Er kaufte die Blumen und begab sich zu ihr. Als er dann aber vor ihr

stand, wurde er sehr rot, denn plötzlich hatte er das Gefühl: Heute

kommt es zur Entscheidung. Wie sie dies sah, errötete sie ebenfalls.

Beide waren einsilbig; ihr klopfte das Herz, während er nach innen

lauschte, ob seines auch klopfte. Wirklich klopfte es. -- Setzen Sie

sich dort auf das Sofa! sagte sie, und er merkte, wie ihre Stimme

sonderbar beherrscht klang. Er erfüllte ihre Bitte sogleich, legte die

Hände auf die Knie und sah sie stumm an. Sie lächelte nervös und strich

sich das Haar zurück. Dann saß sie ebenfalls. -- Sie sind ein

sonderbarer Mensch! sagte sie endlich. -- Wieso? fragte er, überrascht,

plötzlich in seinem gewöhnlichen Tone. -- Wie -- so? wiederholte er,

grübelnder, nachdenklicher, da ihm sein erster Ton selbst zu nüchtern

geklungen hatte. -- Ich halte Sie für einen ganz, ganz verschlossenen

Charakter! -- Ja, das ist wohl wahr! entgegnete er, mit einem schweren

Blick ins Leere. Schon in meiner Kindheit litt ich selbst darunter. --

Also Sie leiden darunter?! -- Natürlich, man empfindet es oft doch sehr

schwer! -- Mir geht es ähnlich! sagte sie nach einer Pause, tragisch. --

Das habe ich aber nicht empfunden, mir gegenüber. -- Wirklich? Wie

meinen Sie das?? -- Ich habe das Gefühl, als wenn Sie gegen mich nicht

so verschlossen wären! -- Ach so, ja ja! sagte sie, als enthielten seine

Worte eine Offenbarung; jawohl, das hängt von den Menschen ab. Gegen

zwei Menschen bin ich nicht verschlossen: gegen Sie und gegen meine

Mutter! das heißt -- sie brach ab. Er sah sie fragend an. -- Das heißt,

sagte sie lauter, stoßweise: das heißt, gegen meine Mutter bin ich jetzt

auch verschlossen, und gegen Sie möchte ich es auch sein, aber was soll

ich machen -- -- ^c'est plus fort que moi^!! -- Bin ich Ihnen solches

Vertrauens wert? fragte Fox, und erinnerte sich dunkel, daß er das

einmal irgendwann auf der Bühne gesagt hatte. Daß auch die kalte

Wirklichkeit immer wieder hereinspielte in die Gedanken, selbst in den

höchsten Augenblicken des Lebens! -- Ja! sagte sie, indem sie ihm ihr

Gesicht voll zuwendete, das sind Sie mir! Seit dem ersten Augenblick wo

ich Sie sah, waren Sie mir das! -- Was sollte er darauf antworten? --

Sie sind es mir ebenfalls, sagte er. -- O Sie Kind, rief sie, Sie großes

ungelenkes Kind, haben Sie mir nichts anderes zu sagen als das? -- Ich

könnte noch vieles hinzufügen, aber daran hindert mich das Gefühl, daß

ich nicht weiß, wie Sie dies aufnehmen werden! -- Ich, ich nehme alles

freudig auf, von Ihnen alles!

Fox sah sie an. Jetzt sollte das Schicksal sich entscheiden; und dies

Gefühl vor der Wucht des Augenblicks, der im Leben eines jeden nur

einmal vorkommt -- oder vorkommen sollte -- erschütterte ihn. Er sah

gleichsam auf sich selbst herab, wie von einer fernen Warte der Zeit,

auf sein eigenes Menschenleben, und seine Augen wurden feucht. -- Sie

wissen es ja längst, sagte er mit belegter Stimme, daß ich Sie liebe,

daß ich Sie vom ersten Moment an geliebt habe! Sie war aufgestanden, er

hatte sich ebenfalls erhoben und sah mit seinen blauen Augen in vollster

Ehrlichkeit auf sie herab, die mit etwas emporgehobenem Kopfe vor ihm

stand. Da schlang sie die Arme um ihn und legte ihren Kopf an seine

Brust: O wie ich mich danach gesehnt habe! flüsterte sie. Als Antwort

drückte er sie fester an sich. -- Eigentlich ist sie etwas klein! sagte

eine Traumstimme aus der Wirklichkeit zu ihm, aber er hörte sie nicht.

Nun bist du mein, mein Lieb! jauchzte er im Gefühl jubelnden Besitzes,

mein auf immerdar! In all ihrer Seligkeit mußte sie lachen: Ach du Kind,

du kennst ja die Liebe nur aus Büchern und denkst, du mußt nun auch so

sprechen wie die Helden in Romanen! Küsse mich ein einziges Mal, das ist

besser als alle Worte! -- Sie reckte sich etwas in die Höhe, und den

Bund dieser beiden Menschen, die sich durch die Wechselfälle des Lebens

zueinander gefunden hatten, besiegelte der erste Kuß.

Zwölftes Kapitel.

Fox sagte eines Tages, er habe einen Brief für Pitt: Du mußt

entschuldigen, daß ich ihn geöffnet habe; er kam in die Redaktion, wurde

für mich abgegeben, und da ist es nicht verwunderlich, wo ich jetzt

sowieso Hunderte von Glückwünschen zu meiner Verlobung bekomme, die

überall wie eine Bombe eingeschlagen hat: Geschäftsbriefe, Glückwünsche,

Telegramme, Bettelbriefe -- das fliegt nur so. -- Ja, sagte Pitt, mit

deiner Braut hast du einen schönen Erfolg gehabt! Fox nickte: Und herzig

niedlich ist meine Braut doch, was? Und so neckisch! -- Pitt reichte ihm

die Hand und wollte gehen. Halt! rief Fox; seinen Brief vergißt dieser

Mensch natürlich mitzunehmen! -- und er gab ihn seinem Bruder.

Der Brief war von Elfriede, sie bat Pitt, zu ihr zu kommen. Ihm war wie

im Traume, als er auf ihre Schriftzüge sah.

Mehrere Jahre hatten Pitt und Elfriede sich nicht gesehen. Wozu, wozu

soll ich jetzt zu ihr gehen, dachte er, ich beunruhige sie und mich von

neuem, und scheitere abermals an mir selbst; ich habe mich nicht

geändert, ich bin genau so wie ich immer war. --

Elfriede hatte ihr Studium längst beendet; der letzte Winter war mit

Konzertreisen hingegangen, ein Ziel, das ihr früher so hoch erschien,

und das sie nun, wo sie es erreicht hatte, ernüchterte, enttäuschte,

trotz der Erfolge, die sie hatte. Sie war nach Hause zurückgekehrt, auf

unbestimmte Zeit, und Frau van Loo wollte sie so bald nicht wieder gehen

lassen, die sie in der Mitte ihrer Ehe geboren habe, wo alles in ihr und

um sie herum am wärmsten und glücklichsten gewesen sei. -- Ich habe

mich, sagte sie, zu deiner Überraschung malen lassen, denn wenn ich

einmal tot bin, sollt ihr alle eine schöne Erinnerung an eure Mutter

haben. Das Bild ist in der Ausstellung; es hängt da, wo immer soviel

Menschen stehen! --

Elfriede fand das Bild, und voll Stolz blickte sie auf die Gestalt ihrer

Mutter in ihrem reichen, nachschleppenden Kleide, die so ganz bekannt

und doch wieder fremd aus ihren schönen Augen auf sie niedersah.

Was wußte Elfriede eigentlich über das ganze Leben ihrer Mutter? War das

alles wohl so einfach gewesen, wie sie es sich früher immer als

selbstverständlich dachte? Hatte sie, die ihren Mann so früh verlor, die

Liebe nie wieder kennen gelernt? Sprachen diese Augen wirklich nur von

einem einzigen Glück, das weit, weit zurücklag? -- Nachdenklich schritt

Elfriede durch die Säle, bis sie plötzlich stehen blieb, als habe sie

ein Wort erstarrt: Vor ihr war Pitt Sintrup, sein Kopf, sein Bild, er

schien nur sie zu sehen, seine Augen glommen ihr entgegen. Allmählich

vermochte sie sich zu sammeln, sie blieb lange vor dem Bilde stehen. Wie

ein Traum erschienen ihr die letzten Jahre, gleichgültig alles, was sie

brachten, das Leben knüpfte wieder da an, wo es einmal aufgehört hatte.

-- Wo war Pitt Sintrup jetzt? -- Am Nachmittage suchte sie ein Hotel

auf. Man hatte ihr gesagt, daß die Künstlerin, deren Bilder zu einer

kleinen Kollektion in einem der Ausstellungsräume vereinigt waren, für

einige Tage hier am Orte weile.

Ein hohes, blondes Mädchen stand ihr entgegen. Elfriede nannte ihren

Namen, Herta hob überrascht den Kopf und ihre Augen gingen so prüfend

erstaunt über sie hin, daß Elfriede leicht errötete. Herta lächelte. Ich

habe Sie so oft beschreiben hören, sagte sie, mit ihrer klangvollen

Stimme, aber ich habe Sie mir ganz, ganz anders vorgestellt. -- Ja,

sagte Elfriede, und ich komme um eben des Menschen willen, den Sie

nannten, -- oder haben Sie ihn nicht genannt -- -- Nein, sagte Herta,

aber ich dachte an ihn, und wußte, daß Sie an ihn dachten. In

plötzlicher Wärme berührte sie sie mit ihrer Hand, dann ließ sie

Elfriede neben sich niedersitzen.

Es wurde Elfriede schwer zu beginnen. Sie wissen, sagte sie, daß ich mit

Herrn Sintrup früher befreundet war? -- Herta nickte und dachte im

stillen: weshalb frägt sie mich nicht einfach, wo er sich jetzt aufhält,

und geht dann wieder? So würde ich es machen. -- Und Sie wissen, daß wir

dann für Jahre getrennt wurden? -- Ich weiß alles. -- Nun möchte ich

wissen, wie es ihm seither ergangen ist, was er tut, ob er sich

glücklich fühlt, und dieses alles, dachte ich, müßten Sie mir sagen

können. -- Und wie kommen Sie dazu, gerade mich danach zu fragen? --

Weil ich sein Porträt von Ihnen sah, und weil ich mir sagte: Jemand, der

ihn so malen konnte, muß ihn ganz nahe kennen, muß ihm ganz nahe stehen

-- oder gestanden haben. Herta wunderte sich über die Unbefangenheit,

mit der Elfriede redete. Aber dies Zutrauen ging ihr warm ans Herz. --

Sie haben recht, sagte sie, ich habe ihn nah gekannt, aber das Porträt

liegt weit zurück, und wenn Sie etwas aus den letzten Jahren wissen

wollen, -- da bin ich ebenso unwissend wie Sie. Mich hat das Leben

längst weiter geführt. -- Und früher? fragte Elfriede zögernd. --

Früher?! -- Ich will Ihnen alles sagen, begann sie mit einem plötzlichen

Entschluß: Sie haben die Verbindung mit Pitt Sintrup verloren, Sie

wollen ihn wieder für sich gewinnen. Elfriede widersprach nicht, nur sah

sie Herta mit einem Blick an, der dies alles bestätigte, und in dem doch

die Bitte lag, nicht weiterzusprechen. -- Ich will ganz offen gegen Sie

sein, fuhr Herta fort, wir begegnen uns wahrscheinlich nicht wieder im

Leben, und vielleicht helfen meine Worte, Ihnen Schlimmes zu ersparen.

Ich kenne Pitt Sintrup genau, wir haben uns nah gestanden wie nur zwei

Menschen sich nahe stehen können; ich kenne sein ganzes Leben, er hat es

mir oft und oft erzählt. Ich wußte, was für ein haltloser Mensch er ist,

und ich wollte diejenige sein, die ihm einen Halt gäbe; ich fühlte mich

stark dazu. Es schien zu gelingen, es kam eine Zeit scheinbaren Glücks,

dann ging alles langsam, Stück um Stück zugrunde. Mehr Kraft als ich sie

hatte, können Sie nicht haben, und ich bin nicht zum Ziel gekommen. Ich

fühlte, daß ich selbst zugrunde gehen würde, wenn ich dies Leben mit ihm

zusammen länger ertrug, -- und so trennte ich mich von ihm. Pitt Sintrup

ist ein einsamer Mensch, er leidet unter seiner Einsamkeit, aber er ist

nicht geschaffen zu einem dauernden Zusammenleben mit einem andern; eine

Zeitlang hält er es aus, dann treibt es ihn wieder fort, Gott weiß in

was für Nebel. -- Elfriede sah vor sich hin; ein Stück ihrer eigenen

Erinnerung war wach in ihr. -- Und ist er jetzt noch hier? fragte sie

nach einer Weile. Das wußte Herta nicht, doch setzte sie hinzu, vor

einiger Zeit habe sie gehört, daß er jetzt Redakteur an einer

Zeitschrift sei; sie nannte den Namen. Elfriede erhob sich; Herta sah

sie nachdenklich an: Wollen Sie es wirklich versuchen, ihm wieder nah zu

kommen? -- Elfriede antwortete nicht, aber ihr stummer Blick sagte

alles.

Elfriede schrieb jenen Brief an Pitt. Frau van Loo zeigte keine

Veränderung auf ihrem Gesicht, als sie es ihr erzählte. Sie schwieg

einen Augenblick, dann sagte sie: Du mußt es wissen, welcher Verkehr dir

frommt; damals warst du ein halbes Kind, jetzt bist du erwachsen. -- Sie

sah ihr in die Augen und dachte: Wann wird deine Sehnsucht endlich zur

Ruhe kommen. -- Sie ahnte vieles von Elfriedes Leben, sie hatte es

Elfriede stets fühlen lassen, aber ausgesprochen wurde nie ein Wort. --

Pitt kam; er hatte lange mit sich selbst gekämpft. Er trat in das Haus,

das unverändert all die Zeit gestanden war, der Diener war immer noch

derselbe, er begrüßte Pitt beinah wie einen Freund, während er damals,

als Pitt noch im Hause verkehrte, stets steif und gemessen gewesen war.

Er trat in das große Zimmer, das ihm so vertraut war; nichts schien

darin geändert, es war, als sei er gestern zum letzten Male hier

gewesen. -- Er mußte lange warten, endlich hörte er jenes dumpfe leise

Rollen, das ihm so bekannt war, die Portiere schob sich langsam zurück,

und Elfriede stand vor ihm, die graublauen Augen auf ihn gerichtet,

unsicher, fragend. -- Ihn durchflutete ein warmes, sanftes Gefühl.

Elfriede! sagte er. Sie kam langsam auf ihn zu und hob die Hand, er

ergriff sie, hielt sie unschlüssig und ließ sie wieder sinken. -- Wie

lange, lange sahen wir uns nicht! sagte Elfriede endlich. Er nickte,

traumverloren. -- Seit jenem Sommer, draußen auf dem Gute. Dann

schwiegen sie beide. -- Und Ihre Mutter? fragte er endlich. Sie sah mit

verschleiertem Blicke zu ihm auf und fragte wie aus einer andern Welt:

Wessen Mutter? Meine Mutter? Pitt, nenne mich nicht Sie. Wir waren doch

Freunde, und ich glaube, wir sind es noch -- oder wieder.

So saßen sie sich nun gegenüber wie in alter Zeit, nur daß inzwischen

Jahre vergangen waren; davon zeigten ihre beiden Gesichter Spuren. Sie

sprachen mit halben Worten, und jeder sah in den Augen des andern, daß

alle Worte unwichtig und gleichgültig waren, daß das Wichtige

unausgesprochen blieb. Es drängte sie, ihm alles zu erzählen, ihr ganzes

Leben, seit sie ihn verließ, aber sie vermochte es nicht. So saßen sie

noch eine Zeitlang nebeneinander, und sie hielt seine Hand gefaßt.

Endlich erhob er sich.

Kommst du wieder zu mir? fragte Elfriede und bemühte sich ihren Worten

einen leichteren Ton zu geben. -- Er zögerte. Dann sagte er: Was hat es

für einen Sinn, Elfriede? Das Leben hat uns auseinander gebracht; wenn

es uns wieder zusammenführt, so bringt es uns nichts Gutes. -- Glaube

das nicht, sagte sie schnell. Ich bin nicht mehr so wie ich damals war,

ich kenne dich besser als du denkst, ich komme mit keinen Forderungen an

dich, sei wie du willst zu mir -- du kannst mich nicht mehr enttäuschen,

das alles ist vorbei. Es soll für dich wieder so werden, wie es früher

war, als du zu uns kamst und dich nur freutest, daß du mit mir

befreundet warst. Denn ich weiß ja doch: Jene ganz frühe Zeit mit mir

war die glücklichste deines Lebens. Und wenn ich dir nur wieder das sein

kann, was ich dir damals war, so bin ich glücklich, denn du bist dann

glücklicher, als wenn es gar niemand gibt, an den du mit einem Gefühl

der Ruhe denken kannst, mit dem Gefühl: Dort ist ein Mensch, zu dem ich

gehen darf wann und wie ich will, bei dem ich mich ausruhen kann! Wenn

du nur so denkst, Pitt, dann bin ich glücklich -- ich sehe es dir ja an,

daß du noch immer allein bist!

Er blickte schwankend auf sie. -- Für mich ist es jetzt schon schwer von

dir fortzugehen, sagte er, aber ich bin kein träumender Junge mehr, ich

habe in all den Jahren gelernt meinem Gefühl zu mißtrauen; auf mir liegt

kein Segen. -- Komm wieder, Pitt! -- Er sah ihr grübelnd in die Augen.

Sie reichte ihm die Hand, er nahm sie. -- Ich komme wieder! sagte er mit

einem plötzlichen Entschluß.

Schon auf dem Nachhausewege bereute er seine Worte. Was konnte die

Zukunft bringen? Elfriede sollte nicht das Los treffen, das Herta

vielleicht erreicht hätte, wenn sie nicht mit gesundem Instinkte alles

von sich abschüttelte. Er kannte sich gut genug, zu wissen, daß niemand

mit ihm glücklich werden konnte, da er mit niemand glücklich zu sein

vermochte. --

Und doch: wenn er jetzt an Elfriede dachte, an die Freiheit, sie zu

sehen wie er wollte -- sollte er sich diese Möglichkeit des Glückes

abschneiden? War es nicht das Bescheidenste, was er sich fortnehmen

wollte? Und hatte Elfriede nicht selbst klar den Zukunftsweg bezeichnet?

Er ließ nur wenige Tage vergehen, dann war er wieder bei ihr. Ihr Ton

war frei, sicher, und voll verhaltener Wärme.

Einmal gingen sie den alten Weg zusammen, jenen ersten Weg, den sie

zusammen gingen, und Elfriede sagte: Weißt du noch, Pitt, wie du dann

später vor dem Hause zögertest und nicht wußtest, ob du mitkommen

solltest? -- Ja, antwortete er, und es war gut, daß ich es dann tat,

euer Haus ist meine einzige Heimat. -- Sie pflückte eine Blume und

steckte sie an seine Brust.

Auch Frau van Loo sah er nun wieder. Sie begrüßte ihn mit etwas

reservierter Herzlichkeit und sagte, sie habe früher geglaubt, er sei

inzwischen wohl gestorben, bis ihr eines Tags ein Blatt in die Hände

gekommen sei, das seinen Namen als Redakteur aufwies. Elfriede wollte

dies berichtigen: Das sei nicht Pitt, sondern sein Bruder. -- Liebes

Kind, sagte Frau van Loo, ich weiß doch, was ich gelesen habe! -- Aber

ich weiß es doch besser! Sein Bruder hat mir am nächsten Tage einen

Brief geschrieben und sich entschuldigt, daß er den meinen geöffnet

hätte, denn er wäre der Redakteur Sintrup. Frau van Loo ließ sich nicht

aus ihrer Sicherheit bringen: Gut, sagte sie, dann hat sich Herr Sintrup

in zwei verschiedene Personen gespalten, das geht mich nichts an; ich

weiß aber ganz genau was ich gelesen habe, und er ist nun einmal

Redakteur und seine Zeitung war ganz schlecht, nicht wahr, Herr Sintrup?

-- Er nickte und sagte: Ja, damals war ich Redakteur! -- Siehst du wohl,

Elfriede, ich habe recht, lies deine Briefe ein andermal genauer. --

Pitt setzte hinzu, jetzt sei er aber längst nicht mehr in der Redaktion.

-- So? Dafür haben Sie auch nie gepaßt! Sie sollten in einer großen

Bibliothek sitzen und das Leben nur in Büchern genießen, das wäre für

Sie das richtigste. Ein Onkel von mir -- jetzt ist er uralt -- war

gerade so wie Sie, ein Sonderling; der sitzt noch da oben in seiner

Bibliothek und genießt das beschaulichste Leben. Ich werde ihm

schreiben, daß es sich nicht schickt, jungen Leuten so lange eine

Stellung wegzunehmen, und da er wahrscheinlich noch immer meine Locke

auf dem Herzen trägt, die er mir abschnitt, als ich meinen ersten Ball

mitmachte -- ich zeichnete ihn aus, da er noch immer ein schöner Mann

war -- so wird er vermutlich auf mein Wort noch hören. --

Die Vermischung des echten und des falschen Redakteurs Sintrup blieb

übrigens noch eine Zeitlang in Frau van Loos Vorstellung, denn eines

Tages, als sie Pitt und Elfriede lange betrachtet hatte, die in das

Anschauen eines Buches versenkt waren, fragte sie plötzlich: Wie ist das

denn eigentlich, Herr Sintrup, Sie sind doch verlobt? -- Ich?! fragte

Pitt. -- Nun ja, mit Fräulein Heine. Pitt sagte, daß dies abermals sein

Bruder sei. -- Kennst du sie denn? fragte Elfriede. Frau van

Loo schüttelte den Kopf: Ich sah sie nur einmal auf einem

Wohltätigkeitsbasar, dessen Protektorat man mir aufgenötigt hatte. Dort

verkaufte sie Rosen, weiter weiß ich nichts mehr von ihr. -- Sie

schwieg, und es war Elfriede, als verschlösse ihre Mutter gleichsam den

Schachteldeckel über einem vielleicht insgeheim recht garstigen

Figürchen. --

Fox war in reger Betriebsamkeit: Seine Verlobung mit Fräulein Heine hob

ihn in seinem ganzen Wesen. Erst jetzt hatte er die wahre Liebe kennen

gelernt. Was war gegen sie alles was hinter ihm lag! Und wie anständig,

wie hochnobel zeigte sich die Familie! Man sprach von der Begründung

eines neuen, rein literarischen Unternehmens, dessen Oberleiter er

selber sein werde. Elsa hatte sich dieses ausgedacht. Freilich verlangte

man, daß er den Doktortitel erwerbe; das war selbstverständlich, das

verlangte er von sich selber. Nach dem Examen durfte er dann Elsa

heiraten. Die Voraussicht auf dies Ziel, auf diese Prämie gleichsam,

stärkte seine Arbeitskraft, und auch seine Moral: Es wurde nun anständig

gelebt, sowohl im Sinne einer äußeren gediegenen Lebensführung als auch

eines innerlich unantastbar reinen Wandels. --

Jeder Mensch, sprach er zu Pitt, hat -- also Hand aufs Herz! -- seine

Jugendsünden; es ist nicht anders möglich in unserer heutigen Zeit mit

ihrer erotisch so ungeheuer leicht erregbaren Psyche. Was unsere Eltern

und Großeltern in ihren Jugend- und Entwicklungsjahren bewegte:

Vaterland und Politik, und was ihre Leidenschaften füllte, das ist uns

überkommener Besitz geworden. Man lese doch mal die Literatur von damals

und die heutige, und vergleiche sie miteinander! Die Liebe ist ein

ungeheurer Faktor im heutigen Kulturleben, dasjenige, was unsere Jungen

und Jüngsten weitaus am meisten bewegt von allen Problemen. Auch mich

hat dies Problem nicht schlafen lassen -- wirklich manchmal nicht

schlafen lassen -- ich habe gekämpft für eine neue Form der Liebe, aber

ich habe gefunden: die ältere ist doch die bessere. Wenn man in ein

gewisses Alter kommt, sieht man das ein, muß man das einsehen.

Überlassen wir die freie Liebe anderen Völkern: Der Deutsche ist und

bleibt der geborene Ehemann. Vergeblich sträubt man sich gegen diese

Tatsache, vergeblich versucht man die überkommenen Formen zu sprengen.

Sie sind zu alt, zu ehern, zu heilig. Und ohne die Kirche geht die

Geschichte auch nicht; wenn man auch nicht an die Sache glaubt -- es

gibt doch eine ganz besondere Weihe! Und irgendwas muß doch auch an der

Kirche sein: wieviel hat man gegen sie angekämpft, durch Jahrhunderte

hindurch, und sie sind alle noch immer im Betriebe! Na -- meine

sämtlichen Beziehungen -- das heißt, es waren nur ein paar -- habe ich

abgebrochen, vor allem die mit der Schauspielerin, die ich Herrn Bertold

abgetreten habe; das war sogar meine Pflicht, denn ursprünglich kam sie

gar nicht zu mir persönlich, sondern in die literarische Redaktion, die

ja auch in zweiter Hinsicht durch Herrn Bertold vertreten ist. Na, und

du selbst, du lebst immer so stumpfsinnig weiter? -- Was lachst du denn?

Pitt hatte während Fox' Rede, ohne ein Wort von ihr zu verlieren,

planlos irgend einen Goetheband vom Regal genommen, ihn halb in

Zerstreutheit aufgeschlagen und seine Augen hafteten auf einem

besonderen Satze. -- Ja, sagte er jetzt, ich lebe stumpfsinnig so

weiter, wie es von einem stumpfnäsigen Besenstiel, wie ich hier genannt

werde, nicht anders zu erwarten ist. -- Zeig doch mal her! sagte Fox

erfreut. Pitt reichte ihm das Buch mit einem Lächeln, und Fox las: »Ich

mag es machen wie ich will, so muß ich mir den großen Pitt als einen

stumpfnäsigen Besenstiel, und den in so manchem Betracht schätzenswerten

Fox als ein wohlgesacktes Schwein denken.«

Herr Sintrup, beglückt durch die glänzende Wendung in Fox' Geschick,

wurde eines Tages in große Aufregung versetzt: Fox meldete sich für die

allernächste Zeit an, mit zukünftiger Frau und Schwiegermutter. -- Ich

erwarte, schrieb er, daß ich unser Haus in bester Ordnung vorfinde, und

eine anständige Hausdame, die es versteht, in würdiger Weise zu

repräsentieren; ich bitte dich aufs dringendste: Peinliche Sauberkeit

und Ordnung nach innen wie nach außen! --

Herr Sintrup hatte in der letzten Zeit überhaupt keine Hausdame gehabt;

sein Heim galt in der Stadt als kein gutes, er genoß den Ruf eines

skrupellosen Witwers. -- Sein erster Gang war zu einer Dame, die ihn

täglich besuchte, und der er dies für die nächste Zeit verbot. Sie

glaubte erst, hier hinter verberge sich ein plump angelegter Plan

irgendeiner Täuschung. Als sie dann hörte wie alles war, schlug sie vor,

sie selber könne ja als Hausdame auftreten; sie wisse ganz genau wie man

das mache, sie habe das in vielen Romanen gelesen und besitze ein

ausgezeichnetes Gedächtnis. Herr Sintrup ging darauf nicht ein, unter

keinen Umständen. Vermietungsbureaus waren schon geschlossen, und morgen

war Sonntag. Er fragte bei Bekannten und Freunden herum; niemand wußte

ihm eine solche Dame zu nennen, und ein alter Freund, der sich das

erlauben durfte, schlug ihm auf die Schulter und sagte: Altes Haus, hast

du wieder Paschagelüste?! --

Herr Sintrup sah seine Wohnung jetzt mit ganz neuen Augen an: Staubig,

unordentlich, wüst sah alles aus, wie in einer richtigen

Junggesellenwohnung, der die Hausfrauenhand fehlt. Und wirklich etwas

abenteuerlich! Herr Gott, wenn Mausi das erlebt hätte! All die schönen,

früher sauberen Gardinen waren vollgequalmt und seit langem nicht

erneuert -- es waren frische da, aber Herr Sintrup wußte nicht wo sie

lagen. Tischzeug! Wo war denn das gesamte Silber? Er fand nur weniges.

Verdammte Weiberwirtschaft! Man hatte ihn gewissenlos bestohlen und sich

selbst bereichert! -- Die Kronleuchter hingen trüb-kristallen von den

Decken, ohne Kuppeln, mit nackten Brennern und defekten Zylindern, aber

voll verstorbener Fliegen. Goethe und Schiller schauten auf ihren

Postamenten wie mit Pockennarben drein. Und überall diese verfluchten

Spuren von Dingen, die einfach ungehörig waren! Zuschnitte zu Kleidern,

Hüten -- was hatten die in der guten Stube zu suchen? Konnte das die

Person nicht ebensogut zu Hause nähen? Das Haus muß rein gehalten

werden! -- Mit einem Griff wischte er die ganze Bescherung vorläufig vom

Tisch herunter und trat alles in einen Winkel. Wie sollte er eine

Hausdame finden? Er war verzweifelt. --

In peinlich ausgeklopftem Überzieher, in einem tadellos neuen Hut, in

roten Glacéhandschuhen, die sich dehnten und leise ächzten, stand Herr

Sintrup aber am Tage der Ankunft auf dem Bahnhof und schaute wohlgemut

dem Zuge entgegen. Der Zug hielt, Herr Sintrup gewahrte in der Ferne ein

Bruderpaar seiner Handschuhe, das winkend in die Luft fuhr. Er eilte

heran, Vater und Sohn lagen sich in den Armen. Mein lieber alter Junge,

sagte Herr Sintrup, und seine Augen schwammen; und Fox sagte: Mein

lieber alter Papa! Dann drehten sich beide herum und halfen den Damen

aus dem Wagen. Fox stellte vor, und Frau Heine dachte: Ein soignierter

alter Herr, etwas kleinstädtisch, aber auch in der besten Gesellschaft

präsentabel! -- Das ist dein Papa? fragte Elsa und klatschte in die

Hände. -- Mein Papa und auch der deinige! sagte Fox mit Würde; und Herr

Sintrup küßte auch ihr die Hand, dann rief er plötzlich: Mir altem Herrn

dürfen Sie wohl erlauben -- -- seine Lippen drückten sich zart auf ihre

Stirn, und, als wenn seine Worte inzwischen wie in einem unterirdischen

Kanal weitergelaufen wären und nun wieder frei würden, endigte er dann:

.... denn Sie sind ja gewillt, als Tochter in unsere Familie

einzutreten!

Draußen hielt der Wagen, die Damen nahmen Platz, und ehe Herr Sintrup

mit Fox hinterherstieg, nahm Fox seinen Vater leise beim Knopfloch und

fragte mit bedeutungsvollem Runzeln: Alles in Ordnung zu Hause? --

Alles, alles in Ordnung! gab Herr Sintrup in bester Stimmung zurück.

Unterwegs zeigte er den Damen die Sehenswürdigkeiten der Stadt -- viele

sind es nicht, wir sind hier noch ein wenig zurück -- und endlich hielt

der Wagen. Man begab sich in das Haus, Herr Sintrup mit Frau Heine, Fox

hinterdrein mit seiner Braut. Hier, Elschen, hier hat dein Bräutigam als

Kind gespielt! sagte er, mit steifem Mittelfinger in den Garten deutend.

Man stieg die kleine Treppe hinan, die Tür öffnete sich, und im

schwarzen Seidenkleide stand da Fräulein Nippe, jetzt Frau Feihse,

kürzlich erst verwitwete Frau Feihse, ging auf Fox zu, nahm warm seine

Hand zwischen ihre beiden, und sagte glücklich: Wer hätte das gedacht,

daß wir uns so wiedersehen würden! Dann begrüßte sie die Damen auf eine

zeremoniöse Weise, und wie ihr Fräulein Heine die Hand gab, konnte sie

nicht anders: Sie streichelte sie, sah ihr mütterlich in die Augen und

hielt sich nur mühsam vor mehrerem zurück. Fox war sehr verwundert

Fräulein Nippe hier zu sehen.

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman · 第 26 / 27 段