Es war gar keine alte Großmutter in der Hütte; das Mädchen log uns

etwas vor. Martino breitete das Stroh an die Erde, und Marinina,

furchtsam und müde, legte sich gleich, mit dem Gesicht, über das sie

noch ihre Schürze deckte, gegen die Wand gekehrt, nieder und rührte

sich nicht. Martino begab sich mit den Schnepfen wieder in die Küche,

in welcher die braune Jungfer schmollend und brummend zurückgeblieben

war, und ich sah mich einstweilen in der Stube um. Eine Kienfackel

brannte in der Mitte; sie war in einen Kürbis festgesteckt, der

neben schmutzigen Spielkarten auf einem breiten Eichstumpfe lag,

welcher als Tisch und Hackstock diente, und fest genug stand, denn er

steckte noch mit allen seinen Wurzeln in der Erde, welche ungedielt

der ganzen Hütte ihren Grund und Boden gab. Ein paar Bretter, auf

eingepfählte Stöcke befestigt, waren die unbeweglichen Sitze. Die Wände

bestanden aus Flechtwerk, mit Lehm und Erde verstrichen, und einzelne

hereinragende Äste bildeten mancherlei Wandhaken, an denen zerlöcherte

Körbe, Lumpen, Zwiebelbündel, Hasen-, Hunde-, Katzen- und Dachsfelle

hingen, auch einige zerbrochene Garten-Werkzeuge. Auf einem derselben

aber saß ein gräuliches Tier, eine ungeheure Ohreule, welche gegen die

Kienfackel mit den Augen blinzte und sich in die Schultern warf, wie

ein alter Professor, der soeben den Theriak erfunden hat. In einem

ausgebauten Winkel der Stube lag auf zwei Baumstücken die Bettstelle

der Großmutter, die sehr dauerhaft in einer ausgehöhlten Eiche bestand,

an der die Rinde noch saß. Sonst war das Bett wohl bedacht, denn seine

schmutzigen Federkissen lagen so hoch aufgebauscht, daß die niedere

Hüttendecke, aus der das Stroh herabhing, weder hoch noch hart gefallen

wäre, wenn sie einstürzte; aber, sich noch zu besinnen, schien sie

unentschlossen hin und her zu schwanken. Der Hausrat, von welchem das

Mädchen gelogen hatte, daß die Großmutter ihn vor das Bett rücke,

bestand in einer zerbrochenen Tür und einer alten Tonne, mit welcher

wahrscheinlich der Lärm gemacht worden war, den wir in der Hütte

hörten. Sie waren beide vor den Bett-Trog der Großmutter gerückt.

Außer allem diesen sah man nichts als eine sehr baufällige Leiter, die

an einem Loch in der Ecke lehnte, durch welches ich einige Hühner oben

gackern hörte, die das Geräusch unserer Ankunft erweckt hatte; die

Katze nicht zu vergessen, welche auf einer alten Trommel hinter der Tür

schlief. Eine Geige, ein Triangel und ein Tamburin hingen an der Wand,

und neben ihnen ein zerrissener bunter tiroler Teppich. Ich hatte kaum

alle diese Herrlichkeiten betrachtet, als Martino hereintrat und zu

mir sagte: »Meister, ich habe alle Schwierigkeiten geebnet und weiß,

wo wir sind. Wir hausen bei einer alten Zigeunerin, welche außer ihren

Privatgeschäften, der Wahrsagerei, Hexerei, Dieberei, Viehdoktorei,

auch eine Hehlerin der Kontrebandiers macht. Die Kleine draußen ist ihr

Tochterkind, das auf der hohen Schule bei ihr ist, und der Großmutter

Tod abwarten soll, um hinter einen Topf voll Gold zu kommen, von dem

sie immer spricht, ohne doch je zu sagen, wo sie ihn hin versteckt

hat. Das hat mir das Mädchen alles anvertraut. Ich habe ihr Herzchen

gerührt, sie ist kirre wie ein Zeisig, und wenn wir wollen, läßt sie

die Großmutter und den Goldtopf im Stich, läuft morgen mit uns und

verdient uns das Brot mit Purzelbäumen, deren sie ganz wunderbare

schlagen kann. Für all dies Vertrauen habe ich ihr versprechen müssen,

zu glauben, daß der wilde Jäger heute Nacht wirklich durch die Hütte

zieht, wir sollen uns nur um Gotteswillen ruhig halten. Die Großmutter

wird in kurzer Zeit zurückkommen; sie ist mit Lebensmitteln zu einem

Zuge Schleichhändler gegangen, der über das Gebirge zieht. Der wilde

Jäger, sagt sie, treibe um Mitternacht durch die Stube, und wenn

wir uns ruhig hielten, werde er uns kein Haar krümmen, sonst aber

riskierten wir Leib und Leben. Ich denke aber, wir wollen es mit ihm

versuchen.« Nun legte er meinen Prügel und seinen Dreizack neben uns

auf das Stroh nieder und fuhr fort: »Es ist beinahe elf Uhr, die Kleine

hat es an der Sanduhr gesehen; die Schnepfen weiß sie nicht am Spieße

zu braten, sie hat sie mit Zwiebeln gefüllt in einen Topf gesteckt,

und wenn wir die Schnepfensuppe gegessen, sollen wir das Fleisch mit

Essig und Olivenöl als Salat verzehren; Wein muß hier in der Kammer ein

Schlauch voll sein.« Da suchte Martino herum und fand unter einigen

alten Brettern ein tiefes Loch in der Erde, das als Keller einen alten

Dudelsack voll Wein enthielt. Er zog ihn heraus, wir setzten die zwei

Pfeifen an den Mund und drückten den vollen Sack so zärtlich an das

Herz, daß uns der süße Wein in die Kehle stieg. Nie hat ein Dudelsack

so liebliche Musik gemacht. Wir labten uns herzlich. Ich weckte meine

Marinina, und sie mußte auch eins drauf spielen. Dazu verzehrten wir

unser Brot und einige Zwiebeln aus dem Vorrate, der an der Wand hing,

und streckten uns, in der Erwartung des Weiteren, zur Ruhe auf das

Stroh.

Marinina schlief fest ein. Ich betete mit Martino noch eine Litanei;

dann legten wir uns neben unsere Waffen bequem, und Martino sagte:

»Laßt uns nun ruhen; mir ist so rund und so wohl, daß mir das Blut

in den Adern flimmert; wer den wilden Jäger zuerst sieht, stößt

den andern, dann springen wir mit unsern Tröstern über ihn her und

schlagen den Kerl zu Brei; ich habe noch einen Schwärmer in der

Tasche, den will ich dem Schelm unter die Nase brennen.« Ich freute

mich an seinem frischen Herzen; wir empfahlen uns dem Schutze des

heiligen Markus und lauschten dem Schlaf entgegen, der uns den Rücken

hinaufkroch und uns schon hinter den Ohren krabbelte. Nun ward alles

mäuschenstill. Der Donner rollte fern, der Sturm hatte sich in den

Waldwipfeln schlafen gelegt, die ihn mit leisem Rauschen einwiegten.

Die Kienfackel knisterte, Grillen sangen, die Katze schnurrte auf

der Trommel, welche, von dem Ton erschüttert, das ferne Donnern zu

begleiten schien, Marinina pfiff durch die Nase, denn sie hatte sich

einen Schnupfen geholt, in der Küche knackte das grüne Holz im Feuer,

die Schnepfensuppe sauste im Topf, und unsere braune Köchin sang mit

einer klaren und starken Stimme, wie ich noch keine Primadonna gehört,

folgendes Lied:

»Mitidika! Mitidika!

Wien üng quatsch

Ba nu, Ba nu n'am tsche fatsch,

Waja, waja, Kur libu,

Ich bin ich, und du bist du;

Ich, spricht Stolz,

Du, spricht Lieb'!

Wer sich scheut vor Galgenholz,

Wird im grünen Wald zum Dieb.

Mitidika! Mitidika!

Wien üng quatsch.

Ba nu, ba nu n'am tsche fatsch,

Singt die Magd, so kocht der Brei,

Singt das Huhn so legt's ein Ei,

Er, spricht Schimpf,

Sie, spricht Fremd';

Fehlen mir gleich Schuh' und Strümpf',

Hab' ich doch ein buntes Hemd.

Mitidika! Mitidika!

Wien üng quatsch

Ba nu, ba nu n'am tsche fatsch,

Hör', was pocht dort an der Tür?

Draußen schrei'n sie nach Quartier.

Ist's der Er?

Ist's der Sie?

Mach' ich auf wohl nimmermehr,

Nur du Lieber, du schläfst hie.

Mitidika! Mitidika!

Wien üng quatsch

Ba nu, ba nu n'am tsche fatsch,

Waja, waja Kur libu,

In dem Topf hat's nimmer Ruh';

Saus und Braus,

'Rab und 'rauf',

Küchenteufel drinnen haus':

Daß es mir nicht überlauf'.««

Als der Feuerwerker den Anfang dieses Liedes: Mitidika! Mitidika!

gesagt, nahm der Zigeuner Michaly seine Violine und sang es unter den

lieblichsten Variationen der Gesellschaft vor: Alle dankten ihm, der

Feuerwerker aber sagte: »Michaly, du sangst das nämliche Lied, wie

die kleine Braune, und hast eine Ähnlichkeit mit ihr in der Stimme.«

»Kann sein,« sagte Michaly lächelnd. »Aber erzähl' nur weiter, ich

bin auf den wilden Jäger sehr begierig.« »Ich hob a a Schneid' uf den

soakrische Schlankl,« sagte der Tiroler. Alle drangen auf die weitere

Erzählung, und der Feuerwerker fuhr fort:

»Als die Kleine das Lied sang, ward sie von einem Schlage gegen die Tür

unterbrochen: »Mitidika!« rief es draußen mit einer rauhen, heiseren

Stimme. »Gleich, Großmutter!« antwortete sie, öffnete die Tür und

erzählte ihr von den Gästen. Die Großmutter brummte allerlei, was ich

nicht verstand, und trat sodann zu uns in die Stube. Ihr Schatten sah

aus wie der Teufel, der sich über die Leiden der Verdammten bucklicht

gelacht, und wäre er nicht vor ihr her in die Stube gefallen, um einen

ein wenig vorzubereiten, ich hätte geglaubt, der Alp komme, mich zu

würgen, als sie eintrat. Sie war von oben und rings herum eine Borste,

ein Pelz und eine Quaste, und sah darin aus wie der Oberpriester der

Stachelschweine. Sie ging nicht, lief nicht, hüpfte nicht, kroch nicht,

schwebte nicht, sie rutschte, als hätte sie Rollen unter den Beinen,

wie großer Herren Studierstühle. Wie die kleine flinke Braune hinter

ihr drein und um sie her schlüpfte, um sie zu bedienen, dachte ich:

So mag des Erzfeindes Großmutter aussehen, und die Schlange, ihre

Kammerjungfer.

»Mache mir das Bett, Mitidika!« sagte sie, »und wenn ich ruhe, kannst

du die Gäste besorgen.« Während das Mädchen die Kissen aufschüttelte,

begann die Alte sich zu entkleiden, und ich weiß nicht zu sagen, ob

ihre Kleidung oder ihr Bett aus mehreren Stücken bestand. Sie zog einen

Schreckenswams, eine Schauderjacke und Zauberkapuze um die andere aus,

und die ganze Wand, an der sie die Schalen aufhängte, ward eine Art

Zeughaus. Ich dachte alle Augenblicke: noch eine Hülse herunter, so

liegt ein bißchen Lung' und Leber an der Erde, das frißt die Katze auf,

und die Großmutter ist all; keine Zwiebel häutet sich so oft. Bei jedem

Kissen, welches die Kleine ins Bett legte und aufschüttelte, brummte

die Alte und legte es anders, und befahl ihr dann, es ganz sein zu

lassen und ihr ein Rauchbad zu geben: sie müsse in einen Ameisenhaufen

getreten haben, das Gewitter mache alles Vieh lebendig. Da setzte

sich die Alte auf die zerbrochene Leiter und hängte die tiroler Decke

über sich, und die Junge zündete Kräuter unter ihr an und machte

einen scheußlichen Qualm, den sie uns, da sie von neuem anfing, die

Federbetten hin und her zu werfen, in dicken Wolken auf den Leib jagte,

als gehörten wir auch zu den Ameisen, die vertrieben werden sollten.

Es sah ziemlich aus, als wenn man eine Hexe verbrennte oder einen

ungeheuren Taschenkrebs räuchre, als die Alte so über dem Dampfe wie

eine Mumie, in den bunten tiroler Teppich gehüllt, auf der Leiter

saß.« -- »Da sieht man, Wastl,« sprach der Zigeuner zu dem Tiroler,

»wozu ihr die Teppiche fabriziert: um die Hexen darin zu räuchern.«

»Potz Schlackri,« erwiderte Wastl, »wonns daine sakrische ziganerische

Großmuetta is, so loß is poassira, i bin gawis, es möga a Legion

Spodifankerl aus ihr raussi floga sein, un du bist a ains dervo.« Die

Gesellschaft lachte über Wastls Antwort, und die Kammerjungfer, wie

auch Lindpeindler, baten den Feuerwerker: er möge machen, daß die Alte

ins Bett komme, die Schnepfen könnten übergar werden. »Ganz recht,«

sagte Baciochi, »das meinte Martino auch, denn als der sie in der Decke

zappeln sah, wie Hunde und Katzen, die in einen Sack gesteckt sind,

und der Rauch zu dick zu werden begann, sprang er vom Stroh auf, trat

vor die Alte hin und sagte: »Hochverehrte Frau Wirtin, ich versichere

Euch im Namen Eurer Gäste, daß wir kein Rauchfleisch zu essen bestellt

haben, und daß wir auch von keinem verpesteten Orte kommen, um eines so

kostbaren Rauchkerzchens zu bedürfen; seid so gütig, dem Wohlgeruch ein

Ende zu machen, wir müssen sonst mit all den Ameisen, die euch plagen,

davon laufen.«

Da fing die Alte eine weitläufige Gegenrede an und sagte: »Schicksale

und Verhältnisse haben mich so weit gebracht.« Martino aber nahm keine

Vernunft an, packte die Alte mit beiden Händen, und warf sie von der

Leiter in ihre Federbetten. Sie zappelte wie eine Meerspinne, aber er

wälzte ein Federbett über sie, und sang ihr ein Wiegenlied mit so viel

gutem Humor vor, indem er sie mit beiden Händen festhielt, daß sie

endlich selbst mitlachte und sagte: »Nun, legt Euch nur wieder nieder,

hätte ich doch nicht gedacht, heute von einem so lustigen Gesellen

zu Bette gebracht zu werden. Mitidika, gib den Kavalieren zu essen!«

und somit kriegte sie den Martino beim Kopf, und gab ihm unter großem

Gelächter einen Kuß. »Profiziat!« sprach dieser, »schlaf wohl, du

allerschönster Schatz!« und legte sich mit einem sauern Gesichte wieder

neben mich.

»Gott sei Dank, Martino, daß sie weg ist!« flüsterte ich. »Hast du

gewacht, Meister?« sprach der Schelm. »Leider Gottes!« erwiderte ich,

»du hast ein Kunststück gemacht; sie raucht wie ein nasses Feuerwerk;

für einen Hutmacher wäre sie ein sauberes Gestell, alle seine Mützen

daran aufzuhängen, er brauchte keinen Nagel einzuschlagen.« »Ich werde

mich wohl häuten müssen, da sie mich geküßt hat,« sagte Martino.

»Warum?« fragte ich. »Ei,« entgegnete er, »ich werde sonst die Augen

nie wieder zukriegen können und die Zähne immer blecken wie ein Mops;

die Haut ist mir vor Schrecken zu kurz geworden.«

Unter diesen Scherzreden hörten wir die Alte einschnarchen. Mitidika

ging ab und zu, und verbaute leise das Bett der Alten mit der Tonne und

mit der Türe; die Küchentüre ließ sie auf, daß der Dampf hinaus zog.

Dann zupfte sie den Martino bei den Haaren und flüsterte: »Komm hinaus,

deine Schnepfen sind gar, ich habe die Brühe abgegossen, ich muß das

Feuer löschen, die zwölfte Stunde naht, denn fährt der wilde Jäger mir

durch das Feuer, steckt er uns die ganze Hütte an.«

Martino ging hinaus, und ich streckte den Kopf nach der Tür und

hörte ihre Scherzreden. Mitidika sagte: »Ich habe dir deine Vögel

trefflich gekocht und dir auch Kräuter an die Suppe getan, was

gibst du mir nun?« -- »Geben?« sagte Martino, »ich will dich mit

der Münze bezahlen, welche hier zu gelten scheint, und in der mich

deine Großmutter bezahlte; einen Kuß will ich dir geben.« »Das läßt

sich hören,« erwiderte sie, »aber die Großmutter gab dir ein altes

Schaustück, das kann ich nicht brauchen, die Münze ist verschlagen.«

»Auch du bist verschlagen, Schelm!« erwiderte Martino, »ich will dir

kleine Münze geben, wenn du herausgeben und wechseln kannst; wärst

du nur nicht so schwarz!« »Und du nicht so weiß,« sagte sie. »Ich

werde dir einen Schein geben, einen Wechsel schwarz auf weiß, aber

gib mir keine Scheidemünze!« sagte sie. »Die kriegst du morgen früh

beim Abschied,« erwiderte Martino, faßte sie beim Kopfe, küßte sie

herzlich, und sagte: »Ich habe dich lieb und bleibe dir treu.« »Ei so

lüge, daß du schwarz wirst!« sprach sie. »Dann wäre ich deinesgleichen

und es könnte etwas daraus werden,« sprach Martino, und schenkte ihr

eine Nadelbüchse von Elfenbein und Ebenholz, die er bei sich trug. Das

Mädchen dankte und sprach: »Sieh, wie artig schwarz auf weiß zusammen

aussehn; bleib bei uns, wenn die Alte stirbt, finden wir den Goldtopf

und kontrebandieren.« »Ja, auf die Galeere!« sprach Martino. »Ich gehe

mit auf die Galeere!« sagte sie; »pitsch, patsch! geht das Ruder, und

ich singe dir dazu.« »Das wollen wir überlegen,« meinte Martino, »es

ist eine zu glänzende Aussicht um Mitternacht.«

Da traten sie mit der Suppe und den Schnepfen herein, und stellten

sie auf den Eichenblock. Die Suppe tranken wir aus dem Topf, ich

wollte meine Marinina nicht wecken und ließ ihr Teil in die warme

Asche setzen, die Vögel wollten wir morgen früh verzehren. Nun begann

sich der Sturm in dem Walde wieder zu heben, und das Gewitter zog mit

Macht heran. »Ach Gott!« sagte Mitidika, »lege dich nieder, Martino,

und schlafe ein; hörst du das Wetter? Der Jäger bläst sein Horn, er

wird gewiß bald kommen; lege dich nieder, gleich, gleich!« Dabei sah

sie ängstlich in der Stube umher. »Nun, nun, was fehlt dir?« fragte

Martino, und sie sagte: »Schlafen sollst du und das Angesicht von mir

kehren, denn ich muß mich entkleiden und schlafen gehn, und das sollst

du nicht sehen; ach, dreh dich um, Blanker!« »Bravo!« sagte Martino,

»es freut mich, daß du so auf Zucht hältst, putze nur den Kien aus,

bei der Nacht sind alle Kühe schwarz, selbst die schwarzen.« »Ja,«

sagte sie, »auch die blanken Esel! Dreh dich um, ich bitte dich, ich

will den Kien schon löschen, wenn es Zeit ist.« Da drehte sich der

ehrliche Martino um. »Gute Nacht, Mitidika!« sagte er. »Gute Nacht,

Martino!« sprach sie.

Nun breitete sie sich eine bunte wollene Decke an der Erde aus neben

dem Eichenblocke, stellte einen halben Kürbis voll Wasser darauf, holte

einen kleinen zierlichen Kasten gar heimlich hinter der Trommel hervor

und setzte ihn neben sich auf die Bank, wobei sie sich ängstlich nach

uns umsah. Ich blinzte durch die Augen und schnarchte, als läge ich im

tiefsten Schlafe. Mitidika traute und schloß das Kästlein leise auf,

musterte alle die Herrlichkeiten, die darin waren, und suchte sich

einen Raum aus, die Nadelbüchse des Martino bequem hinein zu legen.

Ihr könnt euch meine Verwunderung nicht denken, als ich in dieser

wüsten Zigeuner-Herberge die Kleine auf einmal in einem so zierlichen

und reichgefüllten Schmuckkästchen kramen sah. Es sah nicht ganz so

aus, als sei ein Affe hinter die Toilette seiner Herrschaft geraten,

auch nicht, als richte der Satan einen Juwelenkasten ein, um einem

unschuldigen Mädchen die Augen zu blenden; aber eine indianische

Prinzessin, welche die Geschenke eines englischen Gouverneurs mustert,

mag wohl so aussehen. Als sie so die Perlen- und Korallenschnüre, die

brillantenen Ohrringe und die Zitternadeln durch die schwarzen Hände

laufen ließ, konnte ich vor Augenlust gar nicht denken, daß dies

gestohlenes Gut sein müsse. Nun stellte sie mehrere Kristall-Fläschchen

mit Wohlgerüchen und Salben aus dem Kästchen auf den Block, zog feine

Kämme und Zahnbürsten hervor und begann sich zu putzen und zu schmücken

wie die Nacht, die mit dem Monde Hochzeit machen will. Sie nahm die

kleine von buntem Stroh geflochtene Mütze von ihrem Kopf, und ein Strom

von schwarzen Haaren stürzte ihr über die Schultern; sie gewann dadurch

ein reizendes und wildes Ansehen, wenn ihre weißen Augäpfel und die

blanken Zähne aus den schwarzen Mähnen hervor funkelten. Sie kämmte

sich, schlängelte sich goldene Schnüre in die Zöpfe, die sie flocht

und kunstreich wie eine Krone um das schöne runde Köpfchen legte. Sie

wusch sich das Gesicht und die Hände, putzte die Zähne, beschnitt

sich die Nägel und tat alles mit so unbegreiflicher Zierlichkeit,

Anmut und hinreißender Schnelligkeit der Bewegungen, daß es mir vor

den Augen zitterte und bebte. Als sie die brillantenen Ohrringe in

den kleinen schwarzen Muschel-Öhrchen befestigte und die glitzernden

Zitternadeln in den Flechtenkranz steckte, und die Korallen und

Bernsteinschnüre um das braune Hälschen legte, und dabei hin und her

zuckte wie ein Wunderwerkchen, gingen mir die Augen über. Sie begoß

sich mit Wohlgerüchen, rieb sich die schwarzen Patschchen mit duftendem

Öl und steckte sich ein blitzendes Ringlein um das andere an die

schlanken Fingerchen. Nun stellte sie einen Spiegel auf und bleckte

die Zähnchen so artig hinein, es ist nicht zu beschreiben. Und bei

allem dem donnerte und blitzte es draußen, und ihre Eile ward immer

größer. Ich verstehe mich auf Lichtwirkungen in der Nacht, aber ich

habe mein Lebtag kein solches Feuerwerk gesehen, kein Blitzen auf so

schönem dunkeln Grund, als das Spiel der Diamanten und Perlen auf ihr;

denn sie war ein wunderschönes, frei, kühn, scheu und züchtig bewegtes

Menschenbild.

Flüchtig packte sie nun alle Geräte wieder in das Kästchen, steckte

noch eine handvoll weißes Zuckerwerk in das Mäulchen und knupperte wie

eine Maus, sah mit scheuen Blicken um sich her, ob wir auch schliefen,

während sie das Kästchen wieder unter die alte Trommel stellte. Die

schwarze Katze, die auf derselben schlief, erhob sich dabei und machte

einen hohen Buckel, als wundere sie sich über sie, da sie ihr mit den

funkelnden Händen über den Rücken strich. Nun brachte sie ein feines

Hemd von weißer Seide, legte es über den Arm und fing an, ihr Mieder

aufzuschnüren, wobei sie uns den Rücken kehrte. Es sah aus, als werfe

sie Kußhändchen aus, wenn sie die Nestel zog. Nun aber schlüpfte

sie in die Küche und trat in wenigen Minuten wieder herein in einem

schneeweißen Röckchen und einem Mieder von rotem venetianischem Sammet.

So stand sie mitten auf der Decke und betrachtete ihren Staat mit

kindischem Wohlgefallen. Der Donner rollte heftiger, Martino wachte

auf. Mitidika faßte den Teppich mit beiden Händen über die Schultern,

stieß mit dem Fuße die Kienfackel aus, wickelte sich schnell ein wie

eine Schmetterlings-Larve, ein heller Blitz erleuchtete die Kammer, sie

schoß wie eine Schlange an die Erde nieder und krümmte sich zusammen.

Martino hatte sie im Leuchten des Blitzes noch gesehen, aber er wußte

nicht, was es war; er sprach: »Meister, saht Ihr etwas?« Ich war aber

so erstaunt, daß ich stumm blieb. Da sprach er: »Mitidika, schläfst

du?« aber sie schwieg, Martino drehte sich um und schlief auch wieder.

Meine Gedanken über das, was ich gesehen, ließen mich nicht ruhen, der

wunderbare Schmuck in dem Besitze der kleinen, braunen Bettlerin, und

daß sie ihn jetzt so sorgsam und heimlich angelegt, befremdete mich

ungemein. Alles kam mir wie Zauberei vor. Sie erwartet ein Waldgespenst

und schmückt sich wie eine Braut. War dies gestohlenes Gut, ist sie

eine verkleidete, versteckte Prinzessin, warum geht sie in dieser

Pracht schlafen, und warum wickelt sie sich mit aller Herrlichkeit

in den alten Teppich ein? Sollte alles dies geheim sein, wie war es

möglich, da wir sie morgen früh doch in ihrem Putze finden mußten? So

lag ich nachsinnend; das Gewitter war in vollem Grimm über uns, und das

Licht der zuckenden Blitze zeigte mir öfters das Bild der Mitidika,

welche wie eine Mumie, in den Teppich gehüllt, an der Erde ausgestreckt

lag. Als ich aber durch das wilde Wetter ein Horn schallen hörte, stieß

ich Martino an und flüsterte ihm zu: »Halte dich bereit, ich glaube,

der wilde Jäger ist im Anzuge.« Wir hörten das Horn nochmals und

Pferdegetrapp und Gewieher, und ich bemerkte, daß Mitidika aufstand.

Ich kroch aber quer vor die offene Küchentür, und als sie mit dem Fuß

an mich anstieß, glaubte sie umgegangen zu sein und wendete sich nach

einer andern Seite: Martino stand auf, die Haustür öffnete sich, und

es trat eine Gestalt mit raschem Tritte durch die Küche auf uns zu.

Ich faßte sie bei den Beinen, daß sie niederschlug, und Martino drosch

so gewaltig auf ihn los, daß der wilde Jäger zetermordio zu schreien

begann. »Mitidika, Hilfe, Hilfe! man mordet mich!« schrie er. »Ha,

ha! Herr wilder Jäger,« schrie nun Martino, »wir haben dich!« Und so

zerrten wir ihn in die Stube herein und machten die Türe zu.

Der Lärm ward allgemein; der Kerl wehrte sich verzweifelt. Meine

Marinina erwachte und schrie: »Jesus, Maria, Josef! Licht her, Licht

her, was ist das, o Baciochi, Martino!« Die Alte fuhr aus ihren Betten

auf, warf die alten Bretter um, die vor ihr standen, und schrie:

»Mörder, Hilfe, Mitidika!« Dabei wurden die Hühner auf dem Boden

rebellisch, die Trommel kollerte brummend durch die Stube. Mitidika

allein ließ sich nicht hören. »Martino, schlage Feuer!« rief ich, und

drückte meinen fremden Gast fest in die Gurgel, daß er sich nicht

rühren konnte. Da stieß Martino einen Schwärmer in die glühende Asche

des Herdes, der leuchtend durch die Kammer zischte und dem ganzen

Spektakel ein noch tolleres Ansehen gab. Mein Gefangener fing von

neuem an zu ringen, und indem ich ihn gegen die Wand drückte, trat ich

gegen einige Bretter, die auswichen, ich warf ihn nieder. Ein großer

Bock, der hinter den Brettern geruht hatte, sprang auf und fing nicht

schlecht an zu stoßen, und ich warf meinen wilden Jäger so kräftig zur

Erde, daß er keinen Laut mehr von sich gab. Martino brachte nun eine

brennende Kienfackel herein, und wir sahen die ganze Verwirrung. Der

wilde Jäger war ein schöner, schlanker Kerl in galanter Jagduniform.

Er rührte sich nicht. Der Gedanke, daß ich ihn gar totgedrückt hätte,

fuhr mir unheimlich durch die Glieder, ich stürzte zur Küche nach

Wasser. Martino faßte die Alte, die fluchend und schreiend aus dem

Bette gesprungen war, und warf sie wieder in die Federn mit den Worten:

»Schweig still, Drache! wir wollen dir kein Haar krümmen; wir haben

nur den wilden Jäger abgefangen.« Nun trat ich mit einem Eimer Wasser

hinein und goß ihn pratsch! über den leblosen wilden Jäger; da sprang

er wie eine nasse Katze in die Höhe.«

»Das Wasser, das kalte Wasser,« schrie hier Devillier aufspringend,

»war das Allerfatalste!« Und die ganze Gesellschaft sah ihn verwundert

an. »Nun, was schauen Sie,« fuhr er fort, »soll ich länger schweigen?

Habe ich nicht schrecklich ausgehalten und mich hier in der Erzählung

nochmals mißhandeln lassen?« Baciochi wußte nicht, was er vor Erstaunen

sagen sollte über Devilliers Unterbrechung. Dieser aber sprach heiter:

»Ja, Herr Baciochi, ich war der wilde Jäger, mich habt Ihr so kräftig

zugedeckt, ich habe es von Anfang der Geschichte gewußt und hätte gern

geschwiegen, aber das kalte Wasser lief mir wieder erweckend über den

Rücken.« Da ward die ganze Gesellschaft vergnügt, der Feuerwerker

reichte Devillier die Hand, und dieser sagte: »Es freut mich, Euch

wieder zu sehen, alles ist längst vergessen, nur Mitidika nicht!«

-- »Das will ich hoffen,« meinte der Zigeuner ernsthaft, »ich bitte

mir das Ende der Geschichte aus.« Da tranken alle lustig herum, und

Devillier trank die Gesundheit der Mitidika, wozu Michaly einen Tusch

geigte und Lindpeindler das hochpoetische freie Leben der Zigeuner

pries, der Vizegespann meinte jedoch: sie hätten nicht die reinsten

Hände. Die Kammerjungfer aber fragte: »Wo hat sie nur den Schmuck

hergehabt?« Der Tiroler sagte: »Den wilda Jaaga hobts maisterli

zuagdeckt!« und alle drangen, Devillier möge weiter erzählen.

»Wohlan!« sagte dieser: »Ich hatte damals Geschäfte mit der

Contrebande, und manche andere politische Berührungen diesseits und

jenseits auf der Grenze. Ich dirigierte den ganzen Schleichhandel

und forschte auf höhere Veranlassung dem Orden der Carbonari nach.

Auf meinen Streifereien hatte ich Mitidika kennen gelernt und mich

leidenschaftlich in dies schöne, unschuldige und geistvolle wilde

Naturkind verliebt. In bestimmten Nächten besuchte ich sie. Der

Schmuck, den Ihr, Baciochi, sie anlegen sahet, war ein Geschenk von

mir. Sie hatte den Glauben der Alten an den wilden Jäger benutzt, um

sich unentdeckt einige Stunden von mir unterhalten zu lassen. Wenn

ich kommen sollte, schmückte sie sich immer wie eine Zauberin; ich

setzte sie dann auf mein Pferd und brachte sie nach einer Höhle,

eine Viertelstunde von ihrer Hütte, welche das Warenlager meines

Schleichhandels war. Da saß sie in einem mit dem feinsten englischen

bunten Kattun ausgeschlagenen Raume mit mir, und ergötzte mich und

meinen verstorbenen Freund mit Tanz, Gesang und freundlicher Rede.

Gegen Morgen ging sie zurück, einen Bündel Holz in die Küche tragend,

und wurde von der Großmutter wegen ihres Fleißes gelobt.

Deutsche Humoristen, 2. Band (von 8) · 第 3 / 11 段