mit stillem Schauer in einen Winkel gedrückt hatte, sprechend: »Und
Sie, schöne Nanny, sind ja so stille, als fühlten Sie sich bei der
Geschichte getroffen.« »Wie so, getroffen?« fragte Nanny. »Nun,
ich meine,« erwiderte Devillier lächelnd, »von einem Schrote des
kroatischen Herrn. Sollte das artigste Kammerkätzchen der Gegend nicht
zu dem Thee dansant eingeladen gewesen sein? -- Das wäre ein Fehler
des Herrn Mores gegen die Galanterie, wegen dessen er die Rache seines
Herrn allein schon verdient hätte.« Alle lachten, Nanny aber gab dem
Franzosen eine ziemliche Ohrfeige und erwiderte: »Sie sind der Mann
dazu, einen in den Ruf zu bringen, daß man geschossen sei, denn Sie
haben selbst einen Schuß!« Und dabei zeigte sie ihm von neuem die fünf
Finger. Worauf Devillier sagte: »Erhebt das nicht den Verdacht, sind
das nicht Katzenmanieren -- Sie waren gewiß dabei; Frau Tschermack, die
Wirtin, wird es uns sagen können, denn die hat gewiß nicht gefehlt. Ich
glaube, daß sie die Blessur in der Hüfte eher bei solcher Gelegenheit
als bei den Wurmserschen Husaren erhalten.« Alles lachte von neuem und
der Zigeuner sagte: »Ich will sie fragen.« Der Kroate fand sich über
die Ungläubigkeit Devilliers gekränkt und fing an, seine Geschichte
nochmals zu beteuern, indem er seine pferdehaarne, steife Halsbinde
ablöste, um die Narben von den Klauen des Mores zu zeigen. Nanny
drückte die Augen zu, und indessen brachte der Zigeuner die Nachricht:
Frau Tschermack meine, Mores müsse es selbst am besten wissen. Er
setzte mit diesen Worten die große, schwarze Katze der Wirtin, welche
er vor der Türe gefangen hatte, der Kammerjungfer in den Schoß, welche
mit einem heftigen Schrei des Entsetzens auffuhr. »Eingestanden!«
rief Devillier. Aber der Spaß war dumm, denn Nanny kam einer Ohnmacht
nah. Die Katze sprang auf den Tisch, warf das Licht um, und fuhr dem
armen Wehmüller über seine nassen Farben; der Vizegespann riß das
Fenster auf und entließ die Katze, aber alles war rebellisch geworden;
die Büffelkühe im Hintergrunde der Stube rissen an den Ketten, und
jeder drängte nach der Türe. Wehmüller und Lindpeindler sprangen
auf den Tisch und stießen mit dem Tiroler zusammen, der es auch in
demselben Augenblicke tat, und mit seinen nägelbeschlagenen Schuhen
mehr Knopflöcher in das Portrait des Vizegespanns trat, als Knöpfe
darauf waren. Devillier trug Nanny hinaus. Der Kroate schrie immer:
»Da haben wir es, das kommt vom Unglauben!« Frau Tschermack aber,
welche mit einem vollen Weinkrug in die Verstörung trat, fluchte stark
und beruhigte die Kühe. Der Zigeuner griff wie ein zweiter Orpheus
nach seiner Violine, und als Monsieur Devillier mit Nanny, die er am
Brunnen erfrischt hatte, wieder hereintrat, kniete der kecke Bursche
vor ihr nieder und sang und spielte eine so rührende Weise auf seinem
Instrumente, daß niemand widerstehen konnte und bald alles stille ward.
Es war dies ein altes zigeunerisches Schlachtlied, wobei der Zigeuner
endlich in Tränen zerfloß, und Nanny konnte ihm nicht widerstehen, sie
weinte auch und reichte ihm die Hand. Lindpeindler aber sprang auf den
Sänger zu, und umarmte ihn mit den Worten: »O, das ist groß, das ist
ursprünglich! Bester Michaly, wollen Sie mir Ihr Lied wohl in die Feder
diktieren?« »Nimmermehr!« sagte der Zigeuner, »so was diktiert sich
nicht. Ich wüßte es auch jetzt nicht mehr und wenn Sie mir den Hals
abschnitten; wenn ich einmal wieder eine schöne Jungfer betrübt habe,
wird es mir auch wieder einfallen.« Da lachte die ganze Gesellschaft,
und Michaly begann so tolle Melodien aus seiner Geige herauszulocken,
daß die Fröhlichkeit bald wieder hergestellt wurde, und Devillier den
Kroaten fragte: ob Mores nicht diesen Tanz aufgespielt hätte? Herr
Lindpeindler notierte sich wenigstens den Inhalt des extemporierten
Liedes; es war die Wehklage über den Tod von tausend Zigeunern. Im
Jahr 1537 wurde in den Zapolischen Unruhen das Kastell Nagy-Ida in
der Abanywarer Gespannschaft mit Belagerung von kaiserlichen Truppen
bedroht. Franz von Perecey, der das Kastell verteidigte, stutzte aus
Truppenmangel tausend Zigeuner in der Eile zu Soldaten, und legte sie,
unter reichen Versprechungen von Geld und Freiheiten auf Kindeskinder,
wenn sie sich wacker hielten, gegen den ersten Anlauf in die äußeren
Schanzen. Auf diese vertrauend hielten sich diese Helden auch ganz
vortrefflich; sie empfingen die Belagerer mit einem heftigen Feuer, so
daß sie umwendeten. Aber nun krochen die Helden übermütig aus ihren
Löchern und schrieen den Fliehenden nach: »Geht zum Henker, ihr Lumpen!
Hätten wir nur Pulver und Blei, so wollten wir euch anders zwiebeln!«
-- Da sahen sich die Abziehenden um, und als sie statt regulierter
Truppen einen frechen Zigeunerschwarm auf den Wällen merkten, ergriff
sie der Zorn; sie drangen in die Schanze und säbelten die armen Helden
bis auf den letzten Mann nieder. Diese Niederlage, eine der traurigsten
Erinnerungen der Zigeuner in jener Gegend, hatte Michaly in der Klage
einer Mutter um ihren Sohn, und einer Braut um ihren gefallenen
Geliebten besungen. --
Devillier sagte nun zu dem Kroaten: »Damit Sie nicht länger meinen
Glauben an den Hexenmeister Mores in Katzengestalt bezweifeln, will ich
Ihnen eine Geschichte erzählen, bei welcher ich selbst geholfen habe,
ein paar Hundert solcher Zauberer zu töten.« »Ein paar Hundert!« riefen
mehrere in der Gesellschaft. »Ja!« erwiderte Devillier, »und das will
ich eben so getrost beschwören, als unser Freund den musizierenden
Katzen-Kongreß.«
Devilliers Erzählung von den Hexen auf dem Austerfelsen.
»Vor mehreren Jahren, da ich als Leutnant zu Dünkirchen in Garnison
lag, genoß ich der vertrauten Freundschaft meines Majors, eines alten
Gasconiers. Er war ein großer Liebhaber von Austern, und zu seiner
Majorschaft gehörte der Genuß von einem großen Austerfelsen, der hinter
einem Lustwäldchen einen halben Büchsenschuß weit vom Ufer in der See
lag, so daß man ihn bei der Ebbe trocknen Fußes erreichen konnte, um
die frischen Austern vom Felsen zu schlagen. Da der Major eine Zeit
her bemerkt hatte, daß in den meisten zu Tage liegenden Austern nichts
drinnen war, konnte er sich gar nicht denken, wer ihm die Austern aus
den Schalen hinwegstehle, und er bat mich, ihn in einer Nacht mit
Schießgewehr bewaffnet nach dem Austerfelsen zu begleiten, um den
Dieb zu belauern. Wir hatten kaum das kleine Gehölz betreten, als uns
ein schreckliches Katzengeheul nach der See hinrief, und wie groß war
unser Erstaunen, als wir den Felsen mit einer Unzahl von Katzen besetzt
fanden, die, ohne sich von der Stelle zu bewegen, das durchdringendste
Jammergeschrei ausstießen. Ich wollte unter sie schießen, aber mein
Freund warnte mich, indem es gewiß eine Gesellschaft von Zauberern und
Hexen sei, und ich durch den Schuß ihre Rache auf uns ziehen könnte.
Ich lachte und lief mit gezogenem Säbel nach dem Felsen hin; aber
wie ward mir zu Mute, da ich unter die Bestien hieb, und sich doch
keine einzige von der Stelle bewegte. Ich warf meinen Mantel über
eine, um sie ungekratzt von der Erde aufheben zu können, aber es war
unmöglich, sie von der Stelle zu bringen, sie war wie angewurzelt. Da
lief es mir eiskalt über den Rücken, und ich eilte, zu meinem Freunde
zurück zu kommen, der mich wegen meiner tollkühnen Expedition tüchtig
ausschmälte. Wir standen noch, bis die Flut eintrat, um zu sehen,
wie sich die Hexenmeister betragen würden, wenn das Wasser über sie
herströmte. Aber da ging es uns wie unserm kroatischen Freund, als die
Kirchglocke das Katzen-Pickenick auf der Eiche unterbrach. Kaum rollte
die erste Welle über den Felsen, als die ganze Hexengesellschaft mit
solchem Ungestüm gegen das Ufer und auf uns losstürzte, daß wir in der
größten Eile Reißaus nahmen.
Am andern Morgen begab sich der alte Major zum Gouverneur der Festung,
und zeigte ihm an: wie die ganze Festung voll Hexen und Zauberern
sei, deren Versammlung er auf seinem Austerfelsen entdeckt habe. Der
Gouverneur lachte ihn anfangs aus und begann, als er ernsthaft Truppen
begehrte, diese Zauberer in der nächsten Nacht niederschießen zu
lassen, an seinem Verstande zu zweifeln. Der Major stellte mich als
Zeugen auf, und ich bestätigte, was ich gesehen, und die wunderbare
Erscheinung von Unbeweglichkeit der Katzen. Dem Gouverneur war die
Sache unbegreiflich, und er versprach, in der nächsten Nacht selbst
zu untersuchen. Er ließ allen Wachen andeuten, ehe er in der Nacht mit
uns und 100 Mann Voltigeurs ausmarschierte, keine Rücksicht darauf
zu nehmen, wenn sie schießen hörten. Als wir dem Gehölze nahten,
tönte dasselbe Katzengeschrei, und wir hatten vom Ufer dasselbe
eigentümlich-schauerliche Schauspiel: den lebendigen, heulenden Felsen
im Mondschein über der weiten unbegrenzten Meeresfläche. Der Gouverneur
stutzte, er wollte hin, aber der Major hielt ihn mit ängstlicher Sorge
zurück. Nun ließ der Gouverneur die hundert Mann von der Landseite den
Felsen umgeben und zwei volle Ladungen unter die Hexenmeister geben,
aber es wich keiner von der Stelle, wenngleich eine Menge Stimmen
unter ihnen zu schweigen begannen. Hierüber verwundert, ließ sich
der Gouverneur nicht länger halten, er ging nach dem Felsen, und wir
folgten ihm; er versuchte, eine der Katzen wegzunehmen, aber sie waren
alle wie angewachsen. Da entdeckte ich, daß sie alle mit einer oder
mehreren Pfoten, manche auch mit dem Schwanz in die fest geschlossenen
Austern eingeklemmt waren. Als ich dies angezeigt, mußten die Soldaten
heran und sie sämtlich erlegen. Da aber die Flut nahte, zogen wir uns
ans Land zurück, und die ganze Katzen-Versammlung, welche gestern so
lebhaft vor der ersten Woge geflohen war, wurde jetzt von der Flut
mausetot ans Ufer gespült, worauf wir, den guten Major herzlich mit
seinen Hexen auslachend, nach Hause marschierten.
Die Sache aber war folgende: Die Katzen, welche die Austern über alles
lieben, zogen sie mit den Pfoten aus den Schalen, und das gelang nicht
länger, als bis sie von den sich schließenden Muscheln festgeklemmt
wurden, wo sie sich dann so lange mit Wehklagen unterhielten, bis
die Austern, von der Flut überschwemmt, sich wieder öffneten und
ihre Gefangenen entließen; und ich glaube, bei strenger Untersuchung
und weniger Phantasie würde unser Freund bei seinem Katzen-Abenteuer
ebensogut lauter Fisch-Diebe, wie wir Auster-Diebe entdeckt haben.«
Baciochis Erzählung vom wilden Jäger.
Nachdem die Aufklärung dieses Ereignisses die Erzählung des Kroaten
in ihrer Schauerlichkeit sehr gemildert hatte, kam man auf allerlei
Jagdgespenster zu sprechen, und Lindpeindler fragte: ob einer in der
Gesellschaft vielleicht je den wilden Jäger gesehen oder gehört habe?
Da sagte der Feuerwerker: »Mir kam er schon so nahe, daß ich das Blanke
in den Augen sah, und wenn die Jungfer Nanny sich tapfer halten und
die ganze ehrsame Gesellschaft wenigstens so lange daran glauben will,
bis die Geschichte zu Ende ist, so will ich sie erzählen.« Nanny
erwiderte: »Erzähle nur, Baciochi, du kennst mein Temperament und wirst
es nicht zu arg machen.« »Erzählen Sie,« fiel Devillier ein, »wenn
wir die Geschichte auch am Ende für eine Lüge erklären, so soll Ihnen
bis dahin geglaubt werden;« und bald waren alle Stimmen vereint, den
Feuerwerker einzuladen, welcher alle aufforderte, sich an ihre Plätze
zu setzen und seiner Erzählung einen eigentümlichen theatralischen
Charakter zu geben wußte. Alle saßen an Ort und Stelle; er machte eine
Pause, steckte sich eine Pfeife Tabak an und schlug mit der Faust so
unerwartet heftig auf den Tisch, daß die Lichter verlöschten und alle
laut aufschrieen.
»Meine Feuerwerke fangen immer mit einem Kanonenschuß an,« sagte er,
»erschrecken Sie nicht,« und in demselben Augenblicke brannte er
mehrere Sprühkegel an, die er aus Pulver und vergossenem Wein in der
Stille geknetet hatte, und sagte: »Stellen Sie sich vor, Sie wären
bei meinem großen Feuerwerk in Venedig, welches ich am Krönungstage
Napoleons dort abbrannte. Es mußten mir einige Körner prophetischen
Schießpulvers in die Masse gekommen sein. Kurz gesagt: als der Thron
und die Krone und das große Notabene: NB, Napoleon Bonopartes Namenszug
im vollen Brillantfeuer, von hunderttausend Schwärmern und Raketen
umzischt, kaum eine Viertelstunde von einer hohen Generalität und dem
verehrten Publikum beklatscht worden waren, fing mein Feuerwerk an,
ein wenig zu frösteln. Es platzte und zischte manches zu früh und zu
spät ab, eine gute Partie einzelne Sonnen und Räder brannten mir in
einer Scheune nieder, die dabei das Dach verlor. Das Schauspiel war so
grandios angelegt, daß man diesen ganzen kunstlosen Scheunenbrand für
seinen Triumph hielt, man klatschte und paukte und trompetete; schnell
ließ ich alle meine übrigen Stücke in die Lücken stellen und von neuem
losfigurieren. Aber der Satan fuhr mir mit dem Schwanze drüber, und
die ganze Pastete flog auf einmal in die Luft. Die Menschen fuhren
gräßlich auseinander, Gerüste brachen ein, alle Einzäunungen wurden
niedergerissen, die Menge stürzte nach den Gondeln, die Gondelführer
wehrten ab, die Bürger prügelten sich mit den französischen Soldaten,
meine Kasse wurde geplündert; es war eine Verwirrung, als sei der
Teufel in die Schweine gefahren, und diese stürzten dem Meere zu.
Unsereins kennt sein Handwerk, man ist auf dergleichen gefaßt, mein
persönlicher Rückzug war gedeckt. Ich ließ nichts zurück als alle
meine Schulden, meine Reputation und meinen halben Daumen. Meine
selige Frau, welcher der Rock am Leibe brannte, riß mich in die
Gondel ihres Bruders, eines Schiffers, und der brachte mich an einen
Zufluchtsort, worauf wir am folgenden Morgen die Stadt verließen. Als
wir das Gebirge erreichten, nahten wir uns auf Abwegen einer Kapelle,
bei welcher ich mit meinem liebsten Gesellen Martino verabredet
hatte wieder zusammenzutreffen, wenn wir durch irgend ein Unglück
auseinandergesprengt werden sollten. Mein gutes Weib hatte ein Stück
von einer Wachsfackel, die bei der Leiche unseres seligen Töchterleins
gebrannt hatte, in der Tasche, und pflegte, wenn sie nähte, ihren
Zwirn damit zu wichsen. Aus diesem Wachs hatte sie während unseres
Weges die Figur eines Daumens geknetet, und hängte dieselbe, nebst
einem Rosenkranz von roten und schwarzen Beeren, den sie auch sehr
artig eingefädelt hatte, dem kleinen Jesulein auf dem Schoß der Mutter
Gottes in der Kapelle, als ein Opfer, an das Händchen, und wir beteten
beide von Herzen, daß mein Daumen heilen und wir glücklich über die
Grenze in das Österreichische kommen möchten. Wir lagen noch auf den
Knieen, als ich die Stimme Martinos rufen hörte: »+Sia benedetto il
San Marco!+« Da schrie ich wieder: »+E la Santissima vergine Maria!+«
wie wir verabredet hatten, und lief mit meinem Weibe vor die Kapelle.
Da trat uns Martino in einem tollen Aufzug entgegen. Er hatte bei
dem Feuerwerke den Meergott Neptun vorgestellt und in seinem vollen
Kostüm Reißaus genommen. Er hatte den Schilfgürtel noch um den Leib,
einen Wams von Seemuscheln an und eine Binsenperücke auf; sein langer
Bart war von Seegras; auf der Schulter trug er den Dreizack, auf
welchem er ein tüchtiges Bauernbrot und drei fette Schnepfen, die er
mitsamt dem Neste erwischte, gespießt hatte. Nach herzlicher Umarmung
erzählte er uns, wie ihn seine Kleidung glücklich gerettet habe. Die
Strickreiter seien ihm auf der Spur gewesen, da habe er sich in das
Schilf eines Sumpfes versteckt, und sein Schilfgürtel machte ihn da
nicht bemerkbar. Als er stilleliegend sie vorbeireiten lassen, hätten
sich die drei Schnepfen sorglos neben ihm in ihr Nest niedergelassen,
und er habe sie mit der Hand alle drei ergriffen. Das Brot hatte er von
einem Kontrebandier um einige Pfennige gekauft, der ihm zugleich die
nächste Herberge auf der Höhe des Gebirges beschrieben, aber nicht eben
allzu vorteilhaft; denn der ganze Wald sei nicht recht geheuer, der
wilde Jäger ziehe darin um und pflege gerade in dieser Herberge sein
Nachtquartier zu halten.
»Wohlauf denn!« sagte ich, »so haben wir heute Nacht gute Gesellschaft.
Ich hätte den Kerl lange gern einmal gesehen, um seinen Jagdzug recht
natürlich in einem Feuerwerke darstellen zu können.« Mein Weib Marinina
aber, welche, um ja nichts zu versäumen, alles miteinander glaubte,
machte ein saures Gesicht zu der Herberge. Das konnte aber nichts
helfen, wir mußten den Weg wählen; er war ganz entlegen und sicher
und ein Schleichweg der Kontrebandiers, mit welchen Martino einige
Bekanntschaft hatte.
Die Nacht brach herein, es nahte ein Gewitter, und wir mußten uns auf
den Weg machen. Martino machte unsere Wanderschaft etwas lustiger, er
übergab meiner Marinina die Schnepfen und sagte: »Rupft sie unterwegs,
damit wir in der Herberge dem wilden Jäger bald einen Braten vorsetzen
können.« Und nun marschierte er mit tausend Späßen in seinem tollen
Habit wie ein vazierender Waldteufel voraus. Ich folgte ihm auf dem
schmalen Waldpfad und hatte meinen halben Daumen, der mich nicht
wenig schmerzte, meistens in dem Mund, und hinter mir zog -- daß
Gott erbarm! -- meine selige Marinina und rupfte die Schnepfen unter
Singen und Beten. Über der rechten Hüfte war ihr ein ziemliches Loch
in den Rock gebrannt, und sie schämte sich vorauszugehen, daß Martino,
der seinen Witz in allen Nestern auszubrüten pflegte, an ihrer Blöße
nicht Ärgernis nehmen möchte. Der Weg war steil, unheimlich und
beschwerlich; der Sturm sauste durch den Wald, es blitzte in der
Ferne, Marinina schlug ein Kreuz über das andere. Aber die Müdigkeit
vertrieb ihre Furcht vor dem wilden Jäger immer mehr, von welchem
Martino die tollsten Geschichten vorbrachte. »Es ist gut,« sagte er,
»daß wir selbst Proviant bei uns haben; denn, wenn wir mit ihm essen
müßten, dürften wir leicht mit dem Schenkel eines Gehängten oder mit
einem unmarinierten Pferdekopf bewirtet werden. Fasset Mut, Frau
Marinina, schaut mich nur an, ärger kann er nicht aussehen!« Unter
solchen Gesprächen hatten wir die Gebirgshöhe erstiegen und waren
ein ziemliches Stück Wegs in den wilden finsteren Wald geschritten,
da hörten wir ein abscheuliches Katzengeheul, und kamen bald an eine
Hütte mit Stroh und Reisern gedeckt; alte Lumpen hingen auf dem
Zaun, und an einer Stange war ein großes Stachelschwein über der Tür
herausgesteckt als Schild. »Da sind wir,« sagte Martino, »wie glaubt
Ihr, daß dies vornehme Gasthaus heiße?« »Zum Stachelschwein!« sagte
ich. »Nein!« erwiderte Martino, »es hat mehrere Namen. Einige nennen es
des Teufels Zahnbürste, andere des Teufels Pelzmütze, andere gar seinen
Hosenknopf.« Wir lachten über die närrischen Namen. Die Katze saß vor
der Tür auf einem zerbrochenen Hühnerkorb, machte einen Buckel gegen
uns und ein Paar feurige Augen und hörte nicht auf zu solfeggieren. In
dem Hause aber rumpelte es wie in einem Raspelhause und leeren Magen.
Nun schlug Martino mit der Faust gegen die Tür und schrie: »Holla,
Frau Susanne, für Geld und gute Worte Einlaß und Herberge; Eure
Katze will auch hinein.« Da krähte eine Stimme heraus: »Wer seid Ihr
Schalksknechte zu nachtschlafender Zeit?« und Martino, der in Reimen
wie ein Improvisator schwatzen konnte, schrie: »Ich bin ja der Rechte
und komme von weit!« Nun keifte die Stimme wieder: »Wenn die Katze
nicht draußen wär', ich ließ Euch nimmermehr ein!« Und Martino sagte:
»Ihr denket so zärtlich ungefähr wie Euer Schild, das Stachelschwein.«
Marinina war in tausend Ängsten; sie bat immer den Martino, die alte
Wirtin nicht zu schelten, sie sei gewiß eine Hexe und werde uns nichts
Gutes antun. Da ging die Tür auf, ein schwarzbraunes, zerlumptes, sonst
glattes und hübsches Mägdlein, glänzend und schlank wie ein brauner
Aal, leuchtete uns aus der Küche mit einer Kienfackel ins Gesicht,
und war nicht wenig erschrocken, als Martino in seinem wilden Aufzug
ihr rasch entgegenschritt und, indem er drängend sie verhinderte, die
Tür wieder zuzuschlagen, ihr sagte: »Brauner Schatz, mach' uns Platz!
Menschen sind wir, schönes Kind; hier hast zum Zeichen diesen Schmatz!«
und somit küßte er sie herzlich; wir drangen indessen hinein. Die
kleine Braune aber sagte: »Und wenn Du auch nicht der Satan selbst
bist, so könnt Ihr heute hier doch nicht bleiben; meine Großmutter
ist sehr brummig, sie fürchtet, das Waldgespenst komme heute Nacht,
und da nimmt sie keine Gäste, um die Herberge nicht in bösen Ruf zu
bringen; unsere Kammer, wo wir schlafen, ist eng, und sie rückt schon
alten Hausrat vor ihr Bett, um das Gespenst nicht zu sehen, welches
oft quer durch unsere Hütte zieht.« Martino aber erwiderte: »Eben in
dieser Kammer wollen wir schlafen, und eben dieses Waldgespenst wollen
wir mit gebratenen Schnepfen bewirten; wir sind des wilden Jägers
Küchengesinde!« Und somit packte er ein Bund Stroh auf, das in der
Ecke lag, und marschierte in die Kammer; wir kamen nach, trotz aller
Zeremonien, welche die nußbraune Jungfer machen wollte.