Tabak schicke ich dir, mein herziges Amandchen.

Ich habe meine Hutschachtel ganz voll gestopft, soviel hineingehen

wollte, und den neuen Strohhut derweile Karl dem Großen aufgesetzt,

der in unserer Gaststube steht, wiewohl ohne Füße, denn es ist, wie

du weißt, nur ein Brustbild. -- Lache mich nicht aus, Amandchen,

ich habe auch Verschen gemacht, und sie reimen sich gut. Schreib

mir doch, wie das kommt, daß man so gut weiß, was sich reimt, ohne

gelehrt zu sein. Nun höre einmal:

Ich lieb' dich, bist du mir auch ferne,

Und wäre gern recht bald deine Frau.

Der heitre Himmel ist ganz blau,

Und abends sind golden alle Sterne.

Drum mußt du mich stets lieben

Und mich auch niemals betrüben.

Ich schick' dir den virginischen Tabak

Und wünsche, daß er dir recht wohl schmecken mag.

Nimm vorlieb mit dem guten Willen; wenn ich die vornehme Sprache

verstehen werde, will ich's schon besser machen. -- Der gelbe

Steinkopf ist dieses Jahr über alle Maßen schön geraten, und die

Kruppbohnen lassen sich herrlich an, aber mein Dachshündchen, den

kleinen Feldmann, hat gestern der große Gänsericht garstig ins Bein

gebissen. Nun -- es kann nicht alles vollkommen sein auf dieser Welt

-- hundert Küsse in Gedanken, mein liebster Amandus, deine treueste

Braut, Anna von Zabelthau.

N.S. Ich habe in gar großer Eil' geschrieben, deswegen sind die

Buchstaben hin und wieder etwas krumm geraten.

N.S. Du mußt mir das aber bei Leibe nicht übel nehmen, ich bin

dennoch, schreibe ich auch etwas krumm, geraden Sinnes, und stets

deine getreue Anna. --

N.S. Der Tausend, das hätte ich doch bald vergessen, ich vergeßliches

Ding. Der Papa läßt dich schönstens grüßen und dir sagen, du seist

einer, der da soll und muß, und würdest mich einst aus einer großen

Gefahr retten. Nun, darauf freue ich mich recht und bin nochmals

deine dich liebendste, allergetreueste Anna von Zabelthau.« --

Deutsche Humoristen, 2. Band (von 8) · 第 5 / 11 段