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Hausbücherei
der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
Vierter Band
[Illustration]
6. bis 10. Tausend
Hamburg-Großborstel Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
1905
Deutsche Humoristen
Zweiter Band
Clemens Brentano
E. Th. A. Hoffmann
Heinrich Zschokke
[Illustration]
6. bis 10.
Tausend
Hamburg-Großborstel
Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
1905
Inhaltsverzeichnis
zum 1. Bande der
»Deutschen Humoristen«
(Hausbücherei Band 3).
Vorwort.
=Vischer=, Friedr. Theodor: Humor. Gedicht.
=Rosegger=, Peter: Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß.
=Rosegger=, Peter: Wie wir die Gürtelsprenge haben gehalten.
=Raabe=, Wilhelm: Der Marsch nach Hause.
=Reuter=, Fritz: Woans ick tau 'ne Fru kamm.
=Roderich=, Albert: Nemesis.
Inhaltsverzeichnis
zum 3. Bande der
»Deutschen Humoristen«
(Hausbücherei Band 5).
=Hoffmann=, Hans: Eistrug.
=Ernst=, Otto: Die Gemeinschaft der Brüder vom geruhigen Leben.
=Eyth=, Max: Der blinde Passagier.
=Böhlau=, Helene (Madame al Raschid Bey): Die Ratsmädel gehen
einem Spuk zu Leibe.
Inhaltsverzeichnis
zum 2. Bande der »Deutschen Humoristen«.
Vorwort 7
=Brentano, Clemens=: Die mehreren
Wehmüller oder ungarische Nationalgesichter 9--98
=Hoffmann, E. Th. A.=: Die Königsbraut.
Ein nach der Natur entworfenes
Märchen 99--191
=Zschokke, Heinrich=: Die Nacht in
Brczwezmcisl 193--222
Vorwort.
Der 3. Band der »Hausbücherei« (Deutsche Humoristen 1. Band) hat so
überaus großen Anklang gefunden, daß kaum drei Monate nach Erscheinen
die erste Auflage von 5000 Exemplaren auf die Neige ging, die
Herstellung einer zweiten Auflage mithin sofort notwendig wurde. So
hat denn die Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung beschlossen, aus
der deutschen humoristischen Literatur noch weitere Schätze in ihre
»Hausbücherei« aufzunehmen und die Sammlung »Deutsche Humoristen«
zunächst um zwei weitere Bände zu vermehren.
Der vorliegende 2. Band zieht drei schöne Stücke aus der Literatur des
beginnenden 19. Jahrhunderts hervor, der 3. Band ist zeitgenössischen
Dichtern gewidmet.
=Hamburg=,
15. Juli 1904.
=Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung.=
Clemens Brentano:
Die mehreren Wehmüller oder ungarische Nationalgesichter.
=Clemens Brentano= wurde am 8. September 1778 in Ehrenbreitstein
geboren, sollte wider Willen Kaufmann werden, besuchte später eine
höhere Schule und führte von 1797 an ein Leben, das ihn unstät durch
viele deutsche Lande trieb. Er starb am 28. Juli 1842 in Aschaffenburg.
Reiche dichterische Begabung, lebhafte Einbildungskraft, Gefühlstiefe
verleihen seinen Werken einen eigenen Reiz, der nur zuweilen durch
den Mangel an Beharrlichkeit beeinträchtigt wird, der manches schön
Begonnene verflachen oder zerfließen läßt. Sein schönstes Werk ist die
»Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl«, ein Vorbote
unserer Dorfgeschichten. Auch das reizende Märchen »Gockel, Hinkel und
Gackeleia« wird noch heute gern gelesen. Um die deutsche Literatur
hat sich Brentano durch die gemeinschaftlich mit Achim von Arnim
unternommene Herausgabe von »Des Knaben Wunderhorn«, einer Sammlung
der schönsten deutschen Volkslieder (1806, seitdem vielfach gedruckt),
unsterbliche Verdienste erworben.
Seine Erzählung »Die mehreren Wehmüller« zeigt den sprühenden Witz, den
die Zeitgenossen an ihm bewunderten. Die Lebhaftigkeit der Zeichnung
wird durch den Reichtum lustiger Einfälle erhöht; aber auch die
Vorliebe für das Seltsame, die alle Romantiker kennzeichnet, tritt
stark hervor.
E. S.
Die mehreren Wehmüller oder ungarische Nationalgesichter.
Gegen Ende des Sommers, während der Pest in Kroatien, hatte Herr
Wehmüller, ein reisender Maler, von Wien aus einen Freund besucht,
der in dieser österreichischen Provinz als Erzieher auf dem Schlosse
eines Grafen Giulowitsch lebte. Die Zeit, welche ihm seine Geschäfte
zu dem Besuch erlaubten, war vorüber. Er hatte von seiner jungen
Frau, welche ihm nach Siebenbürgen vorausgereist war, einen Brief
aus Stuhlweißenburg erhalten, daß er sie nicht mehr länger allein
lassen möge; es erwarte ihn das Offizier-Korps des dort liegenden
hochlöblichen ungarischen Grenadier- und Husaren-Regiments sehnsüchtig,
um von seiner Meisterhand gemalt sich in dem Andenken mannigfaltiger
schöner Freundinnen zu erhalten, da ein naher Garnisonswechsel
manches engverknüpfte Liebes- und Freundschaftsband zu zerreißen
drohte. Dieser Brief brachte den Herrn Wehmüller in große Unruhe,
denn er war viermal so lange unterwegs geblieben als gewöhnlich, und
dermaßen durch die Quarantaine zerstochen und durchräuchert worden,
daß er die ohnedies nicht allzuleserliche Hand seiner guten Frau,
die mit oft gewässerter Tinte geschrieben hatte, nur mit Mühe lesen
konnte. Er eilte in die Stube seines Freundes Lury und sagte zu ihm:
»Ich muß gleich auf der Stelle fort nach Stuhlweißenburg, denn die
hochlöblichen Grenadier- und Husaren-Regimenter sind im Begriffe von
dort abzuziehen; lesen Sie, der Brief ist an fünf Wochen alt.« Der
Freund verstand ihn nicht, nahm aber den Brief und las. Wehmüller lief
sogleich zur Stube hinaus und die Treppe hinab in die Hauskapelle, um
zu sehen, ob er die neununddreißig Nationalgesichter, welche er in
Öl gemalt und dort zum Trocknen aufgehängt hatte, schon ohne große
Gefahr des Verwischens zusammenrollen könne. Ihre Trockenheit übertraf
alle seine Erwartung, denn er malte mit Terpentinfirnis, welcher
trocken wird, ehe man sich umsieht. Was übrigens diese neununddreißig
Nationalgesichter betrifft, hatte es mit ihnen folgende Bewandtnis:
sie waren nichts mehr und nichts weniger als neununddreißig Porträts
von Ungarn, welche Herr Wehmüller gemalt hatte, ehe er sie gesehen. Er
pflegte solcher Nationalgesichter immer ein halb Hundert fertig bei
sich zu führen. Kam er in einer Stadt an, wo er Gewinn durch seine
Kunst erwartete, so pflegte er öffentlich ausschellen oder austrommeln
zu lassen: der bekannte Künstler, Herr Wehmüller, sei mit einem reich
assortierten Lager wohlgetroffener Nationalgesichter angelangt und
lade diejenigen unter einem hochedlen Publikum, welche ihr Porträt
wünschten, untertänigst ein, sich dasselbe, Stück vor Stück zu einem
Dukaten in Gold, selbst auszusuchen. Er fügte sodann noch, durch wenige
Meisterstriche einige persönliche Züge und Ehrennarben, oder die
Individualität des Schnurrbarts des Käufers unentgeltlich bei, für die
Uniform aber, welche er immer ausgelassen hatte, mußte nach Maßgabe
ihres Reichtumes nachgezahlt werden.
Er hatte diese Verfahrungsart auf seinen Kunstreisen als die
befriedigendste für sich und die Käufer gefunden. Er malte die Leute
nach Belieben im Winter mit aller Bequemlichkeit zu Haus, und brachte
sie in der schönen Jahreszeit zu Markte. So genoß er des großen
Trostes, daß keiner über Unähnlichkeit oder langes Sitzen klagen
konnte, weil sich jeder sein Bildnis fertig nach bestimmtem Preise,
wie einen Weck aus dem Laden, selbst aussuchte. Wehmüller hatte
seine Gattin vorausgeschickt, um seine Ankunft in Stuhlweißenburg
vorzubereiten, während er seinen Vorrat von Porträts bei seinem Freunde
Lury zu der gehörigen Menge brachte. Er mußte diesmal in vollem Glanze
auftreten, weil er in einer Zeitung gelesen: ein Maler Froschhauer
aus Klagenfurt habe dieselbe Kunstreise vor. Dieser aber war bisher
sein Antagonist und Nebenbuhler gewesen, wenn sie sich gleich nicht
kannten, denn Froschhauer war von der entgegengesetzten Schule; er
hatte nämlich immer alle Uniformen voraus fertig, und ließ sich für die
Gesichter extra bezahlen. -- Schon hatte Wehmüller die neununddreißig
Nationalgesichter zusammengerollt, in eine große weite Blechbüchse
gesteckt, in welcher auch seine Farben und Pinsel, ein paar Hemden,
ein Paar gelbe Stiefelstulpen und eine Haarlocke seiner Frau Platz
fanden; schon schnallte er sich diese Büchse mit zwei Riemen, wie einen
Tornister, auf den Rücken, als sein Freund Lury hereintrat und ihm
den Brief mit den Worten zurückgab: »Du kannst nicht reisen, soeben
hat ein Bauer hier auf dem Hofe erzählt, daß er vor einigen Tagen
einen Fußreisenden begleitet habe, und daß dieser der letzte Mensch
gewesen sei, der über die Grenze gekommen, denn auf seinem Rückwege
hierher habe er, der Bote, schon alle Wege vom Pest-Cordon besetzt
gefunden.« Wehmüller aber ließ sich nicht mehr zurückhalten. Er schob
seine Palette unter den Wachstuchüberzug auf seinen runden Hut, wie
die Bäcker in den Zipfel ihrer gestrickten spitzen Mützen eine Semmel
zu stecken pflegen, und begann seinen Reisestab zusammen zu richten,
der ein wahres Wunder der Mechanik, wenn ich mich nicht irre, von
der Erfindung des Mechanikus Eckler in Berlin war, denn er enthielt
erstens: sich selbst, nämlich einen Reisestock; zweitens: nochmals
sich selbst, einen Malerstock; drittens: nochmals sich selbst, einen
Meßstock; viertens: nochmals sich selbst, ein Richtscheit; fünftens:
nochmals sich selbst, ein Blaserohr; sechstens: nochmals sich selbst,
ein Tabakspfeifenrohr; siebentens: nochmals sich selbst, einen
Angelstock; darin aber waren noch ein Stiefelknecht, ein Barometer,
ein Thermometer, ein Perspektiv, ein Zeichenstuhl, ein chemisches
Feuerzeug, ein Reißzeug, ein Bleistift und das Brauchbarste von allem:
eine approbierte hölzerne Hühneraugenfeile angebracht; das Ganze
aber war so eingerichtet, daß man die Masse des Inhaltes, durch den
Druck einer Feder, aus diesem Stocke wie aus einer Windbüchse seinem
Feind auf den Leib schießen konnte. Während Wehmüller diesen Stock
zusammenrichtete, machte Lury ihm die lebhaftesten Vorstellungen
wegen der Gefahr seiner Reise, aber er ließ sich nicht halten. »So
rede wenigstens mit dem Bauer selbst,« sprach Lury. Das war Wehmüller
zufrieden und ging, ganz zum Abmarsche fertig, hinab. Kaum aber waren
sie in die Schenke getreten, als der Bauer zu ihm trat und ihm den
Ärmel küssend sagte: »Nu, gnädiger Herr, wie kommen wir schon wieder
zusammen? Sie hatten ja eine solche Eile nach Stuhlweißenburg, daß ich
glaubte, Euer Gnaden müßten bald dort sein.« Wehmüller verstand den
Bauer nicht, der ihm versicherte: daß er ihn mit derselben blechernen
Büchse auf dem Rücken, und demselben langen Stocke in der Hand, nach
der ungarischen Grenze geführt habe, und zwar zu rechter Zeit, weil
kurz nachher der Weg vom Pest-Cordon geschlossen worden sei, wobei
der Mann ihm eine Menge einzelne Vorfälle der Reise erzählte, von
welchen, wie vom Ganzen, Wehmüller nichts begriff. Da aber endlich der
Bauer ein kleines Bild hervorzog mit den Worten: »Haben Euer Gnaden
mir dieses Bildchen, daß in Ihrer Büchse keinen Platz fand, nicht zu
tragen gegeben, und haben es Euer Gnaden nicht in der Eile der Reise
vergessen?« ergriff Wehmüller das Bild mit Heftigkeit. Es war das Bild
seiner Frau, ganz wie von ihm selbst gemalt, ja, der Name Wehmüller
war unterzeichnet. Er wußte nicht, wo ihm der Kopf stand. Bald sah er
den Bauer, bald Lury, bald das Bild an. »Wer gab dir das Bild?« fuhr
er den Bauer an. »Euer Gnaden selbst,« sagte dieser. »Sie wollten
nach Stuhlweißenburg zu Ihrer Liebsten, sagten Euer Gnaden, und den
Botenlohn sind mir Euer Gnaden auch schuldig geblieben.«
»Das ist erlogen!« schrie Wehmüller. »Es ist die Wahrheit!« sagte der
Bauer. »Es ist nicht die Wahrheit!« sagte Lury, »denn dieser Herr ist
seit vier Wochen nicht hier weggekommen und hat mit mir in einer Stube
geschlafen.« Der Bauer aber wollte von seiner Behauptung nicht abgehen
und drang auf die Bezahlung des Botenlohns oder die Rückgabe des
Porträts, welches sein Pfand sei, und dem er, wenn er nicht bezahle,
einen Schimpf antun wolle. Wehmüller ward außer sich. »Was?« schrie
er, »ich soll für einen andern den Botenlohn zahlen oder das Porträt
meiner Frau beschimpfen lassen, das ist entsetzlich!« Lury machte
endlich den Schiedsrichter und sagte zu dem Bauer: »Habt ihr diesen
Herrn über die Grenze gebracht?« »Ja!« sagte der Bauer. -- »Wie kommt
er denn wieder hierher, und wie war er die ganze Zeit hier?« erwiderte
Lury. »Ihr müßt ihn daher nicht recht tüchtig hinüber gebracht haben,
und könnt für so schlechte Arbeit keinen Botenlohn begehren. Bringt ihn
heute nochmals hinüber, aber dermaßen, daß auch kein Stümpfchen hier
in Kroatien bleibt, und laßt euch doppelt bezahlen.« Der Bauer sagte:
»Ich bin es zufrieden, aber es ist doch eine sehr heillose Sache; wer
von den beiden ist nun der Teufel, dieser gnädige Herr oder der andre?
Es könnte mich dieser, der viel widerspenstiger scheint, vielleicht gar
mit über die Grenze holen; auch ist der Weg jetzt gesperrt, und der
andre war der letzte. Ich glaube doch, er muß der Teufel gewesen sein,
der bei der Pest zu tun hat.« -- »Was,« schrie Wehmüller, »der Teufel
mit dem Porträt meiner Frau? Ich werde verrückt! Gesperrt oder nicht
gesperrt, ich muß fort, der scheußlichste Betrug muß entdeckt werden.
Ach, meine arme Frau, wie kann sie getäuscht werden! Adieu, Lury, ich
brauche keinen Boten, ich will schon allein finden.« Und somit lief er
zum offenen Hoftore mit solcher Schnelligkeit hinaus, daß ihn weder der
nachlaufende Bauer, noch das Geschrei Lurys einholen konnte.
Nach dieser Scene trat der Graf Giulowitsch, der Prinzipal Lurys, aus
dem Schloß, um auf seinen Finkenherd zu fahren. Lury erzählte ihm die
Geschichte, und der Graf, neugierig, mehr von der Sache zu hören,
bestieg seinen Wurstwagen und fuhr dem Maler in vollem Trabe nach. Das
leichte Fuhrwerk, mit zwei raschen Pferden bespannt, flog über die
Stoppelfelder, welche einen festeren Boden als die moorichte Landstraße
darboten. Bald war der Maler eingeholt. Der Graf bat ihn aufzusitzen
mit dem Anerbieten, ihn einige Meilen bis an die Grenze seiner Güter zu
bringen, wo er noch eine halbe Stunde nach dem letzten Grenzdorf habe.
Wehmüller der schon viel Grund und Boden an seinen Stiefeln hängen
hatte, nahm den Vorschlag mit untertänigstem Dank an. Er mußte einige
Züge alten Slibowitz aus des Grafen Jagdflasche tun, und fand dadurch
schon etwas mehr Mut, sich selbst auf der eignen Fährte zu seiner Frau
nachzueilen. Der Graf fragte ihn: »Ob er denn niemand kenne, der ihm
so ähnlich sei, und so malen könne wie er?« Wehmüller sagte: »Nein!«
und das Porträt ängstige ihn am meisten, denn dadurch zeige sich eine
Beziehung des falschen Wehmüllers auf seine Frau, welche ihm besonders
fatal werden könne. Der Graf sagte ihm: »Der falsche Wehmüller sei
wohl nur eine Strafe Gottes für den echten Wehmüller, weil dieser alle
Ungarn über einen Leisten male. So gäbe es jetzt auch mehrere Wehmüller
über einen Leisten.« Wehmüller meinte: »Alles sei ihm einerlei, aber
seine Frau, seine Frau, wenn sie sich nur nicht irre.« Der Graf stellte
ihm nochmals vor, er möge lieber mit ihm auf seinen Finkenherd und dann
zurückfahren; er gefährde, wenn er auch höchst unwahrscheinlich den
Pest-Cordon durchschleichen sollte, jenseits an der Pest zu sterben.
Wehmüller aber meinte: »Ein zweiter Wehmüller, der zu meiner Frau
reist, ist auch eine Pest, an der man sterben kann, und er wolle so
wenig als die Schneegänse, welche schreiend über ihnen hinstrichen, den
Pest-Cordon respektieren, er habe keine Ruhe, bis er bei seiner Tonerl
sei.« So kamen sie bis auf die Grenze der Giulowitschschen Güter, und
der Graf schenkte Wehmüllern noch eine Flasche Tokaier mit den Worten:
»Wenn Sie diese ausstechen, lieber Wehmüller, werden Sie sich nicht
wundern, daß man Sie doppelt gesehen, denn Sie selbst werden alles
doppelt sehen. Geben Sie uns so bald als möglich Bericht von Ihrem
Abenteuer, und möge Ihre Gemahlin anders sehen, als der Bauer gesehen
hat. Leben Sie wohl!«
Nun eilte Wehmüller, so schnell er konnte, nach dem nächsten Dorf, und
kaum war er in die kleine dumpfigte Schenke eingetreten, als die alte
Wirtin, in Husaren-Uniform, ihm entgegenschrie: »Ha, ha! da sind der
Herr wieder zurück, ich hab es gleich gesagt, daß Sie nicht durch den
Cordon würden hinüber gelassen werden.« Wehmüller sagte: daß er hier
niemals gewesen und daß er gleich jetzt erst versuchen wolle, durch den
Cordon zu kommen. Da lachte Frau Tschermack und ihr Gesinde ihm ins
Angesicht, und behaupteten steif und fest: er sei vor einigen Tagen
hier durchpassiert, von einem Giulowitscher Bauern begleitet, dem er
den Botenlohn zu zahlen vergessen; er habe ja hier gefrühstückt und
erzählt: daß er nach Stuhlweißenburg zu seiner Frau Tonerl wolle, um
dort das hochlöbliche Offizier-Korps zu malen. Wehmüller kam durch die
neue Bestätigung, daß er doppelt in der Welt herum reise, beinahe in
Verzweiflung. Er sagte der Wirtin mit kurzen Worten seine ganze Lage;
sie wußte nicht, was sie glauben sollte, und sah ihn sehr kurios an.
Es war ihr nicht allzu heimlich bei ihm. Aber er wartete alle ihre
Skrupel nicht ab, und lief wie toll und blind zum Dorfe hinaus und dem
Pest-Cordon zu.
Als er eine Viertelmeile auf der Landstraße gelaufen war, sah er
auf dem Stoppelfeld eine Reihe von Rauchsäulen aufsteigen, und ein
angenehmer Wachholdergeruch dampfte ihm entgegen. Er sah bald eine
Reihe von Erdhütten und Soldaten, welche kochten und sangen; es war ein
Hauptbiwak des Pest-Cordons. Als er sich der Schildwache näherte, rief
sie ihm ein schreckliches: »Halt!« entgegen und schlug zugleich ihr
Gewehr auf ihn an. -- Wehmüller stand wie angewurzelt. Die Schildwache
rief den Unteroffizier und nach einigen Minuten sprengte ein Szekler
Husar gegen ihn heran und schrie aus der Ferne: »Wos willstu, +quid
vis+? Wo kommst her, +unde venis+? An welchen Ort willst du, +ad quem
locum vis+? Bist du nicht vorige Woche hier durchpassiert, +es tu non
altera hebdomada hic perpassatus+?« Er fragte ihn so auf Deutsch und
Husarenlateinisch zugleich, weil er nicht wußte, ob er ein Deutscher
oder ein Ungar sei. Wehmüller mußte aus den letzten Worten des Husaren
abermals hören, daß er hier schon durchgereist sei, welche Nachricht
ihm eiskalt über den Rücken lief. Er schrie sich beinah' die Kehle
aus, daß er gerade von dem Grafen Giulowitsch komme, daß er in seinem
Leben nicht hier gewesen. Der Husar aber lachte und sprach: »Du lügst,
+mentiris+! Hast du nicht dem Herrn Chirurg sein Bild gegeben, +non
dedidisti Domino Chirurgo suam imaginem+? Daß er durch die Finger
gesehen und dich passieren lassen, +ut vidit per digitos et te fecit
passare+? Du bist zurückgekehrt aus den Pest-Örtern, +es returnatus ex
pestiferatis locis+!« Wehmüller sank auf die Kniee nieder und bat, man
möge den Chirurgen doch herbeirufen. Während dieses Gespräches waren
mehrere Soldaten um den Husaren herum getreten, zuzuhören; endlich
kam der Chirurg auch, und nachdem er Wehmüllers Klagen angehört, der
sich die Lunge fast weggeschrieen, befahl er ihm, sich einem der Feuer
von Wachholderholz zu nähern, so daß es zwischen ihnen beiden sei,
dann wolle er mit ihm reden. Wehmüller tat dies, und erzählte ihm die
ganze Aussage über einen zweiten Wehmüller, der hier durchgereist
sei, und seine große Sorge, daß ihn dieser um all sein Glück betrügen
könne, und bot dem Chirurgen alles an, was er besitze, er möge ihm
nur durchhelfen. Der Chirurg holte nun eine Rolle Wachsleinwand aus
seiner Erdhütte, und Wehmüller erblickte auf derselben eines der
ungarischen Nationalgesichter, gerade, wie er sie selbst zu malen
pflegte, auch sein Name stand drunter, und da der Chirurg sagte: »Ob
er dies Bild nicht gemalt und ihm neulich geschenkt habe, weil er ihn
passieren lassen?« gestand Wehmüller: »Er würde nie dies Bild von den
seinigen unterscheiden können, aber durchpassiert sei er hier nie, und
habe nie die Gelegenheit gehabt, den Herrn Chirurgen zu sprechen.« Da
sagte der Chirurg: »Hatten Sie nicht heftiges Zahnweh, habe ich Ihnen
nicht noch einen Zahn ausgezogen für das Bild?« »Nein, Herr Chirurg,«
erwiderte Wehmüller, »ich habe alle meine Zähne frisch und gesund, wenn
Sie zuschauen wollen.« Nun faßte der Feldscher einigen Mut; Wehmüller
sperrte das Maul auf, er sah nach und gestand ihm zu, daß er ganz
ein anderer Mensch sei; denn jetzt, da er ihn weder aus der Ferne,
noch von Rauch getrübt ansehe, müsse er ihm gestehen, daß der andere
Wehmüller viel glatter und auch etwas fetter sei, ja, daß sie beide,
wenn sie nebeneinander ständen, kaum verwechselt werden könnten; aber
durchpassieren lassen könne er ihn jetzt doch nicht. Es habe zuviel
Aufsehens bei der Wache gemacht, und er könne Verdruß haben. Morgen
früh werde aber der Cordon-Kommandant mit einer Patrouille bei der
Visitation hierher kommen, und da ließe sich sehen, was er für ihn
tun könne. Er möge bis dahin nach der Schenke des Dorfes zurückkehren,
er wolle ihn rufen lassen, wenn es Zeit sei. Er solle auch das Bild
mitnehmen und ihm den Schnauzbart etwas spitzer malen, damit es ganz
ähnlich werde. Wehmüller bat: in seiner Erdhütte einen Brief an sein
Tonerl schreiben zu dürfen, und ihm den Brief hinüber zu besorgen. Der
Chirurg war es zufrieden. Wehmüller schrieb seiner Frau, erzählte ihr
sein Unglück, bat sie um Gotteswillen, nicht den falschen Wehmüller
mit ihm zu verwechseln und lieber sogleich ihm entgegen zu reisen. Der
Chirurg besorgte den Brief und gab Wehmüllern noch ein Attestat, daß
seine Person eine ganz andere sei, als die des ersten Wehmüllers, und
nun kehrte unser Maler, durchgeräuchert wie ein Quarantaine-Brief, nach
der Dorfschenke zurück.
Hier war die Gesellschaft vermehrt. Die Erzählung von dem
doppelten Wehmüller hatte sich im Dorf und auf einem benachbarten
Edelhof ausgebreitet, und es waren allerlei Leute bei der Wirtin
zusammengekommen, um sich wegen der Geschichte zu befragen. Unter
dieser Gesellschaft waren ein alter invalider Feuerwerker und ein
Franzose die Hauptpersonen. Der Feuerwerker, ein Venetianer von
Geburt, hieß Baciochi, und war ein Alles in Allem bei dem Edelmanne,
der einen Büchsenschuß von dem Dorfe wohnte. Der Franzose war ein
Monsieur Devillier, der, von einer alten reichen Ungarin gefesselt,
in Ungarn sitzen geblieben war; seine Gönnerin starb und hinterließ
ihm ein kleines Gütchen, auf welchem er lebte, und sich bei seinen
Nachbarn umher mit der Jagd und allerlei Liebeshändeln die Zeit
vertrieb. Er hatte gerade eine Kammerjungfer auf dem Edelhofe besucht,
der er Sprachunterricht gab, und diese hatte ihn mit dem Hofmeister
des jungen Edelmanns auf seinem Rückweg in die Schenke begleitet, um
ihrer Herrschaft von dem doppelten Wehmüller Bericht zu erstatten. Die
Kammerjungfer hieß Nanny und der Hofmeister war ein geborener Wiener,
mit Namen Lindpeindler, ein zartfühlender Dichter, der oft verkannt
worden ist. Die berühmteste Person von allen war aber der Violinspieler
Michaly, ein Zigeuner von etwa dreißig Jahren, von eigentümlicher
Schönheit und Kühnheit, der, wegen seines großen Talents, alle
möglichen Tänze ununterbrochen auf seiner Violine zu erfinden und zu
variieren, bei allen großen Hochzeiten im Lande allein spielen mußte.
Er war hierher gereist, um seine Schwester zu erwarten, die bis jetzt
bei einer verstorbenen Großmutter gelebt und nun auf der Reise zu ihm
durch den Pest-Cordon von ihm getrennt war.
Zu diesen Personen fügte sich noch ein alter kroatischer Edelmann,
der einen einsamen Hof in der Nähe der türkischen Grenze besaß; er
übernachtete hier, von einem Kreistage zurückkehrend. Ein tiroler
Teppichkrämer und sein Reisegeselle, ein Savoyardenjunge, dem sein
Murmeltier gestorben war, und der sich nach Hause bettelte, machten die
Gesellschaft voll, außer der alten Wirtin, die Tabak rauchte und in
ihrer Jugend als Amazone unter den Wurmserschen Husaren gedient hatte.
Sie trug noch den Dolman und die Mütze, die Haare in einem Zopf am
Nacken und zwei kleine Zöpfe an den Schläfen geknüpft, und hatte hinter
ihrem Spinnrad ein martialisches Ansehen. Diese bunte Versammlung
saß in der Stube, welche zugleich die Küche und der Stall für zwei
Büffelkühe war, um den lodernden niedern Feuerherd, und war im vollen
Gespräch über den doppelten Wehmüller, als dieser in der Dämmerung
an der verschlossenen Haustüre pochte. Die Wirtin fragte zum Fenster
hinaus, und als sie Wehmüller sah, rief sie: »Gott steh' uns bei! Da
ist noch ein dritter Wehmüller; ich mache die Tür nicht eher auf, bis
sie alle drei zusammen kommen!« Ein lautes Gelächter und Geschrei des
Verwunderns aus der Stube unterbrach des armen Malers Bitte um Einlaß.
Er nahte sich dem Fenster und hörte eine lebhafte Beratschlagung über
sich an. Der kroatische Edelmann behauptete: er könne sehr leicht
ein Vampir sein oder die Leiche des ersten an der Pest verstorbenen
Wehmüllers, die hier den Leuten das Blut aussaugen wolle. Der
Feuerwerker meinte: er könne die Pest bringen, er habe wahrscheinlich
den Cordon überschritten und sei wieder zurückgeschlichen. Der Tiroler
bewies: er würde niemand fressen. Die Kammerjungfer verkroch sich
hinter dem Franzosen, der, nebst dem Hofmeister, die Gastfreiheit und
Menschlichkeit verteidigte. Devillier sagte: er könne nicht erwarten,
daß eine so auserwählte Gesellschaft wie die, in der er sich befinde,
jemals aus Furcht und Aberglauben die Rechte der Menschheit so sehr
verletzen werde, einen Fremden wegen einer bloßen Grille auszusperren;
er wolle mit dem Manne reden. Der Zigeuner aber ergriff in dem
allgemeinen, ziemlich lauten Wortwechsel seine Violine und machte ein
wunderbares Schariwari dazu, und da die ungarischen Bauern nicht leicht
eine Fiedel hören, ohne den Tanzkrampf in den Füßen zu fühlen, so
versammelte sich bald Horia und Klotzka vor der Schenke, -- was so viel
heißt: als Hinz und Kunz bei uns zu Lande, -- die Mädchen wurden aus
den Betten getrieben und vor die Schenke gezogen, und sie begannen zu
jauchzen und zu tanzen.
Durch den Lärm ward der Vizegespann, des Orts Obrigkeit, herbeigelockt,
und Wehmüller brachte ihm seine Klagen und das Attestat des Chirurgen
vor, versprach ihm auch, sein Porträt unter den Nationalgesichtern
sich aussuchen zu lassen, wenn er ihm ein ruhiges Nachtquartier
verschaffe und seine Persönlichkeit in der Schenke attestiere. Der
Vizegespann ließ sich nun die Schenke öffnen und las drinnen das
Attestat des Herrn Chirurgen, das er allen Anwesenden zur Beruhigung
mitteilte. Durch seine Autorität brachte er es dahin, daß Wehmüller
endlich hereingelassen wurde, und er nahm, um der Sache mehr Ansehen zu
geben, ein Protokoll über ihn auf, an dem nichts merkwürdig war, als
daß es mit dem Worte »Sondern« anfing. Indessen hatten die Bauern den
musikalischen Zigeuner herausgezerrt und waren mit ihm unter die Linde
des Dorfes gezogen, der Tiroler zog hinterdrein und jodelte aus der
Fistel, der Savoyarde gurgelte sein »Escoutta Gianetta« und klapperte
mit dem Deckel seines leeren Kastens den Takt dazu bis unter die Linde.
Monsieur Devillier forderte die Kammerjungfer zu einem Tänzchen auf,
und Herr Lindpeindler gab der schönen Herbstnacht und dem romantischen
Eindrucke nach. So war die Stube ziemlich leer geworden. Wehmüller
holte seine Nationalgesichter aus der Blechbüchse, und der Vizegespann
hatte bald sein Porträt gefunden, versprach auch dem Maler ins Ohr:
daß er ihm morgen über den Cordon helfen wolle, wenn er ihm heute
Nacht noch eine Reihe Knöpfe mehr auf die Jacke male. Wehmüller dankte
ihm herzlich und begann sogleich bei einer Kienfackel seine Arbeit.
Der Feuerwerker und der kroatische Edelmann rückten zu dem Tisch, auf
welchem Wehmüller seine Flasche Tokaier Preis gab. Die Herren drehten
sich die Schnauzbärte, steckten sich die Pfeifen an und ließen es sich
wohl schmecken. Der Vizegespann sprach von der Jagdzeit, die am St.
Egiditage, da der Hirsch in die Brunst gehe, begonnen habe, und daß er
morgen früh nach einem Vierzehnender ausgehen wolle, der ihm großen
Schaden in seinem Weinberge getan, zugleich lud er Herrn Wehmüller
ein, mitzugehen, wobei er ihm auf den Fuß trat. Wehmüller verstand,
daß dies ein Wink sei, wie er ihm über den Cordon helfen wolle, und
wenn ihm gleich nicht so zu Mute war, gern von Hirschgeweihen zu
hören, nahm er doch das Anerbieten mit Dank an, nur bat er sich die
Erlaubnis aus, nach der Rückkehr das Bild des Herrn Vizegespanns in
seinem Hause fertig malen zu dürfen. Der kroatische Edelmann und der
Feuerwerker sprachen nun noch mancherlei von der Jagd, und wie der Wein
so vortrefflich stehe, darum sei das Volk auch so lustig; wenn der
unbequeme Pest-Cordon nur erst aufgelöst sei, aller Verkehr sei durch
ihn gestört, und der Cordon sei eigentlich ärger als die Pest selbst.
»Es wird bald aus sein mit dem Cordon,« sagte der Kroate, »die Kälte
ist der beste Doktor, und ich habe heute an den Eicheln gesehen, daß es
einen strengen Winter geben wird; denn die Eicheln kamen heuer früh und
viel, und es heißt von den Eicheln im September:
>Haben sie Spinnen, so kömmt ein bös Jahr,
Haben sie Fliegen, kömmt Mittelzeit zwar,
Haben sie Maden, so wird das Jahr gut,
Ist nichts darin, so hält der Tod die Hut.
Sind die Eicheln früh und sehr viel,
So schau, was der Winter anrichten will:
Mit vielem Schnee kömmt er vor Weihnachten,
Darnach magst du große Kälte betrachten.
Sind die Eicheln schön innerlich,
Folgt ein schöner Sommer, glaub' sicherlich;
Auch wird dieselbe Zeit wachsen schön Korn,
Also ist Müh' und Arbeit nicht verlor'n.
Werden sie innerlich naß befunden,
Tut's uns einen nassen Sommer bekunden;
Sind sie mager, wird der Sommer heiß,
Das sei dir gesagt mit allem Fleiß.<
Diesen September waren sie aber so früh und häufig, daß es gewiß bald
kalt, und der Frost die Pest schon vertilgen wird.« »Ganz recht,« sagte
der Vizegespann, »wir werden einen frühen Winter und einen schönen
Herbst haben; denn tritt der Hirsch an einem schönen Egiditag in
Brunst, so tritt er auch an einem schönen Tage heraus, und wenn er
früh eintritt, wie dieses Jahr, so naht der Winter auch früh.« Über
diesen Wetterbetrachtungen kamen sie auf kalte Winter zu sprechen, und
der Kroate erzählte folgende Geschichte, die ihm vor einigen Jahren im
kalten Winter in der Christnacht geschehen sein sollte, und er beschwor
sie hoch und teuer. Aber eben, als er beginnen wollte, schallte ein
großer Spektakel von der Linde her. Lindpeindler und die Kammerjungfer
stürzten mit dem Geschrei in die Stube: auf dem Tanzplatze sei wieder
ein Wehmüller erschienen. »Ach,« schrie die Kammerjungfer, »er hat mich
wie ein Gespenst angepackt und ist mit mir so entsetzlich unter der
Linde herumgetanzt, daß mir die Haube in den Zweigen blieb.« Auf diese
Aussage sprangen alle vom Tisch auf und wollten hinausstürzen. Der
Vizegespann aber gebot dem Maler sitzen zu bleiben, bis man wisse, ob
er oder der andere es sei.
Da näherte sich das Spektakel, und bald trat der Zigeuner lustig
fiedelnd, von den krähenden Bauern begleitet, mit dem neuen Wehmüller
vor die Schenke. Da klärte sich denn bald der Scherz auf. Devillier
hatte den grauen Reisekittel und den Hut Wehmüllers im hinausgehen
aufgesetzt und ein altes blechernes Ofenrohr, das in einem Winkel lag,
umgehängt, die furchtsame Kammerjungfer zu erschrecken. Nanny ward
sehr ausgelacht, und der Vizegespann befahl nun den Leuten, zu Bette
zu gehen. Da aber einige noch tanzen wollten und grob wurden, rief er
nach seinen Heiducken, setzte selbst eine Bank vor die Türe, legte
eigenhändig einen frechen Burschen über und ließ ihm fünf aufzählen,
auf welche kleine Erfrischung die ganze Ballgesellschaft mit einem
lauten: »+Vivat noster Dominus Vicegespannus!+« jubelnd nach Hause
zog. Nun ordnete sich die übrige Gesellschaft in der engen Stube, wie
es gehen wollte, um Tisch und Herd, auf Kübeln und Tonnen und den zur
Nachtstreue von der Wirtin angeschleppten Strohbündeln. Devillier ließ
einige Krüge Wein bringen, und der erschrockenen Kammerjungfer wurde
auf den Schreck wacker zugetrunken. Man bat dann den Kroaten, seine
versprochene Geschichte zu erzählen, welcher, während Wehmüller in
schweren Gedanken an sein Tonerl Köpfe malte, also begann:
Das Pickenick des Katers Mores.
Erzählung des kroatischen Edelmannes.
»Mein Freihof liegt einsam, eine halbe Stunde von der türkischen
Grenze, in einem sumpfigten Walde, wo alles im herrlichsten und
fatalsten Überfluß ist, zum Beispiel: die Nachtigallen, die einen immer
vor Tag aus dem Schlafe wecken, und im letzten Sommer pfiffen die
Bestien so unverschämt nah und in solcher Menge vor meinem Fenster,
daß ich einmal im größten Zorne den Nachttopf nach ihnen warf. Aber
ich kriegte bald einen Hausgenossen, der ihnen auf den Dienst paßte
und mich von dem Ungeziefer befreite. Heut' sind es drei Jahre, als
ich morgens auf meinen Finkenherd ging mit einem Pallasch, einer guten
Doppelbüchse und einem Paar doppelten Pistolen versehen, denn ich hatte
einen türkischen Wildpretdieb und Händler auf dem Korne, der mir seit
einiger Zeit großen Wildschaden angetan und mir, da ich ihn gewarnt
hatte, trotzig hatte sagen lassen: er störe sich nicht an mir, und
wolle unter meinen Augen in meinem Walde jagen.
Als ich nach dem Finkenherde kam, fand ich alle meine ausgestellten
Dohnen und Schlingen ausgeleert, und merkte, daß der Spitzbube mußte
dagewesen sein. Erbittert stellte ich meinen Fang wieder auf. Da strich
ein großer schwarzer Kater aus dem Gesträuche murrend zu mir her,
und machte sich so zutunlich, daß ich seinen Pelz mit Wohlgefallen
ansah, und ihn liebkosete mit der Hoffnung, ihn an mich zu gewöhnen
und mir etwa aus seinen Winterhaaren eine Mütze zu machen. Ich habe
immer so eine lebendige Wintergarderobe im Sommer in meinem Revier,
ich brauche darum kein Geld zum Kürschner zu tragen, es kommen
mir auch keine Motten in mein Pelzwerk. Vier Paar tüchtige lederne
Hosen laufen immer als lebendige Böcke auf meinem Hofe, und mitten
unter ihnen ein herrlicher Dudelsack, der sich jetzt als lebendiger
Bock schon so musikalisch zeigt, daß die zu einzelnen Hosenbeinen
bestimmten Kandidaten, sobald er mäckernd unter sie tritt, zu tanzen
und gegeneinander zu stutzen anfangen, als fühlten sie jetzt schon ihre
Bestimmung: einst mit meinen Beinen nach diesem Dudelsack ungarisch zu
tanzen. So habe ich auch einen neuen Reisekoffer als Wildsau in meinem
Forste herumlaufen. Ein prächtiger Wolfspelz hat mir im letzten Winter
in der Gestalt von sechs tüchtigen Wölfen schon auf den Leib gewollt;
die Bestien hatten mir ein tüchtiges Loch in die Kammertüre genagt, da
fuhr ich einem nach dem andern durch ein Loch über der Türe mit einem
Pinsel voll Ölfarbe über den Rücken, und erwarte sie nächstens wieder,
um ihnen das Fell über die Ohren zu ziehen. Aus solchen Gesichtspunkten
sah ich auch den schwarzen Kater an, und gab ihm, teils weil er schwarz
wie ein Mohr war, teils, weil er gar vortreffliche Mores oder Sitten
hatte, den Namen Mores. Der Kater folgte mir nach Hause und wußte sich
so vortrefflich durch Mäusefangen und Verträglichkeit mit meinen Hunden
auszuzeichnen, daß ich den Gedanken, ihn aus seinem Pelze zu treiben,
bald aufgegeben hatte. Mores war mein steter Begleiter, und nachts
schlief er auf einem ledernen Stuhle neben meinem Bette. Merkwürdig war
es mir besonders an dem Tiere, daß es, als ich ihm scherzhaft einigemal
bei Tag Wein aus meinem Glase zu trinken anbot, sich gewaltig dagegen
sträubte, und ich es doch einst im Keller erwischte, wie es den Schwanz
ins Spundloch hängte und dann mit dem größten Appetit ableckte. Auch
zeichnete sich Mores vor allen Katzen durch seine Neigung, sich zu
waschen, aus, da doch sonst sein Geschlecht eine Feindschaft gegen das
Wasser hat. Alle diese Absonderlichkeiten hatten den Mores in meiner
Nachbarschaft sehr berühmt gemacht, und ich ließ ihn ruhig bei mir aus
und ein gehen, er jagte auf seine eigene Hand, und kostete mich nichts
als Kaffee, den er über die Maßen gern soff.
So hatte ich meinen Gesellen bis gegen Weihnachten immer als
Schlafkameraden gehabt, als ich ihn die zwei letzten Tage und Nächte
vor dem Christtage ausbleiben sah. Ich war schon an den Gedanken
gewöhnt, daß ihn irgend ein Wildschütze, vielleicht gar mein türkischer
Grenznachbar, möge weggeschossen oder gefangen haben, und sendete
deswegen einen Knecht hinüber zu dem Wildhändler, um etwas von dem
Mores auszukundschaften. Aber der Knecht kam mit der Nachricht zurück,
daß der Wildhändler von meinem Kater nichts wisse, daß er eben von
einer Reise von Stambul zurückgekommen sei, und seiner Frau eine
Menge schöner Katzen mitgebracht habe; übrigens sei es ihm lieb, daß
er von meinem trefflichen Kater gehört, und wolle er auf alle Weise
suchen, ihn in seine Gewalt zu bringen, da ihm ein tüchtiger Bassa
für sein Serail fehle. Diese Nachricht erhielt ich mit Verdruß am
Weihnachtsabend, und sehnte mich um so mehr nach meinem Mores, weil
ich ihn dem türkischen Schelm nicht gönnte. Ich legte mich an diesem
Abend früh zu Bette, weil ich in der Mitternacht eine Stunde Weges nach
der Kirche in die Metten gehen wollte. Mein Knecht weckte mich zur
gehörigen Zeit. Ich legte meine Waffen an und hängte meine Doppelbüchse
mit dem gröbsten Schrote geladen um. So machte ich mich auf den Weg,
in der kältesten Winternacht, die ich je erlebt; ich war eingehüllt
wie ein Pelznickel, die brennende Tabakspfeife fror mir einigemal ein,
der Pelz um meinen Hals starrte von meinem gefrornen Hauch wie ein
Stachelschwein, der feste Schnee knarrte unter meinen Stiefeln, die
Wölfe heulten rings um meinen Hof, und ich befahl meinen Knechten: Jagd
auf sie zu machen.
So war ich bei sternheller Nacht auf das freie Feld hinausgekommen
und sah schon in der Ferne eine Eiche, die auf einer kleinen Insel
mitten in einem zugefrornen Teiche stand und etwa die Hälfte des Weges
bezeichnete, den ich zum Kirchdorfe hatte. Da hörte ich eine wunderbare
Musik, und glaubte anfangs, es sei etwa ein Zug Bauern, der mit einem
Dudelsack sich den Weg zur Kirche verkürzte, und so schritt ich derber
zu, um mich an diese Leute anzuschließen. Aber je näher ich kam, je
toller war die kuriose Musik; sie löste sich in ein Gewimmer auf, und
schon dem Baume nah hörte ich, daß die Musik von demselben herunter
schallte. Ich nahm mein Gewehr in die Hand, spannte den Hahn und
schlich über den festen Teich auf die Eiche los: was sah ich, was hörte
ich? Das Haar stand mir zu Berge; der ganze Baum saß voll schrecklich
heulender Katzen, und in der Krone thronte mein Herr Mores mit krummem
Buckel und blies ganz erbärmlich auf einem Dudelsack, wozu die Katzen
unter gewaltigem Geschrei um ihn her durch die Zweige tanzten. Ich
war anfangs vor Entsetzen wie versteinert, bald aber zwickte mich
der Klang des Dudelsackes so sonderbar in den Beinen, daß ich selbst
anfing zu tanzen und beinahe in eine von Fischern gehauene Eisöffnung
fiel. Da tönte aber die Mettenglocke durch die helle Nacht; ich kam
zu Sinnen und schoß die volle Schrotladung meiner Doppelbüchse in den
vermaledeiten Tanzchor hinein, und in demselben Augenblicke fegte die
ganze Tanzgesellschaft wie ein Hagelwetter von der Eiche herunter und
wie ein Bienenschwarm über mich weg, so daß ich auf dem Eis ausglitt
und platt niederstürzte. Als ich mich aufraffte, war das Feld leer, und
ich wunderte mich, daß ich auch keine einzige von den Katzen getroffen
unter dem Baume fand. Der ganze Handel hatte mich so erschreckt und
so wunderlich gemacht, daß ich es aufgab, nach der Kirche zu gehen;
ich eilte nach meinem Hofe zurück und schoß meine Pistolen mehreremal
ab, um meine Knechte herbeizurufen. Sie nahten mir bald auf dieses
verabredete Zeichen; ich erzählte ihnen mein Abenteuer, und der eine,
ein alter erfahrener Kerl, sagte: »Sein Ihr Gnaden nur ruhig, wir
werden die Katzen bald finden, die Ihr Gnaden geschossen haben.« Ich
machte mir allerlei Gedanken, und legte mich zu Hause, nachdem ich auf
den Schreck einen warmen Wein getrunken hatte, zu Bett.
Als ich gegen Morgen ein Geräusch vernahm, erwachte ich aus dem
unruhigen Schlaf, und siehe da: mein vermaledeiter Mores lag -- mit
versengtem Pelz -- wie gewöhnlich, neben mir auf dem Lederstuhl. Es
lief mir ein grimmiger Zorn durch alle Glieder. Passaveanelkiteremtete!
schrie ich, vermaledeite Zaubercanaille! bist du wieder da? und
griff nach einer neuen Mistgabel, die neben meinem Bette stand.
Aber die Bestie stürzte mir an die Kehle und würgte mich; ich schrie
Zetermordio. Meine Knechte eilten herbei mit gezogenen Säbeln, und
fegten nicht schlecht über meinen Mores her, der an allen Wänden
hinauf fuhr, endlich das Fenster zerstieß und dem Walde zustürzte,
wo es vergebens war, das Untier zu verfolgen; doch waren wir gewiß,
daß Herr Mores seinen Teil Säbelhiebe weg habe, um nie wieder auf dem
Dudelsacke zu blasen. Ich war schändlich zerkratzt, und der Hals und
das Gesicht schwoll mir gräßlich an. Ich ließ nach einer slavonischen
Viehmagd rufen, die bei mir diente, um mir einen Umschlag von ihr
kochen zu lassen, aber sie war nirgends zu finden, und ich mußte nach
dem Kirchdorfe fahren, wo ein Feldscher wohnte.
Als wir an die Eiche kamen, wo das nächtliche Konzert gewesen war,
sahen wir einen Menschen darauf sitzen, der uns erbärmlich um Hilfe
anflehte. Ich erkannte bald Mladka, die slavonische Magd; sie hing
halb erfroren mit den Röcken in den Baumästen verwickelt, und das Blut
rann von ihr nieder in den Schnee; auch sahen wir blutige Spuren von
da her, wo mich die Katzen über den Haufen geworfen, nach dem Walde
zu. Ich wußte nun, wie es mit der Slavonierin beschaffen war, ließ sie
schwebend, daß sie die Erde nicht berührte, auf den Wurstwagen tragen
und festbinden, und fuhr eilend mit der Hexe nach dem Dorf. Als ich
bei dem Chirurg ankam, wurde gleich der Vizegespann und der Pfarrer des
Ortes gerufen, alles zu Protokoll genommen, und die Magd Mladka ward
ins Gefängnis geworfen. Sie ist zu ihrem Glück an dem Schuß, den sie
im Leibe hatte, gestorben, sonst wäre sie gewiß auf den Scheiterhaufen
gekommen. Sie war ein wunderschönes Weibsbild, und ihr Skelett ist nach
Pest ins Naturalienkabinett als ein Muster schönen Wachstumes gekommen;
sie hat sich auch herzlich bekehrt und ist unter vielen Tränen
gestorben. Auf ihre Aussagen sollten verschiedene andere Weibspersonen
in der Gegend gefangen genommen werden, aber man fand zwei tot in ihren
Betten, die andern waren entflohen. -- Als ich wieder hergestellt
war, mußte ich mit einer Kreis-Kommission über die türkische Grenze
reisen. Wir meldeten uns bei der Obrigkeit mit unserer Anzeige gegen
den Wildhändler, aber da kamen wir schier in eine noch schlimmere
Suppe, es wurde uns erklärt: daß der Wildhändler nebst seiner Frau und
mehreren türkischen, serbischen und slavonischen Mägden und Sklavinnen
von Schrotschüssen und Säbelhieben verwundet zu Haus angekommen, und
daß der Wildhändler gestorben sei mit der Angabe: er sei, von einer
Hochzeit kommend, auf der Grenze von mir überfallen und so zugerichtet
worden. Während dies angezeigt wurde, versammelte sich eine Menge
Volks, und die Frau des Wildhändlers mit mehreren Weibern und Mägden,
verbunden und bepflastert, erhoben ein mörderliches Geschrei gegen uns.
Der Richter sagte: er könne uns nicht schützen, wir möchten sehen, daß
wir fortkämen. Da eilten wir nach dem Hofe, sprangen zu Pferde, nahmen
den Kreis-Kommissar in die Mitte, ich setzte mich an die Spitze der
sechs Szekler Husaren, die uns begleitet hatten, und so sprengten wir,
Säbel und Pistole in der Hand, früh genug zum Orte hinaus, um nicht
mehr zu erleiden als einige Steinwürfe und blinde Schüsse, eine Menge
türkischer Flüche mit eingerechnet. Die Türken verfolgten uns bis über
die Grenze, wurden aber von den Szeklern, die sich im Walde setzten,
so zugerichtet, daß wenigstens ein paar von ihnen dem Wildhändler in
Mohammeds Paradies Nachricht von dem Erfolge werden gegeben haben. Als
ich nach Hause kam, war das erste, daß ich meinen Dudelsack visitierte,
den ich auch mit drei Schroten durchlöchert hinter meinem Bette liegen
fand. Mores hatte also auf meinem eigenen Dudelsack geblasen, und war
von ihm gegen meinen Schuß gedeckt worden.
Ich hatte mit der unseligen Geschichte noch viele Schererei. Ich wurde
weitläufig zu Protokoll vernommen; es kam eine Kommission nach der
andern auf meinen Hof und ließ sich tüchtig aufwarten; die Türken
klagten wegen Grenzverletzung, und ich mußte es mir am Ende noch
mehrere Stücke Wild und ein ziemliches Geld kosten lassen, daß die
Gerichtsplackerei endlich einschlief, nachdem ich und meine Knechte
vereidigt worden waren. Trotzdem wurde ich mehrmals vom Kreis-Physikus
untersucht: ob ich auch völlig bei Verstand sei, und dieser kam nicht
eher zur völligen Gewißheit darüber, bis ich ihm ein paar doppelte
Pistolen und seiner Frau eine Verbrämung von schwarzem Fuchspelz und
mehrere tüchtige Wildbraten zugeschickt hatte. So wurde die Sache
endlich still, um aber in etwas auf meine Kosten zu kommen, legte ich
eine Schenke unter der Eiche auf der Insel in dem Teich an, wo seither
die Bauern und Grenznachbarn aus der Gegend sich Sonntags im Sommer
viel einstellen und den ledernen Stuhl, worauf Mores geschlafen, und an
den ich ein Stück seines Schweifes, das ihm die Knechte in der Nacht
abgehauen, genagelt habe, besehen. Den Dudelsack habe ich flicken
lassen, und mein Knecht, der den Wirt dort macht, pflegt oben in der
Eiche, wo Mores gesessen, darauf den Gästen, die um den Baum tanzen,
vorzuspielen. Ich habe schon ein schönes Geld da eingenommen, und wenn
mich die Herrschaften einmal dort besuchen wollen, so sollen sie gewiß
gut bedient werden.« --
Diese Erzählung, welche der Kroat mit dem ganzen Ausdrucke der
Wahrheit vorgebracht hatte, wirkte auf die verschiedenste Weise in
der Gesellschaft. Der Vizegespann, der Tiroler und die Wirtin hatten
keinen Zweifel, und der Savoyarde zeigte seine Freude, daß man noch
kein Beispiel gehabt habe, ein Murmeltier sei eine Hexe gewesen.
Lindpeindler äußerte: es möge an der Geschichte wahr sein, was da
wolle, so habe sie doch eine höhere poetische Wahrheit. Sie sei in
jedem Falle wahr, insofern sie den Charakter der Einsamkeit, Wildnis
und der türkischen Barbarei ausdrücke; sie sei durchaus für den Ort,
auf welchem sie spiele, scharf bezeichnend und mythisch, und darum
dort wahrer als irgend eine Lafontainesche Familiengeschichte. Aber
es verstand keiner der Anwesenden, was Lindpeindler sagen wollte, und
Devillier leugnete ihm gerade ins Gesicht, daß Lafontaine irgend eine
seiner Fabeln jemals für eine wahre Familiengeschichte ausgegeben habe.
Lindpeindler schwieg und wurde verkannt.