Ich liebte sie unaussprechlich um ihrer Tugend und Schönheit, und

ihr ganzes Wesen war so wunderbar, und bei allem Mutwillen und aller

kindlichen Ergebenheit so gebieterisch, daß ich nie daran denken

konnte, ihre Unschuld auch nur mit einem Gedanken zu verletzen. O, sie

war gar nicht mehr wie ein Mensch, sie war wie eine Zauberin, wie ein

Berggeist, wenn sie in dem Edelsteinschmucke vor uns tanzte, sang,

lachte und weinte. Ich kann sie nie vergessen. In der Nacht, wo Ihr

und Martino mich so häßlich zerprügeltet, ging die ganze Herrlichkeit

zu Ende. Anfangs hielt ich meine Angreifer für italienische Gendarmen,

die mir auf die Spur kamen; als wir uns aber erklärt hatten, nahm mir

die Entdeckung vom Gegenteil allen Zorn hinweg, und unsere erste Sorge

war: wo Mitidika hingekommen sei. Die alte Zigeunerin jammerte auch

nach ihr, wir suchten alle Winkel aus und fanden sie nicht, bis die

Alte die Leiter vermißte. Baciochi sagte: zur Türe könne sie nicht

hinausgekommen sein, er habe davor gelegen. Da machte uns der Regen,

der durch das Loch in der Decke hereinströmte, aufmerksam. Martino

kletterte auf den Schultern Baciochis hinan und fand die Leiter.

Aber Mitidika, welche die Leiter nach sich gezogen, war durch das

Strohdach hinausgeklettert und nirgends zu finden. Ich eilte nach der

Tür und vermißte mein Pferd, nun war ich gewiß, daß sie nach meinem

Schlupfwinkel entflohen sein müsse und war ruhig. Ich durfte diesen

weder an Baciochi noch an die Zigeunerin, die nichts von meinem

Verhältnisse mit Mitidika wußte, verraten und suchte deshalb noch

lange mit. Das Wetter war aber so abscheulich, daß wir bald wieder

zurückkehrten, und die Alte jammerte nicht mehr lange, da hörten wir

Hufschlag, und Mitidika stürzte in ihrem ganzen Schmucke mit wilder

Gebärde in die Stube auf mich zu: »Geschwind fort, geflohen!« schrie

sie. »Die italienischen Gendarmen streifen in der Nähe, Euren Freund

haben sie mit einem ganzen Zuge Schleichhändler gefangen; es ist ein

Glück, daß hier der Spektakel losging, ich bin aus Angst durch das Dach

geschlüpft, dadurch habe ich die Gefahr zuerst entdeckt. Geschwind

fort!« »Wohin?« schrie ich und Baciochi. Martino und Marinina, die

sich auch vor der Entdeckung fürchteten, folgten alle mit mir der

treibenden Mitidika zur Türe hinaus. Sie schwang sich auf mein Pferd,

ich hinter sie, und so sprengten wir beide nach unserem Schlupfwinkel,

unbekümmert um Euch, Herr Baciochi, und die Eurigen.«

»Ja,« sagte der Feuerwerker, »Ihr rittet nicht schlecht, und wir hatten

in dem wilden Wetter übles Nachsehen, übrigens war es Euch nicht zu

verargen, daß Ihr uns nicht eingeladen mitzugehen, wir hatten Euch

schlecht bewillkommt. Ich will mein Lebtag an den Mordweg denken. Meine

Marinina ward krank und starb zwei Monate nachher in Kroatien. Gott

habe sie selig! Martino ließ sich bei der österreichischen Artillerie

anwerben und war neulich mit in Neapel, wenn er noch lebt. Ich fand

mein Brot, Gott sei gelobt! bei unserem gnädigen Herrn. Es freut mich,

daß Ihr so gut davon gekommen. Aber was ist denn aus der braunen

Mitidika geworden?«

»Ja, wer das wüßte!« sagte Devillier; »wir kamen vor der Höhle an und

zogen das Pferd herein. Sie war voll Sorge um mich, wusch mir meine

Kopfwunden und Beulen mit Wein und bewies mir unendliche Liebe. So

brachten wir die Nacht in steter Angst und Sorge zu. Gegen Morgen hatte

sie keine Ruhe mehr, sie verlangte nach der alten Mutter; sie beschwor

mich, sogleich die Höhle zu verlassen und zu fliehen. Das Schicksal

meines Freundes erschütterte mich tief, ich war entschlossen, ihn

aufzusuchen. Sie schwur mir ewige Treue. Ich versprach ihr, wenn ich

sie nach einiger Zeit hier wieder fände, sie zu meiner Frau zu machen.

Sie lachte und meinte: sie wolle nie einen Mann, der kein Zigeuner sei,

und nun auch keinen Zigeuner; sie wolle gar keinen Mann. Dabei scherzte

und weinte sie, tanzte und sang sie noch einmal vor mir, und als ich

sie umarmen wollte, schlug sie mich ins Gesicht und floh zur Höhle

hinaus. Ich verließ den Ort gegen Abend.

Als ich vom Tode meines Freundes gehört hatte und zu Mitidika

zurückkehrte, war ihre Hütte abgebrannt; ich ging nach der Höhle, sie

war ausgeplündert. Auf der Wand aber fand ich mit Kohle geschrieben:

Wie gewonnen, so zerronnen! Ich behalte dich lieb, tue, was du kannst,

ich will tun, was ich muß. Ich habe das holdselige Geschöpf durch

ganz Ungarn aufgesucht, aber leider nicht wiedergefunden; hundert

Mitidikas sind mir vorgestellt worden, aber keine war die rechte.«

»Es gibt auch nur eine,« sagte hier Michaly, »und wird alle tausend

Jahre nur eine geboren.« »Kennt Ihr sie?« sprach Devillier heftig.

»Was geht es Euch an,« erwiderte Michaly, »ob ich sie kenne? Habt Ihr

nicht die Ehe ihr versprochen und doch eine Ungarin geheiratet? Sie

hat Euch Treue gehalten, bis jetzt, sie ist meine Schwester, und ich

wollte sie abholen, da die Großmutter in Siebenbürgen gestorben, wo sie

sich mit Goldwaschen ernährten, der Pest-Cordon hat mir aber den Weg

abgeschnitten.«

Da ward Devillier äußerst bewegt. Er sagte: »Ich habe sie lange gesucht

und nicht gefunden, sie hatte mir ausdrücklich gesagt, sie werde nie

einem Blanken die Hand reichen, und nun auch keinem Zigeuner; nur in

der Hoffnung, sie wieder zu sehen, blieb ich jetzt in Ungarn, und ich

würde nicht die Mittel gehabt haben, hier zu bleiben, wenn ich die

alte Dame nicht geheiratet hätte, die mir jetzt mein schönes Gütchen

zurückgelassen. Könnt Ihr mich mit Mitidika wieder zusammenbringen,

so will ich sie gern heiraten und ihr alles lassen, was ich habe.«

»Das ist ein nicht zu verachtender Vorschlag, Michaly,« sagte der

Vizegespann, »schlagt das nicht so in den Wind, Ihr habt Zeugen!«

Michaly aber lachte und sprach: »Mitidika wird nicht an dem Stückchen

Erde kleben, sie wird nicht in einem gemauerten Hause gefangen sein

wollen und sich um Abgaben und Zinsen zerquälen. Wer nichts hat, hat

alles. Es war immer ihr Sprichwort: Der Himmel ist mein Hut; die Erde

ist mein Schuh; das heilige Kreuz mein Schwert; wer mich sieht, hat

mich lieb und wert.«

»Das ist echt zigeunerisch gesprochen,« sagte der Vizegespann, »drum

bleibt ihr auch immer vogelfreies Gesindel.« Michaly nahm seine Geige

und wollte ein Lied auf die Freiheit singen, aber der Nachtwächter

blies zwölf Uhr und mahnte die Gesellschaft zur Ruhe. Lindpeindler

hatte mit dem Feuerwerker und der Kammerjungfer, welche durch die

erwachte Neigung Devilliers für Mitidika sehr gekränkt worden war,

denn sie spitzte sich selbst auf ihn, noch eine Viertelstunde nach

dem Edelhof. Als sie sich der Gesellschaft empfahlen, bot Devillier

der Zofe seine Begleitung an. Sie sagte aber: »Ich danke, ich möchte

das werte Andenken an die unbeschreibliche Mitidika nicht stören.«

Damit machte sie einen höhnischen Knicks und verließ die Stube mit

Lindpeindler, der diese Nacht als eine der romantischsten seines

Lebens pries. Der Kroate, der Tiroler und der Savoyarde waren bereits

eingeschlummert, und der Vizegespann lud Wehmüllern, der mit seiner

Arbeit ziemlich fertig war, wie auch den Zigeuner und Devillier zu

sich in sein Haus ein. Sie nahmen es mit Freuden an, da sie dort doch

ein Bett zu erwarten hatten. Frau Tschermack, die Wirtin, ward bezahlt

und schloß die Türe mit der Bitte zu: wenn sie länger hier blieben,

nochmals eine so schöne Gesellschaft bei ihr zu halten.

Vor Schlafengehen wußten Devillier und der Zigeuner den Vizegespann

zu bereden, am andern Morgen den Cordon mit durchschleichen zu dürfen,

denn Michaly und Devillier sehnten sich ebensosehr nach Mitidika, die

jenseits war, als Wehmüller nach seiner Tonerl. Sie schliefen bis zwei

Uhr, da packte der Vizegespann jedem eine Jagdflinte auf, und sie

zogen, als Jäger, einem Waldrücken zu. Aber kaum waren sie hundert

Schritte vor dem Dorf, als sie seitwärts bei den Cordon-Piketten

verwirrtes Lärmen und Schießen hörten, und bald einen Husaren, dem das

Pferd erschossen war, querfeldein laufen sahen, welcher auf das Anrufen

des Vizegespanns schrie: »+Cordonus est ruptus cum armis in manibus a

pestiferatis loci vicini!+« »Der Cordon ist mit bewaffneter Hand von

den Pestkranken des benachbarten Ortes durchbrochen!«

Als der Vizegespann dies hörte, ließ er seine Gesellschaft im Stich und

lief über Hals und Kopf nach dem Dorfe zurück, um seine Bauern unter

die Waffen zu bringen. Wehmüller und der Zigeuner schrieen: »Gott sei

Dank, nun laßt uns eilen!« Devillier besann sich auch nicht lange,

und sie liefen spornstreichs nach dem verlassenen Pikett-Feuer hin,

wo sie Bauern beschäftigt fanden, unter großem Geschrei das Brot und

die andern Vorräte zu teilen, welche das Pikett zurückgelassen hatte.

Als sie sich näherten, kam ihnen ein Reiter entgegen und schrie:

»Steht, oder ich schieße Euch nieder!« Sie standen und warfen die

Waffen hinweg. Sie wurden gefragt: wer sie seien? Und als sie erklärt,

sie wollten über den Cordon, und der Reiter ihre Stimme vernommen,

stürzte er vom Pferd und fiel dem Zigeuner und Devillier wechselweise

um den Hals, und schrie immer: »Michaly! Devillier! Ich bin Mitidika!«

Vor Freude des Wiedersehens ganz zitternd, riß das Mädchen sie in

die Erdhütte des Piketts, wo sie dieselbe in männlicher Kleidung,

mit Säbel und Pistole bewaffnet, erkannten, und sie wollte eben zu

erzählen anfangen, als sie Wehmüllern scharf ansah und zu ihm sprach:

»Bist du noch immer hier, Betrüger? ich meinte, du seiest gestern zu

deiner angeblichen Frau nach Stuhlweißenburg gereist.« Alle sahen

bei diesen Worten auf den bestürzten Wehmüller; dieser sperrte das

Maul auf vor Verwunderung. »Ich?« fragte er endlich, »ich, gestern

zu meiner angeblichen Frau?« »Ja, Du!« sagte Mitidika. »Du, der Du

Dich Wehmüller nennst, und es nicht bist; Du, der Du deine Frau nicht

einmal kennst.« »O, das ist um rasend zu werden!« schrie Wehmüller.

»Welche tollen Beschuldigungen, und das von einer wildfremden Person,

die ich niemals gesehen.« »Unverschämter Gesell!« schrie Mitidika, »Du

kennst mich nicht? Hast du mir nicht seit mehreren Tagen mit deinen

Liebes-Versicherungen zugesetzt? Hat der wirkliche Wehmüller dir

nicht deswegen schon ins Gesicht bewiesen, daß du Wehmüller nicht sein

könnest, weil der rechte Wehmüller an niemand denkt als an sein liebes

Tonerl?« »Der rechte Wehmüller?« schrie nun Wehmüller, »wo haben Sie

den je gesehen? er wenigstens kennt Sie nicht.« »Kennt mich nicht?«

erwiderte Mitidika, »und reist mit mir?« »Ich werde verrückt!« schrie

Wehmüller, »nun ist gar noch ein Dritter auf dem Tapet; wo sind die

zwei andern? Geschwind, ich will sie sehen, ich will sie erwürgen!«

»Den Dritten lügst Du hinzu,« versetzte Mitidika, »der echte wird

nicht weit von hier sein; ich will ihn holen, da sollst du beschämt

werden.« Nun lief sie schnell zur Hütte hinaus. Dieser Wortwechsel war

so schnell und heftig, und die Veranlassung so wunderbar, daß Michaly

und Devillier nicht Zeit hatten, dem verblüfften Maler zu bezeugen, daß

er seit gestern in ihrer Gesellschaft sei und unmöglich der sein könne,

welchen Mitidika kannte.

Sie waren eben noch beschäftigt, den weinenden Wehmüller zu trösten,

als eine ganz ähnliche Figur, wie er selbst, in die Hütte trat; bei

dem erloschenen Feuer war es unmöglich, jemand bestimmter zu erkennen.

Kaum hatte Wehmüller sein Ebenbild in derselben Gestalt und Kleidung

erkannt, als er wie eine Furie darauf losstürzte; der andre tat ein

Gleiches, und beide schrieen: »Ha, ertappe ich dich bei Deiner

Buhlerei unter meinem ehrlichen Namen!« Sie rissen sich wie zwei Hähne

herum. Devillier und Michaly brachten sie mit Gewalt auseinander,

und Mitidika führte den dritten Wehmüller herein. Wie groß war die

Bestürzung aller, da nun wirklich drei Wehmüller zugegen waren. »Nein,

das ist zum verzweifeln!« rief der Wehmüller, den Mitidika mitgebracht

hatte, »da ist noch einer!« »Herr Jesus!« schrie nun unser Wehmüller,

»Tonerl, bist du es, bist du hier, Tonerl?« »Franzerl, lieber

Franzerl?« schrie der andere, und sie sanken sich als Mann und Frau in

die Arme. Da wurde es dem einen Wehmüller, den Devillier festhielt,

nicht recht wohl, und er sank vor Schreck zur Erde. Michaly schürte

nun das Feuer wieder an, daß man sehen konnte, und Mitidika bezeugte

die größte Freude, daß Tonerl, die in einem ganz ähnlichen Kleide,

wie ihr Mann, von Stuhlweißenburg mit ihr diesem entgegen gereist

war, ihn endlich gefunden habe, nachdem sie zu ihrem großen Schrecken

von dem falschen Wehmüller in dem Dorfe, das man wegen Pestverdacht

eingeschlossen, sehr geplagt worden war, ohne sich ihm als Wehmüllers

Weib zu entdecken, denn sie war auf einen alten Paß ihres Mannes

gereist.

Sie hatten sich kaum von der ersten Freude erholt, als Mitidika sagte:

»Wir müssen doch den falschen Wehmüller, der die Sprache verloren

hat, wieder zu sich bringen.« Da aber ihr Rütteln und Schütteln ganz

vergeblich war, sagte sie: »Ich habe ein untrüglich Mittel von der

seligen Großmutter gelernt; das Herz ist ihm gefallen, wir wollen es

ihm wieder heraufziehen.« Da nahm sie ein Schoppenglas und gab es

Michaly nebst einem Endchen Licht, -- das sie am Feuer anzündete, --

und einem Scheibchen Brot. »Aha, ich weiß schon,« sagte Michaly, und

öffnete dem Ohnmächtigen die Weste über dem Magen, setzte ihm das

Licht, auf der Brotscheibe befestigt, auf den Leib und stülpte das

Glas darüber. Das brennende Licht, welches die Luft unter dem Glase

verzehrte, machte ihm den Leib, wie in einem Schröpfkopf in das Glas

aufsteigen. Die ganze Gesellschaft lachte über dieses zigeunerische

Kunststück, und der falsche Wehmüller kam bald zu Sinnen. Der echte

ging auf ihn zu und sprach: »Wer sind Sie, der auf eine so unverschämte

Weise meinen Namen mißbrauchte?« Da antwortete der Patient, welchen

Devillier und Michaly an der Erde festhielten: »Was Kuckuck habe ich

auf dem Leib? Es ist, als wollten Sie mir den Magen herausreißen; tun

Sie mir die vermaledeite Laterne vom Leib, eher sage ich kein Wort;

ich bin Wehmüller und bleibe Wehmüller!« »Gut,« sagte Mitidika, »wenn

du noch nicht bei Sinnen bist, wollen wir dir etwas Süßes eingeben.«

»Recht,« sagte Michaly, »Katzenkot mit Honig, Zigeunertheriak.« Auf

dieses Rezept bekam der Patient andere Gesinnung und sprach: »Um

Gotteswillen, laßt mich aufstehen, ich will alles bekennen! Ich bin der

Maler Froschauer von Klagenfurt.«

»Das habe ich gleich gedacht,« sagte Wehmüller, »jetzt habe ich Sie

in meinen Händen, ich kann Sie als einen Falsarius bei der Obrigkeit

angeben, aber ich will großmütig sein, wenn Sie mir einen körperlichen

Eid schwören: daß Sie auf ewige Tage resignieren, ungarische

Nationalgesichter in meiner Manier zu malen.« »Das ist sehr hart,«

sagte Froschauer, »denn ich habe ganz darauf studiert und müßte

verhungern; den Eid kann ich nicht schwören.« »Er ist noch hartnäckig!«

sagte Michaly; »geschwind den Zigeunertheriak her!« Und da Mitidika

sich stellte, als wolle sie ihm etwas eingeben, entschloß er sich kurz

und schwor alles, was man haben wollte; worauf sie ihn losließen und

ihm die Laterne vom Leibe nahmen.

Die Freude und der Mutwille ward nun allgemein. Aber der Tag näherte

sich, und Mitidika rief eben die Cordonbrecher zusammen, um mit ihrem

erbeuteten Proviante sich dahin zurück zu ziehen, wo sie hergekommen

waren. Aber der Vizegespann kam mit dem Kroaten, dem Feuerwerker,

dem Gutsbesitzer und einigen Heiducken und Panduren herbei und

brachte die freudige Nachricht, daß sie gar nicht nötig hätten,

sich zurückzuziehen, denn der Cordon-Kommandant habe soeben bekannt

gemacht: nur durch Mißverständnis sei das Dorf, in dem sie vierzehn

Tage blockiert waren, in den Cordon eingeschlossen worden. Es solle

ihnen deshalb verziehen sein, daß sie den Cordon durchbrachen, wenn sie

dagegen auch keine Klage über den Irrtum erheben wollten. Der Cordon

habe sich schon nach einer andern Richtung bewegt. Der Gutsbesitzer

bestätigte dies und lud die Gesellschaft, von der ihm Baciochi, Nanny

und Lindpeindler so viel Interessantes erzählten, sämtlich nach seinem

Edelhof ein.

Die Bauern und Zigeuner, die unter der Anführung Mitidikas den Cordon

durchbrochen hatten, waren hoch erfreut über diese Nachricht, dankten

ihrer Anführerin herzlich und kehrten singend nach ihrer Heimat zurück.

Michaly aber nahm seine Violine und spielte lustig vor der Gesellschaft

her, die dem Edelmanne folgte. Unterwegs gab es viele Aufklärungen und

Herzensergießungen. Devillier und Mitidika hatten ihre Neigung bald

zärtlich erneuert und gingen Arm in Arm, dann aber folgten die drei

Wehmüller, Tonerl in der Mitte, und die anderen gingen hinterdrein über

das Stoppelfeld. Mitidika sagte, daß sie Tonerl in Stuhlweißenburg

kennen gelernt, die, sehr bekümmert über das Ausbleiben ihres Mannes,

eine Reisegesellschaft nach Kroatien gesucht, und da sie selbst,

nach dem Tode ihrer Großmutter, zu ihrem Bruder Michaly habe ziehen

wollen, hätten sie sich entschlossen, zusammen zu reisen in männlicher

Kleidung. Frau Tonerl sei in einem Habit ihres Mannes und sie als

ungarischer Arzneihändler gereist, bis sie in dem Dorfe plötzlich von

dem Cordon eingeschlossen worden seien, wo sie auch Froschauer, unter

dem Namen Wehmüller, ganz in derselben Kleidung vorgefunden, was die

arme Tonerl nicht wenig erschreckt habe. Nach vierzehn Tagen sei die

Ungeduld und der Mangel der Einwohner, die wohl Hunger aber keine Pest

gehabt, über alle Grenzen gestiegen, und so habe sie sich an ihre

Spitze gesetzt und den Cordon durchbrochen; das sei ihr aber gar leicht

geworden, denn die Cordonisten wären, aus Furcht angesteckt zu werden,

gleich ausgerissen, als sie mit ihrem Haufen unter ihnen erschien.

Nun mußte Froschauer erzählen. Er war eigentlich ein guter Schelm und

sagte: »Lieber Herr Wehmüller, ich will Ihnen die Wahrheit sagen;

der Spaß kostet mich 25 Dukaten und meine Braut. Ich bin der Maler

Froschauer von Klagenfurt, und liebe die Tochter eines Fleischhauers;

das Mädchen aber wählte immer zwischen mir und einem wohlhabenden

Siebmacher, der auch um sie freite. Er setzte dem Vater des Mädchens

in den Kopf: es sei in den kaiserlichen Erblanden kein Maler, der eine

Frau ernähren könne, und der überhaupt Genie habe, als der Wehmüller

in Wien, der die ungarischen Nationalgesichter male, und der so und

so gekleidet gehe; dabei hörte er nicht auf, von Ihnen und Ihrer

Arbeit zu reden, so daß der alte Fleischhauer und seine Tochter mir

endlich erklärten: sie würden den Siebmacher vorziehen, wenn ich

Ihnen in Ungarn den Rang nicht abliefe. Und nun wettete ich mit dem

Siebmacher: daß ich ihm in Jahr und Tag das Mädchen abtreten und noch

25 Dukaten dazu geben wollte, wenn ich Ihnen den Rang nicht ablaufen

könne. Ich reiste nach Wien und nach Ungarn, forschte nach allen Ihren

Bildern und warf mich so in Ihre Manier, daß man unsere Bilder nicht

mehr unterscheiden konnte. Da ich nun erfuhr, daß Sie die Reise nach

Stuhlweißenburg machen würden, wo Sie noch nicht gewesen, und sich

auf dem Gute des Grafen Giulowitsch vorbereiteten, benutzte ich die

Gelegenheit, Ihnen vorzukommen, denn ich wußte durch einen Freund bei

der Hof-Kriegs-Kanzlei, daß die dortigen Regimenter verlegt werden

würden. Mit einem Vorrate von Nationalgesichtern in einer Blechbüchse,

und ganz gekleidet wie Sie, machte ich mich nun als neuer Wehmüller

auf, und als ich auf der Grenze an der Maut ein Päckchen liegen sah,

»An Herrn Wehmüller, wenn er durchreist,« überschrieben, ward es mir

von den Mautbeamten ausgeliefert. Es war dies das Bild Ihrer Gemahlin,

welches sie auf ihrer Reise in einem Posthause hatte liegen lassen,

ich nahm es mit, um es ihr einhändigen zu lassen, habe aber vergessen

es dem Boten abzunehmen, der es trug, als er mich durch den Cordon

brachte; denn meine Eile war groß, und ich triumphierte schon, daß ich,

indem der Cordon Sie aussperrte, Ihnen gewiß zuvorkommen würde. Aber

wie war mir zu Mute, da ich mich mit Ihrer Frau, als einem zweiten

Wehmüller, den ich auch nicht für den echten erkannte, weil er von der

Malerei gar nichts verstand, eingesperrt sah. Bald ward ich aber von

der Kühnheit und Schönheit Mitidikas, die es kein Hehl hatte, daß sie

eine verkleidete Jungfer sei, so hingerissen, daß ich gern auf meine

Braut und Wehmüllerschaft resigniert und alles gleich eingestanden

hätte, aber Ehrgeiz und die 25 Dukaten hielten mich zurück. Ihr

Erscheinen fuhr mir aber so durch alle Glieder, daß ich die Besinnung

verlor; die fatale Laterne auf dem Magen und der angedrohte Theriak

haben mich gänzlich hergestellt, und nun bleibt mir nichts übrig, als

Sie herzlich um Verzeihung zu bitten, mit dem Vorschlage: mich in Ihren

Unternehmungen zum Kompagnon zu machen. Sie können meine Arbeiten

untersuchen, und gehen Sie den Vorschlag ein, so glaube ich, daß wir

einen solchen Vorrat von Nationalgesichtern anfertigen, daß unser Glück

begründet ist, wenn wir redlich teilen.«

»Das läßt sich hören!« sagte Wehmüller. »Die ganze Geschichte macht

mir jetzt Spaß, und wenn ich meine Tonerl nicht so lieb hätte, so

möchte ich, um es Ihnen wett zu machen, nach Klagenfurt reisen und Ihre

Fleischerstochter und die 25 Dukaten Ihnen wegschnappen, aber so geht

es nicht.« Da umarmte er Tonerl herzlich und ward mit Froschauer eins:

daß er ihm, wenn er seine Arbeiten untersucht, ein eigenhändiges Attest

schreiben wolle: daß er ihn in allem sich gleich achte; gewänne er dann

seine Wette, so könne er sein Mädchen heiraten und sich mit ihm auf

gleichen Vorteil vereinigen. »Ja,« sagte Tonerl, »da habe ich doch eine

Gesellschaft an Frau Froschauer, wenn Ihr herumzieht.«

So ward der Friede gestiftet, und sie kamen auf dem Edelhof an.

Die Kammerjungfer und Lindpeindler standen unter der Tür und waren

in großem Erstaunen über die drei Wehmüller, noch mehr aber über

Mitidika. Schnell liefen sie, der gnädigen Frau und dem jungen Barone

die interessante Gesellschaft anzukündigen, und diese trat, von dem

Edelmanne geführt, in eine geräumige Weinlaube, wo die Hausfrau bald

mit einem guten Frühstück erschien, und alle die Abenteuer nochmals

berichtet werden mußten. Der Tiroler und der Savoyarde stellten sich

auch ein, und der Edelmann bat alle, bei der Weinlese ihm behilflich zu

sein, was zugesagt wurde.

Am Abend, als noch viel über die drei Wehmüller gescherzt worden war,

wollte Devillier der Gesellschaft eine Geschichte erzählen, die er

selbst erlebt, und bei welcher die Verwechselung zweier Personen noch

viel unterhaltender war -- als der Graf Giulowitsch und Lury, sein

Hofmeister, mit seinen Eleven bei dem Edelmanne zum Besuche kamen. Sie

freuten sich ungemein, den guten Wehmüller zu finden und die Aufklärung

seines Abenteuers zu hören. Die Erzählung Devilliers ward aufgeschoben,

aber nach dem Abendessen mußte die schöne Mitidika all ihren Schmuck,

den sie einst von Devillier empfing, anlegen; die Edeldame half ihr

selbst bei ihrer Toilette, denn Nanny, die Kammerjungfer, wurde

unpäßlich. So geschmückt trat das braune Mädchen wie eine Zauberin vor

die Gesellschaft; der Tiroler breitete seine Teppiche aus, und das

reizende Geschöpf tanzte, schlug das Tamburin und sang -- wozu Michaly

sie begleitete -- so ganz wunderbar hinreißend, daß alles vor Erstaunen

versteinert war. Sie schloß ihren Tanz damit, daß sie den Teppich

plötzlich erfaßte, sich schnell in ihn einpuppte und an die Erde

niederstreckte, wie damals in der Hütte. Ein lebhaftes Beifallklatschen

rauschte durch den Saal. Devillier aber kniete vor ihr, weinte wie ein

Kind und wurde ausgelacht. So schied die Gesellschaft für diesen Abend

auseinander. Die Erzählung, welche Devillier versprochen, eine andere

des Tirolers und eine des Savoyarden unterhielten an den folgenden

Tagen, und ich werde sie mitteilen, wenn ich Lust dazu habe.

E. Th. A. Hoffmann:

Die Königsbraut.

=Ernst Theodor Wilhelm= (durch einen Druckfehler in =Amadeus=

verwandelt) =Hoffmann= wurde am 24. Januar 1776 in Königsberg geboren

und war im preußischen Justizdienst (zuletzt in Warschau) tätig, bis er

durch den Zusammenbruch des preußischen Staates 1806 brotlos wurde. Als

Musikdirektor half er sich durch, bis er 1816 wieder als Rat bei dem

Kgl. Kammergericht in Berlin angestellt werden konnte. Er starb am 24.

Juli 1822 an der Rückenmarksschwindsucht.

Seine Dichtungen sind fast alle von dem Humor durchzogen, mit dem er,

unterstützt durch seinen scharfen Verstand, den Menschen und Dingen

die lächerlichen Seiten absah. Aber wie er im Leben bei all seiner

beruflichen Tüchtigkeit wild, ungebunden, ein Nachtschwärmer war -- so

spielt auch in seinen Werken das Abenteuerliche, das Phantastische,

das Unheimliche die größte Rolle. Grauenerregend ist die Schilderung

der Spukgestalten, die in so vielen seiner Schriften vorkommen. Dabei

ist Hoffmann kein Meister der Sprache, sein Ausdruck ist ungelenk; nur

ihre unnachahmliche Anschaulichkeit verleiht seinen Schilderungen eine

solche Lebendigkeit, daß man glaubhaft versicherte, er hätte sich vor

seinen eigenen Spukgestalten gefürchtet.

»Die Königsbraut« ist viel freundlicher gehalten als die meisten

anderen Hoffmannschen Erzählungen; das Dämonische spielt aber selbst in

die hier geschilderte Philisterwelt hinein.

E. S.

Die Königsbraut.

Ein nach der Natur entworfenes Märchen.

(Aus den »Serapionsbrüdern«).

Erstes Kapitel.

In dem von verschiedenen Personen und ihren Verhältnissen Nachricht

gegeben, und alles Erstaunliche und höchst Wunderbare, das die

folgenden Kapitel enthalten sollen, vorbereitet wird auf angenehme

Weise.

Deutsche Humoristen, 2. Band (von 8) · 第 4 / 11 段