Jetzt kam Herr Feihse auf Fox zu: Er entschuldigte vor allem seine Frau,

deren Stimme man draußen leidenschaftlich reden hörte, und lud ihn ein,

nun wenigstens nicht sogleich aufzubrechen, sondern bei einem Schälchen

Kaffee sein ehrenwerter Gast zu sein. Er fuhr selbst mit auf und ab

zitternder Hand zur Kanne hinüber, um einzuschenken. Draußen flog eine

Tür ins Schloß, mit hochrotem Gesicht trat Selma ein: Bürgerpack! sagte

sie, kleinliche Menschen mit Gefühlchen, ohne jeden Sinn für freie und

vornehme Auffassung des Lebens! -- Herr Feihse bemerkte, sie habe aber

auch nicht recht gehandelt, ihre Zartheit werde zuweilen geradezu ins

Gegenteil gedeutet. -- Das heißt, fuhr sie auf, daß du mich für unzart

hältst! -- Herr Feihse sagte vorsichtig, das habe er nicht behauptet. --

Sie fuhr mit dem Zeigefinger auf Fox los: Hat er es gesagt oder nicht?

Sie sind Zeuge! -- Aber Selma ich bitte dich, laß doch die Szenen! Ich

habe nicht von mir geredet, jedenfalls dachte ich dabei nicht an mich!

-- Sehen Sie, sehen Sie, so ist er! Hinterrücks versetzt er einem einen

Hieb, und wenn man sich dann umdreht, macht er ein unschuldiges Gesicht,

und tut, als ob es ein anderer gewesen wäre! -- Herr Sintrup, ich habe

mit vieler Freude gehört, daß Sie eine so interessante Stellung an einer

Zeitschrift haben! -- Nein! davon wird jetzt einmal nicht geredet! Sehen

Sie wie er ablenkt! Bleib bei der Stange! Also du hältst mich für

unzart. Meine Haare wären nicht echt, sagte er, als wir das erstemal

zusammen waren, vor unserer Verlobung. Ist das Zartheit?! Außerdem war

es gar nicht wahr! -- Aber Selma ich bitte dich! rief Herr Feihse

erregt, wenn du schon keine Rücksicht auf mich nehmen willst, dann nimm

sie wenigstens auf unsern Gast! -- Hören Sie es? Er wirft mir

Rücksichtslosigkeit vor! Bitte, Herr Sintrup, bin ich rücksichtslos? --

Ja; sagte Fox trocken, -- wenn Sie mich direkt danach fragen! -- Sie sah

ihn erst verdutzt an, dann nickte sie: Natürlich, wenn zwei Männer

zusammen sind mit einer Frau, dann nimmt ein Mann immer Partei für den

andern. Ach diese Männer von heutzutage! Sie sollten erst einmal die

gewöhnlichste Höflichkeit gegen uns Frauen lernen, von der Galanterie

des achtzehnten Jahrhunderts ganz zu schweigen! Jetzt will ich knapp und

deutlich wissen: Was ist denn eigentlich mein Verbrechen? Gutes stiften

wollte ich! Es gibt soviel böse Gesinnung der Menschen untereinander,

daß jeder Christenmensch die Pflicht hat, sie nach Kräften in seinem

Umkreis auszurotten und statt ihrer den Geist der Liebe zu säen, und das

habe ich getan! -- Du hättest die Herrschaften nicht so unvorbereitet

konfrontieren dürfen, sagte Herr Feihse. -- Ach! sieh mal! Nun, und wenn

ich sie vorbereitet hätte, wären sie dann etwa gekommen? -- Aber

du siehst doch, sie sind ja doch auch _so_ ohne weiteres

auseinandergegangen! -- Nun, und was ist da der _Unterschied_?? -- Herr

Feihse sah sie etwas blöde an; es verwirrte sich sein Denkvermögen, er

wußte ganz genau, daß da irgendein Unterschied war, und wenn sie ihn

allein hätte nachdenken lassen, würde er ihn auch gefunden haben. Aber

unter ihren leidenschaftlichen Reden und Gebärden wurde er stets

verwirrt; seine Gedanken lösten sich dann geradezu auf. -- Ich habe

wirklich mit großer Freude gehört, daß Sie jetzt eine so außerordentlich

interessante Stellung einnehmen! wandte er sich wieder an Fox. Aber Fox

erhob sich und sagte, er müsse leider aufbrechen. -- Herr Feihse machte

keine Anstalten ihn zum Bleiben zu bitten: Er war dies gewohnt, die

Leute zogen sich von ihm zurück, da er ein einfacher, schlichter Mann

war, der ihnen nichts Interessantes zu bieten vermochte. Er hatte es

gelernt die Enttäuschungen des Lebens zu ertragen; die letzte,

schlimmste Enttäuschung allerdings, die das Leben ihm gebracht hatte,

die -- das fühlte er so deutlich -- würde ihn ins Grab bringen, langsam,

Schritt für Schritt. Er wollte Fox hinausbegleiten, seine Frau

verhinderte es und er trat zurück, aus Angst, die spätere Szene, wenn

sie allein waren, würde dann noch heftiger werden. Und bei solchen

Szenen regte er sich stets so furchtbar auf! Dann brach alles plötzlich

los in ihm -- und er durfte das seinem kranken Körper nicht zumuten, und

den Nerven seiner Frau ebenfalls nicht; denn diese Nerven -- das sagte

sie selber -- zerrten und rissen an ihr wie eine Meute Hunde an ihren

Ketten.

Daß wir uns nun gar nicht einen Augenblick allein gesprochen haben, ganz

intim! sagte Selma an der Korridortür; ich hätte Ihnen so gerne manches

mitgeteilt. Das Leben ist ein Jammertal, aber mir speziell hat es

Bergeslasten aufgelegt, jetzt noch diesen kranken alten Mann, den ich

aus purem Mitleid geheiratet habe. Er ist ja nicht einmal

pensionsberechtigt, was ich früher annahm. Wäre er wenigstens noch

dankbar und zufrieden! Aber Sie sehen ja selber wie er ist. Und dann,

was eine Ehe wahrhaft reich und glücklich macht -- Kinder, -- die sind

uns ja versagt, wie es scheint! Ach, hätte ich einen jungen, schönen,

feurigen Mann geheiratet, ich würde ihm wahrscheinlich Zwillinge

geschenkt haben. -- Na na, sagte Fox. -- Und Lotte hat außer ihrem

Jungen drei süße kleine Kinder! Ja ja, so geht es; das Bessere

verschenkt man aus Nächstenliebe -- wie ich meinen Vetter an Lotte, und

das Schlechte bleibt einem selber übrig, die Reste vom Tisch des Lebens,

nachdem man alle hat speisen lassen, bis sie sich satt gegessen haben.

Hören Sie nur, da spielt mein Mann Piston! Er will seine Nerven

beruhigen; er denkt es klingt nicht laut, weil er es selbst kaum hört,

aber mir zersprengt es fast den Kopf; wenn ich das lange anhören muß,

fühle ich, wie mir die Adern an den Schläfen schwellen bis zum

Zerplatzen. Aber ich sage nichts, ich sage gar nichts! Es gibt einen

Ort, wo man es nicht so deutlich hört, aber da bin ich auch nicht gern;

dies miserable Haus hat ja nicht einmal überall Wasserleitung; ach, wie

schön war es, als ich noch Desdemona spielte! Neulich habe ich an Ihren

Herrn Vater geschrieben, ob er mich nicht einmal wieder besuchen will,

wahrscheinlich lacht er mich aus -- aber was tut man nicht in der

Verzweiflung, wenn man sich ganz einsam fühlt! --

Fox drückte ihr die Hand, klopfte ihr väterlich auf den Rücken und

verabschiedete sich. -- Etwas komisch ist sie ja, und etwas vulgär

scheint sie auch geworden zu sein, aber das rein Menschliche habe ich

selten in einer so interessanten Verkörperung gesehen! dachte er.

Er sprach am nächsten Tage lange mit Pitt darüber, wie es wohl komme,

daß Personen des täglichen Lebens, mit all ihren Banalitäten, den

Menschen auf die Nerven fallen, daß sie aber, wenn man sie künstlerisch

verarbeitet, eine Daseinsrechtfertigung bekommen; dann schrieb er eine

kleine Untersuchung darüber, und Fräulein Elsa lobte ihn

außerordentlich.

Zunächst war Fräulein Heine von Fox etwas enttäuscht gewesen, denn er

war, als sie ihn kennen lernte, noch ganz glatt rasiert, und auf jener

Photographie hatte sie ihn mit einem frischen jugendlichen Bart gesehen;

deswegen, und auch weil sie den Verdacht hatte, Pitt könne mit ihm über

seine Beziehungen zu ihr geredet und sie in ein ungünstiges Licht

gesetzt haben, hielt sie sich die erste Zeit sehr von ihm zurück. Fox

ließ sich nun aber wieder seinen Bart wachsen, da er das seiner Stellung

angemessen erachtete, und ihr Mißtrauen, Pitt betreffend, verlor sich,

da sie aus gelegentlichen Äußerungen seines Bruders mit Sicherheit

darauf schließen durfte, daß Fox von ihrer früheren Neigung auch nicht

die leiseste Ahnung hatte. So näherte sie sich ihm, und in ihrem Verkehr

herrschte ein kameradschaftlicher, nüchtern-freundlicher Ton, denn von

Gefühlen, wie sie sie für Pitt empfunden hatte, wollte sich nichts bei

ihr einstellen, was sie selber unbewußt etwas enttäuschte. Fox selbst

dachte vorläufig gar nicht an die Möglichkeit einer Liebe. Sie lernte

ihn nun näher kennen, und sah alsbald auch Seiten an ihm, die ihr

komisch erschienen, was sie ihm auch ganz offen sagte. So lachte sie

über seine vielen Nein-neins, über seine »also wirklich«, freute sich

über sein etwas pompös-behäbiges Auftreten, dem ihr viel Kindlichkeit

zugrunde zu liegen schien, und über die Gründlichkeit, mit der er

manchmal scherzhaft und leicht hingeworfene Bemerkungen aufnahm und

verarbeitete. Aber sie fand das auch wieder reizend, zu seinem Wesen

passend. Ihm mißfiel zu Anfang der leise spielerische Ton, mit dem sie

ihn behandelte, und, wie in seiner Kinderzeit, setzte er dem einen

bedauernd-ernsten Blick entgegen, über den sie dann auch wieder lachte.

Er ließ sich niemals aus der Fassung bringen und vollendete seine

manchmal absichtlich kunstvollen Sätze langsam, ohne sich um ihre

amüsierten Zwischenrufe zu kümmern. Allmählich gewöhnte sie sich an

diese Dinge, daß sie sie schließlich gar nicht mehr bemerkte.

In der ersten Zeit besuchte er fast nur Herrn Heine selbst; es gab da

manches zu bereden, wenigstens hatte er stets einen geschäftlichen

Grund, und Herr Heine freute sich, daß der junge Mann es so sehr ernst

mit seiner Stellung nahm. Außerdem sagte Fox: Herr Kommerzienrat, und

nicht: Herr Heine, wie Pitt es immer getan hatte, und dann war er

niemals abgeneigt, ein Spielchen Karten mit ihm einzugehen, wie Herr

Heine es liebte, wenn er, von des Tages Geschäften matt, sich abends

erholen wollte. -- Allmählich kam Fox auch ohne geschäftliche Gründe; er

wußte noch nach Wochen, welche Toilette Frau Heine an dem und dem Tage

getragen hatte, und für ihre Schmuckgegenstände zeigte er einen

respektvollen Kennerblick. Fox trat auch langsam mit seinen Talenten

vor: In seinen Gesprächen mit Herrn Heine verwies er auf seine früher

erschienenen Broschüren, von denen er sich durch alle Fährnisse hindurch

nicht getrennt hatte, und er empfand kaum mehr, daß er die Unwahrheit

sprach, indem er gleichsam nur referierend auf den Aussagen früherer

Jahre fußte, -- er deklamierte hier und da ein Gedicht mit gemildert

schauspielerischem Pathos, und ganz entzückt war das Herz der Frau

Heine, als er sich einmal an den Flügel setzte und ein Lied vortrug.

Auch hier moquierte sich ihre Tochter anfänglich, indem sie es sehr

komisch fand, lyrische Töne aus seinem Munde zu hören, aber allmählich

moquierte sie sich nicht mehr, fand alles ganz in der Ordnung und regte

ihn an, neue Lieder zu studieren.

Wie anständig, wie hochanständig und respektvoll war dieser Herr

Sintrup! Frau Heine dachte mit Bitterkeit an den vergangenen Bruder,

der, wie sie jetzt mit immer größerer Deutlichkeit empfand, sich gegen

ihre Tochter, gegen das ganze Haus nicht so benommen hatte wie es sich

geziemte, und der nun auf einmal überhaupt nicht mehr kam, einfach

fortgeblieben war, ohne irgendein Wort! Sie spürte etwas wie

Rachegelüste, und eines Tages sagte sie ganz unvermittelt zu Fox, als

sie allein waren: Ihr Herr Bruder hat sich ja damals sehr um die Gunst

meiner Tochter bemüht, aber es ist ihm nicht geglückt, ein Mensch mit

solchem Benehmen wird überall nur anstoßen, wo er auch hinkommt! --

Dieses Wort wirkte außerordentlich auf Fox. Pitt war abgewiesen worden!

Dies erfüllte ihn mit tiefer Genugtuung, und es reihte sich in

natürlicher Folge der Gedanke daran: Ihm zu zeigen, daß er selber mehr

Qualitäten besitze, die die Frauen schätzen. Er gab nun seinem Wesen

noch einen besonderen Nachdruck, und legte seinen Ehrgeiz hinein,

Fräulein Heine seelisch nah zu kommen. Er wandte sich in manchen ihm

zweifelhaften Fällen vertrauensvoll an ihr Urteil: Lesen Sie doch mal

bitte dies Gedicht durch; ich bin mir also wirklich -- oder in der Tat

nicht klar darüber, was der Kerl eigentlich meint. Jedes Gedicht muß

doch neben allem Unsinn, der aufs Gefühl wirkt und den eigentlichen Wert

ausmacht, auch einen äußeren Sinn haben, und den kann ich nicht finden.

-- Sie runzelte die Stirn, indem sie's las, und kam sich sehr wichtig

vor, von Fox zu Rate zugezogen zu sein. Dies wiederholte sich in der

Folge öfter, und nun wanderte er manchmal mit ganzen Päckchen

Manuskripten zu ihr hin. Sie machte Tee und er las vor. Von diesen

Dingen kamen sie auf Literatur im allgemeinen zu sprechen, belehrten und

erfreuten sich. Von Liebe wollte sich bei ihr nichts einstellen. Bei

ihm, wie es schien, auch nicht. Aber er hatte zuweilen tiefe, schwere

Blicke, als wolle er in ihrer Seele lesen, und sie erwiderte diese

Blicke ernst und bedeutend. -- Ob ich ihn wohl lieben könnte? dachte sie

manchmal, wenn sie allein war. Er war unstreitig viel imposanter als

sein Bruder. Was er allein für Hände hatte! Echte, kräftige Männerhände!

Und dann diese kernige Erscheinung! Unwillkürlich reckte sie selber ihre

kleine Figur etwas empor. -- Sie fing an mehr auf seinen Körper zu

achten. Wenn er neben ihr stand, mit ihr Bilder besah und ein Blatt aus

ihrer Hand nahm, so daß sich beide fast berührten, hatte sie mitunter

das Gefühl: Wenn ich jetzt noch ein ganz wenig näher an ihn heranträte,

und in ihm plötzlich der Mann erwachte?! Es war ihr dies ein

schauerliches und zugleich wohliges Gefühl, und wenn sie seine Hände

ansah, mußte sie nun öfter daran denken -- ganz theoretisch nur! -- wie

es wohl sei, von diesen Händen ergriffen und umarmt zu werden. Manchmal

sah sie auf sie hin, und vergaß darüber zu antworten, so daß er nun

seinerseits seine Hände beschaute, im Glauben, sie seien vielleicht

schmutzig. -- Der große, stattliche junge Mann, er war ja so kindlich,

so ahnungslos! -- Fox war wirklich ahnungslos in allen Dingen, die

Unausgesprochenes zwischen den Geschlechtern bedeuten, denn seine

Erlebnisse in der Liebe waren stets glatt, exakt und scharf umrissen. Er

deutete diese Blicke nur auf Zerstreutheit, allerdings setzte er in

Gedanken hinzu, daß sie sich wohl auf ihn beziehe. --

Sie fragte ihn, ob sie nicht zusammen einen Sport treiben wollten? Da

lag im Parke, hinter dem Hause, der herrlichste Tennisplatz, und er

wurde nie benutzt! Fox erklärte, Tennis könne er nicht spielen. -- Ich

zeige es Ihnen, passen Sie auf, Sie lernen es, Sie sind doch jung und

kräftig, und nicht so stocksteif wie Ihr Bruder! Der war so langweilig

und so furchtbar unjugendlich! -- Sie hüpfte selbst ein Weniges in die

Höhe. Sie spielten nun. -- Sie schlagen viel zu fest für den Anfang! --

rief Fräulein Elsa. -- Dafür kann ich nichts! Sehen Sie doch selbst

mal meine Muskeln! Und, wie wenn er einen Schulfreund vor

sich habe, streifte er seinen Hemdärmel hinauf und sah sie

renommierend-erwartungsvoll an, während sie ihrerseits erwartungsvoll

zugesehen hatte, wie er den Ärmel in die Höhe streifte. -- Ein Arm wie

der eines griechischen Götterheros! dachte sie.

Er mußte sie auch auf dem Teiche rudern; er tat tiefe, volle, langsame

Schläge, sie sah wortlos eine Zeitlang zu und sagte dann: Wie Ihnen das

gut steht! Ich sehe Sie so gerne rudern!

Allmählich geriet Fox Fräulein Heine gegenüber ins Nachdenken; sie

begann ihm deutlicher zu zeigen, daß er ihr sehr sympathisch sei. --

Eine ganze Million bekam Fräulein Heine einmal später. Das hatte sie ihm

selber mitgeteilt, als sie ihm erzählte, wie ein Herr sich vergeblich um

ihre Gunst bemüht habe.

Der ganze große Luxus dort im Hause hatte Fox verwöhnt; Elsa schien ihre

verschiedenen Anbeter alle zu verachten; wie sehr würde er über diese

triumphieren, wenn er sie gewann! Was würde Pitt für ein Gesicht machen,

wenn Fox das errang, um was er selbst sich vergeblich bemüht hatte!

Vielleicht war Pitt der Kerl gewesen, von dem Fräulein Heine sprach?! --

Eine ganze Million! Der höchste Wert des Daseins bestand nun doch einmal

in einem guten Leben, das mußte jeder zugestehen, und wer es nicht

zugestand -- dem fehlten eben die Mittel zu einem solchen Leben, und er

hatte leicht reden vom Zufriedensein in der Bescheidenheit, denn was

blieb dem armen Kerl sonst übrig?! -- Allerdings: Heiraten -- nur um zu

einem guten Leben zu gelangen, das war niedrig, das war gemein, und Fox

war der erste, der das in jedem Falle verdammte! Nein nein, die Liebe

mußte dazu kommen, und er fühlte ganz deutlich, daß sie bei ihm schon im

Anzuge war; wenn er sie heiratete, würde es eine reiche Liebesheirat

sein, dies war das rechte Wort, knapp, präzise bezeichnend. Fühlte er

sich nicht eigentlich direkt verliebt?! Er runzelte die Stirn, in sich

hineinlauschend. Eigentlich gab es da im Innern nichts, was ihm dies

bestätigt hätte. -- Aber Liebe ist oft blind gegen sich selber; wie

häufig kommt es vor, daß Menschen von ihr überhaupt erst dann erfahren,

wenn durch einen plötzlichen Windstoß der Leidenschaft alle verhüllenden

Schleier des sogenannt wachen Bewußtseins zerrissen werden! Es bedurfte

dazu manchmal nur eines kleinen Anlasses, eines reinen Zufalls! Romeo

liebte sogar die Julia sofort, ohne daß irgendein Anlaß da war, nachdem

er erst um seine Rosalinde geschmachtet hatte.

Fox begann auf seinen Zufall zu warten. Mitunter, wenn er bei Fräulein

Heine im Zimmer war, sah er sie lange und nachdenklich an, während sie

ihm etwas auseinandersetzte. Sie glaubte ihn dann ganz vertieft in ihre

Worte und fragte ihn nach seiner Meinung; er antwortete noch immer

nichts, so daß sie, halb unsicher, das Wort wieder ergriff, um noch

einmal fortzufahren, bis er es ihr zu deutlich zeigte, daß sein Grübeln

nach einer ganz anderen Richtung ging; dann stockte sie, brach mitten im

Satze ab und ließ den Blick an Fox vorbeigehen, in eine Ecke, während

ihre Augen ganz groß wurden, nur für einen Moment; dann führte sie sie

über einen leichten Niederschlag zu seinem Gesichte zurück, auch nur für

einen Augenblick, und schließlich saß sie unbeweglich, mit einem

Ausdruck, als werde sie gerade photographiert und wolle, daß ihre Züge

still-bedeutend würden. -- Ein ungewisses Fluidum strömt jetzt von ihr

zu mir, von mir zu ihr! dachte Fox: Ein Fluidum, das einem den Atem

versetzen könnte, wenn man sich ihm zu lange hingäbe! Also wirklich: ich

fange an zu fühlen, wie mich die unsichtbare Macht der Liebe bewegt,

ganz leise, so, wie es Unterströme gibt in einem anscheinend stillen

Wasser! -- Und Fräulein Heine dachte mit halbem Zagen: was mag in ihm

vorgehen! Wenn es jetzt über ihn und über mich käme, mit elementarer

Gewalt alle Schranken niederreißend?!

Fox wurde sich über sein Gefühl immer klarer. Eines Morgens, als er

gerade aufgestanden war, seufzte er tief, indem er, noch halb schläfrig,

um sich starrte. Was hatte er nur geträumt? -- Er träumte eigentlich

niemals. -- Zwei große, dunkle, schwarze Augen! Hatte er die nicht im

Traum gesehen?! Ja ja, so schwarz wie schwarze Diamanten! -- Die hatte

Fox zwar auch noch nicht gesehen, aber er stellte sie sich als das

schwärzeste vor, was es in der Welt gäbe. Und wem gehörten diese Augen?

-- Eine ganze Million; schoß es ihm dazwischen durch die Gedanken. Aber

er sprach nervös zu sich selbst: Kann man sich denn nicht einmal für

kurze Zeit ungestört dem Gedanken der Liebe ergeben? Muß denn ewig die

reale Welt dazwischen kommen? -- Also: Zwei schwarze, große Augen; ich

weiß bestimmt, daß ich von denen geträumt habe, sonst würde mir doch das

nicht jetzt auf einmal einfallen, es muß doch dem ein tatsächliches

Erlebnis zugrunde liegen! Was habe ich denn nun aber von denen

geträumt?! Sie waren also erst mal: feurig. -- Fox suchte vor sich

selbst eine Brücke herüberzuschlagen zu Fräulein Heine; da er aber nicht

weiter kam, genügte ihm das schon Gesagte als ein Beweis, daß sein

Traumbild nur Fräulein Heine gewesen sein könne. Daß da weiter gar

nichts im Traum geschehen war, erhöhte den Wert dieser einzigen

Erinnerung: In den Augen konzentriert sich die Seele, und dieser Blick

-- -- Fox wußte mit einem Male weiter: Dieser Blick, mit dem sie mich

angesehen hat -- es lag darin eine ganze Welt von Rätseln! Ein Blick

voller Fragen, Antworten, Verheißung, Sehnsucht! -- Es muß weit mit mir

gekommen sein, murmelte er, jetzt verfolgt mich ihr Bild schon nachts im

Schlafe, daß ich nicht Ruhe finden kann; ob es ihr wohl ähnlich geht?

Er erzählte ihr seine Vision, verschwieg aber, daß es sich um sie selbst

gehandelt habe, doch waren seine Augen fest auf sie gerichtet.

Diese Mitteilung regte sie mehr auf, als er ahnen konnte. Er liebt mich,

liebt mich wirklich, dachte sie. Und nun geriet sie in eine innere

Unruhe; ihre Phantasie beschäftigte sich mit Bildern, denen sie vorher

keinen Raum verstattet hatte; sie schrak zurück vor ihnen, aber nur um

so stärker kamen sie.

All ihre Anbeter waren Männer, die frühreif das Leben schon kennen

lernten, über denen jetzt eine leise Müdigkeit der Erfahrung lag; sie

alle hatten Liebesabenteuer hinter sich, das war selbstverständlich; da

kamen in gewissen Abständen Herren aus der kaufmännischen Gesellschaft,

oder -- wie es schon mehrmals geschehen war -- korrupte Offiziere mit

Adelstitel, die ihr ihre Liebe erklärten und denen sie's an der Nase

ansah: Sie wollen mich um meines Geldes willen; umsonst bekommt man

keine Million, also nehmen wir die Frau mit in den Kauf! Wie oft hatte

Egon ihr gesagt, sie dürfe sich keine Illusionen machen!

Und nun kam Fox Sintrup -- das war ein anderer Mensch! Unverbraucht war

seine Kraft; wenn er seine Arme um sie schlang, so konnte sie das ruhige

Gefühl haben: Sie war die erste, die er berührte! Sie hätte ihre Hand

dafür ins Feuer legen können! Es fiel ihr ein, daß sie zu Anfang öfters

über ihn gelacht hatte. Aber worüber hatte sie denn im Grunde gelacht?

Darüber, daß er anders war als andere Männer, daß ihm sein reines

Verhältnis den Frauen gegenüber eine gewisse Ungelenkigkeit gab, die man

wohl belächeln, aber eigentlich nicht belachen durfte! Und diese

gediegenen, unverschrobenen und reinen Ansichten vom Leben, die er

hatte! Der sie nur liebte um ihrer selbst willen, der ihr kürzlich erst

erzählte: Eine schöne Millionärstochter habe ihn einmal geliebt, er habe

sie wieder geliebt aber nicht geheiratet, weil er sonst nie das

bedrückende Gefühl losgeworden wäre: Sie könnte denken, ich nähme sie

nur um ihres Geldes willen! Wie treuherzig er das erzählte, ohne auch

nur auf den Gedanken zu kommen: da sitzt ja eine Millionärstochter vor

mir, zu der ich das sage! Oder sollte er -- dies war eine ganz neue

Perspektive -- sollte er diese Erinnerung mit einer ganz bestimmten

Absicht erzählt haben? Wollte er damit sagen: Wenn du _kein_ Geld

hättest, würde ich dich auf der Stelle heiraten, wenn du mich nähmest?

Band ihm die Million die Zunge? Ging sein Feingefühl so weit? War die

Geschichte vielleicht überhaupt erfunden? War die schöne

Millionärstochter sie selbst?! -- Unwillkürlich warf sie einen Blick in

den Spiegel: Es wäre ihm zuzutrauen, sagte sie langsam; er ist ja so

furchtbar stolz und delikat!

Fox war sich inzwischen über sich selber vollkommen klar geworden: Er

liebte Fräulein Elsa, und zwar war es Liebe auf den ersten Blick

gewesen. Es war ihm eingefallen, einen wie starken Eindruck er gleich

das erstemal von ihr empfangen hatte: Einen solchen ersten Blick legt

man sich niemals als Liebe aus; das merkt man erst hinterher, wenn man

auf einem festen Punkte angelangt ist und nun die ganze Stufenleiter

überschaut, bis in ihre ersten Anfänge. -- Und sie selber: Mit

Deutlichkeit erinnerte er sich, daß sie bei der ersten Begegnung _fast

tragisch_ zu ihm war. Pitt konnte das eventuell bezeugen, dem hatte er's

erzählt! Also auch sie hatte es gefühlt, daß er ihr Schicksal sein

werde, deutlicher, erschütternder noch als er selber! Sie hatte sich

dann beherrscht, die folgende Zeit, nur manchmal brach in einem großen

Blick, in einem Schweigen ihr inneres Gefühl mit stummer Deutlichkeit

hervor! Wie selten geschieht es doch, daß sich alles so natürlich und in

so wahrhaft innerer Schönheit entwickelt! Sollte er ihr nun seine Liebe

gestehen? --

Als sie sich wiedersahen, waren beide einsilbig, fast wortlos. Mit

großen Blicken trennten sie sich.

Sollte er ihr seine Liebe gestehen? Er strich sich nachdenklich an

seinem neuerworbenen Barte. -- Nein, dachte er endlich, ich will nicht,

daß die Familie womöglich denkt, ich sei ein Millionenjäger. Ich würde

das der Familie zwar absolut nicht übelnehmen -- dergleichen ist sehr

menschlich und die Tatsache kommt -- leider -- häufig genug vor! Alles

was ich tun kann, ist: Warten. Wenn sie mich liebt, wird sie mir das

eines Tages selber sagen, das ist bombensicher! Ich könnte ihr aber mal

wieder ein paar Blumen mitbringen, das ist in jedem Falle anständig!

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman · 第 25 / 27 段