-- Es ist auch nicht meine Absicht zu lügen, sagte er, indem er ihr

formell einen Stuhl anwies. -- Antworten Sie mir überhaupt nicht! fuhr

sie fort, etwas ernüchtert durch seine Ruhe, aber immer noch sehr

heftig: Wenn Sie mich nicht ins Theater begleiten wollten, weshalb sagen

Sie mir das nicht? Weshalb machen Sie da eine ganze Komödie? -- Wer sagt

Ihnen denn, fragte Pitt dagegen, daß ich nicht irgendeine dringende

Abhaltung gehabt habe, weshalb fragen Sie nicht zu allererst nach meinen

Gründen, sondern nehmen blindlings den an, der Ihnen am nächsten liegt?

-- Also doch! rief sie erleichtert, o, dann ist alles anders, dann ist

alles in Ordnung. Aber nun reden Sie auch, bitte, damit ich mein altes

Gefühl zu Ihnen zurückgewinnen kann! -- Ihr altes Gefühl? fragte Pitt;

Sie haben ja vollkommen recht mit Ihrer Vermutung, ich wollte Ihnen nur

zeigen, daß man in solchen Fällen sachlicher zu Werke geht. -- Es

überlief sie kalt. -- Ich dächte, fuhr er fort, es wäre deutlich zu

ersehen gewesen, als Sie mich fragten, ob ich diesen Abend etwas vor

habe: daß ich Ihnen auszuweichen strebte, indem ich sagte ich ginge in

die Oper, ich sei _nicht_ frei. Statt dessen zwingen Sie mich in Ihre

Pläne hinein -- --

Konnten Sie denn nicht später noch einmal telephonieren, fragte sie, daß

Sie _wirklich_ verhindert seien? -- Das habe ich mir ebenfalls überlegt,

aber, entschuldigen Sie, daß ich das ausspreche: Ich fürchtete, auch

_diese_ Absage sei Ihnen nicht erkennbar genug. -- Das heißt: Sie halten

mich für unfeinfühlig, ja -- sprechen wir das Wort aus: für dickfellig?!

-- Pitt zog die Luft ein, hob die Augenbrauen, als dächte er angestrengt

nach, dann wandte er den Kopf zu ihr zurück und sagte höflich: Menschen

haben kein Fell. -- Das war zu viel. Sie fühlte eine plötzliche Wut in

sich aufkochen, aber sie bezwang sich: Und das ist der Dank für alles,

was ich für Sie getan habe! Vom ersten Moment an wo ich Sie sah, habe

ich stets nur Gutes für Sie empfunden und es in allen meinen Handlungen

geäußert! Ich weiß, daß ich gelegentlich zu weit ging -- Sie haben mir

das auch zuweilen mit humorvoller Derbheit angedeutet, was ich Ihnen

gerne verzieh, da ich gerade dieses scheinbar Harte in Ihnen liebe; aber

dieses hier ist nicht mehr derb: dies ist plebejisch! -- Ich fand das

andere auch schon ziemlich plebejisch! warf er halb bedauernd ein. --

Nein, dies ist anders, ganz anders, und ich verlange, daß Sie Ihr Wort

zurücknehmen. -- Ja sind wir denn Kinder? fragte er erstaunt: Ich bleibe

bei allem was ich -- oder vielmehr Sie selbst gesagt haben und will

endlich Klarheit schaffen zwischen mir und Ihnen. -- Sie lachte höhnisch

auf: das ist ja ein reizender neuer Ton von Ihnen: Lieber Herr Sintrup

-- so mögen Sie zu Ihren Damen reden, die ich nicht kenne noch kennen

lernen möchte, aber mir gegenüber verbitte ich mir das: Ich bin für Sie

Fräulein Heine, Tochter des Kommerzienrat Heine, die sich für Sie als

Mensch interessiert hat und diesem Menschentum nun auf den Grund

gekommen ist. Eines muß ich Ihnen nun aber doch rund heraus sagen:

_Jetzt_ tun Sie den Mund ordentlich auf, wo Sie sich in Ihrer guten

Stellung wissen und sich sicher darin fühlen; jetzt suchen Sie, wie Sie

es geschmackvoll nennen, Klarheit zwischen uns zu schaffen; ich habe nie

etwas Unreines zwischen uns zu sehen vermocht, aber jetzt öffnen Sie mir

die Augen: Sie nannten Ihr Wesen humoristisch derb -- nun, ich bleibe

dabei: es ist plebejisch! -- Was hat meine Stellung, fragte Pitt, ihre

vorletzte Äußerung aufgreifend, mit meinen Beziehungen zu Ihnen zu tun?!

-- Sie sah ihn mit runden, maßlos erstaunten Augen an: Ja, habe _ich_

Sie nicht zu dem gemacht was Sie nun sind? Haben Sie irgendeine andere

Empfehlung gehabt als mich? Aber allerdings, ich vergesse: die Kritiken,

die Kritiken! Aber die sind ja nicht einmal von Ihnen, die sind ja von

Ihrem Bruder, fremde Federn mit denen Sie sich geschmückt haben! -- Die

Kritiken?! fragte Pitt, und verlor für einen Augenblick vollkommen den

Faden. -- Jawohl! Die Kritiken! Ach, das weiß er ja gar nicht! Gut,

einmal sollten Sie's erfahren, und nun hören Sie's! Fräulein Heine erhob

ihre Stimme, erzählte die ganze Geschichte von den untergeschobenen

Arbeiten, und schloß damit, daß Pitt diese Stellung nie bekommen hätte

ohne ihre freundschaftliche und erfinderische Hilfe. -- Er war für

einige Momente verblüfft, dann brach er in ein helles, klares Gelächter

aus. -- Ihr ganzes Triumphgefühl schmolz hin in diesem Lachen, das ihr

fast Angst machte, weil irgend etwas Schreckliches, Kaltes darin lag,

das sie nur dumpf verstand. Sie hatte den Überblick verloren, sie kam

sich plötzlich unsicher, in ihrer Position erschüttert vor. Aber es galt

sie dennoch zu wahren: Ja, sagte sie mit fester Stimme, das habe ich

alles für Sie getan; mag sein, daß es nicht ganz recht von mir war, aber

was tut man nicht für einen Menschen, den man -- für den man ein

menschliches Interesse hat! Es lag mir immer auf der Seele, ich mußte es

einmal herausbeichten, und nun ist es geschehen! Von nun an werden Sie

mich als Ihre wahre Freundin ansehen, die nicht nur in Worten, sondern

auch durch die Tat gezeigt hat, daß sie es wirklich freundschaftlich mit

Ihnen meint! Ich bereue es auch nicht, daß es zu dieser unliebsamen

Aussprache zwischen uns beiden gekommen ist; so ein kleines Gewitter

trägt nur zur Klärung bei, ich sehe jetzt ein neues Fundament für unsere

Freundschaft. Sie nicht auch?

Pitt hatte den größten Teil ihrer Rede überhaupt nicht mehr gehört. Ganz

entrückt, glücklich sah er in einen Winkel. Ihm war ein herrlicher

Gedanke gekommen. Weiter in dieser Redaktion zu bleiben, weiter seine

Beziehungen zu Fräulein Heine fortzuführen, daran dachte er nicht mehr,

aber Fox -- Fox -- ließ sich da nicht etwas Wundervolles,

Perspektivenreiches durchführen? Konnte er den nicht aus seiner Klemme

retten, ihn zum Redakteur machen und ihm zu einer reichen -- Frau

verhelfen?!

Unsere Beziehungen, sagte er jetzt freundlich, sind ein für allemal

erledigt. Sie selbst haben mich gebührend in meine Schranken

zurückgewiesen, und ich werde mich darin zu halten wissen. Die

Redaktionsstelle gebe ich auf, denn nicht ich, sondern der Schreiber

jener Artikel wurde engagiert, -- und das ist mein Bruder. Ich werde ihn

kommen lassen, und hoffe, daß Ihr Auge günstiger auf ihm ruhen wird als

auf mir. Die Entscheidung, ob Sie ihn haben wollen oder nicht, hängt

natürlich von Ihnen und Ihrem Herrn Vater ab, aber ich zweifle keinen

Augenblick daran, denn er hat ganz das Zeug für diesen Posten.

Pitt ging auf einen Kasten zu und kam mit einer Photographie zurück.

Sehen Sie selbst! sagte er: diese Zielbewußtheit, diese Energie, diese

im besten Sinne Männlichkeit! -- Fräulein Heine, noch halb verdutzt über

die neue Wendung, sah mit bereits erwachtem Interesse auf das Bild hin.

Sie tat aber vorläufig sehr reserviert, und erklärte, das müsse reiflich

überlegt sein. Dann ging sie, nachdem sie gesagt hatte, sie trage ihm

nicht das geringste nach.

Pitt begleitete sie mit einem Licht die Treppe hinab. -- Daß ich Sie nun

noch bemühen muß! sagte sie höflich. -- O bitte, das ist

selbstverständlich. -- Dies Haus scheint vor ungefähr zehn Jahren gebaut

zu sein. -- O ja, vielleicht ist es auch noch etwas älter, sogar. --

Also gute Nacht, ich bedaure nochmals -- Gute Nacht, von Bedauern kann

keine Rede sein. --

Nach ein paar Tagen traf die Nachricht ein, Fox Sintrup möge sich

vorstellen.

Elftes Kapitel.

Fox kam. Sogleich suchte er Pitt auf. Die Begrüßung der beiden Brüder

war beinah herzlich. Ja ja, sagte Fox, das hast du dir wohl nicht

träumen lassen, daß ich unserm Vater die Krallen gezeigt und mich ohne

ihn durchgebracht habe! Ich habe das Leben kennen gelernt, mich in

seinen untersten und obersten Schichten bewegt, und ich kann wohl sagen:

Nichts Menschliches blieb mir fremd! Aber keusch und rein ist meine

Seele geblieben, ich habe mir eine naive Aufnahmefähigkeit für alle

Eindrücke bewahrt, um die mich mancher Schriftsteller beneiden könnte.

Nun sag mal, worum handelt sich denn die Geschichte jetzt eigentlich, du

hast dich ja darüber in so mystisches Schweigen gehüllt. -- Pitt

erzählte alles, und Fox war etwas enttäuscht, daß er eine Sache

übernehmen sollte, von der Pitt zurücktrat. Als er dann aber die

Geschichte von den Artikeln hörte, und welche Rolle sie früher spielten

in der Frage, ob Pitt die geeignete Kraft sei, ging seine Miene über ein

verblüfftes Erstaunen hinweg in eine Art Zufriedenheit über, und er

sagte: Ich nehme dir das nachträglich absolut nicht übel, obgleich ich

selbst wahrscheinlich anders gehandelt haben würde! Nach kurzem

Nachdenken fügte er dann hinzu: Ach so, und als ich dich vor ein paar

Wochen bat, jene letzten Artikel von mir zu veröffentlichen, da hast du

wohl Angst gekriegt, ich könnte auch nach jenen andern fragen? Hast

gedacht: Am Ende könnte nun alles rauskommen, lieber einen Fehler gut

machen als ihn noch vergrößern? -- Pitt klärte alles auf und fügte

hinzu, jene Artikel seien hinter seinem Rücken als seine eigenen

ausgegeben worden, von Freunden, denen daran gelegen war ihm jene

Stellung zu verschaffen; durch Zufall habe er selber dies erst ganz vor

kurzem erfahren. -- Na na! sagte Fox gemütlich, also -- jedenfalls: was

geschehen ist, ist geschehen. -- Pitt sah mit Freude, daß sein Bruder

noch genau derselbe war wie früher. -- Ja und du, lieber Freund, fragte

Fox jetzt, was willst du denn nun eigentlich anfangen? Pitt zuckte die

Achseln. -- Könntest du nicht als Unterredakteur dort weiter bleiben? --

Hier zog Pitt seinen Mund in die Breite, sah seinen Bruder voll inniger

und tiefer Freude an und sagte: Nein. -- Das wäre aber doch sehr zu

überlegen! Na, über deine Zukunftspläne können wir ja später mal

zusammen reden. Hauptsache, daß ich erst einmal meine eigenen ins Reine

bringe.

Pitt hatte in die letzten Nummern der Zeitschrift alles hineingehäuft,

was er an kurzen Aufsätzen von seinem Bruder besaß. Dies kam Fox sehr

zugute, denn Herr Heine wie Herr Wolf wehrten sich zunächst gegen einen

abermaligen Redaktionswechsel. Aber Herr Wolf sagte: Wenn Herr Sintrup

auch das Blatt wirklich schneidig in seinem Teil geleitet hat -- dieser

Bruder scheint doch noch ganz andere Fähigkeiten zu haben: Ich empfinde

seinen Stil direkt als Zeitungsstil, und der andere hat überhaupt nie

selbst die Feder gerührt für unser Blatt. Fox machte Besuche bei beiden

Herren, und der günstige Eindruck verstärkte sich.

Fox war voll Lobes über Herrn Heine: Habe diesem Herrn mal tüchtig auf

den Zahn gefühlt, muß sagen: Gediegene Bildung, hier und da hapert es,

das ist nicht anders zu erwarten. Und die Tochter: Also wirklich ganz

reizend. Zu Anfang war sie allerdings auffallend zurückhaltend, beinah

_tragisch_, Gott weiß warum, aber dann -- wirklich ganz reizend. Nur der

Sohn, der hat garnichts gesagt, mit dem scheint nicht viel los zu sein.

-- Auch mit Herrn Wolf war Fox zufrieden; der hatte -- direkt

achtungsvoll! -- genickt, als er ihm auseinandersetzte, es müsse eine

innere Harmonie, eine gleiche Weltanschauung herrschen zwischen dem

Handelsteil und dem literarischen. Solche Einheit lasse sich finden,

müsse sich finden lassen.

Mit der Monatswende erfolgte Pitts Austritt aus der Redaktion. Herr

Bertold machte ehrlich betrübte Augen; er wußte, daß nun sein eigenes

Regiment aufhörte, und für Pitt empfand er eine große Anhänglichkeit. Es

begann für ihn ein schlimmes Leben. Fox behandelte ihn durchaus wie

einen Untergebenen, fast wie ein Offizier seinen Burschen. Nach kurzer

Zeit hatte er einen genauen Einblick in den äußern Betrieb der Sache,

der so klar und einfach war, und den Pitt niemals recht begriffen hatte.

Auch die unteren Arbeiten erledigte er die ersten Wochen selber, da es

gegen sein Prinzip verstieß, jemand unter sich arbeiten zu lassen, ohne

einen genauen, scharfen Einblick in dessen Tätigkeit zu haben. Nach ein

paar Wochen verlangte er eine Verlags- und Vorstandssitzung: Er sei

jetzt mit seinem Urteil zur Reife gekommen und habe positive Vorschläge

zu machen. Er entwickelte seine Gedanken über die Zeitschrift und ihren

Inhalt, soweit die Literatur in Betracht kam; er habe vor, reinigend,

beschneidend, ausrodend, neu pflanzend vorzugehen, junge Kräfte

heranzuziehen, alte, abgebrauchte auszuscheiden. Es laufen, so schloß

er, auf deutscher Erde eine Masse junger, unbekannter Genies herum,

lassen Sie mich diese auffinden, durch Zirkulare, Prospekte,

Aufforderungen, und ich garantiere Ihnen: in ein paar Jahren sind wir

die erste literarische Zeitschrift Deutschlands. -- Er zählte eine Reihe

von jungen Namen auf, die ihm noch von früher im Gedächtnis waren, und

fügte noch einige hinzu, die er im Augenblick erfand. Man freute sich

über diese Zielbewußtheit, warnte aber vor allzu hoch gesteckten

Hoffnungen, da ja der literarische Teil -- leider -- vorerst noch

Nebensache war und bleiben mußte. Dies waren allgemeine, prinzipielle

Vorschläge. Fox sprach auch von praktischen, einzelnen: Dies und jenes

sei in anderen Blättern besser arrangiert, besser eingeteilt,

Voranzeigen müßten gemacht werden, einzelne Artikel seien durch

Umschlagzettel hervorzuheben, die lateinische Druckschrift sähe er gern

eingeführt -- wobei er von Augenhygiene redete -- und anderes mehr. Die

Theaterkritiken werde er selbst übernehmen, er habe eine reiche

Vorbildung, und der jetzige Kritiker gehöre in die Rumpelkammer.

So saß Fox nun -- wie vorher Herr Bertold -- schaltend und waltend in

seiner Redaktion, und alle waren zufrieden. Er schrieb die

Theaterkritiken wirklich, und eines Tages sah er seinen alten Freund,

den Herrn von Sander, wieder, der ihn in der Redaktion besuchte. Man

hatte ihm alle größeren Rollen weggenommen und die Kritik war gegen ihn

gehässig geworden. Er bat Fox für ihn einzutreten, gemäß seinem

Prospekte, auf dem er als höchstes Ziel in allen Kunst- und

Rezensionsfragen die Forderung stellte: Rücksichtslos gegen alle Mode-

und Zeitströmungen einzutreten für das als wahr Erkannte, ohne sich zu

binden an hergebrachten Autoritätsglauben, gezüchtet durch Gewohnheit

und gedankenlose Nachbeterei.

Fox versprach wohlwollend sein Bestes und hielt Herrn von Sander gleich

einen kleinen Vortrag: Sie gehören einer alten Schule an, das werden Sie

selber nicht bestreiten können; es ist kein Tadel, unsere Neuen und

Neuesten täten gut, nicht so auf die Alten zu schimpfen, sondern von

ihnen zu lernen, was von ihnen zu lernen ist. Das ist ja das Elend der

heutigen Bühne: Es fehlt die Tradition! Das Alte und das Neue steht sich

schroff gegenüber. Beide befehden sich, anstatt einen neuen Stil zu

schaffen, gewachsen und genährt auf dem alten Boden, dem Mutterboden! --

Fox schrieb seine Kritiken streng und scharf. -- Es sollte mich gar

nicht wundern, sagte er einmal zu Pitt, wenn so'n Kerl plötzlich in die

Redaktion einbräche, -- na, vor meinem Blick haben die Menschen noch

immer Angst gehabt; ich freue mich schon auf seine Verlegenheit, wenn

der Kerl kommt, aber ich glaube der Kerl kommt gar nicht! Wenige

Menschen haben den Mut wie ich ihn hatte. -- Wann? fragte Pitt und

freute sich auf eine erfundene Geschichte. -- Damals, vor zwei Monaten,

als ich den Kritiker ohrfeigte. Dieser Mensch erfrechte sich zu

schreiben, ich habe als Don Juan den Champagner wohl schon vor der

Vorstellung getrunken. Armer Kerl übrigens, der selbst den Champagner

wahrscheinlich nur vom Hörensagen kennt. -- Don Juan? das ist doch eine

Oper! sagte Pitt. Fox sah ihn mit großen Augen an. -- Ach so, ich

vergaß, daß du nicht weißt, daß es auch ein Schauspiel gibt, von Grabbe.

Übrigens gibt es noch verschiedene andere Don Juans, die es ebensogut

hätten sein können; na -- also das schrieb der Kerl; am nächsten Tage

ging ich in die Redaktion, zog mir Glacéhandschuhe an, ließ mir den Kerl

zeigen, streifte meine Manschetten etwas zurück und ohrfeigte den Kerl,

einfach so aus dem Handgelenk, schräg von oben nach unten, denn der Kerl

saß auf einem Stuhle; und dann ging ich wieder fort. Sag mal, willst du

nicht nach Hause fahren und dich da als Referendar anstellen lassen? Du

hättest dann doch wenigstens etwas zu tun! Es wäre auch ganz gut, dort

einmal unser Haus etwas zu regenerieren, es soll ziemlich schlimm

stehen, du weißt, all die Hausdamen -- wie ich höre werden sie immer

übler.

Eines Tages fand Fox unter den eingelaufenen Manuskripten ein Gedicht,

unterzeichnet »Selma Feihse«. Es besang die Sehnsucht einer jungen

feurigen Seele, die das Liebesleben der Natur belauscht und,

zurückgekehrt in die Welt der Menschen, wo es doch gerade so sein

sollte, so einfach, selbstverständlich, nur Ablehnung erfährt.

Fox warf es nachlässig Herrn Bertold über den Tisch, damit der es

returniere. Da fand er aber einen Begleitbrief, an ihn persönlich

gerichtet, und nun erfuhr er, daß die Dame früher Selma Nippe hieß,

»dieselbe Selma, die Ihnen in Freud und Leid treu zur Seite gestanden

hat«. Wenn er das Gedicht nicht akzeptiere, sei sie nicht beleidigt --

sie stände über jeder Verletzlichkeit -- aber sie erwarte dann, daß er

ihr das Kind, das sie in Schmerzen geboren -- wirkliche, lebendige

Kinder seien ihr bis jetzt versagt geblieben -- zurücklege an ihr

Mutterherz. Ihr Mann werde sich aufrichtig freuen, ihn kennen zu lernen;

sie wohne längst nicht mehr bei ihrem Vetter und dessen Frau, jener

Frau, die wie ein Dämon in Fox' Leben getreten sei und es fast in den

Strudel der Alltäglichkeit hinabgezogen habe. -- Dämon! dachte Fox, ja

ja, wahrhaftig, sie hatte etwas Dämonisches! -- Am Schluß ihres Briefes

bat sie ihn genau anzugeben, wann er käme, falls er dieses überhaupt

wolle -- und er, neugierig was für ein Leben sie jetzt führe, folgte

ihrem Wunsche. Hier schien sich ein Schicksal erfüllt zu haben, ein

bescheidenes zwar, aber immerhin ein Schicksal. Jedes Schicksal hat was

Großes: Im kleinsten Sandkorn spiegelt sich die Welt!

Etwas überrascht war er über die Veränderung, die mit Fräulein Nippe

vorgegangen war: Sie trug jetzt durchaus fußfreie Kleidung und eine

jugendlichere Frisur; eine Korallenkette hatte sie um den Hals, der noch

immer frei war. Sie begrüßte ihn erst allein an der Tür, innig und

herzlich, und sagte, nun solle er auch ihren Mann sehen: Erschrecken Sie

nicht, ich bereite Sie darauf vor: Jung und schön ist er nicht! Es fiel

Fox auf, daß sie dieses alles in gedämpftem Tone sagte, daß sie ihn

schon an der Tür empfing, als wenn etwa ein Schwerkranker in einem der

Zimmer liege. -- Kommen Sie, kommen Sie, junger Freund, sagte sie jetzt

mit lauterer Stimme, indem sie ihn zur Stube zerrte, hier drinnen finden

Sie alte liebe Menschen, die Ihnen nur wohlwollen!

Da war ein großer Kaffeetisch, da saß Lotte, mit ahnungslosem Gesicht,

neben ihr ein alter Herr, der einen Jungen auf dem Schoße hielt,

gegenüber Herr Könnecke und Frau Bornemann, die soeben noch den Kuchen

gelobt hatte. Alle blickten erstaunt auf Fox, Fräulein Nippe aber --

oder jetzt Frau Feihse -- weidete sich an ihrer Überraschung, und rief:

Habt euch lieb! Ach, ich konnte es ja nicht übers Herz bringen: Was auch

die Vergangenheit über euch alle brachte -- es ist ja doch begraben und

vergessen, und die Stunde der Versöhnung hat geschlagen! Lotte, da ist

dein alter Freund, von dem du den lieben süßen Jungen hast, Frau

Bornemann, da ist der gute, junge Mann, der Ihnen als männlicher

Beistand ratend zur Seite stand -- Wilhelm, du hast mit ihm das Lager

geteilt, als ihr zusammen wohntet -- habt euch nun alle, alle lieb und

laßt mich an eurem Glücke teilnehmen!

Fox war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten, Lotte, bestürzt in

Scham und Überraschung, hatte das Gesicht zur Seite gekehrt, die andern

saßen starr und blickten regungslos auf Fox. Der ergriff das Wort:

Gnädige Frau, wandte er sich aus der Ferne an Lotte, es ist nicht meine

Schuld, daß dies uns allen peinliche Zusammentreffen erfolgte, gestatten

Sie, daß ich mich auf der Stelle wieder zurückziehe! Er wandte sich zum

Gehen, mit einer formellen Verbeugung, aber Frau Feihse verschloß die

Tür und zog den Schlüssel ab.

Der Kleine war von Herrn Feihses Schoß herabgesprungen, auf Fox

zugegangen, sah ihn mit großen, etwas dreisten Augen an und fragte:

Mama, wer ist der Onkel? -- Hört, hört! rief Frau Feihse, die Stimme der

Natur läßt sich nicht bändigen, sie bricht hervor mit elementarer

Gewalt, wenn man ihr den Mund verstopfen will! Schämt euch ihr Großen,

und nehmt euch ein Beispiel an diesem unmündigen Kinde! Jetzt erhob sich

Herr Könnecke, nach einem stummen Blickaustausch mit Lotte, wortlos, mit

strengem Blick verlangte er von Frau Feihse den Schlüssel, und dann

verließ er mit seiner Frau das Zimmer, während der Kleine hinterher lief

und mit eigensinnig-lauter Stimme wiederholte: Ich habe gefragt, wer der

Onkel ist! --

Frau Bornemann hatte sich ebenfalls erhoben, aber ehe sie den andern

folgte, trat sie dicht zu Fox heran und sagte: Da mich der Himmel noch

einmal mit Ihnen zusammen geführt, sollen Sie auch hören, was er mir für

Sie aufgetragen hat: Sie gottloser Ehrabschneider -- gehe in dich, suche

den Weg des Heils! -- Um irgend etwas zu tun, und gleichzeitig um dem

Herrn Feihse, der peinlich erregt in seinem Stuhle saß, zu zeigen, daß

er in allen Lebenslagen die Form zu wahren wisse, machte Fox ihr eine

steife, ernsthafte Verbeugung; die kurzsichtige kleine Frau Bornemann

wußte erst nicht recht was dieses heißen sollte, dann aber, halb noch

erregt und halb schon wieder im Banne des täglichen Lebens mit seinen

Anforderungen an gute Lebensart, erwiderte sie seinen Gruß durch einen

etwas schüchtern-linkischen Knix, worauf sie den übrigen nachging.

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman · 第 24 / 27 段